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Hans Bravmann, 1938. Porträt in Reisepass (Foto: privat)

Personendaten

Hans Bravmann

Nachname: Bravmann
Vorname: Hans
Geburtsdatum: 13. Mai 1925
Geburtsort: Eppingen (Deutschland)
Familienstand: ledig
Eltern: Julius und Elka B.
Adresse: unbekannt, Eltern im Dezember 1939 von Eppingen zugezogen
Hans Bravmann lebte in Heidelberg, später Straßburg
Emigration: 1939 nach Frankreich, Straßburg
Deportation: 31. August 1942 nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Julius, Elka und Hans Bravmann

"Ich habe so geweint, als ich Ihren Brief las", sagte Ruth Elkoshi, in Eppingen geborene, in Israel lebende Cousine von Hans Bravmann, dem Verfasser dieses Berichtes bei einem Telefonat am 21. Februar 2003. Zur Vorbereitung dieses Telefonats hatte ich ihr am 12. Februar 2003 einen Brief mit diversen Fragen und erläuternder Darstellung des Anliegens "Gedenkbuch für die Karlsruher Juden" geschrieben. Und weiter sagte sie: "Ich muss insbesondere an meinen Cousin Hans denken, der so ein lieber und guter Junge war und der eine so schwere und traurige Jugend in Eppingen hatte. Er hat so viel leiden müssen."
Die Spuren, die diese Familie hinterlassen hat, sind nicht sehr umfänglich, eher dürftig. Gleichwohl soll der Versuch unternommen werden, hier die Geschichte einer jüdischen Familie aus Eppingen, die in bescheidenen wirtschaftlichen Verhältnissen lebte, anständig, ehrlich, freundlich und hilfsbereit zu jedermann, nachzuzeichnen, einer Familie, die ihren Namen buchstäblich zu Recht trug, wohl gelitten und geachtet von allen - bis die Nazis an die Macht kamen.

Julius Bravmann wurde am 2. August 1894 in Unteraltertheim bei Würzburg geboren, damals ein Dorf mit ca. 500 Einwohnern, heute Ortsteil von Altertheim. Der Vater, Samson Bravmann (1850 in Unteraltertheim geboren), war Viehhändler. Julius hatte noch einen zwei Jahre älteren Bruder, der Metzger wurde. Die Mutter war Babette, geborene Schwarzschild (geboren 1855 in Dertingen, heute Ortsteil von Wertheim a.M.). In Unteraltertheim haben alle Namensträger Bravmann ihre Wurzeln, wo immer sie auch später lebten, 30 von ihnen wurden von den Nazis ermordet.
Nach dem Besuch der Volksschule absolvierte Julius Bravmann eine kaufmännische Ausbildung, wo und bei wem ist nicht mehr feststellbar, mutmaßlich jedoch in Würzburg. Viele junge Leute aus den Dörfern um Würzburg, nicht nur Juden, gingen damals zur Ausbildung nach Würzburg und arbeiteten später auch dort oder in anderen Städten. Nach der Ausbildung hat er noch einige Jahre in seinem erlernten Beruf gearbeitet. Für das Gewerbe seines Vaters hatte er offenbar keine Neigung.
Dann kam der Erste Weltkrieg. Am 1. Oktober 1914 wurde Julius Bravmann eingezogen und der 3. Kompanie des 17. Infanterie-Regiments zugeteilt. Bereits am 20. Dezember 1914 kam er ins Feld an die Westfront, machte die "großen" Schlachten in Flandern und an der Somme mit, war auch ein halbes Jahr bei der Betonbauabteilung seines Regiments eingesetzt. Am 20. April 1917 wurde er am linken Fuß verwundet. Im Gefolge dieser Verwundung war er dann 1917/18 insgesamt zehnmal in Lazaretten und Krankenhäusern zur Behandlung. Am 25. Juni 1918, noch vor Ende des Krieges, wurde er wegen dieser Verletzung als dienstuntauglich vom Militär entlassen. Später war er wegen Verlust der Groß- und Mittelzehen dauerhaft gehbehindert und galt als schwerbehindert. Ihm wurde auch das - preußische - Eiserne Kreuz 2. Klasse verliehen.
