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Julius Cronheim, unmittelbar nach Haft im KZ Dachau, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Julius Cronheim

Nachname: Cronheim
Vorname: Julius
Geburtsdatum: 15. Februar 1882
Geburtsort: Sadke (Deutschland, heute Polen)
Familienstand: verheiratet
Eltern: Louis und Rosa, geb. Lesser, C.
Verwandtschaftsverhältnis: Ehemann von Gertud Betty C.;

Vater von Wolfgang Ludwig und Ruth
Adresse: 1933-1939: Vorholzstr. 7
1940: Haydnplatz 6
1940: Kriegsstr. 67
1940: Kriegsstr. 88
Schule/Ausbildung: Humanistisches Gymnasium, Primareife
Beruf: Kaufmann (Vorstandsmitglied der Spinnerei Ettlingen, 1929-1934)
Kaufmann (GewerbevertriebsGmbH, 1934-1938)
Deportation: 10.11.1938 nach Dachau (Deutschland)
22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
1.4.1941 nach Les Milles (Frankreich)
14.8.1942 von Drancy nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Im Gedenken an die Familie Cronheim -
Julius und Gertrud Betty Cronheim und die Kinder Ruth und Wolfgang Ludwig

Julius Cronheim wurde am 15. Februar 1882 in Sadke geboren, als Sohn von Louis und Rosa Cronheim, geborene Lesser. Sadke, ein Ort in der Nähe von Nakel, lag in der ehemaligen preußischen Provinz Posen des Deutschen Kaiserreiches und gehört heute zu Polen.

In Posen besuchte Julius Cronheim das humanistische Gymnasium, wo er mit der so genannten Primareife, d.h. Abitur, abschloss. So hatte er sich auch Kenntnisse in Englisch und Französisch erworben, die ihm später wohl nützlich werden sollten. Nach dem Schulabschluss verließ er Posen in Richtung der aufstrebenden Niederrheinregion, die wie das Ruhrgebiet ebenfalls zu Preußen gehörte.

Welche Gründe mögen Julius Cronheim bewogen haben, dort hinzuziehen? Vielleicht sah er für seine Ausbildung zum Textilkaufmann bessere Möglichkeiten? Nach Sadke wurde seine zweite Station Mönchengladbach. Weitere Stationen auf seinem beruflichen und sehr erfolgreichen Lebensweg sollten Ebersbach, Ettlingen und Karlsruhe werden.
Sein späterer beruflicher Erfolg spiegelt auch seine Mitgliedschaften in verschiedenen Vereinigungen, denen er während seiner Zeit in Karlsruhe beitrat, wider.
Er war Mitglied der Carl-Friedrich-Loge (B’nai B’Brith-Loge),
im Israelitischen Brennmaterialien-Unterstützungsverein,
im Vorstand des Israelitischen Frauenvereins,
im Jüdischen Kindergartenverein (orthodox) und
im Verein Friedrichsheim Gailingen.

Nun zu seinem beruflichen Werdegang:
Im Jahr 1900 wurde Julius Cronheim zum ersten Mal im Adressbuch der Stadt Mönchengladbach vermerkt. Er wohnte in der Krefelderstraße 172, der heutigen Hindenburgstraße. 1900 war er noch Lehrling für die Ausbildung zum Textilkaufmann, 1902 bezeichnet ihn das Adressbuch als Handlungslehrling, eventuell in der Baumwollspinnerei und Weberei Moritz Steinberg, 1905 als Handlungsgehilfen.
Dann ging es steil aufwärts. 1907 war er bereits zum Prokuristen der Großhandelsfirma S. Weyl avanciert, seit 1921/22 war er Prokurist der Webstoff-AG und Geschäftsführer der Herstellungsgesellschaft für Arbeiterwäsche, zuletzt in den Jahren 1925/26 Direktor, wohnhaft Vitusstraße 48.
In der Dokumentation „Geschichte der Juden in Mönchengladbach“ von Günter Erckens findet sich sein Name auch in der Liste der Mitglieder der Walter-Rathenau-Loge von 1925/26: „Cronheim, Julius, Direktor, Fa. Webstoff-A.G., Großhandelsfirma G. Hansahaus (G=Geschäft), F.220 (F=Fernsprecher), P. Parkstr.22 (P=Privat), F.598 (F=Fernsprecher).“

Teilnahme am Ersten Weltkrieg
Seine Arbeit als Prokurist ruhte für etwa dreieinhalb Jahre, da er als junger Mann am Ersten Weltkrieg teilnahm. Vom 25. März 1915 bis 24. November 1918 wurde er als Soldat eingezogen und diente beim Arm. Batallion 44. Über seinen Kriegseinsatz ließ sich nichts feststellen, allein dass er zuletzt den Rang eines Unteroffiziers innehatte, ist gesichert.

