Personendaten

Chaim Citronenbaum

Nachname: Citronenbaum
Vorname: Chaim
Geburtsdatum: 6. Juli 1877
Geburtsort: Zmigrod (Deutschland, heute Polen)
Familienstand: verheiratet
Verwandtschaftsverhältnis: Ehemann von Rachel C.;

Vater von Samuel, Esther, Eva und Pevel
Adresse: 1915: Brunnenstr./Am Künstlerhaus (Durlacher Str.; Durlachertorstraße) 1915
1935/36-1938: Markgrafenstr. 24
Beruf: Kaufmann, An- und Verkaufhändler (Inhaber einer An- und Verkaufshandlung, Durlacher Str. 52)
Deportation: 28.10.1938 Abschiebung nach Polen (Polen)
April 1940 in das Ghetto Tarnow (Österreich-Ungarn, heute Polen)
Sterbedatum: 30. Juni 1942
Sterbeort: Tarnow (Polen)
Ghetto

Biographie

Chaim und Rachel Citronenbaum mit Samuel

Bereits seit dem Ersten Weltkrieg lebte Chaim Citronenbaum in Karlsruhe, berichteten 1962 Abraham Wartski und Taube Wartski, geborene Schweber, einem Rechtsanwalt in Straßburg. Weil die Meldeunterlagen der Stadt Karlsruhe durch Kriegseinwirkung vernichtet worden waren, blieben nur die Adressbücher, um seinen Namen zu suchen. Der ließ sich allerdings erst im Namensverzeichnis der Ausgabe 1935 finden. Ein glücklicher Fund in den Standesbüchern im Magazin des Stadtarchives Karlsruhe löste schließlich dieses Rätsel.

Herkunft im heutigen Polen
Chaim Citronenbaum wurde am 6. Juli 1877 in Żmigród (deutsch: Schmiedeburg) geboren. Gemeint ist das heutige Nowy Zmigród und nicht etwa der Ort Zmigród in Niederschlesien. Nowy Zmigród liegt in Westgalizien, 13 Kilometer von Dukla und 16 Kilometer von Jaslo entfernt. Eltern oder Geschwister von Chaim sind nicht bekannt. Möglicherweise stammte er aus der großen Familie Citronenbaum, die „DER SPIEGEL“ 1974 in einem Artikel als Teil „einer alteingesessenen deutsch-jüdischen Minderheit aus der k. u. k. Donaumonarchie“ bezeichnete. Um 1893 soll Chaim Citronenbaum angeblich im etwa 35 Kilometer von seinem Geburtsort entfernten Rymanów gelebt haben.

Seine spätere Ehefrau Rachel, geborene Schweber, stammte aus Rymanów (deutsch: Reimannshau), ebenfalls in der Provinz Galizien gelegen, Kronland der Monarchie Österreich-Ungarn. Dort kam sie am 1. Juni 1886 zur Welt, die Namen ihrer Eltern kennen wir nicht. Geschwister hatte sie anscheinend, eine ihrer Schwestern dürfte Taube Wartski gewesen sein.

Am Wohnort der Familie Schweber lebten in Rachels Geburtsjahr 3.262 Einwohner, davon 1.391 Juden. An der Wende zum 19. Jahrhundert war die Stadt zu einem bedeutenden Zentrum verschiedener Richtungen des orthodoxen Chassidismus geworden. Berühmte Tzadiks (hoch angesehene, moralisch herausragende, geachtete Männer) wie beispielsweise Menachem Mendel, Tzvi Hirsch Kohen und sein Sohn Józef Kohen lebten dort. Payots (Schläfenlocken), große Hüte und Kappen mit Pelz prägten das Straßenbild mit und die jiddische Sprache war überall zu hören.
Rymanów und Zmigród gehören heute beide zur Woiwodschaft Karpatenvorland in Polen.

