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Berta Finkelstein, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Berta Finkelstein

Nachname: Finkelstein
geborene: Lämmle
Vorname: Berta
Geburtsdatum: 14. Mai 1886
Geburtsort: Karlsruhe (Deutschland)
Familienstand: verwitwet
Eltern: Eduard (ca. 1847-1908) und Mina (ca. 1847-1904), geb. Valher, L.
Verwandtschaftsverhältnis: Witwe von Karl F. (1880-1936);

Mutter von Gertrud;

Schwester von Auguste, Elise und Johanna Schapper, geb. Lämmle und Harry
Adresse: bis 1928: Rüppurrer Str. 8
1928-1931: unbekannt, in Taufkirchen, Oberösterreich
Südendstr. 8b
1938: Kronenstr. 51
1940: Körnerstr. 51
Schule/Ausbildung: Höhere Töchterschule
Emigration: 1935 nach Österreich (unbekannt) Baden b. Wien, bis Juni 1938
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
10.8.1942 von Drancy nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Bertha Finkelstein

Berta Finkelstein, geborene Lämmle, wurde am 14. Mai 1886 in Karlsruhe geboren.

Ein Foto aus dem Jahr 1938 auf ihrer Kennkarte - Vorläufer des heutigen Personalausweises - zeigt Berta Finkelstein im Alter von 52 Jahren. Der tiefernste Ausdruck in den Augen lässt erahnen, wie viel Gedanken und Erleben sie zurückdrängen musste. Die Personalien sind mit dem diskriminierenden Aufdruck „J“ für Juden überstempelt; ihrem eigentlichen Vornamen Berta wurde zwangsweise noch „Sara“ gemäß der „Zweiten Verordnung zur Durchführung des Gesetzes über die Änderung von Familiennamen und Vornamen“ vom 17. August 1938 hinzugefügt, eine Demütigung. Einzig auf der beiliegenden Karteikarte zur behördlichen Abfrage nach ihren Qualifikationen hatte sie selbst die Angabe „frühere Töchterschule“ eingetragen; dazu Kenntnisse in der Hauswirtschaft „für den Hausgebrauch“.
Ihre Eltern hatten in Karlsruhe ein Geschäft aufgebaut, ein eigenes Haus in der Kronenstraße erworben. Wie Berta Finkelstein ihre Kindheit und Jugend im Elternhaus mit ihren vier Geschwistern verbrachte, ist nicht bekannt.

Berta Finkelstein heiratete ihren Mann Karl Finkelstein am 7. Dezember 1912 in Karlsruhe. Zwei Jahre später, am 3. Februar 1914 wurde die einzige Tochter Gertrud geboren. Ihr gelang es später noch rechtzeitig zu fliehen. Aus dem langen Verfahren der so genannten Wiedergutmachung in den 1950er Jahren sind von ihr einige Berichte überliefert, die Informationen zur Familie geben. Auch ihren Nachfahren hat sie aus der Geschichte ihrer Familie erzählt, die diese Erinnerungen lebendig halten.
Unsere Nachforschungen konnten anhand noch überlieferter Aktenstücke einige wenige Lebensstationen und -wege freilegen.

