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Abraham Adler, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Prof. Abraham Arthur Adler

Titel: Prof.
Nachname: Adler
Vorname: Abraham Arthur
Geburtsdatum: 6. Januar 1887
Geburtsort: Markelsheim (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Eltern: Jakob und Mina A.
Verwandtschaftsverhältnis: Ehemann von Paula Kohn (1890-1925, 1. Ehefrau);

Ehemann von Brunhilde A. (2. Ehefrau);

Vater von Hans Jakob A.
Adresse: 1911: Zirkel 33
1912: Akademiestr. 44
1913: Lammstr. 5
1920: Hirschstr. 51a
1923: Gartenstr. 11
1930: Bürklinstr. 2
1936: Gartenstr. 5
Schule/Ausbildung: 1896-1905: Humboldt-Realgymnasium, Abitur
1905/06 und 1909/10: Universität
1906/07: Universität
1907/08: Universität
1911/12 - 1913/14: Lehramtspraktikant am Humboldt-Realgymnasium
Beruf: Lehrer (Professor am Goethe-Realgymnasium

ab 1936 Englisch-Lehrer an der Jüdischen Schule)
Deportation: 11.11.1938 - 20.12.1938 in Dachau (Deutschland)
22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
10.8.1942 von Drancy nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Abraham und Brunhilde Adler

Abraham Adler wurde am 6. Januar 1887 in Markelsheim - heute Ortsteil von Bad Mergentheim - geboren. Er war das neunte Kind von Jakob Adler (geboren 13. Februar 1822), ein „Nachzügler“, und jüngstes Kind seiner zweiten Ehefrau Mina, geborene Fränkel.

Jakob Adler war in 1. Ehe mit Fromet, geborene Thalheimer aus Gaukönigshofen (bei Ochsenfurt gelegen) verheiratet und hatte mit ihr fünf Kinder (drei Töchter, zwei Söhne ). Am 9. Mai 1869 starb Fromet Adler. Jakob Adler heiratete alsbald wieder, und zwar am 15. Dezember 1869 die aus Obernbreit (ebenfalls nahe Ochsenfurt gelegen) stammende Mina Fränkel (geboren 19. Juli 1839) und hatte mit ihr vier weitere Kinder (drei Söhne, eine Tochter).
Als der Sohn Abraham geboren wurde, waren der Vater schon 65 Jahre, die Mutter 47 Jahre, das älteste Kind, die Tochter Berta, immerhin schon 31 Jahre.
Jakob Adler war Metzger in Markelsheim, wie schon sein Vater. Markelsheim war ein Bauern- und Weindorf. Als Abraham Adler geboren wurde, hatte das Dorf etwa 1.400 Einwohner und nur einen kleinen jüdischen Bevölkerungsteil.
Am 20. März 1895 verstarb Jakob Adler, 73-jährig. Abraham Adler war gerade acht Jahre alt. Und nun geschah etwas ganz Ungewöhnliches: Abraham Adler kam zu Moses und Githa Lippmann. Warum gab die Mutter ihr jüngstes Kind weg? Konnte sie ihn nicht mehr aufziehen oder wollte sie es nicht? Die Gründe werden wir nicht mehr erfahren.

Githa Lippmann, geboren am 27. November 1865 in Markelsheim, war die jüngste Tochter von Jakob Adler aus dessen 1. Ehe mit Fromet, geborene Thalheimer, also eine Stiefschwester von Abraham Adler.
Sie war zu diesem Zeitpunkt, als sie Abraham Adler zu sich nahm, bereits verheiratet, seit dem 26. April 1892 in Markelsheim mit dem aus Gernsheim stammenden Kantor Moses Lippmann, geboren am 15. Juni 1867, zu dieser Zeit Kantor in Sinsheim. Moses Lippmann war also der Schwager von Abraham Adler.
Moses und Githa Lippmann, die bereits eine Tochter Martha, 1894 in Sinsheim geboren, hatten, wurden also die „Ersatzeltern“ von Abraham Adler. Sie blieben auch später für ihn außerordentlich wichtige Bezugspersonen; darüber wird noch ausführlich zu berichten sein.
Abraham Adler besuchte zunächst die Volksschule in Markelsheim, als er zu seinen „Ersatzeltern“ nach Sinsheim kam, die dortige Volksschule. 1896 bekam Moses Lippmann die Kantorstelle an der Synagoge in der Kronenstraße in Karlsruhe. Die Familie, zu der nun auch Abraham Adler gehörte, zog um nach Karlsruhe. Hier wurde den Lippmanns am 28. April 1896 die 2. Tochter Selma geboren. Githa Lippmann hatte nun drei Kinder zu versorgen und tat dies mit großer Liebe und Fürsorge, für ihre eigenen Kinder genau so wie für ihren Bruder Abraham.

Ausbildung und Kriegsteilnahme, Verwundung und Kriegsgefangenschaft
Ab September 1896 besuchte Abraham Adler das Realgymnasium mit Gymnasialabteilung in Karlsruhe, das spätere Humboldt-Gymnasium, und legte hier am 20. Juli 1905 sein Abitur mit der Note „ziemlich gut“ ab. Bereits im Oktober des gleichen Jahres begann er das Studium der klassischen Philologie, also Griechisch und Latein, mit Zusatzfach Geschichte, an der Universität Heidelberg. Nach zwei Semestern wechselte er an die Universität in Würzburg, und nach ebenfalls zwei Semestern an die Universität in München, danach ging er für die letzten zwei Semester an die Universität Heidelberg zurück und legte hier am 23. April 1910 sein Staatsexamen ab. Sein Berufsziel war Lehrer an einem Gymnasium, und zielstrebig startete er am 12. Mai 1910 am Humboldt-Gymnasium. wo er bereits als Schüler gewesen war, seine Lehrer-Ausbildung mit einem - damals unbezahlten Probejahr (bis 31. März 1911) als Lehramtspraktikant.
Vom 1. April 1911 bis 31. März 1912 war er als Einjährig Freiwilliger beim 9. Infanterie-Regiment in Würzburg und absolvierte dort seinen Militärdienst, den er als Gefreiter d. R. beendete.
Warum ausgerechnet in Würzburg? Die Vermutung liegt nahe, dass er während seines Studienjahres in Würzburg ein Mädchen kennen gelernt hatte, dem er nahe sein wollte.