Es ist anzunehmen, dass Julius Bravmann nach dem Krieg wieder seiner bisherigen kaufmännischen Tätigkeit nachging.
Der Bruder Simon (geboren 1892) bekam im Krieg einen Kopfschuss, der ihn mit einer geistigen Behinderung zu einem Pflegefall machte, er kam in ein Pflegeheim. Zu einem unbekannten Datum zwischen 1942 und 1943 wurde er nach Izbica deportiert und in einem Vernichtungslager, Auschwitz oder Sobibor, umgebracht.
Am 1. Oktober 1923 heiratete Julius Bravmann in Eppingen Elka Ettlinger, geboren am 29. März 1892 in Eppingen. Sie war das jüngste von insgesamt sechs Kindern (zwei starben allerdings schon im Kleinkindalter) von Seligmann Ettlinger (geboren 1851) und seiner Frau Mathilde, geborene Oppenheimer (geboren 1857 in Neckarsteinach). Der Vater starb bereits 1895; Elka hat ihn praktisch gar nicht kennen gelernt.
Die Familie Ettlinger war eine alt eingesessene Eppinger Familie, deren Wurzeln auf den mutmaßlichen "Stammvater" aller Namensträger Ettlinger Isaak (Eisick) aus Ettlingen zurückgehen.
Eine Schwester Regine, genannt Jele (geboren 1882), war die Mutter der eingangs erwähnten Ruth Elkoshi, deren Vater, Samuel Bravmann, ebenfalls aus Unteraltertheim stammend, 1904 in Eppingen heiratete und dort dann als Religionslehrer wirkte. Vielleicht hat Samuel Bravmann an der Heirat von Julius Bravmann mit Elka Ettlinger "mitgewirkt" und dazu beigetragen, dass Julius Bravmann sich nach der Hochzeit in Eppingen niederließ.
Die Mutter von Julius Bravmann starb bereits 1921 in Unteraltertheim. Der Vater wollte nach dem Wegzug des Sohnes auch nicht mehr allein in Unteraltertheim leben und siedelte einige Zeit später als Privatier, sein Gewerbe als Viehhändler hatte er altershalber aufgegeben, ebenfalls nach Eppingen über, wo er 1932 auch starb und auf dem dortigen Jüdischen Friedhof begraben liegt.
Julius und Elka Bravmann lebten in Elkas elterlichem Haus, zusammen mit der Mutter, in Eppingen in der Bahnhofstraße 3. In diesem Haus betrieben sie ein kleines Schuhgeschäft.
Am 23. Mai 1925 wurde der Sohn Hans geboren. Er war das einzige Kind.
Das Leben der Familie verlief ohne besondere Ereignisse.
Die Eppinger Juden waren vollständig in das Leben der Stadt integriert, viele waren auch Mitglieder in verschiedenen örtlichen Vereinen. Zwischen Juden und Nichtjuden bestand oftmals ein sehr herzliches Verhältnis. Das änderte sich mit der Machtübernahme der Nazis schlagartig. Man ging einander aus dem Weg. Eine Zeitzeugin berichtete: "Die anderen durften ja nicht sehen, dass ich mit meiner ehemaligen jüdischen Freundin sprach". Auch enge Freundschaften endeten abrupt. Ganz besonders bekamen die Kinder diese Situation zu spüren.
1933 zählte die jüdische Gemeinde in Eppingen noch 65 Bürger. Nach und nach wanderte das Gros von ihnen aus, um der wirtschaftlichen und sozialen Ausgrenzung und der persönlichen Bedrohung zu entgehen - nach Frankreich, Holland, USA und in das damalige Palästina, so lange das noch möglich war, so auch die erwähnte Ruth Elkoshi, die 1934 nach Palästina auswanderte und der es auch gelang, noch rechtzeitig vor Kriegsbeginn ihre Familie, Eltern und Geschwister, nachzuholen und damit vor dem sicheren Tod zu bewahren.
