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Sophie Ettlinger (Foto: GLA)

Personendaten

Sophie Ettlinger

Nachname: Ettlinger
geborene: Levy
Vorname: Sophie
Geburtsdatum: 20. März 1885
Geburtsort: Tremessen/Posen (Deutschland, heute Polen)
Familienstand: verwitwet
Verwandtschaftsverhältnis: Witwe von Jakob E.;

Mutter von Regine
Adresse: Herrenstr. 22
Schule/Ausbildung: Höhere Töchterschule, 9 Jahre
Handelsschule
Beruf: Stenotypistin
Hausfrau
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
9.9.1942 nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Selma Charlotte Ettlinger geb. Wolff und ihr Sohn Maier Martin Ettlinger, Helene Ettlinger und Sophie Ettlinger geb. Levy

Bedeutung der Familie im jüdischen Leben Karlsruhes
Die Ettlingers sind bis heute sehr prominent im orthodoxen deutschen Judentum. Grund dafür sind gelehrte Mitglieder dieser Familie wie der Altonaer Oberrabbiner Jakob Ettlinger. Wie von alters her bei Rabbinen üblich, hieß er nach seinem Hauptwerk „Aruch la-Ner“ (dt. „ins Licht gesetzt“). Er ist bis heute ein leuchtendes Vorbild für orthodoxe Juden in aller Welt. In Karlsruhe war die verzweigte Familie seit den Anfangsjahren der Stadt eine feste Größe: fromme, meist wohlhabende, in der mittelständischen Wirtschaft und der deutschen Kultur verwurzelte Israeliten. Bereits im Jahr 1717 wurde ein „Baujud“ Josef Jakob Ettlingen unter den ersten Siedlern der Stadtgründung des Markgrafen Karl Wilhelm aufgeführt. Der Neusiedler beteiligte sich am Bau des markgräflichen Marstalls, wurde Kommandeur der Feuerlöschmannschaft im Schloss1 und trat 1724 als Stifter eines Vorhangs für den Toraschrein des Bethauses in der Kronen- Ecke Lange Straße (heute Kaiserstraße) in Erscheinung.2

Die Schwestern Rachel (um 1771-1838) und Sara (1783-1834), deren frühester belegter Vorfahr Isak vier Generationen zuvor in Ettlingen gelebt hatte, wurden verheiratet. Rachel ehelichte 1793 ihren Vetter 2. Grades, den angehenden Karlsruher Stiftsrabbiner Aron (Aharon, 1769-1849), Sohn des Mayer. Sara schloss einige Jahre später die Ehe mit dem Manufakturwaren-Händler und späteren Gemeindevorsteher Kaufman Turlach (1772-1861), Sohn des Baruch.

Der heute ungewohnt klingende Vorname „Kaufman“ ist eine volkssprachliche Bildung aus dem hebr. Ya'akov und der Endung -mann wie z.B. in „Seligmann“; der Vorname „Mayer“, in allen möglichen Schreibungen, kommt von hebr. Me'ir. Erst Anfang des 19. Jahrhunderts wurden von Juden feste Familiennamen verlangt. Traditionell fügte ein Hausherr seinem Vornamen den Vaternamen hinzu, dazu kam jetzt der Familienname, in Deutschland meist nach seiner Herkunft gebildet, das ergab z.B. „Aron Mayer Ettlinger“.

Elias (1766-1823), Kaufmans einziger Bruder, nahm allerdings statt „Durlach(er)“ den Namen seiner Frau Ester, verwitwete Wormser an und später tat es ihm Kaufman gleich.3 Die Brüder Wormser waren offenbar sehr fromme Leute; die 1819 eingesetzte Elias Wormsersche Stiftung finanzierte ein Lehrhaus und vergab ein Stipendium von 200 Gulden pro Jahr an einen Talmudstudenten.4 Kaufman Wormser war einer der ersten namhaften Kämpfer gegen Reformen in der Synagoge, die damals sehr im Kommen waren, ja er kämpfte sogar gegen die bürgerliche Gleichstellung der Juden, durch die ja auch religiöse Traditionen in Frage gestellt wurden.5 Die Badische Landesbibliothek besitzt eine in hebräischen Buchstaben auf Deutsch verfasste Glückwunschadresse seiner Schwiegertochter zu seinem 80. Geburtstag.6

