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Julius Feibelmann, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Julius Feibelmann

Nachname: Feibelmann
Vorname: Julius
Geburtsdatum: 16. Juni 1870
Geburtsort: Rülzheim/Pfalz (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Verwandtschaftsverhältnis: Ehemann von Marie (1. Ehe);

Ehemann von Lina F. (.2. Ehe);

Vater von Alice und Ludwig
Adresse: 1908: Zirkel 19
1909: Rudolfstr. 11
1910: Ritterstr. 10
1912: Kaiserstr. 132
1913-1915: Adlerstr. 15
1916-1917: Schlossplatz 8
1918-1922: Kronenstr. 25
bis 1925: Kaiserstr. 93, 1925 zurück nach Rülzheim gezogen
1939-1940: Zirkel 13, 2.2.1939 von Rülzheim zugezogen
Beruf: Metzger (Inhaber einer Metzgerei)
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
11.11.1942 von Drancy nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Julius und Lina Feibelmann

In Erinnerung an die ganze Familie Feibelmann, auch an Ludwig, Alice, Max und Hans Feibelmann

Lina und Julius Feibelmann wurden am 22.10.1940 zusammen mit fast 1.000 Juden, die bis dahin noch in Karlsruhe lebten, zunächst nach Gurs in Südfrankreich, dann über Drancy bei Paris nach Auschwitz deportiert und dort umgebracht.

Die Familie Feibelmann, mit der sich diese Biographie beschäftigt, stammte ursprünglich aus Rülzheim, einem kleinen Dorf in der Südpfalz, in der Nähe des Rheines gelegen. Der Ort Rülzheim gehörte seit dem Mittelalter zum Hochstift Speyer, das grundsätzlich keine judenfreundliche Politik betrieb; nach 1815 gehörte es zur bayerischen Rheinpfalz. In der Ortschronik Rülzheims lässt sich nachlesen, wie die Vertreibung der Speyerer Juden ausgangs des Mittelalters dazu führte, dass sich erst im 18. Jahrhundert in den ländlichen Umlandgemeinden wieder kleinere Judensiedlungen bildeten. In anderen südpfälzischen Dörfern lassen sich Juden schon für das 16. Jahrhundert in den Rechnungsbüchern der Gemeinden nachweisen. In diesen Rechnungsbüchern sind Abgaben für zum Beispiel Wasser, Weide, Fron und Wacht vermerkt, da Juden weniger Rechte und Pflichten hatten als die christliche Bevölkerung. Für Rülzheim selbst sind Gemeinderechnungen ab 1750 erhalten, in denen der Name Feibelmann auftaucht. In diesem Jahr lebte Jakob Feibelmann (geboren 1732) wahrscheinlich schon in Rülzheim. Jakob Feibelmann und seine Frau Judith, geborene Mentele, hatten vier Söhne:
Emanuel, geboren 1758, Leon, geboren 1760, Joseph, geboren 1765 und Jakob, geboren 1773. Vermutlich wegen des damaligen Verbots, andere Berufe zu ergreifen, waren alle vier Söhne, wie schon der Vater, als Handelsjuden registriert. Fast alle Feibelmanns, die in Rülzheim bis 1938 lebten, stammten von diesen vier Männern und ihren Familien ab. So auch Julius Feibelmann, dem sich diese Biographie widmet. Er war ein Nachfahre des zweiten Sohnes Leon.

Julius Feibelmann
Julius Feibelmann wurde am 16. Juni 1870 in Rülzheim geboren. In dieser Zeit erreichte der jüdische Bevölkerungsanteil in Rülzheim mit 460 Personen fast ein Sechstel der Gesamtbevölkerung. Seine Eltern waren Moses Feibelmann (18. Juli 1832 bis 17. Oktober 1918), von Beruf Metzger ebenfalls in Rülzheim und Hedwig geborene Arnd, geboren in Bad Bergzabern am 20. Mai 1834, gestorben am 8. Juni 1912.