Ruth Elkoshi berichtete auch, dass sie ihrer Tante Elka Bravmann nahe gelegt habe, ihren Sohn Hans nach Palästina zu schicken, um ihn vor den Nazis in Sicherheit zu bringen, aber Elka wollte ihren Sohn nicht weggeben, er war ihr "ein und alles".
Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten waren die Juden in Eppingen durch die Protagonisten der Nazis vor Ort - Ortsgruppenleiter, Bürgermeister und SS-Offizier Karl Zutavern, Schulleiter Julius Zimber, Hauptlehrer Stürz - als Haupt-Hetzer immer stärkerer Drangsalierung ausgesetzt: Beschimpfungen, Diskriminierungen, sozialen und wirtschaftlichen Ausgrenzungen; sie wurden stufenweise - entsprechend der Gesetzgebung - zu Parias gemacht. Es begann mit dem Boykott der jüdischen Geschäfte, von dem natürlich auch das Bravmannsche Schuhgeschäft betroffen war. Wer kaufte schon von einem Juden Schuhe, wenn er damit öffentlich an den Pranger gestellt wurde? So ging das ohnehin „kleine Geschäft“ mehr und mehr zurück, bald kaufte niemand mehr Schuhe von Bravmann. Wovon lebten sie?
Die folgenden Ausführungen - kursiv gedruckt - sind dem Buch " Wie' s halt war, Geschichten aus Eppingen gesammelt und erzählt" von Manfred Pfefferle - mit freundlicher Genehmigung- entnommen. Pfefferle, in Eppingen geboren, hat sein ganzes Leben dort verbracht und ist daher ein wichtiger Zeitzeuge - 1938 war er ein 10jähriger Schulbub -; das Buch ist vor zwei Jahren erschienen. Seine Ausführungen charakterisieren die damalige Zeit und insbesondere die Situation des jüdischen Jungen Hans Bravmann sehr treffend.

„Hans Bravmann war ein Judenbub. Im Gegensatz zu vielen anderen Buben seines Alters war Hans ein ruhiger, freundlicher Junge, der, wie man so sagte, kein Hühnchen beleidigen konnte. Er wohnte bei seinen Eltern am Lammbuckel (heute Modehaus Spieß), oberhalb der heutigen Sparkasse. Dort plagten und schindeten sich oft Leute mit ihren Handwagen, besonders wenn sie schwer geladen hatten. Hans half jedem, der sich dort abrackerte, denn so war er erzogen worden, hilfsbereit und freundlich.
Selbst als die ersten jüdischen Familien ins Ausland emigrierten und man den verbliebenen Juden das Leben schwer machte, half Hans Bravmann den Leuten am Lammbuckel immer noch. Aber jetzt erntete er nicht einmal mehr ein Dankeschön, denn die Leute waren unsicher geworden. Durfte man sich einem Juden gegenüber überhaupt noch dankbar zeigen? Man übersah sie einfach, auch wenn sie sich von der besten Seite zeigten.
Hans erlebte nun, was es heißt, isoliert in der Stadt zu leben. Anfänglich kam er noch zu uns jüngeren Buben gelaufen, weil er bei gleichaltrigen Buben nicht mehr angenommen wurde.
Auch unter uns jüngeren Kindern gab es schon einige, die Böses über die Juden sagten, Dinge, die kein Mensch beweisen konnte, aber sie wurden laut hinaus geschrieen. ‚Die Juden sind unser Unglück’, wurde an vielen Stellen verkündet, an Litfaßsäulen, am Rathaus, an Schulen, am Bahnhof .... Am Marktplatz hing ein Kasten, in dem jede Woche der ‚Stürmer’, zum Lesen ausgehängt wurde, und es gab kaum noch eine Ausgabe der Eppinger Zeitung, in der nicht ein Hetzartikel über die Juden zu lesen war. Die Kinder sagten Reime auf, die gegen die Juden gerichtet waren: ‚Jud, Jud Stecken, um 10.00 Uhr mußt verrecken, um 11.00 Uhr mußt vergraben, um 12.00 Uhr mußt beim Teufel sein`’. Was sollte da noch ein Bub aus einem Judenhaus denken?
