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Ruth Debora Altmann, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Ruth Debora Altmann

Nachname: Altmann
geborene: Falk
Vorname: Ruth Debora
Geburtsdatum: 21. September 1898
Geburtsort: Schrimm/Posen (Deutschland, heute Polen)
Familienstand: verheiratet
Eltern: Benjamin und Sara, geb. Eldod, F.
Verwandtschaftsverhältnis: Ehefrau von Jakob A.;

Mutter von Bella, Benjamin, Maier, Meta, Paula und Sara
Adresse: Zirkel 10
Adlerstr. 35
Schule/Ausbildung: Lyzeum bis Unterprima
Beruf: Erzieherin ("Kindergärtnerin")
Hausfrau
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
30.5.1944 von Drancy nach Auschwitz (Polen)
danach in Noé (Frankreich)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Familien Altmann

Josef und Jenny Altmann
Jakob und Ruth Altmann sowie ihre Kinder Meta, Maier, Bella, Benjamin, Sara und Paula
Jenny Ahrend

Die - nachweisbare - Geschichte der Familie Altmann beginnt im ehemaligen Böhmen in dem Ort Ronsberg (heute Pobezovice) nahe der Stadt Bischofteinitz (heute Horsovsky Tyn), ca. 50 km südwestlich von Pilsen. Hier wurde 1777 Michael Altmann, der ‚Stammvater’ unserer Altmann-Familien geboren. Er heiratete Rifka Rebecca Stern aus Rülzheim, zog nach Mosbach am Neckar und begründete dort eine gut gehende Garküche, hieß es. Zugleich wurde er aber auch als ‚Handelsmann’ beschrieben, die damals übliche Bezeichnung für Viehhändler. Vielleicht war er beides. Was ihn in deutsche Lande und gar nach Mosbach brachte, ist nicht mehr zu klären.
Der Ehe entstammten fünf Söhne und zwei Töchter. Allein der viertgeborene Sohn Joseph ist für unsere Geschichte wichtig, denn er war der Begründer der Karlsruher Altmann-Dynastie.
Michael Altmann starb am 14. Oktober 1829, seine Frau am 16. Januar 1853, beide in Mosbach.

Joseph Altmann wurde am 29. Juli 1818 in Mosbach geboren. Er heiratete am 9. Februar 1846 Mina Mosbacher aus Mosbach. Insgesamt 13 Kinder wurden ihnen geboren, die ersten vier (drei Söhne, eine Tochter) in Mosbach, die anderen Kinder in Karlsruhe; zwei starben bereits als Kleinkinder.
Im Jahre 1851 kam Joseph Altmann im Alter von 33 Jahren mit Familie nach Karlsruhe, er wurde nämlich in den Oberrat der Israeliten Badens nach Karlsruhe berufen, das höchste Gremium für die religiösen und administrativen Angelegenheiten der jüdischen Gemeinden im Lande. Zunächst finden wir ihn in den Akten als Sekretär des Oberrates und ab 1860 als Mitglied des Oberrates. Er wohnte in der Herrenstraße 17; 1870 finden wir ihn unter der Adresse Zirkel 4. Joseph Altmann hatte eine Ausbildung als Rabbiner. In dieser Eigenschaft traute er 1850 seine jüngere Schwester Güthel mit Abraham Model, vielleicht auch andere Geschwister.

Joseph Altmann nahm sein Amt im Oberrat bis zu seinem durch eine Rippenfell-Entzündung verursachten Tod am 1. Dezember 1874 in Karlsruhe wahr. Von seinen Söhnen war Michael tätig als Kaufmann in Hannover, Gustav ebenfalls als Kaufmann in Frankfurt a.M. und Moses als Bankier in Berlin; bei den anderen fanden sich keine Angaben bzw. waren sie noch minderjährig. Er hinterließ für damalige Verhältnisse ein stattliches Vermögen von mehr als 36.000 Gulden. 1877 nahm die Witwe Domizil in dem erworbenen Haus Zirkel 10. Diese Adresse blieb Adresse der Familie bis 1935. Seine Witwe starb am 13. März 1888 in Karlsruhe.
Das erste in Karlsruhe geborene Kind war Maier Altmann, er wurde am 1. Juli 1852 geboren, also kurz nachdem die väterliche Familie nach Karlsruhe kam.
Maier Altmann heiratete 1886 in Fürth/Bayern die von hier stammende am 2. Februar 1865 geborene Mina Eldod, Tochter des Lehrers Salomon Eldod und seiner Frau Pezzi, geborene Rothenheim.
Es darf angenommen werden, dass für Maier Altmann die Hinterlassenschaft seines Vaters der Grundstock für die Weinhandlung am Zirkel 10 war, die er zusammen mit seinem Bruder Hermann, geboren am 6. Juli 1858 in Karlsruhe, begründete. Hermann Altmann heiratete Regine Bodenheimer aus Frankfurt a.M.; sie hatten zwei Söhne und eine Tochter.
Die Firma M. Altmann wurde zum 1. Januar 1893 als OHG gegründet. Wo die Brüder Altmann die diffizile Materie des Weinhandels gelernt haben, war nicht zu ermitteln.
Die spärlichen Hinweise auf die Tätigkeit der Brüder lassen den Schluss zu, dass der Anfang recht schwer war, mühsam musste ein Kundenkreis erschlossen werden, am Ort, vor allem aber in zahlreichen anderen Plätzen im Lande, insbesondere in den großen Städten. Einer von beiden war ständig auf Geschäftsreisen.
Am 15. Dezember 1913 starb Hermann Altmann. An seiner Stelle wurde seine Witwe Regine im Handelsregister per 13. August 1914 eingetragen. Dass sie auch im Geschäft mitwirkte, ist wohl kaum anzunehmen, jedenfalls gab es dazu keinerlei Hinweise. Maier Altmann führte die Firma de facto nunmehr allein.

Maier Altmann hatte vier Kinder: die Töchter Meta (geboren 14. Februar 1889) und Paula (geboren 5. Juli 1901) und die Söhne Josef (geboren 6. April 1891) und Jakob (geboren 11. April 1898). Von diesen wird nachfolgend berichtet.

Josef Altmann
Er war der sieben Jahre ältere der beiden Brüder. Er besuchte in Karlsruhe die Oberrealschule, die er mit der Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Militärdienst absolvierte und danach eine kaufmännische Ausbildung bei der Lederhandlung J. Weil & Cie in Karlsruhe, Adlerstraße 1a erhielt. Im Jahre 1912/13 genügte er seiner Militärpflicht als „Einjähriger“ beim Telegraphen-Bataillon Nr. 14 in Karlsruhe und trat nach seiner Entlassung in das väterliche Geschäft ein, um das ‚Handwerk’ des Weinhandels von der Pike auf zu erlernen. Bei Kriegsausbruch 1914 kam er sofort als Unteroffizier der Reserve an die Front und war während des ganzen Krieges als Führer eines Telegraphen-Bautrupps an der West- wie auch an der Ostfront. Nach dem Kriege nahm er seine Tätigkeit im väterlichen Geschäft wieder auf und widmete sich vor allem der Reisetätigkeit, die ihn durch ganz Deutschland, von Köln bis Breslau, von Hamburg bis nach München führte, aber auch in die Schweiz, nach Holland, Belgien und Frankreich.

