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Moses Flegenheimer, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Moses Flegenheimer

Nachname: Flegenheimer
Vorname: Moses
Geburtsdatum: 23. November 1869
Geburtsort: Odenheim/Bruchsal (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Eltern: Simon und Ernestine, geb. Gundersheimer, F.
Verwandtschaftsverhältnis: Ehemann von Betty F.;

Vater von Ernst und Hans Simon
Adresse: 1904: Amalienstr. 67
seit 1910/11: Lammstr. 1b
seit 1921/22: Reinhold-Frank-Str. (Westendstr.) 46
seit 1928/1929: Redtenbacherstr. 23
Schule/Ausbildung: Realschule, Mittlere Reife
Beruf: Bank-Prokurist (beim Bankhaus Straus & Co)
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
Sterbedatum: 12. Dezember 1940
Sterbeort: Gurs (Frankreich)

Biographie

Moses und Betty Flegenheimer

Unsere biografische Zeitreise führt uns nach Odenheim. Hier wurde am 23. November 1869 Moses Flegenheimer geboren. Aber dieses Datum ist nicht der Beginn unserer Zeitreise, wir beginnen weiter zurück, nämlich am Ende des 18. Jahrhunderts. Etwa um 1798 wurde der Großvater unseres Probanden, der ebenfalls den Namen Moses trug, in Odenheim geboren. Von seinen Eltern sind nur die Namen – Lazarus und Babette Flegenheimer – überliefert, jedoch keine Daten. 1822 (?) heiratete Moses Flegenheimer die 1791 in Odenheim geborene Dusetta Mannheimer, Tochter von Mendel (Emanuel) Mannheimer und seiner Frau Schenle, geborene Freund. Aus dieser Ehe gingen sieben Kinder hervor, von denen allerdings vier bereits im Kindesalter verstarben. Als Dritter in dieser Kinderschar wurde Simon Flegenheimer am 28. März 1830 in Odenheim geboren. Dieser heiratete am 26. Juni 1855 Ernestine Gundersheimer, geboren am 20. Februar 1834 in Hainstadt (heute Ortsteil von Buchen), Tochter des Viehhändlers und Weinwirtes Faist Gundersheimer und seiner Frau Karoline geborene Halle, die aus Hardheim (Nähe Tauberbischofsheim) stammte. Aus dieser Ehe gingen angeblich 17 Kinder, beginnend 1855, hervor, berichtet der „Heimatkundliche Arbeitskreis Odenheim“ in seiner Publikation über die Zigarrenfabriken in Odenheim (Magazin „da Linsabauch“, Extra (5), Juni 2009), belegt sind davon allerdings nur 12. Einige Jahrgänge der Standesbücher aus den 1870er Jahren sind verschollen, so dass eine Überprüfung nicht stattfinden konnte.
‚Unser’ Moses Flegenheimer war das zehnte Kind der großen Kinderschar, der zweite Bub, alle anderen waren Mädchen. Der ältere Bruder Aaron starb jedoch bereits mit acht Monaten. Zeitlich nach ihm wurden noch zwei Brüder geboren, die nachgewiesen werden können: Adolf und Isidor; von ihnen ist unten noch ausführlicher die Rede. Der älteren Schwester Auguste (geboren 1864) ist im Gedenkbuch unter ihrem Ehenamen Palm eine eigene Biografie gewidmet. Von all den anderen Schwestern, mit Ausnahme der ein Jahr älteren Schwester Sofie, von der unten noch die Rede ist, ist nichts überliefert.

Odenheim war bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts ein beschauliches Dorf im Kraichgauer Hügelland, das von der Landwirtschaft lebte, wurde schon 769 urkundlich erwähnt und geht auf eine Gründung der Römer zurück. Als Moses Flegenheimer hier geboren wurde, lebten in Odenheim etwa 2.200 Menschen, davon etwa 120 Juden. Die höchste Zahl jüdischer Einwohner fällt auf das Jahr 1864 mit 156, danach wurden es immer weniger – wie in nahezu allen Landgemeinden im Südwesten durch die Abwanderung in die Städte, insbesondere Großstädte. Odenheim gewann jedoch im Laufe der Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts in deutlichem Umfang weitere Einwohner; heute leben hier etwa 3.700 Menschen. Seit dem 1. Januar 1971 ist Odenheim Ortsteil von Östringen. Mit Eingemeindungen hat Östringen heute etwa 13.000 Einwohner, gehört seit 1. Januar 1973 zum Landkreis Karlsruhe und besitzt seit 1981 den Status einer Stadt.

Ab den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts nahm Odenheim einen beachtlichen wirtschaftlichen Aufschwung durch den Mode gewordenen Tabakkonsum und den darauf aufbauenden Tabakhandel, der in der ganzen Region fast ausschließlich in jüdischen Händen lag, vor allem aber – gegen Ende des Jahrhunderts - durch die Herstellung von Zigarren, denn das Zigarrenrauchen war unaufhaltsam auf dem Vormarsch, Pfeifen-, Kau- und Schnupftabak kamen aus der Mode, und die Zigarette konnte sich noch nicht durchsetzen. Motor dieser Entwicklung wurde Moses Flegenheimer, der Großvater unseres Probanden, der, neben seiner Profession als Viehhändler, zwischen 1830 und 1840 begann, für eine Heidelberger Firma Tabak zu fermentieren. Noch heute erinnert der Flurname „Moschebuckel“ an den Begründer der Odenheimer Tabakindustrie. Sein Sohn Simon Flegenheimer wurde Tabakhändler. 1853 kaufte dieser in Odenheim die Gastwirtschaft „Zum Ochsen“, betrieb diese Wirtschaft als „Ochsenwirt“, wie man ihn nannte, und die im Hause eingerichtete Gemeinde-Bäckerei. Die Söhne Adolf und Isidor waren – Jahrzehnte später – die Begründer der Odenheimer Zigarrenfabrikation, die beachtliche Größenordnungen erreichte. Doch davon später mehr.