Viele Gründe, die Heimat zu verlassen
Die wirtschaftliche Situation der gesamten Bevölkerung in Galizien war insgesamt dürftig. Eine zusätzliche Erschwernis für den jüdischen Teil war der offene und verborgene Antisemitismus. Zudem waren die sogenannten „jüdischen Berufe“ überfüllt und konnten die überwiegend großen Familien kaum ernähren. Zwischen 1880 und 1910 waren über 236.000 jüdische Galizier in die Vereinigten Staaten ausgewandert. Wer geblieben war, musste miterleben, wie Rymanów bereits kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs im September 1914 von russischen Truppen besetzt und teilweise zerstört wurde. Auch in Zmigròd war der Krieg bei der Bevölkerung angekommen. Am 13. Dezember 1914 meldete der k. u. k. Generalstab: „In der Schlacht in Westgalizien wurde der südliche Flügel der Russen gestern bei Limanowa geschlagen und zum Rückzug gezwungen. [...] Unsere über die Karpaten vorrückenden Kräfte setzten wieder unter mehrfachen Kämpfen die Verfolgung energisch fort […] in Grybow, Gorlice und Zmigrod rückten unsere Truppen wieder ein“. Zum Ende des Ersten Weltkriegs, nach der Auflösung Österreich-Ungarns wurde das ganze ehemalige Kronland ein Teil des neuen polnischen Staates, die Ukrainer beanspruchten den östlichen Teil Galiziens. Gründe genug, wegzugehen.

Wann genau Chaim Citronenbaum seine Heimat verließ, konnte nicht festgestellt werden. Seine Ehefrau Rachel folgte ihm sicher unmittelbar nach der Heirat, die einer Information zufolge „um 1918 in Polen“ stattfand.

Leben in Karlsruhe
Das erste Kind des Paares, die Tochter Esther kam am 9. Mai 1920 in Karlsruhe zur Welt, der Geburtseintrag im Standesbuch der Stadt erwies sich als wichtiger Hinweis. Neben den Namen der Eltern Chaim Citronenbaum und „Ruchel Laje “, geborene „Schwäber“ war auch ihre Adresse, Durlacher Straße 52 in der Karlsruher Altstadt, Klein-Karlsruhe, auch „Dörfle“ genannt, darin beurkundet. Dieser Stadtteil war um 1900 der mit der größten Bevöl¬ke¬rungs¬¬¬dichte, mehr als 18.000 Menschen lebten hier, Arbeiter, Handwerker – Sinti und Roma sowie Juden hauptsächlich aus Osteuropa. Die ehemals reichlich vorhan¬¬de¬¬nen Hinterhöfe waren zugebaut worden, aus einstö¬cki¬gen Häuschen waren mehrge¬¬schos¬¬sige Miets¬häu¬ser mit Arbei¬ter¬woh¬¬nun¬¬gen geworden. Die Durlacher Straße, in der die Familie Citronenbaum lebte, begann am Durlacher Tor und zog sich in südwestlicher Richtung bis zur Kronenstraße hin, kreuzte in ihrem Verlauf die Zähringer- und die heute nicht mehr existente ursprüngliche Brunnenstraße. Im Zuge der Altstadtsanierung wurde ihr Verlauf an der Waldhornstraße beendet und der Rest erhielt zwei neue Namen: Ab Durlacher Tor bis zur Zähringerstraße „Brunnenstraße“ und dann „Am Künstlerhaus“. Dank der Adresse Durlacherstraße konnte der Händler Chaim Citronenbaum bereits vorher, ab der Adressbuchausgabe für 1915 (Stand Oktober 1914) als einer der beiden Bewohner des dortigen Hinterhauses (H1) nachgewiesen werden, allerdings nur im Verzeichnis der Straßen und Häuser, nicht im alphabetischen Namensverzeichnis. Abraham und Taube Wartskis Aussagen waren also völlig korrekt.