Hans kam noch einige Male zu uns, und dabei erzählte er uns immer wieder, dass sein Vater ein guter Deutscher sei, dass er im 1. Weltkrieg war, verwundet wurde und das Eiserne Kreuz verliehen bekam. Aber das durfte bei den anderen Kindern nicht mehr wahr sein, auch wenn es Kriegsteilnehmer bestätigt hatten. Es gab einfach keine jüdischen Helden. Die Kinder behaupteten, die Verwundung habe er sich anoperieren lassen und das Eiserne Kreuz habe er gekauft, basta. Hans hatte keine Möglichkeit mehr, sich zu behaupten. Er kam auch jetzt nicht mehr zu uns.
Seine Mutter litt zusammen mit ihrem Sohn sehr unter diesem Zustand des Ausgestoßenseins und der Nichtbeachtung. Sie umhegte und umpflegte ihren Sohn nun umso mehr. Oft hörte man Frau Elka rufen: ‚Hans, komm rauf, kriegst Butterbrot’. Das äfften wir dann nach, denn das ganze läppische Getue reizte uns Kinder zum Lachen. ‚Hans, komm rauf, kriegst Butterbrot’, das war in aller Munde. Doch das alles wäre nicht schlimm gewesen, wenn sich nicht unser Lehrer - gemeint ist der Schulleiter Zimber - dieser Sache mit dem Butterbrot angenommen hätte. Eines Tages fragte er, als er im Unterricht wieder eine Stunde Judenhetze eingelegt hatte: ‚Wer von Euch hat Butter auf seinem Vesperbrot?’ Wir Schüler schauten uns gegenseitig an: ‚Butterbrot? Wer hat denn so was?’ Butter war damals nicht immer zu haben und sehr teuer. Ein Viertelpfund Butter kostete 45 Pfennige, das entsprach dem Stundenlohn eines Arbeiters. Der Lehrer fragte dann jedes Kind, was es auf dem Brot habe, und er stellte fest, dass keines der Kinder Butter auf dem Brot hatte. ..... Unser Lehrer schimpfte über die Juden, dass man meinen konnte, das wären lauter Unmenschen. Die Juden hätten genug Geld, um sich Butter zu kaufen, man müsse doch nur ihre Häuser betrachten und an ihre betrügerischen Geschäfte denken. Und an Samstagen, wo alle rechtschaffenen Leute ihrer Arbeit nachgingen, lägen die Juden dann auf der faulen Haut und ließen arme Leute für sich arbeiten.
...
Auf dem Marktplatz gab es öfters Platzkonzerte vom Reichsarbeitsdienst. Dann traf sich dort die Jugend. Auch der Hans Bravmann stand dabei, etwas abseits, denn er traute sich nicht mehr unter die anderen Kinder. Einem der Musiker fiel der allein stehende Junge auf und fragte deshalb einen anderen Buben, warum der nicht bei den anderen stehe. ‚Ach, das ist ein Jud!’, sagte der Junge. Daraufhin befahl der Musiker: ‚Schafft ja den Juden fort!’, und dabei machte er eine entsprechende Handbewegung. Dann waren gleich einige Eppinger Buben da, die den Hans wegschubsten, so dass dieser weinte und heimging. Frau Elka musste ihren Hans immer öfter trösten, die Belästigungen nahmen zu.