Moses Flegenheimer
Er besuchte die Volksschule in Odenheim und danach die Realschule (vermutlich in Bruchsal), die er 1885 mit der Mittleren Reife abschloss. Sein beruflicher Weg verlief nun allerdings völlig anders als der seiner Brüder, er wurde Bankkaufmann‚ „Bankbeamter“, wie man damals und noch bis über die Mitte des 20. Jahrhunderts hinaus sagte. Er absolvierte - ab Oktober 1885 - eine Lehre in dem schon damals renommierten Bankhaus Straus & Co in Karlsruhe am Friedrichsplatz. Zielstrebigkeit, Fleiß und weit überdurchschnittliches Engagement für die Interessen seines Arbeitgebers machten ihn zu einem angesehenen Mitarbeiter. Sein Interesse galt insbesondere dem Effektenhandel (veraltete Bezeichnung für Wertpapiere); seine Leistungen und das große Vertrauen, das er in diesem sehr diffizilen Geschäftsbereich bei der Kundschaft genoss, überzeugten die Eigentümer der Bank, und sie übertrugen ihm bereits in den ersten Jahren des ersten Jahrzehntes des 20. Jahrhunderts (das genaue Datum war nicht zu ermitteln) die Leitung der Effektenabteilung und erteilten ihm (Gesamt-)Prokura. Da war er allenfalls Mitte 30. Etwa 20 Jahre später, 1924, wurde er Einzelprokurist. Das war die höchste Stufe der Karriereleiter, die er in diesem Bankhaus erreichen konnte, die Gesellschafter waren stets und ausnahmslos Familienmitglieder. Am 5. Oktober 1935 beging er sein 50-jähriges Firmenjubiläum. Das Israelitische Gemeindeblatt vom 9. Oktober 1935 (Ausgabe B) ehrte ihn in einem längeren Beitrag. Darin heißt es u. a.: „ Schon aus dieser Tatsache“ – gemeint ist die Ernennung zum Einzelprokuristen 1924 – „spricht das besondere Vertrauen, das Herr Flegenheimer im Hause Straus & Co ob seines vortrefflichen Charakters, seiner geraden, offenen Art und seines schlichten Wesens genießt. Diese Eigenschaft kennt und schätzt auch die Kundschaft des Hauses, die mit einer bereits Generationen überdauernden Anhänglichkeit in stets gleichem Vertrauen mit Herrn Flegenheimer verbunden ist. Generationen auch der Inhaber der Firma Straus & Co wissen sich in gleicher Weise freundschaftlich mit dem Jubilar verbunden“.

Bei weiten Teilen der jüdischen Karlsruher ‚Hautevolee’, aber auch aus dem gesamten nordbadischen Raum sowie des jüdischen Mittelstandes, die es sich erlauben konnten, ein kleines oder größeres Wertpapiervermögen in den Jahren vor 1933 zuzulegen, taucht in den zahlreichen Wiedergutmachungsakten aus diesem Personenkreis, die der Verfasser im Zuge vieler biografischer Recherchen durcharbeitete, der Name des Bankhauses Straus & Co auf mit Auflistung des vormaligen Wertpapierbesitzes. Aus dem Wertpapierbestand wurde in ungezählten Fällen die so genannte Juden-Vermögensabgabe, die von Hermann Göring mit seiner 1936 erhaltenen Generalvollmacht zum Erlass von Rechtsverordnungen nach den November-Pogromen von 1938 den Juden in ihrer Gesamtheit als „Sühne“ auferlegt wurde, bezahlt, ebenso aber auch dringend benötigtes Bargeld für die Auswanderung... Und bei all diesen Bankkunden wird Moses Flegenheimer mit seinen Mitarbeitern als Berater für Ankauf und Verkauf von Wertpapieren tätig gewesen sein. Und es ist sicherlich erlaubt anzunehmen, dass gleiches für die nicht-jüdische Kundschaft galt, nur ist hier kein Nachweis zu führen, weil es für diese Personen naturgemäß keine Wiedergutmachungsakten gibt. Überliefert ist jedoch, dass auch weite Teile des badischen Adels seinen Rat in Vermögensfragen suchten. Die oft seitenlangen Auflistungen des jeweiligen Wertpapierbesitzes zeigen aber sehr deutlich, dass – ganz im Sinne moderner ‚Anlage-Strategien’ – breit gestreute Portefeuilles angelegt wurden – sicherlich mit umfangreicher Beratung durch den klugen Moses Flegenheimer.
Aber auch das, was heute „Investment-Banking“ heißt, war schon vor mehr als 100 Jahren Teil des Bankgeschäftes, z.B. Finanzierung von Firmen-Zusammenschlüssen, Umwandlung in Aktiengesellschaften (z.B. Fa. Vogel & Bernheimer), Ankauf von Wertpapieren als Anlage für das Bank-Portefeuille (z.B. Fa. Haid & Neu) etc. Auch hier war Moses Flegenheimer immer mitbeteiligt. Er war sicherlich eine tragende Säule des erfolgreichen Bankhauses.

