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Heinrich Wollheim in Todtmoos, um 1935 (Foto: privat)

Personendaten

Heinrich Wollheim

Nachname: Wollheim
Vorname: Heinrich
Geburtsdatum: 23. Oktober 1885
Geburtsort: Schmiegel (Deutschland, heute Polen)
Familienstand: ledig
Adresse: Kronenstr. 62
Beruf: Kaufmann
Deportation: 22.8.1942 nach Theresienstadt (Protektorat Böhmen-Mähren, heute Tschechien)
19.10.1944 nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Heinrich Wollheim

Heinrich Wollheim, Sohn des Leopold Wollheim und der Charlotte, geborene Guttmann, wurde am 23. Oktober 1885 in dem kleinen Städtchen Schmiegel in der preußischen Provinz Posen geboren. Sein hebräischer Vorname mag Aharon gewesen sein. Der Familienname ähnelt „Wolfheim“, einer Zusammensetzung mit dem alten biblischen Epitheton, mit dem Jakob in seinem Segen seinen jüngsten Sohn, den späteren Anführer eines der zwölf Stämme Israels anspricht: Binyamin Se'ev, „Benjamin ist ein Wolf“ (1. Mose 49, 27).

Herkunft
Heinrich wuchs mit mehreren Brüdern und zwei Schwestern in einer bürgerlichen, vermutlich assimilierten Kaufmannsfamilie auf. Namentlich bekannt sind uns die Brüder Hugo und David und die Schwester Louise.

Die Juden bildeten einen wesentlichen Anteil der deutschsprachigen Bevölkerung der Gegend um Posen und waren in höherem Maße als anderswo nicht nur in Handel, Bildung, sondern auch in Handwerk und Landwirtschaft tätig und sichtbar in Verwaltungen und vor allem den Parlamenten vertreten.
Ähnlich Schlesien wurde diese polnische Landschaft durch deutsche – und damit jüdische – Einwanderungsströme seit der Zeit der ersten Kreuzzüge im hohen Mittelalter erheblich geprägt. Die erste Erwähnung von Juden in Schmiegel (heute poln. Śmigiel, Województwo Wielkopolskie) ist 1415 datiert.1

An Orte der Provinz Posen hat die Diasporageschichte viele Anknüpfungspunkte. So kamen aus Birnbaum (Międzychód) Hermann Tietz („Hertie“) und der Maler Lesser Ury, in Krotoschin wurden in ganz Europa verbreitete Gebetbücher gedruckt. Die Namen von Gertrud Kolmar, Salman Schocken und Heinrich Graetz sind Herkunftsnamen dieser Landschaft. Aus Lissa (Leszno) stammte Rabbiner Leo Baeck, in Rawitsch begann der Karlsruher Rabbiner Sinai Schiffer seine Laufbahn, aus Pleschen kam der Bruchsaler Rabbiner Siegfried Grzymisch, aus Wreschen der Komponist Louis Lewandowski, aus Grätz der Zeitungsverleger Rudolf Mosse, aus Posen Heinrich Caro, der Entdecker synthetischer Farbstoffe, aus Czarnikau Martin Gerson, Organisator der Berufsumschichtung für die Auswanderungswilligen nach Palästina.

Schmiegel lag an der Landstraße von Posen nach Breslau. Das Städtchen besaß etliche Windmühlen; die Gewerbe der Schuhmacher, Tuchmacher und Leinweber spielten eine größere Rolle. Seit 1837 ist eine Synagoge belegt. Im 120 km südöstlich gelegenen Ostrowo (Ostrów Wielkopolski) lebten verwandte Wollheims.

