Personendaten

Ida Lina Ehrenberg

Nachname: Ehrenberg
Vorname: Ida Lina
Geburtsdatum: 25. Mai 1916
Geburtsort: Karlsruhe (Deutschland)
Familienstand: ledig
Eltern: Felix (gest. 1928) und Mathilde E.
Verwandtschaftsverhältnis: Schwester von Nikolaus, Heinz, Ferdinand und Max
Adresse: bis 1933: Schützenstr. 30
1933-1939: Adlerstr. 36
Beruf: Erzieherin ("Kindergärtnerin")
Verkäuferin
Emigration: 11.7.1939 nach Frankreich (Frankreich) Paris
Deportation: 16.7.1942 bei Razzia in Frankreich verhaftet
27.7.1942 von Drancy nach Auschwitz (Polen)
Sterbedatum: 27. September 1942
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Ida Lina Ehrenberg

Über das kurze Leben der Ida Lina Ehrenberg gibt es leider nicht viel zu berichten, da viele Recherchen ergebnislos waren und Kontaktversuche mit eventuell noch lebenden Familienmitgliedern fehlgeschlagen sind.
Umso trauriger stimmt es, dass da ein junges Mädchen in unserer Stadt gelebt hat, mit all ihren Träumen und Kümmernissen, von der heutzutage weder ein Foto noch eine Erinnerung zurückgeblieben ist. Aus diesem Grund möchte ich ihr hiermit ein schriftliches Zeichen setzen, damit ihre Person nicht ganz in Vergessenheit gerät und ihr Name nur noch auf langen Totenlisten erscheint.