Eheschließung und Familie
Zwei Jahre nach Kriegsende heiratete er am 9. September 1920 in Breslau die um 15 Jahre jüngere Gertrud Betty geborene Kretschmer, die ebenfalls aus einem jüdischen Elternhaus stammte. Geboren wurde sie am 17. Januar 1897 als Tochter des Zahnarztes Gustav Kretschmer und seiner Frau Selma geborene Scheinmann, in Essen. Später verzog die Familie nach Breslau. Die Eltern hatten sie auf das Realgymnasium geschickt, wo sie die Primareife erlangte. Anschließend machte sie die Ausbildung zur Bibliothekarin und arbeitete bis zur Heirat in diesem Beruf. Gertrud Betty Cronheim war in Karlsruhe Mitglied im Israelitischen Frauenverein.
Auf welchen Wegen sich Julius und Gertrud Betty kennen gelernt haben könnten, darüber geben die Akten keinerlei Auskunft. Zumindest kann man sagen, dass beide innerhalb ihrer Religionszugehörigkeit geheiratet haben.

Die Cronheims hatten zwei Kinder. Sie wurden beide in Mönchengladbach geboren. Eine Tochter namens Ruth, geboren am 9. Juli 1921 und der Sohn Wolfgang Ludwig, der am 11. Februar 1923 auf die Welt kam.
Wenigstens eine Zeitlang lebte in Mönchengladbach noch ein drittes Kind bei ihnen, namens Eva und einem nicht auf Cronheim lautenden Nachnamen, vermutlich eine Pflegetochter. Ihr Geburtsdatum war der 20. August 1917, der Geburtsort Schrimm bei Posen. Zu welchem Zeitpunkt sie Familienmitglied wurde ist leider unbekannt. Ebenso die Gründe, weshalb die Eltern sich entschieden, noch ein drittes Kind als Familienmitglied aufzunehmen. War es Zuwendung, Hilfe, waren sie miteinander verwandtschaftlich verbunden? Zu Evas Schulbesuch und Leben ließen sich keinerlei Daten finden.

Umzug nach Ebersbach
1926 tritt Julius Cronheim als Direktor in den Vorstand der Schwäbischen Textilwerke AG, Baumwollspinnereien und -webereien, im württembergischen Ebersbach an der Fils ein. Das kleine Städtchen mit rund 6.000 Einwohnern war eines der Textilindustriezentren in Württemberg. Im Standardnachschlagewerk „Deutscher Wirtschaftsführer“ von Georg Wenzel von 1929 findet sich zusätzlich noch der Eintrag zu seinen Sprachkenntnissen in Englisch und Französisch.
Einem Schreiben der Firma zufolge berief das Werk Julius Cronheim aus Mönchengladbach zum neuen Vorstand. Im Geschäftsbericht von 1927 erscheint er schon als in Ebersbach wohnhaft.

Die Jahre in Ettlingen
1932 wurde Julius Cronheim als Direktor der Gesellschaft für Spinnerei & Weberei in Ettlingen im Albtal berufen. Er teilte sich die Aufgabe mit seinem Vorstandskollegen Albert Hodenberg, der ebenfalls Jude war.
Die Familie Cronheim zog nach Ettlingen und wohnte in der von der Gesellschaft für Spinnerei & Weberei zur Verfügung gestellten Direktionsvilla in der Pforzheimer Straße.