Zur Familie des Ehemannes Karl Finkelstein
Berta Finkelsteins Ehemann Karl Finkelstein war am 6. März 1880 in Russland, in Basalie in Wolhynien geboren worden – es ist anzunehmen, dass dieses Geburtsdatum wie das anderer Familienmitglieder aus Russland sich auf den alten julianischen Kalender bezieht. Er hatte fünf Geschwister: die um 1866 geborene Schwester Nechama (Anna), den um 1867 geborenen Bruder Maier, den 1871 geborenen Bruder Bernhard, die bereits 1877 verstorbene Schwester Shaja Ida, sowie die Schwester Sara, 1878 geboren; die Eltern waren russische Staatsangehörige. Karl Finkelsteins Vater Isaak (auch Itzko) stammte bereits aus Wolhynien, aus Schumsk. Mutter Bertha war die Tochter des Gutsbesitzers Jakob Moses Salzberg im wolhynischen Konstantinow. Bis zum Alter von vier Jahren wuchs Karl Finkelstein in Basalie auf, dann verzog die elterliche Familie nach dem väterlichen Herkunftsort Schumsk. 1892 gingen die Eltern mit ihren minderjährigen Kindern Bernhard, Karl und Sara sowie Nechama schließlich nach Deutschland, nach Karlsruhe, der älteste Sohn Mayer blieb in Russland. Da war Karl Finkelstein 12 Jahre alt. Der Grund für das Weggehen aus Russland lag in den damals stattgehabten antijüdischen Pogromen im Land. Vater Isaak war bereits in Russland Milchhändler gewesen, nun aber mittellos nach Karlsruhe gekommen.
Es möchte einem fast unwillkürlich die Assoziation zu Scholem Aleichums chassidischen Geschichten von 1894 zum Milchhändler Tevje einfallen, aus denen 1964 das weltbekannte Musical „Anatevka“ oder bekannt auch als „Fiedler auf dem Dach“ entstand. Doch Isaak Finkelsteins Weg war am Ende ein anderer als der von Tevje. Auch soll Isaak Finkelstein nach Erinnerung in der Familie nicht sehr religiös gewesen sein.
Mit zähem Fleiß und durch harte Arbeit gelang es Isaak Finkelstein, in Karlsruhe wieder einen Milchhandel aufzuziehen, der die fünfköpfige Familie ernährte. Dazu war er sich nicht zu schade, täglich den weiten und beschwerlichen Weg nach Hohenwettersbach zurück zu legen, um vom Gut des Freiherrn Schilling von Cannstatt die Milch nach Karlsruhe zu bringen, sie anschließend per Fahrrad auch zu Einzelkunden zu bringen. Schließlich gelang es ihm, in der Rintheimer Straße 10 neben der Milchhandlung eine Milchkuranstalt aufzubauen, bis zu 35 Kühe standen im Stall. Später zog er noch einen Holzhandel auf und starb 78-jährig am 23. Oktober 1922 als wohlhabender Privatier; Ehefrau Berta und Karl Finkelsteins Mutter war bereits mit 69 Jahren am 30. Dezember 1914 verstorben.
Die Söhne traten in die Fußstapfen des Vaters, gingen dann einen anderen Weg. Der ältere Bernhard machte sich zur Jahrhundertwende zuerst selbstständig. Er erfasste offenbar rasch die Richtung der sich ändernden Zeiten und statt Milchhandel und -kur setzte er in dem binnen kurzer Zeit zur Groß- und Industriestadt gewordenen Karlsruhe auf die immer stärker nachgefragte industrielle Lebensmittelproduktion: Er baute eine umfangreiche Eis- und Sodawasserfabrikation auf, zunächst bei seinem Wohnhaus in der Zähringerstraße 28, später in der Rintheimerstraße 4, nachher Nummer 12. Er vergrößerte und vertrieb auch die Getränke bestehender Brunnenbetriebe, die sich einen Markennamen sicherten wie Griesbacher und Teinacher. Der jüngere Bruder Karl trat in das Geschäft ein und erwies sich als ebenso wenn nicht noch geschäftstüchtiger als der Bruder durch seine späteren zahlreichen Unternehmensbeteiligungen.
Isaak Finkelstein hatte 1900 die Aufnahme in den badischen Staatsverband beantragt, wollte also deutscher Staatsbürger werden. Dies war nicht einfach, da durch seine quasi Flucht keine Papiere vorhanden waren. Letztlich wurde ihm die Einbürgerung nicht gewährt. So stellten Bernhard und Karl Finkelstein eigene Anträge. Bernhard Finkelstein wurde tatsächlich die Einbürgerung gewährt. Bei Karl Finkelstein hingegen gab es zunächst die gleichen Probleme wie beim Vater, mehrfach wurde die Anerkennung versagt, mit der Begründung, dass der Heimatschein des Vaters aus Schumsk fehle. Tatsächlich gab es aber auch die unausgesprochenen Bedenken des Staates, einen nicht ausreichend vermögenden Neubürger aufzunehmen. Denn 1900/1902 stuften die Behörden die reale Teilhaberschaft – so auch offiziell seit 1901 im Handelsregister eingetragen - des noch ledigen Karl im gemeinsamen Geschäft nur als unselbstständige Tätigkeit mit geringem Einkommen ein. Auf den zum Ablehnungsbescheid 1903 ergangenen Widerspruch Finkelsteins hielt noch der Polizeikommissär Obermann in einer neuerlichen Erhebung fest, dass Karl Finkelstein beabsichtige, sich „in Bälde mit einer vermögenden Dame deutscher Abstammung zu verehelichen und ist dieses der eigentliche Grund seines Gesuches um Aufnahme in den badischen Staatsverband“. Im Polizeipräsidium wurde dazu am Rande vermerkt: „Soll die ‚vermögende Frau’ vorher [vorher unterstrichen] heiraten, dann wird auch die Naturalisation erfolgen können!“
Wie aus einem in der Akte zum Staatsbürgerschaftsantrag zu entnehmenden Schreiben hervorgeht, handelte es sich bei der „Dame“ um Johanna Sommer, Tochter des Landwirtschaftsproduktenhändlers Jakob Sommer aus Weinheim, der bereits mit „Schwiegervater“ unterzeichnend eine Mitgift von 20.000 Mark am „Tage der Civiltrauung“ versprach. Es kam tatsächlich zur Heirat und am 1. Dezember 1905 wurde dem Ehepaar die Tochter Ister Irma in Karlsruhe (sie ging 1927 in die USA) und am 27. Mai 1907 David Kurt geboren (er verstarb bereits 1938 in Wiesloch). Doch die Ehe hielt nicht lange. Johanna zog 1909 zurück zu den Eltern nach Weinheim, und die Ehe wurde offiziell vor dem Landgericht Karlsruhe am 14. Februar 1912 geschieden.