Seine unbedingte Loyalität zu seinem Arbeitgeber hielt ihn als treuen Mitarbeiter bis zum Ende des Bestehens des Bankhauses Straus & Co am 15. Mai 1938, als dieses aufgrund der „Arisierungsmaßnahmen“ der Nazis in die „freiwillige Liquidation“ ging mit anschließender Übername durch die Badische Bank. Bis zu diesem Zeitpunkt war er – trotz aller politischen Anfeindungen – noch immer Einzelprokurist. Da war er bereits 68 Jahre, arbeitete also noch weit über die übliche Altersgrenze hinaus. Zum 31. August 1938 wurde er schließlich entlassen.

Seine Leistungen für das Bankhaus Straus & Co zeigten sich nicht nur in seinem Einkommen – er hatte, zuletzt jedenfalls, ein Gehalt von 12 000 RM p.a. zuzüglich einer Tantieme in gleicher Höhe -, sondern auch in einer für die damalige Zeit recht respektablen Zusage für seine Altersversorgung von 12 000 RM p.a. (mit 60-%iger Witwenrente), die von der Badischen Bank im Zuge des Übergangs von Straus & Co auf dieses Institut übernommen wurde. Straus & Co zahlte zur Finanzierung an die Badische Bank einen Betrag von 60 000 RM und - über eine Zession zwischen zwei Firmen - Einnahmen aus einer Lizenzgebühr. Und diese Pensionszahlung erhielt er auch tatsächlich ab 1. September 1938.

Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist aber auch, dass Moses Flegenheimer nicht nur bis zu seinem 68. Lebensjahr für die Bank tätig war, sondern auch mehrere Bestätigungen im Wiedergutmachungsverfahren nach dem Kriege für die Erben bescheinigten, dass er aufgrund seines hervorragenden physischen und geistigen Gesundheitszustandes noch auf Jahre weiter bei der Bank hätte beschäftigt werden können, jedenfalls weit über das 70. Lebensjahr hinaus. Das war für die Entschädigungsansprüche der Erben insofern von großer Wichtigkeit, weil das Bundesentschädigungsgesetz (BEG) nur Entschädigungen bei Verdrängung aus dem Berufsleben bis zum 70. Lebensjahr vorsah (Gesetzesfiktion: nach 70 Jahren arbeitet niemand mehr). Und diesen Bestätigungen – u.a. von dem Mitinhaber des Bankhauses Prof. Dr. Nathan Stein sowie dem Anwalt der Bank, Albert Foulkes, vormals Albrecht Fuchs, RA beim OLG Karlsruhe, langjährig mit Moses Flegenheimer befreundet – wurde auch bei der Festsetzung der Entschädigung gefolgt.

In dem schon zitierten Israelitischen Gemeindeblatt heißt es im gleichen Artikel weiter: „Im jüdischen Leben setzt sich Herr Flegenheimer seit Jahren in schlichtem Ernst und bewußter Pflichterfüllung für Leben und Bestand unserer Gemeinschaft ein“.
Er war Mitglied der Carl-Friedrich-Loge (B’nai B’Brith-Loge)., Synagogenrat der Israelitischen Religionsgemeinschaft, zuständig für das Finanzdezernat, Mitglied im Israelitischen Männerkrankenverein, Mitglied im Verein Friedrichsheim Gailingen, Mitglied im Centralverein (deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, ab 1936 Jüdischer Centralverein, der am 10. November 1938 verboten wurde und – unter Gestapo-Aufsicht – in die Reichsvertretung der Juden in Deutschland überführt wurde), Abgeordneter der 14. Synode 1929 und der 16. Synode 1932 und stellvertretendes Synodalausschussmitglied 1935. Kurzum, er hat sich in allen maßgeblichen religiös-gesellschaftlichen Organisationen – neben seiner verantwortungsvollen beruflichen Tätigkeit – stark engagiert. Und so endet der erwähnte Artikel mit den Worten:“So ehrt auch diesen Jubilar nichts mehr als seine Arbeit. Dass er sie weiter so auf allen Gebieten so erfolgreich tun kann, ist unser Wunsch zu seinem Jubeltag“.

Betty Flegenheimer. Familiengründung
Am 19. Juni 1904 heiratete Moses Flegenheimer in Augsburg die in Kriegshaber (1916 wegen Überschuldung in die Stadt Augsburg einverleibt) am 29. November 1882 geborene Betty Löffel, dritte von vier Töchtern von Samuel Löffel, geboren am 9. April 1853 in Steppach bei Augsburg, und seiner Frau Amalie geborene Rosenfelder, geboren im Februar 1856 in Dittenheim (zwischen Gunzenhausen und Treuchtlingen gelegen). Zu dieser Zeit war Samuel Löffel noch Viehhändler, später, als die Töchter heirateten, wandte er sich dem Immobiliengeschäft zu, teils in Maklerfunktion, teils als Eigentümer zahlreicher Immobilien, die er kaufte und wieder verkaufte. So ist es auch durchaus denkbar, dass Moses Flegenheimer auf geschäftlicher Ebene mit Samuel Löffel Verbindung hatte und dabei auch die Tochter Betty, seine spätere Frau kennen lernte. Am 11. April 1888 starb Amalie Rosenfelder in Kriegshaber und hinterließ ihrem Mann vier Kinder im Alter von 9, 7, 6 und 4 Jahren. Samuel Löffel heiratete am 2. Januar 1889 in Mergentheim in zweiter Ehe – die Kinder mussten ja versorgt sein – die hier am 30. September 1862 geborene Auguste Fechenbach. Aus dieser Ehe ging das Kind Max hervor, geboren am 29. Januar 1892, das jedoch bereits am 11. März 1892 verstarb.
Als Betty Löffel heiratete, war sie 21 Jahre. Sie hatte zwar nach eigenen Angaben eine Höhere Mädchenschule in Augsburg besucht (genaue Daten sind nicht überliefert), aber soweit feststellbar keine abgeschlossene Berufsausbildung. Das war damals für eine Ehe in aller Regel auch nicht wichtig bzw. war eine Berufsausbildung von Frauen eine eher seltene Ausnahme. Wichtiger waren praktische Erfahrungen in der Haushaltsführung. Möglicherweise hatte Betty Löffel dies im elterlichen Haushalt bei der Stiefmutter hinreichend gelernt oder vielleicht auch bei Verwandten, wo sie evtl. zeitweilig als junges Mädchen „in Stellung“ war, wie es hieß.
Aus dieser Ehe gingen 2 Kinder hervor: Hans Simon, geboren am 16. Februar 1906, und Ernst, geboren am 5. Mai 1910, beide in Karlsruhe. Über beide wird noch ausführlicher berichtet.