Hatte Abraham Adler seit seinem Aufenthalt in Karlsruhe mit seinen „Ersatzeltern“ Lippmann in deren Dienstwohnung gelebt, anfangs in der Kronenstraße neben der Synagoge, später in der Sophienstraße 9, so finden wir ihn ab 1911 „möbliert“, also als Untermieter, am Zirkel 33, 1912 in der Akademiestraße 44, 1913 in der Lammstraße 5 und 1914 in der Douglasstraße 22 wieder.
Nach Ableistung seiner Dienstpflicht kehrte er auf seinen Antrag beim Ministerium für Kultus und Unterricht ab 15. April 1912 wieder an das Humboldt-Gymnasium zurück - wiederum unbezahlt - als Volontär zur weiteren Ausbildung, ab 1913 als Lehramtspraktikant bis zu seiner Einberufung zu einer Wehrübung, vorgesehen fur die Zeit vom 1. Juli 1914 bis 24. September 1914. Aber am 1. August 1914 begann der Krieg, am 3. August 1914 trat Frankreich in den Krieg ein, aus der vorgesehenen Übung wurde sogleich ‚Ernst’. Er wurde dem Badischen Infanterie-Regiment 112 zugewiesen und kam sofort an die Front. Bereits am 7. August 1914 wurde er bei Altkirch/Elsaß (bei Mulhouse) verwundet, er hatte einen Kopfschuss erhalten. Der Lazarett-Aufenthalt ist nicht dokumentiert. In der Zeit vom 1. November bis 16. Dezember 1914 nahm er an den mörderischen Stellungskämpfen im französischen Flandern teil. In dieser Zeit wurde er erneut verwundet. Viele Jahre nach Krieg und Gefangenschaft erhielt er das so genannte „Schwarze Verwundeten-Abzeichen“. Am 18. Dezember 1914 geriet er bei einem Patrouillengang bei La Basseé (Nähe Lille) in französische Gefangenschaft. Damit war zwar für ihn der Krieg zu Ende, sein Leben war außer unmittelbarer Gefahr, aber er blieb bis 6. März 1920 in Gefangenschaft, fünfundeinviertel Jahre in Lille, in Dijon, in Rouen, in Nantes, weit über das Ende des Krieges hinaus, für ihn fünf verlorene Jahre. Warum eine derart lange Gefangenschaft? Es hieß, er wurde als Dolmetscher gebraucht.

Mit Schreiben vom 29. September 1917 an das Badische Ministerium für Kultus und Unterricht beantragte Moses Lippmann, Abraham Adlers Ziehvater, seinem Schwager eine bezahlte Praktikantenstelle zu gewähren, damit er wenigstens etwas Geld als Kriegsgefangener bekäme. Das Ministerium gewährte ihm zum 1. Januar 1918 den Status als Lehramtspraktikant am Goethe-Gymnasium in Karlsruhe, obwohl er tatsächlich noch in französischer Gefangenschaft war. Sein Geha1t betrug monatlich 175 Mark, 2.100 Mark im Jahr.
Das Goethe-Gymnasium blieb sein berufliches Zuhause bis zu seiner Zwangspensionierung Ende 1935, über die noch ausführlich zu berichten ist. Zum 13. April 1920 kam er in den Schuldienst zurück, anfangs noch nicht mit vollem Deputat, weil er sechs Jahre keinen Unterricht erteilt hatte und auch aus der Gefangenschaft resultierenden gesundheitlichen Gründen. Rückwirkend zum 1. April 1920 wurde er zum Professor ernannt. Seine Unterrichtsfächer waren Latein und Griechisch. Und aus dem Lateinischen 1eitete sich auch der Spitzname ab, den die Schüler Abraham Adler gaben: aquila (=Adler), den er behielt, so lange er Lehrer war.

Endlich „gesicherte Stellung“, Familiengründung – neuer Schicksalsschlag
Die Festanstellung gab ihm die finanzielle Möglichkeit, nun endlich heiraten zu können. Am 15. August 1920 heiratete er in München Paula Kohn, geboren am 6. August 1889 in München, jüngstes von vier Kindern des vormaligen und zu diesem Zeitpunkt bereits verstorbenen Möbelhändlers Max Kohn und seiner Ehefrau Lena, geborene Maendle, die 1889 von Rosenheim/Oberbayern nach München gezogen waren. Mit einiger Wahrscheinlichkeit hatte Abraham Adler seine künftige Ehefrau während seiner Münchener Studienzeit kennen gelernt, und zwar durch ihren 1883 geborenen Bruder Franz, der in dieser Zeit in München Chemie studierte und den er auf studentischer Ebene irgendwie kennen gelernt haben mag. Dieser Franz Kohn spielte viele Jahre später für die Adlers eine sehr wichtige Rolle, über ihn wird daher noch zu berichten sein. Mit der Familie seiner Frau blieb Abraham Adler, so lange er lebte, immer in engem Kontakt. Bis heute hat sogar sein Sohn Hans noch Kontakt zur Familie.

Abraham und Paula Adler nahmen in Karlsruhe ihre erste Wohnung in der Hirschstraße 51 a. Da seine Frau asthmaleidend war, bemühte sich Abraham Adler um eine größere Wohnung mit einem eigenen Zimmer für seine Frau. Er schrieb wiederholt an das Ministerium für Kultus und Unterricht und bat eindringlich, ihm behilflich zu sein, eine größere Wohnung zu bekommen. Mehr als ein Jahr beschäftigte ihn dies für ihn so wichtige Anliegen - aber erfolglos. Zu dieser Zeit, das ist wichtig zu wissen, galt in Karlsruhe noch die aus der Kriegszeit nachwirkende Wohnraumbewirtschaftung, eine Wohnung durfte nur mit Zustimmung des zuständigen Bezirksamtes vermietet und gemietet werden. Schließlich hatte Abraham Adler selbst eine ihm zusagende Vier-Zimmerwohnung in der Kronenstraße 12, gegenüber der Synagoge, ausfindig gemacht. Er war sich mit dem Hauseigentümer, dem Bäckermeister Xaver Pfeiffer, einig, doch das Bezirksamt erteilte aus nicht dokumentierten Gründen keine Genehmigung. Abraham Adler setzte „Himmel und Hölle“ in Bewegung, um die Genehmigung für die Anmietung dieser Wohnung zu erhalten - ohne Erfolg. In seiner Verzweiflung bezog er 1922 die Wohnung ohne Genehmigung. Es entspann sich ein Dauerstreit mit dem Bezirksamt, Rechtsanwälte (u.a. Ludwig Marum) wurden eingeschaltet;
dieser eskalierte schließlich in einer Räumungsverfügung der Behörde. Im Mai 1923 gab er schließlich den ‚Kampf’ auf und zog freiwillig wieder aus und nun in die Gartenstraße 11. Diese Wohnung blieb für die nächsten sieben Jahre sein Domizil, sie war auch seinem Arbeitsplatz im Goethe-Gymnasium ganz nahe. Hier lernte er auch den Regierungs-Medizinalrat Dr. Gumprich und dessen Frau kennen, die im gleichen Haus wohnten. Die Adlers und Gumprichs wurden Freunde.

