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Simon Fisch, 1919

Personendaten

Simon Fisch

Nachname: Fisch
Vorname: Simon
Geburtsdatum: 14. Juni 1875
Geburtsort: Tarnobrzeg (Österreich-Ungarn, heute Polen)
Familienstand: verheiratet
Eltern: David Ichel (?-1906) und Gundel (?-30.4.1918), geb. Fischmann, F.
Verwandtschaftsverhältnis: Ehemann von Scheindel F.;

Vater von Myryan Sara (1907-1907) und David
Adresse: Rüppurrer Str. 20, 1901 von Tarnow nach Karlsruhe
Beruf: Kaufmann, An- und Verkaufhändler
Emigration: 1939 nach Belgien (Belgien) Antwerpen
Deportation: 24.11.1942 nach Malines (Mechelen) (Belgien)
15.1.1943 nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Familie Fisch

Simon und Scheindel-Ciwie Fisch mit Sohn David

Simon Fisch, geboren am 14. Juni 1875, Sohn des Gastwirts Chaim David Ichel Fisch und der Hendel (auch Gundel, Hindel) geborene Fischmann,1 kam in dem westgalizischen Städtchen Tarnobrzeg am rechten Ufer der Weichsel, im Bezirk Lemberg im Karpatenvorland, zur Welt.

Tarnobrzeg, eigentlich Dzików, war ein industriell geprägtes regionales Zentrum Österreich-Ungarns, mit Schwefelminen, an der Staatsbahnlinie Dębica-Rozwadów gelegen. Der alte Name Dzików wurde durch den Einfluss der einheimischen Grafenfamilie Tarnów zu Tarnobrzeg, ist aber bis heute geläufig. Tarnobrzeg-Dzików hatte im Jahr 1890 3.517 Einwohner/innen, davon waren 2.840 jüdisch. Neben der streng orthodoxen Gemeinde gab es verschiedene Richtungen: Bundisten, religiöse Zionisten (Misrachi) und linksgerichtete Zionisten (z.B. Hashomer Hatzair). In den galizischen Städten der Donaumonarchie gab es etliche Zeitungen und kulturelle Vielfalt. Außer dem jüdisch-deutschen Idiom war dort die polnische Sprache relativ verbreitet, teilweise wurde auch Hochdeutsch gesprochen.

Wir wissen von einem Bruder, Reuven (Robert), geb. 10. Oktober 1877 in Tarnobrzeg, einer Schwester Fejga (Feige), geb. 10. September 1884 im selben Ort, und einer weiteren Schwester, Perla.2 Der Name Fisch lässt sich aus einer metonymischen Redeweise herleiten: Jakob segnet seine Söhne Efraim und Manasse,3 „im Lande sollen sie sich tummeln, zahlreich wie die Fische im Wasser“. Die Verknüpfung von Efraim und Fisch(el) ist traditionell, ganz ähnlich wie Binjamin und Wolf oder Jehuda und Löwe. D.h. ein Vorfahr Efraim kann für den Familiennamen Fisch Pate gestanden haben, als ab dem späten 18. Jahrhundert die alte patronymische Namensgebung von festen Familiennamen überlagert wurde.

Die im Umkreis der Familie Fisch maßgebende chassidische Gruppierung wurde von der Ropshitz-Dzików-Dynastie geführt, die als bescheiden und unprätentiös galt. Ihr Begründer war Elieser ben Naftali Tsvi Horowitz (1821-1860), Sohn des weithin bekannten Ropshitzer Rebben, Naftali Tsvi ben Menahem Mendel Horowitz (1760-1827), einem Gefolgsmann des Baal Shem Tov.
Eliesers Sohn Meir Horowitz (1819-1877), Autor von „Imrei Noam“, wurde der zweite Dzikówer Rebbe und wurde auch als Tzadik verehrt.
Sein Sohn Joshua Horowitz (vermutlich 1847-1912), Autor von „Ateret Yehoshua“, trat als dritter Rebbe von Tarnobrzeg-Dzików dessen Nachfolge an. Joshuas Bruder Jechiel Horowitz (1850-1928) war ebenfalls Rabbiner, und zwar in Pokrzywnica und in Tarnów. Auch Jechiels Sohn Naftali (gestorben 1931) hatte in Tarnów das Rabbineramt inne. Auch Raw Joshuas Sohn Alter Yechezkel Eliyahu Horowitz (1879-1943) amtierte später in Tarnów.