In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es zu größeren Bevölkerungsbewegungen; polnische Familien wurden angesiedelt, jüdische wanderten in großer Zahl nach Westen ab. Eine Statistik von 1885 zeigt noch 208 Juden in Schmiegel, das 3.774 Einwohner zählte. 1905 war nochmals die Hälfte dieser Familien weggezogen. 2
Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Versailler Vertrag wurde die vormals preußische Provinz Posen polnisch; die verbliebene deutsche Bevölkerung und damit die jüdischen Bürger/innen, die hochdeutsch oder die jüdisch-deutsche Mundart sprachen, zogen zumeist in die Großräume Breslau und Berlin sowie nach Übersee.3 Die damals junge Generation der Wollheims fand sich offenbar auch bald in Berlin wieder, wie die Namen in den Adressbüchern nahelegen (auch wenn sie sich nicht immer konkret zuordnen lassen).

Ein Georg Wollheim, geboren 1893 in Schmiegel, ist 1915 als Infanterist gefallen; der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten (RjF) führte ihn in seinem Gedenkbuch auf.4 Georg muss ein naher Verwandter gewesen sein.

Auch Heinrich Wollheim nahm am Ersten Weltkrieg teil. Nach Meinung eines Bewohners von Todtmoos, wo Wollheim nach dem Ersten Weltkrieg lebte, sogar als Offizier.5 Das ist allerdings unwahrscheinlich, da deutsch-jüdische Soldaten nur selten in eine Offizierslaufbahn aufgenommen wurden. Denkbar ist hier, dass er für „Tapferkeit vor dem Feind“ zum Unteroffizier befördert wurde. Er wurde im Militärdienst, vermutlich durch die Entbehrungen im Stellungskrieg gegen Frankreich, oder in den Schlachten um Verdun oder an der Somme, „lungenkrank“.6 Darunter war in der Regel Tuberkulose zu verstehen. Die offene Form dieser bakteriellen Infektion geht typischerweise mit der Zerstörung des Lungengewebes und blutigem Auswurf einher; Knie und andere Gelenke sind schmerzhaft geschwollen, die Ansteckungsgefahr hoch. Mit 14,4% hatte die Tuberkulose im deutschen Heer die höchste Sterblichkeitsrate, noch vor Typhus und Ruhr, so der Sanitätsbericht über das deutsche Heer […] 1914-1918.7 Jedenfalls kehrte Heinrich Wollheim als Kriegsinvalider zurück.

Todtmoos im Schwarzwald
1920, so belegt das Polizeibuch der Gemeinde, zog der „zu 100% kriegsbeschädigte“ Heinrich Wollheim in den Luftkurort Todtmoos im Hotzenwald,8 einer Landschaft im südlichen Hochschwarzwald, wo er bei Schreinermeister Karl Kaiser und seiner Ehefrau Magdalena im 3. Stock ein günstiges Zimmer mietete. Der Arzt des nahe gelegenen Kurheims Adler betreute ihn. Sohn und Tochter der Familie Kaiser (geboren 1933 bzw. 1935) holten ihm in späteren Jahren von dort auch das Essen herauf, dafür, so erinnert sich die die damals Beteiligte heute, durften sie jedes Mal den Nachtisch behalten.9

TBC-Kranke wurden damals mit frischer Luft, Liegekuren und fettreicher Kost behandelt, auch operative Eingriffe mit künstlichem Pneumothorax, bei dem ein Lungenflügel still gelegt wird, waren verbreitet. Vor allem durch erhöhte Hygiene sank die Sterblichkeit zwar stetig, aber die Betroffenen waren oft Jahre und Jahrzehnte leidend. Streptomycin, das erste Antituberkulotikum, wurde erst zu Ende des 2. Weltkriegs eingeführt.

In seiner amtlichen Anmeldung firmierte Heinrich Wollheim als Kaufmann, konnte aber vermutlich kaum arbeiten. Der ebenfalls schwerkriegsbeschädigte Freund Walter Fischer war öfters zu Besuch, die beiden spielten zusammen Schach. Gelegentlich kam eine von Heinrichs Schwestern, dann auch der Bruder Hugo aus Berlin, der Familie Kaiser aus seiner „Herrenwäschemanufaktur“ sehr willkommene Trikotwaren mitbrachte.10
Der Bruder David Wollheim emigrierte spätestens 1938 nach Argentinien, wo er mit Familie in der jüdischen landwirtschaftlichen Siedlung Avigdor lebte.11 Über ihn und seine Nachkommen war leider nichts Näheres zu erfahren.

