Personendaten

Hermann Eckstein (Hirsch, Naftul Chil Eksztajn)

Nachname: Eckstein
abweichender Nachname: Eksztajn
Vorname: Hermann
abweichender Vorname: Hirsch, Naftul Chil
Geburtsdatum: 19. Januar 1897
Geburtsort: Brzeziny (Russland, heute Polen)
Familienstand: verheiratet
Eltern: Izek Szyme und Golda, geb. Kron, E.
Verwandtschaftsverhältnis: Ehemann von Cäcilie E.;

Bruder von Selda Marie (17.2.1892-1942), Josek (19.1.1897-?), Szlama Chaim (15.5.1898-?), Berek Munysz (17.2.1901-?) und Juda Lajb (14.8.1904-1942)
Adresse: Leopoldstr. 29
1933/34: Gartenstr. 1
1938: Adlerstr. 38
Beruf: Kaufmann (Altwarenhändler [?])
Deportation: 1938 Abschiebung nach Polen (Polen) [?]

Biographie

Hermann Hirsch Eckstein

Die Geschichte von Hermann Eckstein ist nur sehr bruchstückhaft darstellbar. Daher möchte ich eine Art Werkstattbericht geben über das, was ich herausfinden konnte.

In einer in den 1960er Jahren von dem städtischen Statistiker Konrad Spyra erstellten Kartei Karlsruher Juden der Vorkriegszeit gibt es einen Hermann Hirsch Eckstein, geboren 19.1.1897, „lt. Brief von Nichte Erna Lenczicki (Israel), geborene Eckstein in Mannheim, 38 nach Polen deportiert (verschollen)“, sowie einen „Naftalin“ Eckstein, „siehe Eksztajn?“, geboren 19.6.1897, „28.10.1938 nach Polen ausgewiesen (verschollen)“.
Wohl anhand der Adressbücher – die Karlsruher Melderegister sind im Krieg verbrannt – wird der erste Name an der Adresse Leopoldstraße 29 und Gartenstraße 1, der zweite an der Adresse Adlerstraße 38 verortet. Anmerkungen in Bleistift mit Fragezeichen deuten an, dass beide identisch sein könnten.

90% der damals gut drei Millionen Jüdinnen und Juden in Polen sind im Holocaust umgekommen, viele bis heute undokumentiert. Da es einen Aufenthaltsort in Deutschland gab, finden sich die beiden Namen imGedenkbuch des Bundesarchivs für die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Deutschland (1933-1945), allerdings als bloße Zitate der Spyra-Kartei, ohne weitere Anhaltspunkte.

Die angegebene Ausweisung nach Polen am 28. Oktober 1938 passt andererseits nicht zu der vollständig erhaltenen Karlsruher Deportationsliste dieser sogenannten „Polen-Aktion“ (ITS Arolsen Gestapo Ordner 26, V.C.C. 155/XIII, Kopie in Stadtarchiv Karlsruhe 8/StS 34/136), in der keine Person namens Eckstein vorkommt. Auch das erwähnteGedenkbuch des Bundesarchivs, das mittlerweile viele Einträge zu den im Oktober 1938 aus ganz Deutschland nach Zbąszyń Abgeschobenen enthält, nennt ihn hierunter nicht, was aber nicht aussagekräftig ist, da weniger als die Hälfte der etwa 17.000 Betroffenen namentlich bekannt sind.

Gegen die Vermutung, dass es sich um zwei verschiedene Personen handelt, spricht nicht nur das sehr ähnliche Geburtsdatum, in Handschrift leicht verwechselbar als „Jan.“ und „Jun.“, sondern noch vielmehr der Umstand, dass Naftali und Hirsch traditionell zusammengehörende Namen sind. In Genesis 49,9-27 vergleicht Jakob seine Söhne Jehuda, Naftali und Benjamin mit Löwe, Hirsch und Wolf, daher die sehr häufigen Vornamen-Verbindungen Juda-Leib, Naftali-Hirsch und Benjamin-Wolf.

