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Gertrud Lüttke 1928, Gemälde von Anton Räderscheidt (Foto: privat, © Anton Räderscheidt VG Bild-Kunst Bonn)

Personendaten

Gertrud Lüttke

Nachname: Lüttke
geborene: Curjel
Vorname: Gertrud
Geburtsdatum: 3. Mai 1893
Geburtsort: Karlsruhe (Deutschland)
Familienstand: geschieden
Eltern: Robert und Marie Curjel
Verwandtschaftsverhältnis: geschiedene Ehefrau von Dr. Georg Walter L.;

Mutter von Wolfgang und Thomas;

Schwester von Dr. Hans Curjel
Adresse: Riefstahlstr. 4
Beruf:
Emigration: 1937 nach Frankreich (Frankreich)
Deportation: 8.1.1943 von Mérignac, Frankreich nach Drancy und am 11.2.1943 nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Zum Gedenken an Gertrud Lüttke, geborene Curjel

Über Gertrud Lüttke, geborene Curjel, liegen in Karlsruhe kaum amtliche Unterlagen und erst recht keine persönlichen Dokumente vor. Das Wenige, was über sie herauszufinden war, fassen wir so zusammen:

Gertrud Lüttke wurde am 9. Mai 1893 als erstes Kind des jüdischen Ehepaares Robert und Marie Curjel, geborene Herrmann in Karlsruhe geboren und bald danach im evangelischen Glauben getauft. Ihr 1896 geborener Bruder Hans Richard, ein vielseitig begabter und später sehr bekannter Kunstschaffender, wuchs gleichfalls evangelisch auf. Ihre Eltern hatten sich von der jüdischen Religion entfernt und waren 1899 auch zum Protestantismus konvertiert.

Der Vater war Robert Curjel (1859-1925), der weit bekannte Architekt und Teilhaber des renommierten Architekturbüros Curjel & Moser. Die Mutter Marie Curjel, eine Kaufmannstochter, hatte nach der Mittelschule mit gerade einmal 19 Jahren geheiratet. Sie hatte nun für eine Familie zu sorgen und ebenso für die Repräsentanz eines gutbürgerlichen Haushaltes (siehe die Biografie zum Gedenken an Marie Curjel).

Eine ähnliche schulische Laufbahn und die Vorbereitung einer höheren Tochter auf die Ehe und Haushaltsführung waren wohl auch für Gertrud vorgesehen. So steht in der Heiratsurkunde „ohne Beruf“.
Gertrud Curjel heiratete kurz nach dem Ende des ersten Weltkrieges am 14. Dezember 1918 in Karlsruhe Dr. Georg Walther Lüttke. Zum Zeitpunkt der Eheschließung war dieser stellvertretender Syndikus der Handelskammer in Essen. In dieser Eigenschaft hatte er 1919 die programmatische Schrift „Die Vernichtung unseres Wirtschaftslebens durch die Sozialisierung“ verfasst. Lüttke war am 3. April 1884 in Dresden als Sohn des Oberpostdirektionssekretärs Ludwig Lüttke und seiner Ehefrau Johanna geboren. Georg W. Lüttke hatte 1907 in Leipzig promoviert über „Die politischen Anschauungen des Generals und des Präsidenten von Gerlach.“ Leopold von Gerlach (1790-1861) war einer der Begründer der Konservativen Partei in Preußen.

Das Ehepaar wohnte in Köln, wo auch 1919 und 1923 die Söhne Wolfgang und Thomas geboren wurden. 1923 zog die Familie nach Berlin. Dr. Lüttke war jetzt der Schriftleiter der Zeitschrift „Metallwirtschaft, Wochenschrift für das gesamte Interessengebiet der Nichteisenmetalle“ und Vorsitzender der „Metallgesellschaft“, einer Lobby für die vor allem an der Ruhr sitzenden Schwerindustrie. Diese Tätigkeit sicherte ein weit überdurchschnittliches Einkommen.