Nach der Heirat lebte das junge Paar in der Amalienstraße 67, ab 1911 in der Lammstraße 1 b, ab 1922 in der Westendstraße 46 (heute Reinhold-Frank-Straße) und schließlich – als „End“-Domzil – ab 1929 in der Redtenbacherstraße 23 - bis zur Deportation am 22. Oktober 1940; dies wird noch ausgeführt.

Mit seiner beruflichen Stellung wie auch mit seiner vielfältigen Betätigung im Rahmen der Jüdischen Gemeinde waren auch vielerlei gesellschaftliche Aufgaben wahrzunehmen – Gäste einzuladen und zu bewirten (Arbeit für die Ehefrau) und Einladungen Dritter wahrzunehmen.. Das war in der Karlsruher ‚Gesellschaft’ gang und gäbe, sogar noch nach 1933, wenn auch in vermindertem Umfang. Überliefert ist, dass Moses Flegenheimer – zusammen mit seinem Bruder Adolf – Besitzer einer sehr ungewöhnlich alten und wertvollen Münzsammlung war (mit Münzen, die ihren Ursprung bis ins 15. Jahrhundert zurück hatten). Ein Großteil davon musste 1940 für eine nachgerade lächerlich geringe Vergütung (nur nach Materialwert bemessen) an die Städtische Pfandleihkasse abgegeben werden. Über den ‚Menschen’ Moses Flegenheimer wie auch über seine Frau Betty, über ihre Lebensgewohnheiten, Freunde, Bekannten, Beziehungen zu ihren Verwandten, sonstige Interessen etc. ist jedoch darüber hinaus nichts bekannt, nichts überliefert. Beide Söhne leben nicht mehr, gleiches gilt für die Neffen und Nichten (s.u.).
Von Betty Flegenheimer wissen wir noch, dass sie – wie so viele andere jüdische Frauen auch – Mitglied im Israelitischen Frauenverein und im Israelitischen Frauenwohltätigkeitsverein war. Ihre ältere Schwester Fanny (geboren 22. August 1879), die am 21. Oktober 1900 in Mergentheim den aus Heidelsheim /Bruchsal stammenden Kaufmann Siegmund Münzesheimer (geboren 1. April 1867) geheiratet hatte, lebte mit ihrem Mann von 1896 bis 1901 in Karlsruhe, danach verliert sich ihre Spur. Es ist jedoch überliefert, dass sowohl sie als auch ihr Bruder Benno und die jüngere Schwester Anna den Krieg überlebt haben, jedoch nicht wie und wo sie lebten.

Die Söhne Hans Simon und Ernst Flegenheimer
Hans Flegenheimer – den Zweitnamen Simon erhielt er, jüdischer Sitte folgend, nach dem Großvater – besuchte die Volksschule in Karlsruhe und danach von 1915 – 1924 das Bismarck-Gymnasium in Karlsruhe, das er mit dem Abitur abschloß. Seine anschließende Berufsausbildung und Berufstätigkeit war von Anfang an darauf ausgerichtet, eines Tages in der Bank, in der sein Vater schon so viele Jahre erfolgreich und mit Meriten versehen tätig war, dem Bankhaus Straus & Co in Karlsruhe, tätig zu werden und eine leitende Stellung einzunehmen. Er absolvierte eine Banklehre bei Straus & Co, war danach zwei Jahre bei dem Bankhaus L. Behrens & Söhne in Hamburg; es folgte ein ½-jähriges Volontariat in Paris bei dem Geldhaus Ernest Martin & Co und schließlich eine 3-jährige Tätigkeit (1928 – 1931) in London bei den Bankhäusern Seligman Bros. und Guiness, Mahon & Cie . 1931 kehrte er nach Karlsruhe zum Bankhaus Straus & Co zurück. Welche Position er hier und in den Folgejahren einnahm, ist jedoch nicht überliefert. 1936 wurde er als Jude entlassen, die NSDAP hatte darauf bestanden, dagegen konnten sich die Eigner des Bankhauses nicht wehren. Sie versuchten vielmehr – mit Erfolg, wie wir gesehen haben - den Vater, Moses Flegenheimer, zu schützen. Ob mit ihm, Hans Flegenheimer, noch weitere jüdische Angestellte in jener Zeit entlassen wurden, konnte nicht festgestellt werden.
Noch im gleichen Jahr suchte er nach Möglichkeiten zur Auswanderung, weil ihm klar geworden war, dass er in Deutschland keine Zukunft mehr haben würde. Er wanderte nach Australien aus – noch im Dezember 1936. Auch hier wissen wir nicht, ob dies die einzige ihm sich bietende Möglichkeit war oder welche Gründe für Australien sprachen. Zuvor – am 1. Dezember 1936 – heiratete er in Karlsruhe die am 31. Juli 1910 in Würzburg geborene Lise (Luise) Neumann. Sie wanderte mit ihm gleichfalls nach Australien aus und verstarb im Mai 2007.