Die Tochter der Zimmervermieters Kaiser erinnert sich heute noch lebhaft an Heinrich Wollheim, den sie als „nett und liebenswürdig“ erlebt hat. Dem Druck der lokalen Nazichargen, den „nicht-arischen“ Untermieter loszuwerden, mit der Drohung, ihr Mann käme sonst „ganz vorne“ an die Front, habe sich die Mutter nicht gebeugt. 1941, so erinnert sie sich, habe Herr Wollheim plötzlich den gelben Stern tragen müssen, auch an seiner Zimmertür musste er angebracht werden.

Im Juli 1941 starb Heinrich Wollheims zwei Jahre älterer Bruder Hugo und wurde auf dem Friedhof Berlin-Weißensee beerdigt. Die jüngere Schwester Louise, verheiratete Rosenkranz, von Beruf Verkäuferin, wurde am 1. November 1941 von Berlin nach dem Ghetto Lodz deportiert und ist in Chelmno (Kulmhof) umgekommen.12 Über die zweite Schwester war nichts Gesichertes herauszufinden; der entfernte Verwandte Hermann da Fonseca Wollheim nimmt an, dass sie einen ähnlichen Weg gegangen sei wie Louise.13

Über Karlsruhe nach Theresienstadt
Heinrich Wollheims Meldekarte aus Todtmoos enthält den lapidaren Eintrag „Mitte April 42 ab nach Osten (Lager)“. Nach Aussage von Walter Fischer wurde Heinrich „abends um 11“ von der Gestapo abgeholt.14 Seine wertvolle Briefmarkensammlung, so berichteten beide Kinder der Kaisers, hatte er ihrem Vater für den Fall anvertraut, „dass ihm mal etwas geschehen sollte“. Die Marken wurden nun von den Beamten geplündert; was sie nicht interessierte, verstreuten sie auf dem Boden.15 Heinrich Wollheim wurde über Waldshut nach Karlsruhe gebracht, wo er im 1937 eröffneten Jüdischen Altersheim Kronenstraße 62, Ecke Steinstraße in der Altstadt (dem sog. „Dörfle“) unterkam.16 Es ist davon auszugehen, dass ihm Karlsruhe nur als Sammelpunkt für die geplante Abschiebung, das „Judenhaus“ als vorübergehender Aufenthaltsort zugewiesen wurde, denn eine regelrechte Pflegeeinrichtung kann es dort 1942 nicht mehr gegeben haben. Die Angabe von Josef Werner in Hakenkreuz und Judenstern: Das Schicksal der Karlsruher Juden im Dritten Reich, S. 393, zu dem „erst 47-jährigen Heinrich Wollheim, der nach der Deportation des Verwalter-Ehepaars Stern im April 1942 das Jüdische Altersheim übernommen“ habe, ist als Irrtum zurückzuweisen. Selbst halbwegs kuriert und nur latent tuberkulös, kann der tatsächlich 57-Jährige niemals ein Altersheim geleitet haben, es gibt dafür auch keinen Beleg. Möglich ist, dass er sich nach Kräften dort nützlich gemacht hat, vielleicht in Form von Büroarbeit, aber das bleibt Spekulation.

Der Karlsruher Salo Wollheim, ein Verwandter aus dem erwähnten Ostrowo, war bereits 1939, getrennt von Frau und Tochter, nach Shanghai emigriert. Ob also Heinrich hier eine Menschenseele kannte, ist ungewiss, sicher traf er aber auf Hilfsbereitschaft in der Jüdischen Gemeinde, wenn auch deren Wohlfahrtseinrichtungen nach der Deportation der meisten Karlsruher/innen nach Gurs 1940 kaum noch in der Lage gewesen sein können, die in der Stadt verbliebenen Alten und Pflegebedürftigen umfassend zu versorgen.

