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Sigmund Wertheimer, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Sigmund Simon Wertheimer

Nachname: Wertheimer
Vorname: Sigmund Simon
Geburtsdatum: 8. August 1872
Geburtsort: Kippenheim/Lahr (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Eltern: Joseph und Mina, geb. Epstein, W.
Verwandtschaftsverhältnis: Ehemann von Ernestine W.;

Vater von Hugo
Adresse: Adlerstr. 27
Kaiserstr. 133
Schule/Ausbildung: Realgymnasium bis Untersekunda
Beruf: Kaufmann, Textilwarenhändler (Inhaber eines Manufakturwarengeschäfts)
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
11.5.1941 nach Les Milles (Frankreich)
Sterbedatum: 13. Januar 1942
Sterbeort: Les Milles (Frankreich)

Biographie

Sigmund Simon Wertheimer

Sigmund Simon Wertheimer wurde am 8. August 1872 in Kippenheim als Sohn des Ehepaars Joseph Wertheimer und Mina, geb. Epstein, in Kippenheim geboren. Vater Joseph, 1841 geboren, war Handelsmann und Kleiderfabrikant und einige Zeit lang der jüdische Vertreter im Gemeinderat Kippenheim. Die Wertheimer sind eine der größten jüdischen Familien in Kippenheim gewesen, mit vielen, weit reichenden Verzweigungen, vor allem in Süddeutschland. Der Geburtsort der Mutter Mina war Mühringen, wo sie 1845 zur Welt kam. Sie starb am 11. Juli 1905 in Kippenheim. Das Ehepaar hatte zehn Kinder, Sigmund war der dritte Nachkomme. Er besuchte das Realgymnasium bis zur Untersekunda und erlernte dann als Lehrling in einem Konfektionsgeschäft in Norddeutschland den Beruf eines Textilkaufmanns. Von 1895 bis 1896 diente er als Einjähriger beim 1. Bayerischen Infanterie Regiment in München. Sein letzter Dienstgrad war Unteroffizier.

Am 2. November 1898 heiratete Sigmund in Kippenheim Ernestine Epstein, die am 16. September 1872 als Tochter des Kaufmanns Heinrich Marx Levi Epstein (10.2.1841 – 22.1.1900) und seiner Ehefrau Regina, geborene Burger (22.2.1840 - ?) in Eichstetten zur Welt gekommen war. Am 16. März 1899 wurde Hugo, das einzige Kind des Ehepaars, in Kippenheim geboren.
Später wohnte die Familie einige Zeit in Straßburg, bevor sie 1920 nach Gunzenhausen zog. Die Gründe sind nicht bekannt, die dort wohnende Familie Wertheimer war offensichtlich nicht nahe verwandt. In dieser kleinen Stadt in Franken war Simon als Textilkaufmann tätig und führte ab 1922 die Großhandlung für Schneiderzubehör „Wertheimer & CO“. Ab 1924 war der Sohn Hugo Teilhaber des Geschäfts. Kurzzeitig besaß Sigmund auch das Haus Bühringerstraße 20, die übrige Zeit wohnte die Familie zur Miete.

In Gunzenhausen gab es eine blühende jüdische Gemeinde, die um die Jahrhundertwende 1900 etwa 300 Mitglieder besaß. Die Zahl nahm dann allerdings stetig ab, 1925 waren es 215 Personen und 1933 nur noch 184, davon 33 Kinder. Die meisten Juden waren Handelsleute, zwei waren Ärzte. Der Rabbi kam aus Ansbach. Der starke Rückgang könnte in Zusammenhang mit den damals in Franken besonders starken, antisemitischen Strömungen in der Bevölkerung zusammenhängen. So wurden in Gunzenhausen schon 1928 Scheiben der Synagoge zertrümmert und 1929 achtzehn Grabsteine des jüdischen Friedhofs umgeworfen und teilweise zerstört. Boykott jüdischer Geschäfte gab es bereits 1931.