Die Mutter von Lise Neumann, Irene Neumann geborene Strauß, geboren am 23. Februar 1886 in Darmstadt, Witwe des 1923 in Mosbach verstorbenen vormaligen Rechtsanwaltes Lazarus Neumann, geboren am 12. Februar 1868 in Gissichheim (bei Tauberbischofsheim) – wir greifen dem Zeitablauf etwas voraus – kam Anfang 1939 nach Karlsruhe, nachdem ihr als Jüdin ihre Wohnung in Mosbach zum 31.12.1938 gekündigt worden war. Zunächst fand sie Unterschlupf bei den Eltern ihres Schwiegersohnes, also bei Moses Flegenheimer und Frau in der Redtenbacherstraße, bald jedoch wohnte sie in der Klosestraße 38. In den ersten Monaten des Jahres 1939, das genaue Datum war nicht zu ermitteln, reiste sie ebenfalls nach Australien aus, vermutlich haben Tochter und Schwiegersohn für sie die Ausreise organisiert. Sie lebte dort bis zu ihrem Tod bei ihnen und wurde auch von diesen finanziell unterhalten.

Domizil in Australien wurde Roseville, eine Kleinstadt nördlich von Sidney gelegen (Territorium New South Wales). Hans Flegenheimer und seine Frau nannten sich bald nach Ankunft Flegg.
Zunächst versuchte er eine Anstellung in einer Bank zu bekommen, das gelang jedoch nicht. Er baute sich statt dessen ein kleines Konfektionsgeschäft auf; zunächst zusammen mit einem Partner, J Campbell, betrieb er in Sidney die Firma J. Campbell & Co Ltd. (Importers, Manufacturers, and Distributors of Garments), 1937 übernahm er die Firma als Alleineigentümer. Ende 1959 wurde die Firma geschlossen. Danach war er für die nächsten zwei Jahre Büroangestellter, 1962 war er wieder als selbständiger Händler und Vermittler tätig (nähere Angaben fehlen). Im Wiedergutmachungsverfahren versuchte er 1963 eine – verfolgungsbedingte – gesundheitliche Erwerbsminderung zu erlangen, da seine Erwerbsfähigkeit auf 40 % zurück gegangen sei, um eine entsprechende Rente zu erhalten. Sein Antrag wurde nach gutachterlichen Stellungnahmen abgelehnt. Ab 1. März 1971 erhielt er von der BfA in Berlin die normale Altersrente (mit 65 Jahren) Am 15. Juni 1983 starb er. Aus der Ehe ging ein Sohn Michael hervor, über den jedoch keinerlei Informationen vorliegen.

Ernst Flegenheimer besuchte nach der Volksschule von 1919 bis 1925 das Humboldt-Realgymnasium bis zur Untersekunda (Schulaustritt April 1925) in Karlsruhe. Von 1925 bis 1928 absolvierte er eine kaufmännische Lehre bei der Eisen- und Metallwaren-Großhandlung Karl Rosenfeld & Co in Karlsruhe und war danach bis 1935 als kaufmännischer Angestellter bei der Firma M. Stern AG in Essen, eine sehr bedeutende Firma im Schrott-und Eisenhandel, tätig. Die Inhaber beider Firmen waren persönliche Freunde des Vaters, der diese auch ganz speziell im Sinne einer Karriere-Planung für den Sohn ausgesucht hatte. Von April 1935 bis Oktober 1938 war er als kaufmännischer Angestellter und Assistent der Geschäftsleitung in der Firma Flegenheimer & Co bis zu deren „Arisierung“ (Zwangsverkauf) an die Fa. Stockmann KG (s.u.) tätig. Mit dem Zwangsverkauf der Firma verlor er auch seine Anstellung. Seine gesamte berufliche Ausbildung war von Anfang an darauf abgestellt, dass er eines Tages in der Firma seiner Onkel tätig und dort Teilhaber werden würde; die Teilhaberschaft war ihm vertraglich nach 5-jähriger Angestellten-Tätigkeit zugesichert. Da dies durch die politischen Umstände der Zeit obsolet geworden war, wanderte er im Oktober 1938 nach Australien aus – mit dem Umweg über Japan, weil es zu dieser Zeit keine Schiffspassage direkt nach Australien gab; am 14. Januar 1939 kam er schließlich in Sidney an. Diese Auswanderung mit Umweg über Japan ersparte ihm eine Inhaftierung in Dachau in der Folge der November-Pogrome vom 9./10. November 1938, wohin er mit Sicherheit zusammen mit mehr als 200 Karlsruher männlichen Juden zwischen 16 und 60 Jahren verfrachtet worden wäre, wenn er auf eine direkte Schiffs-Passage nach Australien gewartet hätte. Der ältere Bruder Hans war bereits im Dezember 1936 nach Australien gegangen. Der Weg in der Emigration war – wie für die allermeisten Emigranten – steinig, zumindest für die ersten Jahre: nach seiner Ankunft jobbte er als Gelegenheitsarbeiter, 1940/41 wurde er – wie alle Deutschen – als „alien enemy“ interniert, von 1942 bis 1946 war er in einer Arbeitskompanie der australischen Armee, ab 1947 begann schließlich der Aufbau einer eigenen Existenz als „Machinery Broker“ (Import Deutscher Maschinen nach Australien), was sich jedoch, zumindest anfangs, als schwierig mangels ausreichenden Kapitals erwies, aber nach und nach etablierte sich die Firma und wurde recht erfolgreich, die er später mit seinem Sohn Peter zusammen führte. Ab 1. Juni 1975 wurde er – mit Erreichen der Altergrenze – Rentner der deutschen Angestelltenversicherung. Am 29. August 2007 starb er, 97-jährig. Der Sohn Peter führt das Geschäft weiter.
Ernst Flegenheimer, er hatte den Namen Fleming angenommen, heiratete am 1. Dezember 1949 die am 4. November 1919 in Berlin geborene Marianne Nofz, die zusammen mit ihren Eltern Otto und Therese Nofz im Mai 1948 nach Australien kam. Am 16. Juni 1954 wurde der Sohn Peter, einziges Kind, geboren. Die Familie lebte in einem nördlichen Vorort von Sidney, wo auch die – hochbetagte – Witwe heute noch lebt.