Am 22. Februar 1924 wurde der Sohn Hans geboren. Er blieb das einzige Kind von Abraham Adler. Am 20. Januar 1925, knapp ein Jahr nach der Geburt des Sohnes, starb Paula Adler plötzlich an Lungenentzündung. Ein unendlich schwerer Schlag für Abraham Adler.
Was macht ein Vater mit seinem knapp einjährigen Sohn und ohne Mutter des Kindes und Ehefrau? Wiederum waren die Lippmanns ‚Retter in größter Not’ - der kleine Hans kam zu ihnen. Githa Lippmann war nun seine ’Ersatzmutter’ wie schon 30 Jahre zuvor für seinen Vater. Und Hans Adler, so erinnert er sich noch heute, nannte sie liebevoll Mutti, solange er in Karlsruhe lebte. Am 19. Juli 1926 starb die leibliche Mutter Abraham Adlers in Markelsheim, 87-jährig.
Abraham konnte oder wollte sich auf Jahre nicht wieder einer neuen Frau - und Mutter für seinen Sohn - zuwenden. Wahrscheinlich wusste er, dass er keine bessere Mutter für seinen Sohn finden konnte als seine (Stief-)Schwester Githa.
Es gibt auch keinerlei Hinweise, dass Abraham Adler in seiner Lehrertätigkeit durch seine persönlichen Schicksalsschläge irgendwie beeinträchtigt wurde.
Am 5. Juni 1930, fünfeinhalb Jahre nach dem Tod seiner geliebten Frau Paula, heiratete er in Stuttgart die hier geborene Brunhilde (Hilde) Levi, geboren 14. Juni 1901, einzige Tochter und jüngste von drei Kindern des Kaufmanns Bernhard Levi, zum Zeitpunkt der Heirat bereits verstorben, und dessen Ehefrau Fanny, geborene Oppenheimer. Ob Brunhilde Levi einen Beruf erlernt hatte, ist nicht überliefert, jedenfalls war sie nach der Heirat nicht berufstätig, als Frau eines höheren Beamten wäre dies auch damals ganz und gar ‚unmöglich’ gewesen.
Nach der Eheschließung zogen Abraham Adler und seine Frau Hilde, nun auch mit dem Sohn Hans, in die Bürklinstraße 2. Hans Adler nannte seine Stiefmutter ,Mutter’, sie nannte ihn Hansl. Er hatte jetzt zwei Mütter, die ‚Mutti’ und die ‚Mutter’.

Moses Lippmann wurde zum 31. Oktober 1934 nach 38-jähriger Tätigkeit als Kantor in den Ruhestand verabschiedet; durch Beschluss des Synagogenrates vom 14. Juni 1937 wurde er für seine Verdienste zum Ehrenkantor ernannt.
Moses Lippmann war auch langjähriger Sekretär des Oberrates der Israeliten Badens, Sekretär des Friedrich-Luisen-Hospizes in Bad Dürrheim und Religionslehrer am Goethe-Gymnasium von Juli 1924 bis März 1932.

Herausdrängen aus dem Staatsdienst und Drangsalierung
War Abraham Adler ein ‚politischer Mensch’? Einer politischen Partei gehörte er wohl nicht an, aber politisch interessiert war er zweifellos. Und sehr frühzeitig sah er offenbar die heraufziehende Gefahr des Nationalsozialismus für Deutschland und für die jüdische Bevölkerung in diesem Land im besonderen. Überliefert ist z.B., dass Abraham Adler 1932 aus Anlass der bevorstehenden Reichspräsidentenwahl in Markelsheim auf einer Wahlversammlung der katholischen Zentrumspartei eine Rede für Hindenburg und gegen Hitler hielt.
Und seine Vorahnung bewahrheitete sich sehr bald. Der 30. Januar 1933 mit der Machtübernahme Hitlers brachte tiefgreifende Veränderungen für das Land, vor allem aber für die Juden. Am 1. April 1933 wurden im ganzen Land - von der NSDAP generalstabsmäßig organisiert - die jüdischen Geschäfte, Anwaltskanzleien und Arztpraxen boykottiert, uniformierte SA- Posten hinderten die Menschen am Betreten, was allerdings nicht immer und überall gelang, Plakate mit einem großen gelben Punkt auf schwarzem Grund stigmatisierten die Juden. Auch manche jüdische Wohnung wurde von SA - Männern verwüstet. Die Adler’sche Wohnung blieb glücklicherweise davon verschont

Aufgrund des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 wurde Abraham Adler am gleichen Tag vom Dienst beurlaubt. Frontkämpfer des Weltkrieges - so eine Bestimmung dieses Gesetzes – waren jedoch von diesem Verdikt ausgenommen. Als „Frontkämpfer“ konnte Abraham Adler am 12. Juni 1933- also nach über zwei Monaten bangen Wartens - seine Tätigkeit am Goethe-Gymnasium wieder aufnehmen.

Auch Abraham Adler’s Schwager Hugo Kohn, genannt Kessler ( das war sein Künstlername), geboren am 18. August 1880 in Rosenheim, Bruder seiner verstorbenen Frau Paula, Schauspieler, seit 1924 am Hessischen Landestheater in Darmstadt tätig, wurde aufgrund des gleichen Gesetzes am 5. August 1933 entlassen und fand auch kein Engagement mehr. Er lebte danach in sehr ärmlichen Verhältnissen. Über sein weiteres Schicksal wird noch berichtet. Über die Situation für Juden an eben diesem Theater schrieb die bekannte Schauspielerin Lilli Palmer, die genau zu dieser Zeit an diesem Theater engagiert war, in ihrer Autobiografie „Dicke Lilli, gutes Kind“, sehr eindrucksvoll ihre persönlichen Eindrücke und Erfahrungen, ohne allerdings den Schauspieler - Kollegen Hugo Kohn-Kessler oder andere zu erwähnen. Ihre Beschreibung steht auch für die Situation an allen anderen deutschen Theatern in jenen Tagen.

