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Viktoria Dreifuß, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Viktoria Dreifuß

Nachname: Dreifuß
geborene: Maier
Vorname: Viktoria
Geburtsdatum: 11. Dezember 1889
Geburtsort: Königsbach/Pforzheim (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Verwandtschaftsverhältnis: Ehefrau von Hermann D.;

Mutter von Leo
Adresse: 1933: Renckstr. 3
Klauprechtstr. 54
Kurfürstenstr. 18
1940: Marienstr. 32
Schule/Ausbildung: Volksschule
Beruf: Hausfrau
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
10.8.1942 nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

In Erinnerung an Hermann und Viktoria Dreifuß
sowie ihren überlebenden Sohn Leo Dreifuß

Hermann Dreifuß wurde am 2. November 1885 in Königsbach, damals Bezirksamt Durlach, heute Königsbach-Stein im Landkreis Pforzheim, als siebtes von acht Kindern geboren. Seine Eltern waren Liebmann und Bertha, geborene Hirschfeld, Dreifuß. Der Vater war aus dem nicht allzu weit entfernten Diedelsheim bei Bretten nach Königsbach zugezogen. Viele von Hermanns Geschwistern starben in Kinderjahren oder früh als Erwachsene.
- Die 1877 erstgeborene Schwester Nanette starb 1914 in Königsbach, sie war bereits verheiratet.
- Der zweitgeborene Bruder Leopold, geboren 1878, starb 1929 in Heidelberg.
- Der Bruder Raphael als Fünftgeborener war nur fünf Monate als, als er 1883 verstarb.
- Ebenso verstarb der als letztes geborene Bruder Julius 1887 mit sechs Monaten.
- Über die 1880 bzw. 1881 geborenen Schwestern Lotte und Clara liegen keine Informationen vor. Über sie kann lediglich gesagt werden, dass sie aller Wahrscheinlichkeit nach nicht Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung wurden. Dasselbe gilt für den 1883 geborenen Bruder Jakob Liebmann, der in Königsbach wohnen blieb.

Der Vater wurde als Handelsmann bezeichnet. Tatsächlich arbeitete er in einem der traditionellen Berufe, die Juden auf dem Land bis in das 20. Jahrhundert ausübten, im Viehhandel. Hermann Dreifuß besuchte die Volksschule wie vorgeschrieben bis zur achten Klasse in Königsbach. Danach muss er wohl noch eine weitere Schule besucht haben, eventuell die obligatorische Fortbildungsschule, ehe er nachweislich von 1901 bis 1904 eine ordentliche Lehre absolvierte, später arbeitete er als Kaufmann und Viehhändler. Wir wissen es nicht, vermuten aber, dass er im Betrieb seines Vaters mitarbeitete, ebenso wie der etwas ältere Bruder Jakob Liebmann. In den Jahren von 1905 bis 1907 absolvierte Hermann den vorgeschriebenen dreijährigen Wehrdienst. Im Ersten Weltkrieg war er von 1914 bis 1918 als Soldat beim 109. Reserve-Grenadierregiment eingezogen.

Seine spätere Ehefrau Viktoria Dreifuß, geborene Maier, wurde am 12. Dezember 1889 ebenfalls in Königsbach geboren. Sie war das fünfte von sechs Kindern. Alle ihre Geschwister kamen wie sie durch die Judenverfolgung ums Leben, bis auf die erstgeborene Schwester, die bereits sechs Wochen nach der Geburt 1882 verstarb sowie der ebenfalls als Säugling im Alter von 6 Monaten 1888 verstorbene Bruder Abraham. Die in der NS-Zeit ermordeten Geschwister hatten zuvor alle in Pforzheim gewohnt:
- Rosa Dreifuß, geboren 1884, verheiratete Daube, am 12. August 1942 von Frankreich nach Auschwitz deportiert.
- Julius, geboren 1886, am 17. August 1942 von Frankreich nach Auschwitz deportiert.
- David, geboren 1892, am 11. September 1942 von Frankreich nach Auschwitz deportiert.

