Personendaten

Leo Max Fleischer

Nachname: Fleischer
Vorname: Leo Max
Geburtsdatum: 2. Juli 1917
Geburtsort: Zürich (Schweiz)
Familienstand: verheiratet
Eltern: Jakob und Scheindel, geb. Alpern, F.
Verwandtschaftsverhältnis: Ehemann von Marjem F.;

Bruder von Frieda Ida, Oskar Hermann, Adolf, Jeanette (geb. 1931) und Renée (geb. 1933)
Adresse: bis 1925: Waldhornstr. 21
1925-1926: Waldhornstr. 7
1926: Kaiserstr. 211
1927-1929: Kronenstr. 6
ab 1929: Waldhornstr. 7
Emigration: 1931 nach Frankreich
Deportation: 19.8.1942 von Drancy nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Jakob Fleischer und Leo Max Fleischer mit Ehefrau Marjem

Auch im Andenken an die überlebende Scheindel Fleischer und ihre Kinder

Herkunft
Das Ehepaar Jakob und Scheindel Fleischer stammte ursprünglich nicht aus Deutschland. Sowohl Jakob Fleischer als auch Scheindel, geborene Alpern, waren im osteuropäischen Galizien geboren und aufgewachsen. Tarnobrzeg war eines der so genannten Schtetl, oft Kleinstädte mit einem hohen jüdischen Bevölkerungsanteil. Ihre Geschichte geht oft auf das Mittelalter zurück, als der polnische König Boleslaw im 12. Jahrhundert vor Pogromen geflohenen Juden aus deutschen Landen die Niederlassung erlaubte. Die traditionelle und besondere Religiösität hatte sich bis in das 19. Jahrhundert gehalten, ganz im Gegensatz zu den Juden in Mitteleuropa, die den Einflüssen der Aufklärung sowie der Assimilation unterworfen waren, und selbst diejenigen, die auf Tradition Wert legten, hatten ihre Orthodoxie den modernen Veränderungen nach 1860 angepasst. Dagegen gab es in dieser osteuropäischen Region eine ganz besondere jüdische Kultur, die allerdings oft auch mit Armut gepaart war. Dieses jüdische Leben endete erst mit der Besetzung Polens 1939 durch die nationalsozialistische Aggression und der folgenden Ermordung von über vier Millionen polnischer und russischer Juden.
Jakob Fleischer wurde am 15. Oktober 1887 in Tarnobrzeg geboren und hatte dort die Elementarschule besucht. Tarnobrzeg, am rechten Ufer der Weichsel, im heutigen südostlichen Polen gelegen, war damals ein Städtchen mit etwa 3.500 Einwohnern, wovon über 2.800, also nahezu 80 Prozent, jüdisch waren. Dieser Ort war ein Zentrum der religiösen Richtung des Chassidismus gewesen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Familie Fleischer ebenfalls dieser sehr frommen Bewegung angehörte. Tarnobrzeg war bei der 1. Teilung Polens 1772 unter österreichische Herrschaft gekommen. Dort blieb es bis nach dem Ersten Weltkrieg und dem Friedensvertrag von Trianon 1920, der einen Staat Polen wiederherstellte. Da hatten die Fleischers ihren Herkunftsort bereits verlassen und hatten auch keinerlei Beziehung zu Polen als Staat. Diese osteuropäischen Landstriche waren im 19. Jahrhundert von der industriellen Entwicklung abgehängt worden, Landwirtschaft und Handel ernährten die gewachsene Bevölkerung nicht mehr ausreichend. Die daraus resultierenden gesellschaftlichen Spannungen hatten auch zu antijüdischen Stimmungen und Aggressionen geführt, in den angrenzenden russischen Gebieten gar zu regelrechten Pogromen. Doch auch in Tarnobrzeg dürfte noch um 1900 die mündliche Erinnerung an antijüdische Ausschreitungen im Ort Ende des 17. und zu Beginn des 18. Jahrhunderts lebendig gewesen sein. Damals waren Juden des Ritualmordes an christlichen Jungen beschuldigt worden.
In der Hoffnung auf bessere Lebensumstände verließen noch vor 1900 hunderttausende Menschen das Land in Richtung Westen, viele gingen in die USA, andere in die Zentren Österreich-Ungarns wie Wien und Prag, andere nach Deutschland und auch Frankreich. Dies ungeachtet der Tatsache, dass im ungarischen Landesteil der Habsburger Monarchie viele Einschränkungen, wie die Verpflichtung zum Judeneid, Verbot des Landbesitzes oder die Notwendigkeit der Eheerlaubnis bereits 1859/60 aufgehoben worden waren und ähnlich wie in Deutschland, 1867 das Gesetz zur Judenemanzipation - d.h. der staatsbürgerlichen Gleichstellung - im Parlament angenommen worden war. 1850 lebten 340.000 Juden in Ungarn, bis 1910 wuchs ihr Anteil auf 910.000. 1895 erfuhr das Judentum die größte Anerkennung, indem es dem Katholizismus gleichgestellt wurde.