Am 20. oder 21. August 1942 wurde Heinrich Wollheim zusammen mit etwa einem Dutzend älterer Jüdinnen und Juden von Karlsruhe nach Stuttgart verfrachtet, wo in einem provisorischen Sammellager in der Halle der Reichsgartenschau auf dem Killesberg über 1.000 Menschen mit all ihrem Gepäck auf dem Boden übernachten mussten. In diesem so genannten Alterstransport „XIII/1“ wurden aus Württemberg, Hohenzollern und in geringerer Zahl aus Baden die Bewohner/innen der jüdischen Altersheime erfasst, auch aus ihren Wohnungen viele Ältere und Kranke, eigentlich nicht Transportfähige, dazu die Kriegsbeschädigten, unter ihnen Träger hoher Auszeichnungen des Weltkriegs, mit ihren Familien. In offiziellen Reden waren diese vor nicht allzu langer Zeit noch als die „Ehrenbürger der Nation“ apostrophiert worden, denen der „Dank des Vaterlandes“ gelte.17 Auch Behinderte und Liegendkranke mussten mit. 85,7 % der Passagiere waren älter als 60 Jahre,18 so hat Paul Sauer in der „Dokumentationsstelle bei der Archivdirektion Stuttgart“ in den 1960er Jahren ermittelt.

Die „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ war durch die Gestapo gezwungen worden, die alten Leute vor dem Abtransport teure „Heimeinkaufsverträge“ unterschreiben zu lassen, unter der trügerischen Zusicherung, im „Vorzugslager“ Theresienstadt Unterkunft und Pflege auf Lebenszeit zu erhalten. Auf diese Weise wurden die Betroffenen um ihr gesamtes verbliebenes Vermögen erleichtert. Auch die Fahrtkosten mussten die Passagiere selbst aufbringen.

Am 22. August startete der Transport mit dem Reichsbahn-Sonderzug „Da 505“, bestehend aus Personenwagen, dazu einigen Güterwagen für die Liegendkranken. So ging Heinrich Wollheim als „XIII/1-1115“ auf eine Reise ins Ungewisse.19 Ebenfalls Schwerkriegsbeschädigte aus Karlsruhe im selben Zug waren Carl Rosenfeld (geb. 1883, begleitet von seiner Frau Elisabeth, geb. 1897) und Bernhard Hochherr (geb. 1870). Laut Deportationsliste waren aus der Kronenstraße 62 auch die beiden Damen Amalie David geb. Brandeis (geb. 1876) und Johanna (Hannchen) Fried (geb. 1874) dabei.20

Am 23. August traf der Zug nach „30-stündiger Fahrt“ im „Protektorat Böhmen und Mähren“ am Bahnhof Theresienstadt-Bauschowitz (Eger) ein.21 Dort wurden die Nicht-Gehfähigen auf klapprige Lastwagen geladen, die übrigen hatten den Weg zur Festung zu Fuß zurückzulegen.

Resi Weglein, Tochter eines Kriegsbeschädigten aus Ulm, erinnerte sich: „Nach zweistündigem Marsch kamen wir in Theresienstadt in der Aussiger Kaserne an.[...] Wir waren in der Schleuse. Wir kamen durch trostlose, lange, mit ungleichmäßigen Steinen bepflasterte Gänge, die schief in noch trostlosere ungleichmäßig gepflasterte Räume führten. Hunderte alter Menschen lagen auf den schmutzigen Böden umher, denn es dauerte viele Stunden, ehe jeder einzelne geschleust, d.h. ausgeraubt war. Gelassen wurde das restliche Brot, etwas Wurst und einige Kleinigkeiten ohne Wert. Dann kam die Leibesvisitation […]“22

Theresienstadt, tschechisch Terezin im Bezirk Litoměřice, war eine kleine, befestigte Garnisonsstadt aus dem 18. Jahrhundert, aus der die deutschen Besatzer Ende 1941 die einheimische Bevölkerung vertrieben hatten.