Familie Lämmle
Bald nach seiner Scheidung, im selben Jahr, heiratete er wie bereits genannt Berta Lämmle. Sie stammte, wie die Familie Finkelstein, aus einfachen Verhältnissen, doch war es ihr als Frau entsprechend der Zeitumstände gar nicht möglich, einen Aufstieg aus eigenem Antrieb anzustreben. Ihre Eltern waren zum Zeitpunkt der Heirat bereits beide verstorben. Mutter Mina im Alter von 57 Jahren am 25. November 1904 und Vater Eduard mit 61 Jahren am 12. Juli 1908. Ihr Vater Eduard Lämmle war der Sohn des Buchbinders Hirsch Lämmle aus Rülzheim in der Pfalz. Er hatte die Möglichkeiten der Emanzipation der Juden seit der Reichsgründung und den industriellen Aufschwung genutzt und war von der kleinen pfälzischen Landgemeinde in die Großstadt Karlsruhe gezogen. Als Kaufmann versuchte er sich in verschiedenen Handelsgeschäften, Einzelheiten sind nicht mehr nachvollziehbar. Doch scheint er sich schließlich erst als Möbelhändler ab etwa 1898 etabliert zu haben, in Verbindung mit einem Teilhaber, der das Möbelgeschäft Levy & Lämmle in Baden-Baden betrieb, während Eduard Lämmle für den Filialbetrieb in Karlsruhe verantwortlich war. Dadurch konnte Eduard Lämmle sein kleines Geschäft aus den Randlagen im Karlsruher „Dörfle“ in das Zentrum in die Kaiserstraße legen.
Bertha war das jüngste von fünf Geschwistern. Zuerst war Bruder Harry 1876 geboren, dann Schwester Johanna 1882, Schwester Elise 1883, danach Schwester Auguste 1884. Der älteste Bruder Harry eröffnete zusammen mit Schwester Auguste das Geschäft Geschwister Lämmle, Reiseartikel und Lederwaren. Schwester Elise führte derweil den Haushalt der beiden Geschwister, alle drei blieben unverheiratet. Nur die Schwester Johanna und Bertha, heirateten.

