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Samuel und Gittel Horowitz (Foto privat)

Personendaten

Samuel Horowitz

Nachname: Horowitz
Vorname: Samuel
Geburtsdatum: 27. Mai 1881
Geburtsort: Rymanów (Österreich-Ungarn, heute Polen)
Familienstand: verheiratet
Eltern: Hillel und Rachel, geb. Rosenmund, H.
Verwandtschaftsverhältnis: Ehemann von Gitel H.;

Vater von Sara (1915-1916), Stefanie Schlüsselberg, Moritz (1909-1926), Hermann und Hanna;

Bruder von Cirel Kalter, Rosa Gärtner;
Adresse: 1908: Schwanenstr. [ehemalige Straße im "Dörfle", nicht mehr existent] 36
1908-1910: Rüppurrer Str. 2
1911-1912: Werderstr. 96
1912: Markgrafenstr. 31
1912: Werderstr. 82
Adlerstr. 35
Beruf: Kaufmann, Textilwarenhändler (Inhaber eines Wäsche- und Wollwarengeschäfts, Werderstr. 82)
Deportation: 28.10.1938 Abschiebung nach Polen (Polen)

Biographie

Familie Horowitz
Im Andenken an Samuel und Gitel Horowitz und ihre Tochter Hanna


Samuel (Shmu'el ha-Levi) Horowitz wurde am 6. Juni 1881 in Rymanow im Bezirk Sanok, Galizien geboren. Der Ort liegt im Karpatenvorland, gehörte seit der 1. Teilung Polens zu Österreich-Ungarn und wurde nach dem Ersten Weltkrieg 1919 wieder polnisch. Es war ein wichtiges Zentrum des chassidischen Judentums, fast die Hälfte der Bevölkerung war jüdisch. Amtssprache war polnisch; in den Familien wurde aber zumeist Jiddisch gesprochen.

Der Familienname Horowitz geht auf den böhmischen Ort Hořovice bei Prag zurück und ist in aller Welt verbreitet. Dass sich Familie Horowitz gemäß der Tradition zu den Leviten, also Nachkommen des Patriarchen Levi zählte, ist am Grabstein des Vaters auf dem Friedhof in Karlsruhe abzulesen.

Samuels Vater Hillel ha-Levi Horowitz, Sohn des Majer und der Sima, war 1858 im galizischen Lisko (Linsk) geboren, Samuels Mutter Rachel (Ruchel) geborene Rosenmund war aus dem galizischen Ropczyce gebürtig. Familie Horowitz lebte bis 1892 in Rymanow; dann zog sie in das etwa 20 km entfernte Dukla um. Samuel erlernte dort das Küferhandwerk, dann diente er im K.u.K. 45. Infanterieregiment „Erzherzog Joseph Ferdinand“ – der Militärdienst war damals obligatorisch. Die Eltern kamen um 1900 oder kurz danach aus Galizien nach Karlsruhe, mit einem Teil der Kinder und wohnten zeitweilig in der Schützenstraße 88, später in der Winterstraße 35. Hillel Horowitz ist als Handelsmann oder Händler in den Adressbüchern genannt.

Samuel hatte mehrere Geschwister, namentlich bekannt und in Karlsruhe zu Hause waren die beiden Schwestern Rosa (Rejsel), geboren 1884 und Cirel, geboren 1889.

Samuel selbst lebte zwischen 1900 und 1906 in Frankfurt am Main, Fulda und Mainz, wo er als Küfer bzw. Kellermeister arbeitete. Von 1906 bis 1907 war er zurück in Galizien, wo er in Podgorze bei Krakau ein Zigarren- und Delikatessengeschäft innehatte.

Samuel heiratete am 1. Januar 1907 Gitel (Guste) Grün in Brzesko, ihrem Geburtsort, etwa 60 km östlich von Krakau gelegen. Gitel war am 25. Juli 1878 als Tochter von Samuel Grün und Sara geborene Kleinberger geboren worden und hatte mehrere Geschwister, unter anderem Isaak und Naftali. Der jüdisch-deutsche Name Gitel leitet sich her vom Adjektiv „gut“ (jiddisch „git“).

