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Ernst Hans Arndt 1938, mit Stoppelhaar unmittelbar nach KZ-Haft. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Ernst Hans Arndt

Nachname: Arndt
Vorname: Ernst Hans
Geburtsdatum: 8. Dezember 1894
Geburtsort: Augsburg (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Eltern: Karl und Fannie A.
Verwandtschaftsverhältnis: Ehemann von Erna A.;

Vater von Eva und Elisabeth
Adresse: Schwarzwaldstr. 13
Hans-Sachs-Str. 1
Ludwig-Marum-Str. (Maxaustr.) 10
Schule/Ausbildung: Humanistisches Gymnasium in Augsburg, 1.-3. Klasse
Realgymnasium in Augsburg, 4.-6. Klasse
Beruf: Kaufmann, Spirituosenhändler (Weinhändler)
Kraftfahrer
Deportation: 19.9.1942 nach Mauthausen (Österreich)
11.11. - 13.12.1938 in Dachau (Deutschland)
Sterbedatum: 14. November 1942
Sterbeort: Mauthausen (Österreich)

Biographie

Das Schicksal der Familie Arndt

Ernst Hans Arndt wurde am 8. Dezember 1894 als Sohn der jüdischen Eheleute Karl und Fannie Arndt im bayrischen Augsburg geboren. Hier verbrachte er seine Jugend und besuchte auch sechs Jahre lang das Realgymnasium. Mit diesem Schulabschluss konnte er seinen „Einjährigen-Militärdienst“ absolvieren. Möglicherweise lernte er in dieser Zeit bei seiner Artillerieeinheit das Reiten, das er später weiter pflegte. Wie sein genauer Weg für eine berufliche Ausbildung verlief, ließ sich nicht mehr feststellen. Sicher ist, dass er zum 1. Januar 1914 nach Frankreich ging, um dort seine Französischkenntnisse zu verbessern. Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges kehrte er nach Deutschland zurück, um sich sofort zum Militär zu melden. Er machte den Krieg von Beginn bis zum Ende an der Front in einer Artillerieabteilung mit, zuletzt im Range eines Leutnants, dekoriert mit dem Eisernen Kreuz II. und I. Klasse. Wir nehmen an, dass er sich mit dem in breiten bürgerlichen Kreisen der jungen Frontoffiziere verbreiteten deutsch-nationalen, konservativen Ideengut, das für den verlorenen Krieg die „linken Vaterlandsverräter“ verantwortlich machte, durchaus identifizierte. Stolz hob er später nämlich seine Teilnahme als Freikorpsmitglied bei der blutigen Niederschlagung der Münchner Räterepublik im Mai 1919 hervor.

Zu einem nicht mehr feststellbaren Zeitpunkt lernte er Erna Marianne Schüssler aus Karlsruhe kennen. Deren Vater Robert Schüssler war protestantischer Konfession, er betrieb eine Weingroßhandlung, die ihre Anfänge auf 1874 zurück führte; die Mutter Mathilde stammte aus einer jüdischen Familie aus München, möglich, dass über die bayrische Herkunft die Verbindung der Tochter mit Ernst Arndt hergestellt wurde. Erna Schüssler selbst war 1901 protestantisch getauft und 1916 konfirmiert worden. Ihre Konvertierung beziehungsweise die ihrer Mutter ist ein Beispiel für den Prozess der Assimilation, den viele der nicht mehr religiösen Juden in Deutschland damals vollzogen, um gesellschaftlich nicht als Minderheit wahrgenommen zu werden. Ernst Arndt zog nach der Heirat am 30. August 1921 aus Düsseldorf, wo er vermutlich aus beruflichen Gründen kurze Zeit gelebt hatte nach Karlsruhe und stieg als gleichberechtigter Teilhaber in das florierende Geschäft seines Schwiegervaters ein. Bald darauf wurde die Tochter Elisabeth geboren, am 22. Januar 1923. Wesentlich später, am 31. Juli 1934 folgte die zweite Tochter Eva. Die Familie lebte in keiner Weise in jüdischer Tradition, die beiden Kinder wurden protestantisch getauft. Das außerordentlich hohe Einkommen aus der Weinhandlung Robert Schüssler OHG ermöglichte der Familie einen hohen Lebensstandard. Der Wein und die anderen Spirituosen wurden in großen Mengen über die jeweiligen Erzeuger direkt an Großkunden in Baden, Württemberg und Bayern geliefert. Dafür genügten die beiden Firmeninhaber sowie ein Angestellter in einem Büro in der Sedanstraße. Daneben arbeitete aber auch Erna Arndt für die Firma, als Kontoristin. Ernst Arndt machte 1926 den Führerschein nicht allein um den Geschäftswagen zu fahren, sondern die Familie gehörte mit zu den ersten Autobesitzern in der Stadt.
Ernst und Erna Arndt wohnten zunächst in der Schwarzwaldstraße 13, zogen 1929 in die Hans-Sachs-Straße 1, später in der Maxaustraße 10, die heute den Namen Ludwig-Marum-Straße trägt. Zwar wohnten sie immer zur Miete, doch die letzten beiden Wohnadressen zeigen eine gewisse Extravaganz: Das in den 1920er Jahren neu errichtete Wohn- und Geschäftshaus am Mühlburger Tor an der Ecke Kaiserallee/Hans-Sachs-Straße war eines der repräsentativsten Gebäude des modernen Bauens im Stil der neuen Sachlichkeit in der Stadt. Die Wohnung in der Maxaustraße in einer Mehrparteienvilla im Karlsruher Westend aus dem Anfang des Jahrhunderts war eine herausragende Arbeit des renommierten Architekturbüros Curjel&Moser. Die heute noch stehende Villa trug von Anfang an auch wegen des gleichnamigen hölzernen Eingangsschildes den Namen „Villa Ottilie“. Möglich, dass die Wohnungen nicht unter diesen Blickwinkeln bezogen wurden, aber deutlich unterstrichen wird in jedem Fall die erfolgreiche und einträgliche Geschäftssituation der Arndts.

Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten 1933 änderte sich anfangs nicht viel an der Lebenssituation. Das Geschäft lief unter dem Namen des protestantischen Schwiegervaters und litt deshalb nicht so stark unter dem Judenboykott, 1938 aber musste der Schwiegervater aufgrund des Druckes der NS-Behörden die Teilhaberschaft seines Schwiegersohnes beenden. Offiziell war er nun nur noch Angestellter, Kraftwagenfahrer in der Firma. Immerhin bewohnten Ernst und Erna Arndt weiterhin ihre großzügige Villenetage.
Die rassistische Politik des Nationalsozialismus hatte die Familie bereits zuvor erfahren: Gemäß Paragraph 12 der Nürnberger Gesetze von 1935 waren sie gezwungen, einen offiziellen Antrag zu stellen, als sie Anfang 1936 stundenweise eine Haushaltsgehilfin für die Beaufsichtigung der eineinhalbjährigen Tochter Eva einstellen wollten. Dabei ging es konkret um die Einstellung einer alleinstehenden jungen Frau, die selbst wegen einer leichten körperlichen Behinderung gerne diese kleine Tätigkeit ausgeübt hätte, da sie kaum ein normales Arbeitsverhältnis hätte eingehen können. Dieser Antrag wurde aus reiner Willkür nicht bewilligt, trotzdem die Haushaltshilfe „kaum direkt mit der Familie und überhaupt nicht mit dem jüdischen Haushaltsvorstand in Berührung käme“, wie das Polizeipräsidium selbst vermerkte.
Im Zusammenhang mit der Reichspogromnacht am 9. November 1938 wurde Ernst Arndt wie etwa 400 andere jüdische Männer in Karlsruhe verhaftet und nach dem KZ Dachau gebracht. Entlassen wurde er am 13. Dezember desselben Jahres, weil er glaubhaft nachweisen konnte, Deutschland verlassen zu wollen. Am 17. Dezember 1938 lagen Visumzusagen aus Kuba und Griechenland vor. Tatsächlich scheinen die Arndts die Ausreise dann aber doch nicht energisch weiter betrieben zu haben, vielleicht unterschätzten sie die Gefahr.
Als am 22. Oktober 1940 fast alle Juden bis auf diejenigen, die in Ehe mit einem christlichen Partner lebten, in das französische Gurs deportiert wurden, war die Familie Arndt nicht darunter. Das muss verwundern. Die Erklärung, dass die jüngste Tochter Scharlach hatte und eventuell als „nicht reisefähig“ galt, überzeugt nicht ganz. Erna Arndt hätte nach den NS-„Rassekriterien“ noch nicht einmal als „Halbjüdin“ gegolten. Denn dazu hätte sie per definitionem der Nürnberger Rassegesetzesausleger nur zwei jüdische Großeltern haben dürfen, sie hatte aber drei. Aus unerfindlichen Gründen scheinen sie und die beiden Töchter bei den Behörden zunächst jedoch als „Halbjüdinnen“ geführt worden zu sein. Vielleicht gehörten sie zu den etwa 3.000 Menschen, die im Deutschen Reich in einer Art „Gnadenakt“ auf Erlass Adolf Hitlers als “Halbjuden“ eine Besserstellung gegenüber „Voll-“ oder „Geltungsjuden“ erfuhren. Sie unterlagen, u.a. keinem Zwang zum Judensterntragen und wurden bei der planmäßigen Deportation in die Vernichtungslager ab 1941/42 zunächst nicht einbezogen. Die Ausnahmeregelung wurde im September 1942 reichsweit wieder aufgehoben. Einem Gnadengesuch von Robert Schüssler an das Innenministerium vom September 1942, in dem er verzweifelt, aber vergeblich darum kämpfte, den Status der „Halbjüdin“ für seine Tochter Erna aufrechtzuerhalten, ist zu entnehmen, dass diese „Privilegierung“ auch für sie aufgehoben worden war. Aufgrund des nahezu unaushaltbaren Drucks scheint die Familie auch die Scheidung in Betracht gezogen zu haben. Angeblich lebten Ernst und Erna Arndt ab 1941 getrennt. Doch für die letztlich gewünschte Trennung gibt es keinen wirklichen Anhaltspunkt, eher im Gegenteil, da eine Scheidung aus „rassischen“ Gründen schnell hätte umgesetzt werden können.
Seit 18. September 1941 musste Ernst Arndt den gelben Judenstern tragen, wenn er das Haus verließ, ein Jahr später auch seine Frau. Mittlerweile hatte das NS-Regime alle Voraussetzungen geschaffen, um alle als Juden definierten Menschen auszulöschen. Die bisher Ausgenommenen wurden sukzessive in die Vernichtung einbezogen. Am 19. September 1942 wurde Ernst Arndt wieder einmal zur Gestapo vorgeladen, nichts Ungewöhnliches. Diesmal aber kam er nicht mehr zurück. Stattdessen wurde er über Zwischenstationen in das KZ Mauthausen deportiert.
Am 22. November 1942 erhielt Erna Arndt eine nüchterne Mitteilung der KZ-Kommandantur Mauthausen, dass ihr Ehemann Ernst Arndt am 14. November um 13:40 Uhr in der Krankenbaracke an einem „eitrigen Dickdarmkatarrh“ verstorben sei. Der Leichnam sei am 17. November im Krematorium eingeäschert worden.