Das Leben von Berta und Karl Finkelstein
Bei der Heirat mit Berta war Karl Finkelstein längst ein sehr erfolgreicher Kaufmann geworden, hatte sich noch vor dem Ersten Weltkrieg selbstständig gemacht und betrieb mehrere Geschäfte, neben der bereits genannten Getränkefabrikation auch einen Kohle- und Holzhandel und vor dem Ersten Weltkrieg wurde er der hiesige Vertreter der „Deutschen Petroleumsgesellschaft mbH“, die einen Vertrieb im Karlsruher Rheinhafen hatte. Der Handel in Öl bedeutet schon seinerzeit ein äußerst lukratives Einkommen.

Tochter Gertrud ist der Wohlstand der Familie in guter Erinnerung geblieben. Dem Vater gehörten schließlich weitere Geschäfte wie eine Schiffsfirma, Finkelstein & Hansel (doch konnte hierüber nichts in Erfahrung gebracht werden), mehrere Wohn- und Geschäftshäuser in Karlsruhe, aber auch ein Anwesen im oberösterreichischen Taufkirchen. Sie erinnert sich auch an Rennpferde, die der Vater dort im Stall hatte und in Wien an Pferderennen teilnehmen ließ. Die Familie besaß auch ein Automobil, so dass Karl Finkelstein sicherlich zu den ersten und wenigen Automobilbesitzern in Karlsruhe gehörte. Gertrud selbst bekam zu ihrem 18. Geburtstag einen weißen Bugatti mit roten Ledersitzen geschenkt. Es scheint aber auch, dass die Geschäfte mit einem gewissen Risiko behaftet waren, so kam es 1923 vor dem Landgericht Karlsruhe zu einem Verfahren gegen Karl Finkelstein und seine Geschäftspartner, wegen „unerlaubter Ausfuhr“. Was daraus wurde, bleibt nicht mehr nachvollziehbar, jedenfalls kam es nicht zu einem geschäftlichen Einbruch. Zwischen 1928 und 1931 verlegte die Familie ihren Wohnsitz ganz nach Taufkirchen in Österreich. Unsere Nachforschungen dort blieben ohne Ergebnis, umfangreiche Geschäftsbeziehungen in Österreich sind aber anzunehmen. Nach Österreich scheint die Familie Finkelstein insgesamt Beziehungen gehabt zu haben, da dort später auch ein Neffe von Karl Finkelstein lebte; doch näherer Aufschluss ließ sich dazu nicht gewinnen. 1931 kamen Karl und Berta Finkelstein wieder nach Karlsruhe zurück.
Die Familie unternahm viele Reisen in Deutschland, aber auch nach Frankreich, Österreich und in die Schweiz. Dort in Lausanne, besuchte Gertrud auch ein privates Internat. Nach ihrer Reifeprüfung studierte sie, wie sie berichtet, 1932/33 ein Jahr lang Medizin in Hamburg, musste die Hochschule dann aber infolge der NS-Politik die Juden vom Besuch der Universität ausschloss, verlassen.

Somit ergibt sich ein Bild, dass Berta und Karl Finkelstein bis zur Machtergreifung Hitlers 1933 ein aufgeschlossenes, geselliges Leben in äußerst guten Verhältnissen geführt haben.

