Personendaten

Nelly Färber (Nella)

Nachname: Färber
Vorname: Nelly
abweichender Vorname: Nella
Geburtsdatum: 3. März 1923
Geburtsort: Karlsruhe (Deutschland)
Familienstand: ledig
Eltern: Chajm und Chaja F.
Verwandtschaftsverhältnis: Schwester von Hermann, Benjamin, Ilse Lea, Moses, Wolf, Bernhard, Rebekka und Sara
Adresse: Sophienstr. 87
Schule/Ausbildung: 1929-1931: Leopold-Schule
1931: Pestalozzi-Schule (Ständehausstraße)
1931-1933: Leopold-Schule
Emigration: 1933 in die Niederlande (unbekannt) mit Eltern
Deportation: 3.10.1942 nach Westerbork (Niederlande)
19.10.1942 nach Auschwitz (Polen)
Sterbedatum: 22. Oktober 1942
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Chaim und Chaya, Moses, Bernhard, Nelly, Ilse, Sara und Rebekka Färber

Chaim Färber wurde am 23. Mai 1893 im galizischen Dukla geboren. Damals war der 3.000 Einwohner kleine Ort Bestandteil der österreichisch-ungarischen Monarchie, heute gehört es zu Polen. Von Chaim ist nur die Mutter Bascha (Barbara) Färber bekannt, da er als uneheliches Kind zur Welt kam. Vermutlich hatte er aber auch weitere Geschwister, die später Galizien ebenfalls in westliche Richtung verließen; mindestens ein Bruder ist bekannt, der in die USA ging. Die Kindheit verbrachte Chaim mit der Familie in Dukla, er fing dann an, in der Textilbranche zu arbeiten und soll in seinen jungen Jahren bereits in der nächst größeren Stadt Krosno in einem Konfektionsgeschäft leitend gewirkt haben. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg setzte aus Dukla wie aus vielen anderen jüdischen Gemeinden Galiziens wegen schwieriger wirtschaftlicher Lage und antijüdischer Stimmung ein Exodus ein, viele wanderten in die USA aus oder nach Deutschland und einige wenige auch in die Schweiz. Dort gab es Familienangehörige von Chaim Färber. Er selbst gelangte 1911/12 nach Karlsruhe, wo er zunächst bis März 1916 lebte und sich im Sackhandel eine Existenzgrundlage schuf. Entweder lernte er hier Chaja Turner kennen aus einer ebenfalls jüdischen Familie aus Galizien oder die beiden hatten sich schon in ihrer alten Heimat kennen gelernt. Chaja war am 23. Oktober 1896 im galizischen Dynow, ebenfalls Österreich-Ungarn geboren worden. Sie war die Tochter von David und Elka Turner, die ebenfalls um die gleiche Zeit von Osteuropa nach Karlsruhe gekommen waren. David Turner war kaufmännisch begabt und startete zunächst mit einer Sackhandlung, stieg dann in den Rohproduktenhandel ein und betrieb später ein Schuh- und Konfektionsgeschäft in der Karlsruher Herrenstraße.
Noch nicht verheiratet, bekamen Chaim und Chaja am 20. Februar 1916 in Karlsruhe ihr erstes Kind Hermann. Die junge Familie zog dann 1916 über Stuttgart in die Schweiz nach Zürich. Gründe für diesen Zürich-Aufenthalt ab Juni 1916 waren wohl geschäftlicher Art; infolge des Krieges lief das Sackgeschäft nicht mehr ausreichend. Aber man könnte auch annehmen, dass sie sich in der Schweiz sicherer vor der Gefahr des Ersten Weltkrieges fühlten. Oder vielleicht auch, dass Chaim einer drohenden Einberufung zum (östereichisch-ungarischen) Militärdienst entgehen wollte. In der Schweiz lebten bereits Familienmitglieder und auch der Schwiegervater in spe, David Turner, hielt sich zu diesem Zeitpunkt dort auf.
Am 6. April 1917 kam der zweite Sohn Benjamin zur Welt und der dritte Sohn Wolf folgte schnell darauf und wurde am 19. März 1918 noch „unehelich“ geboren.
Die Hochzeit von Chaim und Chaja fand dann am 2. Juli 1918 in Zürich statt.
Nach Kriegsende ging das junge Ehepaar mit ihren Söhnen Hermann, Benjamin und Wolf zurück nach Karlsruhe. Chaim stieg nun in das Geschäft seines Schwiegervaters ein. Am 29. August 1919 wurde ihr vierter Sohn Moses Loeb geboren. Am 28. November 1920 freute sich die Familie über die Geburt des mittlerweile fünften Sohnes, er bekam den Namen Bernhard.