Jakobs Eltern waren Leib und Recha Fleischer (geborene Schiffmann). Die Familie hatte lange Zeit in Tarnobrzeg gelebt, als sie und ihre teils erwachsenen Kinder die Stadt 1909 verließen und nach Deutschland kamen. Sie lebten in Köln, wo sie beide 1920 auch verstarben. Anzunehmen ist, dass dort entweder bereits Verwandte lebten oder andere Bekannte. Es war ein typisches Verhalten der Immigranten sich dort anzusiedeln, wo dadurch schon Strukturen zum besseren Überleben bestanden. Jakob war 1912 nach Trier gegangen. Dort war er polizeilich als Reisender gemeldet. Polizeilich festgehalten ist auch, dass er nach Tarnobrzeg reiste, verwandtschaftliche Verbindungen müssen also noch gepflegt worden sein und vermutlich gingen diese Beziehungen nahtlos ins Berufsleben über. Nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs musste Jakob Fleischer zum Militär einrücken, aufgrund seiner österreichisch-ungarischen Herkunft zum österreichischen Heer 1915. Wir wissen nichts über seine Kriegsverwendung, jedenfalls wurde er lange vor Kriegsende wieder entlassen. 1917 ist er in Zürich in der Schweiz zu finden, wo ihn die Kantonspolizei als Reisenden gemeldet hat. In Zürich lebte er bereits zusammen mit Scheindel Alpern, die beiden bekommen am 2. Juli 1917 dort ihr gemeinsames Kind Leo Max. Keine vier Wochen später erfolgt die standesamtliche Trauung vor dem Züricher Zivilstandesbeamten. Ob die beiden zuvor die Ehe religiös geschlossen hatten, muss offen bleiben, kann aber vor dem religiösen Hintergrund vermutet werden.

Scheindel Fleischers Geburtsname war Alpern. Sie wurde am 12. April 1897 in Horodenka geboren. Horodenka ist eine Kleinstadt in der heutigen westlichen Ukraine. 1772 aber war es ebenso wie das genannte Tarbrzeg als Teil Galiziens an die Habsburger Monarchie gekommen. Der Ort war während des Ersten Weltkrieges umkämpft und mehrmals von der russischen Armee erobert worden. Mit der Auflösung Österreich-Ungarns im Friedensvertrag zu Trianon 1920 wurde Horodenka wie dieser Teil Galiziens polnisch. Durch den so genannten Hitler-Stalin-Pakt von 1939 kam dieser östliche Teil Polens zur Sowjetunion und blieb nach deren Auflösung nach 1990 Bestandteil der Ukraine.

Scheindels Vater, Abraham Isaak/Isidor, wurde am 30. Dezember 1869 im österreichisch-ungarischen Wiznitz in der Bukowina (heute Ukraine), geboren, die Mutter Rifka/ Rebeka Alpern als geborene Bermann am 15. Mai 1870 in Horodenka. Hier in dieser Stadt mit rund 10.000 Einwohnern vor 1900, wovon über ein Drittel Juden waren, also ebenfalls eines der „Schtetl“, lebte die Familie zunächst, ehe sie kurz vor 1900 emigrierte. Scheindel war als erstes Kind der Familie noch in Horodenka geboren worden. Die Familie lebte zuerst in Berlin, im so genannten Scheunenviertel, da wo viele arme jüdische Zuwanderer aus Osteuropa erst einmal sesshaft wurden. Dann zogen sie für einige Jahre nach Mannheim. Der Vater verdiente den Familienunterhalt einmal als Kassierer, einmal als Handelsmann, also unter sehr bescheidenen Verhältnissen. Scheindel hatte fünf Geschwister: Nathan *23. November 1900 Berlin, Leo *12. Februar 1903 in Berlin, Michael *12. April 1904 in Mannheim (er starb am 9. April 1908 in Mannheim), Moses *24. März 1909 in Mannheim (er wurde am 4. März 1943 von Drancy nach Majdanek deportiert. Sein Todesdatum ist nicht bekannt, vermutlich jedoch unmittelbar bei der Ankunft, siehe auch seine Biographie im Gedenkbuch) und Jakob *13. September 1910 in Mannheim.
Abraham Isaak Alpern starb am 17. September 1927 in Karlsruhe, seine Frau ein Jahr später am 11. September 1928.