Waren mit Isaak Finkelstein und seiner fünfköpfigen Familie 1892 die ersten Finkelsteins nach Karlsruhe gekommen, so lebten vor 1914 bereits drei Familien hier. Neben Bernhard und Karl Finkelsteins Familien war schließlich 1913 auch der älteste Bruder von deren Vater Isaak, nämlich Maier Finkelstein aus Odessa mit seiner Ehefrau Scheindel (geboren um 1870) und den Söhnen Wolf (1891 in Odessa geboren) und Idel (1894 in Odessa geboren) nach Karlsruhe gekommen. Er war zur Zeit als sein Bruder Isaak Schumsk verlassen hatte, stattdessen nach Odessa in die Handelsmetropole am Schwarzen Meer gegangen und hatte es als mehrfacher Hotelbesitzer zu Reichtum gebracht. Doch ging er schließlich bankrott, beging mit 42 Jahren Selbstmord. Seine Witwe lebte ab 1913 mit den beiden Söhnen in Karlsruhe. In der Erinnerung der Familie waren ihre Lebensumstände mit den finanziellen Einschränkungen der Witwe weit weniger angenehm.

Gertrud Finkelstein hat aus ihrer Erinnerung angegeben, dass der Vater Karl 1934 wegen Hitler-kritischer Bemerkungen verhaftet worden sei. Er sei im Gefängnis geschlagen worden und habe davon Nierenprobleme zurück behalten. Das Schicksal der KZ-Haft sei ihm aber erspart geblieben. Nach der Gestapo-Haft wieder entlassen, soll die Familie 1934/35 auf einen Wink eines Polizeibeamten vor erneuter Verhaftung aus Karlsruhe geflohen sein. Gertrud berichtete dazu, wie sie nach einer Fahrradtour nach Hause gekehrt sei, die Mutter die Tür geöffnet habe und ihr bedeutete, dass sie sofort zu fliehen hätten. Alle Sachen waren bereits gepackt.
Über diese berichteten Vorgänge konnte kein näherer Aufschluss gewonnen werden, jedenfalls war es nicht typisch für das Schicksal von Juden zum damaligen Zeitpunkt. Nachweislich verlassen hatte die Familie Karlsruhe und wohnte stattdessen in Baden bei Wien, wie aus den dortigen Einwohnerunterlagen hervorgeht. Mindestens seit dem 6. Juli 1935 befanden sie sich in Österreich, seit dem 1. November 1935 waren sie in Baden in der Hermannstraße 16 gemeldet.
Am 25. September 1936 verstarb Karl Finkelstein daselbst in Baden bei Wien. Berta Finkelstein war nun Witwe. Todesursache soll die in der Haft erlittene Nierenschädigung gewesen sein. Berta konnte ihrer Tochter aber nicht sagen, was im Gefängnis wirklich geschehen war.

Berta Finkelstein und Gertrud blieben zunächst im österreichischen Baden wohnen, bezogen nur eine andere kleinere Wohnung. Ein halbes Jahr nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich am 12. März 1938 kehrte Berta Finkelstein nach Karlsruhe zurück und wohnte im Haus ihrer Geschwister in der Kronenstraße 51. Dort erlebte sie die „Kristallnacht“ am eigenen Leib. Das Haus in der Kronenstraße wurde von den NS-Schergen ebenso heimgesucht wie die in unmittelbarer Nähe befindliche Synagoge.
Tochter Gertrud indessen hatte intensiv die Ausreise aus Deutschland nach England betrieben. Der einzige Weg für eine erwachsene Frau war der Versuch, als Haushaltshilfe einen Aufenthalt bewilligt zu bekommen. So hatte sie sich über eine Agentur für solche Dienstleistungsberufe bemüht. Auf ihrem Weg von Österreich nach England machte sie kurz Halt in Karlsruhe. Sie fand ihre Mutter völlig verängstigt im oberen Stock des Hauses vor. Gertrud blieb zwei Tage im Haus bei der Mutter und ihrer Tante Elise. Dann begleiteten diese sie zum Bahnhof. Sie vermieden ein Taxi und gingen zu Fuß. Ein bekannter Zollbeamter versiegelte ihren Koffer unbesehen. So konnte sie einige Wertsachen, darunter die Sabbat-Utensilien retten. Auf dem Bahnsteig sagte sie ihrer Mutter „Auf Wiedersehen“. Aber ein Wiedersehen gab es nicht. Gertrud war zu diesem Zeitpunkt 24 Jahre, ihre Mutter 52 Jahre.
Gertrud kam in Dover am 28. November 1938 an. Sie arbeitete in London in einem Haushalt und lernte während dieser Zeit einen südafrikanischen Arzt kennen, der im Januar 1941 im Sanitätskorps der Britischen Armee dienste. Schließlich heiratete sie Ivor Sh.