Auch den Schwager Franz Kohn, geboren 30. April 1883 in Rosenheim, ebenfalls ein Bruder der verstorbenen Frau, promovierter Chemiker, der 1932 in der Weltwirtschaftskrise seine Anstellung als Laborleiter einer Margarinefabrik in München verlor nachdem die Firma in wirtschaftliche Schwierigkeiten kam, traf die soziale Ausgrenzung und Diskriminierung der Juden: er bekam als Jude keine Anstellung mehr, nirgendwo. Auch von ihm wird noch zu berichten sein, denn er spielte für die Adlers Jahre später - wie schon erwähnt - eine wichtige Rolle.

Am 12. September 1934 wurde Abraham Adler als Beamter erneut auf den „Führer“ Adolf Hitler vereidigt. Wie muss er sich wohl dabei gefühlt haben?! Und am 29. Dezember 1934 noch eine – gesteigerte - Ironie des Schicksals: er erhielt das „Ehrenkreuz für Frontkämpfer“ mit einer von Adolf Hitler unterzeichneten Verleihurkunde. Ob dies seine Befürchtungen auch für seine eigene Zukunft als Jude in Deutschland besänftigen konnte? Wer kann das heute noch sagen!

Am 8. Januar 1935 starb die Mutter von Brunhilde Adler, Fanny Levi, in Stuttgart.

Aufgrund eines Schreibens des Badischen Ministeriums für Kultus und Unterricht vom
31. Oktober 1935 an den Schulleiter des Goethe-Gymnasiums betreffs „Beurlaubung jüdischer Lehrkräfte“ wurde Abraham Adler am 4. November 1935 - und mit ihm sein Kollege Ulrich Bernays - durch den Schulleiter Dr. Oeß, einem übereifrigen Nazi-Protagonisten - mit sofortiger Wirkung vom Dienst beurlaubt und per 1. Januar 1936 die Zwangspensionierung verkündet, für die nächsten drei Jahre noch mit vollem Ruhegehalt von mtl. RM 631,-, ab 1. Januar 1939 nur noch RM 444,- monatlich (334,- RM netto) als Pension.

Einige Monate später, in der Mitte des Jahres 1936, begegnete der frühere Schüler Helmuth Haag, Schüler am Goethe-Gymnasium von 1931 bis zum Abitur 1940, seinem vormaligen Lehrer Abraham Adler in Karlsruhe auf der Kaiserstraße, altmodisch wie immer gekleidet, wie er sich erinnert, aber völlig ungewohnt mit offenem Hemd, ohne Krawatte. Haag: „Wie geht es Ihnen, Herr Professor?“ Antwort: „Wie es einem geht, der darauf warten muss, bis er verhungert ist“ - der ihm sonst von seinen Schülern nachgesagte Humor war einem Galgenhumor gewichen. Dann sah Abraham Adler eine HJ-Streife entgegen kommen und sagte zu Haag: „Gehen Sie jetzt, es wäre nicht gut für Sie, wenn man Sie mit mir sieht.“
Abraham Adler wurde von ehemaligen Schülern, 70 Jahre danach, als streng, aber gerecht beurteilt, bei dem man etwas lernte.

Abraham Adler war Mitglied in verschiedenen berufsständischen Organisationen, z. B. im Badischen Philologen-Verband, im Badischen Beamtenbund, außerdem in der Hebel-Loge sowie im Verein Friedrichsheim Gailingen, der bedeutenden jüdischen Pflegeanstalt in Gailingen am Hochrhein.

Ab Januar 1936, also mit Beginn der Zwangspensionierung Abraham Adlers, zog die Familie in die Gartenstraße 5 um und lebte hier bis zur Deportation im Oktober 1940. Im gleichen Haus in der zweiten Etage wohnte die Familie des Kunsthändlers Friedrich Moos, Mitinhaber, zusammen mit seinem Bruder Iwan Moos, der Galerie und Kunsthandlung Moos in der Kaiserstr. Die Kinder von Friedrich Moos, Heinz und Walter Moos wurden Freunde von Hans Adler.

Zu den Freunden von Abraham Adler gehörten auch seine Kollegen Leopold Weil vom Humboldt-Gymnasium, Samuel Schlessinger vom Kant-Gymnasium und der Textilhändler Jonas Strauß, der, seit 1916 in Karlsruhe ansässig, ein Herrenbekleidungsgeschäft in der Kreuzstraße 19 betrieb, wie Abraham Adler aus Markelsheim stammend. Von ihm kaufte Abraham Adler seine Anzüge, berichtete der Sohn. Aus Markelsheim stammte auch der 1938 an der Jüdischen Schule in Karlsruhe zeitweilig tätige Lehrer Max Ottensoser (geboren 1915), der ebenfalls zu den Freunden Abraham Adlers gehörte. Natürlich hatte er nicht nur Juden - wie die Genannten - als Freunde und gute Bekannte. Aber diese ‚Nicht-Juden’ zogen sich schon bald im Jahre 1933 von ihm zurück, Kontakte wurden abgebrochen, abrupt oder allmählich, vermeintlich gute Freunde kannten ihn plötzlich nicht mehr, wechselten die Straßenseite, wenn sie ihm begegneten, um ihn nicht begrüßen zu müssen- so wie das überall im Lande war, hunderttausendfach!

1937 beabsichtigte die Höhere Israelitische Privatschule in Leipzig, Abraham Adler als Lehrer einzustellen und beantragte beim zuständigen Ministerium für Volksbildung die Genehmigung. Das Ministerium ließ sich die Personalakte vom Badischen Ministerium kommen. In der dazu angeforderten Beurteilung hieß es, dass keine Bedenken gegen seine Anstellung bestünden. Gleichwohl wurde sie vom Ministerium des „Reichsstatthalters“ in Sachsen, Martin Mutschmann, von den Sachsen spöttisch „König Mu“ genannt ( übrigens 1947 von den Russen 1947 in Moskau hingerichtet) mit Schreiben vom 18. Januar 1938 ohne Begründung abgelehnt. Gleichwohl muss er doch - zumindest einige Zeit - in Leipzig tätig gewesen sein, vielleicht probeweise, denn sein Sohn Hans berichtete, dass der Vater wochentags abwesend war und jeweils am Wochenende nach Hause nach Karlsruhe kam.
1939/1940 unterrichtete Abraham Adler an der Jüdischen Schule in den Räumen der Gemeinde in der Kronenstraße, nachdem der Schulunterricht in der jüdischen Schulabteilung in der Lidellschule in der Markgrafenstraße nach den November-Pogromen von 1938 eingestellt werden musste. Einzelheiten (z.B. Fächer) sind nicht überliefert. Es gibt auch Hinweise darauf, dass er in dieser Zeit bei den so genannten jüdischen Lehrhäusern, einer Art Erwachsenen-Bildungseinrichtung in der Herrenstraße, unter Leitung des Rabbiners Dr. Schiff, unterrichtete.

