Personendaten

Salomon Abständer

Nachname: Abständer
Vorname: Salomon
Geburtsdatum: 4. Mai 1906
Geburtsort: Teschen (Cieszyn) (Österreich-Ungarn, heute Polen)
Familienstand: verheiratet
Eltern: Elia und Regina Ryfka A.
Verwandtschaftsverhältnis: Ehemann von Rosa A.
Adresse: 1933: Brunnenstr./Am Künstlerhaus (Durlacher Str.; Durlachertorstraße) 41
Beruf: Pelzarbeiter
Emigration: 1933 nach Frankreich (Frankreich) Paris
Deportation: 27.2.1943 in Tence verhaftet und nach Drancy
6.3.1943 von Drancy nach Majdanek (Polen)
Sterbeort: Majdanek (Polen)

Biographie

Salomon Abständer und Familie

Salomon Abstände wurde als Sohn von Elias Abständer und seiner Ehefrau Regina, geborene Salomonowitz, am 4. Mai 1906 in Wien geboren. Noch in seiner Kindheit ging die Familie nach Regensburg, wo Salomon anscheinend bis zum 18. Lebensjahr aufwuchs. Er erlernte den Beruf eines Kaufmanns und ging dann für einige Zeit nach Berlin. Nach den Angaben seiner späteren Ehefrau kam er von dort nach Karlsruhe, bis 1929. In den amtlichen Unterlagen ist er hier jedoch nicht nachweisbar. Erklärlich wird so aber, dass sich Salomon Abständer und Rosa Lina Eltermann in Karlsruhe kennen lernten. Salomon Abständer selbst begab sich 1929/30 nach Frankreich, arbeitete dort als Pelzarbeiter in der großen Fabrik der „Manufacture Francaise de Vétements et Fourrurres de St. Lô et Paris“. Sie gehörte zu den bedeutendsten ihrer Branche und hatte Niederlassungen in London, Brüssel, New York, Shanghai und Montreal. Salomon Abständer selbst arbeitete im Werk in Saint Lô in der Normandie, wo er auch lebte. Für ihn als Ausländer dürfte es vermutlich schwierig gewesen sein, Fuß zu fassen, vermutlich musste er auch erst die französische Sprache lernen. Doch lebten zu diesem Zeitpunkt zahlreiche Migranten jüdischer Herkunft in Frankreich, das in der Zwischenkriegszeit das relativ offenste Land in Europa für Zuwanderer war, gerade auch für eine größere Zahl Juden. Welche Zukunftspläne er wohl für sich und seine Braut Rosa Eltermann, die 1930 von Karlsruhe zu ihm nach Paris kam, hatte? Am 8. September 1931 heirateten die beiden in Paris im 9. Bezirk.

Rosa Lina Eltermann war am 10. März 1907 in Karlsruhe geboren. Ihre Eltern waren um 1905 mit dem fünfjährigen Sohn Adolf, der zweijährigen Tochter Johanna und der gerade 1905 geborenen Sara aus Libau, aus dem damals russischen Lettland nach Karlsruhe gekommen: der Händler und spätere Schuhmacher Abraham Eltermann und Fanny geborene Götz. Wie viele arme Zuwanderer lebte die Familie in der Karlsruher Altstadt, im so genannten Dörfle. Für die Anfangszeit sind zahlreiche Wohnungswechsel nachgewiesen: zunächst in der Waldhornstraße, dann in der nicht mehr bestehenden Schwanenstraße, der Fasanenstraße und der Durlacherstraße (heute existiert nur noch ein Teil dieser ehemals bis zum Mendelssohnplatz führenden Straße als Brunnenstraße/Straße am Künstlerhaus). Dies lässt auf eine schwierige Lage, auf ärmliche Verhältnisse der Familie schließen. Rosa Eltermann hatte mindestens fünf Geschwister, der jüngste Bruder Moritz war 1914 im Alter von nur 10 Monaten verstorben. Adolf und die 1910 in Karlsruhe geborene Schwester Rebekka, jüdische Gemeindekrankenschwester, konnten später mit ihren Familien noch rechtzeitig nach Palästina auswandern, die ältere Schwester Sara verstarb mit 33 Jahren 1938 in Karlsruhe. Im selben Jahr kurz darauf sollte auch Mutter Fanny in Karlsruhe sterben.
Rosa Eltermann hatte den Beruf der Modistin erlernt. Nach der Heirat in Paris lebte Rosa Abständer nicht lange bei ihrem Mann in Frankreich, sondern ging zurück nach Karlsruhe. Die Umstände dazu sind nicht klar. Ob es mit dem Tod des Vaters Abraham Eltermann 1932 zusammenhing ist eine Vermutung. Salomon Abständer seinerseits blieb auch nicht länger in Frankreich, sondern begab sich von dort zunächst nach Saarbrücken und folgte seiner Frau Rosa nach Karlsruhe, wo das Paar in der Wohnung mit der Mutter Fanny Eltermann lebte.
Im Sommer 1933 schon gingen Salomon und Rosa Abständer gemeinsam von Karlsruhe wieder nach Frankreich, nach Paris. Nach ihren Angaben wegen der nationalsozialistischen Verfolgung, doch dürften andere Gründe ausschlaggebend gewesen sein, da das junge Paar vermutlich keiner zusätzlichen persönlichen Verfolgung ausgesetzt gewesen war. Eine politische Betätigung, die so etwas plausibel machen würde, ist nicht nachweisbar. Aber auch der Schwager Nachum Berger, verheiratet mit einer Schwester Rosas, ein Schuhmacher aus Worms, war zugleich aus Worms nach Paris gekommen und die beiden Ehepaare lebten im gleichen Haus in Paris.

