Personendaten

Luise Gutmann-Ellstätter (Anna Luise Fanny)

Nachname: Gutmann-Ellstätter
geborene: Ellstätter
Vorname: Luise
abweichender Vorname: Anna Luise Fanny
Geburtsdatum: 28. August 1869
Geburtsort: Karlsruhe (Deutschland)
Familienstand: geschieden
Eltern: Moritz (1827-1905) und Marie Elstätter
Verwandtschaftsverhältnis: Geschiedene Ehefrau von Dr. Karl G.;

Schwester von Otto (1865-1931)
Adresse: Reinhold-Frank-Str. (Westendstr.) 54
1940: Gartenstr. 28, Oktober 1939 nach Boxberg verzogen
Deportation: 22.8.1942 von Boxberg über Stuttgart nach Theresienstadt (Protektorat Böhmen-Mähren, heute Tschechien)
Sterbedatum: 2. September 1942
Sterbeort: Theresienstadt (Protektorat Böhmen-Mähren, heute Tschechien)

Biographie

Luise Gutmann-Ellstätter

Anna Luise Fanni Ellstätter wurde am 28. August 1869 in Karlsruhe geboren. Ihr Elternhaus stand am Schlossplatz 11, Ecke Kreuzstraße, mit Blick auf das Schloss. Ihr Vater Moritz Ellstätter war seinerzeit Präsident des Großherzoglichen Finanzministeriums, er war ein Sohn des Karlsruher Möbelfabrikanten und -händlers David Ellstädter und seiner Frau Babette, geborene Mayer. Ihre Mutter Marie, geborene Traumann, stammte ähnlich wie der Vater aus einer seit vielen Generationen im Badischen heimischen, jüdischen Familie. Sie war eine Tochter des Schwetzinger Ökonomen und Brauereibesitzers Adolph Traumann und der Johanna geborene Maas.
Luises Geburt beurkundete ihr Onkel, der liberale Rabbiner Benjamin Willstätter, einer der Zeugen, der Kaufmann Moritz Urbino, war ebenfalls ein Onkel.

Auch wenn der Name eine Herkunft aus dem pfälzischen Ellerstadt bei Bad Dürkheim nahelegt, war schon Luises Urgroßvater väterlicherseits, Moses, Sohn des Josef aus Mannheim, 1815 in Karlsruhe begraben worden.1 Um 1809 hatte die Familie den Namen „Ellstadt“ gewählt. Juden hatten damals in Baden statt ihrer Patronyme bürgerliche Familiennamen anzunehmen.
Luise hatte einen älteren Bruder, Otto David, geboren am 18. Oktober 1864 in Mannheim.

Luises Vater war mit fünf Geschwistern in Karlsruhe aufgewachsen.
Aus der ersten Ehe seines Vaters David Ellstädter mit Babette, geborene Mayer (1821 verstorben), entstammte Moritz Ellstätters älteste Schwester, deren fünf Geschwister alle früh gestorben waren: Hanna (Johanna), geboren 1818. Sie heiratete 1845 den erwähnten Moritz Urbino aus Frankfurt. Aus dieser Ehe hatte Luise mehrere Vettern und Basen, unter anderen Bertha (geb. 1849), Mathilde (geb. 1852) und Rudolph David (geb. 1859).

Die zweitälteste, Auguste, geboren 1826, entstammte der zweiten Ehe von David Ellstädter mit Fanny, geborene Reutlinger. 1851 hatte sie den genannten Rabbiner Benjamin Willstätter geheiratet. Aus dieser Ehe hatte Luise eine Cousine Anna, später verheiratete Appel (1853-1918), Frau des Stadtrabbiners Meier Appel.

Der dritte unter den Geschwistern war Luises Vater Moritz Bernhard, geboren am 11. März 1827. Er hatte 1864 die Marie Henriette, geborene Traumann, in Schwetzingen geheiratet. Durch seine bemerkenswerte Laufbahn als Jurist im Staatsdienst war Moritz Ellstätter zur Zeit von Luises Geburt bereits bekannt und geachtet.