Jakob Altmann
Er besuchte von September 1907 bis Ende des Schuljahres 1913/14 das Humboldt-Realgymnasium in Karlsruhe, das er mit Obersekunda-Abschluß verließ. Danach absolvierte er vermutlich eine kaufmännische Ausbildung, vielleicht bei der gleichen Firma wie zuvor sein älterer Bruder. Vom 11. Januar 1917 bis Kriegsende war er im Felde bei der Fernsprecher-Abteilung 199. Am 14. Januar 1919 wurde er als Gefreiter entlassen. Auch er trat sodann in das väterliche Weinhandelsgeschäft ein.

Vater Altmann fand mit seinen beiden Söhnen eine gute „Absatz-Nische“ für seinen Weinhandel: die von der Firma vertriebenen Weine waren überwiegend „Koscherweine“, die den Vorschriften des jüdischen Religionsgesetzes entsprachen, wofür die Persönlichkeit des Inhabers und seiner Söhne als strenggläubige Juden vollstes Vertrauen bei der Kundschaft genoss. Daneben wurden aber auch in- und ausländische Spirituosen verkauft, insbesondere Schwarzwälder Kirsch- und Zwetschgen-Wasser. Die Kundschaft bestand sowohl aus Privatkundschaft wie auch aus Wiederverkäufern und jüdischen Hotels und Restaurants. In der Hauptsache wurden Rheinweine vertrieben, die lange Jahre hindurch in Ockenheim bei Bingen a. Rh. gekeltert wurden, aber auch badische Weine. Die weitere Pflege der Weine erfolgte in den Kellerräumen der Firma am Zirkel 10. Außerdem wurden ungarische und Palästina -Weine importiert. Es wurden ständig ein bis zwei Küfer beschäftigt. In der Keltersaison kamen weitere Hilfskräfte hinzu. Natürlich arbeiteten die ‚Altmänner’ auch selbst im Betrieb mit, da die sachgemäße Behandlung der Weine große Fachkenntnisse bedingte.

Am 19. März 1926 schied Regine Altmann auch formell aus der Firma aus, sie wurde als Gesellschafterin im Handelsregister gelöscht. An ihre Stelle traten Josef und Jakob Altmann in das Geschäft als persönlich haftende Gesellschafter ein.

Josef Altmann heiratete am 3. September 1929 in Frankfurt a.M. die am 10. September 1896 in Gailingen/Hochrhein geborene Jenny Spitz. Sie war die einzige Tochter des vormaligen Bezirksrabbiners Dr. Josef Spitz und seiner Frau Minna, geborene Eichberg, die schon am 11. März 1909 in Gailingen gestorben war. Dr. Josef Spitz, geboren am 16. August 1856 in Bilke im damaligen Ungarn (heute: Bilki, zur Ukraine gehörend, im äußersten Westteil gelegen), stammte aus einer Rabbiner-Familie. Der Vater von Minna Eichberg war Pferdehändler in Adelebsen, einem Dorf bei Hannover.
Nach dem Tod seiner Frau heiratete Dr. Josef Spitz wieder, und zwar am 31. Mai 1912 in Neckarbischofsheim die hier am 28. Februar 1870 geborene Hedwig Frank, Tochter des Viehhändlers Samuel Frank. Josef Spitz war von 1894 bis 1925, bis zu seiner Pensionierung, als Bezirksrabbiner in Gailingen tätig, zuvor war er von 1889 bis 1894 Rabbiner in Haigerloch gewesen. In Gailingen war er in der Nachfolge des Rabbiners Dr. Leopold Löwenstein, der wegen Querelen in der Gemeinde nach Mosbach ging. Das Bezirksrabbinat war seinerzeit zuständig für die jüdischen Gemeinden Randegg, Tiengen, Gailingen, Wangen, Vorblingen, Donaueschingen und Konstanz. Nach seiner Pensionierung zog Josef Spitz 1926 mit Familie nach Frankfurt a.M. Dort verstarb er am 28. November 1931.
Jenny Spitz besuchte die Volksschule in Gailingen und danach die Höhere Töchterschule in Diessenhofen, unweit von Gailingen auf der Schweizer Seite gelegen. Ob sie einen Beruf erlernte, ist nicht überliefert. In Frankfurt a.M. wird sie im elterlichen Haushalt bis zu ihrer Heirat gelebt haben.
Hedwig Spitz, Josef Spitz’ Witwe, zog nach dem Tod ihres Mannes nach Karlsruhe zu ihrer Stieftochter Jenny und lebte in deren Haushalt. Am 24. März 1936 verstarb sie in Karlsruhe.
Josef und Jenny Altmann wurde am 30. Juni 1934 die Tochter Margot geboren, sie war das einzige Kind.

Jakob Altmann heiratete am 16. Juni 1930 in Karlsruhe die am 21. September 1898 in Schrimm/Posen (Westpreußen) geborene Ruth Debora Falk, Tochter des in Aub/Bayern (heute Bad Königshofen, Nähe Bad Kissingen) am 9. Mai 1859 geborenen Lehrers Benjamin Falk und seiner Frau Sara, geborene Eldod, geboren am 9. Februar 1860 in Nördlingen. Nach der Heirat am 23. Juli 1888 gingen Benjamin Falk und Frau aus beruflichen Gründen - er bekam dort eine Anstellung - nach Schrimm. Sie bekamen neun Kinder, alles Töchter, sechs davon wurden in Schrimm geboren, die letzten drei in Frankfurt a.M. Die Familie zog 1899 nämlich nach Frankfurt, warum konnte nicht geklärt werden. Es ist jedoch anzunehmen, dass Benjamin Falk auch in Frankfurt a.M. weiter als Lehrer tätig war. Am 12. Juni 1925 starb er in Frankfurt, seine Witwe am 3. November 1927, ebenfalls in Frankfurt.
Ruth Falk besuchte in Frankfurt das Oberlyzeum bis zur Unterprimareife und erlernte danach den Beruf der Kindergärtnerin, den sie auch bis zu ihrer Heirat ausübte.
Jakob und Ruth Altmann hatten sechs Kinder: Meta, geboren 15. August 1931; Bella, geboren 6. August 1932; Maier, geboren 14. Juli 1933; Benjamin, geboren 5. November 1935; Sara, geboren 28. Januar 1937 und Paula, geboren 1. Mai 1938, alle in Karlsruhe.

