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Dr. Erich Cohn, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Dr. jur. Erich Cohn

Titel: Dr. jur.
Nachname: Cohn
Vorname: Erich
Geburtsdatum: 28. Januar 1887
Geburtsort: Breslau (Deutschland, heute Polen)
Familienstand: verheiratet
Eltern: Julius und Camilla, geb. Oelsner, C.
Verwandtschaftsverhältnis: Ehemann von Lina Marie Rosa C.;

Vater von Clemens Hans Jakob, Gottfried Bernhard Julius und Bettina Miriam
Adresse: 1921-1936: Fliederstr. 2
1936-1941: Beiertheimer Allee 28
1941-1942: Kronenstr. 62
Schule/Ausbildung: Gymnasium
Jurastudium
Beruf: Buchhändler (Inhaber der Buchhandlung A. Bielefeld, Kaiserstr. 70 (seit 1933) zuvor Nr. 141)
Deportation: 11.11. - 26.11.1938 in Dachau (Deutschland)
August 1941 verhaftet Gefängnis Karlsruhe
26.4.1942 von Stuttgart nach Izbica (Polen)
Sterbeort: vermutlich Sobibor oder Belzec (Polen)

Biographie

Dr. Erich und Lina Cohn

Einigen an Literatur interessierten Karlsruhern und Karlsruherinnen dürfte das Schicksal des Ehepaars Cohn in Erinnerung sein. Zwar waren beide keine gebürtigen Karlsruher, sondern errichteten sich erst 1921 eine Existenz in dieser Stadt, doch war die von ihnen geführte Buchhandlung allseits bekannt.
Aufgrund der Tatsache, dass Lina Cohn protestantischen Glaubens war und die drei Kinder des Ehepaars als konfessionslos eingetragen wurden, galt die Ehe aus Sicht der NS-Bürokratie als „privilegierte Mischehe“, welche Dr. Cohn einen gewissen Schutz gewährte – jedoch schützte dieser Status ihn wie jeden anderen Juden nicht vor Diskriminierungen, Schmähungen und willkürlichen Verhaftungen. Trotzdem gehörte Dr. Cohn nicht zu den über 900 Karlsruher Juden, welche am 22. Oktober 1940 ins französische Gurs transportiert wurden.
Dieser Schutz fiel jedoch mit dem Selbstmord Linas nach einer Verhaftung ihres Mannes von diesem ab und schon kurz nach ihrem Tode wurde Dr. Cohn in ein KZ deportiert.