Der Schulleiter Zimber wurde im so genannten Spruchkammerverfahren ("Entnazifizierung") mit Beschluss vom 25. August 1947 zu zwei Jahren und neun Monaten Haft auf dem Hohenasperg bzw. Arbeitslager verurteilt, die er auch vollen Umfangs "absitzen" musste, aber nicht wegen seiner schlimmen Hetztiraden vor den Schulkindern - diese blieben ungesühnt, niemand hatte ihn deshalb beschuldigt -, sondern wegen seiner NS-Propaganda-Tätigkeit. In der Spruchkammerverhandlung bekannte er, dass er Unrecht getan habe und zeigte Reue. Er kam später sogar wieder in den Schuldienst. Anlässlich einer "Woche der Begegnung" in Eppingen für die ehemals in Eppingen lebenden Juden im Oktober 2002 hat sich der Sohn Friedbert in einer Rede für seinen Vater bei den Juden entschuldigt für das, was sein Vater ihnen - verbal (Tätlichkeiten hatte er nicht begangen) - angetan hatte.
„Dann kam der für alle Juden so verhängnisvolle 9. November 1938. Die Synagoge brannte. Wie auch anderwärts festgestellt, musste auswärtige SA beim Anzünden der Synagoge mithelfen, und da diese nicht brennen wollte, wurde mit Eppinger Stroh und Benzin nachgeholfen. 1940 wurden die Reste der Synagoge abgebrochen.
„Frau Elka wollte die heiligen Bücher aus der brennenden Synagoge retten, wurde aber unter Hohngelächter der SA-Männer wieder heimgeschickt. Gegen Abend - des 10. November - hatten ein Lehrer, gemeint ist der Lehrer Stürz, und ein Beamter des Amtsgerichts eine Meute von etwa 14-jährigen Buben zusammen gerufen. Diese sind gemeinsam mit SA-Männern in die Wohnungen der Juden eingedrungen. Dort haben sie das Inventar demoliert, die Männer mit ihren mitgeführten Ackerprügeln geschlagen und in das Wachlokal im Rathaus geschleppt. Hans Bravmann wurde fürchterlich verprügelt, so dass der Eppinger Arzt Dr. Beysel am nächsten Tag den Kopf schüttelte und fragte: ‚Wie kann man denn einen Jungen so schlagen und so zurichten?’ Frau Elka Bravmann hörte man nun immer öfters schreien, sie war dem Wahnsinn nahe.“
Der damalige katholische Stadtpfarrer Emil Thoma, selbst von 1941 bis 1945 im Konzentrationslager Dachau inhaftiert, schilderte 1978 die körperliche und seelische Misshandlung an Eppinger Juden. "Am Nachmittag des 10.11.1938 setzte eine Judenverfolgung ein, wie Eppingen wohl noch keine gesehen hat. Die Schulkinder wurden auf die Juden gehetzt. Der Judenlehrer Bravmann - Ruth Elkoshi's Vater- war geschlagen und in einem Auto weggeführt worden. Seine Frau Jele - Ruth Elkoshis Mutter- wusste nicht, wo ihr Mann war und suchte ihn in der Stadt. Bei der Synagoge fiel die ganze Meute der Schuljugend über die wehrlose Frau her und schlug sie mit Bohnenstecken und Prügeln.
Nach und nach wurden dann alle Juden unter Schlägen und Spott aufs Rathaus geholt, die Männer kamen nach Sinsheim und weiter nach Heidelberg, von da nach Karlsruhe und von hier ins Konzentrationslager Dachau, die Frauen wurden in der Nacht unter Spott und Schlägen entlassen".
Julius Bravmann blieb Dachau erspart, vielleicht, weil sich jemand erinnerte, dass er Frontsoldat im Ersten Weltkrieg war und Träger des Eisernen Kreuzes.
„Die Bravmanns emigrierten nicht. Vielleicht hatte der alte Bravmann geglaubt, dass ihm als Kriegsteilnehmer und Eisernes-Kreuz-Träger nicht viel passieren könne. Doch was sich dann anbahnte, konnte eigentlich kein normaler Mensch erahnen.