Maier Altmann wie auch seine Frau Mina waren tief religiös. Von 1911 bis 1931, also 20 Jahre, war er Vorstand der Israelitischen Religionsgesellschaft, der orthodoxen jüdischen Gemeinde in Karlsruhe mit Synagoge und Gemeindezentrum in der Karl-Friedrich-Straße 16. Er war Mitglied zahlreicher orthodoxer jüdischer Vereine, vorzugsweise Wohltätigkeitsvereine. Auch Mina Altmann war Mitglied verschiedener orthodoxer jüdischer Wohltätigkeitsvereine und zeitweilig auch deren Vorsitzende.

Jakob Altmann blieb nach seiner Heirat im Hause Zirkel 10 wohnen, zog in die Etage, die die Eltern zuvor bewohnt hatten, und diese zogen in das Dachgeschoß.
Josef Altmann zog nach seiner Heirat aus dem elterlichen Haus aus und nahm Domizil in der Adlerstraße 18, also in nächster Nähe, wo er mit Familie bis 1935 wohnte.

Maier Altmann starb am 23. Februar 1932 in Karlsruhe. Die beiden Söhne führten die Firma unter gleichem Namen – M. Altmann OHG – als gleichberechtigte Partner weiter.

Der Schwager von Josef und Jacob Altmann, Jacob Cahn, Ehemann der älteren Schwester Meta (geboren 1889, gestorben 1918), gab im Wiedergutmachungsverfahren als Zeuge zu Protokoll, dass das Weinhandelsgeschäft den Inhabern und ihrer Mutter eine gutbürgerliche Lebenshaltung ermöglichte, auch die Wohnungen waren entsprechend eingerichtet. Gleichermaßen äußerte sich auch der Rechtsanwalt Dr. Raphael Strauß, der wie die Altmanns zur Israelitischen Religionsgesellschaft gehörte und mit den Altmanns gut bekannt war.

Wie schon die Eltern, so waren auch die Söhne Josef und Jakob tief religiös, ihre Ehefrauen ebenfalls. Von Jakob Altmann ist überliefert, dass er Mitglied im Verein Dower Tow, Mitglied im Jüdischen Kindergartenverein und Vorbeter beim Gottesdienst in der Synagoge war. Von Josef sind keine entsprechenden Mitgliedschaften überliefert. Die Frauen waren Mitglied im Israelitischen Wohltätigkeitsverein.

Am 1. April 1933 wurden im ganzen Land – von der NSDAP generalstabsmäßig geplant und durchgeführt – die jüdischen Geschäfte, Anwaltskanzleien und Arztpraxen boykottiert, uniformierte SA – Posten hinderten die Menschen am Betreten, Plakate mit einem großen gelben Punkt auf schwarzem Grund stigmatisierten die Juden. Und manche jüdische Wohnung wurde von SA-Männern verwüstet. Da die Weinhandlung Altmann auch an Endverbraucher verkaufte, ist anzunehmen, dass auch diese von der Aktion nicht verschont blieb, zu belegen ist das allerdings nicht mehr, von der Familie lebt niemand mehr, auch keine Zeugen.

Die mit der Machtübernahme Hitlers am 30. Januar 1933 massiv einsetzende antijüdische Propaganda „Kauft nicht bei Juden“ hatte für den Weinhandel der Brüder Altmann zunächst noch keine so gravierenden Auswirkungen, denn ihre Kundschaft waren ja überwiegend Juden. Aber ein Rückgang des Geschäftes, nach und nach, vor allem ab Mitte der 30er Jahre, insbesondere nach Erlass der so genannten Nürnberger Gesetze, war gleichwohl zu verzeichnen: Juden verloren ihre Arbeitsplätze, damit ihre Erwerbsquelle und mussten sich wirtschaftlich erheblich einschränken, auch beim Weinkauf; vor allem aber mit den immer zahlreicher werdenden Auswanderungen der Juden verloren sie ihre Kundschaft. Und die nicht-jüdische Kundschaft kaufte natürlich längst nicht mehr.

Das Jahr 1937 brachte für die Altmanns eine einschneidende Veränderung. Das Grundstück Zirkel 10, das den Brüdern Altmann je zur Hälfte gehörte, in dem Jakob Altmann mit Familie und mit seiner Mutter Mina wohnte und in dem sich auch die Geschäftsräume der Weinhandlung befanden, wurde Anfang 1937 (Kaufvertrag vom 24. Februar 1937) vom Badischen Landesfiskus für 48.000 RM zum Zwecke des Neubaus eines Dienstgebäudes der Wasser- und Straßenbaudirektion erworben. De facto war es ein Zwangsverkauf, freiwillig hätten sie nicht verkauft, dafür gab es auch keinen Grund; aber gegen diesen Verkauf konnten sie sich nicht wehren.
Mit Hilfe des Staatsfiskus konnten die Altmanns mit dem Verkaufserlös ein anderes Grundstück erwerben, nämlich Adlerstraße 35, das einem Kaufmann Lothar Neumann und Frau gehörte und unter Zwangsversteigerung kam. Auch dieses Grundstück beinhaltete ein Wohnhaus (sogar dreistöckig) und einen für Gewerbezwecke nutzbaren Anbau. Ob das Grundstück dem vorherigen gleichwertig war, entzieht sich einer Bewertung. Das alte Gebäude wurde ja wegen des Neubaus des Behördenbaus abgerissen und das neu erworbene Gebäude im November 1944 durch Bomben total zerstört, übrigens auch das erwähnte Behördengebäude im gleichen Jahr im September.
Im Hause Adlerstraße 35 wohnten nunmehr Jakob Altmann mit Familie und seine Mutter Mina.
Nachdem die Inlandsumsätze der Weinhandlung drastisch zurückgegangen waren, versuchten die Brüder Altmann das Exportgeschäft zu aktivieren, insbesondere nach Holland, nach Belgien und in die Schweiz, verbunden mit entsprechenden Geschäftsreisen. Wurde im April 1938 noch der Reisepass für Jakob Altmann – aufgrund einer positiven Stellungnahme der IHK Karlsruhe für die Geschäftsaussichten – erteilt, so wurde ein Antrag von Josef Altmann vom Juli 1938 abschlägig beschieden, die IHK hatte sich dagegen ausgesprochen. Damit kam das Geschäft fast vollständig zum Erliegen, damit auch die Erwerbsquelle beider Familien.

Vom Lebensalter ausgehend ist anzunehmen, dass die Kinder Meta, Bella und Maier sowie Margot Altmann noch einige Zeit in die jüdische Schule in der Kronenstraße gingen und zuvor im Jüdischen Kindergarten waren.