Die erste Ehefrau von Julius Feibelmann war Marie Feibelmann, geborene Levy. Marie stammte aus Lembach im Elsass. Sie war die Tochter von Abraham Levy, von Beruf Metzger, und Magdalena geborene Bloch. Julius und Marie Feibelmann heirateten am 20. Mai 1902 in Rülzheim. Das Ehepaar bekam zwei Kinder: Tochter Alice, geboren am 4. August 1905 und Sohn Ludwig, geboren am 14. September 1907.

Ab 1908 findet sich die Adresse von Julius Feibelmann und seiner Familie im Karlsruher Adressbuch. Warum sie von Rülzheim nach Karlsruhe umgezogen sind, ist nicht sicher bekannt. Es ist aber anzunehmen, dass Julius Feibelmann seine eigene Metzgerei haben wollte und sie in Karlsruhe auch eröffnete. In der Karlsruher Zeit ist die Familie, gemessen an den heutigen Gewohnheiten, ungewöhnlich oft umgezogen. Entsprechend dem Karlsruher Adressbuch wohnte die Familie zunächst im Zirkel 19, ein Jahr später in der Rudolfstraße 11, 1910 in der Ritterstraße 10, im Jahr 1912 in der Kaiserstraße 132 und im folgenden Jahr bis 1915 in der Adlerstraße 41. In den Jahren 1916 und 1917 wohnten sie am Schloßplatz 8 und von 1918 bis 1922 in der Kronenstraße 25.
Im Jahr 1921, am 24. Dezember, verstarb die Mutter und Ehefrau Marie.

Schließlich wohnten der Vater Julius und seine Kinder im Jahr 1923 in der Kaiserstraße 93.
Im Jahr 1925 zog Familie Feibelmann von Karlsruhe zurück nach Rülzheim.
Julius Feibelmann hatte wohl die Metzgerei des Vaters übernommen. Er hatte am Ort eine eigene Fleischerei und Wurstfabrik mit Verkauf der Waren. Er wurde hier – sicherlich kannte jeder jeden - „Metzger Feibele“ genannt. Laut Tochter Alice besaß er ebenso den zugehörenden Grund und Boden in der Neuen Landstraße 12.

Julius Feibelmann ging – wahrscheinlich im Jahre 1927 - eine zweite Ehe mit Lina, geborene Schwab ein.
Lina wurde am 25. Juni 1884 in Schmieheim geboren. Schmieheim, heute ein Ortsteil der Gemeinde Kippenheim im Ortenaukreis, blickt auf eine lange jüdische Tradition zurück: Die höchste Zahl jüdischer Einwohner wurde - wie in Rülzheim - um 1864 mit 580 Personen erreicht. Etwa die Hälfte der gesamten Einwohner gehörte damals der jüdischen Gemeinde an.
Bis zum 9. November 1938, der so genannten Reichskristallnacht, bei der auch in Rülzheim Ausschreitungen gegen Juden und jüdische Einrichtungen organisiert wurden, konnten die Feibelmanns ihr Geschäft halten. Dann wurden sie gezwungen, ihr Geschäft und ihren Wohnsitz aufzugeben.
So gingen beide zurück nach Karlsruhe, sie hofften wohl, in der Anonymität einer größeren Stadt nicht so sehr aufzufallen wie in einem Dorf. Im Adressbuch der Stadt Karlsruhe findet sich für die Jahre 1939 und 1940 die Adresse Zirkel 13.

Am 22. Oktober 1940 wurden die Juden aus Baden, der Pfalz und dem Saarland deportiert. Die Menschen erhielten den Befehl, innerhalb weniger Stunden für ihren Abtransport bereit zu stehen. Insgesamt fast 1.000 Karlsruher Juden wurden an diesem Tag festgenommen, zum Bahnhof Karlsruhe gebracht und dort in einen Zug verfrachtet. Auch Lina und Julius Feibelmann waren unter den betroffenen Menschen. Mehrere Tage war der Zug unterwegs, bis er an seinem Ziel war, im Camp de Gurs im Südwesten Frankreichs. Hier herrschten schreckliche Bedingungen. Die Menschen mussten in überfüllten Baracken hausen, teilweise auf den nackten und kalten Böden schlafen, Hunger und Kälte aushalten. Im ersten Winter schon starben viele der Gefangenen.
Lina und Julius mussten dieses Elend ebenfalls erleiden. Es existiert eine Bescheinigung, dass die beiden am 25.10.1940 in Gurs angekommen waren.