Noch 1907 zog das jungvermählte Paar nach Mainz, wo Samuel bei der Weinhandlung Hugo Bondy & Comp. arbeitete, im Sommer 1908 dann nach Karlsruhe, wo bereits die Eltern und Geschwister lebten. Die erste Wohnung war in der (heute verschwundenen) Schwanenstraße 36 im Dörfle, dann bis 1911 in der Rüppurrer Straße 2 im 4. Stock. 1909 war Samuel Horowitz als Reisender für das Wäscheversandgeschäft Dankowitz tätig.

Am 10. September 1909 kam das erste Kind Moritz (Me'ir) in Karlsruhe zur Welt. Ende 1909 reiste Samuel Horowitz für einige Monate nach Antwerpen, um sich dort im Weinhandel zu betätigen. Das zweite Kind, Stefanie wurde am 12. Oktober 1910 geboren. Ab Ende 1910 arbeitete Samuel als Reisender für ein Straßburger Wäschegeschäft, daneben handelte er auf eigene Rechnung „en-gros“, also als Großhändler, mit Damenwäsche. In den Verkauf kam diese Ware dann zweifellos durch Frauen, die in orthodoxen Familien traditionell einen deutlichen Anteil an der Erwerbsarbeit haben, damit ihre Ehemänner auch ihren religiösen Studien nachgehen können.

Im November 1911 war Familie Horowitz in der Werderstraße 96 gemeldet. Am 28. November 1911 kam Hermann, das dritte Kind, zur Welt. Nach einigen Monaten in der Markgrafenstraße 31 zog die Familie am 1. Juli 1912 in die Werderstraße 82, 3. Stock, wo sie bis 1931 bleiben konnten. Es handelte sich um eine bescheidene 4-Zimmer-Wohnung, in der auch das En-gros-Warenlager an Damenwäsche untergebracht war. Im Adressbuch firmierte das Geschäft mit „Wäsche, Weiß- und Wollwaren“.

Samuel Horowitz war also als Hausierer bzw. Vertreter in Textilien tätig und betrieb auch selbst ein kleines Wäscheversandgeschäft mit Lager, das den Detailleuren Ware in Kommission gab, für Kunden auf Abzahlung. Das Angebot wird Bett- und Tischwäsche, Unterwäsche und Stoffe umfasst haben, ein zunehmend schwieriger Markt. Daneben betätigte er sich offenbar bei Gelegenheit auch im Weinhandel, wofür er ja besonders qualifiziert war. Ehefrau Gitel war Hausfrau und half sicherlich im Geschäft mit.

Am 24. November 1913 wurde das vierte Kind, Hanna, geboren. Das fünfte Kind Sara kam am 17. Januar 1915 zur Welt, ist aber am 21. Juli 1916 mit 1 ½ Jahren im Städtischen Krankenhaus gestorben. Die Kindersterblichkeit war in der Kriegszeit wieder angestiegen.

Am 17. November 1913 beantragte Samuel Horowitz für sich und die Familie beim Großherzoglichen Bezirksamt Karlsruhe die „Aufnahme in den Badischen Staatsverband“. Im Antrag wird belegt, dass er seinen Lebensunterhalt ohne Unterstützung bestritt und einen einwandfreien Leumund hatte. Am 27. März 1914 wurde das Gesuch wegen „nicht genügend gesicherter Existenz“ abgelehnt.

Am 29. November 1916 starb Samuels Vater Hillel 58-jährig in Karlsruhe und wurde auf dem Friedhof der orthodoxen Israelitischen Religionsgesellschaft beigesetzt. Seine Witwe wohnte weiter in der Winterstraße 35, in der Südstadt.

