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Marie Curjel, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Marie Curjel

Nachname: Curjel
geborene: Herrmann
Vorname: Marie
Geburtsdatum: 16. Oktober 1872
Geburtsort: Karlsruhe (Deutschland)
Familienstand: verwitwet
Eltern: Rudolf und Jenni, geb. Stern, H.
Verwandtschaftsverhältnis: Witwe von Robert C. (1859-1925);

Mutter von Gertrud Lüttke, geb. C., und Hans Richard
Adresse: 1897-1940: Riefstahlstr. 4
Redtenbacherstr. 4
Redtenbacherstr. 6
Schule/Ausbildung: Mittelschule
Beruf: Hausfrau
Sterbedatum: 27. April 1940
Sterbeort: Karlsruhe (Deutschland)
Suizid

Biographie

Marie Curjel

Marie Curjel wurde am 16. Oktober 1872 in Karlsruhe als Tochter des jüdischen Karlsruher Kaufmanns Rudolf Herrmann und seiner aus Kreuznach stammenden Ehefrau Jenni, geborene Stern, geboren. Die Lebenswege des älteren Bruders Richard Otto, geboren am 5. September 1870 und des jüngeren Bruders Georg, geboren am 14. April 1876 sind uns unbekannt. Die Familie Herrmann wohnte am Friedrichsplatz 9. Die Kinder wuchsen wohl in begüterten Verhältnissen auf.
Am 27. November 1891 - nach dem Besuch der Mittelschule - heiratete Marie den jüdischen Architekten Robert Curjel. Dieser war Teilhaber in dem von ihm und seinem Freund Karl Moser gegründeten Architekturbüro Curjel & Moser.
Robert Curjel war am 17. Dezember 1859 als Kind der Eheleute Hartwig und Julie, geborene Gutmann, Curjel in St. Gallen geboren. Der Vater war dänischer Herkunft und hatte als Kaufmann großen beruflichen Erfolg in der Schweiz. 1869 zog die Familie nach Karlsruhe, wo Robert Curjel das Realgymnasium (Humboldt-Realgymnasium) besuchte und 1878 seinen Abschluss machte. Nach dem Architektur-Studium am Polytechnikum Karlsruhe (heute Universität) und der TH München gründete er 1888 mit seinem Studienfreund Karl Moser, der ebenfalls aus der Schweiz stammte und nichtjüdischer Herkunft war, in Karlsruhe das Architekturbüro Curjel & Moser. Dieses Architekturbüro erlebte durch die Ideen und Schaffenskraft der beiden einen ungeheuren Aufschwung, zahlreiche Bauwerke vor allem in Karlsruhe und Südwestdeutschland sowie der Schweiz erregten Aufsehen in der Fachwelt und in der Öffentlichkeit. Curjel & Moser gehörten zu den angesehensten Architekten ihrer Zeit. Den üblichen Historismus ihrer Zeit öffneten sie zu Formen der individuellen Kreativität auch durch Aufnahme von Ornamentik und Farben, verstanden es dabei auch traditionelle Formen zu integrieren. Zu ihren Wohnhäusern und Villen, für die sie oft zugleich die avantgardistische Innendekoration entwarfen, sowie Geschäftshäusern, Kirchen- und Institutionsbauten in Karlsruhe zählten bspw. die Christuskirche, die Lutherkirche, der Evangelische Oberkirchenrat, die Stadthalle und das Konzerthaus, das heutige AOK-Gebäude (Gartenstraße 14-16), das Bankhaus Veit Homburger (Karlstraße 11), das Bäckereigebäude des Konsumvereins (Putlitzstraße) oder Adressen wie die Eisenlohrstraße 3-7, Ludwig-Marum-Straße 10, Sophienstraße 107, Jahnstraße 2 oder das Haus der Jüdischen Gemeinde in der Herrenstraße 14 usw. usf. Außerhalb Karlsruhes bedeutend sind u.a. der Badische Bahnhof in Basel oder das Hauptgebäude der Universität Zürich.
Das Ehepaar Curjel hatte zunächst in der Redtenbacherstraße 4 in Karlsruhe gewohnt. Hier kamen 1893 Tochter Gertrud und 1896 Sohn Hans Richard zur Welt. War bei der Heirat 1891 noch „israelitisch“ als Konfession angegeben, so weist das Geburtsregister der Tochter 1893 für ihn „freireligiös“ aus, während Marie Curjel mit jüdischer Konfession angegeben ist. 1896 wiederum sind beide mit jüdischer Religionszugehörigkeit angegeben. Ein Widerspruch? Jedenfalls konvertierte das Ehepaar Curjel 1899 zur protestantischen Konfession und ließ auch die beiden Kinder evangelisch taufen.
1896 wurden die Entwürfe von Curjel & Moser zur Ausführung eines Kirchenbau -Ensembles beim Mühlburger Tor von der Evangelischen Kirchenbauinspektion angenommen. Es entstand die Christus-Kirche samt getrenntem Pfarr- und Gemeindehaus für die durch die Stadterweiterung neu entstandene protestantische Kirchengemeinde der Karlsruher Weststadt.
