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Ella Hirsch, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Ella Hirsch

Nachname: Hirsch
geborene: Traub
Vorname: Ella
Geburtsdatum: 1. März 1890
Geburtsort: Karlsruhe (Deutschland)
Familienstand: verwitwet
Eltern: David und Hannchen, geb. Heß, Traub
Verwandtschaftsverhältnis: Witwe von Max H. (1880-1925);

Mutter von Alexander und Johanna;

Schwester von Karl (1876-1944 Auschwitz) und Max Traub (1884-1916), Heleene‎ Goldstein (1877-1962), Frida‎ Zurbrugg (1879-1965) und Mathilde Fischel (1882-1943 Auschwitz)
Adresse: seit 1914: Waldstr. 30
1939: Kaiserstr. 199
Schule/Ausbildung: Töchterschule
Beruf: Kauffrau (Inhaberin des Foto-Ateliers Hofphotograph Gebr. Hirsch, Waldstr. 30)
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
10.8.1942 von Drancy nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Ella Hirsch

Ella Hirsch kam am 1. März 1890 als jüngste Tochter von David und Johanna (Hannchen) Traub in Karlsruhe auf die Welt. Der aus Grötzingen stammende Vater war Handelsmann, die Mutter kam aus Malsch bei Wiesloch. Die Familie wohnte am Rand der Altstadt, in der Zähringerstraße, in den letzten Jahren vor dem Tod David Hirschs 1917 und Hannchen Hirschs 1919 in der Hebelstraße 23. Ihre fünf Geschwister waren zwischen sechs und 14 Jahre älter.

Ella besuchte die Töchterschule. Dort wurden gemäß den damaligen Gesellschaftsauffassungen neben dem gewöhnlichen Lehrplan „weibliche Qualifikationen“ für die Rolle als Hausfrau und Mutter vermittelt. Offenbar hatte sie besondere musikalische Begabungen. Sie soll zwischen 1910 bis 1914 das Konservatorium besucht haben und als Konzertsängerin im nichtprofessionellen Bereich aufgetreten sein.

1920 heiratete sie den am 9. Januar 1880 in Karlsruhe geborenen Max Hirsch. Er führte in der Waldstraße 30 ein Fotoatelier und hatte sich den Titel eines Hofphotographen erworben. Dieses Atelier hatte er zusammen mit seinem Bruder Isidor am 1. September 1901 gegründet, es firmierte unter dem Namen Photo-Atelier Gebrüder Hirsch. Das Geschäft hatte eine Filiale in München, die Bruder Isidor Hirsch alleine führte. Dieser stieg aber 1911 aus und unter Beibehaltung des eingeführten Namens Photo-Atelier Gebrüder Hirsch führte Max Hirsch das Geschäft alleine weiter.
Es war sozusagen das Fotostudio für die Karlsruher Hautevolee. Max Hirsch fotografierte Prinz Max von Baden samt Familie, Mitglieder des Hofes und ebenso ließen sich dort Minister und höhere Beamte ablichten. Prinz Max von Baden bediente sich gerne des massenhaft verbreiteten Fotomediums, um die Beliebtheit des Hauses Baden mit schönen Familien- und Kinderfotos in der Bevölkerung zu steigern. Das aus sechs Räumen bestehende Atelier war entsprechend der anspruchsvollen Kundschaft aufwändig ausgestattet. Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs fiel der Hof als Umsatzmacher aus. Doch auch Mitglieder des Theaters ließen sich im Atelier rege fotografieren.

Das junge Paar bekam alsbald nach der Heirat zwei Kinder: Alexander Hans, geboren am 3. September 1921 und Johanna Eva, geboren am 28. November 1924. Der Sohn hatte am 18. Juni 1934 seine Barmizwah-Feier. Er besuchte das Humanistische Gymnasium, das Bismarck-Gymnasium, ab 1932 und verließ es nach Anfeindungen der nichtjüdischen Mitschüler zum Ende der 8. Klasse Ostern 1936. In allen Fächern hatte er ein Gut (Note 2) oder Genügend (Note 3), allein in Französisch Ungenügend (Note 4), im Verhalten wurde ihm bescheinigt „verträumt und schwer in Gang zu bringen“ gewesen zu sein. Danach besuchte er noch ein knappes Jahr eine private Handelsschule und absolvierte beim jüdischen Bankhaus Baer & Elend drei Monate lang ein Volontariat, bevor er 1937 in die USA emigrierte. Abitur oder eine andere Bildung nachholen konnte er dort nicht mehr, weil er für seinen Lebensunterhalt arbeiten musste.

