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Jakob Cahnmann mit Stoppelhaaren, unmittelbar nach seiner Haft im KZ Dachau, Januar 1939. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Jakob Cahnmann

Nachname: Cahnmann
Vorname: Jakob
Geburtsdatum: 8. März 1893
Geburtsort: Karlsruhe (Deutschland)
Familienstand: ledig
Eltern: Daniel und Mina C.
Verwandtschaftsverhältnis: Lebenspartner von Toni C. (geb. 8.9.1889, protestantischer Konfession, gesch. Möller, geb. Fetzer);

Bruder von Sofie Falk, geb. C.
Adresse: 1933-1940: Kreuzstr. 3
Schule/Ausbildung: 1902-1911: Humboldt-Realgymnasium, bis Unterprima
Beruf: Redakteur (Werbeagentur)
Deportation: 11.11.1938 - 6.1.1939 in Dachau (Deutschland)
22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
4.9.1942 von Gurs nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Jakob Cahnmann

Jakob Cahnmann kam am 8. März 1893 in Karlsruhe zur Welt.
Sein Vater Daniel Cahnmann, der als Mathania Kahnmann am 9. Januar 1848 geboren wurde, entschied sich 1878, von Rheinbischofsheim im Ortenaukreis in die Landesmetropole Karlsruhe überzusiedeln, wo er hoffte, sein Glück zu finden. Er heiratete die aus dem bayerischen Mönchsroth stammende Mina Marx und eröffnete in der Kreuzstraße 3 in Karlsruhe ein kleines Manufakturwarengeschäft, um sich eine Existenz aufzubauen, die auch eine Familie ernähren konnte. Noch im gleichen Jahr 1878 gründete er zusammen mit einem weiteren jüdischen Kaufmann, Moritz – eigentlich Moses – Wachenheimer, der am Zirkel 23 ebenfalls ein Manufakturwarengeschäft hatte, die Firma Cahnmann & Wachenheimer in der Kreuzstraße 3.
Das erfolgreiche Unternehmen des Vaters ermöglichte es Jakob und seiner zwölf Jahre älteren Schwester Sophie (geboren am 7. Januar 1881), eine unbeschwerte Jugend in einem wohlhabenden Elternhaus zu verbringen. So wohnte die Familie in einer Sechszimmerwohnung in dem vom Vater 1895 abgerissenen und anschließend vollkommen neu errichteten eigenen Haus in der Kreuzstraße 3. Das vom renommierten Architekturbüro Curjel & Moser – dieses plante unter anderem die Stadthalle, das Konzerthaus, die Luther- und die Christuskirche in Karlsruhe – entworfene Haus bestand außer dem Geschäft des Vaters und vermieteten Geschäftsräumen im Erdgeschoss sowie den Wohnräumen der Cahnmanns im 1. Obergeschoss aus einer Drei- und einer Vierzimmerwohnung im 2. Obergeschoss, die ebenfalls vermietet wurden. Die recht guten Miet- und Geschäftseinnahmen erlaubten es der Familie Cahnmann, an einen großzügigen Ausbau ihres Hauses zu denken. Ihre zahlreichen Bauanträge stießen jedoch seitens der Behörden lange Zeit auf Ablehnung, bis schließlich 1921 wenigstens die Genehmigung erteilt wurde, angesichts der allgemeinen Wohnungsnot das Dachgeschoss der Kreuzstraße 3 umzubauen und zu vermieten.
Der Wohlstand der Familie war es auch, der es Jakob gestattete, nach Abschluss der Seminarschule I das Karlsruher Humboldt-Realgymnasium zu besuchen. Trotz seines hervorragenden und aufmerksamen Verhaltens – er hatte seine besten Noten stets in „Betragen“ bzw. in „Fleiß und Aufmerksamkeit“ – war er nur ein unterdurchschnittlicher Schüler. Deshalb musste er 1906 die Untertertia (entspricht der heutigen 8. Klasse) wiederholen und 1911, nach der Unterprima (entspricht der heutigen 12. Klasse), sogar die Schule verlassen, da er nicht in die Oberprima versetzt wurde. Dies mag noch in Zusammenhang mit dem frühen Tod seiner Mutter gestanden haben, die am 22. August 1908 verstorben war. Cahnmann allerdings scheint sich mit diesem schulischen Misserfolg nie abgefunden zu haben, da er Zeit seines Lebens, sogar Behörden gegenüber, behauptete, das Abitur erreicht zu haben.
Während des drei Jahre später beginnenden 1. Weltkriegs blieb er aufgrund eines „vererbten Nervenleidens“ vom Wehrdienst verschont und konnte seine Karriere als freier Journalist, die er nach dem Verlassen der Schule begonnen hatte, ohne Unterbrechung weiterführen. Cahnmann selbst bezeichnete sich immer als „Schriftsteller“, obwohl er ausschließlich journalistische Arbeiten tätigte. Er schrieb Artikel zum Thema Kultur und Tourismus, so beispielsweise für die „Vossische Zeitung“, die „Süddeutsche Zeitung“ aus Stuttgart, die „Badische Presse“, das „Berliner Tageblatt“ und die renommierte „Zürcher Zeitung“. Im „Karlsruher Tagblatt“ gestaltete er das regelmäßig erscheinende Einlegeblatt „Schwarzwald-Sondernummer“, für welches er allein verantwortlich war. In diesem Zusammenhang reiste er drei bis vier Wochen im Jahr mit seinem privaten PKW durch den Schwarzwald. Beruf und Freizeitvergnügen verband er hierbei offensichtlich, so war er Mitglied des „Skiclub-Schwarzwald“ (heute „Ski-Club Karlsruhe 1893“). Eines seiner wichtigsten beruflichen Felder war, das Werbematerial für den Verkehrsverein Karlsruhe und den Schwarzwälder Hotelbesitzerverein zu gestalten. Obwohl er vielen als ein wichtiger Promotor des Tourismus in der Region galt, blieb er trotzdem „ruhig und bescheiden“, wie ein Hotelier später hervorhob.