Das erwähnte Ehepaar Aron und Rachel Ettlinger hatte fünf Töchter und sechs Söhne, darunter den später berühmten Jakob „Jokew“ (1798–1871) und Abraham (1801–57). Vater Aron ist im erhaltenen Register der Jüdischen Gemeinde Karlsruhe von 1809 aufgeführt als „Hausrabbi bei Elkan Reutlinger“.7 Familie Ettlinger wohnte in der Ritterstraße 2, wo es auch einen Minjan und Religionsunterricht gab. Jakob, der älteste Sohn (nach drei Schwestern), wurde vom Vater unterrichtet,8 war dann Schüler des badischen Oberlandesrabbiners Ascher Löw-Wallerstein, studierte schließlich 1816 bis 1819 an der Jeschiwa in Würzburg bei Abraham Bing und daneben, als einer der ersten Juden, als Gasthörer an der dortigen Universität. Ab 1823 war er Stiftsrabbiner am erwähnten Elias Wormser'schen Lehrhaus, 1825 wurde er „Primator“ an der Lemle-Moses-Klaus-Synagoge in Mannheim und bald auch Bezirksrabbiner für Ladenburg. (Später wurde er nach Altona berufen und gelangte – neben Isaak Bernays und Seligmann Bär Bamberger – auf dem Gebiet der Halacha, der Auslegung des Religionsgesetzes, zu höchstem Ansehen. Er veröffentlichte 1836 „Bikure Ya'akov“ (über Laubhütte und Feststrauß), gründete 1846 die Zeitschrift „Der treue Zionswächter“, schrieb ab 1850 mehrere Talmud-Kommentare unter dem Titel „Aruch la-Ner“. Es folgten seine rabbinischen Gutachten („Binyan Zion“) und Bibelerklärungen („Minchat Ani“).) –

Ehepaar Kaufman und Sara Wormser, die in der Herrenstraße 13 zu Hause waren, hatten einen Sohn, den später als Führer der Austrittsgemeinde und Mohel (Beschneider) tätigen Baruch Hayum (1809-1872),9 und vier Töchter, Nanette (Gnendel, 1808-42), Babette (Bila, 1813-75), Regina (1818-80) und Hannchen (Hindel Rivka, um 1820-85).

Hannchen heiratete 1852 Isak Hirsch (Jitzhak Zvi) Ettlinger (um 1829-1900), Sohn des Eisenhändlers Jonas Ettlinger und seiner Frau Karoline geb. Marx. Isak Hirsch, allenthalben „I.H.“ genannt, wurde später Direktor der väterlichen Eisenwarenhandlung „J. Ettlinger & Wormser“. Das Ehepaar wohnte im Haus der Schwiegereltern Wormser.

Die Zeitgenossin Rahel Straus geb. Goitein beschrieb ihre Eindrücke als Nachbarskind: „I.H. war ein sehr stolzer, unnahbarer Herr, groß und stattlich mit weißem Haar und Bart. Er trug immer einen Zylinder und sah fast so fein aus wie der Großherzog selbst […] Sein Haus [..] wirkte auf mich als der Inbegriff aller Vornehmheit. Aber er war trotz aller Freundlichkeit gegen uns Kinder ein strenger Herr. Wehe dem Lehrling, der es wagte, einen Stehkragen zu tragen, er wäre unweigerlich hinausgeflogen. Und die Anrede 'du' blieb den Angestellten lange über die Lehrlingszeit hinaus. [...] Seine wunderschönen Töchter […] kamen durch […] die Unnahbarkeit des Hauses alle sehr spät oder gar nicht zur Ehe [...]“.10

Nach dem Tod seines Schwagers Baruch Hayum Wormser 1872 trat I.H. in den Vorstand der Religionsgesellschaft ein.11 Sein Bruder David (1833-1913), verheiratet mit Sara geb. Wormser (um.1837-1885), Tochter des Baruch Hayum, war später auch einer der dortigen Vorstände. Saras Bruder Raphael Wormser (um 1839-1901),12 mit Familie ebenfalls in der Herrenstraße 13 zu Hause, war Uhrmacher,13 Mohel, Parnas (Gemeindevorsteher) sowie Vorsitzender der Chevra Kaddisha der Israelitischen Religionsgesellschaft. 1869/70 hatte sich diese als neuorthodoxe Gemeinde selbstständig gemacht, eine eigene Mikwe und einen eigenen Friedhof errichtet und 1881 ihre eigene Synagoge mit Religionsschule in der Karl-Friedrich-Straße 16 eröffnet.14

Familie Isaak Hirsch Ettlinger mit Tochter Helene
I.H. und Hannchen Ettlinger hatten vermutlich sieben Kinder: Sarah, Fanni, Nanette (Nanny), Helene, Kaufman, Regine und Jona. Helene (geb. 4. August 1858) ist die älteste der vier Personen, derer mit diesem Beitrag gedacht werden soll.