Zum Leben der Familie Cronheim besitzt Wolfgang Lorch, ein ehemaliger Ettlinger Schulleiter und bekannter Verfasser vieler Beiträge zur Stadtgeschichte Ettlingens, aus seiner Sammlung von Aussagen von Ettlinger Zeitzeugen zu Geschehnissen im Dritten Reich folgende Zitate:
Herr Willi Becker, geboren 1921, sagte aus:
„Juden in der Spinnerei? Ja, da waren in meiner Erinnerung die Direktoren Liebmann, Hodenberg und Cronheim. [...]Von den Cronheims hab’ ich die Kinder gekannt. Es waren die Ruth, ein hübsches Mädchen, das früh verstorben ist [1938], und der Sohn Wolfgang. Diese Kinder wurden mit dem Auto zur Schule in die Stadt gefahren. Sie hatten also in der Regel keine Fahrkarten für das Zügle. War nun die Schule früher aus, wollte Wolfgang auch gern mit dem ‚Zügle’ heim, hatte aber keine Fahrkarte. Da schlüpfte er einfach bei uns unter die Bank im Zug, wo wir saßen und lag zwischen unseren Füßen. Der Kontrollschaffner hat ihn damit nicht erwischt.“
Hilda Rau, geboren 1928 erzählte:
„[...] der Julius Cronheim [...] wohnte mit seiner Familie in der untersten Villa in Richtung Ettlingen-Stadt beim Bahnübergang. Ich kann mich noch erinnern, dass ich die Wochenfahrkarte für’s Bähnle von der Tochter Ruth gefunden hab’ und bei der Villa abgegeben hab’. Das waren nette Leut’, die Cronheims.“
Herr Lorch selbst teilte über die Beziehungen seiner Familie zur Familie Cronheim mit:
„Meine Mutter Eleonore Lorch, geborene Hotz, (1917 geboren) war öfters bei Cronheims in der Direktionsvilla der Spinnerei. Es sei eine aufgeschlossene, freundliche, tolerante Familie gewesen. Die Cronheims hatten öfters einen ‚Pflegesohn’ oder Verwandten aus Berlin in der Spinnerei zu Besuch. Mit ihm hatte meine Mutter eine Liaison. Er hieß Ludwig Blumenthal und war 1933 nach Australien ausgewandert. Er wollte meine Mutter, das ‚Hotze Lorle’, die damals 16 Jahre alt war, mitnehmen, was aber ihre Eltern verweigerten.
Getroffen habe die Familie Cronheim der Tod der Tochter Ruth (Trudchen), geboren 1921. Sie starb an einer Blinddarmentzündung. Der Sohn Wolfgang sei ein hübsches Kind gewesen (geboren 1923). Angeblich wurde ich mit meinem Vornamen Wolfgang nach diesem Kind benannt [...].“

Die Kinder besuchten die höhere Schule in Karlsruhe. Wolfgang Ludwig das Goethe-Realgymnasium ab dem 2. Mai 1933, das er am 10. Dezember 1937 in der 8. Klasse verlassen musste, weil er Jude war. Da war die Familie bereits nach Karlsruhe umgezogen. Ruth ging auf die Fichte-Mädchenoberschule (heute Fichte-Gymnasium). Im Buch „Hakenkreuz und Judenstern“ von Josef Werner auf S. 107 findet sich ein Klassenbild der Untersekunda des Fichtegymnasiums des Jahres 1937, auf dem auch vier jüdische Schülerinnen mitabgebildet sind, u.a. Ruth Cronheim. Als Bildunterschrift heißt es, dass ihnen in der Folgezeit die Auswanderung gelungen sein soll. Vermutlich handelt es sich bei Ruth hier um ein Versehen, denn nach Aussage ihres Bruders Wolfgang Ludwig sei sie bereits 1938 in Berlin verstorben. Eventuell war Ruth nach Berlin gegangen, um eine Qualifikation in einer der zahlreichen jüdischen Einrichtungen zu erwerben, die ihre Zukunft in diesen unsicheren Zeiten absichern sollte.

Entlassung aus der Spinnerei und Weberei Ettlingen und Umzug nach Karlsruhe
Auch in Ettlingen vollzog sich mit der Machtergreifung ab 1933 ein Wandel. Gewalttätige Ausschreitungen unterblieben, doch die Diskriminierung und Entrechtung der Juden begann auch dort, „unspektakulär aber effizient, von niemandem kritisiert, ja, von den meisten wohl gar nicht registriert“, wie Cornelia Rauh-Kühne, die intensiv die Ettlinger Stadtgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts erforscht hat, in der Reihe „Ettlinger Hefte“, Nummer 23 vom Mai 1989 schreibt.