Salomon Abständer baute sich in Paris im 8. Bezirk in der Rue Saint Honoré nahe der Markthallen eine Existenz auf, soll einen eigenen Kürschnerbetrieb betrieben haben. Nachweisbar sind amtlich bestätigt nur seine versteuerten Einkommen zwischen 1934 und 1939: durchschnittlich um 30.000 Francs im Jahr, allein 1937 ragt heraus mit 63.000,- Francs. Letzteres entsprach etwa 10.000 RM, was ein beachtliches Einkommen war.

Am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg. Salomon und Rosa Abständer gerieten in eine schwierige Lage. Obwohl sie bereits sechs Jahre in Frankreich lebten und sich eingewöhnt hatten, galten sie als „feindliche Ausländer“. Sie wurden deshalb interniert. Rosa Abständer wurde davon erst mit der aktiven Kriegshandlung Deutschlands gegen Frankreich seit dem 10. Mai 1940 betroffen. Am 16. Mai 1940 musste sie in das Internierungslager Gurs am Nordrand der Pyrenäen. Dieses sollte später das Lager für die über 6.500 am 22. Oktober 1940 deportierten Juden aus Süddeutschland werden, was im Frühjahr 1940 aber noch nicht im Bereich des Denkbaren lag. Rosa Abständer war es ergangen wie zahlreichen deutschen Flüchtlingen und Exilierten, die ungeachtet ihrer Verfolgung durch die Nationalsozialisten oder sogar ihres aktiven Widerstandes als Kommunisten und Sozialisten interniert wurden. Rosa Abständer wurde immerhin am 15. Juli 1940 entlassen, mit der Auflage, ihren Aufenthalt in Tence in der Auvergne zu nehmen, wo sie auch wieder mit ihrem Ehemann Salomon Abständer vereint war. Die Internierung Rosa Abständers ist durch Belege erwiesen, die sie in den 1950er Jahren beibrachte. Über das Schicksal ihres Mannes Salomon zu Kriegsbeginn liegen keine Hinweise vor. So bleibt nur die Vermutung, dass er, als er 1939/40 mit Kriegsbeginn als gleichfalls „feindlicher Ausländer“ in Schwierigkeiten geraten sein musste, eventuell einer Internierung 1939 durch Meldung als „Prestataire“, das heißt freiwilliger militärischer Helfer, entgangen war. Dann könnte er nach der Niederlage Frankreichs demobilisiert worden sein und anschließend nach Tence gekommen sein.
Inzwischen hatte NS-Deutschland Frankreich besiegt, das Land in zwei Zonen geteilt, wovon Tence im so genannten Freien Frankreich lag, das direkt der mit NS-Deutschland kollaborierenden Vichy-Regierung unterstand. Die Vichy-Regierung ihrerseits betrieb eine antisemitische Politik, die nur zum Teil auf die Kollaboration zurückging, aber auch einen eigenen Hintergrund im französischen Antisemitismus seit dem Ende des 19. Jahrhunderts hatte.