Gertrud Finkelstein erinnerte sich später, dass sie während des Krieges bei einem Gang durch die Straßen in London die Überschrift in den englischen Zeitungen über die Deportation der badischen und saarpfälzischen Juden sah. Und sie wusste, dass ihre Angehörigen darunter gewesen waren.

Tatsächlich wurden die Mutter Berta Finkelstein, deren Bruder Harry Lämmle und ihre Schwestern Elise und Auguste Lämmle am 22. Oktober 1940 nach Gurs in Frankreich deportiert, später in das Transitlager Drancy. Von dort ging am 10. August 1942 ein Transport mit 1.006 Juden, davon 525 Frauen, unter denen Berta Finkelstein und ihre Schwestern Elise und Auguste waren, in das Vernichtungslager Auschwitz, 100 Frauen wurden dort bei Ankunft als „arbeitsfähig“ aussortiert, das waren die Nummern 16.637 bis 16.736. Die übrigen wurden sofort im Gas getötet. Es ist als ziemlich sicher anzunehmen, dass Berta aufgrund ihres Alters zu dieser Gruppe gehörte.


Berta Finkelsteins Bruder Harry Lämmle überlebte nach der Deportation nach Gurs die Verfolgung in Frankreich. Er kehrte sogar 1950 nach Karlsruhe zurück, blieb aber gesundheitlich schwer angeschlagen und verstarb hier 1956. Schwester Johanna Lämmle, verheiratete Schapper, war es gelungen rechtzeitig auszuwandern und lebte schließlich in den USA.
Gertrud Finkelstein, 24-jährig, hatte es sehr schwer in England in den Haushalten. Ihre Bemühungen, die Mutter rechtzeitig aus Nazideutschland nach England zu holen, blieben erfolglos. Noch aus dem Camp de Gurs hatte sie über das Internationale Rote Kreuz Postkarten von ihrer Mutter erhalten; auf diesen konnte sie ihr allerdings nicht viel mitteilen.
Nach Ende des Krieges stellte Gertrud mit ihrem Ehemann von Südafrika aus Nachforschungen zum Schicksal der Mutter und deren Angehörigen an. Ohne Ergebnis. Harry Lämmle besuchte seine Nichte, ohne neue Erkenntnisse über den Verbleib seiner Schwestern. Erst 1954 im Rahmen des „Entschädigungsverfahrens“ – so der Namen des entsprechenden Bundesgesetzes obgleich real nichts entschädigt werden konnte, was einmal gewesen war – wurde aus der Vermutung über den Tod im Vernichtungslager Gewissheit, indem die Namen auf den noch existenten Transportlisten von Drancy nach Auschwitz erstmals übermittelt wurden.

Zum Schluss
Menschen, die ins Leben gerufen waren, die Leben wollten, die zum Leben anderer beitrugen -, sie wurden heimtückisch vernichtet. Der rassistische Wahn hatte die Oberhand gewonnen.
Trostreich ist allein, dass der überlebenden Tochter Gertrud zusammen mit ihrem Ehemann ein Kind geboren wurde, und dieses inzwischen das Leben an mindestens fünf Enkel weitergegeben hat.
Eines von ihnen, 1974 geboren, lebt in New York und hat intensive Nachforschungen zur insgesamt umfangreichen Familie Finkelstein angestellt.
Er sieht sich im Leben seiner Vorfahren eingebunden.
Wir anderen, die dieser Verfolgung nicht ausgesetzt waren, sind es den Verfolgten und Ermordeten schuldig, ihre Namen zu bewahren.

(Hilde Wietershofer, Mai 2008)