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Max Jäger, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Max Jäger

Nachname: Jäger
Vorname: Max
Geburtsdatum: 18. Januar 1885
Geburtsort: Karlsruhe-Mühlburg (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Eltern: Leopold und Henriette, geb. Salzer, J.
Verwandtschaftsverhältnis: Ehemann von Maria J.;

Bruder von Moritz und Siegfried
Adresse: Belfortstr. 9
1940: Erbprinzenstr. 22
Beruf: Kaufmännischer Angestellter (Einkäufer bei Warenhaus Geschwister Knopf)
Deportation: 9.11.1943 nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Max und Moritz Jäger

Max Jäger wurde am 18. Januar 1885 im kleinen Städtchen Mühlburg geboren, das im Jahr darauf von der Residenzstadt Karlsruhe zu derem großen Vorteil eingemeindet wurde. Seine Eltern waren Leopold und Henriette (Jettchen), geborene Salzer, Jäger. Der Vater stammte aus Frankfurt-Höchst, lebte dann in Friedberg und war Weißgerber. Max hatte einen älteren Bruder, Siegfried, geboren 1882 noch im hessischen Friedberg, und einen jüngeren Bruder, Moritz, geboren 1889 in Karlsruhe-Mühlburg. Die Eltern waren also offensichtlich um 1884 von Hessen nach Karlsruhe gekommen. Der Vater arbeitete nicht mehr in einem kleinen Handwerksbetrieb sondern als Arbeiter in der Industrie. Vielleicht kann man sich die Eltern mit einem Sinn für Humor vorstellen oder jedenfalls als Liebhaber von Wilhelm Busch, der seine Bildgeschichte Max und Moritz 1865 veröffentlicht hatte? Auch eine Verinnerlichung von „Deutschtum“ scheint sich in der Namensgebung für den letzten Sohn Siegfried widerzuspiegeln. Leopold Jäger verstarb mit 79 Jahren 1927 in Karlsruhe, Jettchen Jäger 76-jährig 1929. Ihr Grab befindet sich auf dem Jüdischen Friedhof an der Haid-und-Neu-Straße.

Die Jugendzeit von Max und seinen Brüdern lässt sich nicht erschließen. Sowohl Max wie Moritz und Siegfried besuchten die Volksschule und ergriffen dann kaufmännische Berufe. Moritz liebte anscheinend die Natur und die Berge, war vor 1933 Mitglied im Deutschen Alpenverein. Schließlich arbeiteten sowohl Max wie Moritz jeweils in den beiden großen jüdischen Warenhäusern in Karlsruhe. Max seit 1904 bei den Geschwistern Knopf und Moritz bei Tietz. Diese beiden großen Warenhäuser mit ihren palastartigen Häusern waren in der Kaiserstraße fast gegenüber gelegen. Max begann als Lagerist, brachte es schließlich bis zum Abteilungsleiter im Einkauf für Kurzwaren. Das bedeutete ein gutes und überdurchschnittliches Gehalt. Vor 1933 verfügte er über ein Einkommen von stattlichen 460 Reichsmark im Monat, fast das Doppelte eines kleinen Angestellten. Durch den Kampf der Nationalsozialisten gegen Warenhäuser und den Judenboykott, ging der Umsatz bei den Geschwistern Knopf zurück, so auch das Gehalt von Max, das schließlich aber 1934 noch 360 Reichsmark betrug. Das erlaubte immer noch einen annehmbaren Lebensstandard. Nach der sogenannten „Arisierung“ des Warenhauses durch Hölsch wurde er zum 30. Juni 1938 entlassen, da die „arische“ Übernahme mit der Entlassung aller jüdischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dieses Hauses verbunden war.