Dr. Lüttke und Gertrud Lüttke waren beide kunstsinnige Menschen. Gertrud dürfte dazu viele Anregungen im Elternhaus empfangen haben und wusste sich deshalb in der Kunstszene zu bewegen. In ihrer großzügigen Wohnung in der Rückertstr. 10 in Berlin-Steglitz gab das Ehepaar zahlreiche Feste. Zu ihren Freunden gehörten avantgardistische Künstlerinnen und Künstler wie der Maler Anton Rädterscheidt und seine Frau Marta, der Maler Franz Wilhelm Seiwert, der Designer Marcel Breuer, die Fotografin Lucia Moholy-Nagy und viele andere.
Vielleicht waren die Lüttkes auch Mäzene, in ihrem Besitz befanden sich etliche Gemälde.
Mit dem Kölner Ehepaar Rädterscheidt verbanden sie bis zu deren Emigration 1933 eine engere Freundschaft. 1923 hatte Anton Rädterscheidt Dr. Lüttke und 1928 Gertrud Lüttke im Stil der Neuen Sachlichkeit porträtiert. 1933 malte Rädterscheidt Gertrud Lüttke erneut. Im Vergleich zum fünf Jahre vorher entstandenen Porträt, das die 35-Jährige als tatkräftige Frau, die Blickrichtung der wachen Augen ist nach außen gerichtet, zeigt, wirkt sie auf dem Gemälde von 1933 gealtert, zerbrechlich und traurig, der Blick ist nach innen gerichtet. Vielleicht hängt es mit dem persönlichen Schicksal zusammen. Die Ehe der Lüttkes war am 10. August 1933 geschieden worden. Die Hintergründe sind nicht klar, vermutlich waren es sehr persönliche Gründe. Die beiden Söhne wurden im Scheidungsurteil Dr. Georg Walther Lüttke zugesprochen. Dieser gründete in den 1930er Jahren den „Dr. Georg Lüttke Verlag“ in dem er hauptsächlich philosophische Schriften verlegte, auch während des Krieges bis 1943 und nach 1945 bis in die 1960er Jahre zahlreiche wertkonservative Streitschriften.
Für die Zeit nach der Scheidung gibt es kaum Informationen über Gertrud Lüttke. Sie kam zurück nach Karlsruhe und wohnte bei ihrer Mutter in der Riefstahlstraße 4. Für sie als geschiedene Frau war es sicherlich keine leichte Situation.

1937 emigrierte sie alleine nach Frankreich, Paris. Die näheren Umstände sind nicht bekannt. Zuvor lagerte sie ihre „ Habseligkeiten“ bei Freunden ein. Vielleicht hatte sie da noch die Hoffnung zurückkehren zu können?

In Paris soll sie sich als Physiotherapeutin durchgeschlagen haben. Ob sie dazu eine Ausbildung oder einen Lehrgang nach der Scheidung absolviert hatte ist unbekannt. Möglich wäre auch, dass sie sich bereits nach Abschluss der Schule dazu qualifiziert hatte. Für junge Frauen ihrer Generation war es schon üblich, einen Beruf zu erlernen, der jedoch nicht ausgeübt wurde oder spätestens mit der Heirat aufgegeben wurde.

Offensichtlich lebte sie nach der Niederlage Frankreichs gegen Nazi-Deutschland im besetzten Teil Frankreichs. Die Deportationen seit dem Sommer 1942 hatten sie zunächst nicht betroffen. Aber am 8. Januar 1943 wurde auch sie verhaftet und in das Lager Mérignac in der Gironde gebracht, von wo sie nach dem Transitlager Drancy überstellt und am 11. Februar 1943 in das Vernichtungslager Auschwitz kam. Von den 998 Deportierten dieses Transportes wurden bei der Ankunft in Auschwitz unmittelbar 802 Menschen in der Gaskammer ermordet. Von den 53 zur Zwangsarbeit selektierten Frauen überlebte nur eine Einzige 1945. Gertrud Lüttke wurde 49-jährig vermutlich sofort vergast.

(Maria Welsch und Ursula Passani, März 2012)

Einige Informationen zu der Verbindung mit Künstlern entnahmen wir der Internetseite www.raederscheidt.com/Georg_Luttke.html