Während der Bauzeit der Christuskirche erbauten Curjel & Moser neben dem Pfarrhaus auch das Doppelhaus in der Riefstahlstraße 4 und 6, dessen eine Hälfte (Hausnummer 4) von der Familie Curjel und die andere von der Familie Moser bezogen wurde. Die Familien Moser und Curjel verkehrten auch privat freundschaftlich miteinander.
Zahlreiche Aufträge und Auszeichnungen sorgten für große Erfolge des „Baubüreau Curjel & Moser“ in Deutschland und im Ausland. 1907 wurde Robert Curjel durch den Großherzog Friedrich I. das Ritterkreuz erster Klasse des Ordens vom Zähringer Löwen verliehen.
„Die Schaffenskraft auf hohem Niveau war nur möglich durch die reibungslose Zusammenarbeit der beiden Chefs, die sich ideal ergänzten, in Freundschaft verbunden waren, sogar mit ihren Familien in unmittelbarer Nachbarschaft wohnten……..“ (aus: robert curjel & karl moser, ein karlsruher architekturbüro auf dem weg in die moderne, Städtische Galerie Karlsruhe 2011.) Über Marie Curjel wird aus dieser Zeit nichts berichtet, aber man kann sich unschwer vorstellen, dass sie für einen geordneten Ablauf des Haushaltes sorgte, standesgemäße Einladungen organisierte, als Ehefrau auch am öffentlichen Leben teilnahm. Nicht zuletzt war sie wohl für die Kindererziehung zuständig. Sie sorgte offensichtlich auch für eine musische Erziehung der Kinder, wie man an den späteren Interessen der Kinder ablesen kann. Die Erfüllung all dieser Aufgaben hat sicherlich auch zum beruflichen Erfolg des Ehemannes beigetragen.
Als der Partner Karl Moser 1915 einem Ruf an die Eidgenössische Technische Hochschule nach Zürich folgte, wurde das renommierte Büro aufgelöst. Auch infolge des Ersten Weltkriegs, der die private und öffentliche Bautätigkeit weitestgehend zum Erliegen brachte, zog sich Robert Curjel mit 56 Jahren beruflich zurück und lebte vor allem als Privatier. Am 18. August 1925 verstarb Robert Curjel unerwartet während eines Aufenthaltes am Vierwaldstätter See.
Wie sich das Leben der Witwe nun gestaltete, ist nicht bekannt. Sicherlich hielt sie trotz der räumlichen Entfernung engeren Kontakt zu ihrer Tochter Gertrud (siehe Biographie Gertrud Lüttke im Gedenkbuch), die 1918 Dr. phil Georg Walther Lüttke geheiratet hatte. Auch wird sie ihre Freude an den beiden in Köln 1919 und 1923 geborenen Enkeln Wolfgang und Thomas gehabt haben. Auch zu ihrem Sohn Hans Richard, der nach Musikausbildung und kunsthistorischem Studium 1920 promoviert hatte, pflegte sie sicherlich enge Beziehungen. Sicherlich war sie auch stolz auf ihn.
Hans Richard Curjel arbeitete zeitweise als Kapellmeister am Düsseldorfer Schauspielhaus. 1925 bis 1927 war er stellvertretender Direktor an der Karlsruher Kunsthalle und danach führte er an einem Berliner Theater Regie. Eine herausragende Karriere stand ihm bevor, zudem er als Avantgardist galt. Er erlebte als erstes Familienmitglied die fatalen Auswirkungen der nationalsozialistischen Diktatur. Da er in Deutschland nicht mehr länger mit der Kunst arbeiten durfte und trotz nichtjüdischer Erziehung „rassisch“ zum Juden erklärt wurde, emigrierte er in die Schweiz, wo er ab November 1933 an Züricher Bühnen arbeitete und auch nach 1945 dort blieb, gleichwohl er erst 1954 die Schweizer Staatsbürgerschaft erhalten sollte. Bereits 1921 hatte er in Pforzheim Gabriele Fahrner geheiratet und mit ihr zwei Kinder, Luzia und Caspar, 1926 und 1931 geboren.
Offensichtlich besuchte Marie Curjel ihn und seine Familie oft in Zürich. Aus den überlieferten Akten ist nämlich ersichtlich, dass sie 1935 einen Reisepass erhielt, mit dem sie bis 1938 häufig in die Schweiz reiste. Jedes Mal tauschte sie Reiseschecks bis zur Freigrenze von 10,- RM um. Diesen Reisepass musste Frau Curjel im November 1938 abgeben, da die Passgesetze sich für Juden verschärft hatten. Pässe waren nur noch ein Jahr gültig und mussten nach jeder Auslandsreise an das Polizeipräsidium zurückgegeben werden.