Die persönlichen Erlebnisse, die Erlebnisse von Verwandten, Freunden und Bekannten, manche von diesen waren inzwischen auch schon ausgewandert, was haben sie bei Abraham Adler und seiner Frau ausgelöst? Haben Sie sich mit dem Gedanken einer Auswanderung befasst? Ja, auch intensiv. Der Sohn Hans berichtete, dass der Vater solche Überlegungen aber stets ganz rational mit dem Argument, „Was kann schon ein Lateinlehrer im Ausland tun?“ weit von sich wies.
Dies änderte sich schlagartig durch ein völlig unerwartetes Ereignis. Als am 9./10. November 1938 in einer in der Geschichte beispiellosen Pogrom-Aktion gegen die Juden die Synagogen angezündet und demoliert , die jüdischen Geschäfte und auch ungezählte Wohnungen verwüstet und z. T. auch geplündert wurden, wurden aus Karlsruhe über 500 männliche Juden in das Konzentrationslager Dachau verbracht, auch Abraham Adler, er erhielt in Dachau die Häftlings-Nummer 20727. Wie fast alle Dachau-Häftlinge erlebte er dort die endlose Kette von Demütigungen und Misshandlungen. Jetzt sah Abraham Adler sein Leben als Jude in Deutschland unmittelbar bedroht, jetzt gab es nur noch die Auswanderung, um das Leben zu retten. Der Sohn befand sich zu dieser Zeit schon in England - darüber wird noch ausführlich berichtet - und konnte somit weder Abtransport noch Rückkehr des Vaters erleben. Die Ehefrau beantragte noch während der Haft für Ihren Ehemann einen Reisepass für eine Auswanderung in die USA, weil den Dachau-Häftlingen gesagt wurde, wenn sie sich verpflichteten, das Land - durch Auswanderung - schnell zu verlassen, kämen sie bald wieder frei. Die Auswandererberatungsstelle bestätigte mit Schreiben vom 16. Dezember 1938 die nachgewiesene Auswanderungsabsicht und die vom US-Konsulat in Stuttgart erhaltene Quoten-Nummer 29636. Diese hohe Quoten-Nummer machte jedoch die Aussichten auf eine reelle Chance zur Auswanderung in absehbarer Zeit zunichte; so wurde beantragt, die Zeit bis zur Visumerteilung in Trinidad zu verbringen. Trinidad vermutlich deshalb, weil der schon erwähnte Max Ottensoser auch dorthin wollte und tatsächlich sehr bald nach seiner Haftentlassung aus Dachau auch dorthin ausreisen konnte. Die so genannte Landegebühr für Trinidad war bereits an die HAPAG-Lloyd bezahlt worden.
Am 20. Dezember 1938 war Abraham Adler von Dachau entlassen worden. Sein Schwager Hugo Kessler (Kohn), der Schauspieler aus Darmstadt, war bereits am 9. Dezember 1938 aus dem Konzentrationslager Buchenwald entlassen worden, wohin er von Darmstadt zusammen mit einer großen Zahl hessischer Juden verbracht wurde.
Hilde Adler beantragte als Interims-Aufenthaltsland - bis zur Einreise in die USA - die Genehmigung für die Einreise in die Dominikanische Republik, nachdem Trinidad die Einwanderung von Juden plötzlich generell gesperrt hatte.
Der Oberfinanzpräsident - eine der vielen Behörden, die bei Auswanderungen damals ihre Zustimmung erteilen mussten - schrieb jedoch am 17. Januar 1939 an das Polizei-Präsidium, die Ausstellung der Pässe sei wegen Klärung devisenrechtlich Fragen - was immer das bedeuten mochte - zurückzustellen. Erst ein Jahr später, im Januar 1940, wurden die Pässe zwar ausgestellt, aber wegen fehlender Visa nicht ausgehändigt.

Abraham Adler sah nun, wie ein jüdischer Freund und Bekannter nach dem anderen auswanderte. Seine Kollege Samuel Schlessinger ging in die USA, Max Ottensoser, wie schon erwähnt, nach Trinidad, Leopold Weil nach England, später von dort nach Palästina, sein Bekannter Emil Behr, von dem noch die Rede sein wird, nach Kanada. Aber allen zeitlich voran gelang die Auswanderung seinen ‚Zieh-Eltern’ Moses und Githa Lippmann mit ihren Töchtern, der unverheirateten Selma und der verheirateten Dr. Martha Kaluza mit deren Kindern Ellen und Johanna; bereits am 27. Januar 1939 konnten sie ab Hamburg nach New York abreisen nach kaum vierwöchiger Wartezeit für Pässe und Visa. Es ist anzunehmen, dass für Moses Lippmann als ehemaligem Kantor und Religionslehrer die gleiche ‚Bonus’-Regelung der amerikanischen Einwanderungsbehörde wie für Rabbiner galt, nämlich außerhalb der Quoten-Regelung einwandern zu können. Der Ehemann von Martha Kaluza, Dr. Ernst Kaluza, gleichfalls Arzt, ging bereits 1937 in die USA, um sich auf die obligaten medizinischen Prüfungen vorzubereiten und diese abzulegen, da ja bekanntlich die deutschen Examina in den USA nicht anerkannt wurden, um als Arzt praktizieren zu können.

Die Pogrome vom 9./10. November 1938 hatten für alle noch im Lande befindlichen Juden u.a. auch die Folge der Juden-Vermögensabgabe. Die wenigen Wertpapiere, die die Adlers besaßen, mussten sie veräußern, um dieser Ausplünderung genüge zu tun. Allem Anschein nach wurde die wirtschaftliche Situation der Adlers schwierig, denn Abraham Adler ließ eine Lebensversicherung bei der Allianz Versicherung ab 1. Juli 1939 beitragsfrei stellen, weil er offenbar die Prämie nicht mehr aufbringen konnte, eine andere Lebensversicherung bei der Karlsruher Lebensversicherung ließ er sich zum 1. April 1939 zum Rückkaufswert auszahlen, ebenso eine Todesfallversicherung bei der Hamburg-Mannheimer am 14. April 1939.