Denkbar, dass die Fischs ihrem Rebben in die 90 km entfernte, auf halbem Weg nach Krakau gelegene Stadt Tarnów folgten, denn geboren wurden Simon und Reuven in Tarnobrzeg, einige Jahre vor der Jahrhundertwende muss die Familie aber bereits in Tarnów gelebt haben.

Im Juni 1901 übersiedelte Simon Fisch von dort nach Karlsruhe. Die Motive für diese Migration nach Westen sind nicht überliefert. Unter dem Eindruck der frühen Pogromwellen in Russland und der Ukraine und angesichts von Armut und Lebensmittelknappheit wanderten manche junge Jüdinnen und Juden zunächst nach Westeuropa aus, um eine Schiffspassage z.B. ab Hamburg, Rotterdam oder Antwerpen zu bekommen, meist mit dem Ziel (Nord-)Amerika.

Simon Fisch musste 1904 noch einige Monate K.u.K.-Militärdienst auf österreich-ungarischem Gebiet leisten, bis er aus gesundheitlichen Gründen dort ausschied. Die frühen Jahre in Karlsruhe lebte er offenbar in einfachen Verhältnissen zur Untermiete, denn erst 15 Jahre (!) nach Zuzug erscheint seine Familie im Adressbuch von 1916 mit eigener Anschrift, Einwohnermeldeunterlagen existieren nicht mehr.4 In den Anfangsjahren wohnte er aber mit Scheindel-Ciwie nachweisbar für einige Zeit in der Steinstraße 19.5 Zum Broterwerb war Simon „Handelsmann“,6 das heißt – nach den Angaben auf seinem Wandergewerbeschein – Hausierer in „Ellen-, Weiß- und Galanteriewaren, Hutwaren, Hosenträgern, Seifen. Transportmittel: Karton.“7
Ellenwaren sind Stoffe oder Materialien, die per Elle (etwa: Unterarmlänge) verkauft werden; Weißwaren sind Artikel aus ungefärbter Baumwolle, wie Leib- oder Bettwäsche, Gardinen oder auch Stickereien; Galanteriewaren sind z.B. Bänder oder Tücher zum „Putz“ und Schmuck.

Simon schloss im September 1906 in Karlsruhe mit Scheindel Ciwie geborene Narzisenfeld standesamtlich die Ehe. Nach religiösem Ritus bereits zuvor getraut, konnten sie sich da bereits längst als rechtmäßig verheiratetes Ehepaar fühlen. Die Frau war am 30. Januar 1885 im österreichisch-ungarischen Przeworsk im Karpatenvorland geboren.8 (Die Schreibung variiert, es heißt auch: Scheindla Cywie bzw. Narcisenfeld, Narciszenfeld, Narzissenfeld). Der Vorname Ciwie (Zivia) geht auf 2. Buch der Könige 12,2 zurück.

Die standesamtliche Trauung bedeutete im damaligen Deutschland sicherlich Bürgerrechte auch für die Kinder und ein Stück weit Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft. Bei orthodoxen und konservativen Juden kommt die Ehe durch die Ketuba, einen schriftlichen Vertrag zwischen den Eheleuten zustande; in einem festlichen Ritual treten dann die Brautleute unter die Chuppa, den Trau-Baldachin, der unter freiem Himmel aufgespannt wird. Ein Rabbiner leitet oft die Zeremonie.

Die Eltern der jungen Ehefrau waren Abraham Englard und Necha geborene Narciszenfeld. Daher wird Scheindel Ciwie in dem Einbürgerungsantrag ihres Ehemanns auch als geborene Englard angesprochen,9 genau wie ihre im selben Haus Rüppurrer Str.aße 20 wohnende Schwester Sima verheiratete Mahler. Das lag offenbar daran, dass der eheliche Status ihrer Eltern verschieden beurteilt wurde – eben nach jüdischem Recht verheiratet, aber nicht standesamtlich.

Gut möglich, dass die Herkunftsfamilie der beiden Schwestern Scheindel und Sime schon früher Kontakt zur Familie Fisch hatte. In Tarnów finden wir 1936 in einem Verzeichnis polnischer Postbankkonten 1936 im New Yorker Institute for Jewish Research: „Fisch, Majer, Sklad towarów korzennych („Gewürzwaren“?), Lwowska 15“ und „Narcizenfeld, Jakób, Waska 9“,10 vielleicht dort gebliebene Verwandte.