In den heruntergekommenen Gebäuden herrschten Raumnot und schlimmste sanitäre Verhältnisse. Schockiert von der Realität des Ghettos, landeten die Neuankömmlinge in der Sommerhitze zunächst auf Dachböden ohne Betten und sahen sich mit Mangelernährung, Wanzen und den wüsten Umgangsformen einer riesigen Haftanstalt konfrontiert. Kleinste Verstöße gegen täglich neue Vorschriften wurden mit harten Strafen bedroht. Dazu kam bald die Angst vor dem Transport „nach dem Osten“, dessen volle Bedeutung noch keineswegs bekannt war.

Statt der zivilen Einwohnerschaft von vielleicht 7.000 drängten sich im Herbst 1942 über 50.000 Menschen in ihren „Ubikation“ genannten Unterkünften. „Zimmer“ genannte Säle waren eng mit 3-stöckigen Stockbetten ausgebaut, die Koffer unter dem untersten Bett, Kleider an einem Nagel an der Wand, Waschgelegenheit und Klo gemeinsam für einen ganzen Flur, mit manchmal mehreren Hundert Menschen, auch Verwirrten und Sterbenden. So sind „während der ersten sechs Wochen nach der Ankunft bis Ende September 1942 247 Angehörige (= 23 %) des Transports aus Stuttgart in Theresienstadt verstorben“.23

Die „jüdische Selbstverwaltung“ konnte keine angemessene medizinische Versorgung und Pflege organisieren; so viele Fachkräfte es im Ghetto auch zeitweilig gab, es mangelte an Material und Medikamenten. Heinrich musste sicherlich wie andere Kriegsbeschädigte arbeiten, sonst hätte er kaum über zwei Jahre im Ghetto am Leben bleiben können, auch wenn ihn sein Status als Kriegsveteran zunächst vor dem Transport geschützt hat.

Die Zeitzeugin Inge Auerbacher berichtet in ihrem Jugendbuch „Ich bin ein Stern“,24 dass ihr Vater Berthold wie andere Kriegsbeschädigte mit seiner Familie zusammen bleiben konnte; Männer, Frauen und Kinder wurden sonst auf verschiedene „Heime“ verteilt. Als Alleinstehender kann Heinrich Wollheim von diesem Umstand aber kaum profitiert haben. Etwa 2.000 schwerkriegsbeschädigte Bein- oder Armamputierte, Blinde, Lungenkranke usw. sind insgesamt nach Theresienstadt verfrachtet worden;25 allein zwischen Juli 1943 und 1. März 1944 starben 170 von ihnen im Ghetto.26 Inge Auerbacher erwähnt ihre gemeinsame Unterkunft in dem Gebäude Q (sprich: „Que“) 808, später in Q 806, beide im „Siechenblock“ G V.27 Dort wird auch Heinrich Wollheims Bleibe gewesen sein, oder in einem der „Heime“ L 231, 233 bzw. 235.

Walter Fischer, Heinrich Wollheims Schachspielfreund in Todtmoos, erhielt von ihm über einen gemeinsamen Freund in Köln regelmäßig Nachricht aus Theresienstadt und „konnte ihm auch öfters etwas zusenden“.28 Der letzte Brief aus dem Ghetto traf im Sommer 1944 ein. Es ist anzunehmen, dass Heinrichs Gesundheitszustand das Schreiben dann nicht mehr zuließ.

Ab Frühjahr 1944 wurde Theresienstadt in einer gigantischen, von oben befohlenen „Verschönerungsaktion“ für internationale Kommissionen und Filmaufnahmen heraus geputzt, die Straßen erhielten wohlklingende Namen, Schaufenster von „Läden“ wurden dekoriert, kulturelle Aktivitäten durften sich mehr und mehr entfalten, die Lebensbedingungen verbesserten sich sogar ein wenig, das Meiste blieb aber trügerische Fassade (der die Rot-Kreuz-Kommissionen tragischerweise auch Glauben schenkten).