Noch viel schlimmer wurde es nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Im März 1933 wurden jüdische Bürger auf der Straße tätlich angegriffen und der Sohn des Metzgers schwer verletzt. An vielen jüdischen Geschäften wurden die Fenster eingeworfen. Am 25. März 1934 fand dann unter reger Beteiligung der Bevölkerung das erste Pogrom statt, bei dem zwei Juden ermordet wurden. Unter den 35 jüdischen Bürgern, die danach in „Schutzhaft“ genommen wurden, darunter sechs Frauen, befand sich auch Simon Wertheimer. Ein Teilnehmer berichtete später vor Gericht: „…Als nun B. (SA-Obersturmführer) und andere (SA-Leute) die Juden der Menge zum Abtransport übergeben hatten, sagte B., dass es jetzt zu Wertheimer gehe. Auf diese Aufforderung ging ich, sowie einige, die ich namentlich nicht kenne, der Menge voraus an das Anwesen der Wertheimer in der Bühringerstraße. Vor dem Anwesen des Wertheimer blieb ich zunächst stehen und habe gerufen: ‚Die Juden müssen raus!’ B. und die anderen gingen an die Haustüre. Ob diese die Türe eindrückten oder ob diese geöffnet wurde, weiß ich nicht. Nachdem die Türe geöffnet war, ging ich hinein. Dort stand die Frau Wertheimer vor der Wohnungstüre und der Ehemann Wertheimer kam heraus. B. verlangte einen SA-Mann zum Abtransport des Wertheimer, ich kann aber nicht sagen, wer ihn abtransportierte.“ An diesen Ausschreitungen sollen 1.000 bis 1.500 der 5.600 Einwohner beteiligt gewesen sein! Nach vielerlei Misshandlungen und Demütigungen wurden die „zu ihrem Schutz“ in Haft genommenen Männer am nächsten Abend wieder freigelassen, die Frauen schon vorher.
Im April 1934 wurden erneut die Scheiben jüdischer Geschäfte und Häuser eingeworfen und am 15. Juli 1934 wurde der jüdische Gastwirt Simon Strauß vom SA-Obersturmführer erschossen. Bis Juni 1938 waren alle Geschäfte aufgegeben oder „arisiert“.
Schon früh nach 1933 verließen viele jüdische Familien Gunzenhausen, um in Großstädte zu ziehen oder auszuwandern. So auch Sohn Hugo Wertheimer, der zwischenzeitlich in Straßburg tätig war. Er emigrierte mit seiner Ehefrau Dora am 7. Januar 1934 in die USA.. Dora, geborene Strauss, wurde am 6. August 1903 in Schwäbisch Hall geboren. Die Hochzeit fand am 23. März 1932 statt.
In der Reichspogromnacht vom 9./10. November 1938 wurde die Synagoge verwüstet, ebenso die Wohnungen der noch übrig gebliebenen Juden, an der Zahl 64. Sogleich begann sich die jüdische Gemeinde vollständig aufzulösen. Besitztümer wurden weit unter Wert verkauft, die Familien zogen weg, am 30. November 1938 auch das Ehepaar Wertheimer und zwar nach Karlsruhe. Kurz danach wurden noch sieben jüdische Bürger nach Dachau deportiert. Im Januar 1939 verkündigten die staatlichen Behörden stolz, dass Gunzenhausen „judenfrei“ sei. Die Firma „Wertheimer & CO“ wurde am 10. Februar 1939 aus dem Handelsregister gestrichen.

Warum das Ehepaar nach Karlsruhe zog, kann nur vermutet werden. Die jüdische Landbevölkerung nahm damals an, in der Anonymität von Großstädten besser geschützt zu sein, was sich als trauriger Irrtum erwies. 1940 fand sich im Einwohnerverzeichnis von Karlsruhe neben Sigmund noch fünfmal der Name Wertheimer, doch sehr nahe Verwandte scheinen nicht darunter gewesen zu sein. Dagegen lebte die jüngere Schwester Gerda Wechsler, geborene Wertheimer aus Kippenheim mit ihrem Mann hier. Vermutlich wird das ein Grund für den Zuzug gewesen sein.
Sigmund und Ernestine Wertheimer zogen zunächst in die Adlerstraße 27, waren jedoch im August 1939 in der Kaiserstraße 133 als Untermieter des Herrn Ginsberger gemeldet. Was sie hier in Karlsruhe taten und wovon sie lebten ist nicht bekannt. Vermutlich stellten sie Anträge, um in die USA auszureisen, wo ihr Sohn Hugo mit seiner Familie in New York lebte.
In Karlsruhe wurden beide Opfer der weiteren Verfolgung jüdischer Bürger. So wurden auch sie am 22. Oktober 1940 von ihren Wohnungen abgeholt und nach Gurs deportiert. Die schrecklichen Verhältnisse in der „Vorhölle von Auschwitz“ sind oft beschrieben worden. Vor allem die älteren Opfer starben dort oder in anderen Lagern in Frankreich an Hunger oder Krankheiten. Sigmund Wertheimer wurde am 11. Mai 1941 in das Lager Les Milles verlegt, wo er gemäß einer Bescheinigung der Prefecture Bouches-du-Rhone am 13. Januar 1942 im Alter von fast 70 Jahren starb.
Die Bemühungen zur Ausreise waren für Ernestine dagegen erfolgreich. Über Marseille, wo sie ab dem 20. Mai 1942 im Lager Hotel Bompard lebte, gelangte sie auf dem Seewege zwischen Juni und Juli nach New York zur Familie des Sohnes Hugo. Am 29. Mai 1943 verschied sie dort, als staatenlos gemeldet.
Sohn Hugo verstarb am 14. Februar 1997 in Montclair, New Jersey, USA, die Schwiegertochter Dora, geborene Strauß, erreichte das biblische Alter von 102 Jahren. Sie starb am 2. Mai 2006. Das Ehepaar hatte ein Kind, das 1937 geboren wurde. Der Versuch einer Kontaktaufnahme blieb leider erfolglos.

(Richard Lesser, November 2006)