1995 erschien im Bleicher-Verlag das Buch „Unter Denkmalschutz, sieben Erzählungen aus deutscher Vergangenheit“ von Heinrich Wiedemann. In diesen Erzählungen, die ursprünglich sein Vater hinterlassen hatte, schreibt der Autor von den Schicksalen jüdischer Menschen aus badischen Regionen. In „Das Skizzenbuch“ wird dabei auch in biographischer Form aus dem Leben von Dr. Erich Cohn und seiner Ehefrau Lina erzählt (S.93-128). Die zum Teil sehr detaillierten und intimen Aussagen scheinen darauf hinzuweisen, dass der Erzähler in naher Beziehung zum Ehepaar Cohn wie auch zu den Menschen in den anderen Geschichten stand. Tatsächlich war der eigentliche Erzähler mit den Cohns „öfters zusammen“, wie im erklärenden Nachwort zu lesen ist (S. 320). Näheres wird nicht gesagt und es ist darauf hinzuweisen, dass Wiedemann – auch wenn diese Zusammenkünfte stattfanden, als dieser schon erwachsen war – über 25 Jahre jünger als Dr. Erich Cohn gewesen ist. Vermutlich ist die Bekanntschaft der beiden in dem ähnlichen Schicksal begründet, da auch Wiedemann in so genannter Mischehe lebte und mehrere dieser Familien in Karlsruhe sich privat kannten und trafen. Doch wie eng diese Bekanntschaft wirklich war, ist zu hinterfragen.
Tatsächlich waren die überlebenden Kinder Cohn seinerzeit über falsche Darstellungen in dieser Geschichte sehr verbittert.
Aufgrund des emphatischen Stils, der den Erzählungen zu Eigen ist, ist für nichtwissende Leser leider nicht zu erkennen, ob und wo der Autor bewusst verfremdet oder schlicht die Realität nicht gekannt hat.
Das Alter der Familienmitglieder müsste ihm eigentlich bekannt gewesen sein, warum er das Ehepaar Cohn und auch ihre Kinder um zehn Jahre jünger machte, ist nicht nachvollziehbar.
Sollte es nur ein dramaturgischer Kunstgriff gewesen sein, um Erich Cohn als Sechzehnjährigen als Teilnehmer des seinerzeit weit ausstrahlenden Jugendtages auf dem Hohen Meißner 1913 darstellen zu können? Der Jugendtag war ein Gegenentwurf zur hundertjährigen Feier der Völkerschlacht bei Leipzig des kaiserlichen Deutschland mit seinem patriotisch-chauvinistischen Programm.
Die Ehefrau Lina wird mit dem falschen Vornamen Hilde, der nicht unter ihren beiden zusätzlichen Vornamen enthalten ist, aufgeführt, auch war sie nicht die Tochter eines Pastors, wie Wiedemann schreibt.
Die folgende Biographie der Familie von Dr. Erich und Lina Cohn beruht allein auf den recherchierten und überprüfbaren Fakten, ergänzt um übermitttelte Erinnerungen. Leerstellen werden im Gegensatz zu Wiedemann nicht mit ausgedachten Geschichten gefüllt. Einiges muss dabei unbeleuchtet bleiben.

Erich Cohn wurde als ältester von drei Brüdern und einer Schwester am 28. Januar 1887 in Breslau geboren, als Sohn des Bankiers Julius und dessen Frau Camilla, geborene Oelsner, die viel zur Vermittlung von Kultur und Bildung in der Familie beitrug. Der Vater hatte es zu großem Wohlstand unter anderem durch die Beteiligung an der Finanzierung der Eisenbahn für die schlesischen Kohlegruben gebracht.
Erich Cohn besuchte das Gymnasium und erlangte das Abitur. Danach begann er ein Jurastudium, das einem jungen Mann viele Karrierewege eröffnete, so wäre der Einstieg in das väterliche Bankgeschäft ebenso denkbar gewesen wie eine selbständige Existenz. Er studierte an den Universitäten Jena, Genf und München. Mit der juristischen Dissertation „Der Unterschied zwischen Raub und Erpressung, unter Berücksichtigung der deutschen, Schweizer u. österreichischen Strafgesetzentwürfe sowie des neuen russischen Strafgesetzbuchs“ an der Universität seiner Heimatstadt Breslau, erlangte er 1915 seine Promotion zum Dr. jur.
Zum 1. Mai 1916 schrieb sich Erich Cohn an der Ludwig-Maximilians-Universität in München ein und begann ein Zweitstudium, das der Kunstgeschichte. Während dieser Zeit lebte er in der Zieblandstraße 27 in der Maxvorstadt, zwischen der Innenstadt und Schwabing gelegen.
Wie sich Erich Cohns Privatleben gestaltete ist unbekannt, jedoch kannte er zu diesem Zeitpunkt schon seine spätere Ehefrau Lina, die sowohl in München, als auch in Jena studiert hatte.