Interessanterweise lebten auch der Schwager und Schwägerin Nachum und Jetti Berger nicht weit von Tence entfernt.
Selbst immer kinderlos geblieben, bekamen die Abständers plötzlich Zuwachs. Rosas kleine Nichte Fanny Eil, die vorher im jüdischen Kinderheim der Hilfsorganisaton Oeuvre des Secours des Enfants (OSE) Château de Chaumont gelebt hatte, kam im August 1942 hinzu. Seit dem Beginn der Deportationen von Juden in die Vernichtungslager im Juli/August 1942 waren bis dahin von Hilfsorganisationen in bekannten Kinderheimen untergebrachte jüdische Kinder nicht mehr sicher und die Organisationen versuchten, sie in spezielle unerkannte Heime zu bringen oder einzeln zu „verstreuen“ bei Verwandten oder Aufnahmefamilien. Fanny Eil war die Tochter von Rosas Schwester Johanna, die mit dem 1889 im russischen Kowel geborenen Erich Eil verheiratet war und gleichfalls 1933 nach Frankreich gekommen war. Erich Eil wurde am 4. März 1943 in das Vernichtungslager Majdanek gebracht, Johanna Eil am 29. April 1944 nach Auschwitz.

Die Abständers mit ihrer Nichte mussten in Tence unter ständiger Furcht angesichts der antijüdischen Politik von Vichy leben, das den deutschen Stellen nichtfranzösische Juden zur Deportation zuführte, auch wenn ein direkter deutscher Zugriff hier im so genannten Freien Frankreich bzw. der Südzone nicht bestand. Das änderte sich im November 1942, als die Wehrmacht nach der Landung der Alliierten in Nordafrika auch die bis dahin unbesetzte Südzone einnahm und zugleich das verbündete Italien einen Streifen Südostfrankreichs von den Alpen bis zum Mittelmeer besetzte. Seit Sommer 1942 rollten die Züge mit Juden in die Vernichtungslager. Überstellt aus Internierungslagern wie die südwestdeutschen Juden von Gurs oder Rivesaltes oder in Razzien zusammengetrieben. Am 25. Februar 1943 geriet Salomon Abständer in eine dieser gefürchteten Razzien und wurde verhaftet. Die französischen Kollaborateure brachten ihn über das Lager Gurs nach dem Sammellager Drancy bei Paris. Dort wurden die Züge in die Vernichtungslager zusammengestellt. Salomon Abständer traf bereis am 27. Februar 1943 in Drancy ein. Am 6. März 1943 wurde er zusammen mit 998 anderen Juden in einen Zug gepfercht. Anders als die vorherigen fuhr dieser nicht nach Auschwitz, sondern in das Vernichtungslager Majdanek. Dies lag an einem kurzfristigen Engpass in Auschwitz im Monat März 1943.
Von den Deportierten dieses Zuges überlebten nur drei Männer das Kriegsende. Salomon Abständer war nicht darunter, er hatte sein Leben nach der Ankunft im Vernichtungslager Majdanek verloren.

Mit der Verhaftung ihres Mannes war auch das Leben von Rosa Abständer nicht mehr sicher. Zusammen mit ihrer Nichte floh sie aus Tence, versteckte sich auf dem Land und in den Bergen, ging schließlich nach Nizza, das in der italienischen Zone lag. Italien hatte zwar auch antisemitische Maßnahmen ergriffen, jedoch nicht vergleichbar mit NS-Deutschland und kollaborierte auch nicht bei den massenhaften Deportationen. Rosa Abständer hatte einen gefälschten Ausweis auf den Namen Rosa Hahn.
Vermutlich hätte er wenig genützt, da sie später dazu meinte, dass er sehr schlecht gemacht gewesen sei und sie damit bei genauerer Prüfung aufgeflogen wäre. Problematisch war, dass sie und die Nichte so ohne Lebensmittelkarten waren, die Unterstützung von Hilfsorganisationen linderte nur die allerärgste Not. Diese Fluchtgeschichte weist darauf hin, dass sich Rosa Abständer seit ihrer Ankunft in Frankreich 1933 in diesem Land eingelebt hatte und offensichtlich auch ein Umfeld kannte, in dem sie sich zurecht fand. Juden ohne ein solches Umfeld wie die 1940 aus Baden nach Gurs Deportierten, hätten auf sich gestellt eine solche Odyssee kaum auf sich nehmen können