Aus der Auswertung der Chronik zum 100-jährigen Firmenjubiläum der Ettlinger Spinnerei und Weberei 1936 (Ludwig Schmieder: Chronik der Gesellschaft für Spinnerei und Weberei Ettlingen, Ein Beitrag zur Wirtschaftsgeschichte des Albtales und zur Geschichte der badischen Textilindustrie 1836-1936. Karlsruhe 1936) lassen sich Informationen zur Entlassung von Julius Cronheim entnehmen. Weitere Informationen zu den Umständen seiner Entlassung unter Beteiligung der Deutschen Bank als Mehrheitseigentümerin ergeben sich als Nebenfund anlässlich der historischen Untersuchung zur konkurrierenden Dresdner Bank (Klaus-Dietmar Henke, Hrsg.: Die Dresdner Bank im Dritten Reich. München 2006, S. 220f). Schon am 31. Dezember 1934, fast ein Jahr nach der so genannten Machtergreifung, musste Julius Cronheim - und kurz darauf nach ihm sein Kollege Albert Hodenberg - seine leitende Stellung in der Spinnerei aufgeben. Aufgrund seiner jüdischen Abstammung hielt man ihn in der Firma nicht mehr für haltbar. Er verlor Gehalt und Wohnung in Ettlingen und war gezwungen, wieder einen Wohnungswechsel vorzunehmen.
Die Spinnerei und Weberei in Ettlingen war eine der ersten großen Textilfabriken in Deutschland nach dem Muster ähnlicher Unternehmen in England und Frankreich gewesen und schrieb Industriegeschichte. Zwei Jahre nach dem Beitritt Badens zum Zollverein in Deutschland wurde sie 1836 als Aktiengesellschaft gegründet. Sie gehörte neben der Zuckerfabrik in Waghäusel und der Kesslerschen Lokomotivenfabrik in Karlsruhe zu den drei Pionierindustrieunternehmungen in Baden. Ohne staatliche Unterstützung wären alle drei Unternehmungen in einer großen Finanzkrise wegen Zusammenbruchs zweier Banken, darunter das jüdische Bankhaus Haber in Karlsruhe, 1847/48 bankrott gegangen. Zu diesem Zeitpunkt waren etwa 1.600 Arbeiter in dieser Fabrik beschäftigt, fast gleichviel wie um die Jahrhundertwende, obwohl die Fabrik ständig erneuert und vergrößert wurde. Der Erste Weltkrieg bedeutete mangels Rohstoffen durch die Blockade Englands einen schweren Rückgang der Produktion. Die schwierige wirtschaftliche Situation hielt nach 1918 an. Ein großer Teil des Aktienkapitals der Gesellschaft für Spinnerei und Weberei AG ging 1920 an die Blumenstein-Konzerngruppe über, einem Zusammenschluss mehrerer Textilunternehmen um den jüdischen Unternehmer Julius Blumenstein. Diese Konstellation überlebte die Wirtschaftskrise nicht. 1931 übernahm ein Bankenkonsortium unter Führung der Deutschen Bank die Blumensteinaktien und damit die Mehrheit in der Gesellschaft. Verbunden war diese Wirtschaftstransaktion mit einem Wechsel im Unternehmensvorstand und im Aufsichtsrat. Die beiden bislang wirkenden Direktoren waren 1930 durch Julius Cronheim und Albert Hodenberg ersetzt worden. In der Arbeitsteilung war Hodenberg für die Leitung des Verkaufs zuständig, Cronheim für unternehmerische Geschäftsführung; für die Technik gab es einen Technischen Leiter unterhalb der Vorstandsebene. Julius Cronheim und sein Vize hatten die Führung der Geschäfte zu einem Zeitpunkt einer großen Krise des Unternehmens übernommen. Ihnen gelang offensichtlich das eigenständige Überleben der Firma zu sichern, trotz einer nach wie vor defizitären Bilanz auch 1933. Da die Wirtschaftskrise absehbar 1932/33 überwunden war, waren für die kommenden Jahre wieder schwarze Zahlen zu erwarten. Dies erlebte Julius Cronheim selbst nicht mehr. Die Deutsche Bank, die in der Krise zuvor staatliche Gelder zur Sanierung des Betriebes entgegengenommen hatte, zeigte sich gegenüber der antisemitischen nationalsozialistischen Politik willfährig und entließ zunächst Julius Cronheim. Albert Hodenberg, der zunächst wegen einer großen Zahl jüdischer Kunden noch gehalten werden sollte, musste das Werk aufgrund einer Kampagne des nationalsozialistisch eingestellten Technischen Leiters ebenfalls verlassen.“
In der Chronik von Ludwig Schmieder zum 100-jährigen Firmenjubiläum 1936 wird auf die erzwungene Ausscheidung von Cronheim und Hodenberg und die Einstellung zweier neuer „arischer“ Direktoren in zwei Sätzen eingegangen: „Im Herbst 1933 trat Direktor Wilhelm Kleinecke in den Vorstand an Stelle von J. Cronheim, der im Frühjahr 1934 ausschied. Ein weiterer Wechsel ergab sich durch das Ausscheiden des Direktors A. Hodenberg, für den Direktor Konrad Wagner in den Vorstand übernommen wurde.