Der vierte war der Möbelhändler und -fabrikant Jacob Julius, seit 1862 verheiratet mit Clementine geborene Herz aus Weilburg. Aus dieser Ehe hatte Luise eine Base, Fanni Clara, geb. 1863, später verheiratete Rosenthal, und die Vettern Curt Arnold Otto und Julius.

Der fünfte war der Kaufmann Wilhelm Ludwig, verheiratet mit Bertha geborene Urbino. Aus dieser Ehe stammten Luises Vetter Karl David, geb. 1871 und die Cousinen Ida, später verheiratete Münzesheimer, und Anna Johanna, später verheiratete Netter.

Der jüngste der Geschwister war der Handschuhfabrikant Rudolph, verheiratet in erster Ehe mit Bertha, geborene Hermann. Aus dieser Ehe entstammte der 1873 geborene Ernst Berthold, dessen Mutter im Kindbett starb. Aus der zweiten Ehe mit Bertha geborene Mayer gab es mindestens noch zwei Kinder.

Aus der zweiten Ehe des Vaters erreichten also fünf Geschwister das Erwachsenenalter. Zehn weitere sind in frühester Jugend gestorben. Das lässt ahnen, wie hoch die Kindersterblichkeit damals war, selbst wenn nicht von Armut und Rückständigkeit auszugehen ist.

Über Luises Kindheit und Schulzeit war wenig herauszufinden. Luise besuchte vermutlich eine private Mädchenschule in Karlsruhe, ihr Bruder Otto war Schüler am Lyzeum, dem Vorläufer des Bismarck-Gymnasiums. Am 1. August 1870 befand sich die Mutter Marie Ellstätter mit den beiden Kindern und ihren Eltern, Ehepaar Traumann, in Konstanz.2 Baden war als Verbündeter Preußens in den Deutsch-Französischen Krieg eingetreten. der Aufenthalt in Karlsruhe war daher nicht ohne Risiko.

Einige im Generallandesarchiv Karlsruhe überlieferte Briefe des Vaters nehmen Bezug zu seiner kleinen Tochter:
„Berlin, 27. Feb. 1873:
Liebes Luischen! Der Papa kommt bald wieder heim und bringt viel Gutes mit und nimmt dich wieder auf den Schoß und spielt mit dir. Sei recht brav und folge schön der l. Mama und schreibe mir, was ich mitbringen soll.“3

Die Haltung der Eltern zum Judentum wird vielleicht an folgender Szene deutlich: Am 4. März 1879 notierte Ellstätter während einer Reichstagssitzung in Berlin über den liberalen jüdischen Abgeordneten Eduard Lasker, er spreche „schon 1 ½ Stunden u. ist noch lange nicht fertig. Ich habe das Gefühl des Mißbehagens ihn dem Reichskanzler [Otto von Bismarck] mit einer unbescheidenen Breite u. Schärfe entgegentreten zu sehen u. in dem Ton der polnischen Judenschule. Über Risches [d.h. antisemitische Ressentiments] darf man sich wirklich nicht mehr wundern. Komisch ist es anzusehen, wie er mit dem Hals u. Kopf noch eben über das Pult hinausguckend juddelt u. gesticulirt. Komisch aber auch unheimlich.“4

Meiner Ansicht nach war dies keine dumpfe Abneigung gegen „Ostjuden“ oder gar der gerne beschworene „jüdische Selbsthass“, sondern die Angst des Angepassten vor dem Auffallen durch sprachliche Anklänge oder traditionelle Attitüden, die den Stereotypen in den Köpfen der Antisemiten entsprechen könnten, und quasi als Integrationshindernis wahrgenommen wurden. Moritz Ellstätter hielt sein Leben lang am Judentum fest und suchte gesellschaftlichen Rückhalt vor allem bei den jüdischen Verwandten.

Die Kinder gingen im Prozess der Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft weiter. Um 1880 ließ sich Luises Bruder Otto, so wurde später in der Familie berichtet, evangelisch taufen.5 Luise selbst konvertierte zum Katholizismus, allerdings wohl erst Jahrzehnte später.