Neben den Karten für Hermann bzw. Naftali gibt es eine Karteikarte für Hermanns Ehefrau Cäcilie (Cilly) Eckstein „geb. Bloch“, geboren am 7.4.1906 in Karlsruhe, „angeblich lt. Brief [...] 38 nach Polen deportiert (verschollen)“.

Cäcilie Eckstein, so zeigen das Standesregister und die DatenbankJewish Records Indexing Poland, war die Tochter des Handelsmanns Hermann (Hirsch) Blech, geboren 1879 in Limanowa und der Helene (Chaje Selde), geborene Zollmann, geboren 1878 in Bochnia. Die beiden hatten 1904 in Nowy Wiśnicz bei Bochnia geheiratet. Kaufmann Hermann Blech war nach den Karlsruher Adressbüchern um 1905 in der Schwanenstraße 26, 3. Stock gemeldet – eine Straße im Dörfle, die heute verschwunden ist, direkt beim heutigen Stadtarchiv. Kurz darauf war die Familie in der Rüppurrer Straße 18, 3. Stock gemeldet. Als Cäcilie am 7. April 1906 zur Welt kam, wohnten die Blechs in der Kaiserstraße 87, Hofgebäude, 1908 in der Durlacher Straße 11, 3. Stock, 1909 in der Waldhornstraße 35 parterre (das Haus gehörte Paul Tuwiener und Geschwistern). Die Familie lebte offensichtlich unter prekären Bedingungen in befristeten oder sehr kleinen Unterkünften.

1909 kamen Zwillingsschwestern zur Welt, Franziska und Adele, die aber beide innerhalb der ersten Wochen starben und auf dem Friedhof der liberalen Israelitischen Gemeinde begraben sind. Aus dem Bestattungsort lässt sich nicht ableiten, dass die Familie wirklich einer progressiven Richtung angehörte. Manche aus Osteuropa zugezogene Familien schlossen sich der liberal-konservativen Hauptgemeinde in der Kronenstraße an, besuchten aber eigene Betstuben mit einem alt-orthodoxen, z.B. „polnischen“ Minjan.

Ab etwa 1912 war Familie Blech in Durlach in der Kelterstraße 35 (heute: Im Unterviertel) bzw. Hauptstraße 42 (heute: Pfinztalstraße), dann in der dortigen Werderstraße 6 (heute: Neuensteinstraße) gemeldet. Hermann Blech betrieb einen „Kleiderhandel“. Um 1917/18, mit kaum 40 Jahren, ist er gestorben, denn ab 1919 steht im Adressbuch „Blech, Hermann (Helene) Handelsmannswitwe“. In Karlsruhe und Durlach findet sich kein Eintrag im Sterberegister, auch in Grötzingen kein Grab, daher ist denkbar, dass Hermann Blech als österreichisch-ungarischer Soldat im Ersten Weltkrieg im Osten gefallen sein könnte.

Seine Witwe führte das Geschäft weiter. Im Handelsregister 1923 steht die Firma „H. Blech & Co OHG, Handel mit Rohprodukten aller Art“. Persönlich haftende Gesellschafterinnen waren „Hermann Blech Witwe“, wie es damals recht patriarchal hieß, und Anna Ehrle, beide Durlach. Im Rohproduktenhandel geht es um Altstoffrecycling – also die Wiederverwertung von Lumpen, Alteisen und Papier. Das muss anfangs recht einträglich gewesen sein, denn Helene Blech erscheint in den Adressbüchern 1923-1925 als Miteigentümerin des Hauses Waldhornstraße 44 in Karlsruhe, neben Hermann Traub, Fotograf in Durlach.

Wohl in den späten Zwanziger Jahren muss Tochter Cäcilie den neun Jahre älteren Hermann Eckstein geheiratet haben – wenn auch nicht in Durlach oder Karlsruhe, da hier keine Heirat der beiden beurkundet ist. Das erste Mal taucht Hermanns Name im Adressbuch 1930 unter der Adresse Leopoldstraße 29.3 auf.