Ende September 1944 kündigte der 42 Jahre alte „Judenälteste“ Paul Eppstein im Auftrag der Kommandantur überraschend weitere Transporte an und war kurz darauf verschwunden. Heimlich wurde er, um den 27. September herum, im Gestapogefängnis „Kleine Festung“ hingerichtet; seine im Ungewissen lebende Witwe ließ man noch bis zu ihrer eigenen Verschleppung einen Monat später täglich das Essen für ihn dort abliefern.29 Sein Nachfolger im Amt war der vormalige Rabbiner Benjamin Murmelstein. Ähnlich anderen Judenräten in den besetzten Gebieten war der Einfluss dieser Leute groß und zugleich völlig nichtig, da sie, ob sie wollten oder nicht, Teil eines korrupten Systems waren und in allem was sie taten vollkommen kompromittiert waren. Konnten sie z.B. eine Person als unabkömmlich oder als krank und damit nicht transportfähig von der Transportliste streichen („reklamieren“), musste eine „Reserve“ dafür gehen. Ihre „Tagesbefehle des Ältestenrats“ dienten dem geregelten Zusammenleben, aber entschieden auch über Leben und Tod.

Am 28. September setzte die Welle der elf so genannten Herbsttransporte nach Auschwitz-Birkenau ein. War bisher die Zusammenstellung der Transporte eben der jüdischen Verwaltung aufgezwungen gewesen, so wurden nun viele Personen auf schriftliche „Weisung“ der Naziführung namentlich zum Transport bestimmt. Über 18.000 Menschen wurden innerhalb eines Monats deportiert, wobei auch zuvor noch geschonte Familienstrukturen nun zerrissen wurden. Vor allem nach ihrer Kategorie wurden nun z.B. männliche Fachleute, Funktionsträger des Ghettos und Prominente deportiert, letztlich war die Auswahl aber immer äußerst willkürlich. Der „Transportschutz“ für Ehepartner von Nicht-Juden, Träger hoher Weltkriegsorden und etwa 600 hochgradig Kriegsbeschädigte schien nicht länger zu gelten.30 Betroffen waren auch „ehemalige Offiziere aller Armeen, deren Registrierung schon im Sommer angeordnet worden war“.32 Die Verschickung nach bestimmten Gruppen diente wohl dazu, Arbeitseinsatz und Neuansiedlung im Osten vorzutäuschen und damit eventuellem Widerstand vorzubauen.

Für den 19. Oktober 1944 wurde Heinrich Wollheim – nach Aussage von Walter Fischer inzwischen „unheilbar krank“ – in den drittletzten, mit „Es“ bezeichneten Transport aus Theresienstadt eingereiht, zusammen mit etwa 1.500 Menschen. „19. Oktober: Transport mit Kindern, Alleinstehenden, Kranken und Invaliden“, so notierte der holländische Mitgefangene M. Frankenhuis in seinem Tagebuch.33

Käthe Starke-Goldschmidt schilderte in ihrem Buch „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ wie solch ein Herbsttransport anlief, nachdem der Befehl der Naziverwaltung vorlag:34 „Von der Stunde an begann in Tag- und Nachtschichten die Arbeit der Zentralkartei <in der Magdeburger Kaserne> […] Die Frauen unter den grellen Tageslichtlampen tippten die Listen […]. Nach […] oft geübter Methode wurden die Listen in Streifen geschnitten, auf dem Streifen stand eine Zeile: Name, Transportnummer, Ubikation des Opfers und der Sammeltermin für die Schleuse. Mit diesen Streifen gingen die Ordonanzen, meist bei Nacht, in die Unterkünfte und verteilten <sie>.“
Nun hatte jede/r Aufgerufene das verbleibende, kleine Gepäck, z.B. einen Rucksack zu packen. Nicht-Gehfähige wurden von der meist jugendlichen „Transporthilfe“ auf Handwagen o.ä. herbei geholt. Alle bekamen ein Schild mit Transportnummer umgehängt (Heinrich Wollheims lautete „Es-127“)35 und durchliefen stundenlange bürokratische Prozeduren, mussten die Essenskarte abgeben und ihr armseliges Gepäck wurde durchwühlt.