Infolge der Friedensverträge nach dem Ersten Weltkrieg war die ursprüngliche Heimat der Färbers Bestandteil Polens geworden. Deshalb besaßen Chaim und Chaja wider Willen einen polnischen Pass. Weil sie nicht daran dachten, jemals dorthin zurück zu kehren, stellte Chaim Färber im Mai 1920 einen Antrag zur Erlangung der deutschen Staatsbürgerschaft für sich und seine Familie. Da er schon vor dem Ersten Weltkrieg eine Zeit lang in Deutschland lebte, keine Vorstrafen hatte und durch das Geschäft mit dem Schwiegervater ein ordentlicher Steuerzahler war, ging er davon aus, dass wenig gegen seine Einbürgerung sprach. Der Stadtrat von Karlsruhe befürwortete dann auch im Juli 1920 die Einbürgerung. Doch die Polizeidirektion lehnte diese ab, denn, so beschied sie auf den Antrag, „bestehen ernste Bedenken, da die Sesshaftmachung der so genannten Ostjuden in Deutschland aus allgemein polizeilichen Gründen nicht erwünscht ist.“ Danach hatte Chaim Färber keinen Antrag mehr gestellt, er hatte sich wohl von der Willkür der Beamten entmutigen lassen.
Das Geschäft, welches Chaim und sein Schwiegervater zusammen betrieben, lief in der Zwischenzeit sehr gut. Der erreichte Wohlstand schlug sich im Besitz von drei ansehnlichen Wohnhäusern von David Turner nieder. In einem dieser Häuser, Sophienstraße 87, einem repräsentatives Jugendstilhaus, wohnten Chaim und Chaja Färber samt Kinder „in einer gut bürgerlichen, mit schwerem Mobiliar eingerichteten 5-Zimmer-Wohnung“; so später übereinstimmende Berichte von Bekannten wie von Nachbarn im Vorgang der Wiedergutmachung. „Die Kinder waren sämtlich auffallend gut gekleidet und genossen eine sorgfältige Erziehung“, wurde weiterhin ausgesagt. Zur Unterstützung der zwischenzeitlich noch größer gewordenen Familie leisteten sie sich auch eine Haushaltsgehilfin. Am 3. März 1923 war nämlich die erste Tochter zur Welt gekommen: Nella (Nelly). Die zweite Tochter folgte am 5. Mai 1926 und wurde Ilse Lea genannt. „Die Familie lebte streng nach jüdischem Ritus“, berichtete Sohn Wolf später. Vermutlich geschah dies nicht im Rahmen der orthodoxen jüdischen Gemeinde in Karlsruhe, sondern in einer der am Ort zahlreich bestehenden Gemeinschaften frommer Juden aus Osteuropa, denn die Färbers finden sich nicht in den für religiöse Juden wichtigen Wohltätigkeitsvereinen oder einem der offiziellen orthodoxen Vereine wieder.
Die Schulzeit fast aller Färber-Kinder war von Unbeständigkeit geprägt. Die beiden erstgeborenen Söhne Hermann und Benjamin besuchten anfangs für jeweils zwei Jahre das private Lerninstitut Dr. Isenbarth, von dem heute nichts mehr bekannt ist. Insgesamt besuchten alle Kinder wechselweise unterschiedliche Volksschulen. Vermutlich sollten die beiden erstgeborenen Söhne eine höhere Schulbildung erlangen und wechselten nach vier Jahren Elementarschule auf das Humboldt-Realgymnasium, doch sie konnten dort den Leistungsanforderungen nicht gerecht werden und mussten noch im ersten Jahr zurück auf die Volkschule. Die Söhne, die mit der Schule fertig wurden, gingen einer nach dem anderen zum Großvater David Turner in die Lehre.
Nach 1930 zog sich David Turner allmählich aus dem Geschäft zurück und Chaim übernahm komplett dass Herrenkonfektionsgeschäft, wozu er die Räumlichkeiten in die Kaiserstraße verlegte, kurze Zeit darauf aber in die Adlerstraße mit Lager im Hinterhof wechselte. Zu diesem Zeitpunkt war noch ein genügend hoher Umsatz vorhanden, weshalb immer noch eine Mitarbeiterin angestellt war.