Beide wurden dann, wie viele andere, weiter ins Lager Drancy gebracht. Drancy war ein Sammel- und Durchgangslager in der Nähe von Paris. Von hier wurde die Mehrzahl der Juden nach Auschwitz, Majdanek oder Sobibor weitertransportiert, um dort ermordet zu werden.

Linas Name stand auf einer Liste des Sammellagers Drancy für den Transport nach Auschwitz am 10. August 1942, ihr Name wurde aber nach einer Auskunft des Internationalen Roten Kreuzes von der Transportliste wieder gestrichen. Mit dem Transport Nr. 28 kam Lina Feibelmann dann am 4. September 1942 von Drancy nach Auschwitz.
Julius Feibelmann wurde am 11. November 1942 mit dem Transport Nr. 45 von Drancy nach Auschwitz deportiert. Hier verliert sich seine Spur, ob und wie lange er in Auschwitz vor seiner Ermordung leiden musste, ist nicht bekannt. Offiziell wurde er zum 31. Dezember 1945 für tot erklärt.
Nach Auskunft des Internationalen Roten Kreuzes sind bei jenen genannten Transporten alle Männer über 50, Frauen, die älter als 40 Jahre waren und Frauen mit Kindern unter 15 Jahren sofort nach ihrer Ankunft aus Frankreich in Auschwitz ermordet worden. Mit hoher Wahrscheinlichkeit sind in Anbetracht ihres Alters auch Julius und Lina Feibelmann gleich nach ihrer Ankunft in Auschwitz ermordet worden.

Wie erging es den Kindern Alice und Ludwig?
Auch Sohn Ludwig erlernte den Beruf seines Vaters und Großvaters und wurde zunächst Metzger in Rülzheim. Am 2. Februar 1939 zog er nach Karlsruhe zu den Eltern. Nach der Reichspogromnacht war er wie viele andere erwachsene männliche Juden verhaftet und in das Konzentrationslager nach Dachau verbracht und erst Anfang 1939 wieder frei gelassen worden. Er bemühte sich sehr um die Ausreise und tatsächlich gelang ihm dann im Juli 1939 die Flucht nach London. Hier lebte er bis zu seinem Tode im Jahre 1970.

Tochter Alice hatte die Höhere Töchterschule in Speyer besucht. Sie heiratete aus der weitläufigen Familie Maximilian Feibelmann, Max genannt, der einen Viehhandel in Rülzheim betrieb. Max Feibelmann wurde am 24. Januar 1897 geboren. Doch auch sie zogen unmittelbar nach der Reichspogromnacht mit Ehemann Max und Sohn Hans am 12. November 1938 nach Karlsruhe. Hans war am 8. Dezember 1930 in Karlsruhe geboren worden, die Mutter war dazu von Rülzheim in die Geburtsklinik Dr. Stahl in der Weinbrennerstraße gegangen. Die Familie wohnte kurze Zeit in der Adlerstraße 3 und im Zirkel 13, also zusammen mit den Eltern von Alice.
Noch im Jahr 1939 konnte Alice gemeinsam mit ihrem Mann Max und Sohn Hans nach Palästina auswandern. Nach der Flucht lebte die Familie in der Nähe von Haifa.
Max starb am 29. August 1957 in Israel.
Alice Feibelmann starb dort im Jahr 1964.

Eine versuchte Kontaktaufnahme von mir zu ihrem Sohn Hans (er selbst gab sich in Israel den Namen Zwi) hatte keinen Erfolg. Es war zu spät, Hans Feibelmann war am 1. Juli 2007 im Alter von 77 Jahren verstorben.
Es ist schade, dass ich über persönliche Dinge, über die Interessen, die Freundschaften, das Familienleben der Familie Feibelmann in dieser Biographie nichts berichten kann. Ich hätte gerne nicht nur über die Daten und Fakten, sondern auch aus dem Leben der einzelnen Menschen erzählt. Die wenigen Dokumente, die ich über die Familie Feibelmann finden konnte, ließen dies aber nicht zu.

(Monika Dech, Dezember 2007)