„Die Tore <der Hamburger Kaserne> sind umlagert und mit Karren umstellt. […] Gegen Abend setzt heftiger Regen ein. [… Eingereiht ist] das Gesundheitswesen in großem Umfange, darunter <Rechtsanwalt> Dr. <Wilhelm> Dreyer mit seiner famosen Frau. Er leitete die Kriegsbeschädigtenabteilung vorbildlich […]“,36 so berichtete der Augenzeuge Philipp Manes. An der Westseite der Hamburger Kaserne „beim Gleisanschluss […] fuhren die Waggons gleich beim Tor vor und ruckten immer um die Länge eines Güterwagens weiter“.37 „Der Transport hat in der Nacht um 3 Uhr das Ghetto verlassen“.38

Auschwitz-Birkenau
Der Zug erreichte nach etwa 500 km Fahrt am 20. Oktober das Vernichtungslager im deutsch besetzten Oberschlesien. Etwa 350 jüngere Personen wurden als Sklavenarbeiter in das Lager eingewiesen, von denen einige wenige auf dem Weg über „kriegswichtige“ Arbeitslager an anderen Orten später die Befreiung erlebten. Alle übrigen, sofern sie die Fahrt dorthin lebend überstanden hatten, wurden sofort in der Gaskammer des Krematoriums III ermordet.39 Heinrich Wollheim hat diesen Tag nicht überlebt.

Nachkriegszeit
Eine Tafel in der Abdankungshalle des christlichen Friedhofs in Todtmoos erinnert an Heinrich Wollheim, „Opfer der Gewaltherrschaft“.

Ein aus Berlin stammender Verwandter, der Auschwitz-Überlebende Norbert Wollheim (1913-1998), der durch seinen 1950 aufgenommenen Musterprozess um Entschädigung für die Zwangsarbeiter der I.G. Farben als einer der Ersten das geschehene Unrecht öffentlich machte, setzte sich auch für die in England lebende Erika Brickman, geborene Wollheim ein. Sie war die Tochter von Heinrichs Bruder Hugo.

Norbert Wollheim, der von Lübeck aus in der Britischen Besatzungszone am Wiederaufbau der jüdischen Gemeinden mitwirkte, beantragte bereits 1948, dass die in Bad Säckingen (Kreis Waldshut) aufgetauchte goldene Taschenuhr und das inzwischen von 750 RM auf 40 DM abgewertete Bankguthaben Heinrich Wollheims an Erika Brickman als rechtmäßige Erbin ausgehändigt werden sollten. Wie das Verfahren beim Landgericht Waldshut ausging, ist allerdings unklar. Norbert Wollheim wanderte 1951 nach New York aus; Erika Brickman ist 1953 in England verstorben.40

Nachkommen der Familie Brickman-Wollheim leben heute in England, andere Wollheims dürften in Argentinien zu Hause sein.

(Christoph Kalisch, Juli 2011)