Ende der 1920er Jahre zog Helene Blech nach Karlsruhe um, in die Nähe von Tochter und Schwiegersohn. Laut den Adressbüchern 1930 bis 1935/36 führte sie in der Südstadt, Werderstraße 72/74 als Inhaberin die kleine Rohproduktenfirma „Chr. Baier Nachfolger“.

Hermann Eckstein ist in den Adressbüchern 1933/34 bis 1937 unter der selben Wohnadresse wie Schwiegermutter Helene Blech in der Gartenstraße 1 eingetragen, ebenfalls im 2. Stock (1. OG). Offenbar arbeitete er im Geschäft der Schwiegermutter mit. In der Gartenstraße 1 wohnte neben „Blech, Helene, Rohprod.“ und „Eckstein, Hermann, Rohproduktenhändler“ auch der Kaufmann Jakob Löwe. Im Erdgeschoss war der Vertreter Wilhelm Moch gemeldet. Zuvor hatte im 4. Stock der Kaufmann Nathan Alpern gewohnt, Vormieter im 2. Stock war der Kaufmann Salomon David, allesamt kleine Gewerbetreibende, denen durch Inflation, Weltwirtschaftskrise und aufkommenden Nazismus die Einnahmen dahingeschwunden sein dürften.

Auch 1937 ist Helene Blech noch unter der Geschäftsadresse Werderstr. 72/74 aufgeführt, das Geschäft ist nicht mehr genannt. Die antijüdische Politik und das Fernbleiben vieler nicht-jüdischer Kunden mag zur Aufgabe geführt haben.

Die erwähnten Karlsruher Gestapoakten über die als polnische Juden Abzuschiebenden protokollieren am 14. November 1938 (Bl. 19), dass bei einer Kontrolle „Blech, Chaje geb. Zollmann Wwe, geb. 16.8.1878 Bochnia“ in der Adlerstraße 43 angetroffen wurde.
Das etwa gleichzeitige Adressbuch 1939, Stand Anfang Dezember 1938, erwähnt Helene Blech dort nicht, aber „Moritz Steinbock, Reisender“. Vielleicht wohnte sie bei Familie Steinbock zur Untermiete.

Auf dem selben Aktenblatt vom 14. November 1938 steht auch „Ekstejn Cäcilie geb. Blech geb. 7.4.1906 Karlsruhe“, angetroffen in der Wohnung Adlerstraße 40. Ihr Mann kommt in der gesamten Akte nicht vor – entweder, weil er nie polnischer Staatsangehöriger war, denn Łódź und Umgebung zählte vor 1919 zum russisch verwalteten Kongress-Polen; oder er hatte in der für Juden bedrohlichen Lage gegen Ende 1938 bereits das Land verlassen – bestimmt in der Hoffnung, dass Frau und Schwiegermutter bald nachkämen.

Das Adressbuch 1939, das den Stand Anfang Dezember 1938 wiedergibt, nennt „Eckstein, Naft., Kaufm., Adlerstraße 30“. Im Straßenteil desselben Buchs steht er nicht, allerdings ist unter derselben Hausnummer Fanny Weißbarth aufgeführt, die dort eine Pension unter der Aufsicht von Rabbiner Dr. Michalski führte. Genannt werden ja immer nur Haushaltsvorstände, daher ist es denkbar, dass Cäcilie Eckstein dort eine provisorische Bleibe gefunden hatte.

