Personendaten

Elsa Eis (Else)

Nachname: Eis
Vorname: Elsa
abweichender Vorname: Else
Geburtsdatum: 26. Februar 1899
Geburtsort: Karlsruhe (Deutschland)
Familienstand: ledig
Eltern: Josef und Rose E.
Verwandtschaftsverhältnis: Schwester von Emil
Adresse: 1900: Kaiserstr. 14a
1902: Zähringerstr. 28
1905-1915: Markgrafenstr. 34
1916-1939: Akademiestr. 75
1940: Kaiserstr. 34a
Beruf: Sängerin (Opernsängerin)
Angestellte (beim Israelitischen Wohlfahrtsbund)
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
12.8.1942 von Drancy nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Elsa und Rose Eis

Elsa (auch: Else) Eis kam am 26. Februar 1899 in Karlsruhe als älteste Tochter einer deutsch-jüdischen Handwerker-Familie auf die Welt.
Elsas Mutter Rose hieß mit Mädchennamen Gumbrich, geboren 1874 in Rastatt. Sie scheint keinen Beruf erlernt zu haben. Sie war, wie in ihren Kreisen üblich, Mitglied in einer Wohltätigkeitsorganisation, dem Israelitischen Frauenverein, viel mehr ist über sie nicht bekannt. Ihre Schwester, Elsas Tante Sofie, geboren 1883 in Rastatt, war mit einem Nicht-Juden verheiratet (sie hieß dann Hülsmann), und wohnte auch in Karlsruhe.
Elsas Großmutter mütterlicherseits, Regina Gumbrich, war eine geborene Lichtenauer, sie lebte als Witwe etwa von 1905 bis 1922 mit im Haushalt Eis, denn der Großvater Isaak, Schlachter und Handelsmann in Rastatt, war bereits 1889 verstorben. Der Herkunftsname weist auf Lichtenau bei Bühl hin, wo es seit dem 17. Jahrhundert jüdisches Leben gab.
Elsas Vater Josef, geboren 1870 in Bingen am Rhein, seit 1890 in Baden, war als Küfer (wohl im Karlsruher Weinhandel) beschäftigt. Er wurde Mitglied im Israelitischen Männerkrankenverein und im „Malbisch Arumim“ („Bekleider der Frierenden“), dieser hielt Totenwachen und Trauerrituale, vermutlich auf dem Friedhof in der Karl-Wilhelm-Straße. 1915 bis 1918 musste er den Krieg mitmachen, an der östlichen Front in Rumänien. Er scheint früh gesundheitlich angegriffen und nicht wohlhabend gewesen zu sein. Um 1932 ist er als „Inkassant“, also Abogebühren-Einnehmer der Badischen Presse und bezahlter „Amtsgehilfe“ beim Sekretariat der Israelitischen Gemeinde auf den Beinen, daneben half er beim Oberrat der Israeliten aus.
Sein Bruder, Elsas Onkel Salomon (geboren 1874), war Glasermeister in Mannheim. Nach dessen Tod 1935 führte die Witwe, Elsas Tante Johanna, geborene Wallenstein (geboren 1875) eine Art Pension/Übernachtungsheim in Mannheim, zog dann 1940 nach Karlsruhe zu und wohnte kurze Zeit mit bei Elsas Familie. Tochter Erna, Elsas Kusine, war 1907 in Mannheim geboren.
Drei weitere Brüder aus der Binger Eis-Familie sind zu erschließen: zwei ältere und Leopold, 1879 geboren, wohl der jüngste. Die Mutter, also Elsas Großmutter väterlicherseits, war offenbar bei seiner Geburt 35­jährig „im Kindbett“ gestorben; der Großvater lebte noch bis etwa 1920 und wurde 82 Jahre alt.