Lina Marie Rosa Soltau wurde am 18. Mai 1884 als jüngste von drei Schwestern und einem Bruder in Wolfenbüttel geboren, die Familie war protestantischer Konfession. Ebenso wie ihr Mann wuchs sie unter behüteten Umständen bei ihrer Mutter Karoline, geborene Uhthoff, und ihrem Vater Julius auf, der eine Zigarrenfabrik betrieb. Auch Lina hatte eine gute Ausbildung genossen, sie machte den Abschluss an einer Höheren Mädchenschule und reiste 1908 für ein Jahr nach England, um dort zu arbeiten und ihr Englisch zu verbessern. Ein Umstand, der sowohl von ihrem Bildungsehrgeiz wie von der gut situierten sozialen Stellung zeugt. Zum Schuljahresende Ostern 1910 holte sie schließlich das Abitur nach, um am 24. Oktober 1910 ein Studium in München zu beginnen, wo sie in der Theresienstraße 63 wohnte. Bis zur Abmeldung am 18. März 1911 studierte sie Mathematik und Finanzwesen und schrieb sich nach einem kurzen Aufenthalt im Elternhaus 1911 an der Universität Jena in den Fächern Germanistik und Geschichte ein. Dies geht aus den Meldeunterlagen in München sowie den Unterlagen des Universitätsarchivs Jena hervor. Bis zum Sommersemester 1916 absolvierte sie in Jena insgesamt fünf Semester. Sie unterbrach das Studium zwischen 1912 und 1913, was möglicherweise mit dem Tod des Vaters zusammenhing, der 1913 verstarb. Danach zog ihre Mutter nach Jena, wo die Familie zusammen in der Lutherstraße 108 wohnte. Zeitgleich nahmen Lina und ihre Schwester Elisabeth ihr Studium wieder auf. Elisabeth hatte sich in Naturwissenschaften eingeschrieben, ab 1920/21 spezialisierte sie sich auf Chemie. Immatrikuliert war sie bis 1930, auch dies unterstreicht nochmals den finanziell sorgenfreien Horizont der Familie. Nach Abschluss des Studiums begann Lina Soltau 1916 eine Stellung als Lehrerin in Braunschweig und kurz danach an der Töchterschule in Ilsenburg, was jedoch nicht von langer Dauer war.