Nachdem sein galizischer Geburtsort mit der Auflösung Österreich-Ungarns 1919 polnisch geworden war, machte Samuel am 15. Januar 1920 einen erneuten Versuch, diesmal mit Hilfe der Anwaltspraxis Haas, Hug und Strauss für sich und die Familie die badische Staatsangehörigkeit zu erlangen. Wieder musste er das umständliche Prozedere eines solchen Antrags durchlaufen. Den formalen Kriterien wie guter Leumund, „Verständnis für das Deutschtum“, wirtschaftliche Sicherheit und Nichtbeanspruchen sozialer Leistungen genügte er, der Karlsruher Stadtrat erhob auch keine formalen Einwendungen. Aber die zuständige Polizeibehörde, die zu jener Zeit prinzipiell die Zuwanderung ärmerer Menschen aus Osteuropa und besonders jüdischer argwöhnisch beobachtete, war gegen die Einbürgerung und formulierte ihre Ablehnung offen gegenüber dem badischen Innenministerium Anfang April:

„Trotz dieser für den Gesuchsteller im Allgemeinen günstigen Umstände des Falles halten wir es nicht für angebracht, seinem Antrag stattzugeben. Wir können die aus östlichen Ländern stammenden Geschäftsleute, die sich hier in großer Zahl [...] aufhalten, nicht als einen wünschenswerten Zuwachs der Bevölkerung ansehen, und es besteht auch in weiten Kreisen der einheimischen Einwohnerschaft eine ausgesprochene und stets zunehmende Abneigung gegen sie“.

Die „Ausländerpolizei“ im Polizeipräsidium Karlsruhe lehnte während der ganzen Zeit vor 1933 in Übereinstimmung mit den internen Vorgaben auf Länderebene gemäß dem Preußischen Innenministerium zahlreiche Einbürgerungsversuche von osteuropäischen Juden ab. Die oben angesprochenen ökonomisch-sozialen Gründe waren dabei, nachweisbar auch in anderen Fällen, mit einer antijüdischen Einstellung verbunden.

Samuels Mutter Rachel geborene Rosenmund starb 63-jährig am 19. Februar 1922 in Karlsruhe. Wie ihr Mann Hillel ist sie auf dem orthodoxen Teil des Israelitischen Friedhofs Haid-und-Neu-Straße begraben.

Im selben Jahr, am 12. Oktober 1922 starb der älteste Sohn Moritz (Me'ir) mit 14 Jahren. Die Todesursache ist nirgends erwähnt, aber sein Grabstein auf dem genannten Friedhof an der Haid-und-Neu-Straße ist erhalten. Es erreichten also von fünf Geschwistern nur drei das Erwachsenenalter – vielleicht auch ein Zeichen für die prekären Lebensverhältnisse der Familie.

Die Todesfälle, vor allem der Tod des Sohnes Moritz, müssen die Familie sehr erschüttert haben. Als frommer orthodoxer Jude wird Samuel Horowitz aber nicht mit seinem Schicksal gehadert haben. Am 1. Januar 1925 findet sich in der Wochenzeitung „Der Israelit“ folgende Anzeige, die ein wenig seine Haltung erkennen lässt:

Die בר מצוה-Feier unseres Sohnes Hermann findet s. G. w. am 3. Januar 1925
(7. שבת פרשת ויגש טבת) in der Synagoge Marienstraße 16 statt, wozu Verwandte und Bekannte freundlichst einladet
Samuel Horowitz u. Frau
Karlsruhe i.B., Werderstraße 82.


Gefeiert, „so G'tt will“, wurde Hermanns Bar Mizwa, am Sabbat mit dem Wochenabschnitt „Vajigasch“, den der 13-jährige hier zum ersten Mal vor der Gemeinde vortragen durfte, am 7. des Monats Tevet im hebräischen Kalender.