Elsas acht Jahre jüngerer Bruder Emil wurde „Bankbeamter“, vielleicht bei einer Karlsruher Bank angestellt. Er starb aus unbekannter Ursache 21-jährig in der elterlichen Wohnung.
Welche Schule und Ausbildung Elsa absolvierte, ist nicht bekannt. Die Familie zog die ersten Jahre häufig im damals schon etwas verfallenen alten „Dörfle“ um, die Adressbücher nennen: 1899 Waldhornstraße 10, 5. Stock; 1900 Kaiserstraße 14a, Seitenflügel 2. Stock, 1901 Zähringerstraße 38, 2. Stock, 1904 Kapellenstraße 74, Hinterhaus 1. Stock, 1905 bis 1915 Markgrafenstraße 34, 3. Stock. Schließlich beziehen die Eis’ etwa 1916 eine Wohnung in der Akademiestraße 75, 3. Stock, die sie gegen 1940 verlassen müssen, um in der Kaiserstraße 34a, einem Haus der Israelitischen Gemeinde unter zu kommen, wohl in einer 3­Zimmer­Mansardenwohnung und ein so genanntes Judenhaus.
Die erwachsene Elsa wohnt zumindest 1924 und 1930 bis 1937 im elterlichen Haushalt. Nach rückblickender Aussage ihres Vaters im Wiedergutmachungsantrag war sie eine „bekannte Konzertsängerin“, die „einen Großteil ihres Lebensunterhalts selbst“ bestritt und „2 Pelzmäntel und 1 Brillantring“ ihr eigen nannte.
„Elsa“ heißt nicht zufällig die Starrolle in Richard Wagners um die Jahrhundertwende hoch populärem „Lohengrin“. In der Wohnung der offenbar musikbeflissenen Familie stand nachweislich 1940 ein Klavier. Anregungen für die Jugendliche gab es damals rundum: Das Nationaltheater Mannheim ist eine der berühmtesten deutschen Opernbühnen, und in Karlsruhe hatte das Musiktheater unter dem jüdischen Generalmusikdirektor Josef Krips einen bedeutenden Ruf. In der Synagogengemeinde wurde viel musiziert und gesungen, Kantor und OrganistIn sind feste Größen im Gemeindeleben.

In MusikerInnenkreisen konnte Elsa als unverheiratete Frau wohl ein relativ selbständiges Leben führen. Das Deutsche Bühnenjahrbuch belegt nämlich, dass „Else Eis“ 1923 als „Sängerin“ am Stadttheater Eisenach in der Sparte Schauspiel/Operette/Oper engagiert war; 1925 bei den Städtischen Bühnen Oberhausen in der Sparte Oper; 1927 dann an den Vereinigten Städt. Bühnen Beuthen (Oberschlesien), wiederum an der Oper.
Da sie höchst wahrscheinlich recht klein gewachsen war, blieb ihr vielleicht eine typische Opernbühnen-Karriere verwehrt; am Badischen Landestheater [heute Badisches Staatstheater] in Karlsruhe hatte sie kein Engagement.
Ihre Gesangsdarbietungen nach 1933 können nur noch im Rahmen der Gemeinde und des Jüdischen Kulturbundes stattgefunden haben, da jüdische Künsterlnnen aus der sonst obligatorischen Reichskulturkammer ausgeschlossen waren und daher nur vor jüdischem Publikum auftreten durften.

Am 15. Dezember 1934 erschien im damals in Karlsruhe erscheinenden Israelitischen Gemeindeblatt, Ausgabe B ein kleiner Bericht über einen „Familienabend“ des Reichsbundes Jüdischer Frontsoldaten (RJF) in Karlsruhe:

„Das Programm eröffnete unsere bekannte Opernsängerin Else Eis, die mit ihrer schönen Stimme zunächst zwei Arien aus Figaros Hochzeit zu Gehör brachte, um später noch Lieder von Brahms, womöglich noch schöner vorzutragen.“

Im Dezember 1936 gab das Stadtrabbinat in der gleichen Zeitung in der Ausgabe vom 9. Dezember bekannt:

Die „Gesänge [...] bei den gottesdienstlichen Feiern an den Chanukka-Tagen [...] werden geboten:
an beiden Dienstagen durch Frl. Eis
am Mittwoch durch Frl. Poritzky
am Donnerstag durch Herrn Oberkantor Metzger
am Sonntag durch Herrn Dr. Karl Meyer.“
Kurz darauf 23. Dezember 1936 berichtete dieselbe Zeitung über einen Auftritt des Karlsruher Synagogenchors in Heidelberg, dirigiert und am Klavier begleitet von Kapellmeister Curt Stern. „Zur solistischen Mitwirkung waren Elsa Eis – Karlsruhe mit ihrem klaren Sopran und Hans Assenheim – Frankfurt a.M. verpflichtet.“