Der 37-jährige Chaim Citronenbaum war vermutlich nicht alleine nach Karlsruhe gekommen. Eine „Wiedergutmachungsakte“ im Generallandesarchiv Karlsruhe belegt unter der gleichen Anschrift kurzfristig den Wohnsitz eines jungen Mannes namens Henri Schweber. Auch er stammte aus Rymanów, dort am 22. Februar 1896 geboren, könnte er durchaus ein Bruder der späteren Rachel Citronenbaum und von Taube Wartski gewesen sein, der beim 19 Jahre älteren, zukünftigen Schwager wohnte. Im September 1915 verließ Henri Schweber Karlsruhe, der 19-jährige wurde zum österreichischen Militär eingezogen. Nach Kriegsende kam er nicht nach Karlsruhe zurück, er ließ sich in Straßburg nieder.

Nicht leicht war der Neubeginn in Karlsruhe für Chaim Citronenbaum und seine Frau Rachel gewesen, trafen sie doch hier, neben anderen „Ostjuden“, wie sie selbst auch auf ein fremdes jüdisches Umfeld, auf weitgehend in die nichtjüdische Gesellschaft integrierte „Westjuden". Dass sie Hilfe und Unterstützung bekamen, beispielsweise bei der Jüdischen Religionsgesellschaft, der einzigen neo-orthodoxen Austrittsgemeinde Badens, darf angenommen werden.
Am 21. November 1922 brachte Rachel (Ruchel Laje oder auch Ruchel Laja) Citronenbaum ihr zweites Kind, den Sohn Samuel zur Welt, die Familie war mittlerweile ins Vorderhaus, dort in die dritte Etage umgezogen. Am 3. Dezember 1923 wurde in Rymanow, am Heimatort der Mutter das dritte Kind des Paares geboren, eine Erklärung dafür gibt es nicht, vielleicht kam Rachel Citronenbaum während eines Verwandtschaftsbesuches nieder. Das Mädchen erhielt den Namen Pevel, was später zu „Perla“ wurde, gerufen wurde sie „Pepi“. Zwei Jahre später, am 22. Dezember 1925 kam die Tochter Eva zur Welt, in der Geburtsurkunde steht als Geburtsort wieder die bekannte Karlsruher Adresse. Über das Familienleben dieser Jahre wissen wir fast nichts, einzig die Tochter Perla berichtete später, sie selbst sei als kleines Kind aus Rymanow nach Karlsruhe gekommen.

Chaim Citronenbaum war als „selbstständig Reisender“, als Altwarenhändler und Hausierer unterwegs, an anderer Stelle heißt es, er habe mit Textilien und Hauswäsche gehandelt, sei gar Inhaber einer An- und Verkaufshandlung in der Durlacher Straße 52 gewesen. Als Hausierer in Textilien habe er ausreichend für Leben und Unterhalt der Familie verdient, berichteten die Wartskis.

Über die Schulzeit der Geschwister Esther, Samuel, Pevel (Perla) und Eva Citronenbaum ist nichts bekannt, welche Schule sie besuchten, ob vermutlich Hans-Thoma- oder Schiller-Schule als nächstgelegene, ist nicht bekannt. Perla (Pevel) gab später an, die Mittelschule nach zwei Jahren verlassen zu haben, vermutlich, weil ab Herbst 1936 jüdische Kinder nur noch in der jüdischen Schulabteilung der Lidell - Schule in der Markgrafenstraße 28 unterrichtet wurden.
Aus der Lidell-Schule stammt dann wohl die noch erhaltene handgeschriebene Liste ohne Datumsangabe auf der unter der Überschrift “Ein unentgeltliches Schulfrühstück wünschen“ der Name Eva Citronenbaum hinter dem Kürzel 7. Kl (Klasse) notiert wurde, errechnen lässt sich der Zeitraum 1938/39.
Samuel begann nach der Schulzeit wohl 1936 eine Lehre bei einem „Saffianfabrikanten“, Produzent von feinem und festem Ziegenleder, verwendet meist für Schuhe und Bucheinbände.

