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Luise Ellinger mit Tochter Käte, Foto von 1939

Personendaten

Luise Ellinger

Nachname: Ellinger
geborene: Arnold
Vorname: Luise
Geburtsdatum: 28. Oktober 1873
Geburtsort: Augsburg (Deutschland)
Familienstand: verwitwet
Eltern: Albert (6.2.1844) und Hermine, geb. Vogel (2.4.1853-1.11.1919), A.
Verwandtschaftsverhältnis: Witwe von Dr. Albert E. (Augenarzt, Leiter seiner Klinik in der Stephanienstr. 66, um 16.2.1866-12.10.1919)

Mutter von Käte Mayer, geb. E., Hermann (um 1897-1918), Paul (14.8.1895-15.10.1918) und Gertrud (12.7.1894-1920)
Adresse: Stephanienstr. 66
Bismarckstr. 21
1940: Stephanienstr. 30, 1940 nach Augsburg verzogen
Beruf: Hausfrau
Deportation: 12.8.1942 von Augsburg nach Theresienstadt (Protektorat Böhmen-Mähren, heute Tschechien)
Sterbedatum: 12. Januar 1943
Sterbeort: Theresienstadt (Protektorat Böhmen-Mähren, heute Tschechien)

Biographie

Luise Ellinger

An dieser Stelle sollen die zusammengehörenden zwei Familien Ellinger und Mayer dargestellt werden. Deren Kinder Karl Mayer und Käte Ellinger heirateten 1928.

Familie Ellinger
Die Familie Ellinger stammte ursprünglich nicht aus Karlsruhe.
Albert Ellinger, geboren am 16. Februar 1866 in Stuttgart, war der Sohn des Zigarrenfabrikanten Salomon Ellinger (1827-1898). Seine Mutter war Rosalie, geborene Neustätter (1834-1908) und stammte aus München. Sie hatten ihren Wohnsitz in Stuttgart.
Albert Ellinger absolvierte sein Medizinstudium an der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen und an der Ludwig-Maximilian-Universität in München, wo er im März 1889 promovierte. Er heiratete am 22. Oktober 1893, inzwischen Augenarzt, Luise Arnold in Augsburg.

Luise Ellinger, geborene Arnold (auch Louise), wurde am 28. Oktober 1873 in Augsburg geboren. Sie war die älteste von drei Geschwistern (Emilie, Benno und Arthur) und besuchte in Augsburg die Höhere Mädchenschule. Sie stammte aus einer wohlhabenden großbürgerlichen Familie. Ihr Vater, Kommerzienrat Albert Arnold (1844-1913), war Mitinhaber der Augsburger Textilfabrik Kahn & Arnold. Sein Geburtsort war Jebenhausen bei Göppingen.
Luises Vater verbrachte seine Kindheit in Jebenhausen, einer zu Beginn des 19. Jahrhunderts blühenden jüdischen Landgemeinde. Sie war 1777 begründet worden und galt um 1850 mit etwa 46 Prozent der Einwohnerschaft unter etwa 1.200 Seelen als zweitgrößte Gemeinde im süddeutschen Raum. Mit der Industrialisierung und Freizügigkeit wanderten die jüdischen Bewohner in die größeren Städte ab, nicht zuletzt wegen besserer Bildungschancen.
So kam Albert Arnold im Jahre 1860 nach Augsburg und heiratete am 1. Januar 1873 Hermine Vogel (1853-1919) aus Pfersee bei Augsburg. Sie wohnten in der Bahnhofstraße 5 in Augsburg. 1917 erhielt Hermine das König-Ludwig-Kreuz für ihr ehrenamtliches Engagement während des Krieges.

1894 ging Dr. Albert Ellinger mit seiner Gemahlin Luise, geborene Arnold, nach Karlsruhe, um sich dort als Augenarzt niederzulassen. Sie wohnten bis Ende März 1902 in der Kaiserstraße 197.
Am 12. Juli 1894 wurde Tochter Gertrud, am 14. August 1895 Sohn Hermann geboren.
Dr. Albert Ellinger eröffnete am 1. April 1902 seine Augenarztpraxis in der Stephanienstraße 66 in Karlsruhe, wo die Familie dann auch ihren Wohnsitz hatte. Dazu hatte der bekannte Architekt Hermann Billing 1901/02 eigens einen repräsentativen Jugendstilbau entworfen.
Am 17. März 1906 wurde Tochter Käte geboren.
Die Töchter Gertrud und Käte konvertierten am 22. Februar 1914 zum Protestantismus.
Im selben Jahr, am 26. März 1914, heiratete Gertrud in Karlsruhe den katholischen, großherzoglichen Bauinspektor Richard Maier, der am 11. Januar 1884 in Karlsruhe geboren war und in Wiesloch in der Heidelbergerstraße 56 wohnte.
Seine Eltern waren der Obergeometer Johann Maier und seine Frau Luise, geborene Riesterer, die in der Nelkenstraße 15 in Karlsruhe wohnten. Das junge Paar lebte anschließend in Wiesloch.