Zu Jakob Cahnmanns Privatleben ist zu sagen, dass er 1916 die geschiedene Toni Möller, geborene Fetzer, in seinem in der eigenen Wohnung befindlichen Büro als Schreibkraft eingestellt hatte. Sie war am 8. September 1889 im thüringischen Langensalza geboren. Im Laufe der Zeit entwickelte sich zwischen den beiden eine engere persönliche Beziehung. Einige Zeit nach dem Tod Daniel Cahnmanns am 16. September 1926 zog Toni Möller mit ihrem Sohn aus erster Ehe in die Cahnmannsche Wohnung ein. Nicht mit in diese Lebensgemeinschaft brachte sie eine Tochter aus erster Ehe, wohl aber bezog ihre Mutter, Luise Fetzer, eine kleine Wohnung im Erdgeschoss des Hauses Kreuzstraße 3. Des Weiteren zog Jakob Cahnmanns Schwester Sofie, die 1906 den Privatdozenten Dr. Felix Falk geheiratet hatte, sich inzwischen aber wieder von ihm getrennt hatte, mit in die Wohnung. Somit versorgte Cahnmann von nun an nicht nur sich selbst, sondern auch seine Lebensgefährtin, deren Sohn und Mutter sowie seine Schwester. Die Art der Beziehung zwischen ihm und Toni Möller war für die damalige Zeit äußerst ungewöhnlich, da sie nicht verheiratet waren, Toni Möller geschieden war, Kinder von einem anderen Lebenspartner hatte und auch noch protestantischen Glaubens war. Dies ist ein deutlicher Beleg für Jakob Cahnmanns liberale und unkonventionelle Lebenseinstellung und seine Unabhängigkeit von gesellschaftlichen Normen.
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 resultierten aus der Beziehung zwischen den beiden weitere Probleme. 1934 – und damit noch vor den „Nürnberger Rassegesetzen“, die „Mischehen“ untersagten – wollten Jakob Cahnmann und Toni Möller heiraten, doch der offensichtlich vom Nationalsozialismus überzeugte Standesbeamte schüchterte das Paar, das in eine solche „Mischehe“ eintreten wollte, dermaßen ein, dass die beiden letztendlich von ihrem Vorhaben Abstand nahmen. Weitere und deutlich härtere Schikanen blieben nicht aus. Toni Möller wurde zwei Tage wegen „Rassenschande“ inhaftiert, und Jakob Cahnmann wurde die Ausübung seiner journalistischen Tätigkeit nahezu unmöglich gemacht. Nachdem am 5. Oktober 1933 das „Schriftleitergesetz“ verabschiedet worden war, nahmen ihm die überdies längst „gleichgeschalteten“ Zeitungen auch keine Artikel mehr ab. Die Gestapo kontrollierte regelmäßig, ob etwa doch noch eine journalistische Betätigung Cahnmanns erfolgte. Allerdings gelang es diesem bis 1935 unter einem Pseudonym, Artikel für den „Badischen Beobachter“ zu verfassen, der ehemals der Zentrumspartei nahegestanden hatte. Im November 1938, als die antijüdische Politik der Nationalsozialisten einen weiteren Höhepunkt erreichte, wurde Jakob Cahnmann in Zusammenhang mit den Geschehnissen der „Reichspogromnacht“ mehrfach misshandelt – hierbei erlitt er einen Kieferbruch – und schließlich am 11. November 1938 ins KZ Dachau deportiert. Von dort wurde er am 6. Januar 1939 nochmals freigelassen, da er versprochen hatte, Deutschland zu verlassen und nach Amerika auszuwandern. Dies hat er jedoch nie getan, sondern blieb in Karlsruhe. Ein Pass- beziehungsweise Visumsantrag von ihm ist aktenmäßig nicht überliefert, weshalb davon auszugehen ist, dass er nie einen solchen gestellt hatte. Ob dies aus Rücksicht auf seine Lebensgefährtin oder aus anderen Gründen geschah, lässt sich nicht mehr feststellen.
Keine zwei Jahre nach seiner Rückkehr aus dem KZ Dachau wurden Jakob Cahnmann und seine Schwester wie die meisten badischen Juden am 22. Oktober 1940 in das in Frankreich gelegene Internierungslager Gurs deportiert. Von dort aus wurde er am 1. September 1942 ins Durchgangslager Drancy bei Paris gebracht und von dort aus wiederum am 4. September 1942 in das Vernichtungslager Auschwitz in Polen. Hier wurde Jakob Cahnmann zu einem unbekannten Zeitpunkt ermordet.