Im November 1939 finden wir Elsa als Sekretärin im Wohlfahrtsamt der Israelitischen Gemeinde Karlsruhe wieder. In einem überlieferten Schreiben rief sie zu Vorbereitungskursen der Jugend-Allijah für die Auswanderung in das britische Mandatsgebiet Palästina auf, gezeichnet mit dem Zwangsnamen Elsa „Sara“ Eis.
Der Wohlfahrtsbund in Karlsruhe versorgte z.B. im Winter 1935/36 über 500 Personen in der Jüdischen Winterhilfe; es wurden als Mittagsspeisung ca. 180 Essen am Tag ausgegeben. Diese Einrichtung des Bundes Israelitischer Wohlfahrtsvereinigungen in Baden befand sich neben Gemeindehaus, jüdischer Schule und Betsaal in der Kronenstraße 15. Nahebei waren die 1938/39 verwüstete und auf Kosten der Gemeinde zwangsweise abgerissene Synagoge (Kronenstraße 7) sowie die Wohn- und Geschäftshäuser Kaiserstraße 34 und 34a (wo Familie Eis nach 1939 ja wohnte).
Die Gemeinde verstand sich als reformiert oder liberal, die dort verbreitete C.V.-Zeitung vertrat das Ideal des „deutschen Bürgers jüdischen Glaubens“.
Am 22. Oktober 1940, dem Tag des Laubhüttenfests (Sukkoth), begann für Elsa, die Eltern und die 65-jährige Tante Johanna mit über 900 KarlsruherInnen die Abschiebung nach Gurs nahe den Pyrenäen. 50 kg Gepäck und 100 RM pro Person durften mitgenommen werden, nicht wenige besaßen gar nicht mehr soviel. Nach endlosen drei Tagen und drei Nächten trafen sie am 25. dort ein. Die Verhältnisse im französisch geführten Camp de Gurs waren sehr schwierig und behelfsmäßig, aber vor allem in den Frauenbaracken geprägt von gut organisierter Selbsthilfe.
Am 20. März 1941 kamen Elsa und die Eltern in das Lager Récébédou. Die Eltern allein wurden am 3. August 1942 weiter in das Lager Noé, einem Lager für alte Menschen, verlegt.

Elsa musste am 8. August 1942 wieder „auf Transport“ und erreichte am nächsten Tag gegen Abend Drancy bei Paris. Das Sammellager im deutsch besetzten Gebiet war Durchgangsstation „nach dem Osten“ für abertausende Menschen. Am 12. August trat sie von dort, übrigens zusammen mit weiteren 72 KarlsruherInnen, im „18. RSHA-Transport“ den Weg nach Auschwitz-Birkenau an. Wie üblich war der Transportzug in 20 Viehwaggons mit je 50 Personen eingeteilt.
Es waren überwiegend ältere Menschen, zur Hälfte Frauen, keine Kinder. Sie kamen am 14. August an. Nur 62 der Frauen erhielten Nummern und wurden in das neu errichtete Lager eingewiesen. Noch im selben Jahr wütete dort auch das Fleckfieber. 1945 sind aus dem ganzen Transport elf Überlebende belegt.
Elsa war nicht darunter, ihr weiteres Schicksal ist unbekannt. Ende 1945 wurde sie für tot erklärt.

Die Mutter starb 1944 in Frankreich, wohl außerhalb der Internierung in einem Krankenhaus. Der Vater überlebte, besuchte sogar Karlsruhe gelegentlich wieder und starb um 1961, gut 90-jährig, in einem französischen Altersheim.
Die Tante Sofie Hülsmann, die nach dem Tod ihres Mannes 1937 den Schutz der „privilegierten Ehe“ verloren hatte, wurde 57-jährig am 11. Januar 1944 nach Theresienstadt deportiert, kehrte aber - als einzige Karlsruherin, neben den Männern - im Juni 1945 zurück; sie starb 1950 in Karlsruhe.
Der Tante Johanna Eis gelang noch 1942 von Frankreich aus die Auswanderung in die USA, sie starb 1946 in New York. Tochter Erna, Elsas Kusine, inzwischen verheiratet, überlebte dort ebenfalls.

(Christoph Kalisch, März 2005)



Quellen und Literatur:
Stadtarchiv Karlsruhe: 1/AEST 27 und 36.
Generallandesarchiv Karlsruhe: 480/20427 und 24204.
Israelitisches Gemeindeblatt, Ausgabe B:23.11.1931, 31.3.1932, 15.12.1934, 16.12.1932, 10.4.1935, 9.12.1936, 23.12.1937, 30.8.1938.
Deutsches Bühnenjahrbuch, Das große Adressbuch für Bühne, Film, Funk, Fernsehen, hrsg. von der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehörigen. – Hamburg, verschiedene Jahrgänge 1920-1933..
Peter Pretsch, Juden im Karlsruher Kulturleben…, in: Juden in Karlsruhe, Beiträge zu ihrer Geschichte bis zur nationalsozialistischen Machtergreifung, Karlsruhe 1990, S. 368.
Josef Werner, Hakenkreuz und Judenstern, Das Schicksal der Karlsruher Juden im Dritten Reich, Karlsruhe 1990, S. S. 298, 308, 405, und 463.