Nochmals Rahel Straus: „Fünf, sechs kleine Häuser trennten das [Raphael] Wormsersche Haus von dem seines Vetters I.H. Ettlinger. Jedes Haus hatte am Fenster seinen „Spion“, und von dem Platz aus, auf dem die Töchter am Nähtisch saßen, konnte man die ganze Herrenstraße auf- und abwärts überblicken […] Das Lustigste aber war, dass die Ettlingers sich so ganz als Herren der Herrenstraße fühlten. Jeden Morgen ging das Gespräch über die weite Straßenlänge hinauf und hinab von Fenster zu Fenster, und die ganze Straße erfuhr, wie die alten Herren geschlafen und was die Enkelkinder an Weisheiten produziert hatten, ja wie die beiden Möpse, Ami und Jolli, sich fühlten, die unzertrennlichen Begleiter der beiden Ettlinger Familien.“15

Rabbiner Dr. Schiffer würdigte Helenes Vater I.H. Ettlinger bei dessen Tod im Jahr 1900 als „Hauptzierde und Hauptstütze der Gemeinde“, als Parnas über 28 Jahre und alljährlichen Schofarbläser zum Neujahrsfest Rosch HaSchana.16

Doch zurück ins frühe 19. Jahrhundert: Die zu Anfang erwähnte, erst 17-jährige Nanette Wormser, genannt „Gnendel“, Tochter des Kaufman Wormser, heiratete 1825 Jakob „Jokew“ Ettlinger, damals Klausrabbiner in Mannheim. Er hatte mit ihr (in erster Ehe) fünf Töchter und zwei Söhne. Alle Töchter verbanden sich später ebenfalls mit rabbinisch Gelehrten: Reline heiratete R' Salomon Cohn; Amalie den R' Joseph Isaacsohn; Helene den R' Israel Meir Freimann; Sara den R' Moses Löb Bamberger. Die mittlere der fünf hieß Regine (Rechel, 1839-1918), von der gleich noch die Rede sein soll.

Einige Jahre nach ihren Schwestern wurde Babette Wormser mit dem Eisenhändler Abraham Ettlinger in Karlsruhe getraut. Sie wohnten in der Herrenstraße 11, dann 20b und hatten zehn Kinder. Der älteste Sohn hieß Maier (Me'ir, 1834-93). Im Jahre 1863 heirateten Maier und seine eben erwähnte Cousine Regine; die Trauzeremonie hielt der aus Altona angereiste Brautvater R' Jakob Ettlinger.

So sind die Karlsruher Familien Ettlinger und Wormser – nicht nur in einem Firmennamen – vielfach verflochten.

Isaak und Selma Charlotte Ettlinger mit Sohn Maier Martin
Das Ehepaar Maier und Regine Ettlinger wohnte im Vaterhaus Herrenstraße 20b (später in 22 umnummeriert) und hatte vermutlich sechs Kinder, unter ihnen Isaak (geb. 4. Februar 1870) und Jakob (geb. 14. Februar 1874), welcher den Vornamen seines 1871 verstorbenen, inzwischen berühmten Großvaters trug, außerdem Abraham, Nanette, Babette und Aron. Ihr Vater Maier hatte wohl auch einen kaufmännischen Beruf, auf dem Grabstein wurde er aber als „Rabbi“ (Gelehrter) tituliert.17 In einem Nachruf beschrieb ihn J. Poritzky als „seelenreichen Mann“: „in der Synagoge hörte man Keinen lieber beten, als ihn. […] Alles Todte vermochte er mit dem Odem seines Geistes neu zu beleben“.18

1905/06 ließen die Erben von Maier Ettlinger durch das Architekturbüro Curjel & Moser ein Geschäftshaus in der Kaiserstraße 175 errichten, das vermietet wurde (heute Musikhaus Schlaile).