Seine Schwester Sofie Cahnmann hingegen überlebte den Holocaust trotz Lageraufenthalten in Gurs und Pau (ebenfalls in Frankreich). Nach dem Krieg lebte sie ohne eigenes Einkommen in schlechten Verhältnissen in Straßburg. Das große Haus in der Kreuzstraße und ihr sonstiges Vermögen, darunter zum Beispiel zahlreiche Ölgemälde und eine stattliche Briefmarkensammlung, waren am 25. November 1941 auf Basis des „Reichsbürgergesetzes“ vom NS-Staat beschlagnahmt worden. Am 13. August 1964 starb sie an den Folgen der schweren Leiden, die sie während ihrer Lagerzeit durchlitten hatte.

Jakob Cahnmanns Lebensgefährtin Toni Möller lebte seit der Deportation Cahnmanns mittellos von der Fürsorge. Da sie nach Kriegsende glaubhaft nachweisen konnte, dass ein Standesbeamter 1934 ihre Heirat verhindert hatte, wurde durch das Amtsgericht Karlsruhe am 10. August 1949 rückwirkend zum 1. Januar 1936 die Ehe mit Jakob Cahnmann verfügt. Dies stellte ein herausragendes und außergewöhnliches behördliches Handeln nach 1945 dar, das im Zuge der „Wiedergutmachung“ positive finanzielle Auswirkungen für die nunmehrige Witwe Toni Cahnmann hatte. Einen wirklichen Ausgleich für die erlittenen Verfolgungen und das erlebte Leid konnten die durch den Gerichtsbeschluss ermöglichten Zahlungen freilich nicht darstellen.

(Stephan Grotz und Dominik Colling, Humboldt-Gymnasium 13. Klasse, März 2006)