Ida Lina Ehrenberg wurde am 25. Mai 1916 als drittes Kind von insgesamt fünf Kindern in Karlsruhe geboren. Ihre Mutter Mathilde Ehrenberg, geborene Schiffer, war zusammen mit dem Vater Feivel Ehrenberg (genannt Felix) in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts aus Bochina, Galizien nach Deutschland, Karlsruhe eingewandert.
Am 10. April 1913 kam der älteste Sohn Nikolaus zur Welt, schon am 23. Juli 1914 folgte der zweite Sohn Heinz. Auch nur zwei Jahre später wurde Ida Lina geboren, der am 8. Dezember 1917 der jüngere Bruder Ferdinand folgte. Nur vier Jahre vor dem Tod des Vaters wurde der Nachzügler Max am 21. November 1924 geboren.
1928, als Ida Lina 12 Jahre alt war, starb ihr Vater, der als Vertreter in der Schuhbranche gearbeitet hatte. Für die Mutter war es in diesen Zeiten sehr schwer, ihre fünfköpfige Familie durchzubringen. So musste Ida Lina schon früh viel Verantwortung übernehmen und der Mutter in ihrem kleinen Lebensmittelgeschäft (Brot, Butter und Eier) in Karlsruhe, Am Zirkel 17, helfen. Trotzdem schaffte sie es nach dem Besuch der Volksschule eine Ausbildung zur Kinderpflegerin zu machen, die sie 1932 beendete. Danach arbeitete sie bis zu ihrer Emigration am 11. Juli 1939 als Kindergärtnerin bei der Israelitischen Religionsgesellschaft, der orthodoxen jüdischen Gemeinde in Karlsruhe.
Leider gibt es hierzu keine genauen Unterlagen. Als letzte berufliche Tätigkeit in Karlsruhe ist offiziell Verkäuferin angegeben.
Die Familie lebte bis 1933 in der Schützenstraße 30 in der Karlsruher Südstadt. 1933 zogen sie in die Adlerstraße 36 in den Hinterhof, vermutlich aus finanziellen Gründen. Nach 1938 war diese Adresse ein so genanntes ,,Judenhaus“.
Nach der Ausweisung ihres ältesten Sohnes Nikolaus nach Polen im Oktober 1938 - er besaß keine deutsche Staatsbürgerschaft - und nach den Pogromen der „Reichskristallnacht“ kurz darauf, fasste die Mutter den Entschluss, mit Ida Lina und Max nach Paris auszuwandern. Dies wurde aber erst 1939 möglich. Bis dahin sicherte sie ihr Überleben - das Geschäft hatte sie aufgeben müssen - durch verschiedene Besorgungen für andere Leute. Idas Bruder Heinz war bereits kurz nach dem Tod des Vaters zum Bruder der Mutter nach Paris gegangen. Da er in der französischen Armee diente, konnte die Mutter dort eine kleine Militärrente erhalten.
Der Haushalt sollte nachgeschickt werden, der Möbelwagen wurde aber nach Kriegsausbruch von der Gestapo beschlagnahmt. Somit sind sämtliche persönliche Dokumente der Familie verloren gegangen.
Über das Leben in Paris existieren leider auch keinerlei Unterlagen.
Es ist lediglich bekannt, dass Ida Lina am 16. Juli 1942 in Paris verhaftet und in das
Sammellager nach Drancy gebracht wurde. Das heißt, sie war eines der über 13.000 Opfer, die bei der Großrazzia des Wintervelodroms - Rafle du Vélodrome d’Hiver - im Großraum Paris im Zusammenspiel deutscher Stellen mit Vichy-Behörden verhaftet wurden, um sie anschließend aus Frankreich zu deportieren. Am 27. Juli 1942 erfolgte die Deportation in das Konzentrationslager nach Auschwitz. Ida Lina war zu diesem Zeitpunkt 26 Jahre alt.
Auszug aus der „Wiedergutmachungsakte“:
,,Sie gehörte zu denjenigen Verfolgten, die infolge ihres Alters nicht gleich in den Gaskammern getötet wurden. Es ist anzunehmen, dass die Verfolgte nach ihrer Ankunft in Auschwitz einem Arbeitskommando zugeteilt und erst später — zu welchem Zeitpunkt kann nicht ermittelt werden — umgekommen ist. Darum wird als Todesdatum das Kriegsende 8. Mai 1945 angegeben.“
Der älteste Bruder Nikolaus konnte nach seiner Abschiebung nach Polen von dort nach
Palästina auswandern. Leider kam mein Brief mit der zuletzt angegebenen Adresse in Tel
Aviv mit dem Stempel ,,Unbekannt“ zurück.
Der zweitälteste Bruder Heinz emigrierte von Paris nach Israel, während der jüngere Bruder Ferdinand über Dänemark nach Schweden ging. Leider bekam ich auch von dort keine Antwort auf meine Nachfrage.
Der jüngste Bruder Max wurde am 27. März 1942 auf der Flucht nach dem unbesetzten Südfrankreich verhaftet und nach Tours gebracht. Nach seiner Entlassung einen Monat später ging er zurück nach Paris. Im Dezember 1942 wurde er erneut bei einem Fluchtversuch in die Schweiz verhaftet und ins Lager nach Gurs gebracht. Im Januar 1943 gelang ihm die Flucht, er wurde aber nach nur sechs Tagen erneut verhaftet. Bei seiner Inhaftierung in Pau und in Auch erlitt er durch Misshandlungen einen Wasserbruch, weswegen ihm später ein Hoden entfernt werden musste. Im Oktober 1943 kam er in das Lager Noe bei Toulouse und im Februar 1944 wurde er der Arbeitskompanie Muret bei Toulouse zugeteilt, wo er als Zwangsarbeiter auf einem Gut beschäftigt war.
Im Mai 1944, während der Deportation ins Vernichtungslager, gelang ihm die Flucht. Er schloss sich der Resistance an und schlug sich bis November 1944 nach Südspanien durch. Von dort gelangte er am 4. November 1944 mit dem Schiff ,,Guine“ nach Haifa. Er arbeitete ein Jahr lang in einem Kibbuz, danach zwei Jahre in der Küche eines Cafes. Später schlug er sich als Zeitungsausträger und Bürogehilfe durch. 1957 kam er nach Karlsruhe zurück, wo er in der Gebhardstraße 12 wohnte. Einigen Unterlagen zufolge scheint Max sein Leben nicht mehr in den Griff bekommen zu haben. 1957 wurde er in Frankreich wegen Fahrerflucht verhaftet, es folgten Anzeigen wegen ungedeckter Schecks. 1958 erfolgte eine Widerrufung des Eingliederungsgeldes, da ,,es zweifelhaft sei, dass der Antragsteller je die Absicht hatte, seinen Wohnsitz oder dauernden Aufenthalt in der Bundesrepublik Deutschland zu nehmen.‘‘
Am 27. August 1981 starb Max Ehrenberg kinderlos in Karlsruhe.

Die Mutter Mathilde war 1950 ihren ältesten beiden Söhnen nach Israel gefolgt, von wo sie einen Wiedergutmachungsantrag für den Tod ihrer Tochter Ida Lina stellte. Anerkannt wurden 33 Monate und 23 Tage Haft. (16. Juli 1942 bis 8. Mai 1945). Weder konnten bei der jüdischen Gemeinde Unterlagen, noch bei der Rentenversicherungsanstalt ein Beitragskonto ermittelt werden, aus dem ihre Qualifikation als Kinderpflegerin hervorgegangen wäre. Darum erfolgte später eine Einstufung lediglich als Haushaltshilfe mit einem Wochenverdienst von zwölf Reichsmark. Als Entschädigung wegen ,,Schadens im beruflichen Fortkommen“ sollte der Mutter als Alleinerbin 2.704 ,- DM ausbezahlt werden.
Die Bewilligung des Antrages zog sich so in die Länge, dass Mathilde die Auszahlung nicht mehr selbst erhielt, das Geld bekamen später die Brüder Ida Linas. Mathilde Ehrenberg war kurz zuvor – am 12. September 1959 – verarmt in Tel Aviv gestorben.

(Nina Lesser-Schumacher, Mai 2003)