Mit Beginn des Ersten Weltkriegs wurde der 27-jährige Dr. Cohn nicht sofort Soldat. Vermutlich galt der bebrillte und körperlich schwach wirkende junge Mann den Wehrbehörden nicht als uneingeschränkt militärtauglich. Trotzdem berief man ihn schließlich am 2. September 1916 zum Heer ein. In einem Fragebogen 1939 gab Dr. Erich Cohn an, dass er vom September 1916 bis Dezember 1918 bei dem „Technischen Betriebsbatallion München“ eingerückt war. Diese Angaben decken sich mit den Immatrikulationsangaben, die seinen Weggang in dieser Zeit zum Heeresdienst bezeugen. Erich Cohn erlangte den Rang eines Unteroffiziers. Für einen ganz und gar nichtmilitärischen Menschen sicherlich des Ranges genug, studierten Männern gebührte jedoch eigentlich ein Offiziersrang. Juden waren davon jedoch praktisch ausgeschlossen und im Kriege erhielten nur diejenigen diese Beförderung, die sich an der Front ausgezeichnet hatten.
Während des Kriegs heirateten Dr. Erich Cohn und Lina Soltau am 19. Februar 1917 in München. Dr. Cohn kehrte erst nach dem Kriegsende, am 29. November 1918, zurück. Das Ehepaar nahm eine Wohnung in der Nymphenburger Böcklinstraße. Aus dem „Privatgelehrten“ wurde ein Kaufmann. Dazu ist näheres nicht bekannt. Zum Zeitpunkt der Heirat des Ehepaares Cohn war die eheliche Verbindung von Juden und Nichtjuden keine Seltenheit mehr. Lina Cohn blieb protestantisch, Erich Cohn jüdisch. Über ihre persönliche Einstellung zur Religion liegen uns keine schriftlichen Belege vor. Da wir Dr. Cohn später in Karlsruhe als Mitglied im Israelitischen Männerkrankenverein finden und ebenso im Israelitischen Frauenverein – im Vorstand waren dort auch Männer vertreten – kann man von seiner Eingebundenheit in das jüdische Leben der Stadt ausgehen, auch wenn er vielleicht kein eifriger Synagogengänger gewesen war.
Ansonsten nahm das Leben nun einen klassischen Familienverlauf. Am 22. März 1918 wurde der Sohn Gottfried Bernhard Julius Gabriel geboren, am 28. Februar 1920 folgte die Tochter Gertrud Miriam Bettina Karoline Camilla in München. Schließlich kam noch Clemens Hans Joachim am 14. August 1925 dazu, dies geschah aber bereits in Karlsruhe. Alle drei Kinder waren ungetauft, blieben, amtlich festgehalten, konfessionslos. In vielen Mischehen wurden die Kinder christlich getauft; da dies bei den Cohns nicht der Fall war, lässt sich eine distanzierte Haltung zur Religion annehmen. Gefeiert aber wurden sowohl das Weihnachtsfest wie Chanuka.
Die Tochter Bettina berichtete später über die Erzählung in der Familie, wie ihre Mutter während der Wirren der bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen zwischen Freikorps und Revolutionären 1919 mit dem im Kinderwagen befindlichen Gottfried entsetzt zwischen eine Schießerei geriet . Die Familie blieb nicht mehr länger in München, sondern zog 1921 nach Karlsruhe, wo es keinerlei familiären Bezüge gab. Erich Cohn ging Anfang Februar 1921 voraus, da er Vieles zu organisieren hatte, die Familie folgte sechs Wochen später. Der Grund lag in der beruflichen Perspektive von Dr. Erich Cohn. Er nahm eine ihm gebotene Chance wahr und erwarb die „Bielefeld’sche Buchhandlung Liebermann & Co“, wohl ein Lebenstraum dieses an Kunstgeschichte und Literatur so interessierten Menschen. Wie es hieß, brachte er dafür 80.000 Goldmark auf, zum 1. März 1921 wurde der vollzogene Eigentümerwechsel im Handelsregister notiert. Unter dem alteingesessenen Namen führte er die Buchhandlung fort, die als erste Adresse in Karlsruhe galt, wenn es um das Buchsortiment ging. 1839 hatte sie Adolph Bielefeld aufgebaut, der im 19. Jahrhundert im Gemeindevorstand der Jüdischen Gemeinde und sogar Mitglied des Oberrats der Israeliten in Baden gewesen war und dabei zwischen 1842 und 1890 auch in der lokalen Politik bedeutsam als Bürgerausschuss- beziehungsweise Gemeinderatsmitglied tätig gewesen war – ein auch beim Großherzog höchst angesehener Mann. Seine Hofbuchhandlung war schon 1869 auf seinen Sohn übergegangen und später auf andere Eigentümer, aber immer unter dem altehrwürdigen Namen, den sie sich durch ihre Qualität immer bewahrte. Interessant mag sein, dass Adolph Bielefeld kurz vor der Gründung der Buchhandlung 1834 bis 1838 in München seine Qualifikationen beim dortigen international renommierten Buchhändler Jaquet erworben hatte. Aber diese kleine Parallelität zwischen Adolph Bielefelds und Erich Cohns Lebensweg ist natürlich Zufall.