Der Eisenwarenhandel – vermutlich in Baustählen, Beschlägen, Schlössern u.ä. – mit dem repräsentativen Geschäftshaus Herrenstraße 7 und dem angrenzenden Lagerhaus Nr. 9, die beide um 1908/09 erneuert wurden, scheint damals besonders in Blüte gewesen zu sein, und die Ettlingers gehörten zweifellos zu den großen Wohltätern in den religiösen Vereinen und Förderern ihrer „gesetzestreuen“ Gemeinde. –

Isaak Ettlinger hatte im Juni 1912 seine erste, gerade 35-jährige Ehefrau Helene Debora (Hindel Dvora), geborene Burchard,19 verloren; sie wurde wie die meisten ihrer Verwandten auf dem Friedhof der Isr. Religionsgesellschaft an der heutigen Haid-und-Neu-Straße begraben. Aus dieser Ehe stammte die Tochter Bertha Babette, geboren am 22. April 1912).

Isaak heiratete 1917 in Frankfurt a.M. erneut, und zwar Selma Charlotte geborene Wolff (geb. 18. September 1888 in Hamburg), die zweite Person, der hier gedacht wird. Sie war eine Tochter von Isaak Wolff und Mathilde, geborene Mainz. Ehepaar Isaak und Selma Charlotte Ettlinger wohnte in der Herrenstr. 7. Isaak war Gabbai20 (eine Art Küster) und Sheliach Tzibur (ehrenamtlicher Vorbeter) in der orthodoxen Synagoge sowie in der Herrenstraße im so genannten „Ettlingerschen Minjan“ und in der Frühschul, wo die berufstätigen Männer auf dem Weg zur Arbeit Shacharit beten konnten.21 Daneben war er Almoseneinnehmer bzw. Vorsitzender der orthodoxen Chevra Kaddisha.22 Im Brotberuf war er Handelsvertreter in Eisenwaren und Haushaltsartikeln. Das Ehepaar hatte einen Sohn, Maier (Max) Martin, geb. 30 Dezember 1917 in Karlsruhe, die dritte Person, der dieser Beitrag gilt. Er besuchte 1928-1932 die Kant-Oberrealschule bis zur Quarta und begann dann eine kaufmännische Lehre. 1937 ist belegt, dass er sich um einen Reisepass bemühte, um nach Montreux auf eine Talmud-Hochschule zu gehen. Die Stapoleitstelle ließ seinen Vater und ihn wissen, wenn er seinen Wohnsitz ins Ausland verlege, werde er „bei seiner Rückkunft als Emigrant behandelt“.23 Am 17. Juli 1938 verstarb der Vater.24 Vor Kriegsausbruch noch gelangte Maier Martin in die niederländische Stadt Enschede, wo er sich in der orthodoxen Hachschara-Einrichtung „Haimers Esch“ auf die Aliyah nach Palästina vorbereitete. In den Akten wird er einmal als „Schreiner“ bezeichnet, die Ausbildung dazu machte er vermutlich dort.25

Im Mai 1939 zog die verwitwete Mutter Selma Charlotte nach Frankfurt am Main. Sie war ab 15. Mai 1939 eine Zeit lang im Israelitischen Krankenhaus Gagernstraße 36 (Ostend) und zog am 16. Oktober 1939 in das von Jenny Hahn verwaltete Rothschildsche Stift für alleinstehende israelitische Frauen, Zeil 92.26 Das Heim wurde im Sommer 1941 zwangsgeräumt, die meisten Bewohnerinnen in andere Heime verlegt. Als ihre Mutter Mathilde Wolff am 9. April 1942 starb, wurde Selma, gemeldet „Baumweg 34 bei Goldschmidt“1, 27 als nächste Angehörige angegeben. Die Adresse im Baumweg (wohl ein „Judenhaus“) lag nur wenige Gehminuten entfernt von der großen Synagoge Friedberger Anlage, in der ihre Kreise beteten.
Eine im Staatsarchiv Wiesbaden erhaltene, schmale Akte der Devisenstelle Frankfurt a.M. zu Selma Charlotte Ettlinger schließt am 27. Mai 1942 mit dem Vermerk „evakuiert“. Das lässt darauf schließen, dass die 53-jährige wohl mit dem am 24. Mai 1942 abgegangenen 5. Transport aus Frankfurt in das Ghetto Izbica südöstlich von Lublin deportiert und von dort nach dem Vernichtungslager Sobibor in den Tod geschickt wurde.28