1906 verstarb Simons Vater Chaim David Ichel Fisch in Tarnów. Es wird nicht lange danach gewesen sein, dass die Witwe, Hendel (Gundel) geborene Fischmann, nach Karlsruhe zuzog.

Am 4. August 1907 kam Mirjam Sara zur Welt, unseres Wissens die Erstgeborene. Am 14. Dezember 1907 starb das nur vier Monate alte Kind und wurde am 16. auf dem Neuen Friedhof an der Haid-und-Neu-Straße begraben.11

Am 6. Januar 1909 wurde David Ichel (Jechiel) geboren; er trug traditionsgemäß den Vornamen seines Großvaters.12

Simon Fischs Mutter lebte einige Jahre mit im Haushalt der Schwiegertochter in der Rüppurrer Straße 20; sie starb am 15. April 1918 in Karlsruhe im Alter von 75 Jahren. Wie ihre kleine Enkeltochter wurde sie auf dem regulären Teil des Neuen Friedhofs an der Haid-und-Neu-Straße begraben.13 Das deutet darauf hin, dass sich die Familie offenbar rechtlich nicht der Austrittsgemeinde anschloss, auch wenn sie aus einem orthodoxen Umfeld kam.

Wichtig war sicherlich ein zu Fuß erreichbarer Minjan, denn am Vor- und am Nachmittag wird gebetet, und am Schabbat ist das Fahren nicht erlaubt. Hierfür gab es die private Bet- und Lernstube des aus Tarnów stammenden Händlers Naftali Bogen gegenüber in der Wielandtstraße 10. Seit 1915 war er mit Simons Schwester Feige verheiratet. Das Ehepaar hatte einen 1906 noch in Tarnow geborenen Sohn, Chaim Ichel. (Über Familie Bogen gibt es eine eigene Biografie im Gedenkbuch.)

Simon Fisch stellt 1919 für sich und seine Familie einen Einbürgerungsantrag, der noch im selben Jahr positiv beschieden wurde. Daraus geht hervor, dass seine wirtschaftlichen Verhältnisse bescheiden, aber stabil waren. Am 15. Dezember 1919 sind Simon Fisch samt Ehefrau und Sohn badische und damit deutsche Staatsbürger.14

Von Ende 1915 bis Herbst 1938 wird die Familie mit Adresse Rüppurrer Straße 20, H. II genannt (d.h. Hofgebäude, 2. Stock, also 1. Obergeschoss). Laut Adressbuch 1922 lebten folgende Nachbarsfamilien im Häuserquarrée Nr. 20: Max Gewürz, Baruch Hackel, Isaak Herzig, Mayer Weiss und nicht zuletzt: Sender Mahler, der Schwager mit seiner Frau Sima, Scheindels Schwester.

Das nunmehr einzige Kind David Ichel wuchs in Karlsruhe auf, Näheres aus seiner Jugendzeit ist nicht belegt. Erst der 21-jährige taucht wieder in den Akten auf:

Die Polizeibehörde in Berlin gibt nämlich dem Justizministerium in Brüssel (Abteilung Öffentliche Sicherheit) auf Anfrage am 29. April 1939 die Auskunft, der Kontorist – d.h. Angestellte einer Handelsgesellschaft – David Fisch sei von 1. August 1930 bis 1. Januar 1939 in Berlin gemeldet gewesen.15 Über die Gründe, warum er 1930 nach Berlin gegangen war, lässt sich wenig sagen. Vielleicht gab es dort Verwandte oder eine Braut; zu einer Eheschließung kam es allerdings nie.

Im Dezember 1933 hatte die neue Naziregierung bereits üble Folgen für Familie Fisch. In Karlsruhe wurde die Einbürgerung widerrufen, die Eltern und David waren seitdem staatenlos. Auch der Wandergewerbeschein des Vaters wurde eingezogen.16

Über Davids Lebensumstände in Berlin wissen wir nicht viel. Zuletzt wohnte er im Bezirk N 58, Weißenburger Straße 28,18 wie aus der Auskunft der Polizeibehörde Berlin nach Brüssel im April 1939 hervorgeht. Im selben Haus sind im Berliner Adressbuch unter anderen genannt: W. Altmann, Arbeiter; A. Lewandowski, Schokoladengroßhandlung; P. Goldmann, Kaufmann; W. Schlesinger, Rentenempfängerin. Das Haus gehörte einem Kaufmann W. Hammel.19 Im Adressbuch erscheint David nicht, er wohnte vielleicht zur Untermiete. Die Straße, mitten im heutigen Szeneviertel Prenzlauer Berg gelegen, heißt inzwischen Kollwitzstraße, weil zu David Fischs Zeit in Nr. 25 Käthe Kollwitz wohnte.