Über die Kindheit der Tochter Johanna Eva, die gerade drei Monate alt war, als ihr Vater starb, wissen wir nur das wenige, was sie in einem Interview für das US Holocaust Memorial (USHMM) 1998 erzählte. Sie besuchte die Volksschule und litt ab 1933 unter den Schikanen der Nazi-Lehrer. 1936 musste sie wie die anderen jüdischen Volksschulkinder in die separierte Jüdische Schule wechseln. Sie erinnerte sich, unmittelbar nach der Reichspogromnacht 1938 nur noch 2 Stunden täglichen Unterricht gehabt zu haben, bis die ins KZ Dachau verbrachten Lehrer wieder zurück kamen. Sie berichtete, dass sie im Alter von acht oder neun Jahren vom Balkon der Wohnung aus Straßenauseinandersetzungen zwischen NSDAP-Anhängern und Sozialdemokraten, deren Verlag und Druckerei „Volksfreund“ sich im Nachbargebäude befand, gesehen habe und von der Mutter in die Wohnung zurückgescheucht worden sei.

Die Familie konnte sich einen gehobenen Lebensstandard mit wohleingerichteter Wohnung leisten, war darüber hinaus sehr kunstsinnig. In der Wohnung stand ein Klavier, das Ella Hirsch, die einstige Sängerin, oft benutzt haben dürfte, nebst zahlreicher Musikliteratur und überhaupt einer kleinen Bibliothek. Die gesamte Wohnung war mit Gemälden, Zeichnungen und Radierungen ausgestattet, vor allem von den traditionellen „Karlsruher Malern“ wie Ferdinand Keller, Wilhelm Trübner, Emil Firnrohr mit gleich mehreren Porträts der Familie, Ludwig Dill und viele weitere.

Am 18. Februar 1925 starb Max Hirsch. Es war ein schwerer Schlag für Ella Hirsch, zumal das Geschäft in den vergangenen Krisenjahren mit der Inflation rückläufig gewesen war und gerade wieder anzog. Sie führte das Geschäft alleine weiter, ließ sogar ihre Kinder gleich 1925 als Mitinhaber im Handelsregister eintragen. Vermutlich hatte sie schon zuvor mitgearbeitet und genügend Einblick für das Geschäft, mutig war es allemal als Nichtfotografin. Das Karlsruher Tagblatt brachte nur zwei Tage nach dem Tod Max Hirschs am 20. Februar1925 einen Nachruf auf ihn, der die Bedeutung des Ateliers unterstrich und auch die Bürde erahnen lässt, der sich Ella Hirsch stellte: „Hofphotograph Max Hirsch ist im Alter von nur 45 Jahren seiner Familie entrissen worden. Der Verstorbene hatte es verstanden, seinem Geschäft einen künstlerischen Ruf zu verschaffen, indem er von der alten photographischen Schule abrückte und die künstlerische Bildgestaltung pflegte. Seine Aufnahmen der verschiedenen Glieder der großherzoglichen Familie gehören zu manchem Familienbesitz. Sein Wirken im Dienste einer gehobenen Kunstauffassung fand seine Anerkennung auch in der großen Beliebtheit, der sich Max Hirsch vor allem in den Theaterkreisen zu erfreuen hatte. Manchen Liebling des Publikums hat er im künstlerisch wahren und lebenerfüllten Bilde festgehalten. Schließlich sei noch die Einrichtung einer Bildergalerie in der Waldstraße erwähnt, die Hirsch Gelegenheit gab, sein Können und seine Erfahrungen auf diesem Gebiet zu verwerten. Mit den Künstlern verband ihn manche Freundschaft, die auch noch andauerte, wenn die Betreffenden fern von Karlsruhe den Zenith ihres Ruhms erreicht hatten. Seiner Initiative ist auch jenes Gastspiel zu verdanken, das in Karlsruhe tätige und geborene Künstler zu einer Gastvorstellung zusammenführte. Der Familie wendet sich tiefe Teilnahme zu.“