Die Familie zog in die Fliederstraße 2 in Karlsruhe-Mühlburg, damals praktisch das westlichste Ende der Stadt, weit weg von der geschäftigen Innenstadt. Einerseits gab es im Viertel häufig Hühnerhaltung in den Höfen, andererseits lag die große Malzfabrik Wimpfheimer mit dem Gleisanschluss direkt vor der Haustür. Diese Umgebung war der Spielplatz der Kinder. Einmal versteckte sich Clemens in einem der Güterwaggons, wie es Jungens öfters machten, und wurde erst im Rheinhafen entdeckt und von einem Polizisten zurück gebracht, erinnert sich die Tochter. Ebenso in Erinnerung geblieben ist ihr die Vermieterin, die im Großen und Ganzen immer freundlich zu den Cohn-Kindern als die einzigen im Haus war, bis zur Machtübergabe an die Nationalsozialisten.
Erich und Lina Cohn erzogen ihre Kinder vermutlich freier, als es in jener Zeit üblich war, wichtig war ihnen sie zu eigenverantwortlichen Menschen heranzuziehen. Sie konnten in den Buchladen kommen, durften Bücher lesen, die ihnen zusagten. Der Vater gab ihnen durchaus auch neue Kinderbücher, um ihre Meinung dazu zu hören. Tochter Bettina erinnert sich im allgemeinen an keine herausragenden. Sicherlich ist das inzwischen gewohnte außerordentlich Angebot an Kinder- und Jugendliteratur um Welten verschieden von dem seinerzeitigen.
Bis 1933 hatte Dr. Cohn im Kreis von Buchhändlern zusammen gearbeitet, die reihum Vorträge von interessanten Persönlichkeiten zu allgemeinen und Reisethemen veranstalteten. Er selbst begeisterte sich durchaus an Natur, Wandern und Schifahren, was er auch den Kindern nahe brachte. So gehörte er auch dem Schwarzwaldverein als Mitglied an.

So zurückhaltend und bescheiden die Familie auch lebte, so im Mittelpunkt der Stadt lag die Buchhandlung. In dem imposanten Weinbrennergebäude an der südwestlichen Ecke des Marktplatzes nahm sie eine Fläche von 300 qm ein und präsentierte ihr Sortiment in vier großzügigen Schaufenstern. Sie war die größte unter den über zwei Dutzend Buchhandlungen in Karlsruhe, von denen eine jede ihren eigenen Stil und Schwerpunkt hatte, in einer Zeit lange vor den heute expandierenden Buchhandlungsketten. Erich Cohns Ehrgeiz ging dahin, zusätzlich ein erstklassiges Antiquariat aufzubauen, was ihm auch gelang. Es soll das größte seiner Art in Südwestdeutschland gewesen sein. In der Zeit der Inflation hatte er Nachlässe und ganze Bibliotheken übernommen, die zum großen Teil in den Kellerräumen gelagert werden mussten und die Dr. Cohn auch über die nächsten Jahre nur zu einem Teil sortieren und präsentieren konnte. Zu dieser Zeit arbeiteten vier bis sechs Angestellte im Geschäft, am Ende war Dr. Cohn allein in seinem Geschäft. Ein einziges überliefertes Foto zeigt die Szenerie im prächtigen Laden, Dr. Erich Cohn steht im Hintergrund, während Interessierte in Büchern blättern, alles Angestellte. Dr. Cohn hatte nahezu das gesamte väterliche Erbe in das Geschäft gesteckt, in die Wohnung und Ausstattung für die Familie war weniger geflossen. Überhaupt, war er mehr Gelehrter als eigentlicher Kaufmann. Unter den Kunden gab es das Bonmot, dass man als Käufer bei Cohn mindestens einen „Doktor in Literatur“ vorweisen sollte. Tatsächlich lehnte er es ab, vor allem auf gutgehende Bücher des Massengeschmacks, Bestseller heute geheißen, zu setzen und diese zu präsentieren.