Max war lange unverheiratet, ehe er am 6. Juni 1925 die Ehe mit der geschiedenen Maria Elisabeth, geborene Müller, einging. Sie war am 11. September 1881 in Karlsruhe geboren und hatte 1901 den Kaufmann Franz Walter geheiratet. Im Oktober 1924 wurde die Ehe geschieden. Da das Bürgerliche Gesetzbuch nach Scheidung eine zehnmonatige Frist vor einer Wiederverheiratung setzte, mussten sie die notwendige behördliche Bewilligung einholen. Maria hatte aus der ersten Ehe zwei Kinder mitgebracht: Anna Maria Magdalena, geboren am 14. März 1912 und Hans Max Walter, geboren am 4. Juli 1919, beide in Karlsruhe. Vermutlich waren die Kinder Grund der Eile zur erneuten Eheschließung. Zum Zeitpunkt des Aufgebots wohnte Maria bereits beim künftigen Ehemann in der Belfortstraße 9. Warum die Eheschließung vor dem Standesamt Heidelberg stattfand erschließt sich nicht.
Maria und ihre Kinder waren und blieben christlicher, katholischer Konfession und damit galt die Ehe im Nationalsozialismus mit seinen rassischen Kriterien als sogenannte „privilegierte Mischehe“. Umgekehrt lässt sich daraus ableiten, dass für Max die Religion keine Bedeutung hatte. 1927 trat er auch offiziell aus der Jüdischen Gemeinde aus.

Nach der Entlassung war Max erwerbslos und konnte als Jude, obgleich er selbst mit Religion anscheinend nichts anfangen konnte, auch nirgends mehr eine Anstellung finden. Die Familie lebte von Ersparnissen. Anna selbst hatte ein kleines Einkommen.
Auch Bruder Moritz Jäger wurde beim Warenhaus Union, wie Tietz nach der „Arisierung“ seit 1936 hieß, entlassen. Er war zeitlebens unverheiratet. Max‘ Ehefrau Maria unterstützte ihn in seinem Haushalt gemäß dem Rollenbild der Zeit, dass Männer keine Haushaltsarbeit auszuüben hätten und einer weiblichen Hand zur Ordnung desselben benötigten.

Gemäß den nationalsozialistischen Bestimmungen hatte Max ab Ende 1938 den Zusatzvornamen Israel zu tragen. Auch wurde mit Kriegsbeginn 1939 das Radio eingezogen. Vermutlich lastete auch ein großer Druck auf der Familie zur Scheidung, aber zu diesem „Erfolg“ kamen die nationalsozialistischen Machthaber nicht. Während am 22. Oktober 1940 fast alle Juden aus Baden und der Saar-Pfalz nach Gurs deportiert wurden, war Max nicht darunter. Davor bewahrte ihn die „privilegierte Mischehe“. Er fiel aber unter die im September 1941 erlassene Verordnung, sichtbar einen Judenstern auf der Kleidung tragen zu müssen. Diese Regelung war zuvor erstmals im besetzten Polen 1939/40 eingeführt worden. Den stigmatisierenden Stern nähte ihm Tochter Anna auf die Kleidungsstücke.
Nach dem Scheitern der Blitzkriegstrategie im Winter 1941 und sich verlängernden Krieg mobilisierte das Regime alle Arbeitskräfte an der „Heimatfront“, verpflichtete zu Arbeitseinsätzen in der kriegswichtigen Industrie. So musste Max Jäger seit dem 2. Februar 1942 Arbeitseinsatz bei der Deutschkolonialen Gerbstoff GmbH im Rheinhafen leisten. Auf der anderen Seite bedeutete dies ein geringes Einkommen.

1943 wurde das Leben der Familie jäh unterbrochen. Auf den 17. September 1943 frühmorgens erhielt Max die Vorladung zur Gestapo. Der Vorwurf war ein Verstoß gegen die Kennzeichnungspflicht mit dem Judenstern. Beim Verhör durch den Gestapobeamten Haas wurde er verhaftet und in das Gefängnis in der Riefstahlstraße überführt. Ehefrau Maria war in großer Sorge, erinnerte sich noch im Nachhinein, dass er in der Zelle 119 einsaß.