Das Leben der Familie in Karlsruhe
Diese Herkunft von Scheindel war vermutlich Anlass zum Entschluss der jungen Familie, dass sie nach der Hochzeit von Zürich zurück nach Karlsruhe kam. Hier wurde dann die zweite Tochter Frieda Ida am 10. November 1919 geboren. Am 18. Juni 1927 wurde Oskar Hermann geboren und ein Jahr später kam als Jüngster Adolf am 23. November 1928 in Karlsruhe auf die Welt.
Bemerkenswert erscheint die gesellschaftliche Anpassung. Trugen die Eltern und die in Osteuropa geborenen Kinder noch eindeutig jüdische Vornamen, so war dies bei den in Deutschland geborenen Nachfahren bereits nicht mehr so offensichtlich. Es kann vermutet werden, dass die erste Zuwanderergeneration noch sehr von ihrer Herkunft geprägt war, in der Kleidung, im Verhalten und wahrscheinlich auch in der Sprache. Die Eltern von Jakob wie von Scheindel haben vermutlich allein jiddisch gesprochen. Bei den hier aufgewachsenen Kindern und Kindeskindern änderte sich das. Wahrscheinlich fielen Leo Max und Frieda Ida Fleischer gegenüber deutschen Kindern nicht mehr besonders auf.
Hinzu kam, dass es Jakob Fleischer scheinbar gelang, recht schnell und gut geschäftlich Fuß zu fassen. Er besaß ein In- und Export-Geschäft für Eisenwaren und Maschinen. Sein zu versteuerndes Einkommen soll 1920 6.000 Mark im Jahr betragen haben, das hieß ein ganz gutes Wohlstandsniveau für diese Zeit. Es scheint aber nicht von Bestand gewesen zu sein.

Mit der politischen Veränderung nach dem Ersten Weltkrieg ergaben sich Probleme für Jakob Fleischer. Rechtlich war er Ausländer und galt als Pole. Da ihm dies als Geschäftsmann nachteilig war, ebenso hinsichtlich des Aufwachsens der Kinder, versuchte er 1920 die deutsche Staatsbürgerschaft zu erlangen. Aufgrund der guten wirtschaftlichen Lage der Familie stimmte der Stadtrat von Karlsruhe sogar zu. Die ministerielle Erlaubnis dazu aber wurde verweigert, offiziell, weil der Aufenthalt in Baden noch keine 10 Jahre betragen habe. Vermutlich lag der wahre Grund aber darin, dass die Innenminister der deutschen Länder, allen voran das preußische Innenministerium, zu dem damaligen Zeitpunkt die deutsche Staatsbürgerschaft an Juden osteuropäischer Herkunft oft verweigerten, weil sie darin durch die kulturellen Unterschiede eine unerwünschte Zuwanderung sahen. Nach der Ablehnung seines Antrages unternahm Jakob Fleischer keinen weiteren Versuch für sich und seine Familie, deutsche Staatsbürger zu werden.

Leo Max, der älteste Sohn von Jakob und Scheindel, besuchte von 1924 bis 1928 die Volksschule und ging von 1928 bis 1930 auf die Kant-Oberrealschule (heute Kant-Gymnasium). Daran lässt sich erkennen, dass die Familie bestrebt war, sich zu assimilieren und einen sozialen Aufstieg durch Bildung wenigstens des ältesten Sohnes anstrebte.
Die Familie zog innerhalb von fünf Jahren mehrmals um. Von 1919 bis 1925 wohnte sie in der Waldhornstraße 21, anschließend zog sie in die Waldhornstraße 7 (1925-1926). In den darauf folgenden Jahren wohnten sie in der Kaiserstraße 211 (1926), in der Kronenstraße 6 (1927-1929) und 1929, wie zu Beginn, in der Waldhornstraße 7.

Übersiedelung nach Frankeich
Die Familie Fleischer verließ Deutschland am 18. Februar 1931 und begab sich nach Frankreich. Dies war lange vor dem Machtantritt des Nationalsozialismus. Obwohl die Familie vermutlich neben der einen oder anderen Diffamierung wegen ihrer osteuropäischen Herkunft auch ab und zu spezifische antisemitische Schmähungen erfahren haben könnte, scheidet nationalsozialistischer Antisemitismus damit aber wohl aus. Vermutlich waren die schlechten wirtschaftlichen Lebensbedingungen der eigentliche Grund für die Entscheidung.