Die Schikanen gegen die jüdischen BürgerInnen eskalierten ab 1933 und gipfelten in den Novemberpogromen 1938. Jüdische Männer aus dem Raum Berlin wurden in den Tagen danach in das KZ Sachsenhausen gebracht und unter Druck gesetzt, das Land zu verlassen. David Fisch konnte sich dem entziehen, er war nicht unter den Verhafteten.

Der gerade 30-jährige, unverheiratete David flüchtete am 15. Dezember 1938 aus Berlin, hielt sich kurze Zeit in Köln auf20 und meldete sich am 5. Januar 1939 in Antwerpen als politischer Flüchtling aus Deutschland an, wie er am 26. Juli 1939 in einem Fragebogen in Antwerpen angab. Er begründete „J'ai été persécuté et recherché par la Gestapo. J'ai dû m'enfuir pour éviter le camp de concentration“. Er gab zu Protokoll, in die USA auswandern zu wollen; er sei im Besitz eines Affidavits (d.h. einer Bürgschaft von dortigen Verwandten) und verfüge über genügend Mittel für den Unterhalt – dies war wichtig, weil ein Flüchtling damals zunächst keine Arbeitserlaubnis bekam. Im April 1939 war sein Wohnsitz Lange Leemstraat 323 in Antwerpen.

David Fisch war ohne Pass und ohne Visum nach Belgien eingereist, beigebracht wurde aber ein Auszug aus dem Karlsruher Geburtsregister und eine Postausweiskarte (eine Karte u.a. zum Abholen postlagernder Sendungen) mit Lichtbild, ausgestellt Berlin, Juli 1938.21

Im Frühjahr 1939 befanden sich seine Eltern noch in Karlsruhe. Auf der „Ergänzungskarte für jüdische Haushalte“ bei der Volkszählung am 17. Mai 1939 stehen Simon Fisch und Scheindel-Ziwie geborene Narzisenfeld mit dem Wohnsitz Rüppurrer Straße 20, allerdings mit dem später hinzugefügten Vermerk: „Unbekannt abgewandert“.22 Auch die Schwester Feige, verheiratete Bogen, wohnte noch – offenbar alleine – in Karlsruhe, in der Brunnenstraße 3a. Ihr weiteres Schicksal ist noch unbekannt und soll zusammen mit dem der Familie Bogen geklärt werden. –

Die jüdischen Männer über 60 Jahre und Kranke – Simon Fisch war damals 64 – sind einer offiziellen Regelung zufolge im Oktober 1938 nicht wie die Jüngeren in ihr Geburtsland Polen abgeschoben worden.23 Diese Zurückbleibenden unterstanden aber einer schikanösen Überwachung und hatten die Auflage, bis 1. Juli 1939 das Reichsgebiet zu verlassen („Aufenthaltsverbot“).

Die Eheleute Fisch zogen laut einer Gestapoliste im Juli 1939 nach Frankfurt (Main) um,24 wahrscheinlich zu Simons Bruder Robert Reuven Fisch und seiner Ehefrau Berta geb. Guth25. Das Karlsruher Adressbuch 1940, Stand Ende Januar 1940, führt irrtümlich noch „Fisch, Sim. Israel, Rüppurrer Str. 20. H.3“ auf. Das lässt darauf schließen, dass sie zuvor noch in den obersten Stock, wohl in eine kleinere, billigere Wohnung hatten umziehen müssen.