Sohn Hans Adler
Hans Adler besuchte zunächst die Gartenschule. Als die Familie nach der Wiederheirat des Vaters in die Bürklinstraße gezogen war, besuchte er die Südendschule in der Südendstraße, weil das für ihn näher war. Ab 1934 besuchte er dann das Goethe-Gymnasium bis März 1938, da war der Vater schon längst aus der Schule entfernt worden. Seine Lieblingsfächer waren Geschichte, Erdkunde und Latein (!). Von den Mitschülern wurde er „Aqui“ genannt. Er lernte im nah gelegenen Tulla-Bad das Schwimmen und ging im Sommer auch gern ins Rheinstrandbad Rappenwört - solange das für Juden noch bis Juli 1935 erlaubt war. Er berichtete auch, dass sein Vater viel mit ihm in der näheren Umgebung von Karlsruhe, aber auch im Schwarzwald wanderte, die Mutter war für diese Exkursionen offenbar nicht zu haben. Er machte auch mit seinem Vater sowie mit Kameraden aus dem „Schwarzen Fähnlein“ Radtouren in der Umgebung. Mehrfach verbrachte er auch seine Sommerferien in Markelsheim bei seinem Onkel Leopold Adler und Familie, älterer Bruder des Vaters, seines Zeichens Metzger und Viehhändler, während die Eltern Urlaub in Bled, slowenischer Kurort in Jugoslawien, verbrachten. Das Metzger-Handwerk hatte Leopold Adler zwar schon 1933 unfreiwillig aufgeben müssen, nachdem militante SA-Männer vom Ort ihn mehrfach malträtiert hatten, aber als Viehhändler konnte er noch einige Jahre tätig sein. Er fuhr mit seinem Kutsch-Wägelchen in die umliegenden Dörfer zu seinen Kunden, Hans Adler mit ihm. Mitte der 1930er Jahre war Hans Adler auch einige Zeit Mitglied der jüdischen Jugend-Organisation „Schwarzes Fähnlein“, hervorgegangen aus dem jüdischen Bund „Kameraden“, der, 1923/24 gegründet, sich 1932 aufgrund eines religiösen Richtungsstreits aufspaltete in die zionistischen „Werkleute“ und die ‚Deutschbewussten’, die sich dem „Schwarzen Fähnlein“ der Waldpfadfinder anschlossen. Sie hatten - sogar noch bis 1938 - ihr Vereinsheim in der Kreuzelberghütte im Ettlinger Wald, die heute noch existiert.
Am 24. März 1937 erhielt Hans Adler in Karlsruhe die Bar Mizwa.

Hans Adler berichtete, dass er - im Winter 1937/1938 - wiederholt von einer kleinen Gruppe militanter HJ-Mitschüler drangsaliert und auf dem Schulweg auch verprügelt wurde, weil er Jude war, immer mehr und immer öfter - einfach so; Juden sind keine Deutschen, das war die Staatsdoktrin. Dabei spielte sicher auch eine Rolle, dass der Vater als Jude schon drei Jahre zuvor aus der Schule ‚entfernt’ worden war. Der Lehrer Fritz Huber, ehemaliger Kollege seines Vaters, versuchte zwar ihn zu schützen, aber seine Möglichkeiten waren begrenzt, um nicht in den Verdacht, ein ‚Judenfreund’ zu sein, zu kommen. Von der Lehrerschaft war er jedoch keinerlei Diffamierungen ausgesetzt. Bald konnte er diese Prügel nicht mehr ertragen, er wollte nicht mehr in diese Schule gehen, eine andere Schule stand aber auch nicht zur Diskussion. So wurde beschlossen, dass er nach England gehen sollte - eine schwere Entscheidung für alle Beteiligten. In Begleitung seines Vaters kam Hans Adler im April 1938 auf eine Internatsschule in das Seebad Brighton; mit dem Zug fuhren sie nach Holland und dort von Hoek von Holland mit dem Fährschiff nach Dover. Für die Dauer der Sommerferien im August und September 1938 kam Hans Adler noch einmal zu seinen Eltern nach Karlsruhe, diesmal allein, auch zurück Das war das letzte Mal, dass er sie sah.