1888 war Luises Vater badischer Finanzminister und Ehrendoktor der Universität Heidelberg, für einen Juden im Kaiserreich eine beispiellose Karriere.
Im Karlsruher Tagblatt 1890 und wieder 1892/94 wird „Frau Minister Dr. Ellstätter, Exzellenz“ als Mitglied des Badischen Frauenvereins genannt, der auf Weihnachten Geschenke für die Mädchenfürsorge sammelte – es war üblich, sich sozial zu engagieren, über konfessionelle Unterschiede hinweg.

1891 heiratete die 22-jährige Luise den Karlsruher niedergelassenen Arzt Dr. med. Karl Nathan Gutmann (12. November 1861 - 11. September 1926). Der damals bereits verstorbene Schwiegervater Heinrich Gutmann stammte aus Feuchtwangen, die Schwiegermutter Bertha Gutmann geb. Henle, Tochter von Isaak Henle und Jette, geborene Seeligmann, war gebürtige Karlsruherin.

Mit dem Ruhestand des Vaters zogen die Eltern 1893 in das eigene Haus Westendstraße (heute: Reinhold-Frank-Straße) 56 um, dessen unbebautes Nachbargrundstück 54 sie offenbar für die Kinder eingeplant hatten. Luises Bruder, Steuerinspektor Otto Ellstätter wohnte inzwischen in der nahegelegenen Bismarckstraße 77.

Zum Eintritt Moritz Ellstätters in den Ruhestand am 7. März 1893 dankte ihm der Großherzog in einem eigenhändigen Schreiben – eine außergewöhnliche Anerkennung. Ellstätter hatte nicht zuletzt das badische Steuersystem nachhaltig reformiert und sich damit um das Gemeinwohl verdient gemacht.

Um 1898 heiratete Luises Bruder, Finanzrat Otto Ellstätter die aus Mannheim stammende Anna Martina geborene Rippert (1875-1943). Am 24. März 1899 kam Margarethe, später verheiratete Schneider, zur Welt. Die Ehe von Luise und Karl Gutmann blieb kinderlos.

Am 14. Juni 1905 starb der Vater Moritz Ellstätter und wurde unter großer Anteilnahme aus Nah und Fern auf dem jüdischen Friedhof am Hauptfriedhof bestattet – entsprechend der Haltung liberaler Juden und auf eigenen Wunsch fand eine Feuerbestattung statt, was bei Orthodoxen undenkbar wäre.

1911 entstand auf dem Gartengrundstück (Nr. 54) des elterlichen Hauses Westendstraße das Wohnhaus des Ehepaars Gutmann-Ellstätter. Architekt des dreigeschossigen Eckgebäudes mit Mansarddach, Kolossalpilastern und Erker war Wilhelm Vittali. Die denkmalgeschützte Villa in der heutigen Reinhold-Frank-Straße 54 ist erhalten, das Elternhaus nebenan nicht.6

Am 16. August 1912 verstarb auch die Mutter Marie und wurde im Familiengrab beigesetzt.

Am 25. März 1919 wurde die Ehe von Luise und Dr. Karl Gutmann vor dem Landgericht Karlsruhe geschieden. Karl ging mit Dora Oppenheim (1880-1968) eine neue Ehe ein.7

Zu einem unbekannten Zeitpunkt hat Luise ein von Ludwig Kachel d. J. (1830-1858) gemaltes Porträt ihres Vaters der Israelitischen Gemeinde vermacht. 1953 gelangte es über Dritte in das Generallandesarchiv und wurde später als Raubkunst identifiziert. Eine auf der Rückseite des Bildes verborgene handschriftliche Notiz ("Der isr. Gemeinde vermacht von seiner Tochter Frau Luise Gutmann-Ellstätter") brachte den entscheidenden Hinweis.8 Das Gemälde wurde 2014 restituiert.

1926 verstarb Luises geschiedener Mann in Karlsruhe, 1931 ihr Bruder Otto.

In den späten 1920er Jahren wurde das Haus Westendstraße 54 an den Fabrikanten Gottfried Fuchs verkauft; Luise wohnte mit einer Hausangestellten im 3. Stock (2. OG), der Rest wurde von Hauspersonal und Rechtsanwaltsbüros (Dr. Karl Abenheimer, Dr. Friedrich Fürst), später einer Arztpraxis (Dr. med. Franz Kachel) genutzt. Nach 1933 übernahm ein nicht-jüdischer Zahnarzt das Haus.

