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Fanny Wolf, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Fanny Wolf

Nachname: Wolf
Vorname: Fanny
Geburtsdatum: 12. Oktober 1886
Geburtsort: Königsbach/Pforzheim (Deutschland)
Familienstand: ledig
Eltern: Salomon und Frieda W.
Verwandtschaftsverhältnis: Schwester von Joseph, Louis und Wilhelm
Adresse: Jägerstr. 3, 1929 von Königsbach zugezogen
Beruf: Hausfrau
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
Sterbedatum: 18. Dezember 1940
Sterbeort: Gurs (Frankreich)

Biographie

Im Gedenken an Frieda, Fanny und Wilhelm Wolf
Auch in Erinnerung an Joseph Wolf

Ursprünglich stammte die Familie Wolf aus Königsbach(-Stein) bei Pforzheim. Der Markgraf von Baden, Friedrich Magnus, und die Freiherren von Saint André, die sich um 1699 die Grundherrschaftsrechte in Baden-Durlach teilten, hatten jüdischen Familien den Schutzbürgerstatus gewährt. So kam es zu einer langen jüdischen Tradition in Königsbach. Ein großer Teil von ihnen war im Viehhandel tätig.

So auch Moises Wolf (1755-1824), ein direkter Vorfahre von Fanny, Wilhelm und Joseph, der 1799 erstmals genannt wird. Dessen Enkel war Salomon Wolf (geboren am 27. Februar 1849, gestorben am 14. April 1917, der Ehemann von Frieda Wolf geborene Steinem (geboren am 30. Januar 1857, gestorben im Lager Gurs am 11. Dezember 1940) und Vater von Wilhelm, Fanny und Joseph, deren Lebensweg wir in dieser Biographie als Opfer der Judenverfolgung in Karlsruhe beschreiben.

Das Ehepaar Salomon und Frieda Wolf hatte 12 Kinder, von denen nicht alle das Erwachsenenalter erreichten. Das älteste Kind, Tochter Hermine, später verheiratete Eppstein (geboren am 2. August 1881, gestorben 1915) hatte eine uneheliche Tochter und wanderte in die USA, nach New York, aus. Dann kamen Louis (geboren am 14. Dezember 1882, umgekommen im Vernichtungslager Auschwitz), Hedwig (geboren am 30. Oktober 1884, gestorben am 18. Oktober 1918), Fanny (geboren am 12. Oktober 1886, gestorben am 18. Dezember 1940 im Lager Gurs), Wilhelm (geboren am 8. April 1889, gestorben am 15. Dezember 1940 im Lager Gurs), Lippmann (geboren am 21. Mai 1891, gestorben 1953), dessen Tochter Ruth ebenfalls in die USA emigrierte, Moses (geboren am 16. Dezember 1892, gestorben 6. Juni 1898), Joseph (geboren am 6. Dezember 1894, gestorben am 5. Oktober 1979), Sara (geboren am 24. Dezember 1895, gestorben 24. Februar 1896), Karoline (geb. 11. April 1897, gestorben 8. Juli 1897), Rosa (geboren 29. Juli 1898, gestorben 15. November 1898) und Lina (geboren 19. Februar 1900, unbekanntes Sterbedatum, verheiratet mit Max Maier, wohnhaft in Durlach, Hauptstraße 83 (Pfinztalstraße), emigrierte 1938 in die USA, Tochter Hannelore (geboren 1926).

Salomon und Frieda Wolf lebten mit ihren gemeinsamen Kindern bis zum Tod von Salomon am 14. April 1917 in Königsbach. Die Kinder besuchten die Volksschule am Ort und teilweise auch noch die Handelsschule in Pforzheim. Wir können vermuten, dass es sich bei den Wolfs wie bei vielen jüdischen Familien auf dem Land um eine eher traditionelle und fromme Familie handelte.