Die Geldnot kommt ins Haus
Kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde dem Familienvater aufgrund seiner jüdischen Herkunft und polnischen Staatsangehörigkeit die „Hausierergenehmigung“ (Wandergewerbeschein) entzogen, bescheinigten 1962 Abraham und Taube Wartski ihrer „Nichte“ Eva in ihrer eidesstattlichen Erklärung „zum Zweck ihrer Entschädigungssache beim Landesamt für Wiedergutmachung in Karlsruhe […] zur gerechten Ausnützung“, wie sie es nannten. Sie selbst seien „damals und sehr lange Jahre in engen Beziehungen zur Familie Citronenbaum“ gestanden, schrieben sie. Diese Erklärung beinhaltet den einzigen Hinweis auf ein Verwandtschaftsverhältnis. Eva selbst erinnerte sich, dass dem Vater 1933/34 die Genehmigung entzogen worden war und „die Geldnot kam in unser Heim, wo wir vier junge Kinder waren“.
Der Vater Chaim Citronenbaum übernahm bei der Jüdischen Gemeinde Karlsruhe eine Aushilfstätigkeit als Lagerist, „kurzzeitig“, wie es in den Akten steht. Rachel Citronenbaum arbeitete ab Oktober 1935 in der Privatklinik von Dr. med. Theo(dor) Hirsch, Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in der Karlstraße 52/54 ganztägig als Köchin in der „rituellen Abteilung“ für ein normales Köchinnen-Gehalt. In ihrem Fall waren das 248 Reichsmark monatlich. Doch im Oktober 1937 musste die Klinik „abgegeben“ werden, wie es Gertrude Hirsch, die Witwe des Arztes später bezeichnete. Der neue Betreiber beschäftigte die jüdische Köchin in Privatklinik und Entbindungsheim natürlich nicht weiter. Dr. Theodor Hirsch und seine Familie wanderten aus, landeten im März 1938 in New York, voller Furcht und Bangen vor einer Zukunft in einem Land, dessen Sprache ihnen fremd war.

Wohnadresse Markgrafenstraße
Etwa 1935 zog die Familie Citronenbaum von der Durlacher Straße 52 in eine, vielleicht günstigere Vierzimmerwohnung mit Küche und Alkoven (Schlafgelegenheit, Bettnische) in der Markgrafenstraße 24 im 1. Obergeschoss um. Zuvor hatte dort bis zu seiner Auswanderung nach Wien im Oktober 1934 der aus Ungarn stammende David Kalisch, Religionslehrer der Religionsschule (Talmud Tora) der orthodoxen Religionsgesellschaft, Privatlehrer für talmudische Fächer, Privatlehrer für talmudisch-rabbinische Fächer und Aufsichtsperson für die Herstellung ritueller Verpflegung mit Ehefrau und fünf Kindern gelebt.

Drei Zeugen aus dem Haus Markgrafenstraße 24 berichteten, „dass die Ehefrau und die vier Kinder zu Beginn der Judenverfolgungen nach der Verhaftung des Vaters nach unbekannt weggezogen sind.“ Die Hausbewohnerin im Parterre erzählte 1962 im Büro der Kriminalpolizei deutlich mehr über die Familie Citronenbaum, nicht alles entsprach den Tatsachen. Sie gab an, sie hätte zu den jüdischen Feiertagen „kleine Handreichungen gemacht, da sie (die jüdische Familie) an diesen Tagen manches nicht berühren durften.“
Vom Familienvater Chaim Citronenhaum konnte sie nur berichten, dass er immer einen langen, schon abgetragenen Kaftan trug, den sie als „speckig“ bezeichnete. Die Wohnungseinrichtung konnte sie nicht beschreiben, denn sie sei „nur bis in die Küche“ gekommen. Die allerdings erschien ihr armselig, weil nur mit dem Notwendigsten möbliert: Kohlenherd, Gasherd, Küchenschrank, ein Tisch, mehrere Hocker und zwei silberne mehrarmige Leuchter. Die Frau gab allerdings auch zu Protokoll, die Familie „sei nach Haiti ausgewandert, schon 1937“ und davor seien mehrere Überseekoffer in der Wohnung der Familie gestanden. Frau Citronenbaum habe die Frage, ob sie nun alles mitnehmen dürften, bejaht. Wertvolle Gegenstände jedoch hätte sie bei der „[NSDAP]Ortsgruppe - Schwanenstraße“ abgeben müssen. Allerdings hätte sie bei Frau Citronenbaum nie zuvor Schmuck gesehen, denn orthodoxe Juden seien ja bekanntlich arm. Sie gab an, bei dieser Gelegenheit einen Herd für 15 Reichsmark von Frau Citronenbaum gekauft zu haben. Nach der „Auswanderung“ der Familie sei sie in deren ehemalige Wohnung gezogen „und da war kein Möbelstück mehr vorhanden.“
Die jüngste Tochter Eva erinnerte sich anders an das Geschehene. Ihre Eltern hätten anlässlich ihres gezwungenen Fortgangs in Karlsruhe fast alles zurücklassen müssen, die Wohnungseinrichtung sei beschlagnahmt worden. Auch Abraham Wartski gab an, Rachel Citronenbaum habe seiner Familie geschrieben, dass sie bei ihrer Ausweisung 1938/1939 Hab und Gut „im Stich lassen“ mussten.