Die genauen Todesumstände konnten nie nachgeprüft werden. Welches Leid Ernst Arndt vor seinem Tod noch erfahren hat, ist ungewiss. Das KZ Mauthausen war berüchtigt für die sadistischen Quälereien des SS-Wachpersonals. Wahrscheinlich ist, dass auch Ernst Arndt täglich die als „Todesstiege“ in der Erinnerung gebliebene Treppe des KZ-Steinbruchs beladen mit Steinen auf- und absteigen musste, unter Schlägen der SS-Bewacher.
Am 1. März 1943 sollte Erna Arndt sich mit ihren beiden Töchtern Elisabeth und Eva einfinden, um per Eisenbahn von Karlsruhe zu einem ungewissen Ziel gebracht zu werden. Der Bestimmungsort für die von der Gestapo aufgelisteten Juden und „Halbjuden“ war Auschwitz. Auch wenn dies Erna Arndt nicht wissen konnte, war dies der Zeitpunkt für eine vermutlich bereits länger geplante Flucht. Sofort ging sie mit ihren beiden Kindern nach Oberbayern in die Nähe von Starnberg, wo sie, unterstützt von einem ehemaligen Geschäftspartner der Firma, mit falschen Ausweispapieren und Lebensmittelkarten versehen wurde. Die Umstände unter denen sie und die Kinder sich zwei Jahre und zwei Monate bis zur Befreiung im Mai 1945 unter den Bedingungen der Illegalität als „Ausgebombte“ und „Arbeitskräfte“ des Helfers versteckten und überleben konnten, muten im Nachhinein phantastisch an. Die Wirklichkeit war aber bloße Existenzsicherung und Not und eine ständige Furcht vor der Enttarnung,.
Nach dem Krieg baute Erna Arndt zusammen mit ihrem Retter und soweit noch möglich mit ihrem Vater die Weingroßhandlung „Robert Schüssler“ wieder auf. In den 1950er Jahren geriet das Geschäft in die Krise. Erna Arndt und ihre mittlerweile verheirateten Töchter mussten jahrelang um eine „Wiedergutmachung“ kämpfen. Erna Arndt verstarb 1983 in Karlsruhe.

(Sebastian Barton, September 2003)



Anmerkungen und Literatur:
Stadtarchiv Karlsruhe 1/AEST/36 und 1237; 6/BezVerwAmt 60; STAK AGA 5331 – Wantier.
Generallandesarchiv Karlsruhe 330/24, 25; 480/1258, 14546, 24690 und 24691.
Christoph Schwarz, Verfolgte Kinder und Jugendliche aus Baden-Württemberg 1933-1945, Konstanz 2007, S. 53f.
Archiv Gedenkstätte KZ Dachau.
Christoph Schwarz, Verfolgte Kinder und Jugendliche aus Baden-Württemberg 1933-1945, Konstanz 2007, S. 53f.
Josef Werner, Hakenkreuz und Judenstern. Das Schicksal der Karlsruher Juden im Dritten Reich, Karlsruhe 1990, S. 398f, 412 und 533.