Auch Hedwig Maier besuchte die Volksschule. Hermann und Viktoria heirateten im Jahr 1913 in Königsbach. Im Jahr nach der Hochzeit, am 13. Juli 1914, kam ihr einziges Kind, Sohn Leo Dreifuß in Königsbach zur Welt. Spätestens als der Vater 1914 gestorben war, müssen die Söhne Jakob Liebmann und Hermann das Viehhandelsgeschäft alleine betrieben haben. Ob Hermanns Bruder Jakob Liebmann während dessen Militärzeit das Geschäft aufrecht erhielt oder ob es so gewesen ist, dass es erst nach Ende des Krieges wieder aufgenommen werden konnte, muss offen bleiben. Inzwischen hatte sich die traditionelle Lebenswelt auf dem Land längst geändert. Viehhändler, insbesondere jüdische, lebten schon seit Ende des 19. Jahrhunderts immer seltener auf dem Dorf, sondern zogen in die Städte, wo sich auch für ihren Gewerbszweig günstigere Bedingungen zeigten. So waren zahlreiche Viehhändler aus Königsbach nach Pforzheim oder Durlach gezogen, oder nach Karlsruhe. Die Dreifuß’ blieben in Königsbach wohnen. Was sie aber machten, war die Verlegung des eigentlichen Viehhandelsgeschäftes nach Durlach. Hier bestanden mit dem Viehmarkt, der guten Eisenbahnanbindung sowie dem nahen Schlachthof in Karlsruhe eindeutig die besseren Bedingungen. Die Brüder Jakob und Hermann Dreifuß sollen einem Zeugen gemäß bis 1932 etwa 15 bis 16 Stück Großvieh, also fast ausschließlich Rindvieh, umgesetzt haben.

Über Hedwig Dreifuß ist nichts bekannt. Sie war Hausfrau und Mutter. Vorstellbar ist, dass sie im Geschäft des Ehemannes mithalf, nachweisbar ist das aber nicht. Leo Dreifuß absolvierte wie die Eltern die Volksschule in Königsbach. Danach lernte er den kaufmännischen Beruf und arbeitete darin. Nachweisbar ist, dass er schließlich bis zum 27. September 1937 im hessischen Alsfeld gelebt hatte, ehe er zu den Eltern zurück ging nach Karlsruhe.

1932 war die Familie Dreifuß schließlich nach Karlsruhe gezogen, als letzte der jüdischen Viehhändler in Königsbach. Sie wohnten nun in der Kurfürstenstraße 18 im zweiten Obergeschoss. Für das folgende Jahr ist ein Umzug in die Renckstraße 3 nach dem Adressbuch verzeichnet. Vermutlich war die wohnliche Veränderung zugleich mit der Trennung von seinem Bruder verbunden, denn er firmierte nun allein als Viehhandlung „Hermann Dreifuß“. Im Handelsregister wurde die Firma unter diesem Firmenname jedoch erst im Februar 1935 eingetragen. Die Viehhandlung war ein reiner Handelsbetrieb, Hermann Dreifuß arbeitete nicht wie ein Landwirt, sondern war wie im Geschäftszweig üblich, der „Vermittler“ zwischen Einzel- und Großanbietern sowie den nach Zucht- und Milchvieh nachfragenden Bauern. Das dafür nicht in Frage kommende Vieh wurde dem Schlachthof oder Einzelmetzgern zugeführt. Hermann Dreifuß’ Tätigkeit bestand also darin, auf Märkte zu fahren und dort das Vieh aufzukaufen. Dazu besuchte er seltener die benachbarten kleinen Viehmärkte, sondern fuhr wöchentlich in die für Süddeutschland großen und wichtigen im Allgäu oder nach Donauwörth, Dillingen, Nördlingen usw. Selbst in München kaufte er bisweilen Vieh auf. In seinem Einzelbetrieb sollen es wöchentlich 8 -12 Stück gewesen sein, womit ein gutes Auskommen gesichert war. Für den Viehumschlag war eine Stallung notwendig, über die Hermann Dreifuß nicht verfügte und deshalb anmietete. Diese hatte er beim Wirt das Gasthofes Zum Ochsen in Durlach. Ein Kleinbetrieb war es dennoch, denn außer Dreifuß selbst arbeitete nur noch ein Beschäftigter von Donnerstag bis Montag mit, was darauf hindeutet, dass das Vieh immer donnerstags in Durlach angekommen sein muss. Außerdem arbeitete noch eine weitere Hilfe immer montags mit, wenn es galt, das Vieh zum Schlachthof zu bringen.

Über die finanzielle Lage der Familie gibt es widersprüchliche Aussagen. Während das Bürgermeisteramt von Königsbach für 1931 lediglich eine Steuerzahlung für 1.667,- RM Einkommen mitteilt, was auch ohne Betracht der Wirtschaftskrise kaum zum Leben gereicht haben dürfte, sprechen andere Angaben von einem Reinverdienst von 10.000 bis 12.000 RM, was jedoch ein hohes Wohlstandsniveau gewesen wäre. Jüdische Viehhändler waren nach 1933 schnell unter Druck geraten, weil die Nationalsozialisten sie für die schlechten Bedingungen des „deutschen Bauern“ verantwortlich machten. Jüdische Viehhändler wurden mehr und mehr aus dem Wirtschaftszweig verdrängt, die „Arisierung“ härter und früher betrieben als in anderen Branchen. 1938 war es bei Hermann Dreifuß soweit. Der überwachende Viehwirtschaftsverband teilte dem Bürgermeisteramt in Karlsruhe sowie dem Landratsamt in Pforzheim letztlich mit, dass Dreifuß und ein weiterer jüdischer Viehhändler am 28. März 1938 mitgeteilt habe, sein Geschäft zum 1. April zu schließen und forderte nur kurz und knapp: „Falls sich noch Gewerbepapiere im Besitz der beiden Viehverteiler befinden sollten, bitte ich, solche einzuziehen und mich zu verständigen.“