Wie aber den Aufenthalt in England bezahlen? Von Deutschland aus mit den Devisenrestriktionen des Reiches war das völlig ausgeschlossen. Es fand sich jedoch eine glückliche Lösung: Abraham Adlers Schwager Franz Kohn, Bruder seiner verstorbenen Frau Paula, hatte endlich nach mehrjähriger Arbeitslosigkeit eine neue Arbeitsmöglichkeit gefunden, er erhielt eine Berufung als Professor in seinem Fach an eine Universität in Lima/Peru. 1936 war er- ohne Familie - nach Lima gereist und hatte dort seine neue Stelle angetreten. Jetzt konnte eine Art ‚Dreiecksgeschäft’ zum wechselseitigen Nutzen realisiert werden: Franz Kohn bezahlte von Lima aus die Aufenthaltskosten für Hans Adler nach England, und Abraham Adler bezahlte den Gegenwert in Reichsmark an Marie, die Frau von Franz Kohn, seine Schwägerin in München. So war allen Seiten geholfen. Als die Schwägerin im Februar 1939 bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam, zahlte Abraham Adler weiterhin an die Familie der Tochter. Leider machte der Krieg dieser Lösung nach etwas mehr als einem Jahr ein Ende: ohne Bezahlung kein weiterer Internatsbesuch in England. So kam Hans Adler als eine Art ‚Notlösung’, irgend etwas Sinnvolles musste er ja erlernen, auf eine Kochschule, die er für sechs Monate besuchte und deren weiterer Besuch seinem Leben wahrscheinlich einen völlig anderen Verlauf gegeben hätte. Es sollte anders kommen, die britische Regierung ‚mischte’ sich ein. Im Mai 1940 internierte ihn die britische Regierung als „feindlichen Ausländer“; jeder Deutsche über 16 Jahre, auch jüdische Flüchtlinge (!), wurde als potentieller Spion betrachtet. Er kam in ein Internierungslager in Brighton, von da nach Liverpool und schließlich auf die Isle of Man in der Irischen See, wo schon Hunderte anderer Deutscher interniert waren. Dann kam er mit einer ganzen Schiffsladung voll anderer Internierter nach Kanada in ein Camp in Three Rivers/Quebec. Hans Adler bezeichnete diese Internierung als „Kriegsgefangenschaft 2. Klasse“. Es gab jedoch ausreichend Verpflegung und Bekleidung, die Unterkunft war zwar nicht gerade komfortabel, aber man konnte damit leben. Im Lager war er die längste Zeit - freiwillig - in der Küche eingesetzt und dies ließ ihn erneut ernsthaft Überlegungen - in Bezug auf seine berufliche Zukunft - anstellen, doch den Kochberuf zu ergreifen. Noch heute ist er ,Hobby-Koch’.
Und noch einmal meinte es das Schicksal gut mit Hans Adler: dem Karlsruher Kaufmann Emil Moritz Behr war es als einem der ganz wenigen jüdischen Emigranten 1939, noch vor Ausbruch des Krieges, gelungen, mit seiner Familie über die USA in Kanada einzuwandern und bald darauf dort eine Zuckerfabrik zu betreiben. Behr war ein guter Bekannter von Abraham Adler aus Karlsruher Zeit. Die Zwillingssöhne Hans und Walter waren, wie Hans Adler, im „Schwarzen Fähnlein“ in Karlsruhe. Irgendwie hatte er von dem Camp erfahren und dass sich dort auch Hans Adler befand. Mit seinen Beziehungen und seinen finanziellen Möglichkeiten holte er Hans Adler 1942 aus dem Camp und ermöglichte ihm den weiteren Schulbesuch, den er 1943.mit dem kanadischen Abitur abschließen konnte - Grundlage für sein nachfolgendes Ökonomie-Studium mit dem Abschluß als Bachelor of Commerce 1946 an der Universität von Manitoba und anschließendem Master Degree Studium (MBA) in Chicago. 1945 erhielt er die kanadische Staatsangehörigkeit. Vierzig Jahre war er leitender Beamter einer kanadischen Regierungsbehörde. 1949 heiratete er Bela. Sie haben zwei Kinder: Paula, geboren 1955 und David, geboren 1957.

Deportation
Zurück zu Abraham und Brunhilde Adler. Am 22. 0ktober 1940, dem Schicksalstag der badischen und saarpfälzischen Juden, die in einer Blitzaktion nach Gurs in Südfrankreich deportiert wurden, begann auch der Leidensweg von Abraham und Brunhilde Adler. Über die Deportation selbst, über die Ankunft nach drei Tagen in Gurs, über die miserablen Lebensbedingungen, über die unsäglichen Lebensverhältnisse, über den Hunger ohne Ende, über das Sterben hunderter, insbesondere alter Menschen an Erschöpfung und Krankheiten ist an anderer Stelle von zahlreichen Autoren in detaillierten Erlebnisberichten und auch Büchern geschrieben worden. Das soll hier nicht wiederholt werden.

Eine Vielzahl von Briefen von Abraham und Hilde Adler aus dem Lager Gurs an den Sohn Hans in Kanada aus der Zeit von Februar 1941 - Mai 1942 sowie an den in der Schweiz lebenden Verwandten Max Hirsch aus der Zeit von Februar 1941- Juni 1942 sind glücklicherweise erhalten geblieben. Sie geben Auskunft über das physische und psychische Befinden von Abraham und Hilde Adler, über ihr Hoffen und Bangen, über ihre Sehnsüchte, auch über Enttäuschungen, über das Leben im Lager, über manche Freunde und Bekannte aus Karlsruhe oder andernorts, die ebenfalls nach Gurs deportiert waren.
Vor allem wird die große Liebe Abraham und Hilde Adlers zu dem Sohn Hans sehr deutlich;
wie sie stets besorgt um seine Gesundheit waren, wie sie sich intensiv Gedanken über seine Zukunft machten, wie sehnsüchtig sie auf ein Wiedersehen hofften. Dies vor allem, so wurde wiederholt betont, habe sie das Leben und Überleben im Lager, insbesondere im ersten Winter, trotz Kälte, Hunger und erbärmlicher Lebensbedingungen, ertragen lassen.

Tief betroffen war Abraham Adler von der Nachricht über den Tod seiner ‚Ziehmutter’ Githa Lippmann, die Anfang 1941 in New York verstorben war (das genaue Datum konnte nicht mehr festgestellt werden).
Eine große Bedeutung hatte natürlich die materielle Unterstützung, Geld und Pakete, hauptsächlich Lebensmittel, die Abraham und Hilde Adler erhielten, von ihren Verwandten in den USA, insbes. den Kindern von Abraham Adler' s Bruder Leopold, Gretel und Just (in), die bereits im Juli 1938 in die USA ausreisen konnten, vor allem aber von Max Hirsch, einem Neffen von Leopold Adlers Frau Emma (geborene Fuchsberger), der, ursprünglich aus Heilbronn stammend, bereits 1935 nach Liechtenstein auswandern konnte und dann in die Schweiz ging und in der Nähe von Neuchatel an der französischen Grenze eine Fabrikation für Heizungsrohre errichtete, die einzige dieser Art damals in der Schweiz. Max Hirsch, das dokumentieren die zahlreichen Briefe, tat Außergewöhnliches für Abraham und Hilde Adler, vielleicht auch noch für andere, ohne seine Hilfe wäre ihr Lager-Dasein noch sehr viel schlimmer gewesen.
Abraham und Hilde Adler waren stets sehr dankbar für jede Hilfe, die sie erhielten.
Manchmal waren es nur die ‚kleinen Ding’, die für das Leben im Lager so wichtig waren, wie z.B. eine Wärmflasche, eine Thermoskanne, eine Waschschüssel u.a., die sie von Max Hirsch erhielten.

Es ist bemerkenswert festzustellen, dass Abraham und Hilde Adler in keinem ihrer zahlreichen Briefe Klage führten über die unsäglichen Lebensbedingungen, über den Hunger insbesondere.
Glücklicherweise blieben sie von ernsthaften Erkrankungen verschont. Allerdings schrieb Abraham Adler, dass sich sein Rheumaleiden - seinen rechten Arm konnte er nur halb hoch heben, ein dauerhaftes Überbleibsel aus seiner französischen Kriegsgefangenschaft, was zur Folge hatte, dass er den ab 1933 obligaten Hitlergruß mit dem linken Arm ausführen musste (!) - verschlechtert habe.