Am 20. Juli trafen die Eheleute Fisch ebenfalls in Antwerpen ein, erste Wohnadresse war nach dem belgischen „Judenregister“ vom 13. Dezember 1940 die Provinciestraat 245.26

Über David lesen wir in einem Fragebogen vom 26. Juli 1939 aus Antwerpen, er sei in Deutschland nicht inhaftiert oder misshandelt worden und sei alleine zu Fuß über die belgische Grenze gekommen. Auf die Frage von Verwandten mit belgischer Staatsangehörigkeit nennt er seine Cousine Rosa Fuks,^27 Provinciestraat No 161, die älteste Tochter der Mahlers aus der Rüppurrer Straße 20. Und wiederum: Er habe Geld aus Amerika für seinen Lebensunterhalt und warte auf die Ausreise dorthin. Die Eltern erwähnt er nicht. Der Kriegsausbruch macht all diese Auswanderungspläne zunichte:

Am 30. November 1939 ist David Fisch noch immer in Antwerpen, in der Walvisstraat 19 gemeldet und wird als Krawattenmacher bezeichnet.28 Damit liegt nahe, dass er auch in Berlin in der vom Vater her vertrauten Textilbranche gearbeitet haben muss.

Zwei Tage nach dem deutschen Einmarsch in Belgien am 10. Mai 1940 wurden ausländische bzw. staatenlose Jüdinnen und Juden, die in Belgien, d.h. vor allem in Antwerpen und Brüssel Unterschlupf gefunden hatten, ungeachtet des geltenden Asylrechts und ungeachtet der Tatsache, dass die meisten von ihnen Flüchtlinge vor den Nazis waren, als „feindliche Ausländer“ verhaftet und über die Grenze nach Frankreich abgeschoben. Die französischen Behörden transferierten diese Abgeschobenen bis Ende Mai in Internierungslager, vor allem in das für spanische Bürgerkriegsflüchtlinge im Jahr zuvor errichtete Lager St. Cyprien an der Mittelmeerküste, nahe der spanischen Grenze. Eins der ersten Gesetze der neuen Vichy-Regierung war das vom 4. Oktober 1940, das die Präfekten ermächtigte, Menschen ohne französischen Pass zu internieren.

Während seine Eltern offenbar zunächst verschont blieben, war David Fisch ab dem 29. Oktober 1940 im südfranzösischen Camp de Gurs.29 Das Lager St. Cyprien war aufgrund der schlechten hygienischen Zustände seit Anfang Oktober 1940 geräumt und die Gefangenen nach Gurs gebracht worden. Die früheren NachbarInnen aus Karlsruhe waren eine Woche zuvor dort eingetroffen. Die Lebensbedingungen in dieser Phase waren von miserabler Versorgung, Chaos und beginnender Kälte geprägt.

Im Sommer darauf, ab 25. Juni 1941 war David als Zwangsarbeiter in Uriage-les-Bains nahe Grenoble in einer französischen Arbeitskompanie („Groupe de Travailleurs Etrangers“). Erst am 1. Oktober 1941 wurde er aus den Akten der Fremdenpolizei Antwerpen „gestrichen“ (letzte Adresse Antwerpen, Walvisstraat 19), da er ohne Angabe einer neuen Adresse abgereist sei. Das stützt die auch anderweitig geäußerte These, dass es auch belgische Zivilbehörden gab, die den deutschen Befehlen nur widerstrebend (mitunter überhaupt nicht) Folge leisteten.30

Von der französischen Polizei werden in der zweiten Augusthälfte 1942 etwa 5.000 vor allem staatenlose bzw. ausländische Jüdinnen und Juden im unbesetzten Süden Frankreichs verhaftet.31 Vielleicht im Zuge solch einer Razzia gelangt David am 25. August 1942 in das Internierungslager „Centre de Séjour Surveillé de Fort Barraux“ im Département Isère in der Region Rhône-Alpes. Diese Zwischenstation dauert nur bis 28. August.32 In den Tagen darauf wird er mit Hunderten anderen über Lyon nach Norden Richtung Paris in das Durchgangslager Drancy verfrachtet.

Im Juli 1942 hatte es auch in Paris eine Massenrazzia ausländischer und staatenloser jüdischer Menschen gegeben („La Grande Rafle du Vel d'Hiv“), die unter schrecklichsten Umständen verlief: Bei glühender Hitze warteten mehrere Tausend Menschen tagelang ohne Wasser in den Hallen einer Radrennbahn. Viele der dort Festgehaltenen kamen ebenfalls nach Drancy. Allein im Zeitraum bis Mitte November 1942 wurden etwa 30.000 Inhaftierte durch das dortige Transitlager geschleust und mit der Eisenbahn nach den Vernichtungslagern im Osten gebracht.33