Im sogenannten Wiedergutmachungsverfahren formulierte es ein Rechtsanwalt später so: Sicher sei, dass Chaim Citronenbaum Ende 1938 nach Polen kam. Problematisch sei es zu beweisen, „wann exakt, aufgrund welcher Anordnung oder Maßnahmen und in welchem Zusammenhang, und zwar zeitlich und räumlich, eine etwaige Abschiebung nach Polen, und zwar der einzelnen Familienmitglieder getrennt, erfolgte“.

„Polenaktion“ Oktober 1938
Ende Oktober 1938 verhängte der Reichsführer-SS und Chef der deutschen Polizei Heinrich Himmler ein Aufenthaltsverbot für im Deutschen Reich lebende Juden polnischer Herkunft. Ihre Abschiebung über die deutsche Ostgrenze nach Polen wurde angeordnet. Vorausgegangen war ein Gesetz, vom polnischen Parlament verabschiedet am 31. März 1938, das die Möglichkeit vorsah, allen polnischen Staatsbürgern, die länger als fünf Jahre ununterbrochen im Ausland lebten, die polnische Staatsbürgerschaft zu entziehen. Mit einem Erlass von Anfang Oktober 1938 sollte das Gesetz umgesetzt werden. Da die polnische Regierung, kaum weniger antisemitisch als die deutsche, Massenausweisungen aus dem Deutschen Reich zuvorkommen wollte, wurden polnische Bürger im Ausland aufgefordert, ihren polnischen Pass durch die für sie zuständigen Konsulate mit einem Kontrollvermerk versehen zu lassen. Anderenfalls würde er mit dem 30. Oktober 1938 ungültig. Der Besitzer würde damit staatenlos und verlöre die Berechtigung zur Einreise nach Polen. Die deutsche Führung ging vom Verbleib von 30.000 ehemaligen polnischen, staatenlos gewordenen Juden im Deutschen Reich und etwa 20.000 in Österreich aus. Der deutsche Verhandlungsführer, Staatssekretär Ernst von Weizsäcker, sprach von einem „Klumpen von 40.000- 50.000 staatenlosen ehemaligen polnischen Juden“, der Deutschland „in den Schoß falle“ und forderte die polnische Regierung auf, von dieser Reglementierung Abstand zu nehmen, andernfalls würde man die im deutschen Reich lebenden polnischen Juden noch vor Inkrafttreten des Gesetzes abschieben.

