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Valerie Ettlinger, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Valerie Ettlinger

Nachname: Ettlinger
geborene: Dreifus
Vorname: Valerie
Geburtsdatum: 27. Juli 1888
Geburtsort: Worms (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Eltern: Lazarus Heinrich (1856-1916) und Anna, geb. Löwenstein (1865-?), D.
Verwandtschaftsverhältnis: Ehefrau von Alfred E.;

Mutter von Herbert Pierre;

Schwester von Alice Günther (1885-?), geb. d.
Adresse: bis 1932: Karlstr. 104
1932-1940: Boeckhstr. 20
Schule/Ausbildung: Höhere Mädchenschule, 9 Jahre
Beruf: Hausfrau
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
12.8.1942 von Drancy nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Alfred und Valerie Ettlinger

Am Morgen des 22. Oktobers 1940 werden in der Boeckhstraße 20, 2. OG, die Eheleute Alfred Ettlinger (64 Jahre) und seine Frau Valerie (52 Jahre) von Gestapo-Beamten aufgesucht. Ihnen wird befohlen, innerhalb kürzester Zeit zu packen um ihre Wohnung mitsamt den Mobilien zurückzulassen. Sie werden zur Sammelstelle am Hauptbahnhof gebracht (heutiger Fahrradstellplatz an der Ostseite). Am Abend besteigen sie zusammen mit den anderen Karlsruher Juden (insgesamt 905 Menschen) einen Zug am Bahnsteig 1. Drei Nächte und drei Tage währt die Fahrt. Dann erreichen sie das Lager Gurs im Südwesten Frankreichs. Nach der Ankunft werden Frauen und Männer getrennt. Alfred und Valerie Ettlinger sind zu diesem Zeitpunkt fast 30 Jahre verheiratet. Zwei Winter verbringen sie in Gurs. Dann am 12. August 1942 werden sie über Drancy nach Auschwitz deportiert. Von dort kehren sie nie wieder zurück.

Wer waren Alfred und Valerie Ettlinger? Wie lebten sie in Karlsruhe? In den Archiven finden sich nur wenige Spuren ihres Daseins.
Alfred Ettlinger wurde am 10. Juni 1876 in Bretten geboren. Seine Eltern waren der Kaufmann Lazarus Ettlinger und Minna, geborene Frohmann. Sie besaßen ein Haus in der Melanchthonstraße 52. Ihr zweiter Sohn, Hugo, kommt am 6. Oktober 1877 zur Welt.
1902, in seinem 26. Lebensjahr, zieht Alfred Ettlinger nach Karlsruhe in die Steinstraße 11 (am Rand des „Dörfle“). Dort betreibt er eine Häute- und Fellhandlung. 1907 zieht er mit seinen Geschäfts- und Privaträumen in die Wilhelmstraße 4 (Südstadt). Er ist Eigentümer des Gebäudes. Am 27. Oktober 1910 heiratet er Valerie Dreifus aus Worms. Sie ist die Tochter des Kaufmanns Lazarus Heinrich Dreifus und seiner Frau Anna, geborene Loewenstein. Valerie kam am 27. Juli 1888 zur Welt. Ihre Schwester Alice ist drei Jahre älter.
1911 lässt sich Hugo Ettlinger, der jüngere Bruder Alfreds, ebenfalls in Karlsruhe nieder und zieht in die Wilhelmstraße 4. Die beiden Brüder betreiben nun gemeinsam die Häute- und Fellhandlung. Alfred Ettlinger zieht mit seiner Frau in die Karlstraße 104 (Südweststadt). Am 9. September 1912 kommt ihr Sohn Pierre Herbert zur Welt. Er verlässt Deutschland 1933 Richtung Frankreich, geht schließlich in die USA und dient von 1942 bis 1946 in der amerikanischen Armee. 1930 verkauft Alfred seine Anteile an Hugo und gründet ein eigenes Agenturgeschäft für Häute und Felle. Alfred zieht 1933 mit seiner Frau Valerie in das Jugendstilhaus Boeckhstraße 20, dessen Eigentümer er geworden ist. Der Bruder Hugo begeht am 26. Juni 1935 Selbstmord und hinterlässt seine Frau Alwine, geborene Simon. Im Oktober 1938 erfolgt die unfreiwillige Geschäftsaufgabe der Häute- und Fellhandlung. Alfred Ettlinger ist damit bis zur Deportation im Oktober 1940 erwerbslos. Von Valerie Ettlinger weiß man nur, dass sie in Worms neun Jahre die Höhere Mädchenschule besucht hatte und Mitglied im Israelitischen Frauenverein von Karlsruhe war.
Nach dem Krieg wird das während der Nazi-Herrschaft verlorene Vermögen der Ettlingers in einem langwierigen Verfahren an den Sohn Pierre Herbert zurückerstattet.

(Roland Schinko, August 2009)