Das Lager in Drancy nordöstlich von Paris war hauptsächlich ein unfertiger, vierstöckiger Wohnblock, entworfen für einige Hundert, belegt mit bis zu 7.000 Menschen, organisiert von deutschen Besatzungsbehörden und bewacht von französischen Mannschaften, die sich auch durch Habgier und willkürliche Übergriffe hervortaten.34 Die hygienischen Bedingungen in Drancy waren miserabel: „Nachts aufs Klo zu gehen ist verboten. Nur Toiletteneimer [...] durften benutzt werden. Die Eimer laufen über und die Exkremente ergießen sich über die Treppen“, so schreibt ein Häftling, der eine Woche nach David Fisch Drancy verließ.35

David Fisch wurde am 2. September 1942 mit dem 1.000 Personen umfassenden Transport Nr. 27 deportiert. 138 der Passagiere waren unter 18 Jahre alt.36 Die Deportationsliste enthält neben Davids Namen den Zusatz „apatride“, staatenlos. Im selben Zug fuhren auch Henrietta und Gertrud Marx, Ferdinand Hanauer sowie Edith Moos aus Karlsruhe. (Dieser Umstand ist den Arbeiten von Beate und Serge Klarsfeld zu entnehmen. In Le mémorial des enfants juifs déportés de France haben sie die über 11.000 betroffenen Kinder individuell gewürdigt. Dass viele Unterlagen aus Frankreich heute überhaupt zugänglich sind, ist ihnen zu verdanken.)

Dienstbeflissen meldete eine SD-Dienststelle in Paris an das RSHA, Ref. IV B 4 in Berlin, der Zug habe um 8 Uhr 55 den Bahnhof Le Bourget-Drancy verlassen, „mitgegebene Verpflegung wie üblich pro Jude für 14 Tage“.37
Hier dürfte der Beamte sich selbst belogen haben.

Aus vergleichbaren Transporten am 4., 9. und 25. September gibt es Schilderungen: „[Wir werden] in Viehwaggons verladen [...] Es ist kaum Platz sich hinzusetzen, selbst wenn man sich dicht an dicht drängt. [...] Am schwersten waren die Nächte. Alle wollten sich mit Gewalt ausstrecken.“38 „Einzige Luftzufuhr waren kleine vergitterte Öffnungen. Auf dem Boden lag ein wenig Stroh und in einer Ecke standen zwei Eimer. Der eine enthielt Trinkwasser, der andere [...] war für die natürlichen Bedürfnisse vorgesehen.“39 „Hineingestopft wurden sechzig Personen, Männer, Frauen, Kinder, Alte, Kranke, Säuglinge, Kleinkinder. [...] Wir erhielten jeweils einen Laib Brot, ein Stück Wurst und ein Stück Margarine.“41

Es ist ungewiss, ob der 33-jährige David dazu zählte, als in Blechhammer bei Cosel (Blachownia Śląska bei Kędzierzyn-Koźle) im oberschlesischen Kohlerevier etwa 250 arbeitsfähige, jüngere Männer aus dem Zug geholt und in dortige Zwangsarbeitslager gebracht wurden.41

Im etwa 75 km entfernten Auschwitz, wo der Zug am 4. September eintraf, wurden alle übrigen an der so genannten Alten Rampe am Güterbahnhof außerhalb der Stadt abgeladen, von wo aus nach Birkenau gelaufen werden musste (Alte und Mütter mit Kindern wurden mitunter auf Lastwagen verfrachtet).42 Von den Männern erhielten nur zehn bei der folgenden „Selektion“ eine Nummer, um zunächst als Arbeitskraft am Leben zu bleiben. Etwa 30 Personen aus dem gesamten Transport haben den Krieg überlebt, David war nicht darunter.43

Seine Eltern wurden wenige Monate später in Antwerpen, Lange Van Ruusbroecstraat 13 verhaftet und kamen am 24. November 1942 nach der Dossin Kaserne im 25 km südlich von Antwerpen gelegenen „SS-Sammellager für Juden“ Mechelen/Malines. Simon und Scheindel-Ciwie Fisch wurden am 15. Januar 1943 deportiert, in Transport Nr. XVIII mit insgesamt 945 Personen nach Auschwitz-Birkenau. Dass der 15. ein Freitag war, sie also in den beginnenden Schabbat hinein zu einer Reise gezwungen wurden, war sicherlich für tiefreligiöse Menschen wie Ehepaar Fisch eine zusätzliche Kränkung.