Hans Bravmann hatte in Eppingen keine gute Zeit mehr.“ Er war zu dieser Zeit der einzige jüdische Junge in Eppingen, alle anderen jüdischen Kinder waren mit ihren Familien bereits emigriert. „Seine Eltern konnten ihm nicht helfen, er musste zur Schule gehen, wo es für ihn aber keine Freude mehr gab. Man schlug ihn jetzt nicht mehr, aber wenn er an anderen vorbei musste, zog er das Genick ein und schob die Hände vors Gesicht, als ob er sich schützen wollte. Niemand hatte den Mut, dem Jungen beizustehen. Es gab einige Leute, die diesen Zustand unerträglich empfanden, aber mit Juden Mitleid zu zeigen, das wäre bei den Nazis fast Hochverrat gewesen. So verbrachten Hans und seine Eltern ihre Zeit als Volksfeinde.“
Diese traumatischen Erlebnisse ließen Julius und Elka Bravmann zu dem Schluss kommen, den Sohn Hans schnellstens aus Eppingen wegzubringen. Vom 18. Februar 1939 bis 30. April 1939 wurde er bei einer Metzgerfamilie Erle in Heidelberg in der Bergheimer Straße 101 untergebracht. Es waren keine Verwandten, die Beziehungen zu dieser Familie konnten nicht verifiziert werden.
Am 1. Mai 1939 wurde er - mit einem auf sechs Monate befristeten Visum des französischen Konsulats in Karlsruhe - nach Straßburg zu einer Schwester der Mutter, Hedwig Levy (geboren 1884 in Eppingen) gebracht, Dort konnte Hans Bravmann die vom "Joint" (American Distribution Commitee") unterhaltene jüdische Schule besuchen - endlich frei von Drangsal und Angst, aber leider nicht lange.
Julius und Elka Bravmann wollten nun selbst schnellstmöglich weg von Eppingen, wo ihnen und dem Sohn so viel Unbill geschehen war. Sie erhofften in der Anonymität einer Großstadt, in der es noch eine intakte, wenn auch sicherlich durch die Ereignisse stark dezimierte jüdische Gemeinde gab, ein erträglicheres Leben, weg von der ständigen Angst vor weiterer persönlicher Bedrohung. Sie verkauften am 2. Juni 1939 das Haus Bahnhofstraße 3 an die ortsansässige Anna Stroh zu einem Preis von 6.650 RM - weit unter Wert, wie es damals 100.000-fach geschah. Der größte Teil des Verkaufspreises ging für Hypotheken weg, nur ganze 1.511 RM erhielt Elka Bravmann als Eigentümerin, aber nur auf dem Papier, denn auf Anordnung der Devisenstelle musste dieser Betrag auf ein Sperrkonto eingezahlt werden und wurde sogar später vom Deutschen Reich eingezogen, sie bekam also von dem Hausverkauf keinen Pfennig. Nach dem Krieg musste die Erwerberin das Haus gemäß Beschluss des Landgerichtes Mannheim an die Erben von Elka Bravmann zurück übertragen. Nach Feststellung des Gerichtes betrug der seinerzeitige Verkaufspreis nicht einmal ein Drittel des wirklichen Wertes.
Am 21. Dezember 1939 kamen Julius und Elka Bravmann nach Karlsruhe, nach dem sie in Eppingen alle Zelte abgebrochen hatten. Julius Bravmann hatte am 13. Juli 1939 einen Antrag auf Zuzug an die Stadtverwaltung Karlsruhe gerichtet, den er sogar genehmigt bekam Warum Karlsruhe? Sie hatten doch keinerlei persönliche Beziehungen in und zu Karlsruhe. Vielleicht hatten Sali und Lina Kirchheimer aus Eppingen, die sie natürlich von dort bestens kannten, den Rat gegeben, nach Karlsruhe zu kommen, wo sie selbst schon im Juli 1939 aus den gleichen Gründen Zuflucht fanden. Als sie nach Karlsruhe kamen, waren die Kirchheimers aber schon - im Rahmen einer Evakuierungsmaßnahme wegen des Krieges - in Halle.