Anmerkungen:
[1] Gotthard Deutsch, Louis Lewin: Posen. In: Jewish Encyclopedia.
[2] Bernhard Breslauer: Die Abwanderung der Juden aus der Provinz Posen. Denkschrift im Auftrage des Verbandes der Deutschen Juden. Berlin 1909, vgl. ttp://www.gehove.de/antisem/texte/breslauer_abw.pdf .
[3] Posen (Provinz). In: Herlitz/Kirschner: Jüdisches Lexikon. Bd IV, 1, Sp. 1054 ff.
[4] Die jüdischen Gefallenen des deutschen Heeres, der deutschen Marine und der deutschen Schutztruppen 1914 - 1918 : e. Gedenkbuch / Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten. - 2. Aufl.. - Berlin : Verl. "Der Schild", 1932.
[5] Lt. Hermann Oehler (Todtmoos), Bericht für die Bad. Zeitung (um 2005), Mskr.
[6] Gespräch mit E. Bär (Juli 2011).
[7] Zit. nach S. Hähner-Rombach: Sozialgeschichte der Tuberkulose […], Stuttgart, 2000; S. 347.
[8] Aussage Walter Fischer 1949, Staatsarchiv Freiburg (StAF) F 169/2.
[9] Gespräch mit E. Bär (Juli 2011) und Erinnerungen W. Kaiser.
[10] Gespräch mit E. Bär (Juli 2011) und Adressbücher Berlin.
[11] http://sites.huji.ac.il/cahjp/Lists%20of%20Organizations/JCA-Ar-Colonists.pdf und Hinweis H. da Fonseca-Wollheim, 2005.
[12] Ingo Loose (Bearb.): Berliner Juden im Getto Litzmannstadt 1941-1944. Ein Gedenkbuch. Berlin 2009, S. 272.
[13] E-Mail H. da Fonseca Wollheim an Stadtarchiv Karlsruhe 2005.
[14] Walter Fischer lt. StA FR F 169/2 Nr. 123.
[15] Gespräch mit E. Bär (Juli 2011) und Erinnerungen W. Kaiser.
[16] StAF F 169/2 Nr 123 und Israelitisches Gemeindeblatt Ausgabe B, 24.5. und 28.7.1937
[17] Hildegard Biermann: Der „Dank“ ihres Vaterlandes. Kriegsbeschädigte in Theresienstadt. In: Aufbau. 13. Jg., Heft 34, 1947, S. 17.
[18] Gottwaldt/Schulle: Die „Judendeporationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945. Wiesbaden 2005, S. 313.
[19] Terezínská pametní kniha / Theresienstädter Gedenkbuch, Institut Theresienstädter Initiative, Band I–II: Melantrich, Praha 1995; Band III: Academia, Praha 2000.
[20] „Liste der am 22.8.1942 nach Theresienstadt abgewanderten Juden“ aus Baden, Leo-Baeck-Institut New York, Kopie Stadtarchiv Karlsruhe 8/StS 17/315.
[21] Resi Weglein: Als Krankenschwester im KZ Theresienstadt. Erinnerungen einer Ulmer Jüdin. Stuttgart 1988, S. 26f.
[22] Ebenda.
[23] Gottwaldt/Schulle a.a.O.
[24] Inge Auerbacher: Ich bin ein Stern. Aus dem Amerikanischen von Mirjam Pressler. Weinheim, 1990.
[25] Hildegard Biermann: Der „Dank“ ihres Vaterlandes. Kriegsbeschädigte in Theresienstadt. In: Aufbau. 13. Jg., Heft 34, 1947, S. 17.
[26] Nach H.G. Adler: Theresienstadt: das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft, 2. Aufl. 1960, S. 325 und 712.
[27] Auskunft Mrs. Auerbacher Juli 2011.
[28] Walter Fischer lt. StAF F 169/2, Nr. 123.
[29] Käthe Starke: Der Führer schenkt den Juden eine Stadt : Bilder, Impressionen, Reportagen, Dokumente. Berlin, 1975, S. 150.
[30] H.G. Adler: Theresienstadt. Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft, S. 193 u.ö.; Biermann a.a.O., bestätigt von H.G. Adler, S. 712).
[31] Miroslaw Karny: Die Theresienstädter Herbstransporte 1944. In: Theresienstädter Studien und Dokumente, 1995. S. 18 u.ö.
[32] Walter Fischer lt. StAF F 169/2, Nr. 123.
[33] So berichtet M. Frankenhuis in einem Tagebuch, zit. nach H.G. Adler, S. 731.
[34] Starke (1975): 142 ff.
[35] Terezínská pametní kniha / Theresienstädter Gedenkbuch, Institut Theresienstädter Initiative, Band I–II: Melantrich, Praha 1995; Band III: Academia, Praha 2000.
[36] Philipp Manes: Als ob's ein Leben wär. Tatsachenbericht Theresienstadt 1942-1944. Berlin: 2005, S. 455.
[37] Starke (1975), S. 145.
[38] Manes (2005), S. 455.
[39] Vgl.Danuta Czech: Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939–1945, S. 912.
[40] StaF, F 169/2, Nr. 123.