Maier Martin sieht noch gesund und wohlgekleidet aus auf einer Aufnahme des Fotografen Rudolf Breslauer, die im Durchgangslager Westerbork entstand. Das Foto, das im Archiv des Ghetto Fighters' House in Israel verwahrt ist, wird kurz nach seiner Verhaftung (1942?) entstanden sein. Aus Westerbork wurde Maier Martin am 1. Februar 1944 nach Bergen-Belsen deportiert.29 Von dort ist überliefert, dass der junge Mann „Papiere für Ecuador“ beantragt hatte.30 Als sich die britischen Befreier näherten, wurden die letzten Häftlinge in andere Lager verlegt, die allerletzten noch am 11. April 1945 in Richtung Theresienstadt (Terezin) in der Tschechoslowakei. Wegen Fliegerangriffen und zerstörten Gleisen endete dieser „Verlorene Transport“, ein endloser Güterzug mit anfangs etwa 2.500 Menschen, am 23. April in Tröbitz in Sachsen.31 Fleckfieber hatte sich ausgebreitet, Hunderte waren unterwegs an Hunger und Entkräftung gestorben und z.T. entlang den Gleisen begraben worden. Maier Martin kam mit einigen weiteren LeidensgenossInnen in ein Krankenhaus im 45 km weiter südlich gelegenen Riesa, wo am 9. Mai 1945 sein Tod registriert wurde.32 Zwei Tage später wurde er dort begraben.33
Seine Schwester Bertha, von Beruf Erzieherin („educatrice“), seit 1932 in Frankreich, wurde am 27. Juli 1942 von Paris, Rue du Rennequin mit dem 11. Transport über Drancy nach Auschwitz-Birkenau deportiert und kam ebenfalls um. –

Jakob und Sophie Ettlinger
Auch Isaaks Bruder Jakob Ettlinger hatte seine erste Frau Ida, geborene Lang, aus Baden im schweizerischen Aargau gebürtig, in jungen Jahren verloren; sie starb 1913 33-jährig in Karlsruhe und wurde auf dem Neuen Friedhof der Israelitischen Religionsgesellschaft beigesetzt.34 Der Witwer heiratete im August 1922 in Berlin in 2. Ehe die aus Tremessen, Provinz Posen (heute: Trzemeszno in Polen) stammende Sophie, geborene Levy, geboren am 20. März 1885. Sie ist die vierte Person, zu deren Gedenken hier berichtet wird. Sie war eine Tochter des Händlers David Levy und der Ella geborene Ettlinger, einer Tochter des Jakob Ettlinger (Aruch LaNer) aus 2. Ehe mit Sophie, geborene Mayer. Die nach ihrer Großmutter benannte Sophie Ettlinger hatte mindestens einen Bruder und eine Schwester. Sophie hatte mindestens einen Bruder und eine Schwester. Sie absolvierte neun Jahre Höhere Töchterschule sowie ein Jahr Handelsschule, war gelernte Stenotypistin mit Kenntnissen in Buchhaltung, Kurzschrift und Maschineschreiben. Sie war mit den Eltern, wie viele andere, wohl um die Jahrhundertwende aus der Provinz Posen nach Berlin gezogen.

In Karlsruhe war Sophie Ettlinger Mitglied im Israelitischen Frauenverein, in der Tachrichim-Kasse und in der Agudistischen Frauengruppe.35 Ihr Mann Jakob war bis 1932 Teilhaber in dem Karlsruher Ledergroßhandel Gebr. Schnurmann Nachf., Kaiserallee 25,36 wo Ecke Goethestraße ein fünfstöckiges Lager- und Bürohaus stand.

Das Ehepaar hatte ein Kind, Regine Rachel, geboren am 6. September 1927 in Karlsruhe. Die Familie wohnte in der Ritterstraße 11,37 dann in der Herrenstraße 22, einem älteren Gebäude, das „M.A. Ettlinger Erben“, also den Nachkommen von Maier Ettlinger, Sohn des Abraham gehörte. Jakob und Sophie Ettlinger führten einen großbürgerlichen und streng rituellen Haushalt mit Personal. Als „Stütze“ arbeitete bei ihnen Rosa Manasse (geboren 1876 in Talheim).

Am 12. April 1939 verstarb Jakob Ettlinger, seit Herbst des Vorjahres bettlägerig krank, in Karlsruhe. Im August beantragte die Witwe für sich und ihre Tochter Reisepässe für Palästina, da sie inzwischen ein „Kapitalistenzertifikat“ für das Land hatten. Im Mai 1939 mussten Wertsachen abgeliefert werden, „Judenvermögensabgabe“ und „Reichsfluchtsteuer“ nahmen den Ettlingers große Teile ihres verbliebenen Wohlstands.