In den nächsten Jahren wurde Luise Ellinger von schweren Schicksalsschlägen getroffen.
Ihr Sohn Hermann verlor kurz vor Kriegsende am 15. Oktober 1918 (in Frankreich) im Ersten Weltkrieg sein Leben.
Am 12. Oktober 1919 starb ihr Ehemann Dr. Albert Ellinger an einem Herzinfarkt.
Ihre älteste Tochter Gertrud verstarb im blühenden Alter von 26 Jahren, vermutlich an der Zuckerkrankheit. Somit wurde deren am 8. Juni 1916 geborene Tochter Hilde Halbwaise.

Tochter Käte besuchte von 1912 bis 1923 (1. bis 11. Klasse) die Höhere Mädchenschule einschließlich der obersten Klasse „Selecta“. Anschließend arbeitete Käte zweieinhalb Jahre in einer Karlsruher Großbank, um sich kaufmännische Kenntnisse anzueignen.
Am 24. Mai 1928 heiratete Käte Ellinger den jüdischen Arzt Dr. Karl Josef Mayer.

Familie Mayer
Die Familie Mayer stammte aus Karlsruhe. Karl Mayers Eltern waren August Mayer (1874 – 1957), Textilgroßhändler, und Paula, geborene Berg (1876-1947). Sie wohnten in der Herrenstraße 13 in Karlsruhe.
Karl Mayer wurde am 29. März 1902 in Karlsruhe geboren. Er besuchte von 1913 – 1920 (7. – 13. Klasse) das Bismarckgymnasium in Karlsruhe und studierte nach dem Abitur Medizin an der Universität in Heidelberg.

Nach der Eheschließung lebte das Paar in Berlin, wo Dr. Mayer als Assistenzarzt arbeitete und Käte, seine Frau, von 1928 bis 1931 am Israelitischen Krankenhaus in Berlin eine umfassende Ausbildung als so genannte Hilfsschwester machte. Außerdem wurde sie dort in der Diät- und koscheren Küche unterrichtet.
Im Laufe des Jahres 1931 kam das Ehepaar nach Karlsruhe zurück. Dr. Mayer baute die ehemalige Augenarztpraxis seines Schwiegervaters in der Stephanienstraße 66 in eine Privatfrauenklinik um und praktizierte dort als Chirurg und Gynäkologe. Die Klinik wurde mit den modernsten medizinischen Geräten und Instrumenten bestückt.
Käte war beruflich eine große Stütze für ihren Mann. Sie übernahm die wirtschaft¬liche Leitung der Klinik, instrumentierte bei Operationen und überwachte die Diät- und koschere Küche sowie zwei Hilfsschwestern und eine Nachtschwester. Sie war auch aktives Mitglied im jüdischen Sportverein TCK 03. Am 26. April 1936 gab es in Stuttgart eine „Meisterschaft des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten“, bei der die Frauenmannschaft des Karlsruher Clubs die „Scharte“ der Männermannschaft, die 4:0 gegen die Stuttgarter verloren hatte, mit dem gleichen Ergebnis „auswetzte“. Das Israelitische Gemeindeblatt berichtete danach, dass „Frau Dr. Karl Mayer“ [!] eines der Tore erzielt hatte.
Dr. Mayer engagierte sich besonders in jüdischen kulturellen und sozialen Organisationen, war Mitglied der Carl-Friedrich-Loge (B’nai Brith-Loge), im Hilfsverein der Juden in Deutschland e.V., im Israelitischen Männerkrankenverein sowie im Verein Friedrichsheim Gailingen.
Das gemeinsame Leben der Familie Mayer entwickelte sich auf privater und beruflicher Ebene vielversprechend. Die Klinik war anerkannt und Dr. Mayer als Arzt sehr geschätzt.
Am 9. April 1932 wurden die Zwillinge, Tochter Renate und Sohn Wolfgang, geboren.

Kätes Mutter, Luise Ellinger, die ja mittlerweile allein lebte, zog 1932 von der Stephanienstraße 66 in die Bismarckstraße 21, damit das junge Paar in der Klinik wohnen konnte.
Sie war eine sehr gebildete Frau, interessierte sich einerseits für Oper, Theater und Konzert, andererseits war sie auch geübt im Bridgespiel. Außerdem war sie Mitglied im Israelitischen Frauenverein.