Die Familie zog zuerst nach Mulhouse im südlichen Elsass für einige Monate, dann nach Sedan (Ardennes) nahe der Grenze zu Belgien und lebte am Place d´Isle 10. Frankreich war in jenen Jahren ein liberales Land, seine Politik gegenüber Einwanderungswilligen wurde auch als „Politik der offenen Tür“ bezeichnet. Vermutlich ist dies etwas überzeichnet, da es durchaus auch Gesetze gegen Einwanderung gab. Aber zehntausende Juden aus Osteuropa und seit den 1930er Jahren aus Deutschland und Österreich kamen in das Land. Von 350.000 Juden in Frankreich vor dem Zweiten Weltkrieg waren etwa die Hälfte Nichtfranzosen.

Die Familie Fleischer hatte sich inzwischen noch vergrößert: Am 2. November 1931 wurde Jeanette in Sedan geboren. Das jüngste Kind der Familie Renée wurde am 3. September 1933 ebenfalls dort geboren.
Von was lebte die Familie? Es ist ein Eintrag aus dem Handelsregister in Sedan überliefert, der bescheinigt, dass Jakob Fleischer ab 26. August 1931 einen fahrenden Handel in Konfektion, Wäsche und Bonneterie (Strumpfwaren) unter seinem Namen führte. Das war wohl keine besondere Existenz, 1938 ging die Familie nach Lens. Jakob Fleischer arbeitete hier 1937/38 als Handelsreisender, zunächst für Textilwaren, wo er sich auskannte, aber später auch für ein Radiogeschäft in Lens mit den Marken Desmet und Philipps.
Der älteste Sohn Max Leo hatte sich auf eigene Füße gestellt und als Alleininhaber ein Textilgeschäft in Lens in der Rue du Champs des Mars eröffnet.
Der Grund für den Wechsel mag gewesen sein, dass die Familie des Onkels von Scheindel Fleischer, Isak Abraham Alpern, 1933 aus Karlsruhe nach Frankreich, Lens gekommen war und es ihr besser gelungen war, Fuß zu fassen. Vermutlich war das familiäre Netzwerk sehr wichtig.

Verfolgung, Flucht, Deportation, Verstecken
Als deutsche Truppen im Mai 1940 in Frankreich einmarschierten, gehörten die Fleischers zu dem großen Flüchtlingsstrom, der gegen Süden zog. Sie strandeten in Castelnaudary im Languedoc im unbesetzten Frankreich, immerhin zunächst unbehelligt vom direkten deutschen Zugriff. Als Aufenthaltsort wurde ihnen dann Lasbordes zugewiesen, ebenfalls im Languedoc gelegen, und schließlich La Bastide dAnjou in der Nähe von Valence. Über ihr Leben in dieser Zeit wissen wir keine Einzelheiten.

Mit dem Beginn der Deportationen in die Vernichtungslager seit Sommer 1942 und der Besetzung ganz Frankreichs im Herbst 1942 war ihr Leben immer mehr gefährdet. Von Mitte Juli 1942 bis Mitte November 1942 verließen, zumeist vom Sammellager Drancy bei Paris aus, 40 Deportationstransporte mit mehr als 42.000 Menschen Frankreich mit dem Ziel Auschwitz. In den beiden folgenden Jahren wurden weitere 32.000 Juden aus Frankreich zumeist nach Auschwitz deportiert, die Organisation der Deportationen wurde nun von französischer "Milice" und einem Sonderkommando übernommen, immer mehr auch direkt durch deutsche Häscher ausgeführt.
Jakob Fleischer wurde schließlich im März 1943 in La Bastide von deutschen Gestapomännern verhaftet und unmittelbar nach Drancy, dem großen Durchgangslager für die Transporte in die Vernichtungslager, gebracht. Am 6. März 1943 wurde er in den Zug in das Vernichtungslager Majdanek gepfercht. In jenen Märztagen gab es in Auschwitz Kapazitätsengpässe beim Morden. Jakob Fleischer wurde unmittelbar nach Ankunft am 11. März im Vernichtungslager Majdanek ermordet.

Am 3. April 1940, noch vor der Flucht beim Einmarsch der deutschen Truppen, hatten Leo Max Fleischer und Marjem Zylberstein ohne zivilrechtliche Niederschrift, das heißt allein religiös, geheiratet. Marjem stammte aus Lodz, wo sie am 10. Januar 1922 geboren war.
Unter einer der zahlreichen Verhaftungen am 6. August 1942 waren Leo Max Fleischer zusammen mit seiner Frau, Marjem Fleischer. Am 19. August 1942 wurden Leo und Marjem Fleischer mit dem Transport 21 nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Ab hier verliert sich ihre Spur. Es ist anzunehmen, dass sie sofort vergast wurden.