Als am 9./10. November in einer in der Geschichte beispiellosen Pogromaktion gegen die Juden die Synagogen brannten und demoliert wurden, die jüdischen Geschäfte und auch ungezählte Wohnungen verwüstet und z.T. auch geplündert wurden, wurden aus Karlsruhe über 500 männliche Juden in das Konzentrationslager Dachau verbracht, auch Josef und Jakob Altmann. Sie wurden kahlgeschoren, die für die Juden-Kennkarte nach der Entlassung angefertigten Photos zeigen dies noch deutlich, sie wurden verhöhnt, gedemütigt und auch misshandelt. Sie erhielten die Häftlings-Nr. 21793 bzw. 21797. Als Frontkämpfer des Weltkrieges wurden sie relativ früh – im Verhältnis zu anderen Häftlingen – wieder entlassen, nämlich am 2. Dezember 1938 bzw. am 29. November 1938. Josef Altmanns Tochter Margot erinnerte sich: „Nach 2 Wochen sind der Onkel und Vater wieder zurück gekommen, nicht rasiert, mit Bartstoppeln. Ich hatte kein gutes Gefühl. Ich war 4 Jahre alt“.

Margot Altmann berichtete 1949, als sie nach Israel kam, da war sie 15 Jahre, über ihre Erlebnisse in Karlsruhe, über die Deportation nach Gurs – wir greifen den kommenden Ereignissen schon voraus – und über ihre Flucht in die Schweiz. Ihr – sehr fragmentarischer - mündlicher Bericht wurde unter dem Pseudonym Michal Amtheim von einem Betreuer des Kibbuz, in dem sie lebte, in Hebräisch niedergeschrieben und viele Jahre später von einem damaligen Lehrer ins Deutsche übersetzt. Der Bericht trägt die Überschrift „Ich bin ganz allein geblieben“, daraus wird noch mehrfach zitiert.
Noch eine weitere Erinnerung Margot Altmanns aus ihrem Bericht: „Ich erinnere mich, dass ich eines Tages nach Hause kam, Vater stand da und hatte alles Glas und edle Porzellan, alles, alles hat er auf dem Boden zerschmettert und ist auf die Scherben getreten. Dieses Erlebnis, dass der Vater alles kaputt machte, ist mir tief in Erinnerung geblieben“. Es ist nicht überliefert, wann dies war, jedoch lässt sich mit einiger Wahrscheinlichkeit sagen, dass es in zeitlichem Zusammenhang mit dem November-Pogrom oder den nachfolgenden Verdikten gegen die Juden - Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben, Vermögensabgabe der Juden, Ablieferungspflicht für Juwelen und Gegenstände aus Edelmetallen - war, dass sich die aufgestauten Emotionen so Bahn brachen.

Obwohl den Juden jegliche Handelstätigkeit mit Wirkung vom 1. Januar 1939 verboten war, konnten die Altmanns mit ausdrücklicher behördlicher (Ausnahme-)Genehmigung noch einen größeren Posten Wein veräußern und erhielten zudem – als einzige jüdische Weinhandlung in Deutschland – die Erlaubnis, Wein ins Ausland zu exportieren, weil die Behörden offensichtlich an den Devisen-Einnahmen interessiert waren. In welchem Umfang und wie lange dieser Export mit Sondererlaubnis noch realisiert werden konnte, ist nicht überliefert.
Am 27. September 1939 wurde die Firma M. Altmann OHG im Handelsregister gelöscht. Eine mehr als 40-jährige Firmengeschichte war beendet. Das Grundstück Adlerstraße 35 wurde übrigens am 23. Dezember 1942 vom Deutschen Reich eingezogen; am 1. Oktober 1950 wurde es im Restitutionsverfahren an die Erben zurück gegeben.

Die wirtschaftliche Situation der Altmann-Familien wurde schwierig, es gab ja keinerlei Einkünfte mehr, auch die Reserven gingen zur Neige, wohlhabend oder gar reich waren sie ohnehin nie gewesen. Zudem musste die den Juden auferlegte Vermögensabgabe erfüllt werden. So mussten Josef und Jakob Altmann ihre bei der Karlsruher Lebensversicherung laufenden Versicherungen beitragsfrei stellen lassen, weil sie offenbar die Prämien nicht mehr bezahlen konnten. Josef und Jakob Altmann waren Hypotheken-Gläubiger für mehrere Grundstücke von Privatpersonen in Durmersheim, Weingarten und Karlsruhe im Wert von RM 7.000 bzw. 8.000. Sie mussten diese Hypotheken an Dritte abtreten, um wieder etwas Geld zu haben für den Unterhalt ihrer Familien und für die öffentlichen Verpflichtungen.
Als Jakob Altmann im Oktober 1940 nach Gurs deportiert wurde, fanden die Behörden auf seinem Bankkonto gerade noch RM 3.288. Wie lange hätte die Familie damit wohl noch leben können?

Spät, wie sich im Rückblick zeigte, viel zu spät, entschlossen sich Josef und Jenny Altmann zu einer Auswanderung, nachdem ihnen durch die Ereignisse vom November 1938, insbes. auch durch die Haft in Dachau, klar geworden war, dass ihr Leben in Deutschland bedroht war. Sie beantragten im August 1939 Reisepässe für eine Auswanderung nach Australien. Warum Australien, bleibt ungeklärt, sie hatten niemanden in Australien, sie hatten aber auch – soweit festgestellt werden konnte – in keinem anderen Land, mit Ausnahme der Schweiz,
Verwandte, wo sie hin konnten. Und nach Palästina, wohin Schwager Cohn aus Mainz mit Familie auswanderte, wollten sie offenbar nicht. Die Pässe wurden zwar ausgestellt, aber nicht ausgehändigt, weil keine Visa vorgelegt wurden, die restriktive Einwanderungspolitik Australiens machte ihrer Auswanderungsabsicht einen Strich durch die Rechnung. Im übrigen schrieb die Reichsbank-Außenstelle Karlsruhe in ihrer Zuständigkeit für Devisenangelegenheiten an das Passamt, ohne Begründung, die Aushändigung der Pässe solle zurück gestellt werden.
Passanträge für Jakob Altmann und Familie für eine Auswanderung konnten nicht festgestellt werden. Dass sie keine Auswanderungsabsichten betrieben, ist schwer vorstellbar, vermutlich sind die Unterlagen nicht erhalten geblieben.

Am 15. Mai 1939 starb Mina Altmann in Karlsruhe, 74-jährig. Ihr blieb so vieles erspart, was folgte. Einige Wochen danach zog auch die Familie Josef Altmann von der Kreuzstraße in das Haus Adlerstraße 35. Etwa um die gleiche Zeit kam auch Ruth Altmanns Schwester Jenny Ahrend, seit 1938 Witwe, von Frankfurt a.M. ‚Asyl suchend’ nach Karlsruhe und wohnte im gleichen Hause. Von ihr ist noch ausführlich zu berichten.