Im Stadtarchiv ist im Zusammenhang mit Anmeldungsbögen für „Wohnraum jüdischer Eigentümer“ unter 1/H-Reg 1493 eine auf 22. Dezember 1938 datierte, handschriftliche Liste überliefert, darin stehen: "203, Eckstein Cäcilie, Adlerstraße 38"; "204, Eckstein Hermann, Adlerstraße 38". Es kann sich um Meldedaten handeln, die nicht ganz aktuell waren. Ihr Zweck ist unklar.
Das Adressbuch 1940, Ende Januar 1940 abgeschlossen, hat einen eigenen Abschnitt, in dem die „Jüdischen Einwohner“ getrennt aufgeführt sind. Die dortigen Angaben (wie z.B. in den Beiträgen für Israel Flanter und Familie Hackel belegt) sind unzuverlässig und teilweise deutlich veraltet. Interessant ist nur, dass darin „Eckstein, Naft., Adlerstraße 38.2“ vorkommt. Damit ist „Hermann“ und „Naft.“ Eckstein unter derselben Adresse fassbar, ein Hinweis mehr, dass es ein und dieselbe Person war.

Die Schreibweise „Naft.“ statt Hermann ist charakteristisch für die um 1939/40 zu beobachtende, verschärfte antisemitische Stimmung – damit konnte die Fremdheit des Genannten unterstrichen werden. Der als ausgesprochen deutsch geltende Name Hermann wurde quasi aberkannt. Das Gedenkbuch von Paul Sauer (1969) und Josef Werners „Hakenkreuz und Judenstern“ (1990) nennen ihn aus ungenannter Quelle „Naftul“, eine eigentümliche Kurzform von „Naftule“, betont auf der zweiten Silbe, eine polnisch-galizische Dialektvariante von Naftali. (Entsprechend klingen David wie Duvid, Manasse wie Munisch und Israel wie Jisrúajl.)

In der Adlerstraße 38 wohnte übrigens auch der Hauseigentümer, Aron Herschlikowitsch. Im Haus hatte zuvor auch der Kaufmann Leon Jablonka gelebt sowie Chana Zajdenberg und ihre Tochter Ruth. Noch früher hatte Chil Brum das Lebensmittelgeschäft seines verstorbenen Schwiegervaters Abraham Leberfeld innegehabt; Chil Brum war bereits 1937 ausgewiesen worden.

In der Volkszählung im Mai 1939 mit ihren Ergänzungsbögen für alle jüdischen Haushalte ist niemand aus den Familien Eckstein und Blech in Karlsruhe aufgeführt. Daher liegt nahe, dass auch Helene und Cäcilie bereits abgereist waren, ohne sich abzumelden (wie es in ähnlichen Fluchtsituationen öfters geschah).

Die genannte Gestapoakte (Bl. 58) listet noch einmal Ende Juni 1939 „Chaje Blech“ und „Cäcilie Ekstejn“ auf, ohne Adresse, „Abreise unbestimmt“. Zum 31. Juli 1939 endete die Frist für das Aufenthaltsverbot im Deutschen Reich für Juden mit (ehemals) polnischen Papieren und für Staatenlose mit derartigen Geburtsorten. Die Liste der Betroffenen, denen nun Abschiebehaft oder KZ drohte, ist erkennbar kein Protokoll und keine Strichliste, wie andere, sondern scheint die beiden Frauen nur mangels aktueller Daten weiter zu führen.

Helene Blech und Cilly Eckstein können überlebt haben. Niemand schrieb Gedenkblätter für sie. Internationaler Suchdienst, Yadvashem und U.S. Holocaust Memorial Museum haben keine Dokumente über das weitere Schicksal von Mutter und Tochter. Es ist denkbar, dass die beiden Frauen nach Polen gelangten, aber sich aus unbekanntem Grund nicht dem Mann bzw. Schwiegersohn Hermann anschließen konnten oder wieder von ihm getrennt wurden. Vielleicht gelang ihnen die Flucht auf sowjetrussisches Gebiet oder ins westliche Ausland. Kaum denkbar ist, dass sie in Polen untertauchen und dort den Krieg überleben konnten; Cäcilie Eckstein sprach sicherlich kein Polnisch. Ihre 1852 geborene Großmutter väterlicherseits, Scheindel Blech, ist laut Yadvashem-Gedenkblatt eines anderen Enkels, Abraham Blech, im KZ Belzec umgekommen.