Das Jahr 1938 markierte den Übergang zur vollständigen Verdrängung der Juden aus dem Wirtschaftsleben und auch zur Vertreibung aus Deutschland. Dazu wurden mit der Reichspogromnacht am 9. November 1938 auch Terrormethoden angewandt. Viele jüdische Männer zwischen 16 und 60 Jahren wurden nach dem 9. November 1938 verhaftet und in das KZ gesteckt, um sie zur Ausreise zu „bewegen“. Hermann Dreifuß immerhin traf dieses Schicksal nicht. Er musste seit Jahresanfang 1939 zusätzlich den diskriminierenden Vornamen „Israel“ tragen, Ehefrau Hedwig zusätzlich „Sara“.

Sohn Leo hatte bereits 1937 den Plan gefasst, in die USA auszuwandern. Zu diesem Zeitpunkt waren es vielfach die jungen Leute, die diesen Schritt wagten. Sie sollten dann später Türöffner sein für die Eltern, die nach der immer schlimmeren Unterdrückung nach dem 9. November keine Lebensperspektive mehr sahen in ihrem Geburtsland. Dazu hatte er im November 1937 bei der Polizeibehörde in Karlsruhe einen Reisepassantrag gestellt. Tatsächlich erhielt er diesen problemlos, denn dem NS-Regime war daran gelegen, Juden aus dem Land zu bekommen. Schwierigkeiten bereiteten aber die verschärften Einwanderungsbestimmungen in den USA. Leo Dreifuß musste im August 1938 um Passverlängerung bitten, die er wiederum erhielt. Tatsächlich gelang ihm an jenem Datum des 9. November 1938 dann die Ausreise. Er fuhr bei Saarbrücken über die Grenze, um sich in Frankreich einzuschiffen. Dort wurden ihm vom Zoll mitgeführte Wertgegenstände wie seine Taschenuhr und ein Ring weggenommen. Schließlich kam er in New York an. Der Plan, die Eltern bald nachzuholen gelang nicht.

1939 zogen die Eltern aus der großzügigen Wohnung in der Renckstraße in eine kleinere in der Klauprechtstraße 54 um, am 1. Juli 1940 in die Südstadt in die Marienstraße 32. Dies war ein so genanntes Judenhaus, da Juden seit einem verschärften Gesetz seit April 1939 nicht mehr in „arischen“ Mietshäusern leben sollten.
Wenig später, am 22. Oktober 1940 wurden sie wie fast alle anderen in Südwestdeutschland lebenden Juden außer Landes nach Gurs deportiert. Gurs war ein französisches Lager in den Pyrenäen, in das diese 6.500 Juden in jenem Oktober gebracht wurden. Die Lebensbedingungen waren so schlecht, dass innerhalb weniger Monate mehrere hundert Menschen verstarben.
Im Sommer 1942 begannen auf deutsche Veranlassung die Deportationen aus Frankreich in die Vernichtungslager. Hermann und Viktoria Dreifuß wurden gemeinsam im zweiten Transport am 10. August 1942 über Drancy, einem Sammel- und Durchgangslager in der Nähe von Paris, nach Auschwitz gebracht zusammen mit 1.006 anderen jüdischen Männern und Frauen. Von ihnen sollte nur ein einziger Mann bis 1945 überleben.
Hermann und Viktoria Dreifuß sind sehr wahrscheinlich am Tag ihrer Ankunft in Auschwitz in die Gaskammer geschickt und ermordet worden.

Weil keine letztendliche Klärung des Todestages möglich ist, wurden beide vom Amtsgericht mit Datierung auf das Kriegsende - 8. Mai 1945 - für tot erklärt.

Leo Dreifuß lebte in New York und arbeitete kaufmännisch, er besaß nun sogar die amerikanische Staatsangehörigkeit. Rasch hatte er Fuß gefasst, verheiratete sich und hatte drei Kinder, geboren 1944, 1947 und 1949. Die Familie lebte später in Silver Spring im US-Bundesstaat Maryland.

(Lena Kunz, Lessing-Gymnasium 11. Klasse, August 2013)