Am 2. Februar 1941 war der kleine Adolf Fleischer im Alter von 13 Jahren in Lasbordes gestorben. Die genauen Umstände sind unklar. Es existiert ein Gedenkblatt seines Neffen bei Yad Vashem in dem es heißt, dass Adolf 1941 im südfranzösischen Lasbordes (Aude) ermordet worden sei. Dazu fehlt aber gesichertes Wissen. Vielleicht starb er auch infolge einer Erkrankung oder eines Unfalls?

Scheindel Fleischer aber war sofort nach Verhaftung ihres Ehemannes in die Nähe von Nizza geflohen. Nizza gehörte seit dem Herbst 1942 zur italienisch besetzten Zone, ehe das Gebiet nach dem Sturz Mussolinis im September 1943 von der Wehrmacht besetzt wurde.
Dort lebte sie ein halbes Jahr unbehelligt, aber in Nervosität, was mit ihren Kindern war, die inzwischen in einem Kinderheim lebten, und ihnen allen noch widerfahren würde. Im Herbst 1943 musste sie sich nach Megève Haute-Savoie begeben und sich dort täglich dreimal täglich bei der Polizei melden.
Der Weg der Kinder ist nur lückenhaft nachzuzeichnen. Oskar Fleischer gab später an, dass sie Hilfe durch das Rote Kreuz erfahren hätten. Das muss jedoch die Hilfe gewesen sein, die sie erst in der Schweiz erfuhren. Denn er und seine Geschwister gehörten zu den Gruppen von Kindern, die durch Hilfsorganisationen im Untergrund illegal in die Schweiz gebracht wurden. Aus ihrem nachträglichen Bericht in der Schweiz lässt sich entnehmen, dass sie im August 1943 in einer zehnköpfigen Kindergruppe an die Schweizer Grenze, nach Thonon, ganz nahe Genf, gebracht wurden. Es erwartete sie ein Schmuggler (Passeur) außerhalb des Dorfes, der sie an den Grenzstacheldraht führte, unter dem sie schließlich durchschlüpften und auf der Schweizer Seite, bereits in Sicherheit, gingen sie eine Weile, bis sie auf einen Schweizer Grenzpolizisten trafen, der sie zum Polizeiposten des Dorfes Hermance brachte. Ihre Ankunft in der Schweiz wurde am 28. August 1943 um 22:30 Uhr amtlich festgehalten. Als Kinder wurden sie von den Schweizer Behörden nicht zurückgeschickt, von nun an kümmerten sich das Schweizer Rote Kreuz und jüdische Selbsthilfeorganisationen um sie. Die elfjährige Jeanette und die neunjährige Renée kamen zusammen mit ihrem 14-jährigen Bruder Oskar Hermann über das Heim Cropettes in das Kinderheim Champéry, wo sie Schulunterricht erhielten.
Auch Scheindel Fleischer flüchtete zur selben Zeit, aber getrennt von ihren Kindern, in die Schweiz. Für Erwachsene war dies wesentlich schwerer, da sie stets befürchten mussten, zurückgeschickt zu werden. Im Gegensatz zu ihren Kindern liegen uns keine Schweizer Unterlagen zur illegalen Flucht vor. Sie muss Ende August oder Anfang September 1943 die Grenze passiert haben. Nach ihren späteren Angaben war sie dann am 5. September 1943 von den Behörden nach Luzern in das dortige Internierungsheim Tivoli gekommen. Die Schweiz nahm die Flüchtlinge vor dem nationalsozialistischen Terror nicht mit offenen Armen auf. Die Kinder kamen unweigerlich mit zionistischen Gruppen in Kontakt, die das Ziel hatten, Waisen und Halbwaisen nach Palästina zu bringen, da sie ihre Absicht zur Bildung eines eigenen Staates immer mehr forcierten. Hierüber muss wohl auch die Verbindung zur Mutter hergestellt worden sein. Und alle zusammen begannen am 29. Mai 1945 ihre Reise nach Palästina, wo am 19. Juni 1945 ihre Einreise registriert wurde.

Nachwort
In Israel begann die Familie ein neues Leben. 1975 verstarb Scheindel Fleischer. Sie hatte bei ihrer Tochter Renée in Ashkelon gelebt. Die Familien und ihre Nachfahren leben noch heute in Israel. Oskar Hermann ging nach Ramat-Gan und Reneé nach Haifa. Die Tochter Ida Frieda, die den Krieg versteckt überlebte, heiratete und lebt noch heute hoch betagt in der Nähe von Paris.

(Ruth Krämer, Bertha-von-Suttner-Schule Ettlingen, 12. Klasse, März 2011)