Lina Cohn widmete sich mehr dem Haushalt und den drei Kindern, war aber durchaus auch in das Geschäft involviert. Im Jahre 1936 bekam sie auch formal die Prokura übertragen, doch da hatte sich bereits Vieles verändert. Die Wirtschaftskrise, die 1932 ihren Höhepunkt in Deutschland hatte, machte sich auch im Buchhandel bemerkbar. Trotz größten Einsatzes musste Dr. Cohn das Geschäft verkleinern. Die im gleichen Haus befindliche Sparkasse dagegen plante zu expandieren. So zog Cohn mit der Buchhandlung um, schräg gegenüber, in die Kaiserstraße 70. Dies war zwar immer noch am Marktplatz, doch die Lage und Geschäftsräume waren nicht mehr so großzügig, die Geschäftsräume umfassten mit knapp 180 qm noch etwa die Hälfte zu vorher und auch die Zahl der Schaufenster beschränkte sich auf zwei. In dem schmalen Haus stand nur noch ein Ladenraum zur Verfügung, in den anschließenden drei Zimmern war das Lager untergebracht, zusätzlich war noch Lagerraum für das Antiquariat angemietet.
Die Familie führte eine solide bürgerliche Existenz. Reichtum ließ sich mit einer Buchhandlung auch damals kaum anhäufen, doch blickte die Familie auf ein Leben im bescheidenen Wohlstand. Erziehung und Kultur waren den hoch gebildeten und feinsinnigen Cohns wichtig. Clemens bekam von einer Hausbewohnerin Geigenunterricht. Lina Cohn wiederum liebte das Klavierspiel und erfreute die Familie mit Darbietungen. Zugleich erteilte sie auch selbst stundenweise Klavierunterricht. Sicherlich war dies ein kleiner Zusatzverdienst, den die Familie gut gebrauchen konnte. Gottfrieds Gesundheitszustand war anfangs labil, er hatte oft Fieber, musste längere Zeit im Schwarzwald kuren und weil er für die Schule zu schwach schien, besuchte er die ersten Jahre eine private Bildungsanstalt. Bettina wechselte nach der Elementarschule auf das Lessing-Mädchengymnasium und Clemens wechselte auf das Humboldt-Realgymnasium.

Mit der Herrschaft der Nationalsozialisten 1933 wurde das Leben für die Familie immer schwieriger. Am 1. April 1933 zogen bei dem reichsweit organisierten Judenboykott uniformierte SA-Leute auch vor der Buchhandlung von Erich Cohn auf. Der Boykott ging weiter. Die für die Buchhandlung wichtigen staatlichen und städtischen Behörden kauften ihren Bedarf an Literatur und Fachzeitschriften nicht mehr „beim Juden“. Überzeugte Nationalsozialisten hatten wohl schon vor 1933 nicht dort eingekauft, nun aber auch die Mitläufer und Ignoranten immer seltener. Die Situation geriet zur existenziellen Krise.
Auch im persönlichen Leben gab es einschneidende Veränderungen. War die Hausvermieterin stets freundlich gewesen, so änderte sich ihr Verhalten auch mit dem Eintritt ihres Sohnes in die NSDAP nach 1933. Schließlich mussten die Cohns 1936 deswegen auch das Haus verlassen. Die Familie zog vom Stadtteil Mühlburg in die Beiertheimer Allee 28 in eine sehr kleine Zweizimmerwohnung im Parterre.
Die Kinder der Familie hatten nahezu seismographisch schon längst die Veränderungen gespürt. Bettina, die das Lessing-Mädchengymnasium besucht hatte, sah sich gezwungen dieses 1935 zu verlassen. Danach ging sie an das bekannte jüdische Kinderheim und Landsschulheim in Herrlingen bei Ulm, um ihren Wunsch Lehrerin zu werden, umsetzen zu können. Ihr Bruder Gottfried hatte das Bismarck-Gymnasium bereits nach der 8. Klasse verlassen und bei der Nähmaschinenfabrik Haid & Neu begonnen zu arbeiten, später bei einem Blechner. Bettina Cohn wurde 1933 von einer jüdischen Klassenkameradin beim zionistischen Jugendbund „Blau-Weiß“ eingeführt, wo sie sich fortan engagierte. Auch Bruder Gottfried, der zuerst zu den Pfadfindern gemocht hatte, ging schließlich zur zionistischen Jugend.