Flegenheimer & Co
Wie wir gesehen haben, wurde in Odenheim seit der Mitte des 19. Jahrhunderts Tabak angebaut, Tabak bearbeitet (Moses Flegenheimer sen.) und Tabakhandel betrieben (Simon Flegenheimer). Die Zigarrenherstellung – als kleiner Familienbetrieb – begann hier jedoch erst 1884. Die fabrikmäßige Zigarrenherstellung erfolgte in Odenheim gegen Ende des 19. Jahrhunderts: die Brüder Adolf und Isidor Flegenheimer, die jüngeren Brüder Moses Flegenheimers, gründeten 1898 die Zigarrenfabrik Flegenheimer & Co als OHG und betrieben diese Fabrikation im 2. Stock des väterlichen Gasthauses „Zum Ochsen“, offenbar von Beginn an recht erfolgreich, denn schon bald entschlossen sich die Flegenheimers zum Neubau des Wirtshauses bei gleichzeitigem Ausbau des 2. Stockes als Arbeitssaal für die Zigarrenherstellung. 1905 wurden hier schon 90 Männer und Frauen beschäftigt, hauptsächlich Frauen.
1907 kaufte Flegenheimer & Co die in finanzielle Schwierigkeiten geratene Zigarrenfabrik Hotz in Odenheim, etwa zur gleichen Zeit wie Flegenheimer & Co in Odenheim errichtet, und übernahm auch die Arbeiter und Arbeiterinnen. Damit stieg die Beschäftigtenzahl bei Flegenheimer auf 180. Das stürmische Wachstum der Firma machte es erforderlich, dass behelfsmäßig auch in anderen Gebäuden am Ort produziert wurde, jede einigermaßen geeignete Räumlichkeit, vor allem aber die Säle von Gastwirtschaften wurden zu Fabrikationsstätten umfunktioniert – nicht nur von Flegenheimer, sondern auch von den inzwischen ebenfalls in Odenheim angesiedelten Betrieben der Firmen Heidelberger & Söhne (Sitz in Mannheim) und Karl Wolf (Sitz in Bruchsal). Ein Neubau mit entspr. Räumlichkeiten war zwar für 1913 geplant, konnte aber aus nicht bekannten Gründen nicht realisiert werden. Schließlich wurde der Hauptsitz der Firma 1914 nach Heidelberg-Kirchheim verlegt, die Betriebstätte in Odenheim blieb jedoch bestehen.

Isidor Flegenheimer, inzwischen verheiratet mit Rosa geborene Leiter, geboren am 4. Juni 1887 in Augsburg, finden wir von 1910 bis 1912 in Karlsruhe, in der Kreuzstraße 21 wohnend, wo auch die Tochter Ruth am 3. Januar 1911 geboren wurde. Im März 1912 verzog die Familie nach Heidelberg. Um ein zweites Standbein – neben seiner Beteiligung an der Odenheimer Zigarrenfabrik - zu haben, gründete Isidor Flegenheimer hier mit einem Alois Sauer eine Zigarrenfabrik, die aber sehr bald bankrott ging. Am 12. Dezember 1916 wurde den Eheleuten Flegenheimer noch der Sohn Erich geboren.

Adolf Flegenheimer hatte die am 30. März 1872 in Heidelsheim/Bruchsal geborene Martha geborene Mayer geheiratet. Aus der Ehe stammen die Söhne Simon Friedrich, geboren am 21. Juli 1904, Willi Gustav, geboren am 23. November 1907 und Eugen Max, geboren am 8. September 1919, alle in Odenheim. 1925 zog die Familie ebenfalls nach Heidelberg.

Am 4. August 1929 starb Isidor Flegenheimer in Heidelberg. In der Folge ergaben sich über Jahre hinziehende Erbstreitigkeiten. Am 25. August 1933 starb auch der Bruder Adolf Flegenheimer in Heidelberg. Nach dessen Tod wurde die Firma in eine Kommanditgesellschaft umgewandelt, die Ehefrau bzw. Witwe und ihre Tochter Ruth wurden Kommanditistinnen mit einer Einlage von je 20 000 RM, persönlich haftende Gesellschafter waren und blieben Simon Friedrich und Willi Gustav Flegenheimer, die älteren Söhne von Adolf Flegenheimer. 1938 wurde die Firma „arisiert“, Erwerber wurde die Firma Stockmann KG aus Heidelberg.