In der Westendstraße 6 wohnte Luises Schwägerin Anna, die Witwe ihres Bruders. Mitte der 1930er Jahre ist Luise in den Adressbüchern nicht verzeichnet. Vielleicht lebte sie zur Untermiete bei der Schwägerin, oder vielleicht, wegen ihrer inzwischen fragilen Gesundheit, in einem Sanatorium?
Ab 1937 findet sich im Adressbuch der Eintrag: Gutmann-Ellstätter, Frau Luise, Gartenstr. 28.1, Tel. 833. Dort wohnte sie – vermutlich wegen ihrer gesundheitlichen Einschränkung – parterre als Untermieterin bei Gebr. Häfele, in der Wohnung nebenan wohnte Familie Albert Schönwalter, im Stock darüber die Witwe des Kaufmanns Salomon Krieger.

Der Briefnachlass des Vaters Moritz wurde von Luise an ihre Cousine Ida Münzesheimer geborene Ellstätter gegeben, die mit ihren beiden Söhnen, Dr. Walter und Dr. Fritz Robert Munz, nach England emigrierte. Frau Münzesheimer erwähnt in einem Schreiben vom 7. Mai 1939 an den Heimatforscher Berthold Rosenthal,9 dass ihre Cousine Luise sehr krank sei.
Im Oktober 1939 zog die auf einen Rollstuhl angewiesene Luise Gutmann von Karlsruhe mit ihrer langjährigen, treuen Hausangestellten Josephine Eck zu deren Schwester Auguste Eck in Boxberg, Kreis Mosbach. Beide gaben bei der Anmeldung als Konfession „römisch-katholisch“ an, was belegt, dass Luise konvertiert war. Eine falsche Angabe wäre sinnlos und gefährlich gewesen.

Anlass des Umzugs war die Kriegsgefahr, wie Josephine Eck in der Anmeldung in Boxberg auch angab. Mit Kriegsausbruch verfügten die deutschen Behörden auch in Karlsruhe wegen der Nähe zur französischen Grenze die Evakuierung von Kindern unter 12 Jahren und Alten über 60 Jahren sowie von Kranken in weiter im Landesinneren liegende Städte und Gemeinden. Diese Maßnahme galt obligatorisch für die nicht-jüdische deutsche Bevölkerung. Juden blieb es selbst überlassen, über ihre Organisationen Evakuierungen durchzuführen, in den meisten Fällen nach Halle/Leipzig und Fürth.
Im April 1942 starb die 58-jährige Quartiergeberin Auguste Eck in Boxberg, im April 1944 auch ihre Schwester Josephine.

Am 22. August 1942 wurde Luise von Stuttgart aus mit Transport XIII/1 nach Theresienstadt deportiert. Der Transport umfasste 1.078 Personen, darunter viele todkrank und nicht gehfähig.10 Luise Gutmann-Ellstätter ist unter den unsäglichen Bedingungen im Ghetto nach wenigen Tagen, am 2. September 1942 gestorben.

(Christoph Kalisch, Juni 2019)


Anmerkungen:

[1] https://www.findagrave.com/memorial/189161591/moses-josef-ellstaetter
https://www.findagrave.com/memorial/130796867/david-ellstaetter
[2] GLA N/Ellstätter 13.
[3] GLA N/Ellstätter 56.
[4] Müller, Leonhard: Finanzpolitik im Großherzogtum Baden. Zum 175. Geburtstag von Moritz Ellstätter (1827-1905), in: Badische Heimat 81 (2001), S. 724-728.
[5] http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=4-3334838
[6] https://web1.karlsruhe.de/db/kulturdenkmale/detail.php?id=02140
[7] Zu Dora Gutmann geb. Oppenheim (auch über Dr. Karl!) vgl. GLA 330/409;
http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=4-3330757
[8] https://www.landesarchiv-bw.de/web/56250
[9] Rosenthal Collection-5, Bl. 24f.
[10] https://deportation.yadvashem.org/index.html?language=de&itemId=5092442&ind=-1