Die „Arisierung“ der Wirtschaft war Ziel der Nationalsozialisten. Nach der Reichspogromnacht wurde sie schließlich gesetzlich zum 31. Dezember 1938 festgelegt. An jenem 9./10. November 1938 waren neben den Synagogen viele Geschäfte von Juden zerstört worden, auch die Buchhandlung von Dr. Erich Cohn, hier war ein Eimer mit Müll durch das Fenster in die Auslagen geworfen worden. Am Morgen jenes 10. November 1938 wollten ihn die Schergen zuhause abholen, trafen ihn aber nicht an. So zwangen sie die 18-jährige Tochter Bettina, die nach der Schließung des Heimes in Herrlingen seit kurzem wieder in Karlsruhe weilte, unter Verdrehen ihres Armes, sie in den Keller schauen zu lassen. Aber der Vater war bereits in der Buchhandlung. Dort zogen sie ihn heraus, nicht ohne zuvor Regale umzuwerfen und so wurde er mit über 200 anderen Karlsruher Juden deportiert, in das KZ Dachau. Mit diesem Tag endete die Buchhandlung, die Cohns Lebenswerk war. Es blieb nur noch die formale Löschung im Handelsregister. Die „Arisierung“ seiner Buchhandlung war in diesem Fall eine Geschäftsauflösung, das Wegfallen einer Konkurrenz auf dem Buchhandelsmarkt.
Dr. Erich Cohn musste zwei Wochen bis zum 26. November im KZ Dachau verbringen, er kam nach Karlsruhe zurück in vollkommen erschöpftem Zustand. Der 20-jährige Sohn Gottfried war der Deportation in das KZ Dachau nur entgangen, weil er sich mit einer Gruppe anderer junger Leute in jener Nacht des Terrors versteckt gehalten hatte.
Für Erich und Lina Cohn wurde wichtig, die aufwachsenden Kinder, die als „Mischlinge I. Grades“ galten und unter Anfeindungen zu leiden hatten, in Sicherheit zu bringen. Eine Chance auf Entfaltung, Bildung und Perspektive hatten sie in diesem Land nicht mehr.
Der jüngste, Clemens war 1935 noch auf das Realgymnasium (Humboldt-Gymnasium) gekommen. Der „geistig rege“ und „körperlich gewandte“ Junge, so die schulischen Beurteilungen, erbrachte mittelmäßige Leistungen, sicherlich genug, um durchzukommen. Als „Mischling“ war ihm von den Nationalsozialisten, anders als den „reinrassigen“ Juden, auch über 1938 hinaus der höhere Schulbesuch noch zugestanden worden. In der 8. Klasse 1938 sackte er um fast zwei Noten ab, zeigte mit einem mal „wenig Anteilnahme am Unterricht“, wie es in der Notenliste heißt. Es waren wohl die Belastungen, denen die Familie ausgesetzt war, zugleich der konkrete Plan, Deutschland zu verlassen. Im März 1939 wurde er von der Schule genommen. Im Mai 1939 verließ der 14-Jährige mit einem so genannten Kindertransport Deutschland und kam nach England, über dieses Programm wurden 10.000 jüdische Kinder aus Deutschland in Sicherheit gebracht.
Schwester Bettina war im Dezember 1938 vorausgegangen. Als 18-Jährige ging dies eigentlich nur über eine Arbeitsvermittlung als Haushaltshilfe, sie aber wollte den in Herrlingen eingeschlagenen Weg Lehrerin zu werden, weiter verfolgen.
Gottfried Cohn aber ging 1939 noch vor Kriegsbeginn nach Palästina. Praktisch erwachsen, aber mit 20 Jahren damals noch nicht gesetzlich volljährig, hatte er sich zuvor auch zum Eintritt in das Judentum entschlossen. Im Jahre 1938 war das ein so mutiger wie konsequenter Schritt, da er damit auch den geringen, wenn auch formalen Schutz als „bloßer Halbjude“ verlor. Zusammen mit dem Rabbiner und Lehrer der so genannten liberalen jüdischen Gemeinde erarbeitete er sich die Grundlagen der jüdischen Religion und trat formal am 1. April 1938 in die jüdische Gemeinschaft ein; den symbolischen Akt mit der rituellen Beschneidung hatte er zwei Wochen zuvor vollzogen.