Die Lage änderte sich im September 1943 nochmals zum schlechteren.
Im Herbst 1943 besetzten deutsche Truppen nach dem Abfall Italiens den bislang von diesem besetzten Teil Frankreichs. Rosa Abständer und ihre Nichte Fanny waren damit in höchstem Maß gefährdet, in deutsche Fänge zu geraten. Sie mussten ständig ihre Unterkunft wechseln, offensichtlich suchte die Gestapo (Geheime Staatspolizei) planmäßig nach untergetauchten Juden. Rosa Abständer floh mit ihrer Nichte nach Mégère in den Alpen, unweit zur Grenze nach der Schweiz gelegen. Ein Untergrundnetzwerk organisierte Fluchtmöglichkeiten in die Schweiz, insbesondere für Kinder. Mit einem solchen wurde schließlich die kleine Nichte in die Schweiz geschickt. Diese Gruppe wurde aber an der Grenze zunächst von Schweizer Grenzern aufgehalten, mit Glück wurde Fanny Eil dann einige Tage später doch in die Schweiz hereingelassen.

Rosa Abständer befand sich weiterhin auf der Flucht, begab sich zunächst abermals nach Nizza, schloss sich einer anderen Untergetauchten an, Fanny Celeczka. Schon morgens gegen 4 Uhr verließen die beiden jeweils das Hotel, wo sie Unterschlupf gefunden hatten und mussten den Rest des Tages auf der Straße zubringen, da die Gestapo systematisch die Hotels durchkämmte. Einmal wurde den beiden von der Hotelbesitzerin mitgeteilt, dass Gestapo nach ihnen gefragt habe. Schließlich verließen beide Ende 1943 das zu gefährlich gewordene Nizza und gingen in die Nähe von Tence nach Le Puy. Dort konnten sich die beiden mitten in der Stadt bei einer Familie verstecken, die ihnen einen Raum auf ihrem Dachboden zur Verfügung stellte. Es war sehr schwierig, da nur ein Bett vorhanden war, Elektrizität und Wasser fehlten, Kochen ließ sich auf einem Spiritusbrenner nur spärlich angesichts fehlender Lebensmittelmarken. Aus ständiger Angst vor Entdeckung konnten sie den Dachboden kaum verlassen. Eine Dachluke war ausersehen, darüber zu fliehen, falls die Verfolger einmal an der Haustüre stehen sollten.
Im August 1944 war die Leidenszeit zu Ende, die alliierten Truppen waren in Frankreich seit Juni/Juli 1944 rasch vorgerückt und hatten die Wehrmacht bis Herbst in Richtung deutsche Reichsgrenze zurück gedrängt. Rosa Abständer und ihre Gefährtin waren befreit.

Rosa Abständer blieb in Frankreich, in Le Puy, leben, wurde schließlich französische Staatsbürgerin. Hier lernte sie ihren zweiten Ehemann kennen.
Kurt Bettesch, geboren am 3. Januar 1903 in Wien wie auch Salomon Abständer. Auch er als Pelzarbeiter tätig. Ob sie sich bereits vor dem Krieg kannten? Gibt man Kurt Bettesch im Internet ein, erscheinen auf der Webseite der Gedenkstätte von Yad Vashem in Jerusalem Fotos mit ihm, die ihn vor Kriegsbeginn als Angehörigen einer „foreign labour company“ zeigen. Demnach wäre er Angehöriger der französischen Fremdenlegion gewesen. Dies war 1939 eine Alternative zum Einsatz als „Prestataire“ gewesen, wie wir ihn für Salomon Abständer vermuten.
Rosa Abständer und Kurt Bettesch verheirateten sich am 24. Juni 1949 in Le Puy.

(Martin Kubutat, 12. Klasse Lessing-Gymnasium, November 2013)


Quellen und Literatur:

Generallandesarchiv Karlsruhe 480/20483 und 20484.
Josef Werner, Hakenkreuz und Judenstern. Das Schicksal der Karlsruher Juden im Dritten Reich, Karlsruhe 1990, S. 245 und 457.