Ella Hirsch schaffte es, das Geschäft weiterzuführen. Sie war auch sozial im jüdischen Leben engagiert, war Mitglied im Israelitischen Frauenverein. Das „Photo-Atelier Gebrüder Hirsch“ war weiterhin erste Adresse in Karlsruhe. Als wichtigen Mitarbeiter hatte sie den seit 1924 eingestellten Fotografenmeister Joseph Gromann, die kaufmännischen Geschäfte waren in ihrer Hand. Daneben hatte sie Hilfskräfte im Atelier und für den Haushalt. 1933, als am so genannten Boykotttag am 1. April auch vor dem Fotoatelier SA-Boykottposten aufgezogen waren, dabei auch die Schaukästen beschmierten und die antijüdische Kampagne anhielt, gingen die Geschäfte zurück. 1938, als die Kennkarte mit Lichtbild – der Vorläufer des Personalausweises – gesetzlich vorgeschrieben war, für jüdische Menschen mit diskriminierend eingedrucktem „J“, hatte sie nochmals viel zu tun. Alle Juden ließen sich für das Ausweisbild „bei Hirsch“ fotografieren.

Es wurde immer enger für Ella Hirsch und ihre Tochter. 1936/37 zogen sie um in die Kaiserstraße 199 und das bis dahin im Hofgebäude der Waldstraße befindliche Atelier war darin integriert, es gab ja fast keine Aufträge mehr. Nach der Reichspogromnacht 1938 musste es wie alle jüdischen Geschäfte, die nicht bis zum 31. Dezember durch Verkauf „arisiert“ worden waren, aufgegeben werden. Am 17. Januar 1939 erlosch die Firma offiziell im Handelsregister. 1939 nahmen sie die fast 90-jährige Mutter des verstorbenen Ehemanns und Vater, Babette Hirsch, in die Wohnung auf. Johanna Eva konnte nach dem Schulabschluss keinen Beruf mehr erlernen. Im Frühjahr 1940 ging sie nach Hannover, um dort hauswirtschaftliche Qualifikationen zu erlangen, kehrte nach vier Monaten im August 1940 wieder nach Karlsruhe zurück.

Am 22. Oktober 1940 traf sie die Deportation der badischen Juden. Am frühen Morgen wurden sie von Polizisten aufgefordert zu packen und zwei Stunden später auf einem Pritschenwagen zum Hauptbahnhof gebracht. Dort ging am Abend der Zug in das unbesetzte Frankreich ab, wo sie drei Tage später an der Bahnstation in Oloron-Sainte-Marie nachts bei strömendem Regen auf offenen Lkws in das Lager Gurs gefahren wurden. Die Großmutter Hirsch war während der Bahnfahrt, wie sich Johanna erinnert, immer verwirrter und desorientiert geworden und war bei der Ankunft in Oloron getrennt worden. Aber eine Woche später fanden sie sie wieder, im benachbarten Ilôt – das waren jeweils 25 Baracken mit Stacheldraht umzäunt innerhalb des Lagers –, sogar wieder bei Sinnen. Sie gehörte aber zu den vielen Sterbefällen von alten Menschen im Winter 1940/41 im Lager Gurs, starb dort am 7. Januar 1941.

Die Lebensbedingungen in Gurs waren extrem lebensfeindlich. Wer konnte, versuchte im Lageralltag durch Organisation eine Struktur zu schaffen und den Alltag zu verbessern. Johanna Eva war in der sogenannten Administration des Ilôts, das heißt, sie verteilte Brief- und Päckchensendungen. Dadurch kam die 16-Jährige im Lager „herum“. In Gurs lernte sie einen Freund, Max Liebmann, kennen, ihren späteren Ehemann. Französische jüdische und internationale Hilfsorganisationen versuchten, den Lagerinsassen beizustehen. Kinder bis 16 Jahre konnten so das Lager verlassen, wenn jemand oder eine Hilfsorganisation für sie aufkam. Die OSE befreite Hunderte von Kindern aus Gurs und den späteren Lagern. Johanna Eva wurde im September 1941 mit fünf anderen Kindern und Jugendlichen, für ihr Alter gerade noch rechtzeitig, aus dem Lager befreit. Sie kam nicht in ein OSE-Heim wie andere, sondern in ein Heim der Kinderhilfe des Schweizer Roten Kreuzes in Le Chambon-sur-Lignon, im französischen Zentralmassiv gelegen, das von dem Schweizer Pädagogen, Pazifisten und Flüchtlingshelfer August Bohny gegründet und geleitet wurde. Es war sehr einfach ausgestattet, Johanna Eva hatte sich als ältere Jugendliche um die Hauswirtschaft und Betreuung der jüngeren jüdischen wie nichtjüdischen Kinder zu kümmern. Das Heim war praktisch eingebettet in einem Dorf des Widerstandes. In Le Chambon-sur-Lignon lebten hugenottische Protestanten, ihr Pastor war seit 1934 André Trocmé (1901-1971), entschiedener Pazifist, der vor Ort bei seinen Gemeindeangehörigen für das Verstecken und die Fluchthilfe jüdischer Verfolgter sorgte.