Am 18. Januar langten sie bei bitterer Kälte mit insgesamt 1.558 Menschen aus den aus Belgien kommenden Transporten XVIII und XIX an der „Alten Rampe“ an und wurden nach Auschwitz II (Birkenau) gebracht. Die Älteren, Schwachen und Kranken wurden dort sofort ermordet, die Frauen zu fast 90 Prozent.44.

Der Tod von Simon und Scheindel Fisch wurde laut polnischen Unterlagen der Nachkriegszeit im Zeitraum bis 25. Januar 1943 in Auschwitz festgestellt.45 Auch Simons Bruder Robert, dessen Frau Berta und ein zu deren Familie gehörendes, fünfjähriges Kind namens Zwi wurden 1942 aus Frankreich deportiert und starben in der Shoa.46 Zuletzt hatten sie in Antwerpen, Lamorinièrestraat, 16, gewohnt; offenbar geflüchtet nach dem französischen Savigny sous Faye, dann in Poitiers, 20 rue des Gaillards, wurde Robert Fisch dort am 9. Oktober 1942 verhaftet, am 15. nach Drancy gebracht und von dort deportiert am 6. November 1942 in Transport 42.

Im Archiv von YadvaShem gibt es Gedenkblätter, die eines der fünf Kinder von Robert und Berta Fisch verfasste. Dieser David Fisch lebte 1956 in Tel Aviv, Yehoshua Ben Nun Street 48, 1974 im dortigen Stadtteil Ramat Aviv, Andersen Street 10. Bisher konnte noch kein Kontakt zu Angehörigen geknüpft werden, die wir in Israel oder in den USA zu finden hoffen, z.B. auch die amerikanische Familie, die 1939 für David Fisch ein Affidavit ausstellte...

(Christoph Kalisch, Mai 2010)