Es kam der 22. Oktober 1940, der Schicksalstag für die badischen und saarpfälzischen Juden, die in einer Blitzaktion alle nach Gurs/Südfrankreich per Eisenbahn deportiert wurden. Margot Altmann: „Am vorletzten Sukkoth“ – dem jüdischen Laubhüttenfest – „klopfte es bei uns an der Tür, es kamen 2 Polizisten und teilten uns mit, dass wir in einer Stunde am Bahnhof abfahrbereit zur Evakuierung sein müßten. Jeder mußte entscheiden, was er in der Hand mitnehmen konnte. Wir sind Tage und Nächte gefahren, durch das bombardierte Frankreich, es war das erste Kriegsjahr. Es war furchtbar. Am Ende kamen wir in ein Lager in den Pyrenäen in Südfrankreich“. Im Lager wurden Männer und Frauen in getrennten Baracken untergebracht, Margot war bei ihrer Mutter. So war es auch bei der Familie Jacob Altmanns, auch hier kamen die Kinder zur Mutter, weil es Mädchen waren oder weil sie zu klein waren. Es ist anzunehmen, dass die Eltern sich so oft sahen, wie es ging. Zudem waren die zahlreichen Beerdigungen – in den ersten Monaten starben die Menschen zu Hunderten, vor allem alte Menschen, an Erschöpfung, Schwäche und auch an Ruhr – eine von sehr vielen Lagerinsassen genutzte Gelegenheit zur Begegnung, jeder, der wollte, konnte an der Beerdigung teilnehmen, auch wenn kein Angehöriger beerdigt wurde.

Auch Margot Altmann erkrankte an der Ruhr schwer und kam in die Krankenstation. Manchmal konnte die Mutter sie dort besuchen. Margot Altmann: „Sie hatte einen Kittel speziell für den Besuch im Krankenhaus“ – wegen der Ansteckungsgefahr. „Ich erinnere mich, wie ich den Kittel an mich drückte und fest umklammerte: etwas von der Mutter“.

Ein schlimmer Winter in Gurs war überstanden, trotz unsäglicher Lebensbedingungen, Hunger, Kälte, Nässe, entsetzlicher hygienischer Verhältnisse. Vor allem deshalb wurde Gurs auch die „Vorhölle von Auschwitz“ von Überlebenden in ihren Berichten bezeichnet.
Anfang März 1941 – Margot Altmann war inzwischen wieder genesen - hieß es, Familien mit Kindern werden verlegt nach Rivesaltes (Nähe Perpignan). Alle waren froh, sie hofften auf bessere Lebensbedingungen, vor allem auf bessere Verpflegung, für die Kinder auf geregelten Schulunterricht. Am 10. März 1941 kamen Josef und Jenny Altmann mit Tochter Margot, zusammen mit hunderten anderen Häftlingen aus Gurs nach Rivesaltes. In der Tat, die Lebensbedingungen waren besser, es waren steinerne Baracken mit Fenstern da, in denen sie untergebracht wurden, nicht nur dünnwandige Holzbaracken ohne Fenster, mit Dachluken. Aber eine bessere Verpflegung gab es nicht.

Es ist anzunehmen, dass die Schweizer Verwandten - Josef und Jacob Altmanns jüngere Schwester Paula (geboren 1901 in Karlsruhe), die sich 1921 nach Altschwil bei Basel verheiratet hatte, lebte in zweiter Ehe mit dem Rabbiner Samuel Brom in Luzern – sie mit Geld und Lebensmittel in Rivesaltes und vielleicht auch zuvor in Gurs nach besten Kräften unterstützten und dass es auch eine rege Korrespondenz gegeben hat - aber nichts blieb erhalten.
Das französische jüdische Kinderhilfswerk OSE (Oeuvre de Secours Aux Enfants), besonders aktiv nach den ersten Auschwitz-Transporten ab 27. März 1942, versuchte in bewundernswertem Engagement in ungezählten Einzelfällen, oft auch unter großen Risiken für die Aktivisten, so viele Kinder wie möglich aus den Lagern heraus zu holen, sie in eigenen oder fremden Heimen, in Waisenhäusern, bei Privatpersonen und auch in Klöstern unterzubringen, soweit die Eltern ihre Zustimmung dazu gaben. Das war leider nicht immer der Fall – mit katastrophalen Folgen, was man allerdings erst später wusste.
Josef und Jenny Altmann entschieden sich schweren Herzens, die Tochter Margot in ein OSE-Heim zu geben, ohne damals zu ahnen, dass sie ihr damit das Leben retteten. Bestimmend für die Heimunterbringung waren aber zunächst die erhofften besseren Lebensbedingungen, die Verpflegung, geregelter Tagesablauf, Schulunterricht usw. Margot Altmann in ihrem Bericht: „Jeden Tag umkreisten wir“ – gemeint sind ihre Eltern mit ihr – „ auf unseren Spaziergängen das Lager. Eines Tages erklärte man mir, dass Mutter auf den heutigen Spaziergang nicht mitkommt, da sie sich nicht gut fühle. Ich dachte mir nichts dabei und ging mit Vater allein. Während dieses Spazierganges kamen wir zur Eisenbahnstation. Dann kam der Onkel“ – gemeint ist offenbar ein OSE-Helfer – „ in der Hand ein kleines Paket, das er mir gab und erklärte: ‚ Du fährst jetzt zu einem Kinderheim’. Man setzte mich in einen Zug. Von da an war ich allein. Mutter konnte anscheinend den Abschied nicht ertragen, deshalb hat sie sich nicht von mir verabschiedet. Vater verabschiedete sich mit einem Kuß. Seitdem habe ich meine Eltern nicht mehr gesehen“. Sie kam am 1. Oktober 1941 in das Kinderheim Le Masgelier in Grand-Bourg (Dept. Creuse). Nach ca. einem Jahr, so Margot Altmann, sei sie in das Kinderheim „Chateau des Couret“ in La Jonchère bei Ambazac (nahe Limoges) gekommen, das genaue Datum war der 24. September 1942. Es war ein Heim nur für Mädchen, streng religiös orthodox geführt von einem polnisch-stämmigen Ehepaar mit Namen Krakovski. Vermutlich erfolgte diese ‚Umquartierung’ auf Betreiben der Eltern, die mit der Unterbringung im Heim in Masgelier nicht länger einverstanden waren, weil dieses Heim für Jungen und Mädchen war , vor allem aber nicht streng religiös geführt wurde; den Eltern lag aber die streng religiöse Führung sehr am Herzen. Aber die Verlegung haben die Eltern nicht mehr erlebt.