Im Jahr 1999 schrieb die aus den Karlsruher Karteikarten bereits bekannte Erna (Etti) Lenczicki aus dem israelischen Binyamina in Yadvashem Gedenkblätter für ihre deportierten Angehörigen, auch für ihren Onkel väterlicherseits, Hermann Eckstein, vormals in Karlsruhe, Gartenstraße 1. Erna war 1923 als älteste Tochter des Arbeiters Josef Eckstein und der Schneiderin Manja (Marie, Mirjam) geborene Helfmann in Mannheim zur Welt gekommen, ihre Schwestern hießen Paula und Hilda. Laut den Meldekarten im Stadtarchiv Mannheim war ihr 1894 geborener Vater – Hermanns älterer Bruder – seit 1918 in Mannheim, 1922 hatten Josef und Mirjam in Mannheim geheiratet, wo auch alle drei Kinder zur Welt kamen. Auf den Mannheimer Meldekarten findet sich ein wichtiges Detail – die Eltern Izak Eckstein und Paula geborene Kron.

Nach August 1939 ist Ernas Vater auf der Mannheimer Meldekarte nicht mehr genannt. Laut dem Gedenkblatt seiner Tochter war er inzwischen in Łódź. Das 1956 verfasste Gedenkblatt einer Schwägerin, Rachel Steinberg, bestätigt, dass Josef Eckstein im Krieg Textilarbeiter in Łódź gewesen sei. Für Vater Josef, Großvater Izhak und Onkel Hermann nennt Frau Lenczicki dort eine Wohnadresse, die ulica 11 Listopada (Straße des 11. November) Nr. 59. Unter der „11 Listopada 59“ (vormals Konstantynowska) steht in Adressbüchern der späten 1930er mehrere Male: „Eksztajn Juda“ bzw. „Eksztajn, J.L.“, „cukiernia“, d.h. Süßwarenladen oder Confiserie. In einem früheren Verzeichnis findet sich Chana Eksztajn als Inhaberin des Geschäfts.

Das auf Russisch von Hand angelegte, historische Einwohnerbuch von Brzeziny, einer Kleinstadt 15 km östlich von Łódź, zeigt zweifelsfrei, dass Eltern und Geschwister Eksztajn allesamt in Brzeziny geboren sind! Die Eltern Icek Szymon Eksztajn und Golda Perla, geborene Kron haben 1888 geheiratet. Icek war ein Sohn des Josek und der Hinda, geborene Fulman. Golda Perla war eine Tochter von Izrael Kron und Ester Laja Herszenberg. Der Mann war damals 23, die Frau 22 Jahre alt; die Trauzeremonie vollzog Izrael Fajnkind, der „Brzeziner Rav“. Icek Eksztajn war Weber und Kaufmann, so heißt es dort. Am 17. Februar 1892 wurde die Tochter Selda Marie geboren, am 19. März 1894 Josek, am 19. Januar 1897 Naftul Chil. Am 15. Mai 1898 folgte Szlama Chaim, am 17. Februar 1901 Berek Munysz und am 14. August 1904 der jüngste, Juda Lajb.

Naftul Chil, volkssprachlich für Naftali Jechiel, ist durch sein Geburtsdatum zweifelsfrei als der Karlsruher Hermann Hirsch, Josek ebenso als sein Bruder Josef zu identifizieren.