Simon Friedrich, Willi Gustav und Eugen Max Flegenheimer wanderten 1938 bzw. 1939 nach Kanada aus. Bemühungen des ältesten Sohnes Simon Friedrich, auch für seine Mutter ein Einreisevisum für Kanada zu bekommen, blieben zunächst erfolglos, sie reiste daher im Frühjahr 1939 nach Brüssel und von dort mit der nächsten sich ergebenden Möglichkeit nach Argentinien nach Buenos Aires, von hier dann im April 1940 nach New York und dann nach Montreal zu ihren Söhnen. Am 13. Januar 1945 starb sie hier. Von dem Sohn Simon Friedrich ist überliefert, dass er 1947 Ethel Friedman in Montreal heiratete und 2001 dort starb. Die Ehe war kinderlos. Willi Gustav starb am 24. Juli 1993 in Israel. Eugen Max heiratete 1944 in Montreal Gertrude Friedländer (1925 – 2009); er starb am 23. Juli 2008 in Montreal. Die nach Kanada ausgewanderten Söhne nahmen dort den Namen Flegg an.

Rosa Flegenheimer, die Witwe von Isidor Flegenheimer, bemühte sich zusammen mit ihrem Sohn Erich schon Anfang 1938 um eine Auswanderung in die USA, jedoch erfolglos. Wegen drohender Kriegsgefahr reiste sie im Sommer 1939 per Bahn nach Rotterdam und von da mit dem Schiff nach Lissabon, ihrem künftigen Asyl, wohin ihre Tochter Ruth bereits im Frühjahr 1938 emigriert war. Am 1. Februar 1942 starb Rosa Flegenheimer in Lissabon. Die Tochter Ruth – verheiratet mit dem Kaufmann Norbert Manes (geboren 13. November 1897 in Bischofswerder/Westpreußen) folgte ihrem Ehemann, der bereits Ende 1936 nach Lissabon ausgewandert war. Sie starb am 5. Mai 1970 in Davos. Den Sohn Erich finden wir nach dem Krieg in den USA mit dem Namen Eric Flegg; wann und wie er ausgewandert war, konnte nicht ermittelt werden.

Moses Flegenheimer war – soweit feststellbar – zu keiner Zeit an der Zigarrenfabrik seiner Brüder beteiligt. Es liegt jedoch auf der Hand, dass er ihre geschäftlichen Aktivitäten zumindest unter finanziellen Aspekten als „Banker“ (wie wir heute sagen würden) begleitet hat, zumal vorgesehen war (s.o.), dass der jüngere Sohn Ernst eines Tages in der Firma seiner Brüder tätig werde würde und sogar Teilhaber werden sollte.

Deportation und das Ende der Familie Flegenheimer
Von Moses und Betty Flegenheimer sind zu keinem Zeitpunkt irgendwelche Auswanderungsbemühungen feststellbar, auch nicht nach der Ausreise der Söhne nach Australien, auch nicht nach der Ausreise von Irene Neumann. Und auch nicht nach der Ausreise der Flegenheimers aus Heidelberg und Heilbronn. Sie fühlten sich sehr wahrscheinlich zu alt für einen Neubeginn in einem fernen Land, Australien allzumal. Ein beruflicher Neubeginn von Moses Flegenheimer war ohnehin aus Altersgründen gar nicht denkbar, er und seine Frau hätten von der Unterstützung der Kinder, die sich selbst erst einmal eine neue Existenz aufbauen mussten, leben müssen, das aber wollten sie sicherlich ganz und gar nicht. In Karlsruhe ging es ihnen materiell gut, Moses Flegenheimer erhielt jeden Monat pünktlich seine Pension von der Badischen Bank. Sicherlich haben sie schmerzlich feststellen müssen, dass von ihren zahlreichen jüdischen Freunden und Bekannten bald niemand mehr da war, weil sie nach und nach, insbesondere jedoch nach den Pogromen vom 9./10. November 1938, auswanderten, was mehr und mehr zu einer sozialen Isolierung führte. Auch die Verwandten waren inzwischen fast alle ausgewandert. Dass es aber schon bald, nicht einmal zwei Jahre nach den November-Pogromen von 1938, anders kommen würde, konnten sie nicht ahnen, es lag für sie – wie für so viele andere auch, wie wir wissen – außerhalb des Vorstellbaren.

Dann kam der Schicksalstag der badischen und saarpfälzischen Juden: am 22. Oktober 1940 wurden sie in einer Blitzaktion nach Gurs in Südfrankreich deportiert, auch Moses und Betty Flegenheimer, auch die ein Jahr ältere verwitwete Schwester Sophie (geboren 1868), die nach Bretten den Viehhändler Simon Erlebacher (25. August 1866 – 21. Dezember 1927) geheiratet hatte, jedoch kinderlos blieb, sowie weitere Verwandte des verstorbenen Ehemannes von Sofie Erlebacher aus Bretten, auch die Cousine Frieda Kahn (geboren 4. Juli 1875) mit ihren vier Kindern Berta (geboren 9. Februar 1900), Gertrud (geboren 22. März 1901), Gerhart (geboren 14. Juni 1902) und Selma (geboren 16. Oktober 1903); Gerhart Kahn befand sich am Deportationstag im Psychiatrischen Krankenhaus in Wiesloch und wurde von dort deportiert.
Über die Deportation, über die Ankunft im Lager Gurs, über die miserablen Lebensbedingungen, über die unsäglichen hygienischen Verhältnisse, über den Hunger ohne Ende, über das Sterben hunderter, insbesondere alter Menschen an Erschöpfung und an Krankheiten ist an anderer Stelle und von zahlreichen Autoren in Erlebnisberichten und Büchern geschrieben worden. Das soll hier nicht wiederholt werden.