Julius und Elka Bravmann wohnten zunächst in der Schützenstraße 73, in einem kleinen Zimmer für 15,- RM Monatsmiete, dann in der Zähringerstraße 44 und zuletzt in der Markgrafenstraße 34, alles so genannte Judenhäuser. Das lässt darauf schließen, dass sie auch hier "auf der Flucht" waren und den erhofften Frieden nicht finden konnten. Und sie werden in großer Sorge um den Sohn gewesen sein, denn durch den Krieg war eine Kommunikation mit ihm nicht mehr möglich.
Am 22. Oktober 1940 wurden Julius und Elka - wie alle badischen und saarpfälzischen Juden - in einer vom badischen Gauleiter Robert Wagner initiierten- "Blitzaktion" nach Gurs in Südfrankreich deportiert.
Benjamin Bravmann (geboren 1875), Kantor der Jüdischen Gemeinde Bruchsal, erwähnt in einem Schreiben aus dem Lager Gurs von Mai 1942 an seine in Palästina lebende Tochter Lore das Ehepaar Julius und Elka Bravmann in Gurs, vermutlich als letztes Lebenszeichen. Der Sohn Hans wurde nicht erwähnt. Auch Benjamin Bravmann kam in Auschwitz um.
Am 10. August 1942 verließ der am 7. August 1942 aus dem Lager Gurs eingetroffene Transport Nr.17 den Bahnhof Drancy mit 1.006 Juden, 525 Frauen und 478 Männer (und drei Kinder), darunter auch Julius und Elka Bravmann. Bei der Ankunft in Auschwitz blieben 140 Männer und 100 Frauen am Leben, 766 Deportierte wurden sofort vergast und verbrannt. Von diesem Transport gab es 1945 nur einen Überlebenden.
Nach dem Waffenstillstand mit Frankreich war der badische Gauleiter Robert Wagner auch Chef der Zivilverwaltung für das besetzte Elsass geworden. Umgehend schickte er seine Schergen aus, um emigrierte und geflohene deutsche Juden zu inhaftieren und in eines der Lager bringen zu lassen.
So geschah es auch - nach einem Bericht von einem Sohn der Levi-Familie - mit Hans Bravmann. Die Familie seiner Tante Hedwig Levi konnte sich - mit ihrer und Elka Bravmanns Mutter Mathilde Ettlinger (geboren 1857), der es gelang, noch kurz vor Ausbruch des Krieges nach Straßburg zu ihrer Tochter Hedwig zu kommen - in Südfrankreich in der unbesetzten Zone in Sicherheit bringen und dort überleben. Nach dem Krieg kehrten sie nach Straßburg zurück. Mathilde Ettlinger starb dort 1946 und liegt auf dem Jüdischen Friedhof in Straßburg begraben. Nach einem anderen Bericht kam Hans Bravmann mit der Familie seiner Tante nach Südfrankreich, wurde dort bei einem Bauern untergebracht und von jemandem an die französische Polizei verraten, die ihn abholte und in ein Lager brachte. Was sich genau zugetragen hat, wird man wohl nicht mehr erfahren.
Ob Hans Bravmann nach Gurs kam und dort seine Eltern noch einmal gesehen hatte, konnte nicht festgestellt werden, ist jedoch eher unwahrscheinlich, denn sein letzter Aufenthalt - vor seiner Deportation - war das Heim St. Laurent de Batons (Dordogne), Nähe Limoges; vom Lager Nexon wurde er nach Drancy und von dort mit dem Transport Nr. 26 am 31. August 1942 zusammen mit 248 Kindern bzw. Jugendlichen unter 18 Jahren nach Auschwitz deportiert und dort umgebracht.

Noch einmal Manfred Pfefferle: „Von den Eppinger Juden kannte ich Hans Bravmann am bessten. Ich frage mich heute immer wieder: „Was haben Leute wie Hans und seine Eltern verbrochen, um so qualvoll zu enden?“

(Wolfgang Strauß, Juli 2003)