1938 folgte die staatliche Ausplünderung von Juden. Auch Marie Curjel erlebte die Wegnahme von Edelmetall und Schmuck. Sie musste nach der Verordnung vom 26. April 1938 Schmuckstücke zum Materialwert - also weit unter dem tatsächlichen Wert - an die staatlichen Stellen abgeben. Durch die Judenvermögensabgabe nach der Reichspogromnacht, wurden ihr weitere Finanzmittel weggenommen, exakt 40.000,- RM, da ihr Gesamtvermögen einschließlich dem Haus auf 160.000,- RM taxiert worden war. Am 12. April 1939 bspw. musste sie wiederum Edelmetallgegenstände abliefern, die zu einem Ankaufspreis von 548,80 RM entgegengenommen wurden. Dabei handelte es sich um Silberbesteck, Brotkörbe, Leuchter, Kannen, Dosen, Untersätze, Münzen und auch Goldschmuck, zum Teil besetzt mit Brillanten.
Im April 1939 beantragte Marie Curjel beim Polizeipräsidium Karlsruhe einen neuen Reisepass. Diese Bitte unterstützte Frau Curjel mit den Hinweisen auf ihre 66 Jahre, auf den Besitz einer Kennkarte und ihren verstorbenen Mann, den Architekten Curjel, Teilhaber des Architekturbüros Curjel und Moser. Dass sie sich nicht unbedingt als Jüdin fühlte, erkennt man an den weiteren Ausführungen. Sie schrieb, dass sie und ihr Mann bereits 1899 in die protestantische Kirche eingetreten und dass beide Kinder getauft worden seien. Kurz verwies sie nun darauf, dass ihre Tochter Gertrud, nun geschieden, in Paris lebe, Hans in der Schweiz eine Anstellung habe und ihr ältester Enkel Wolfgang Lüttke - nach dem Arbeitsdienst - im Militär diene. Ihr Brief schloss mit folgenden Worten: „Für eine günstige Erledigung meiner Angelegenheit wäre ich herzlich dankbar.“
Dieses Schreiben durchlief nun mehrere Behörden, der übliche Vorgang, bei dem es nicht darum ging, Juden von der Ausreise abzuhalten, im Gegenteil, das Regime wollte sie loswerden, sondern nur geprüft wurde, ob eventuell noch Forderungen gegen sie vorlagen.
Die Gestapo stellte am 19. April 1939 die Erteilung eines kurzfristigen Auslandsreisepasses in das Ermessen des Passamtes, da „die Jüdin Maria Sara Curjel [...] hier ohne Vorgänge“ sei. Von Seiten der AOK bestanden gemäß Auskunft vom 4. Mai 1939 keine Einwände. Auch der Oberfinanzpräsident Baden erklärte am 15. Juni 1939, dass devisenrechtlich keine Bedenken bestünden. Das war besonders wichtig, weil von der Oberfinanzdirektion die Ratenzahlungen der Judenvermögensabgabe überprüft und vorhandene Wertpapiere wegen der Reichsfluchtsteuer gesperrt wurden.
Am 26. Februar 1940 ließ Marie Curjel über den befreundeten Rechtsanwalt Anders und die Auswandererberatungsstelle dem Polizeipräsidium bestätigen, dass sie um die Erlaubnis zur Auswanderung zu ihrem Sohn Hans Curjel in der Schweiz nachsuchte. Dazu müsse der Reisepass dem Schweizer Konsulat in Mannheim vorgelegt werden.
Wieder werden von den beteiligten Stellen keine Bedenken gegen eine vorübergehende Aushändigung des Reisepasses an Marie Sara Curjel erhoben. Dieser Pass solle allerdings „nach der erfolgten Visierung unmittelbar….“ zurückgegeben werden.
Mit Schreiben vom 2. März 1940 teilte die Zollfahndung Karlsruhe dem Polizeipräsidium mit, dass gegen Marie Curjel ein Verfahren anhängig sei, und „Bis zum Eintreffen meiner Unbedenklichkeitsbescheinigung bitte ich von der Aushändigung eines Reisepasses Abstand zu nehmen.“ Reise- und Auswanderungspläne waren damit vorerst nicht zu verwirklichen. Tatsächlich verurteilte das Amtsgericht Karlsruhe am 26. März 1940 Marie Curjel zu einem Strafbefehl über 500,- RM plus 80,- RM Verfahrenskosten oder 25 Tage Gefängnis. Zur Last gelegt wurde ihr die Nichtangabe von Schmuckstücken in der Schweiz, zahlreiche Broschen, Ringe, Perlen, die insgesamt auf 1.100,- RM Wert taxiert wurden. Die genaueren Umstände dieses Vorfalles lassen sich heute nicht mehr ermitteln.
Die Pass-Akte schließt mit den dürftigen Worten: „Fr. M. Curjel ist am 27.4.40 gestorben“.
Etwa vier Wochen nach Erhalt dieses Strafbefehls scheint Marie Curjel jede Hoffnung auf Auswanderung verloren zu haben. Sie wird geahnt haben, was ihr bevorstehen könnte und wählte am 27. April die Flucht in den Tod.
Diese Verzweiflungstat muss dem unmenschlichen NS-Regime angelastet werden.

(Maria Welsch und Ursula Passani, April 2012)