Mindestens ebenso wichtig wie die materielle Hilfe war die psychologische Seite des Briefwechsels, mit dem Sohn Hans, mit Max Hirsch und sicherlich auch mit anderen Personen, Verwandten, Freunden, Bekannten - Briefe, die sie erhielten und ihnen Informationen gaben, und Briefe, die sie schreiben konnten. Politische Themen waren allerdings strikt untersagt, die Lager-Briefzensur ließ solche Briefe nicht passieren oder schwärzte die entsprechenden Textpassagen.

Gretel und Just Adler kümmerten sich nach Kräften um die Erledigung der Einwanderungs-Formalitäten - Affidavit (Aufenthalts-Bürgschaft), Visa. Und welche Freude löste die Mitteilung bei Abraham und Hilde Adler aus, dass sie nun die Affidavits hätten. Durch ständig neue Bestimmungen der US-Einwanderungsbehörde, wie es hieß, bekamen sie jedoch nicht die dringend benötigten Visa. Mit der Zeit schwand die Hoffnung, doch noch zu einer Auswanderung zu kommen, zumal auch noch die Schiffspassagen im voraus zu bezahlen waren, was Gretel und Just Adler sehr schwer fiel, denn sie hatten kaum selbst genug zum Leben und mussten zudem auch noch ab Mitte 1941 ihre Eltern unterstützen (siehe Nachtrag).
Und die Pässe lagen auch noch in Karlsruhe beim Polizei-Präsidium.

Sehr enttäuscht zeigten sich Abraham und Hilde Adler, dass Abrahams Bruder Leopold und seine Frau Emma nach ihrer Ankunft in New York nicht einziges Mal schrieben, ebenso nicht Abrahams ‚Ziehvater’ Moses Lippmann und dessen Töchter Selma und Martha, auch Franz Kohn in Lima schrieb nicht ein einziges Mal.

Abraham und Hilde Adler, lebten - wie all die anderen Lagerinsassen - von der Hoffnung auf ein baldiges Ende des Lagerlebens. Noch im Frühjahr 1942 glaubten sie an ein nahes Ende des Krieges und hofften auf ein Wiedersehen mit ihren Lieben. Abraham Adler wünschte sich so sehr, in seinem Beruf als Lehrer wieder arbeiten zu können. Was ihnen ein paar Monate später dräute, das konnten sie sicherlich nicht einmal erahnen. Offensichtlich waren die schlimmen Nachrichten über die Massendeportationen von Juden aus Württemberg, aus Franken und anderen Teilen Deutschlands ab November 1941 in den Osten und deren massenhafte Ermordungen nicht bis ins Lager gedrungen.
Am 6. August 1942 wurden Abraham und Hilde Adler von Gurs in das Sammellager Drancy bei Paris verfrachtet und von dort am 10. August 1942 mit dem Transport Nr. 17 nach Auschwitz deportiert. Der Transport umfasste 1.006 Personen; 766 wurden sofort nach Ankunft vergast, 140 Männer und 100 Frauen wurden zur Arbeit auf der Rampe selektiert, eine Person aus diesem Transport überlebte.

Nachzutragen bleibt:
Abraham Adlers Bruder Leopold, der sehr lange mit seiner Auswanderung gezögert hatte (hauptsächliche Begründung: keinerlei englische Sprachkenntnisse), bekam noch im Frühjahr 1941 vom US-Konsulat in Stuttgart die Visa für sich und seine Frau Emma, die Frau seines 1938 verstorbenen Stiefbruders Aron, Amalie (Malchen), deren Tochter Klothilde und ihren Ehemann Fritz Löwenthal. Sie konnten alle zusammen im Juli 1941- welch kaum glaubliches Wunder für jene Zeit - mit dem letzten regulären Lufthansa-Flug von München nach Lissabon fliegen und am 20. Juli 1941 von dort mit dem Schiff nach New York reisen. Das komplette Umzugsgut, dem Spediteur in Markelsheim übergeben und die Fracht an diesen bezahlt, ging verloren. In den USA lebten Leopold und Emma Adler von der Unterstützung ihrer Kinder. Leopold Adler starb am 9. April 1958, Emma Adler am 29. April 1970, in New York.

Franz Kohn ließ 1947 seine Tochter, deren Mann war im Krieg gefallen, und seine Enkeltochter nach Lima kommen. Dort lebten alle bis 1963 und gingen dann nach München zurück. 1967 starb Franz Kohn in München.

Hugo Kohn-Kessler ereilte ein grausames Schicksal: Nach seiner Inhaftierung in Buchenwald konnte er Anfang Februar 1939 in die Niederlande emigrieren und lebte in Amsterdam. Im Mai 1940 wurde er dort verhaftet und in das Konzentrationslager Westerbork verbracht, dort am 13. Juli 1942 entlassen, am 8. April 1943 erneut inhaftiert und am 4. Mai 1943 in das Vernichtungslager Sobibor deportiert. Von dem Transport hat niemand überlebt.

Moses Lippmann starb am 6. Januar 1945 in New York. Selma Lippmann starb am 1. Dezember 1980 in New York, sie blieb unverheiratet. Dr. Ernst Kaluza hatte bald wieder eine eigene Praxis, seine Frau half ihm. Beide sind vor langen Jahren schon gestorben. Ihre Kinder sind verheiratet, haben Kinder und Kindeskinder. Sie leben in den USA.

(Wolfgang Strauß, Januar 2006)



Quellen und Literatur:
Stadtarchiv Karlsruhe 1/AEST/36, 38.1, 1237; 8/StS 17/313; /8/StS 34/145, Bl. 212 und 252; 1/Schulen 5; 11/DigD 343.
Generallandesarchiv Karlsruhe 330/2, 5 und 9; 480/8342, 9727 und 32153; 235/Zug. 1967-41/22.
Archiv Gedenkstätte KZ Dachau.
Korrespondenz R.M. Eichtersheimer.
Israelitisches Gemeindeblatt Ausgabe B, 20.3.1934, 18.5.1934 und 24.2.1937.
Verordnungsblatt des Oberrats der Israeliten Badens, Nr. 4, 1935 (zur Synode).
Josef Werner, Hakenkreuz und Judenstern. Das Schicksal der Karlsruher Juden im Dritten Reich, Karlsruhe 1990, S. 285 und 405.