Nach Salomon Wolfs Tod 1917 übernahmen - wie damals üblich -, und da der erstgeborene Sohn Louis (siehe den Beitrag im Gedenkbuch zu ihm und seiner Familie) sich in Karlsruhe eine ganz andere eigene Existenz im Bekleidungswarenhandel aufgebaut hatte, seine folgenden ältesten Söhne Wilhelm und Joseph den Viehhandel. Wilhelm war laut seinen Angaben auf der Volkskarteikarte von 1914 bis 1918 Trainfahrer (einfacher Soldat im Transportwesen) im "Etappen-Sanitätsdepot 19". Das war das 2. Königlich-Sächsische Train-Bataillon (Versorgungs- und Nachschubbataillon) Nr. 19 und damit Teil des Sächsischen Armee-Korps. Es verwundert, dass er keiner badischen Einheit angehörte, aber es gab definitiv kein badisches Sanitätsdepot 19. Das Militärwesen war eine zentrale Reichsangelegenheit und kriegsdienstpflichtige Männer konnten bei Bedarf in andere Einheiten "verschoben" werden.

Die beiden Brüder zogen 1925, einige Jahre nach dem Tod des Vaters, nach Durlach und betrieben von hier aus ihren Viehhandel. Neben den jüdischen Familien Fröhlich und Schmalz waren sie die dritten Viehhändler in Durlach, weitere gab es nicht. Sie erwarben das Haus in der Jägerstraße 3. Die Mutter Frieda kam gemeinsam mit der Schwester Fanny 1929 nach. Die vorangegangene Zeit der aufblühenden Industrialisierung hatte Durlach einen starken Zuzug aus dem Umland und ein sprunghaftes Bevölkerungswachstum beschert. Erst dadurch gab es wieder nennenswerte jüdische Bevölkerung in der Stadt. Durlach hatte nach der Gründung Karlsruhes fast gar keine jüdische Wohnbevölkerung mehr aufgewiesen und erst 1872 mit der jüdischen Viehhändlerfamilie Raphael Fröhlich begann wieder eine Kontinuität jüdischer Wohnbevölkerung Dabei stieg der Anteil der Juden von 13 im Jahr 1895 auf 60 im Jahr 1925. Sie machten damit 0,3 % der gesamten Durlacher Bevölkerung aus - deutlich weniger als in Karlsruhe mit 2,2 % - und übertrafen die Anzahl der Grötzinger Juden, die vor allem im 19. Jh. in der Überzahl gewesen waren. Dabei gehörten die Durlacher Juden zur jüdischen Gemeinde in Grötzingen, wo sich auch eine Synagoge befand, und bildeten keine eigene Gemeinde. Die meisten hinzugezogenen Juden arbeiteten als Kaufleute und Händler, davon 15 % als Viehhändler, ein seit dem 18. Jh. weit verbreitetes Gewerbe unter Juden.

Der Durlacher Viehmarkt befand sich zunächst bis um 1900 auf dem heutigen Hengstplatz vor dem damaligen Gasthaus Blume (heute Cubanita). Anschließend wurde er an den Stadtrand verlegt, in die Nähe des 1913 neu errichteten Durlacher Bahnhofs. Nach 1900 gewann aber zunehmend der städtische Großviehmarkt Karlsruhes an der Durlacher Allee bei dem 1888 eröffneten neuen Schlachthof an Bedeutung.

Der Viehbetrieb der Gebrüder Wolf lief ziemlich gut. Pro Woche konnten sie in guten Zeiten 15 bis 20 Stück, bisweilen auch nur 7 Stück, Vieh handeln. Der Jahresumsatz betrug ungefähr 300.000 RM. Sie setzten vor allem Zuchtrindvieh um, Schlachtvieh nur nebenbei. Dazu besuchten sie nach Aussage eines Geschäftspartners auch entfernte Viehmärkte wie in Nördlingen, in Dillingen oder in Donauwörth. Vieh bezogen sie aber auch aus dem Rheinland und aus Norddeutschland. Neben mehreren Aushilfsangestellten gab es noch zwei Knechte und einen Kraftwagenfahrer. Sie konnten sogar einen siebensitzigen Adler-Wagen unterhalten. Der Sitz der Firma befand sich auf dem Gelände der Brauerei Eglau, Weiherstraße/Ecke Marstallstraße. Aus wirtschaftlichen Gründen war die Brauerei 1920/21 aufgegeben worden und die Stallungen konnten angemietet werden. Ihr Handelsradius erstreckte sich auch auf die umliegenden Dörfer im Bezirk Karlsruhe. Die noch heute existierenden Höfe Rittnerthof und Batzenhof gehörten zur engeren Kundschaft.