Rückblickend gab die Gesellschaft für Spinnerei & Weberei im Rahmen des „Wiedergutmachungsverfahrens“ zu Julius Cronheim am 26. April 1961 folgende Erklärung ab:
„[...]dass Herr Julius Cronheim nach unseren Ermittlungen in der Zeit von Ende 1929 bis Ende 1934 im Vorstand unserer Gesellschaft tätig war. Für das Jahr 1935 können wir – wahrscheinlich infolge der Besetzung unserer Gesellschaft durch fremde Truppen – keine Unterlagen finden. Das monatliche Gehalt von Herrn Cronheim hat im Jahre 1934 1.530 Mark betragen. Ausserdem erhielt Herr Cronheim eine Aufwandsentschädigung von monatlich 200 Mark. Ihm wurde eine freie Wohnung zur Verfügung gestellt, die mit 150 Mark versteuert wurde.
Ob Herr Cronheim wegen seiner jüdischen Abstammung oder wegen einer anderen Majorität bei den Gesellschaftern die Stellung aufgeben musste, ist uns nicht bekannt. Wir können auch leider keine Angaben darüber machen, welche Tätigkeit Herr Julius Cronheim nach dem Ausscheiden aus der Gesellschaft übernommen hat. Nach mündlichen Angaben älterer Angestellter soll er damals von Ettlingen nach Karlsruhe verzogen sein und eine selbständige Tätigkeit ausgeübt haben.
Hochachtungsvoll
Gesellschaft für Spinnerei & Weberei [...]“

Auf meine Nachfrage bei der Spinnerei und Weberei, ob es noch Unterlagen zu Herrn Dr. Cronheim gebe, lautete die Antwort von Herrn Direktor Heidlinger, alle Akten seien 2004 bei einem Brand in der Gesellschaft für Spinnerei & Weberei vernichtet worden.
In einem Zeitungsbericht in den BNN vom 3. August 2005 versieht Mannfred Hennhöfer vom Generallandesarchiv Karlsruhe seinen Artikel über Julius Cronheim mit der Überschrift: „Bis heute fehlt an ehemaliger Wirkungsstätte Erinnerungstafel“. Bis zum heutigen Tag ist nichts dergleichen geschehen. Man will die Vergangenheit tunlichst ruhen lassen.

Die Zeit in Karlsruhe
Die Entlassung bedeutete für die Familie Cronheim einen erneuten Umzug nach nur zwei Jahren in Ettlingen. Sie verließ die Kleinstadt wohl schweren Herzens und suchte in Karlsruhe ein neues Zuhause. Noch zog sie 1933 in die Vorholzstraße 7.

Julius Cronheim zog eine eigene Firma auf, in der Sparte, die er wie seine Westentasche kannte. Er fungierte als Geschäftsführer der Firma Gewebe-Vertriebs-GmbH in Karlsruhe. Diese Firma hatte dieselbe Adresse wie die Wohnung der Cronheims, d.h., Julius Cronheim lenkte diese Firma vom heimischen Schreibtisch und mit seinen Kontakten, die er aus seiner langen beruflichen Laufbahn geknüpft hatte. Trotz seiner Entlassung stand er mit seinem neu gegründeten Handelsunternehmen nach wie vor in enger Verbindung mit der Gesellschaft für Spinnerei & Weberei. Weiter tätigte die Firma kleinere Importgeschäfte aus der Schweiz. Auch bemühte er sich um den Ausbau seiner Geschäftsbeziehungen nach Griechenland, Lettland, England und Schweden. Zum Reisen benötigte er einen Reisepass, der Juden nach den Nürnberger Rassegesetzen 1935 nicht mehr so leicht und vor allem nicht auf die gewohnten fünf Jahre ausgestellt wurde, denn nun galten sie zwar als „Staatsbürger“, doch dies bedeutete - anders als wir es heute unter dieser Bezeichnung verstehen - einen minderen Rechtsstatus gegenüber dem „arischen“ deutschen Reichsbürger. Immerhin erhielt Julius Cronheim auch 1937 noch einen Reisepass für seine geschäftlichen Auslandsreisen.