Bis dahin verlief das Leben der Familie Färber recht friedlich. Doch mit der Machtergreifung Adolf Hitlers 1933 änderte sich dies. Es ist anzunehmen, dass beim Judenboykotttag am 1. April 1933 das Geschäft, wie auch andere, durch SA-Leute bedrängt wurde. Außerdem berichtet Wolf später, dass er auf der Berufschule von Hitlerjungen belästigt worden sei und überhaupt die Familie in diesen Tagen einmal von Halbwüchsigen in der Straßenbahn attackiert worden sei. Vermutlich war dies aber nicht der hauptsächliche Grund dafür, dass die Familie aus Karlsruhe wegging. Die genauen Umstände darüber, und wie genau die Familie Karlsruhe verließ, sind nur bruchstückhaft und unvollkommen nachzuzeichnen. Im August 1933, das ist sicher, ging David Turner nach Polen. Chaim Färber soll sein Geschäft entweder schon Ostern 1933 aufgegeben haben und über die Schweiz in die Niederlande gegangen sein, oder spätestens im Herbst desselben Jahres. Seine Ehefrau Chaja und die jüngeren Kindern folgten, jedenfalls gesondert im Herbst 1933, über Köln in die Niederlande nach. Der älteste Sohn Hermann, der zu diesem Zeitpunkt bereits kaufmännisch gearbeitet hatte, hielt sich zu diesem Zweitpunkt beruflich im französischen Strassburg auf und ging 1934 nach Berlin zu einer Tante, bevor er dann ebenfalls der Familie in die Niederlande nachfolgte. Benjamin gab später an, sich als frommer Jude in dieser Zeit intensiv dem Talmudstudium gewidmet zu haben. Er und sein Bruder Wolf scheinen jedenfalls erst 1936 illegal in die Niederlande zur Familie zugestoßen zu sein. Dort waren die Färbers ohne ausreichende finanzielle Mittel, denn Chaim Färbers Versuch, eine Sodawasserfabrik aufzubauen, scheiterte, und so mussten auch die Söhne, soweit möglich, sich bietende Hilfsarbeiten wahrnehmen. Unterstützung erhielt die Familie von einem Verwandten aus den USA. Schließlich übernahm Chaim Färber eine Pelzwerkstatt und arbeitete mit seinen Söhnen als „Kürschner“; die Lage war dennoch nicht rosig.
Warum die Familie nach Holland auswanderte und nicht beispielsweise zu Chaims Bruder in die USA, zumal keiner der niederländischen Sprache mächtig war, lässt sich nicht sagen. Die ganze Zeit bis zum Ende lebten sie in Den Haag. Dort wurde am 12. Juni 1935 die dritte Tochter Sarah in geboren, sie ging dann später auf eine ordentliche niederländische Schule. Schließlich kam noch das neunte Kind Rebekka am 6. Januar 1938 zur Welt. Benjamin und Wolf hielten sich im selben Jahr für kurze Zeit bei Verwandten in verschiedenen europäischen Ländern (Belgien, Schweiz, Luxemburg und Italien) auf. Durch die tatkräftige und finanzielle Unterstützung dieser und der Verwandten in den USA, konnte Wolf Ende 1938 mit einem Visum für Paraguay ein Schiff nach Südamerika besteigen. Aus unbekannten Gründen landete er aber in Montevideo, Uruguay, und ging von dort aus über den Rio de la Plata nach Buenos Aires, Argentinien. Bruder Benjamin konnte auf die gleiche Weise im November 1939, der Zweite Weltkrieg hatte also bereits begonnen, in die USA gelangen.
Als die Niederlanden im Mai 1940 von der deutschen Wehrmacht überfallen und besetzt wurden, geriet das Leben der Familie Färber, wie das der über 15.000 anderen jüdischen Flüchtlinge im Land, durch schrittweise gesteigerte Judenverfolgungsmaßnahmen immer unsicherer. Seit Mai 1942 musste sich die Familie durch Tragen des gelben Judensterns demütigen lassen. Hinzu war die Trauer über den Tod des ältesten Sohnes Hermann gekommen, der am 15. Dezember 1941 im Alter von nur 25 Jahren an einer Lungenentzündung gestorben war.
Im Mai 1942 begann die Deportation der Juden aus den Niederlanden und wurde bis zum Herbst desselben Jahres systematisch gesteigert. Vermutlich versuchte sich die Familie noch zu verstecken, und muss sich deshalb wohl auch getrennt haben. So wurden am 3. Oktober 1942 alle weiblichen Mitglieder der Familie verhaftet und ins Konzentrationslager Westerbork gebracht. Ab 1939 für illegale jüdische Flüchtlinge unter holländischer Verantwortung als Internierungslager errichtet, diente es unter deutscher Besatzung als KZ-Durchgangslager für Juden, die nach Osteuropa deportiert wurden. So blieben auch die Mutter Chaja und ihre Töchter Nelly, Ilse Lea, Sara und Rebekka nicht lange in Westerbork, denn die Deportation von fast 100.000 Juden aus den Niederlanden hauptsächlich nach Auschwitz verlief relativ zügig. In Auschwitz wurden Männer über 50, Frauen über 35 und Kinder unter 15 als nicht arbeitsfähig selektiert und deshalb sofort in die Gaskammer geführt. Den grausamen Gastod mussten auch alle fünf weiblichen Mitglieder der Familie Färber erleiden, nachdem sie am 19. Oktober 1942 in die Viehwaggons nach Auschwitz gesteckt worden waren. Das niederländische Rote Kreuz errechnete später ihren Todestag auf den 22. Oktober 1942; wann sie wirklich umkamen und unter welchen qualvollen Bedingungen, weiß niemand.