Fanny Wolf besuchte ebenfalls zwei Jahre die Handelsschule und machte später eine Ausbildung, für eine junge Frau nach dem damaligen Rollenverständnis noch keine Selbstverständlichkeit. Bis zu ihrem 20. Lebensjahr besuchte sie private Handelskurse. Ab 1906 arbeitete sie in Baden in der Schweiz in einem Kleidergeschäft der Firma Pollak. Danach wurde sie in Rüsselsheim im Bekleidungsgeschäft ihres Bruders Lippmann angestellt. Als dieser zum Heeresdienst für den ersten Weltkrieg eingezogen wurde, übernahm sie die Führung und Leitung des Geschäfts. 1919 kam sie nach Durlach zu ihren Brüdern und führte selbstständig deren Buchhaltung und besorgte die Geschäftskorrespondenz im Familienbetrieb. Dafür erhielt sie ein festgelegtes Einkommen von rund 200 RM im Monat. Daneben kümmerte sie sich auch um die Pflege der Mutter.

Jüdische Geschäfte standen seit dem April 1933 unter dem Boykott-Druck. Die „Arisierung“, das heißt die Geschäftsübernahme durch Nichtjuden oder Geschäftsschließung wurde unterschwellig betrieben, erst nach der Reichspogromnacht 1938 mussten alle jüdischen Firmen durch eine Reichsverordnung an nichtjüdische Eigner gehen oder zum Jahresende geschlossen werden. Gegen jüdische Viehhändler wurde aber bereits 1937 ohne offiziellen ministeriellen Erlass örtlich vorgegangen, so dass sie ihr Geschäft aufgeben mussten. Genau dieses geschah auch den Wolfs. Der überlebende Bruder Joseph Wolf berichtet, wie eines Tages unter dem Vorwand der Geschäftsbücherprüfung diese mitgenommen und trotz mehrmaliger Nachfragen nicht mehr zurückgegeben worden seien. Ohne diese aber wurde die Lizenz nicht mehr erteilt. So verloren die Geschwister ihre Geschäftsgrundlage und mussten aufhören.

Während der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938, in der die meisten Synagogen, jüdischen Geschäfte und zahlreiche Privatwohnungen zerstört wurden, wurden viele jüdische Männer zwischen 16 und 60 Jahren in „Schutzhaft“ genommen und in Konzentrationslager verschleppt. Dort wurden sie gequält und schikaniert, um sie mittels Terror zum „Auswandern“ zu bewegen. Auch Wilhelm Wolf war vom 11. bis zum 29. November 1938 in Dachau interniert. Nach der Reichspogromnacht und den Erlebnissen im KZ Dachau versuchten fast alle Juden aus Deutschland zu entkommen. Ebenso auch Wilhelm Wolf, Schwester Fanny und Mutter Frieda. Allerdings sind ihre Bemühungen für eine Ausreise in die USA erst ab dem 1. Juli 1940 aktenkundig. Das erscheint sehr spät, auch im Vergleich zu anderen jüdischen Familien. Die Pässe wurden am 4. Juli ausgestellt und am 15. Juli ausgehändigt. Für die Visa mussten sie die US-Botschaft in Stuttgart aufsuchen. Zu dieser Zeit durften fast keine Flüchtlinge mehr in die USA emigrieren, die notwendigen Visa wurden also nie ausgestellt. Dass aber vor dem Verzweiflungsschritt, in die USA zu entkommen, eventuell Pläne bestanden, in die Niederlande zu gehen, wo bereits Teile der Familie lebten, ist zu vermuten. Das aber wurde nach dem Überfall Hitlerdeutschlands im Mai 1940 sinnlos.

