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Hedwig Byttiner, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Hedwig Byttiner

Nachname: Byttiner
geborene: Lewinsohn
Vorname: Hedwig
Geburtsdatum: 1. November 1881
Geburtsort: Murowana-Goslin (Deutschland, heute Polen)
Familienstand: verwitwet
Verwandtschaftsverhältnis: Witwe von Viktor B. (1877-1917);

Mutter von Fritz, Rosa und Rudolf
Adresse: 1926: Weinbrennerstr. 62
1935: Sophienstr. 160a
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
10.8.1942 von Drancy nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Im Gedenken an Hedwig Byttiner

Hedwig Byttiner, geborene Lewinsohn, wurde am 1. November 1881 in Murowana-Goslin in der Nähe von Posen, früher Preußen, heute Polen, geboren. Sie war mit Viktor Byttiner, am 13. Mai 1877 in Scharfenort (Ostrorog) geboren, einem Getreide- und Landproduktenhändler aus der nicht weit von ihrem Geburtsort liegenden Stadt Samter, verheiratet. Als er am 20. Juli 1915 im Ersten Weltkrieg fiel, wurde sie in jungen Jahren Witwe. Viktor Byttiner war Soldat des 10. Reserve-Infanterieregiments 46 gewesen. Diese Einheit war erst im April 1915 unter August von Mackensen der neugebildeten 11. Armee zugeteilt worden, die Galizien zurückerobern sollte, das Österreich-Ungarn im August/September 1914 überraschend gegen die russische Armee verloren hatte. Beim Marsch auf Suchodoly, nahe Brody in den Vorkarpaten der heutigen westlichen Ukraine gelegen, fielen zahlreiche Soldaten, darunter Viktor Byttiner.

Er hinterließ drei minderjährige Kinder, für die Hedwig Byttiner nun alleine zu sorgen hatte: Rosa, geboren am 12. September 1901, Rudolf, geboren am 29. März 1909 und Fritz, geboren am 12. Februar 1913. Alle drei waren in Samter geboren, wo die Familie bis zum Tod Viktor Byttiners lebte. In der Kleinstadt war im 19. Jahrhundert teilweise fast die Hälfte der Bevölkerung jüdisch. Bis zum Ersten Weltkrieg allerdings waren die meisten bereits weggegangen, in die großen Städte oder ausgewandert in die USA.

Ob Hedwig Byttiner mit ihren drei Kindern Samter bereits kurz nach dem Tod des Mannes verlassen hat, weil die wirtschaftliche Grundlage fehlte oder erst nach dem Kriegsende, ist so wenig nachvollziehbar wie ihr weiterer Weg. Möglich scheint, dass, nachdem die einstige preußische Provinz Posen mit mehrheitlich polnischer Bevölkerung noch vor den Bestimmungen des späteren Versailler Vertrags bereits im Winter 1918 beim Großpolnischen Aufstand unter polnische Verantwortung kam, sie unter den zahlreichen Reichsdeutschen waren, die aus Furcht vor der antideutschen Stimmung und dem Ausnahmezustand in das Deutsche Reich gingen. Hinzu kam auch noch eine ausgeprägt antijüdische Stimmung.