Am 4. Mai 1942 wurde die ganze achtköpfige Familie Jakob und Ruth Altmann mit Kindern von Gurs in das Lager Noé (Departement Haut Garonne, bei Toulouse) verlegt. An sich war dieses Lager für Alte und Kranke gedacht. Dass die Altmann-Familie hierher kam, kann darin begründet gewesen sein, dass Jakob Altmann krank war oder aber, dass er als eine Art Hilfs-Rabbiner dort gebraucht wurde, denn er war ja in Karlsruhe viele Jahre Vorbeter in der Synagoge.
Jüdische Hilfsorganisationen hatten mehrfach Jakob und Ruth Altmann vorgeschlagen, ihre Kinder in Schutz zu nehmen. Das Schweizer Kinderhilfswerk für Emigrantenkinder (SHEK), das die Erlaubnis der Schweizer Behörden hatte, 1.500 jüdische Kinder unter 16 Jahren für die Dauer des Krieges in die Schweiz bringen zu dürfen, hatte bereits am 3. November 1942 für die sechs Kinder von Jakob und Ruth Altmann und auch für Margot Altmann die Anträge auf Einreisebewilligung eingereicht, die Einreise war also geplant. Aber Jakob und Ruth Altmann konnten sich nicht entschließen, ihre Kinder in ein Heim zu geben, auch dann nicht, als am 9., 12. und 25. August 1942 165, bzw. 58, bzw. 135 Menschen von Noé deportiert wurden. Das war schicksalhaft für die Kinder, letztlich kostete sie diese Entscheidung ihr Leben. Aber das wusste man damals nicht, und auch und vor allem deshalb kann man den Eltern im Nachhinein keinen Vorwurf machen. Aus jener Zeit existieren keine Unterlagen oder Berichte über die Familie. Überliefert ist lediglich, dass Jakob Altmann am 9. März 1943 in ein Krankenhaus in Toulouse kam und dort am 8. April 1943 verstarb; Einzelheiten sind nicht bekannt. Nach dem Krieg wurde sein Sarg vom Friedhof in Toulouse umgebettet auf den Friedhof der Religionsgesellschaft Ez Chajim in Straßburg. Warum und von wem veranlasst, bleibt ungeklärt. So blieb Ruth Altmann mit ihren sechs Kindern allein zurück. Am 22. Mai 1944 kamen aus Noé via Le Vernet 178 Menschen, darunter 9 Kinder, 6 davon waren die Altmann-Kinder, in Drancy an. Am 30. Mai 1944 wurden allesamt, die Kinder waren im Alter von sechs bis zwölf Jahren, mit Transport Nr. 75 von Drancy, es war der drittletzte Großtransport, nach Auschwitz deportiert. Der Transport umfasste 1.000 Personen, davon 112 Kinder; 627 Personen wurden sofort nach Ankunft vergast, auch alle Kinder, 239 Männer und 134 Frauen wurden selektiert, überlebt haben 35 Männer und 64 Frauen, Ruth Altmann war nicht darunter.

Am 3. Juli 1942 wurden Josef und Jenny Altmann aus dem Lager Rivesaltes entlassen, „liberiert“ wie die Lagerinsassen dies nannten und was ins Deutsche missverständlich mit „befreit“ übersetzt wurde. Frei waren sie nämlich keineswegs. Sie kamen in das nur einige hundert Seelen zählende Dorf Meyssac/Departement Correze (etwa 100 km nördlich von ihrem bisherigen Lager). Dort gab es kein Lager, sie kamen vielmehr privat unter, wie und bei wem ist nicht überliefert. Jedenfalls konnten sie sich hier frei bewegen, wurden nicht mehr bewacht, standen aber gleichwohl unter Aufsicht der französischen Polizei/Gendarmerie. Allerdings mussten sie für ihren Lebensunterhalt selbst aufkommen bzw. musste irgendjemand sie dort finanziell unterstützt haben, wahrscheinlich die Schweizer Verwandten. Dieses Refugium währte allerdings nur ganze acht Wochen. Dann wurden sie mit anderen von der Vichy-Miliz an die Deutschen ausgeliefert. Zahlreiche andere „liberierte“ Juden wurden, als die Vichy-Regierung am25./26. Juli 1942 die Juden verhaften ließ, um den Deutschen die versprochenen 10.000 Juden ausliefern zu können, vor der Aktion gewarnt und konnten flüchten oder untertauchen. Die Altmanns wurden offensichtlich von niemandem gewarnt, denn am 27. August 1942 wurden sie in das Lager Nexon verbracht und am 29. August 1942 nach Drancy bei Paris, dem Durchgangslager für die von dort abgehenden Auschwitz-Transporte. Am 31. August 1942 wurden sie von Drancy mit Transport Nr. 26 nach Auschwitz deportiert. Der Transport umfasste 1.000 Personen, darunter 248 Kinder; 961 wurden bei Ankunft sofort vergast, 12 Männer und 27 Frauen wurden selektiert, insgesamt 17 haben überlebt, Josef und Jenny Altmann waren nicht darunter.

Anfang September 1942, da war sie noch im Le Masgelier, bekam Margot Altmann eine Postkarte von ihren Eltern aus Drancy, dem Deportations-Durchgangslager für die Auschwitz-Transporte bei Paris. Darauf stand:
„Wir möchten, dass Du Dich jeden Tag an uns erinnerst. Wir werden uns nie wiedersehen. Bleib fromm. Wir fahren weit weg“. Die Eltern wussten anscheinend das Ziel ihrer bevorstehenden Fahrt. Margot Altmann konnte sicherlich nicht einmal erahnen, was diese Nachricht wirklich bedeutete: als sie die Karte bekam, waren die Eltern mit großer Wahrscheinlichkeit schon nicht mehr am Leben.