In Karlsruhe gingen detaillierte Anweisungen am Abend des 27. Oktober über Polizei- Funkdienst ein. Da der Funkspruch nicht alle Reichsteile zeitgleich erreichte, wurde die Anordnung je nach Wohnort zwischen dem 27. und 29. Oktober ausgeführt. Weil sie einen Interpretationsspielraum bot, wurde sie unterschiedlich umgesetzt. Von dieser Aktion betroffen waren in Karlsruhe männliche Juden mit gültigen polnischen Pässen ab dem vollendeten 18. Lebensjahr. Sie sollten nicht etwa selbstständig ausreisen, sondern umgehend festgenommen und am Folgetag, bis 12 Uhr zum „Verladebahnhof“ gebracht werden. Mitzunehmen war „Mundvorrat für zwei Tage“, nur Handgepäck und Geld im Rahmen der Devisengesetze. Am kommenden Tag, dem 28. Oktober zwischen sieben und acht Uhr in der Frühe war die Anzahl der „erfassten Transportflüchtlinge“ telefonisch zu melden. Insgesamt wurden umgehend 63 Aufenthaltsverbote ausgesprochen, 61 Männer in Abschiebehaft genommen.

Einer davon war der 61-jährige Familienvater Chaim Citronenbaum. Aus Berichten weiß man, wie die Karlsruher Gestapobeamten bei dieser Verhaftungsaktion vorgingen. Sie griffen die Männer auf, wie und wo sie sie vorfanden, ließen ihnen keine Zeit. Angehörige brachten teilweise das Handgepäck zum Karlsruher Hauptbahnhof, verabschieden konnten sie sich kaum.

Aus dem gesamten Reichsgebiet wurden insgesamt etwa 15.00 bis 17.000 polnische Juden mit Sonderzügen an drei Stellen zur Grenze zu Polen gebracht, das „Fahrgeld“ wurde entweder von ihnen direkt kassiert oder bei den Angehörigen später erhoben. Der größte Eisenbahntransport, in dem sich auch die aus Südwestdeutschland Deportierten befanden, ging bis zur Grenze gegenüber dem polnischen Zbąszyń (deutsch: Bentschen), ca. 100 Kilometer östlich von Frankfurt/Oder, dort wurden sie über die Grenze in das Niemandsland vor dem polnischen Grenzposten gejagt. Ob Chaim Citronenbaum aus Karlsruhe nach der Registrierung nach Polen einreisen konnte, weil er Verwandte in Polen benennen konnte, oder ob er in der deutsch-polnischen Grenzstadt Zbąszyń, die mittlerweile von der polnischen Regierung abgeriegelt worden war, interniert wurde, ist nicht bekannt. Doch die meisten der Menschen mussten teilweise wochenlang unter unbeschreiblichen Bedingungen verbringen, die oft beschrieben wurden, weil sie die polnische Regierung nicht aufnehmen wollte. Noch Schlimmeres verhinderten Einwohner und Stadtverwaltung mit Unterstützung von Hilsorganisationen, unter anderem „American Joint Distribution Comitee“, eine seit 1914 vor allem in Europa tätige Hilfsorganisation US-amerikanischer Juden für jüdische Glaubensgenossen. Dank ihres Einsatzes wurden die „Abgeschobenen“ in einigen polnischen Städten untergebracht.

Nachreise der Familie
Im Interesse des Reichsführers SS und Chefs der Deutschen Polizei lag nun die Nachreise aller Angehörigen, und tatsächlich folgten, aus der Not und Furcht heraus schon im Frühjahr 1939 die meisten Frauen mit ihren Kindern den Männern, Vätern, Brüdern und Söhnen. Rachel Citronenbaum, die mit vier Kindern in ärmlichsten Verhältnissen lebte, hatte keine Wahl. Mit den Gewaltexzessen vom 9./10. November 1938, dem Synagogensturm in Karlsruhe, war die Bedrohung gegenwärtig geworden. Diese als „spontan“ bezeichnete Aktion galt tatsächlich als Vergeltungsmaßnahme für das Attentat des 17-jährigen Herschel Grünspan, Sohn gerade ausgewiesener polnischer Juden aus Hannover, auf den Legationssekretär vom Rath in Paris.