Am 12. Dezember 1937 erhielt der aus der Schule gewiesene Sohn Wolfgang Ludwig lediglich ein Abgangszeugnis vom Goethe-Realgymnasium und suchte nun eine Lehrstelle. Er wollte sich zum Koch ausbilden lassen. Ob dies bereits unter dem Gesichtspunkt geschah, einen handwerklichen Beruf zu erlernen, um nach der Auswanderung über eine nachgefragte Qualifikation zu verfügen?
Neben den Diskriminierungen und Repressalien, unter denen alle jüdischen Mitbürger zu leiden hatten, mussten die Cronheims einen sehr schweren Schicksalsschlag hinnehmen, den Tod von Ruth, die nach Aussagen von Bruder Wolfgang am 3. oder 6. Januar 1938 in Berlin an einer Blinddarmentzündung verstarb. Sie ist nicht einmal ganze 17 Jahre alt geworden.

Am 10. November 1938, im unmittelbaren Anschluss an die Reichspogromnacht, widerfuhr Julius Cronheim dasselbe Schicksal wie auch anderen jüdischen Bürgern. Er wurde verhaftet und nach Dachau gebracht. Wie es ihm dort erging, dazu gibt es keinerlei Hinweise in den Unterlagen. Nach einem Besuch in der heutigen Gedenkstätte Dachau kann man nur Mutmaßungen anstellen.

Nach dieser Schreckenszeit – wohl kaum zurückgekehrt – musste Julius Cronheim erleben, dass sein Unternehmen geschlossen wurde. Am 1. Dezember 1938 wurde die in Karlsruhe gegründete Fa. Julius Cronheim „arisiert“ – gemäß der „Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben“ vom 12. November 1938.

1939 gelang es Sohn Wolfgang nach England zu emigrieren und bis 1942 als Kochlehrling zu arbeiten. Er nannte sich nun Lewis Wilfred Cronshaw. Zumindest ihn wussten die Eltern in Sicherheit und bemühten sich ebenfalls darum, das Land zu verlassen. Nach seiner Rückkehr aus Dachau ahnte Julius Cronheim, was auf die Familie zukommen könnte.
Denn nach seiner Freilassung stellte er einen Antrag für einen neuen Reisepass, um in die USA ausreisen zu können. Die Aussichten muss er für gut befunden haben, denn im April 1939 gab die Familie den Auftrag, zwei Lifts - das sind große Holzkisten mit den verpackten Hausgegenständen, Vorläufer der heutigen Container - nach Rotterdam mit dem Zielhafen Sydney zu versenden. War demnach die Ausreise über Australien als Zwischenstation gedacht? Und eine Kiste sollte zu seinem inzwischen in Manchester in England lebenden Sohn geschickt werden. Zur Ausreise der Eltern Cronheim kam es nicht mehr. Inzwischen wohnten sie am Haydnplatz 6, dann Kriegsstraße 67 und zuletzt in der Kriegsstraße 88. Die letzten drei Adressen sind so genannte Judenhäuser, da seit Frühjahr 1939 in einer weiteren Verordnung zu den Nürnberger Rassegesetzen jüdische Mieter nicht mehr in „arischen“ Häusern leben durften. Hinter der Anschrift Kriegsstraße 88 verbirgt sich das einst florierende und stets aufgrund seiner musikalischen und gastronomischen Programme bekannte jüdische Hotel „Nassauer Hof“. Zu jener Zeit war er nur noch Adresse für diejenigen, die Deutschland verlassen wollten, bzw. mussten, weil sie Juden waren.
Die letzte Adresse spricht für die Annahme, dass Julius und Gertrud Betty Cronheim 1940 verzweifelt ihre Ausreise zu bewerkstelligen versuchten, quasi auf gepackten Koffern saßen. Aber alles blieb vergebliche Bemühung.