Wir wissen nicht, in welchem Lagerbezirk (Ilôt) Moses Flegenheimer und in welchem seine Frau Betty einquartiert wurden. Wir wissen auch nicht, wann und wie sie sich sehen konnten und welche Kontakte sie zu anderen Karlsruhern, die sie kannten, hatten, ebenfalls nicht, ob sie die Möglichkeit hatten, Briefe zu schreiben und Briefe zu erhalten, und falls doch, ob diese erhalten blieben und bei wem. Moses Flegenheimer starb am 12. Dezember 1940, kaum sechs Wochen nach Ankunft im Lager, an Typhus, eine Typhus-Epedemie grassierte zu dieser Zeit im Lager aufgrund der völlig desolaten hygienischen Verhältnisse. Als er nach Gurs kam, war er, obwohl schon im 71. Lebensjahr, von stabiler Gesundheit.

Betty Flegenheimer wurde am 20. Januar 1942 von Gurs in das (Alten-)Lager Noé (bei Toulouse.) verbracht, von hier aus fünf Monate später, nämlich am 22. Juni 1942 in das Lager Récébédou (ebenfalls bei Toulouse). Vermutlich am 24./25. August 1942 (das genaue Datum ist nicht aktenkundig) wurde sie in das Sammellager Drancy bei Paris verbracht. In der Wiedergutmachungsakte befindet sich der Hinweis auf ein letztes Lebenszeichen von ihr, eine Karte, eine Brief, vielleicht schnell noch „hingekritzelt“, vom 27. August 1942. An wen dieser Gruß ging und wer dieses Schriftstück in Empfang nahm und weiterleitete, ist nicht überliefert. Wahrscheinlich war eine der Aktivistinnen von einer der Hilfsorganisationen, die – konspirativ – sich Zugang zum Lager Drancy verschafften, hier tätig, möglicherweise die wunderbare Andree Salomon von der OSE, die so vielen geholfen hat, sogar Leben retten konnte. Von Drancy wurde Betty Flegenheimer am 28. August 1942 mit dem Transport Nr. 25 nach Auschwitz deportiert. Der Transport umfasste 1 000 Personen, davon wurden bei Ankunft 929 sofort vergast, darunter auch alle 288 Kinder und sämtliche Männer, 71 Frauen wurden zur Arbeit selektiert, von denen 8 überlebten. Betty Flegenheimer war nicht unter ihnen. Immerhin wurde den Erben im Wiedergutmachungsverfahren nach dem Kriege konzediert, dass Betty Flegenheimer eventuell doch nicht gleich bei Ankunft ermordet wurde, sondern noch einige Zeit im Lager gelebt haben könnte, denn es wurde eine Haftentschädigung bis 31. Januar 1945 (27. Januar 1945 Befreiung des KZ Auschwitz durch die Rote Armee) geleistet.

Zur Familie Kahn ist zu vermerken, dass es über keines der Familienmitglieder eine Wiedergutmachungsakte gibt, so dass es über die einzelnen Familienmitglieder kaum Informationen gibt. Wir wissen lediglich, dass Frieda Kahn geborene Flegenheimer, von Gurs zu einem nicht bekannten Datum, ob auf direktem Weg oder über ein anderes Lager ist ebenfalls nicht bekannt, in die Psychiatrische Anstalt in Lannemazan (ca 100 km südwestlich von Toulouse) kam und dort am 11. September 1942 starb. Ebenfalls nach Lannemazan kam ihr Sohn Gerhart, möglicherweise zusammen mit der Mutter, und starb hier am 4. Mai 1942.
Gertrud Kahn und ihre Schwester Selma kamen zu einem nicht bekannten Datum von Gurs, entweder direkt oder über ein anderes Lager, nach Drancy und von dort gemeinsam am 2. September 1942 mit Transport Nr. 27 nach Auschwitz. Der Transport umfasste 1 000 Personen; 877 wurden bei Ankunft sofort vergast, 10 Männer und 113 Frauen wurde an der Rampe zur Arbeit selektiert, 30 überlebten das KZ, Gertrud und Selma Kahn waren nicht darunter. Aber es ist immerhin denkbar, dass sie zu denjenigen gehörten, die selektiert wurden, sie waren zu dieser Zeit erst 39 bzw. 41 Jahre, und vielleicht doch noch einige Monate gelebt haben, bevor sie starben oder ebenfalls ermordet wurden. Von Bertha Kahn sind keine Informationen bekannt, ihr Name befindet sich in keiner Transport- und keiner Opferliste, vielleicht hat sie doch überlebt?

Sofie Erlebacher, Moses Flegenheimers Schwester, kam von Gurs in das Lager Récébédou und von hier nach Drancy – die Daten sind nicht bekannt - und von hier am 28. August 1942 mit Transport Nr. 25, zusammen mit der Schwägerin Betty Flegenheimer, nach Auschwitz.

(Wolfgang Strauß, Dezember 2010)