Weder Esther noch Perla haben berichtet, wann und wie sie selbst nach Polen kamen, nur bruchstückhaft lässt sich die Familiengeschichte weiter schreiben:
Zeugen aus der Markgrafenstr. 24 sagten aus, Rachel Citronenbaum und vier Kinder seien „zu Beginn der Judenverfolgungen nach der Verhaftung des Vaters nach unbekannt weggezogen.“ Vor ihrer „Auswanderung“ fand Rachel Citronenbaum 1939 für ihre Jüngste, Eva, eine Zuflucht bei Fanny Tropper, geborene Schweber, in Frankreich, vermutlich Strasbourg, einer „Tante mütterlicherseits“, also eine Schwester von Rachel Citronenbaum, Taube Wartski und Henri Schweber. Die 14-Jährige fuhr wahrscheinlich alleine mit dem Zug nach Kehl, ohne Papiere und mit kaum Gepäck und wurde dort am Bahnhof abgeholt und über den Rhein nach Straßburg gebracht. Von ihrer Familie erhielt Eva, die sich in Frankreich Eve nannte, im Jahr 1939 die letzte Nachricht.
Esther, die älteste der Geschwister gab in den sechziger Jahren an, ihr Vater sei „anlässlich der bekannten Polen-Aktion am 28. Oktober 1938 nach Polen abgeschoben worden, die Familie „folgte im Sommer 1939 nach“.
Perla, geborene Citronenbaum berichtete am 11. September 1957, sie sei mit der Mutter im Jahr 1939 aus Deutschland nach Polen geflüchtet.
Ihre Schwester Eva schrieb, der Bruder Samuel sei mit seinen Eltern 1939 ab Karlsruhe abgeschoben worden. Eine Auskunft des ITS (Internationaler Suchdienst) Arolsen besagt, dass der 16-jährige Samuel Citronenbaum die Auflage erhielt, das Reichsgebiet bis zum 31. Juli 1939 zu verlassen, seine Berufsausbildung in der Saffianwaren-Branche musste er abbrechen. An dieser Stelle verliert sich seine Spur.

Möglich wäre gewesen, dass Chaim Citronenbaum mit einer befristeten Rückkehrerlaubnis in Karlsruhe den Haushalt auflöste, um dann umgehend mit Frau und Kindern nach Polen zurückzukehren, Hinweise darauf gibt es nicht. Wo und wann Chaim, Rachel, Esther und Pevel (Perla) Citronenbaum wieder zusammentrafen, ist nicht festzustellen.

Ghetto Tarnów
1958 berichtete Frau Frieda Kaminski, geborene Ascher, im Büro des Rechtsanwaltes Salpeter in Israel, sie habe Esther und Perla mit den Eltern Chaim und Rachel Citronenbaum im September 1939 in Tarnów, (deutsch: Tarnau) kennengelernt. Aus Rymanów sei die Familie dorthin gekommen. In der Stadt, etwa 65 Kilometer östlich von Krakau, erlebten sie am 7. September 1939 den Einmarsch der Deutschen Wehrmacht und die Zerstörung aller 40 Gebetshäuser und Synagogen bis zum November des gleichen Jahres. Fast die Hälfte der 56.000 Einwohner Tarnóws war jüdischen Glaubens und wurde nun zur Zwangsarbeit verpflichtet. Im März 1941 wurde das Ghetto Tarnów errichtet, etwa 40.000 Juden aus Tarnów und aus der Umgebung dort eingepfercht. Chaim und Rachel arbeiteten zunächst nicht, „später nahm man sie zur Straßenreinigung in der Stadt“, berichtete die Zeitzeugin. Später im Ghetto in Tarnów sah sie oft, wie man Esther zur Arbeit führte, zur Zwangsarbeit, für die „gar nichts bezahlt“ wurde. Auch Anna Salpeter, die ebenfalls in Tarnów auf Esther Citronenbaum und ihre Schwester Perla traf, gab bei Rechtsanwalt Salpeter zu Protokoll, der Familie sei es zuvor in Deutschland gut gegangen, doch „infolge des „Hitlerismus“ habe sie ihr ganzes Vermögen verloren.“ Beide Frauen erinnerten sich, dass sie alle unter Strafandrohung gezwungen wurden, bald nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Tarnów die „schändende Judenbinde auf dem Arm mit dem blauen Judenstern“ zu tragen.