Die erhaltenen Anmeldungsbögen für „Wohnraum jüdischer Eigentümer“, die 1939 erhoben wurden, ergeben in der Herrenstraße 22 folgendes Bild:38 Parterre links wohnten die beiden eben Genannten, „Jakob Ettlinger Wwe“, mit ihrer Tochter; parterre rechts wohnte „Frl. Helene Ettlinger“. Im 1. OG wohnte links eine christliche Familie, rechts „Frau Rubin“, die Ehefrau von Naftali Rubin, „mit drei jüdischen Untermietern“. im Dachgeschoss links wohnte „Isaak Ettlinger Wwe“, d.i. Selma Charlotte, „mit vier jüdischen Untermietern“, rechts die christliche Familie Büchle. Im Seitenbau wohnte die Köchin „Frl. Rosalie Lonnerstädter“.39

Verfolgung und Neuanfang
Die 82-jährige Helene, die 55-jährige Sophie und ihre 13-jährige Tochter Regine sowie Rosel Lonnerstädter und Rosa Manasse wurden im Oktober 1940 mit etwa 900 weiteren Menschen aus Karlsruhe nach Gurs am Rande der Pyrenäen verschleppt. Die Habe und die Bankkonten der Ettlingers wurden nach ihrer Abreise beschlagnahmt. Spätestens im Frühjahr 1941 wurden dann der von den Nazis unterschlagene Hausrat und die Überseekisten („Lifte“) öffentlich versteigert.

Helene starb bereits am 4. Dezember 1940 in Gurs,40 also in den ersten, nasskalten Wochen, bevor französische und amerikanische Hilfsorganisationen die Lage der Verschleppten dort erleichtern konnten. Sie ist auf dem dortigen Deportiertenfriedhof begraben, um dessen Pflege sich auch die Stadt Karlsruhe kümmert.

Sophie und Regine blieben bis März 1941 in Gurs und wurden dann in das Lager Rivesaltes verlegt. Januar oder Februar 1942 fasste Regines Mutter wie viele andere Eltern unter den aus Baden und der Pfalz Verschleppten den schweren Entschluss, ihre Tochter in ein Kinderheim gehen zu lassen. Sie selbst blieb zurück, wurde am 4. September 1942 nach Norden in die „Zone occupée“ verfrachtet und am 11. September von Drancy nach Auschwitz-Birkenau deportiert, wo sie umgebracht wurde. Ihre Geschwister konnten nach Argentinien bzw. Palästina flüchten.

Regine gelangte in die italienische Schweiz und nach Kriegsende ebenfalls nach Palästina, heiratete 1947 Rudolf Löbel und lebte mit ihm im nunmehr israelischen Magdi'el; die Familie wanderte später nach Kalifornien aus.

Alle hier Genannten, die dem Naziterror zum Opfer fielen (Selma Charlotte geb. Wolff und ihr Sohn Maier Martin, Helene und Sophie geb. Levy), standen in der orthodoxen Tradition des als Admor („unser Herr, unser Lehrer und unser Meister“) außergewöhnlich hoch verehrten Rabbi Jakob Ettlinger, dessen Grab und das seiner ersten Frau Gnendel sich auf dem Friedhof Königstraße in Hamburg-Altona befinden. Eine der Inschriften mag daher auch sinngemäß für die vier genannten Toten gelten: „ihrem Schöpfer dienten sie zu jeder Stunde“..41

(Christoph Kalisch, Juni 2013)