In der Marienstraße 16 bestand damals eine Betstube, wohl nach polnischem Ritus. Der im Haus wohnende Synagogendiener, im rituellen Sinn der Schammes und Gabbai, hieß Abraham Leidner (Auch zu ihm gibt es einen Eintrag im Gedenkbuch). Karlsruher Juden aus Polen, Galizien und Russland beteten häufig in eigenen Betsälen in der Südstadt und im Dörfle, die wiederum unter Aufsicht des Rabbinats der Israelitischen Religionsgesellschaft standen. Nachdem sie zunächst der (liberalen) Hauptgemeinde zugerechnet worden waren, traten Samuel und Gitel Horowitz 1931 dieser Separatgemeinde bei. Alle Juden, sofern nicht komplett vom Glauben abgewandt, waren in der Regel kultussteuerzahlende Mitglieder einer der beiden Gemeinden.

Etwa 1931/32 zog Familie Horowitz in die Adlerstraße 35 in den 3. Stock. Es war ein dreistöckiges Gebäude mit einem Anbau, in dem auch die Familien Chil Brum sowie Kalman und Rifka Schuss zu Hause waren.

Im Nachbarhaus Nr. 33 wohnten die Familien Semmelmann, im Stock darüber waren die Räume der von polnischen Juden betriebenen Religionsschule „Talmud Tora“. Im Haus Nr. 38 gegenüber, das den Brüdern Herschlikowitsch gehörte, war ein ebenfalls von Juden aus Polen besuchtes Lehr- und Bethaus, Bejs Hamidresh genannt.

Ende 1937 nennt das Adressbuch für die Adlerstraße 35 Josef und Jakob Altmann, prominente Mitglieder der Israelitischen Religionsgesellschaft, als Hauseigentümer. Die Adresse wurde ab April 1939 von den Nazibehörden zum „Judenhaus“ bestimmt, das bedeutete die Zuweisung jüdischer Mieter/-innen ausschließlich in Häuser ebensolcher Eigentümer, also eine allmähliche Ghettoisierung.

Das polnische Konsulat in München verlängerte ab 9. Oktober 1938 die Pässe nur, wenn sich die Betreffenden in den letzten fünf Jahren in Polen aufgehalten hatten und versuchte damit, die Rückwanderung von Juden nach Polen zu verhindern.
Daraufhin schob das Deutsche Reich am 28. Oktober 1938 überraschend und unangekündigt aus Polen eingewanderte Juden und ihre Angehörigen ab, insgesamt über 17.000 Menschen („Polenaktion“).
Viele seit Jahrzehnten hier heimische, oftmals ohne polnische Sprache in Deutschland aufgewachsene Juden wurden nun mit Sonderzügen an die Grenze bei Zbąszyń gebracht und mit Waffengewalt auf den Grenzstreifen getrieben, aus Karlsruhe alleine die Männer, über 60 Personen zwischen 16 und 60, etwa 13 davon gebürtige Karlsruher. Die polnischen Behörden waren völlig überfordert, so dass ein Großteil der Ausgewiesenen in grenznahen Notunterkünften wochen- und monatelang ausharren musste, versorgt von Hilfsorganisationen wie dem American Jewish Joint Distribution Committee („Joint“). Viele von ihnen kamen in der Folge in polnischen Ghettos und Lagern ums Leben. Unter den Deportierten war auch Samuel Horowitz.

Seine in Karlsruhe zurückgebliebene Frau Gitel wurde nun, wie die Tochter Hanna, von der Gestapo überwacht, mit Aufenthaltsverbot belegt; am 27. Juni 1939 wurde ihr für den Fall der Nichtausreise bis Ende Juli mit KZ-Haft gedroht. Gitel muss noch im Sommer ihrem Mann nach Polen nachgereist sein.

Eine letzte Nachricht von den Eltern erhielt der vor Kriegsausbruch nach Frankreich, dann in die Schweiz geflohene Sohn Hermann wohl 1942 durch das Rote Kreuz aus Krakau.
Später waren Samuel und Gitel vermutlich im seit Frühjahr 1941 bestehenden Ghetto Tarnów. Gitels Geburtsort Brzesko liegt 30 km westlich von Tarnów, vielleicht hatten ihr Mann und sie dort zuvor Zuflucht gefunden.