Nachweisbar bei den Recherchen ist die Familie erst wieder 1925/26 in Karlsruhe anhand des Adressbuches. Laut Angabe von Sohn Fritz sollen sie jedoch schon 1923 nach Karlsruhe gekommen sein. Er gab später auch an, dass seine Mutter in den 1920er Jahren ein Herrenkonfektionsgeschäft geführt habe, was aber nicht nachweisbar ist. Die Familie wohnte in der Weinbrennerstraße 62. Neben der niedrigen Kriegswitwenrente muss Hedwig Byttiner über ein gewisses Kapitalvermögen verfügt haben. Sie erwarb nämlich 1929 vom Konfektionshaus Hirschen GmbH das Haus Durlacherstraße 103, eine Adresse der verlängerten heutigen Brunnenstraße/Am Künstlerhaus, die seit der Altstadtsanierung nicht mehr existiert. Nachvollziehen lässt sich, dass das Haus Weinbrennerstraße 62, in dem Hedwig Byttiner bis dahin zur Miete wohnte, diesem Konfektionshaus gehörte. Die Durlacherstraße 103 war ein Haus im Karlsruher „Dörfle“, das mit seinen insgesamt rund 16 Mietparteien im Vorder- und drei Hinterhäusern vermutlich in schlechtem Zustand war. Hedwig Byttiner war auch Mitglied im Israelitischen Frauenverein. Das zeugt nicht nur von ihrem sozialen Engagement, sondern auch davon, dass sie auf eine gesellschaftliche Positionierung Wert legte. Auch ihre eigenen Wohnadressen zeugen davon, dass sie nicht in ärmlichen Verhältnissen leben musste. 1935 zog sie von der Weinbrennerstraße in die nahgelegene Sofienstraße 160a in das 2. Obergeschoss um.

Über die Kinder lässt sich außer zu Fritz während ihrer Jugendzeit nichts sagen. Die Tochter Rosa blieb, nachdem sie erwachsen war, nicht in Karlsruhe. Vom 8. Juni 1933 bis 1. Oktober 1934 war sie in Mannheim gemeldet. Von der dortigen Polizeibehörde bekam sie für die geplante Emigration nach Palästina am 10. Oktober 1935 ein Leumunds-Zeugnis und eine Dringlichkeitsbescheinigung für eine Auslandsreise. Sie emigrierte am 16. Oktober 1935 über die Lloyd Triestino von Triest nach Palästina und später in die USA. Dort heiratete sie den vier Jahre jüngeren Ludwig Arends, ebenfalls ein Emigrant aus Deutschland. Er arbeitete in der neuen Heimat Palästina als Bäcker.

Vom Sohn Rudolf ist zu vermuten, dass er sich vor seiner Emigration nach Neuseeland im Berliner Raum aufhielt.

Der jüngste Sohn, Fritz, war im Internat Samson-Schule in Wolfenbüttel, eine Realschule, die er mit Mittlerer Reife verließ. Danach begann er vom 15. Oktober 1930 bis 30. April 1931 bei der Firma S. Guttmann in Augsburg eine kaufmännische Ausbildung, kam jedoch nach Karlsruhe zurück, begann beim Warenhaus Knopf als Volontär und wurde dort Verkäufer. 1934 beendete er seine Tätigkeit dort, aufgrund nationalsozialistischen Drucks, wie er sagte. Offensichtlich plante auch er die Einreise nach Palästina. Ob für diese Alija religiöse oder säkulare zionistische Motive zugrunde lagen, ist nicht ganz klar. Seine Hachshara, die Erlangung notwendiger Qualifikation im Handwerk oder in der Landwirtschaft für die Palästina-Einreise und den Aufbau eines Kibbuz, machte er zunächst nicht in einer der eigens ausgerichteten Hachshara-Schulen, sondern auf eigene Faust. Bei Josef Bruehlmann, der auch eine Molkerei in der Rintheimer Straße 8 betrieb, arbeitete er ohne Bezahlung von November 1934 bis Januar 1936 – wohnte währenddessen bei seiner Mutter – und ließ sich in die Viehwirtschaft einführen, ging dann noch für ein halbes Jahr nach Stuttgart in das dortige Beth Chaluz. Er war damit also zuletzt einer sozialistisch-zionistisch ausgerichteten Gruppe beigetreten. Im selben Jahr, 1936, gelangte er tatsächlich nach Palästina, lebte und arbeitete in einem Kibbuz. Die Verbindung zu diesem politisch-sozialen Projekt muss er im Nachhinein abgebrochen haben, da er den Namen nicht nennt und angab, bereits 1938 in einer großen Privatfarm in Kalmaniah, das ist nahe Tel Aviv, als Leiter des Kuhstalls gearbeitet zu haben.