Am 11. Juni 1942 begann der Massenmord an den Tarnówer Juden. Mehr als 3.500 von ihnen deportierte die SS ins Vernichtungslager Belzec, hunderte Menschen wurden auf dem jüdischen Friedhof erschossen. Wahrscheinlich starben auch Chaim und Rachel Citronenbaum bei diesem Massaker, ihre Tochter Perla gab später zu Protokoll, die Eltern seien 1942 in Tarnów bei einer „Liquidationsaktion erschossen worden. Wenige Tage danach wurden weitere 10.000 Juden nach Belzec verschleppt und etwa 20.000 im Ghetto abgeriegelt. Endgültig liquidiert wurde das Lager am 2. September 1943. An diesem Tag deportierte die SS etwa 7.000 Juden nach Auschwitz-Birkenau und 3.000 in das Konzentrationslager Plaszów, zeitgleich erschoss sie etwa 10.000 Juden, wiederum auf dem jüdischen Friedhof. Wenig später wurde Tarnów für „judenrein“ erklärt, die letzten jüdischen Zwangsarbeiter waren nach Plaszow verschleppt, getrieben worden.

Plaszów
Seit 1940 war in Plaszów ein „Zwangsarbeitslager des SS- und Polizeiführers im Distrikt Krakau“, in mehrere Bereiche gegliedert. Anfang Februar 1943 hatte dort Amon Göth, Beiname der “Schlächter von Plaszów“, das Kommando übernommen. Zeugnisse überlebender Juden berichten vom täglichen Grauen, das der sadistische, mordende Kommandant 500 Tage lang verbreitete.

Pevel (Perla) Citronenbaum wurde im August 1943 in das Arbeitslager Plaszów überwiesen, ebenfalls, zu unbekanntem Zeitpunkt kamen ihre Schwester Esther mit Frieda Kaminski und Anna Salpeter dort an. Ab Januar 1944 wurde das Arbeitslager zum Konzentrationslager. Ab September 1944 wurde es aufgelöst, die Lagerinsassen nach Auschwitz- Birkenau deportiert. Für diese Aktionen war einer der Nachfolger Göths zuständig, denn der war am 13. September 1944 durch die SS-Justiz wegen einer Anzeige seiner SS-Untergebenen verhaftet worden. Wegen der "Aneignung von Wertgegenständen und Geld jüdischer Häftlinge mit dem Ziel persönlicher Bereicherung" sollte dem SS-Hauptsturmführer der Prozess gemacht werden.
Esther Citronenbaum war, nach Schilderung von Anna Salpeter mit ihr gemeinsam bis zur Befreiung des Lagers (am 27. Januar 1945) in Plaszów. Vermutlich nach dem 31. Dezember 1946 emigrierte sie nach Israel.

Perla Citronenbaum war bis zur „Auflösung“ im Lager Plaszów. Beim „Marsch von Plaszów nach Oswiecim“ (Auschwitz) „gelang es zu fliehen“, gab sie im Rahmen des sogenannten „Wiedergutmachungsverfahrens“ zu Protokoll.
1949 wanderte sie über Italien nach Israel aus.

Eva Citronenbaum, die sich nun Eve nannte, lebte 1958 in Strasbourg, 1969 in Nancy, seit 1955 französische Partnerstadt von Karlsruhe.

Samuel Citronenbaum, der einzige Sohn von Chaim und Rachel Citronenbaum kam, so wird vermutet in Polen, während der deutschen Besetzung ums Leben. Nach § 180 BEG/ Bundesgesetz zur Entschädigung für Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung wurde er zum 8. Mai 1945 für tot erklärt.

(Christa Koch, September 2015)