Es ist anzunehmen, dass Gitel und Samuel Horowitz 1942 im Ghetto Tarnów oder dessen Umgebung ermordet worden sind, oder, spätestens als das Ghetto 1943 „liquidiert“ wurde, im Vernichtungslager, wahrscheinlich Belzec, umkamen.

Samuels Schwester Rosa (Rejsel) war verheiratet mit Majer Gärtner. Nach Emigration nach Italien wurde sie 1944 deportiert und in Auschwitz ermordet. Über ihre Familie gibt es einen Eintrag im Gedenkbuch.

Samuels Schwester Cirel war verheiratet mit Selig Kalter, wurde 1942 deportiert und ist 1944 im Ghetto Riga umgekommen. Auch über ihre Familie gibt es einen Eintrag im Gedenkbuch.

Leser (Eli'eser) Horowitz, in den Adressbüchern um 1920/21 unter der Adresse der verwitweten Rachel Horowitz als „Reisender“ in der Winterstraße gemeldet, war vielleicht ein Bruder von Samuel; über ihn war aber nichts Näheres herauszufinden.


Stefanie Schlüsselberg, geborene Horowitz
Stefanie, das zweite Kind von Gitel und Samuel Horowitz, ging in Karlsruhe zur Schule.
Am 18. November 1934, mit 24 Jahren, heiratete sie den fast gleichaltrigen Hermann (Tzvi) Schlüsselberg. am 22. Februar 1910 geboren. Kurz nach der Heirat übersiedelten sie im Dezember 1934 nach Tel Aviv, Palästina, wo inzwischen auch die aus Polen stammenden Eltern von Hermann lebten. 1962 verließ Familie Schlüsselberg Israel und emigrierte in die USA. Das erste Kind Rachel, geboren 1935, verstarb 1941 im Alter von 6 Jahren. Später bekam das Ehepaar noch einen Sohn und eine Tochter. Die Schlüsselbergs waren 1988 zur „Reunion“ der jüdischen Karlsruher/-innen in dieser Stadt. Stefanie starb mit 83 Jahren 1993 in den USA.


Hermann Horowitz
Der Drittgeborene, Hermann feierte am 3. Januar 1925 in Karlsruhe seine Bar Mizwah. Er besuchte die Volksschule bis zum 14. Lebensjahr, danach die Höhere Handelsschule. Am 19. April 1928 begann er eine dreijährige Lehre bei N. J. Homburger, einem Karlsruher Getreide-, Mehl- und Futtermittelgroßhandel, wo er bis Oktober 1934 als Angestellter blieb. Ein weiteres Jahr machte er eine Ausbildung zum Terrazzo-Arbeiter, um sich auf das Leben in Palästina vorzubereiten.

Am 1. Mai 1935 zog Hermann nach München und leitete dort die kaufmännische Abteilung der Fa. Hauser & Co Strickwarenfabrik, bis September 1938. Nach deren Schließung ging er nach Karlsruhe zurück und war bei den Eltern in der Adlerstraße 35 gemeldet.

Hermann Horowitz erfuhr, wie er es später geschildert hat, dass er von der Gestapo gesucht wurde – vermutlich zur Abschiebung nach Polen. Es muss im Frühherbst 1938 gewesen sein, dass er daraufhin nach dem belgischen Antwerpen flüchtete. Er wurde dort als „feindlicher Ausländer“ inhaftiert und nach Frankreich transportiert, konnte aber entkommen. Am 25. Mai 1940, nach dem deutschen Einmarsch in Frankreich, geriet er als vermeintlicher französischer Soldat in deutsche Kriegsgefangenschaft und wurde im Stalag XVIIB im österreichischen Krems-Gneixendorf inhaftiert.

Noch im selben Jahr gelangte er – das grenzt an ein Wunder – wieder nach Antwerpen, von dort nach einigen Monaten nach Brüssel. Ende Januar 1941 kam er mit Hilfe eines illegal beschafften Laisser-passer nach Paris, von dort im Februar 1941 nach Nizza, wo er bis Dezember 1941 blieb. Von dort siedelte er über nach Cannes, wo er sich bis Februar 1942 in wechselnden Unterkünften versteckte. Später war er in Mondelien und fand Unterschlupf bei Bauern in Antibes.