Zuvor war der 23-jährige Sohn Moses Loeb im August 1942, also vor seiner Mutter und seinen Schwestern nach Westerbork verbracht und unmittelbar darauf am 31. August 1942 nach Auschwitz deportiert worden. Dort wurde er auf der Rampe als arbeitsfähig selektiert und zum Außenkommando Fürstengrube des KZ Auschwitz geschickt. Hier hatte er bis zu seinem Tod Zwangsarbeit leisten müssen. Umstände und genauer Zeitpunkt seines Todes bleiben im Ungewissen. Weil er nach Aussagen von anderen KZ-Häftlingen noch monatelang Zwangsarbeit leistete, wurde sein Todestag später auf den 31. März 1944 festgelegt, dies ist aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht der wirkliche Sterbetag.
Das gleiche Schicksal erlitt sein um ein Jahr jüngerer Bruder Bernhard, der im gleichen Zug wie sein Bruder Moses am 31. August 1942 von Westerbork nach Auschwitz deportiert wurde und gleichfalls zur Zwangsarbeit in das Auschwitz-Außenkommando Fürstengrube kam. Nachweisbar lebte er im Juni 1943 noch, denn er kam am 26. Juni 1943 von dort ins niederschlesische KZ Groß-Rosen zum dortigen Außenkommando Gräditz. Wie und wann er umkam ist unbekannt und der amtlich festgelegte Todestag, 31. März 1944, ist, nicht nur, weil er der gleiche ist wie der seines Bruders Bernhard, wahrscheinlich nicht das wirkliche Sterbedatum.
Das Familienoberhaupt, Chaim Färber, musste einen etwas anderen Weg gehen. Er war am 22. November 1942 in das KZ Westerbork eingeliefert worden. Anstatt rasch nach Auschwitz deportiert zu werden, wurde er gezwungen, hier Zwangsarbeit zu leisten und wurde deswegen im Mai 1943 nach Hertogenbosch, in das andere große KZ in den Niederlanden, verlegt. Von dort wurde er fast ein Jahr später im März 1944 nach Westerbork zurück überstellt, um in dem Transport vom 23. März 1944 nach Auschwitz zu kommen. Trotz seines Alters, fast 51 Jahre, und vermutlich gezeichnet von eineinhalb Jahren KZ-Haft, wurde er nicht gleich in die Gaskammer sondern zur Arbeit geschickt. Er erhielt die Auschwitz-Häftlingsnummer 175599. Umgekommen ist er trotzdem, aber gewiss nicht an dem amtlich auf 9. Mai 1945 (!) bestimmten Tag.

So überlebten nur zwei Mitglieder der 11-köpfigen Familie Färber die nationalsozialistische Verfolgung. Wolf konnte in Argentinien nur Hilfsarbeiten wahrnehmen, heiratete 1940, hatte drei Kinder und nannte sich fortan Adolfo. Ein unstetes Leben führte er dennoch. 1952 kam er nach Europa zurück und setzte den lange gehegten Wunsch, Religionslehrer zu werden, um. Nach privaten Studien in London und Aufenthalten in Italien, kam er 1956 nach Karlsruhe. Hier diente er der jüdischen Gemeinde, die nach der Verfolgung sehr dezimiert war, als Kantor. Da die jüdische Kultur in Deutschland nach den NS-Verbrechen so klein geworden war, konnte er kaum nach seinen strengen religiösen Grundsätzen leben. So ging er kurz darauf in die USA.
Sein Bruder Benjamin lebte dort bereits seit 1939, war US-Staatsbürger geworden und 1941 in die US-Armee eingetreten. Nach dem Krieg wurde er Geschäftsführer eines jüdischen Altenheimes in New York und schloss sich, gemäß seiner Religiösität, der ultraorthodoxen Kongregation B’nai Solomon in Brooklyn, New York, an.

(Dennis Hucker, November 2003)