1916 zeigt ein „Personenblatt“ der Lodzer Stadtverwaltung, dass „Icek Szyme Ekstein“ mit Frau Golda und sechs ihrer Kinder – die älteste, Selde Marie fehlt hier – in der dortigen ulica Aleksandrowska 6 (heute Limanowskiego) gemeldet waren. Hier ist einfach von „Chil“ die Rede. Selbst dort wird der Geburtsort der Kinder falsch mit „Lodz“ angegeben – was wohl nicht ungewöhnlich ist. Auch der Mannheimer Meldebogen für Josef Eckstein hat „Lodz“, ebenso Erna Lenczicki in ihren Gedenkblättern. Vielleicht gingen viele Mütter aus dem Städtchen Brzeziny zur Entbindung in die Kliniken der nahen Großstadt… Die auf eine Vermutung hin gemachten, intensiven Recherchen zu Brzeziny und Łódź verdanke ich der in Polen tätigen Expertin Petje Schröder.

Von Hermanns Bruder Juda Leib, dessen Frau Chana geborene Orzegowska und ihrer 1933 geborenen Tochter, der Schülerin Chaja, ist inLodz-Names: List of the Ghetto Inhabitants, 1940-1944 belegt, dass sie aus der 11 Listopada 59, der Adresse mit dem Süßwarenladen, die außerhalb des Ghettos lag, in die Marysinska (Siegfriedstraße) 27 im Ghetto umziehen mussten und alle drei nach Chelmno „ausgesiedelt“ und ermordet wurden. Hermanns jüngerer Bruder Szlojma, wie sein Vater ein Weber, ist auch erwähnt, als er im Herbst 1941 unter der selben Adresse wie sein Vater einzog.

Großvater Itzhak Eckstein lebte lautLodz-Names zeitweilig in der Ciesielska (Bleicherweg) 18, zuletzt in der Zgierska (Hohensteiner Straße) 74 im Ghetto und starb im Ghetto, etwa 77-jährig, am 26. März 1942. Die älteste Tochter, Hermanns Schwester Selda Maria wohnte beim Vater und wurde 1942 „ausgesiedelt“, was fast immer den Tod bedeutete.

Hermann Eckstein ist in den umfangreich überlieferten Dokumenten aus dem Ghetto nirgends genannt. Łódź war auch 1939 noch ein bedeutendes Zentrum der Textilindustrie. Er könnte zwischen dem deutschen Überfall auf Polen (September 1939) und der Abriegelung des bald dramatisch überfüllten „Jüdischen Wohnbezirks“ (Februar 1940) z.B. nach Warschau geflohen oder irgendwoanders zur Zwangsarbeit geschickt worden sein, während Vater und Geschwister im Ghetto bleiben mussten.

Da Hermanns Nichte Erna offenbar nur die Anschrift „11 Listopada 59“ kannte, bestand später wohl kein Kontakt mehr zu den dortigen Angehörigen, die nach Februar 1940 nur noch Adressen im Ghetto haben konnten. Nur vom Tod des Großvaters im Ghetto wusste Frau Lenczicki, vielleicht durch Dritte. –

Yadvashem, wo auch die Unterlagen des Internationalen Suchdienstes vorliegen, hat keine Dokumente über Hermann Hirsch (Naftul Chil) Eckstein, außer Frau Lenczickis Gedenkblatt. An dessen Richtigkeit, also dass ihr Onkel 45 Jahre nach dem Krieg nicht zurückgekehrt war, kann es allerdings keinen berechtigten Zweifel geben.

Hermann Eckstein ist in der Zeit der Weimarer Republik nach Karlsruhe gekommen und hat nach seiner Heirat mit Cilly Blech etwa ein Jahrzehnt als Altstoffhändler in Karlsruhe gelebt. Das Ehepaar blieb offenbar kinderlos. Nach Ausweisung oder Flucht im Gefolge von „Polenaktion“ und Novemberpogrom muss Hermann Eckstein in Osteuropa an unbekanntem Ort in die Vernichtungsmaschinerie der deutschen Besatzer und ihrer lokalen Helfershelfer geraten sein. Vielleicht ist er in Chełmno oder Treblinka, vielleicht bei einer Geiselerschießung oder durch Hunger und Krankheit zu Tode gekommen. ת.נ.צ.ב.ה

(Christoph Kalisch, Oktober 2017)