Im Juli 1942 wurde er im unbesetzten Süden Frankreichs festgenommen und als Jude in das Internierungslager Les Milles eingeliefert, dann in das Lager Rivesaltes verlegt, das er im August 1942 verlassen konnte. Bis Oktober 1942 lebte er in Nizza mit gefälschten Papieren unter dem Namen „Henri Hamont“. Dann gelang ihm die Flucht in die Schweiz, wo er als Deutscher bis Oktober 1944 interniert wurde. 1945 ging er zurück nach Paris und arbeitete später als Handelsvertreter. Bei Kriegsende war er 33 Jahre alt.

Durch die Verfolgungszeit mit wiederholten Fluchten und Internierungen war Hermann Horowitz krank geworden. Er starb 1978 im Alter von 67 Jahren in Frankreich.


Hanna Seligmann, geborene Horowitz
Hanna (Chana) Horowitz war das vierte Kind ihrer Eltern. Sie ging in Karlsruhe zur Schule und half in den 1930er Jahren im elterlichen Geschäft mit. In Akten der Gestapo ist sie am 11. November 1938 in der Adlerstraße 35 bei der Mutter aufgeführt, ebenso bei der Volkszählung im Mai 1939.

Vom 5. Juni 1939 bis 5. Oktober 1941 durchlief sie eine landwirtschaftlich geprägte Schulung (Hachscharah) auf dem zum orthodoxen Verband religiöser Pioniere „Bachad“ gehörenden Lehrgut Gehringshof in Hattenhof bei Fulda. Auf solchen landwirtschaftlichen Gütern, organisiert als Kibbuz, wurden vielerlei für den Aufbau Palästinas nützliche Fertigkeiten vermittelt.

Im Oktober 1941 – es bestand inzwischen offizieller Ausreisestopp – wechselte Hanna zum ebenfalls vom „Bachad“ organisierten Landwerk Steckelsdorf bei Rathenow im brandenburgischen Landkreis Jerichow II, einem Umschulungsgut für gärtnerische und landwirtschaftliche Berufe. Am 29. April 1942 heiratete sie mit 28 Jahren in Steckelsdorf einen der dortigen „Chaverim“, den 34-jährigen Adolf (Abraham) Seligmann, geboren am 24. Oktober 1907 in Hamburg. Er hatte eine Jeshiva besucht und war Religionslehrer.
Da Hanna durch die Zeit in Gehringshof bereits qualifiziert war, ist davon auszugehen, dass sie in Steckelsdorf „Madricha“ (Gruppenleiterin) war. Da Steckelsdorf schon Ende Mai 1942 von den Nazibehörden geschlossen wurde, muss Ehepaar Seligmann zuletzt Zwangsarbeit in der Umgebung verrichtet haben.

Hanna und Adolf Seligmann wurden am 26. Februar 1943 mit dem über 1.000 Personen umfassenden 30. Osttransport von Berlin nach Auschwitz-Birkenau deportiert, zusammen mit fünf weiteren Steckelsdorfern.
Während ihr Mann im Lager noch zur Arbeit eingeteilt wurde und daher die Häftlings-Nr. 104510 erhielt, ist unbekannt, was mit Hanna geschah, vermutlich wurde sie sofort nach der Ankunft am nächsten Tag vergast. Auch ihr Ehemann ist 1943 dort umgekommen.

(Franziska Decker und Christoph Kalisch, Juni 2018)



Quellen:
Stadtarchiv Karlsruhe (StadtAK): 8/StS 34/136 Blatt 19 und 58; StadtAK 6/BzA 6041;
Hauptstaatsarchiv Stuttgart (HSTA): J 386 Bü 318 Bl. 83;
Generallandesarchiv (GLA): 480/20667, 27238, 32592, 32593
Staatsarchiv Genf: Justice et Police Ef/2 (Hermann Horowitz);
Mitteilungen der Familie;