Als im ausgehenden Winter 1942/43 die Deutschen, mit Unterstützung der Vichy-Milizen, die Kinderheime und Waisenhäuser für die weiteren Deportationen durchkämmten, hieß es auch im „Le Couret“, das Heim werde geschlossen, so jedenfalls berichtete Margot Altmann, Kinder mit Verwandten in der Schweiz sollten nach Möglichkeit dorthin gebracht werden, erklärten die OSE-Verantwortlichen. Margot Altmann schrieb mit Hilfe einer Erzieherin vom Heim einen Brief an die Verwandten in der Schweiz – das war die Familie ihrer Tante Paula in Luzern, die schon erwähnt wurde. OSE-Aktivisten organisierten die Flucht in die Schweiz.
Am 21. Februar 1943 kam ein Mann, den sie nicht kannte, ins „Couret“, nahm sie mit und brachte sie mit dem Zug nach Annemasse an der Schweizer Grenze bei Genf. Dort wurde sie Georges Loinger, einem der wichtigsten OSE-Aktivisten, der die Flucht organisiert hatte, übergeben. Insgesamt waren von Loinger zehn Kinder für die Verbringung in die Schweiz zusammengestellt. Alle hatten eine neue christliche Identität bekommen für den Fall, dass sie von der französischen Gendarmerie aufgebracht würden. Die Gruppe wurde geteilt. Am 22. Februar 1943, nach Einbruch der Dunkelheit wurden die ersten sechs Kinder bei Annemasse durch einen Passeur (Fluchthelfer, von der OSE bezahlt) über die Grenze gebracht. Die anderen vier Kinder, zu denen auch Margot Altmann gehörte und drei Jungen im Alter von sieben bis elf Jahren, wurden gegen 20.00 Uhr über einen Friedhof in der Nähe des Grenzüberganges Thonex über die Grenze gebracht, vermutlich von einem anderen Passeur. Dieser Gruppe wurde von dem Passeur noch ein 35- jähriger Pole mit seinem 11-jährigen Sohn hinzu gesellt. Sie mussten das Flüsschen Foron durchqueren und unter einem Stacheldrahtzaun hindurch kriechen. Gleich auf Schweizer Seite geriet die Gruppe in die Arme von Grenzgendarmen. Margot Altmann: „Zusammen durchwateten wir einen Fluß an der Grenze. Das Wasser war kalt, fürchterlich kalt. Wir kamen auf die andere Seite, dort sahen wir Soldaten in grünen Uniformen, die ähnlich der deutschen Uniform war. Ich bin zu einem Soldaten gelaufen, den ich für einen deutschen Soldaten hielt. ‚Bitte töte mich nicht’. Wir haben uns an sie geklammert.“ Die Gruppe wurde festgehalten, Protokolle und Berichte wurden angefertigt, danach kamen die Kinder in das Auffanglager Cropettes, einer Schule in Genf und am nächsten Tag in das Auffanglager Charmilles, ebenfalls eine Schule in Genf und einige Zeit später in das Lager Val Fleuri in Champel/Genf.

Margot Altmann kam am 26. März 1943 nach Luzern zur Familie ihrer Tante Paula Brom in Luzern. Hier lebte sie die folgenden sechs Jahre und ging hier auch zur Schule. Sie wurde bei ihren ‚Ersatzeltern’ wie ein eigenes Kind liebevoll umsorgt.

Margot Altmann wanderte 1949 nach Israel aus, zusammen mit ihrer Cousine Berta (Tochter von Vaters Schwester Paula), die sich zuvor mit David Zariski verheiratet hatte. Man darf wohl annehmen, dass die Initiative für die Auswanderung von Cousine und Ehemann ausging, gemeinsam zu ‚neuen Ufern’ aufzubrechen und sich dem Aufbau eines jüdischen Staates Israel zu widmen. Margot Altmann, noch nicht 15 Jahre, wird die Euphorie geteilt haben, zumal auch die Familie ihres Onkels Jacob Cahn, aus Mainz stammend, die noch vor dem Kriege nach Palästina auswandern konnte, in Israel lebte. Sie fuhren am 1. Juni 1949 mit der Bahn von Luzern nach Marseille und von dort mit dem Schiff nach Haifa. In Israel lebte sie die ersten Jahre in dem Kibbuz Chafez Chajum im Süden Israels. Dort nahm sie auch den Namen Malka an. Man hatte ihr erklärt, Margot sei ein Name aus der jüdischen Diaspora, den könne sie in Israel nicht behalten. Ihre jüngste Tochter Mirjam berichtete, dass die Mutter zeitlebens diesen Namen gehasst habe. Im Kibbuz lebte sie, weil sie dort halbtags auf den Feldern arbeiten und halbtags studieren konnte. Und sie hatte dort auch eine Aufsichtsfunktion für jüngere Kinder. Wie ihre Tochter Mirjam mitteilte, hat sie die Kibbuz-Zeit überhaupt nicht gemocht, sie wollte immer einen Platz für sich selbst.
David Zariski war auch ihr vom Gericht bestellter Vormund in Israel bis 1953.
Ab 1951 wohnte sie in Petach-Tikvah (unweit Tel Aviv), bis zu ihrem Lebensende.
Am 26. Januar 1954 heiratete sie den gleichaltrigen Menachem Stern, gebürtig aus Frankfurt a.M., der mit Mutter und Schwester 1935 nach Palästina auswanderte, der Vater war schon im Jahr zuvor emigriert. Anfangs wohnten sie sehr beengt bei den Eltern ihres Mannes. Sie bekam vier Kinder: Meir (geboren 1955), Rachel (geboren 1956), Yaakov (geboren 1961) und – als Nachzüglerin – Mirjam (geboren 1972).
Am 10. Juli 1988 starb Margot Malka Altmann Stern an Krebs.
Ihre Erlebnisse – die Deportation nach Gurs, das Leben in den Lagern, ihre Flucht in die Schweiz – und die nach dem Kriege gewonnene Erkenntnis, dass ihre Eltern und die nächsten Verwandten alle umgebracht wurden, weshalb sie ihren kargen Bericht auch überschrieb „ Ich bin ganz allein geblieben“, das alles konnte sie zeitlebens nie verarbeiten, es blieb für sie ein psychisches Trauma. Sie hat auch mit ihren Kindern über diese Zeiten und ihre Erlebnisse kaum gesprochen; auch ihr Bericht wurde erst nach ihrem Tode gefunden.