Anmerkungen:
[1] Auch: Gundel, Hindel.
[2] Tarnobrzeg PSA Births 1889-1901, Lwow Wojewodztwa / Rzeszow Province
(records in Fond 921 in Kielce Archive Sandomierz Branch). Aus: JewishGen Jewish Records Indexing – Poland. Geb. 10.9.1884, wohnte Brunnenstraße 3a (IST/Arch/Transportlisten Gestapo Ordner 26, Seite 19), später Schützenstr. 75 (Adressbuch 1940, “Jüdische Einwohner”).
[3] Genesis 48:16.
[4] Adressbuch 1916 (Stand Ende 1915).
[5] Geburtsregister 1907, Tochter Mirjam Sara.
[6] Hauptstaatsarchiv Stuttgart J 386 Bü 311, S. 44f
[7] Wandergewerbeschein Dez. 1932, Stadtarchiv Karlsruhe 6/BZA 3737.
[8] Przeworsk hier mehrfach und so auch in IST-Gestapoliste.
[9] StadtAK 6/BZA 3737
[10] In: Spis właścicieli kont czekowych w Pocztowej Kasie Oszczędności / c Pocztowa Kasa Oszczędności [Verzeichnis polnischer Postbankkonten 1936/YIVO New York].
[11] Ebenda.
[12] Bei Klarsfeld und in Denkmal Malines falsch: 1900.
[13] Hauptstaatsarchiv Stuttgart J 386 Bü 310, S. 86f. Am 17.4. wurde sie auf dem Neuen Friedhof bestattet, wie Tochter Sara offenbar auf dem regulären Teil (nicht Austrittsgemeinde).
[14] StadtAK 6/BZA 3737.
[15] Belgisches Staatsarchiv Brüssel, Bestand: Police des Etrangers, A338.812, Mitteilung Polizeipräsident Berlin, Meldeamt.
[16] StadtAK 6/BZA 3737.
[17] Ein im Berliner Adressbuch 1933-35 auftauchender David Fisch mit einem Textilgeschäft in der Flotowstr. 7 ist lt. Landesarchiv Berlin A Rep 342-02 Nr. 34619 am 20.1.1904 in Neusandez geboren und hat offenbar überlebt. Es besteht kein erkennbarer Zusammenhang mit David Fisch, Sohn des Simon F. aus Karlsruhe.
[18] Belgisches Staatsarchiv Brüssel, Bestand: Police des Etrangers, A338.812, Mitteilung Polizeipräsident Berlin, Meldeamt.
[19] http://adressbuch.zlb.de/, kumuliert aus Adressbüchern der Stadt Berlin, 1933-38.
[20] So gab er am 26. Juli 1939 in einem Fragebogen in Antwerpen an (ebda).
[21] Belgisches Staatsarchiv Brüssel, Bestand: Police des Etrangers, A338.812.
[22] Bundesarchiv R1509, Ergänzungskarten zur VZ 17. Mai 1939.
[23] IST Ordner 26/Seite 55, 66, 72.
[24] Undatiert, wohl Sept. 1939; IST Ordner 26/Seite 95.
[25] Yadvashem Gedenkblätter eingereicht von seinem Sohn David Fisch, a) Yehoshua bin Nun 48, Tel Aviv, 7/11/1956; b) Rechov Andersen 10, Ramat Aviv, Tel Aviv, 1/2/1974.
[26] Judenregister 13 Dec. 1940, cf Mail L Schram Dezember 2009.
[27] Korrekt: eine Kusine.
[28] Belgisches Staatsarchiv Brüssel, Bestand: Police des Etrangers, A338.812.
[29] cf Mail L Schram Dezember 2009.
[30] Belgisches Staatsarchiv Brüssel, Bestand: Police des Etrangers, A338.812, Mitteilung Polizeipräsident Berlin, Meldeamt.
[31] Serge Klarsfeld (Hrsg.): Die Endlösung der Judenfrage in Frankreich. Deutsche Dokumente 1941-1944. Paris, 1977, S. 137.
[32] "En août 1942, et notamment du 16 au 27, les Juifs étrangers, arrêtés dans la région, sont internés au Fort Barraux [Isère] avant d'être dirigés vers Lyon, le 28, puis déportés à Auschwitz." (http://www.resistance-en-isere.com/Commun/docs/1/Doc155.pdf).
[33] Michel Lafitte: Case Study: The Drancy Camp. In: Online Encyclopedia of Mass Violence, http://www.massviolence.org/The-Drancy-Camp?artpage=2#outil_sommaire_2 .
[34] Maurice Szmidt: Das muss hier wohl die Hölle sein […]. Konstanz: Hartung-Gorre, 2007, S. 39ff. Und bei Klarsfeld, Vichy – Auschwitz. Die “Endlösung der Judenfrage” in Frankreich, passim.
[35] Ebenda, S. 39.
[36] http://www.holocaust-history.org/klarsfeld/French%20Children/html&graphics/T0392.shtml
[37] ernschreiben des SD in Paris an RSHA, Ref. IV B 4 in Berlin, Quelle: http://www.zmo.de/biblio/nachlass/hoepp/02_01_019.pdf .
[38] Ebenda, S. 42.
[39] Paul Schaffer: Le soleil voilé. Paris 2002. http://www.schafferpaul.com/livre%20allemand.htm
[40] Herman Idelovici: Script intégral de son témoignage. Http://pagesperso-orange.fr/d-d.natanson/aron.htm#idelovici2, frei übersetzt C.K.
[41] Serge Klarsfeld: Vichy – Auschwitz. Die Zusammenarbeit der deutschen und französischen Behörden bei der „Endlösung der Judenfrage“ in Frankreich. Nördlingen, 1989, S. 450.
[42] Danuta Czech, Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager auschwitz-Birkenfeld 1939-1945, S. 294f; Le mémorial de la déportation des Juifs de France, hrsg. Serge und Beate Klarsfeld, Paris 1978 und Mail L Schram Dezember 2009.
[43] http://www.memoire-juive.org/liste_convois.htm .
[44] Czech, Kalendarium der Ereignisse, S. 386; Mail L Schram Dezember 2009, vgl. Transportliste, erstellt in Mechelen.
[45] E-Mail, SPF Sécurité Sociale, Service des Victimes de la Guerre, Service Archives et Documentation, Bruxelles, Dezember 2009.
[46] Mail L Schram, Museum Malines (Belgien), Dezember 2009: Zuletzt in Antwerpen, Lamorinièrestraat, 16; offenbar geflüchtet nach dem französischen Savigny sous Faye, dann in Poitiers, 20 rue des Gaillards, wurde Robert Fisch dort am 9. Oktober 1942 verhaftet, am 15. nach Drancy gebracht und von dort deportiert am 6. November 1942 in Transport 42.