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Helene Buchdahl, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Helene Buchdahl

Nachname: Buchdahl
geborene: Eisenberg
Vorname: Helene
Geburtsdatum: 1. Juni 1882
Geburtsort: Horn in Westfalen/Lippstadt (Deutschland)
Familienstand: verwitwet
Eltern: Isidor und Mathilde E.
Verwandtschaftsverhältnis: Witwe von Felix B.;

Mutter von Mathilde
Adresse: seit 1912: Kaiserstr. 164
Schule/Ausbildung: Lehre als Verkäuferin
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
10.8.1942 nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Helene Buchdahl

Helene Buchdahl, geborene Eisenberg, wurde am 1. Juni 1882 im westfälischen Horn, Kreis Lippstadt geboren. Ihre Eltern waren Ising Eisenberg und Mathilde Eisenberg, geborene Weil. Sie heiratete am 1. Januar 1900 sehr jung den gleichfalls aus Westfalen stammenden Felix Samuel Buchdahl, geboren am 19. September 1875 in Alme/Brilon. Beide hatten bis dahin ihr Leben in Westfalen verbracht. Am 13. Januar 1904 wurde ihr einziges Kind, Tochter Mathilde (Hilde), in Nieheim bei Höxter geboren.

Felix Buchdahl hatte bei der Heirat gerade die Lehrerprüfung absolviert und seine Beamtenlaufbahn als Lehrer in der westfälischen Heimat begonnen. Doch kurze Zeit später erkrankte er, so dass er den Lehrerberuf aufgeben und sich beruflich anders orientierten musste. Dies war vermutlich der Grund für den Zuzug nach Karlsruhe 1912. Hier eröffneten Felix und Helene das „Bettenhaus Felix Buchdahl“ in der Kaiserstraße 164. Zuerst wohnten sie in der Sofienstraße 148, zogen dann aber 1922 in eine Wohnung im 3. Obergeschoss im Haus der Kaiserstraße 164, das sie inzwischen erworben hatten.

Diese Adresse war Teil eines durch seine Einheitlichkeit monumental wirkenden Gebäudekomplexes mehrerer Geschäftshäuser zwischen Douglas- und Hirschstraße im Stil der Neorenaissance, die der Architekt Josef Durm zwischen 1873 und 1876 auf der Fläche des ehemaligen „Langensteinschen Gartens“ errichtet hatte.
1918 suchten die Buchdahls formell um die badische Staatsbürgerschaft nach, der Tausch der preußischen erfolgte anstandslos.

Helene Buchdahl arbeitete im Bettenhaus mit, sie scheint wohl die „Seele des Geschäfts“ gewesen zu sein, obwohl sie formal keine kaufmännische Qualifikation erworben haben konnte. Ihre Bedeutung für die Firma drückt sich wohl darin aus, dass der formal stets als Alleininhaber eingetragene Ehemann ihr im Handelsregister 1922 die Prokura übertrug. Ein Firmenwagen, ein Modell von Opel, war vermutlich zum Ausfahren größerer Bestellungen notwendig.
Das Bettenhaus Buchdahl war anscheinend das bedeutendste Geschäft am Platz und hatte einen großen Kundenkreis in Karlsruhe und Umgebung. Es war bekannt als Aussteuerhaus im Landkreis und auch in der Pfalz.

Über das Leben der Buchdahls ist nichts bekannt. Das Bettenhaus muss einen guten Ertrag abgeworfen haben. Felix und Helene Buchdahl richteten sich ihre Wohnung nach ihrem Geschmack erlesen ein. Gemäß der Aufstellung der Tochter nach dem Krieg im Wiedergutmachungsverfahren kann sie als luxuriös bezeichnet werden. Die Eheleute waren wohl Liebhaber traditioneller Malerei. So hingen in der mit edlen Möbeln ausgestatteten Wohnung z. B eine Rötelzeichnung von Hans Thoma als Entwurf für sein Opus „Der Kinderreigen“, ein Ölgemälde „ Kühe auf der Weide“ von Hermann Baisch, gleich drei Ölgemälde vom seinerzeit sehr angesagten Hans von Volkmann und ein Ölgemälde von Hermann Göhler („Insel Mainau von Überlingen gesehen“), gleich 8 Ölgemälde von Karl Dussault neben 24 Radierungen von Ferdinand Dörr und noch weitere Bilder. Auffällig ist, dass die Buchdahls anscheinend ein Faible für die Lehrer der Karlsruher Kunstgewerbeschule bzw. Kunstakademie hatten.

Tochter Hilde erwarb nach der Schule eine kaufmännische Qualifikation und arbeitete im elterlichen Geschäft mit als Buchhalterin. Sie heiratete am 20. Mai 1924 Arno Friedrich Eugen Peter Idstein, geboren am 18. März 1900 in Karlsruhe. Seine Eltern waren Salomon Idstein und Elise Maria, geborene Kolm. Während der Vater jüdischer Herkunft war, war die Mutter evangelisch getauft. Die Idsteins wohnten in Karlsruhe und Hilde und Arno kannten sich vermutlich nicht nur dadurch, sondern die beiden Familien waren wohl auch verwandtschaftlich verbunden. Hilde sagte später, sie und ihr Ehemann hätten sich bereits seit ihrem 7. Lebensjahr an gekannt und dass die Familie durch Anheirat in einem verwandtschaftlichen Verhältnis gestanden habe. 1926 wurde Tochter Lieselotte und 1927 Tochter Margot in Karlsruhe geboren.