So hatte sich das Leben der Familie Cohn vollkommen geändert. 1939 blieben Erich und Lina auf sich allein gestellt und ohne Einkommen zurück, lebten von ihren Ersparnissen. Persönlich lastete ein großer Druck auf ihnen, war es doch Ziel der Nationalsozialisten, dass sich christliche Ehepartner vom jüdischen Partner scheiden lassen sollten. Dieses Ansinnen musste Lina Cohn sogar einmal von einer Nachbarin hören, was sie in höchste Erregung versetzte.
Unter die große Deportation der badischen Juden am 22. Oktober 1940 fiel Dr. Erich Cohn als in so genannter „privilegierter Ehe“ lebend nicht. Der Druck aber wuchs immer mehr und Schikanierung und willkürliche Vernehmungen waren stets zu befürchten. Im August 1941 wurde Dr. Erich Cohn verhaftet. Bei Wiedemann heißt es, er habe eine Landschaftsskizze gezeichnet, eine seiner entspannenden Beschäftigungen, und so habe man ihn, es war Krieg, der Spionage beschuldigt. Die tatsächlichen und genauen Umstände sind nicht aktenkundig.
Am 15. August 1941, nur wenige Stunden, bevor ihr Ehemann entlassen wurde, beging Lina Cohn vermutlich aus Verzweiflung Selbstmord. Durch den Tod seiner Frau verlor Dr. Erich Cohn seine Sonderstellung, die er als Ehemann einer Nichtjüdin bis zu diesem Zeitpunkt genossen hatte und war den Nationalsozialisten von nun an nunmehr schutzlos ausgeliefert. Völlig auf sich gestellt und nun auch ohne den „Schutzfaktor“ seiner christlichen Ehefrau, musste er in ein so genanntes Judenhaus. Dies war das Jüdische Altersheim in der Kronenstraße 62, in dem er nun mit älteren, bei der großen Deportation 1940 nicht transportfähigen Juden zusammen lebte. Der 54-jährige Cohn verbrachte dort nur wenige Monate. Wenn ein jüdischer Ehepartner den christlichen Partner verlor, war dies mit Beginn des Programms zur „Endlösung“ - der planmäßigen Ermordung - seit 1942 Anlass, ihn zu deportieren. Im April 1942 erhielt Erich Cohn mit 15 anderen jüdischen Karlsruhern über die Gestapo die Aufforderung, sich zur „Auswanderung“ mit Handgepäck nach Stuttgart zu begeben. Von dort fuhr am 26. April 1942 der Deportationszug mit ihm und anderen Juden ab nach Izbica. Dort hatte man ein Ghetto eingerichtet, in das die NS-Bürokraten zusätzlich tausende deportierter Juden aus Deutschland brachten. Seit Anfang April 1942 gingen von dort die Todeszüge in die nahen Vernichtungslager Belzec und Sobibor. Die ersten Transporte mit deutschen Juden aus Izbica, einem reinen Transit-Ghetto, gingen am 13. und 14. Mai 1942. Ob Dr. Erich Cohn darunter war, an welchem Ort man ihm schließlich gewaltsam das Leben nahm, unter welchen unsäglichen Umständen er die letzten Wochen seines Lebens zubringen musste ist nicht nachvollziehbar. Sicher ist nur, dass er ermordet wurde, allein weil er Jude war.

Bettina Cohn blieb in England leben, wurde Krankenschwester.
Clemens Cohn ging 1950 von England nach Australien, arbeitete auf einer Farm, heiratete und hatte vier Kinder.
Gottfried Cohn ging in ein Kibbuz, blieb in Israel leben und arbeitete als Schlosser, heiratete und wurde Vater eines Kindes.

(Dido Scheibenberger, 12. Klasse Lessing Gymnasium, Juni 2009)

Das Holocaustforschungszentrum und Museum "Haus der Ghettokämpfer" - Ghetto Fighters’ House - , offiziell "Itzhak Katzenelson Holocaust and Jewish Resistance Heritage Museum and Study Center" in Nordisrael hat in seinen im Internet verfügbaren Datenbanken auch Fotos der Familie Cohn eingestellt

http://www.gfh.org.il/eng/