Der Bruder Joseph Wolf war schon 1938 illegal nach Holland geflohen. Da er sich dort ohne Aufenthaltserlaubnis aufhielt, kam er kurzzeitig in Polizeigewahrsam und ihm wurde die Erwerbstätigkeit untersagt. 1934 war sein Neffe Siegfried Süßmann (siehe die Biographie zu ihm im Gedenkbuch) nach Holland gegangen, dann dessen Vater Louis - der Bruder von Joseph - nach der Dachau-Haft Ende 1938 gefolgt. So lebte ein Teil der Familie Wolf auf der Flucht wieder eng beisammen. Als die Deportationen in die Vernichtungslager im Jahr 1942 begannen war auch Siegfried Süß darunter. Joseph Wolf gelang es, sich zu verstecken. In Amsterdam wurde er von verschiedenen Leuten versteckt und musste dafür aber zum Teil hohe Geldsummen bezahlen. Da es für ihn keine Lebensmittelmarken gab, musste er auch für Lebensmittel auf dem Schwarzmarkt hohe Geldbeträge aufbringen. Er beschrieb später, wie er, um nicht entdeckt zu werden, sich nicht an Fenstern oder auf der Straße sehen lassen konnte und in ständiger Angst vor Hausdurchsuchungen lebte. 21 Monate habe diese schwere Zeit gedauert. Die längste Zeit lebte er in Amsterdam in der Swammerdamstraat, wo im November 1944 sein „Lebensretter“ von Deutschen und Kollaborateuren erschossen worden sei. Als andere Adressen nannte er noch die Kingsbergenstraat 47 und zuletzt die Reystraat 19.

Am 22. Oktober 1940, ausgerechnet am Laubhüttenfest, wurden sie, wie die meisten Juden aus Baden, nach Gurs deportiert. Darunter auch Frieda, Fanny und Wilhelm Wolf. Auch ihnen war wohl erlaubt, 50 Kilogramm Gepäck pro Person - was sie aber niemals hätten tragen können - und 100 RM mitzunehmen. Drei Tage dauerte der Transport in den überfüllten Zügen.

Das Lager Gurs lag im Süden von Frankreich an der Grenze zu Spanien, im Departement Basses-Pyrénées. Nach der Ankunft erwarteten Wilhelm, Frieda und Fanny feuchte, verwahrloste Baracken. Wilhelm wurde von den Frauen getrennt und in einem anderen Block - „Îlot" - untergebracht.

Obwohl Gurs kein Vernichtungs- und Arbeitslager war, sondern ein Internierungslager unter französischer Verwaltung, kamen dort sehr viele Inhaftierte infolge der katastrophalen Verhältnisse ums Leben.
Kurz nacheinander starben im Dezember 1940 am 11. Frieda Wolf, am 15. Wilhelm Wolf und am 18. Fanny Wolf. Ob an Hunger, einer der zahlreichen Krankheiten oder einfach an Hoffnungslosigkeit, wissen wir nicht.

Joseph Wolf hatte das Kriegsende versteckt in den Niederlanden überlebt und danach versucht, in die USA auszuwandern. Das gelang ihm endlich am 15. November 1947, die Überfahrt erfolgte auf dem Dampfer „Noordam“ der Holland-Amerika Linie von Rotterdam aus. In den USA wohnte er zunächst bei seiner Schwester Lina Maier, geborene Wolf, in New York im Stadtteil Bronx, einem Viertel für ärmere Leute. Er wechselte seinen Wohnort allerdings sehr oft. In den Jahren 1948/49 hatte er gar kein Einkommen, danach nur ein sehr geringes. Seine Lebensbedingungen waren äußerst schlecht. Er heiratete zweimal, 1958 Eugenie und 1969 Elsbeth Jacobi. Er hatte keine Kinder. Obwohl er US-Bürger war, hat er nie richtig Englisch gelernt.
Joseph Wolf starb 1979 in New York.

(Lukas Bossert, Georg Kabierske, Matthäus Kahl, 11. Klasse Markgrafen-Gymnasium, Juli 2012)