Das Leben von Karl und Käte Mayer nach der Machtergreifung 1933
Gleich nach der Machtergreifung Hitlers im Jahre 1933 kam es zu ersten Diskriminie¬rungen gegen Juden.
Am 22. April 1933 verloren die jüdischen Ärzte die Krankenkassenzulassung. Dr. Mayer war bis zu diesem Zeitpunkt Vertreter der Jungärzte Badens für die Kassenzulas¬sungen am Oberversicherungsamt in Karlsruhe. Nach dem Erlass der „Nürnberger Gesetze“ im September 1935 durften nur noch jüdische Patienten behandelt werden. Dadurch wurde der Patientenstamm so drastisch reduziert, dass Dr. Mayer anderen Ärzten Belegbetten in seiner Klinik zur Verfügung stellte.
Weitere nationalsozialistische Gewaltmaßnahmen gegen Juden folgten.
Am 30. September 1938 wurde den jüdischen Ärzten die Approbation entzogen.
Somit hatte die Familie Mayer keine wirtschaftliche Überlebensgrundlage mehr.
Zwei Tage nach der „Reichskristallnacht“ vom 9. auf den 10. November 1938 wurde Dr. Mayer von den Nazis gezwungen, seine Privatklinik mit Wohnung und großem Garten weit unter dem Schätzwert zu verkaufen. Damit wurde die Familie ein Opfer der so genannten Arisierung.
Das Gebäude wurde während des Kriegs durch Bombeneinschläge völlig zerstört.

Mit der Pogromnacht war die Grenze zur offenen Gewalt gegen Juden flächen¬deckend überschritten. Die Familie zog die Konsequenz, Deutschland zu verlassen.
Dr. Mayer stellte Passanträge, damit die vierköpfige Familie nach Nordamerika ausreisen konnte.
Außerdem hatte er eine Einreiseerlaubnis für den Iran (Persien), wo seine Schwester Erika P., geborene Mayer, in Teheran verheiratet war.
Obwohl die Reisepässe in die USA bewilligt wurden, entschied sich Dr. Mayer für den Iran, da ihm dort im Gegensatz zu den USA, die Anerkennung seiner Approbation zugesagt wurde.
Dr. Mayer, seine Frau Käte und die Zwillinge Renate und Wolfgang schifften sich am 15. Juni 1939 auf einem Frachtdampfer in Bremerhaven ein und gingen schließlich nach langer Reise am 1. September 1939 in Bandar Shahpour, Iran, an Land.
Obwohl die Frachtkosten für den Transport von zwei Liftvans mit Umzugsgut nach Teheran bereits hinterlegt waren, wurde der gesamte Besitz der Familie Mayer (u.a. ein neuer Steinway-Flügel, medizinische Geräte, 3 OP-Tische sowie ärztliche Instrumente) 1940/41 im Freihafen Bremen vom NS-Staat beschlagnahmt und später versteigert.

Unter Einwirkung der deutschen Gesandtschaft wurde Dr. Mayer mit Familie nach kurzem Aufenthalt in Teheran in die iranische Provinz verwiesen. Zuerst nach Hamadan, dann nach Kermanschah, wo es für Dr. Mayer keine Möglichkeit gab als Facharzt zu arbeiten. Im Grenzort Kermanschah behandelte er Typhuskranke unter katastrophalen hygienischen Verhältnissen und erkrankte dann selbst an einem schweren Bauchtyphus. Er lag 87 Tage in Kermanschah im amerikanischen Mis¬sionskrankenhaus. Durch inzwischen geknüpfte einflussreiche Beziehungen konnte Dr. Mayer dann doch nach Teheran zurückkehren und dort seine eigene Praxis eröffnen. Doch 1945 musste er diese aus gesundheitlichen Gründen wieder schließen (siehe Epilog).