Am 9. November 1943 wurde Max Jäger aus dem Gefängnis in das Konzentrationslager in Auschwitz überführt. Dies geschah ohne Gerichtsverfahren. Zu diesem Zeitpunkt war das nicht mit der fast sicheren Selektion in die Gaskammer verbunden, wie es den 1940 nach Gurs deportierten Juden, die ab Sommer 1942 und Frühjahr 1943 in großer Zahl von dort nach Auschwitz kamen, widerfahren war. Der für Deutschland immer schlechter werdende Kriegsverlauf machte die maximale Ausnutzung der Arbeitskraft sinnvoll und Max hatte zunächst das „Glück“, soweit das in diesem Zusammenhang angebracht ist zu sagen, nicht in die Gaskammer, sondern in das sogenannte Stammlager Auschwitz zu kommen und wo er offensichtlich Schreibkammerdienste zu erledigen hatte. Nachvollziehbar ist noch eine durch die SS-Lageraufsicht veranlasste Stuhlprobe im Februar 1944, negativ, nicht aber warum sie erfolgte. Aus Auschwitz-Stammlager gab es monatliche zwei Briefe nach Hause und umgekehrt. So wusste Maria, dass sich ihr Mann im Block 19, später 16a befand und zuletzt in Block 12a, auch seine KZ-Häftlingsnummer ist überliefert: 165175. Der letzte Brief von Max Jäger aus Auschwitz ist erhalten und in der späteren Antragsakte auf Entschädigung abgeheftet. Am 10. Dezember 1944 schrieb er, dass er die beiden Novemberbriefe erhalten habe, „hoffe, dass es Euch gut geht, was auch bei mir der Fall ist“. Brot- und Lebensmittelmarken könne er nicht verwerten, „aber schickt ruhig weiter Brot, es freut mich“. Er schloss mit den Zeilen „liebe Marie [!], dass es Dir sowie Hans wieder besser geht. Unser Herrgott wird Euch weiter beistehen. Nun haben wir in 14 Tagen schon Weihnachten, möge Euch das liebe Christkind beistehen. Herzliche Grüsse und Küsse Euer Vati“. In den Briefen durfte nichts Verfängliches stehen. Der Wunsch nach Brot dürfte aber den Nahrungsmangel im KZ anzeigen. Auch wusste Max Jäger, dass seine Familie bei dem schweren Luftangriff auf Karlsruhe am 28. September 1944 ausgebombt worden war. Sonst sagte Max nichts über die Zustände im KZ Auschwitz, was strikt verboten war.

Auschwitz war bereits seit November 1944 vor der nahenden sowjetischen Armee begonnen worden zu räumen, die Häftlinge wurden nach und nach in andere rückwärtige KZs verlegt. Da Max Jäger offensichtlich am 10. Dezember 1944 sich noch in Auschwitz befand und bei der Befreiung durch die Rote Armee am 27. Januar 1945 nicht unter den wenigen noch im erbärmlichsten Zustand befindlichen vorhandenen Häftlingen war, muss er in diesem Zeitraum von sechs Wochen ums Leben gekommen sein. Es gab keinerlei Lebenszeichen mehr von ihm. Die letzten Häftlinge waren zu Fuß in sogenannten Todesmärschen aus dem Lager Richtung Westen getrieben worden.

Da kein Nachweis über den genauen Todesumstand mehr möglich war, wurde Max Jäger auf den 31. Januar 1945 durch das Amtsgericht für tot erklärt. Dies war ein rein formaler Akt, dürfte in diesem Fall aber ziemlich nahe am tatsächlichen Todestag liegen.
Bruder Moritz gehörte zu den am 22. Oktober 1940 nach Gurs deportierten Karlsruher Juden. Er wurde am 14. August 1942 nach Auschwitz verbracht und dort mit ziemlicher Sicherheit sofort bei Ankunft in der Gaskammer ermordet.

Bruder Siegfried war es vorher gelungen, in die USA zu emigrieren.
Maria Jäger lebte nach 1945 unter schwierigen sozialen Verhältnissen. Ein schweres Bandscheibenleiden machte sie arbeitsunfähig. Auch litt sie unter Depressionen. Sie verstarb am 8. Juni 1951 in Karlsruhe.

(Moritz Graf, Lessing-Gymnasium, Juni 2019)


Quellen:
Stadtarchiv Karlsruhe: 1/H-Reg. 1489 und 2004; 1/AEST/1238; 6/BZA 6233; 1/BezVerwAmt 54, Bl. 229;
Generallandesarchiv Karlsruhe: 480/323, 7053 und 15287;
Hauptstaatsarchiv Stuttgart: J 386 Bü. 318, S. 29 f. u. Bü. 317, S. 92;