Ella Hirsch blieb bis zuletzt im Lager Gurs. Als Ende Juli 1942 die Transporte über Drancy nach Auschwitz begannen, gehörte sie zu den ersten Abtransportierten. Am 10. August wurde sie in den Zug nach Auschwitz gesperrt und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sofort bei der Ankunft in den Tod in der Gaskammer geschickt.

Alexander Hans Hirsch wurde während des Krieges US-Bürger, meldete sich freiwillig zur Army und kam nach der Invasion 1944 auf den westeuropäischen Kriegsschauplatz. Hier erlebte er im Dezember 1944 die letzte deutsche Militäroffensive in den Ardennen. Als diese nach kurzer Zeit gescheitert war, fiel er in deren Nachkämpfen beim Angriff der US-Einheiten in der sogenannten Battle oft the Bulge, das meint die sogenannte Frontlinienausbuchtung bei Bastogne, am 21. Januar 1945.

Für Johanna Eva wurde die Lage nach der kompletten Besetzung Frankreichs im November 1942 bedrohlich. Das Kinderheim in Le Chambon wurde von der kollabierenden französischen Polizei nach jüdischen Kindern aufgesucht. Das örtliche Widerstandsnetzwerk funktionierte, die Heimkinder und Johanna Eva wurden für Wochen in Bauernhöfen versteckt. Schließlich ging es auch um Fluchthilfe durch ein gefälschtes Visum und Ausweispapier für die Schweiz, wo eine Schwester ihrer Mutter lebte. Im Februar 1943 fuhr sie mit dem Zug über Lyon, durch Bahnhöfe mit deutschen und französischen Kontrollen, nach Annecy in der italienisch besetzten Zone. Von dort ging ein Fußmarsch nach Annemasse, direkt an der Schweizer Grenze. Mit fünf anderen Flüchtlingen wurde ihnen von Fluchthelfern an den Posten vorbei der Weg nach Genf hinunter gezeigt. Durch die Familie der Tante bekam sie sogar den Status einer Immigrantin. Das Leben bei der Tante war schwierig für die junge Erwachsene. Max Liebmann, ihr Freund aus Gurs-Tagen war nach ihr gleichfalls in die Schweiz geflüchtet, er hatte dort einen Flüchtlingsstatus. 1945 heirateten Johanna Hirsch und Max Liebmann in Genf, im März 1946 kam ihre Tochter auf die Welt. Für die Familie war es ein Spießrutenlauf in der Schweiz. Dem Ehemann wurde als Flüchtling jedes Mal bei der sechsmonatig fälligen Visumsverlängerung von den Behörden die Ausreise nahegelegt, auch das Wort von den „schmutzigen Flüchtlingen“ musste sich Johanna, verheiratete Liebmann anhören. Verwandte in den USA sorgten für ein Affidavit, im Februar 1948 verließ die Familie Europa in Richtung USA. Max Liebmann wurde nach 1950 in ein Ausbildungsprogramm der US-Regierung aufgenommen. Die Familie wurde in der neuen Heimat heimisch.


(Jürgen Müller, August 2020)



Quellen:
Stadtarchiv Karlsruhe: 1/H-Reg 1489; 1/AEST 36, 38,3, 1237; 8/StS 34/145, Bl. 73;
Generallandesarchiv Karlsruhe: 330/493, 565, 480/7123, 15098 und 25593; 552/83;
Israelitisches Gemeindeblatt Ausgabe B, 24. Juli 1933, 18. Juni 1934;
USHMM 03686, 1990.57.2 und 1999.132;
Interview USHMM: Accession Number 1990.444.1 und 1992.A.0125.72;