Jenny Ahrend
Sie wurde am 18. Juli 1892 in Schrimm/Posen geboren. Sie war die sechs Jahre ältere Schwester von Ruth Altmann. Über die Eltern Falk wurde bereits berichtet. Sie kam erst in der zweiten Jahreshälfte 1939 von Frankfurt a.M. zur Familie ihrer Schwester Ruth nach Karlsruhe in die Adlerstraße 35. Über sie, insbesondere über die Zeit in Frankfurt a.M., liegen nur spärliche Informationen vor. Am 17. August 1922 heiratete sie in Frankfurt a.M. den Kaufmann Siegmund Ahrend, geboren am 17. November 1879 in Miltenberg am Main, jüngster von drei Söhnen von Bernhard Ahrend und seiner Frau Berta, geborene Hammel. Bernhard Ahrend war zeitweise Geschäftsführer der in Miltenberg bekannten, noch heute existierenden Vollhardt’schen Druckerei. Siegmund Ahrend betrieb in Frankfurt a.M. einen Handel mit photographischen Bedarfsartikeln, ab Anfang der 30er Jahre betrieb er einen Zigarrengroßhandel. Jenny und Siegmund Ahrend hatten drei Kinder: Bernhard, geboren 28. Mai 1927, Miriam, geboren 28. Mai 1928 und Benjamin, geboren 6. Januar 1930, alle in Frankfurt a.M.. Am 6. September 1938 starb Siegmund Ahrend in Frankfurt a.M.. Es steht zu vermuten, dass der Tod des Ehemannes seine Frau Jenny in eine tiefe Krise stürzte, auch existenziell. Es steht weiterhin zu vermuten, dass die Familie bald danach ihre Wohnung verlor. Was sollte werden? Welche Überlegungen angestellt wurden, welche Möglichkeiten eruiert wurden, alles das wissen wir nicht. Jedenfalls gab sie ihre Kinder irgendwann danach in die Obhut des Israelitischen Waisenhauses in Frankfurt a.M., Röderbergweg 87, eine Entscheidung, die ihr sicherlich äußerst schwer gefallen war, obwohl sie die Kinder dort in guten Händen wusste, da ihre Schwägerin Elli Ahrend, Witwe des am 5. August 1935 verstorbenen Justus Ahrend, Bruder ihres Mannes, dort seit kurzem Leiterin der Mädchenabteilung des Waisenhauses war.
Helga Krohn beschreibt sehr eindrucksvoll in ihrem Aufsatz „Holt sie ‚raus, bevor es zu spät ist“ in: Monica Kingreen (Hrsg) „Nach der Kristallnacht“, Jüdisches Leben und antijüdische Politik in Frankfurt am Main 1938-1945 (Frankfurt a.M. 1999) die Situation in dem Israelitischen Waisenhaus am Röderbergweg und die vielfältigen Bemühungen von Isidor Marx, dem Leiter dieses Waisenhauses, zur Rettung der Kinder nach Frankreich, Holland, Belgien und England. Mit einem der nach Holland führenden Kindertransporte kamen die Ahrend-Kinder nach Amsterdam. Die Jungen lebten im Nederlandse Israelitisch Jongensweeshuis, Jethonien, Amstel 21 in Amsterdam. Die Tochter Miriam lebte zwar ebenfalls in Amsterdam, ob dort auch in einem Waisenhaus oder privat bei einer Familie, ist nicht bekannt. Immerhin gibt es jedoch von ihr vom März 1941 einen in Amsterdam gestellten Antrag auf Ausstellung eines Reisepasses, sie wollte offenbar auswandern, wie, wohin, gegebenenfalls mit wem, das alles liegt im Dunkeln. Ob Jenny Ahrend ihre Kinder in Holland noch besuchen konnte oder sonst wie mit ihnen Kontakt hatte, wir wissen es nicht.
Am 22.Oktober 1940 wird Jenny Ahrend mit all den anderen badischen Juden von Karlsruhe nach Gurs deportiert. Ob sie von dort mit ihren Kindern noch Kontakt hatte, ist ungeklärt, die Spuren sind verweht.
Am 6. August 1942 wurde Jenny Ahrend, zusammen mit vielen anderen Karlsruhern von Gurs in das Durchgangslager Drancy bei Paris verfrachtet und von dort am 10. August 1942 mit Transport Nr. 17 nach Auschwitz deportiert. Der Transport umfasste 1006 Personen, 766 wurden sofort bei Ankunft vergast, 140 Männer und 100 Frauen wurden auf der Rampe selektiert; 1 Person aus diesem Transport überlebte.
Die Kinder Bernhard, Miriam und Benjamin wurden am 5. März 1943 vom Lager Westerbork in Holland nach Sobibor deportiert. Nach allem was über dieses Vernichtungslager bekannt ist, ist davon auszugehen, dass alle Personen des Transportes innerhalb weniger Stunden getötet wurden.
Jenny Ahrends Schwägerin Elli Ahrend wurde – mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit – am 8. Mai 1942 von Frankfurt a.M. in das Ghetto Izbica (Nähe Lublin in Polen) zusammen mit insgesamt 938 Personen deportiert und von dort nach Stunden oder wenigen Tagen in das Vernichtungslager Sobibor geschickt. Es gab keine Überlebenden.


In dieser Biografie wurde von 11 Juden aus Karlsruhe berichtet, die hier gelebt haben oder sogar geboren wurden und die durch die Naziverfolgung umkamen; vier zur weiteren Familie gehörende Personen wurden ebenfalls ermordet. Und wenn wir den Verwandtschaftsradius weiter ziehen, finden wir noch zahlreiche weitere Opfer. Was an Spuren aller dieser Menschen gefunden und aufgezeichnet wurde, ist eher spärlich, insbesondere soweit es die Frauen und die Kinder betrifft. Manche Mutmaßungen wurden deshalb angestellt. Ungezählte Fragen bleiben unbeantwortet: Wie haben sie gelebt? Wer waren die Freunde und Bekannte? Wie haben sie die Jahre der sozialen Ausgrenzung und der Entrechtung erlebt, wie die Deportation, das Leben in den Lagern? Und viele, viele andere Fragen. Und keine Antworten. Die einzige Überlebende, Margot Altmann, war zu klein, um zu verstehen und im Gedächtnis zu behalten, was vor sich ging. Den Opfern soll dieser Bericht eine bleibende Erinnerung geben, sie sollen nicht vergessen werden.

(Wolfgang Strauß, März 2006)



Anmerkungen und Literatur:
Stadtarchiv Karlsruhe 1/AEST 36, 38.1, und 1237; 8/StS 13/322; 8/StS 34/16; 8/StS 34/145, Bl. 182; 1/Schulen 5, Realgymnasium.
Generallandesarchiv Karlsruhe 237/41165; 237/Zug. 1967-19/20; 508/Zug. 1968-23 Nr. 287 und 943; 330/20, 21, 22 und 23; 480/1362, 268985.
Staatsarchiv Ludwigsburg EL 402/13, Nr.373.
Israelitisches Gemeindeblatt Ausgabe B, 26.5.1936.
Der Israelit, 3.3.1930, 10.3.1930, 5.6.1930, 9.6.1930 und 5.6.1934.
Angaben von M. Harel, Hanna Meyer-Moses und Hermann Hirschberger.
Informationen von Stadtarchiv Fürth, Kreisarchiv Konstanz, Institut für Stadtgeschichte Frankfurt a.M., Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Jüdisches Museum Frankfurt a.M., Fritz Bauer Institut Frankfurt a.M., Standesamt Mosbach, Standesamt Gailingen, Volkshochschule Miltenberg, Gedenkstätte KZ Dachau, Yad Vashem Jerusalem.
Christoph Schwarz, Verfolgte Kinder und Jugendliche aus Baden-Württemberg 1933-1945, Konstanz 2007, S. 55ff.
Klarsfeld, Le mémorial des enfants juifs déportés de France, additif N. 3, S.4.
Josef Werner, Hakenkreuz und Judenstern. Das Schicksal der Karlsruher Juden im Dritten Reich, Karlsruhe 1990, S. 314, 410f und 457f.