Verhaftung und Transport ins Sammellager Gurs in Frankreich
und nach Auschwitz
Am 22. Oktober 1940 verhaftete die Gestapo Julius und Gertrud Betty Cronheim und transportierten beide nach Gurs. Im Auszug aus dem Verzeichnis der am 22.10.1940 aus Baden deportierten Juden hatte Julius Cronheim die laufende Nummer 1353. Am 25.10.940 traf der Zug in Gurs ein. Über die furchtbaren Zustände in diesem Interniertenlager mit Mangelernährung, Kälte, Schlamm und Krankheiten wurde bereits viel berichtet. Wie es Julius und Gertrud Betty Cronheim erging, die dort wie alle Ehepaare in getrennten Baracken untergebracht waren, ist nicht überliefert. Aber es lässt sich erahnen.
Am 1. April 1941 wurde er nach dem Lager Les Milles gebracht, wo er am 3.4.1941 aktenkundlich erfasst wurde. Gertrud Betty Cronheim kam nach Marseille. Les Milles war ein so genanntes Transitlager, in welches die männlichen Internierten eingeliefert wurden, und in Marseille gab es zwei Transitlager für Frauen, für die bereits ein Teil der Papiere zur Auswanderung vorlag. Denn diese war immer noch möglich, zumindest theoretisch, praktisch aber sehr schwierig, weil entweder die restlichen Papiere doch nicht kamen oder die Gültigkeit verloren, weil die Schiffspassage ausgebucht war oder das Schiff - es verkehrten in dieser Kriegszeit nur wenige - erst gar nicht kam.
Etwas in dieser Art widerfuhr Julius und Gertrud Betty Cronheim. Von Les Milles kam Julius am 11. August 1942 nach Drancy, ebenso wie seine Frau. Das heißt, direkt in das Durchgangslager bei Paris, aus dem seit Juni/Juli 1942 die Todestransporte abgingen. Beide wurden am 14. August 1942 von dort nach Auschwitz deportiert. Seitdem fehlt jede Spur von ihnen. Julius Cronheim war gerade 60 Jahre alt geworden und muss bei der Ankunft direkt in die Gaskammer geschickt worden sein, ebenso wie seine 43-jährige Ehefrau Gertrud Betty.

Das Landesamt für Wiedergutmachung legte den Todestag von Julius Cronheim zunächst auf den 19. August 1942, also den Ankunftstag in Auschwitz, nach den anschließend angeführten Kriterien fest.
In der Prozessakte vom 2.8.1961 des Landesamts wird folgende Begründung angeführt: „Der Erblasser, Julius CRONHEIM, war Verfolgter aus Gründen der Rasse. Nach der bei unseren Verwaltungsakten befindlichen Auskunft des Internationalen Suchdienstes [...] wurde er am 22.10.1940 zunächst von Karlsruhe nach Gurs deportiert. Über andere Lager gelangte der Verfolgte schließlich in das Sammellager Drancy und wurde mit dem von dort am 14.8.1942 abgehenden Transport zum KZ Auschwitz überstellt. Seitdem fehlt von dem in diesem Zeitpunkt 60jährigen Erblasser jede Spur. Der Gesamtaufstellung der Transporte des Jahres 1942 von Drancy nach Auschwitz kann entnommen werden, daß der am 14.8.1942 im Sammellager Drancy in Stärke von 991 Personen abgehende Transport in seiner Mehrzahl aus Frauen und Kindern bestand, in gleicher Stärke am 16.8.1942 beim KZ Auschwitz eintraf und daß dort lediglich 115 Männer, jedoch keine Frau ausgesondert und in das KZ ausgenommen wurden. Die restlichen 876 Personen wurden unverzüglich vergast.“
Als Beweis wird die Auskunft des Internationalen Suchdienstes in Arolsen angeführt:
„Nach der Auskunft des Niederländischen Roten Kreuzes vom 16.8.1955 ist aus dem Überfluß an Zeugenaussagen und Lagerdokumenten erwiesen, dass von so gut wie allen Judentransporten aus den Niederlanden, Frankreich und Belgien nach dem Osten die Männer über 30 Jahre und Frauen, die älter als 35, höchstens 40 Jahre waren, sowie Kinder unter 16 Jahren, sofort nach ihrer Ankunft im KZ Auschwitz – gewöhnlich 3 Tage nach ihrer Abfahrt aus diesen Ländern – in den Gaskammern ums Leben gebracht worden. Die Auskunft stimmt übrigens überein mit den Feststellungen, die Amtsgerichtsrat Schöneich in seinem Aufsatz (NJW 1955, 249) getroffen hat. Berücksichtigt man zusätzlich die Ausführungen von Höss, Kommandant von Auschwitz in der fraglichen Zeit („Kommandant in Auschwitz“, herausgegeben vom Institut für Zeitgeschichte in München) und von Poliakow/Wulf („Das Dritte Reich und die Juden“, Arani Verlags-GmbH, Berlin), kann an der Richtigkeit der Annahme eines sofortigen Gastodes der Verfolgten fast unmittelbar nach ihrem Eintreffen in Auschwitz kein Zweifel sein. Höss schätzt in einer eidlichen Aussage (S. 127, Das Dritte Reich…) die Zahl der Toten durch Vergasung und Verbrennung in der Zeit von 1.5.1940 bis 1.12.1943 auf mindestens 2,5 Millionen Die Massenhinrichtungen durch Vergasung hätten im Laufe des Sommers 1941 begonnen und bis Herbst 1944 angedauert. Die Anlagen hierfür wurden ständig erweitert. Den Darlegungen Höss muss entnommen werden, dass bereits im Sommer 1942 mindestens zwei Bunker zur Vergasung in betrieb waren, deren größter 1.200 Personen auf einmal fasste (Höss S. 156,157), wobei der Vorgang als solcher nur ganz kurze Zeit in Anspruch nahm. Die Aussichten, die im Sommer 1942 möglicherweise schon durchgeführten Selektionen zu überstehen, waren denkbar gering. Nach 1943 sind aus den Transporten bestenfalls 20% als arbeitsfähig ausgeschieden worden (Höss, S. 159). Das war jedoch zu einem Zeitpunkt, in welchem der Arbeitskräftebedarf begann, den Willen zur Vernichtung zu überschatten und die Auslese entsprechend großzügiger vorgenommen wurde. Im Übrigen verweisen wir zu diesen Problemen auf Reitlinger „Die Endlösung“.
Nach Sachlage ist deshalb unter Berücksichtigung aller Erfahrungen, insbesondere des Alters des Verfolgten im Zeitpunkt seiner Verschubung in das KZ Auschwitz davon auszugehen, dass er unmittelbar nach dem Eintreffen des Transports, spätestens jedoch bis zum Eintreffen des nächsten Transportes aus dem Sammellager Drancy am 29.8.1942
(Beweis: Auskunft des Internationalen Suchdienstes Arolsen)
den Tod fand. Er ist daher auf den 19.8.1942 für tot zu erklären.
Das rechtliche Interesse des Landesamtes für die Wiedergutmachung Karlsruhe an dem Todeszeitpunkt des Erblassers ergibt sich aus den Bestimmungen des BEG, deren Ausführung dem Amt obliegt.“