Hedwig Byttiner (manchmal in den amtlichen Unterlagen auch Bittinger genannt) lebte auch nach 1933 zunächst weiter von ihrer Witwenrente und den Mieterlösen ihres Hausbesitzes. 1938 unternahm sie tatsächlich eine Reise nach Palästina zum Besuch ihrer Kinder, „Eretz Israel, wie das Israeltische Gemeindeblatt durch ihre Spende nach „glücklicher Rückkehr“ meldet. „Eretz Iserael“, Land Israels, war eine seit dem 19. Jahrhundert durch den Zionismus aufkommende Bezeichnung. Die Alija der Kinder deutet auf die Zugehörigkeit zum politischen Zionismus hin. Hedwig Byttiner selbst scheint aber keine Lebensperspektive in diesem ihr unbekannten Land gesehen zu haben.

Als Juden Ende 1938 und 1939 unter Druck gerieten, ihren Firmen- oder Immobilienbesitz zu „arisieren“, ist kein Vorgang nachweisbar, dass ein privater „Ariseur“ ihr Anwesen in der Durlacherstraße erwerben wollte. Nachweisbar ist jedoch das städtische Interesse daran. Dies dürfte damit zusammenhängen, dass die Stadt Karlsruhe verschiedene Grundstücke für die bereits angedachte Altstadtsanierung erwerben wollte. Diese „Arisierung“ scheint zunächst nicht stattgefunden zu haben. Sicher ist, dass Hedwig Byttiner nicht mehr über die Mieteinnahmen verfügen konnte, die wie für alle Einkünfte und Vermögen von Jüdinnen und Juden auf einem „Treuhandkonto“ lagen.

Zuletzt wohnte Hedwig Byttiner in der Herrenstraße 3. Von dort wurde sie am 22. Oktober 1940 weggebracht und nach Gurs deportiert. Sie musste mit inzwischen über 60 Jahren die schlechten Lebensumstände in diesem Lager, in dem Hunderte daran verstarben, ertragen. Schließlich wurde sie am 10. August 1942 über das Transitlager Drancy mit einem Zug mit 1.006 Personen nach Auschwitz deportiert. 766 Männer und Frauen wurden sofort nach der Ankunft im Gas ermordet. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit war die 61-jährige Hedwig Byttiner darunter.
Am Kriegsende hatte nur ein einziger Mann dieses Transportes überlebt.

Rosa und Ludwig Arends blieben nicht länger in Palästina leben. Noch vor der Staatsgründung Israels verließen sie das Land. Am 20. Dezember 1947 bestiegen sie in Haifa das Dampfschiff Rossia, das sie am 8. Januar 1948 nach New York brachte. In den USA bauten sie sich ein neues Leben auf.
Fritz Byttiner lebte weiterhin in Palästina und arbeitete an wechselnden Stellen, 1948 kämpfte er als Soldat im Arabisch-Israelischen Krieg. Danach versuchte er, sich eine eigene Existenz aufzubauen. Im neu gegründeten Dorf Mishmar Hashiwah betrieb er auf 1,2 Hektar Gemüseanbau und baute eine Kälberzucht auf. Seit 1943 war er verheiratet.
Von Rudolf Byttiner ist nur bekannt, dass er schließlich in Neuseeland lebte. Das quasi enteignete Haus in der Durlacherstraße erhielten die erbberechtigten Kinder schließlich zurück.

(Jürgen Müller, Dezember 2019)


Quellen:

Stadtarchiv Karlsruhe: 1/AEST 36 und 1237;
Generallandesarchiv Karlsruhe: 276-1/14061; 330/178, 179; 480/13092, 27087 und 27088;
Staatsarchiv Ludwigsburg: EL 402/13, Nr. 418;
Israelitisches Gemeindeblatt, Ausgabe B vom 13. Juli 1938;