Anmerkungen:
[1] F. Hundsnurscher, G. Taddey: Die jüdischen Gemeinden in Baden. Stgt. 1968, S. 82 f. und Juden in Baden 1809-1984. 175 Jahre Oberrat der Israeliten Badens. Karlsruhe: 1984, S. 228 nach J. A. Zehnter in ZGO 51, 1897 und 54, 1900.
[2] Zehnter: Zur Geschichte der Juden in der Markgrafschaft Baden-Durlach. In: ZGO 51, N.F.12, S. 659.
[3] E. Biberfeld: Die hebräischen Druckereien zu Karlsruhe i.B. und ihre Drucke […]. Karlsruhe : Bielefeld, 1898, , S. 23. (Sonderdruck aus: Ztschr. f. Hebr. Bibliographie).
[4] Vgl. Hahn, http://www.alemannia-judaica.de/karlsruhe_rabbiner_lehrer.htm.
[5] Rosenthal, Heimatgeschichte der badischen Juden, 1927, S. 357f.
[6] Badische Landesbibliothek 111A 71257 R.
[7] Generallandesarchiv Karlsruhe (GLA) 206/2210 Register der Juden-Gemeinde Karlsruhe, um 1809.
[8] Vgl. Der Israelit 20. 12. 1871.
[9] Vgl. http://digital.blb-karlsruhe.de/id/531299 .
[10] Rahel Straus: Wir lebten in Deutschland. Stuttgart 1962, S. 26.
[11] Vgl. Manfred Koch in: Juden in Karlsruhe, S. 113.
[12] Vgl. Der Israelit 2.5.1901, S. 1.
[13] Vgl. Familienstandsakte HStA Stgt. J 386 311/312 und Nachruf in Der Israelit 2. Mai 1901.
[14] Der Israelit 17.7.1890, S. 1008.
[15] Rahel Straus, Wir lebten in Deutschland, S. 27.
[16] S. Schiffer: Gedenkworte gesprochen an der Bahre des verewigten Herrn Isaac Ettlinger am 25. Adar II. 5660 - 26. März 1900. Frankfurt : Slobotzky, 1900. 7 S., vgl. http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/freimann/content/titleinfo/386727 .
[17] Grabstein Orthodoxer Friedhof Haid-und-Neu-Str., vgl. LDA-Dokumentation.
[18] Der Israelit 22.12.1898, S. 1897.
[19] Grabstein und Hinweise in Stadtarchiv Karlsruhe 8/StS 13, 1193 und Personenstandsregister Hauptstaatsarchiv Stuttgart.
[20] Angabe von Regine Loebel 2004 auf www.synagogen.info/ .
[21] Vgl. Der. Israelit 20.12.1928 (Geburtstag I. Thalmann) und 28.7.1938.
[22] Vgl. Grabstein und Führer durch die jüdische Gemeindeverwaltung und Wohlfahrtspflege in Deutschland 1932-33, Berlin 1934.
[23] GLA 330/279 Passantrag.
[24] Todesanzeige Israelit 21.7.1938 (letzte Whg. Herren-7), Nachruf Isa(a)k Israelit 28.7.1938.
[25] Gedenkbuch Bergen-Belsen (USHMM).
[26] Schreiben Institut für Stadtgeschichte Frankfurt a.M., 25.10.2012, so in den Hausstandsbüchern geführt.
[27] Staatsarchiv Wiesbaden, Akte Devisenstelle Frankfurt (Abt. 519/3 Nr. 30535), dito auch Auskunft YadvaShem Februar 2013.
[28] So Hr. Haberkorn, Staatsarchiv Wiesbaden, Dezember 2012.
[29] Lt. Gedenkbuch Bundesarchiv.
[30] World Jewish Congress Collection: Bergen-Belsen D50.7.a, vgl. http://resources.ushmm.org/hsv/
[31] http://de.wikipedia.org/wiki/Verlorener_Zug#Die_drei_Transporte .
[32] Angabe des evangelischen Pfarramts Riesa, Auskunft Stadtmuseum Riesa Feb. 2013.
[33] Auskunft Stadtmuseum und ev.-luth. Pfarramt Riesa, Februar 2013. Am 13. Januar 1949 wurden die sterblichen Überreste angeblich exhumiert und nach den Niederlanden überführt.
[34] Angabe von Regine Ettlinger in The Family Tree of the Jewish People und HStA Stuttgart Standesregister
[35] Vgl. Der Israelit Nr. 11, 17. März 1938, S. 8.
[36] Vgl. GLA 480/13596.
[37] Adressbuch Karlsruhe 1928.
[38] Stadtarchiv Karlsruhe 1/H-Reg A 1492.
[39] Vgl. auch Adressbuch Karlsruhe 1939; Volkszählung Mai 1939.
[40] Lt. Gedenkbuch Bundesarchiv: 11. Dezember.
[41] http://www.steinheim-institut.de:50580/cgi-bin/epidat?function=Ins&sel=hha&inv=4205 ;
http://www.steinheim-institut.de:50580/cgi-bin/epidat?function=Ins&sel=hha&inv=4210 .