Die Akribie der Urteilsbegründung hat mich veranlasst, das Urteil in voller Länge anzuführen. Was zählte bei der Festlegung des Todestages – die baren, schrecklichen Fakten und Zahlen oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel angesichts der ungeheuren Verbrechen des Dritten Reiches?
Mitte der 1960er Jahre legte man den Todestag von im KZ ermordeten Menschen bei Wiedergutmachungsanträgen allgemein auf das Kriegsende fest und ließ die oben angeführten Kriterien fallen. Denn „Entschädigung“ wurde nicht gezahlt für die Ermordung der Eltern, wenn ein Kind bereits volljährig war, nur die zuvor erlittene „Haftzeit“ wurde pro Monat mit 150 DM auch den Erben zuteil. Mit der amtlichen Festlegung des Todes auf das Kriegsende, entgegen der Realität, erhöhte sich so die Summe ein wenig.

Die von Höss genannte Zahl von 2.5 Millionen ermordeten Juden entspricht nicht den heutigen Forschungsergebnissen, welche davon ausgehen, dass in Auschwitz etwa 1,5 Millionen Menschen ermordet wurden, was allerdings weder die entsetzlichen Verbrechen der Nationalsozialisten relativiert, noch die Zahl der insgesamt ca. 6 Millionen ermordeten Juden reduziert.

Der überlebende Sohn Wolfgang Ludwig
Wolfgang Ludwig war somit der einzige Überlebende der Familie Cronheim. 1939 bis 1942 arbeitete er als Kochlehrling in England, 1942 bis 1944 war er Büroangestellter. Dann schlug er den zweiten Bildungsweg ein, holte 1945 sein Abitur nach, legte 1948 sein Examen in Betriebsrechnung ab und war im Jahr 1951 Bachelor of Commerce. 1948 hatte er bereits seinen Namen geändert zu Wilfred Lewis Cronshaw. 1955 finden wir ihn in Chur in der Schweiz. Er ist verheiratet und hat bereits ein Kind und verdient seinen Lebensunterhalt als Buchhalter. 1958 wandert die Familie nach Kanada aus und 1962 führt ihn sein Weg, wie so viele andere Bürger jüdischen Glaubens, in die USA, wo er als Accountant bzw. Wirtschaftsprüfer arbeitet. Dort verlieren sich seine für uns nachweisbaren Spuren.

(Beate Sehon, September 2010)