Luise Ellinger war nun allein in Karlsruhe zurückgeblieben, nachdem ihre Tochter Käte Mayer mit Familie nach Persien emigriert war.
Da sich die Repressalien gegen die jüdische Bevölkerung von Woche zu Woche steigerten, kehrte Frau Ellinger gegen Ende 1939 in ihren Geburtsort Augsburg zurück.
Sie zog dort in die Remboldstraße 1 (Eigentum der Firma Kahn & Arnold) ein.
In Karlsruhe war ihre letzte Adresse Stephanienstraße 30 (seit 1938), wo sie eine komplett möblierte Vier-Zimmer-Wohnung zurückließ. Nach ihrem Wegzug wurde die Wohnung von den Nazis ausgeräumt und das Mobiliar versteigert.
Möglicherweise fühlte sie sich in ihrer Heimatstadt sicherer, aber auch von dort wurde sie am 12. August 1942 nach Theresienstadt deportiert.
Die letzte Nachricht über sie liegt vor in einer Mitteilung vom Internationalen Komitee des Roten Kreuzes.
Diese erhielt Käte Mayer in Teheran am 25. September 1943 von ihrer Nichte Else Eckert mit folgendem Wortlaut: "Benno meldet soeben aus Theresienstadt, daß Mutter Ellinger nach sechsmonatigem Aufenthalt daselbst nach hochgradiger Verkalkung vergangenen Januar sanft entschlief.
Transport Nr. II/22-1071, gestorben: 12.01.43 (Ghetto Theresienstadt)."

EPILOG
Dr. Mayer litt an einer schweren Parkinson-Erkrankung und war deshalb gezwungen, mit seiner Frau Käte und den beiden Kindern Renate und Wolfgang im Oktober 1949 nach Karlsruhe zurückzukehren. Sie wohnten zunächst in der Hirschstraße 118; 1954 zogen sie in die Erzberger¬straße 2c.
Bei Dr. Mayer hatten sich bereits im Jahre 1943 in Teheran die ersten Symptome einer Parkinson-Erkrankung als Folge des zuvor durchgemachten schweren Bauchtyphus gezeigt, die zur Lähmung beider Hände und der rechten Beinseite geführt hatte.
Infolgedessen war er nach seiner Rückkehr mit 47 Jahren erwerbsunfähig, pflege¬bedürftig und ohne Einkommen.
In diesem desolaten Zustand stellte er einen Antrag auf Wiedergutmachung für das ihm und seiner Familie widerfahrene Unrecht:
Das Land Baden-Württemberg, vertreten durch das Justizministerium in Stuttgart, wollte Dr. Mayers unheilbare Krankheit nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, Verfolgung und erzwungener Emi¬gration sowie der Ausweisung aus Teheran anerkennen. Deshalb erhielt er nur eine Entschädigung für den Typhus, aber nicht für die Parkinsonsche Krankheit.
Anfang der 1950er Jahre klagte er gegen diese Entscheidung. Es folgte ein Prozess¬verfahren und schließlich kam es zum Vergleich: Eine Gesundheitsrente wurde bewilligt.
Sein Zustand verschlechterte sich aber zusehends. Es kam zu einer Sprachbehinderung und Rückgratverkrümmung. Jährlich wurde eine vier- bis sechswöchige Spezialbehandlung in einem Sanatorium erforderlich. Er war ganz auf die Hilfe seiner Frau Käte ange¬wiesen, da er sich auch nicht mehr allein bewegen konnte. Durch die schwere Pflegearbeit zog sich Käte ein Bandscheibenleiden zu, weshalb sie die Pflege nicht mehr selbst leisten konnte. Es musste eine geschulte Nachtschwester engagiert werden, stundenweise eine Heilgymnastin und ein Pfleger; fallweise eine männliche Hilfskraft zum Herein- und Herausheben von Dr. Mayer in ein Auto.

Durch diese hohen Pflegekosten kam die Familie in wirtschaftliche Not.
Der Vergleich wegen Entschädigungsleistungen wurde 1957 von Dr. Mayer angefochten. Er verlangte eine höhere Rente, Bezahlung des Heilverfahrens, der Pflegekosten und Erstattung von Medikamenten.
Jahrelange zähe Auseinandersetzungen mit den Behörden, Bürokratismus und Schikanen (z.B.: sollte die Nachtschwester nur an 5 statt 7 Nächten wöchentlich erstattet werden) und z.T. schleppende Bearbeitung der Anträge stellten eine zusätzliche große Belastung für die Familie dar. Jede Leistung musste eingeklagt werden.

Mit den Jahren verschlimmerte sich Dr. Mayers Krankheit derart, dass er die letzten Monate vor seinem Tode im Städtischen Altenheim im Klosterweg verbringen musste. Käte erkrankte infolge der Belastung selbst. Am 7. Juli 1967 starb Dr. Mayer im Städtischen Krankenhaus.

Käte verließ alsbald nach dem Tod ihres Mannes Karlsruhe und zog zu ihrer Tochter Renate in die USA, die 1954 den amerikanischen Staatsbürger Henry J. Wertheimer geheiratet hatte. Auch der Zwillingsbruder Wolfgang war schon 1958 in die USA gegangen.
Käte Mayer starb am 9. Juni 1984 in New York.

(Ursula Passani, Dezember 2005)