Der Schwiegersohn Arno, ein Kaufmann, stieg 1924 als Teilhaber in die Firma „Schweißtechnik Gesellschaft für Elektro Intogene Schweißungen mbH“ in der Georg-Friedrichstraße ein. 1930 schied er wieder aus und arbeitete von 1930 bis 1934 als Handlungsreisender für die Firma Textil AG in Berlin. Danach war er erwerbslos und die junge Familie wurde von den Eltern Buchdahl unterstützt. Arno Idstein machte in dieser Zeit eine Plattenlegerausbildung, denn er plante Deutschland zu verlassen und in der neuen Heimat eine Baufirma zu gründen.

Die Großherzigkeit von Helene Buchdahl wird in folgender, von Frau Sigrun Roßwaag aus Karlsruhe erzählten Geschichte deutlich: „Als die Schwester von Frau Roßwaag 1927 in Karlsruhe geboren wurde – die Roßwaags , die wegen der Weltwirtschaftskrise sehr arm waren, wohnten ebenfalls im Haus Kaiserstr. 164 – schenkte ihnen Frau Buchdahl anlässlich dieser Geburt ein vollkommen eingerichtetes Kinderzimmer mit Bettwäsche zum mehrmals wechseln.“

Die Zeugin im Wiedergutmachungsverfahren, Liesel Hirsch, bestätigte nach dem Krieg, dass bei der Boykottaktion der Nationalsozialisten gegen jüdische Geschäfte am 1. April 1933 auch SA-Posten vor dem Bettenhaus Buchdahl standen.
Der Umsatz des Bettenhaues Buchdahl, der 1932 noch rund 89.000 RM betragen hatte und damit vermutlich deutlich weniger als in der Zeit vor der Wirtschaftskrise, erholte sich nicht mehr und fiel nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten. 1934 betrug er nach Angaben der Industrie- und Handelskammer Karlsruhe etwa 79.000 RM und 1935 nur noch rund 66.000 RM. Dies in einer Zeit, in der Geschäfte dieser Art von den Familien- und Mutterprämien der NS-Politik deutlich profitierten. Aber jüdische Geschäfte waren ausdrücklich ausgeschlossen von der Einlösung der Gutscheine der nationalsozialistischen Ehestandsdarlehen. Felix und Helene Buchdahl mussten erkennen, dass für sie die wirtschaftliche Lage nicht besser werden konnte und so verkauften sie 1936 ihr Geschäft, das nun in „arische“ Hände als Bettenhaus Becker kam. Das Bettenhaus Buchdahl ist als Firma zum 30. Juni 1936 erloschen.

Der Schwiegersohn Arno Friedrich Eugen Peter Idstein stellte am 30. Juni 1936 Antrag auf einen Reisepass zur Ausreise nach Südafrika, um dort deutsche Interessen zu vertreten und auch um französische und tschechische Firmen vertreten zu können, wie er angab. Der Reisepass wurde anstandslos am 13. Juli 1936 erteilt.
Im selben Jahr wanderte Arno über Genua mit dem Dampfer „Duilio“ nach Johannesburg in Südafrika aus, wo er Ende Oktober 1936 eintraf. Hilde folgte ihm im Mai 1937 mit den beiden Töchtern auf dem gleichen Schiff.

Im Jahr 1939 verschlimmerte sich die Situation für die beiden in Karlsruhe gebliebenen Buchdahls. Zwar war Felix Buchdahl nach der Reichspogromnacht aufgrund seines Alters von über 60 Jahren nicht nach dem KZ Dachau deportiert worden, aber die forcierte „Arisierung“ seit der Reichspogromnacht zwang zum Verkauf des Hauses Kaiserstraße 164 im April 1939. Das Ehepaar erlöste dafür 93.500 RM, was nur dem Einheitswert entsprach und das Ehepaar konnte nach Abzug der damit abzulösenden Hypotheken über das Geld aber nicht frei verfügen. Außerdem waren sie von der „Judenvermögensabgabe“ betroffen, für die sie mit 10.565 RM ausgeplündert wurden. Am 27. November 1939 verstarb Arno Buchdahl mit 64 Jahren während eines Besuches in seiner früheren Heimat in Brilon. Eigentlich war die Auswanderung zu den Kindern nach Südafrika bereits geplant und es lag sogar das Permit dafür vor. Doch mit dem Kriegsbeginn war für Helene Buchdahl die Ausreise nach Südafrika als Bestandteil des britischen Empires unmöglich geworden.

Am 22. Oktober 1940 wurde sie zusammen mit nahezu allen anderen badischen Juden nach Gurs deportiert. Von dort wurde sie am 10. August 1942 nach dem Vernichtungslager Auschwitz gebracht, wo sie vermutlich noch am Tag ihrer Ankunft in der Gaskammer ermordet wurde.

Die Kinder und Hilde Idstein hatten es in Südafrika schwer. Mehrere Versuche von Arno Idstein, eine Firma im Baugewerbe aufzubauen, scheiterten. Er starb am 30. Oktober 1954. Hilde Idstein musste ihre Existenz mit kleinen Handarbeiten fristen. Sie wird in dieser Zeit ärztlich wie folgt beschrieben: als eine sehr nervöse Frau, die entsetzlich unter der Auswanderung und dem Zusammenbruch des Geschäftes litt.
Hilde Idstein starb verarmt am 25. Februar 1962 in Johannesburg.

(Jürgen Müller, November 2016)


Quellen:
Stadtarchiv Karlsruhe: 1/H-Reg 1489; 1/AEST 1237; 1/AEST 36; 6/BZA 2380; 1/BOA 939; 8/PBS XIVe 132.
Generallandesarchiv Karlsruhe: 237/Zug. 1967-19/240; 480/ 7031 und 15158.
Staatsarchiv Ludwigsburg: EL 402/13, Nr. 413.