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Auguste Wolf, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Auguste Wolf

Nachname: Wolf
geborene: Heimann
Vorname: Auguste
Geburtsdatum: 21. Juni 1877
Geburtsort: Bühl/Baden (Deutschland)
Familienstand: verwitwet
Eltern: Ludwig und Theresie, geb. Bodenheimer, H.
Verwandtschaftsverhältnis: Witwe von Jakob W. (13.10.1862-7.9.1936);
Adresse: Steinstr. 12, 7.9.-Oktober 1939 nach Halle
Beruf: Hausfrau
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
12.8.1942 von Drancy nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Auguste, Recha und Henriette Wolf

Über „Familie Jakob Wolf, Küfer(meister)“ ist leider wenig Persönliches überliefert.
Das Adressbuch weist die Familie mit immer neuen Wohnadressen nach, was auf geradezu ärmliche Lebensverhältnisse schließen lässt:
Zirkel 5 (Ende 1892), Zähringer Straße 63 (1893), Kaiserstraße 97 (1894), Zirkel 8 (1895),
Kaiserstraße 71, Hinterhaus 3. Stock (1896-1898), Waldhornstraße 37, Hinterhaus 1. Stock (1899), Zähringer Straße 28, Hinterhaus 3. Stock (1900), Waldhornstraße 37, 2. Stock (1901-1904), Zähringer Straße 28, 1. Stock (1905), Adlerstraße 19, 1. Stock (1906-1907), Steinstraße 12, 4. Stock (1908-1909), Zirkel 19, 1. Stock (1910-1912), dann wieder Steinstraße 12.4, was hier „unter dem Dach“ bedeutet (1913 bis zuletzt).

Auguste Heimann wurde am 21. Juni 1877 als Tochter der Eheleute Ludwig Heimann und Theresie, geborene Bodenheimer, in Bühl geboren. 43-jährig, sie lebte bereits als „Stütze“ (Hausangestellte) in Karlsruhe, heiratete sie am 1. März 1921 den verwitweten Küfer Jakob Wolf (geboren am 13. Oktober 1862 in Bingen am Rhein). Auguste Wolf wird nun als Hausfrau aufgeführt und als Mitglied des Israelitischen Frauenvereins, was heißen mag, dass sie sich besonders für die jüdische Wohlfahrt engagierte. Auch innerhalb der Jüdischen Gemeinde - der „liberalen“ Israelitischen Religionsgemeinschaft - mit ihrer Synagoge in der Kronenstraße war sie sehr engagiert und mit Aufgaben betraut. So war sie diejenige, die nachweisbar mindestens während der 1920er und 1930er Jahre das erste rituelle Tauchbad für Frauen ausführte, die zum Judentum übertraten; meist waren es christliche Frauen, die die Ehe mit einem jüdischen Mann eingingen.
Ihr Mann hatte aus erster Ehe mit Rosa, geborene Blumenthal (geboren 18. Dezember 1858 in Ittlingen, Kreis Sinsheim), vier Kinder:
Julius (geboren 16. November 1891), Leopold (geboren 19. Januar 1893), Recha (geboren 18. Juli 1897) und Henriette („Henny“, geboren 4. Dezember 1899); alle in Karlsruhe geboren. Mutter Rosa war 62-jährig am 28. Dezember 1920 verstorben, ihr Grab ist auf dem liberalen jüdischen Friedhof in Karlsruhe.

Als junger Mann war Jakob nach Karlsruhe gekommen. Wie er seinen Küfer-Beruf ausgeübt hat, ist unbekannt. Ob er überhaupt in Weinbau oder -verarbeitung tätig war (schließlich stammte er aus dem rheinhessischen Weinort Bingen) oder in einer der zahlreichen Weinhandlungen, vielleicht in einer koscheren wie beispielsweise der Maier Altmann OHG in unmittelbarer Nähe am Zirkel? Jedenfalls erscheint Jakob ab etwa 1922 als Synagogendiener bei der Jüdischen Gemeinde. Diese feste Bestallung wird die soziale Lage der Familie gebessert haben.
Am 7. September 1936 starb er 73-jährig in Karlsruhe.

Henriettes Beruf ist 1938 als Arbeiterin bzw. Büglerin mit Spezialkenntnissen in Plissee (z.B. Faltenröcke) angegeben, Recha scheint in keinem regulären Arbeitsverhältnis gestanden zu haben. Die beiden jungen Frauen blieben ledig und lebten im elterlichen Haushalt. Im selben Jahr bekamen übrigens alle jüdischen BürgerInnen speziell gekennzeichnete Kennkarten und den zusätzlichen Zwangsnamen „Sara“ bzw. „Israel“.
Leopold heiratete und verließ Karlsruhe, über seinen weiteren Lebensweg ist nichts bekannt, doch scheint er nicht Opfer des Holocaust geworden zu sein. Julius heiratete 1914 Sofie, geborene Fortlouis, und wurde Geschäftsführer ihres großen, gut gehenden Schneidergeschäfts in Karlsruhe. Er flüchtete 1938 nach Palästina, während Sofie in der Verfolgung umkam.

Auguste zog mit den beiden Stieftöchtern, Henriette und Recha, am 7. September 1939 nach Halle (Saale), wie es etliche jüdische EinwohnerInnen Karlsruhes taten, die nicht zu Beginn des Krieges in die staatlich organisierte Evakuierung aus dem badischen „Grenzland“ einbezogen waren. In Halle war für die Versorgung der zahlreichen „Evakuierten“ die Jüdische Gemeinde verantwortlich. Wohnen durften sie ausschließlich in so genannten Judenhäusern oder Einrichtungen der Gemeinde. Nachdem es im Westen 1939 zu keinen nennenswerten Kriegshandlungen kam, kehrten die Wolfs zusammen mit anderen noch im Oktober wieder nach Karlsruhe zurück.

Der 22. Oktober 1940 war ein Feiertag, das Laubhüttenfest. An diesem Tag begann für die drei die Abschiebung nach dem südfranzösischen Gurs. Das Internierungslager im Departement Basses-Pyrénées lag auf dem Gebiet des Vichy-Regimes. Zunächst traf es 905 KarlsruherInnen. Ein Zentner Gepäck und 100 RM pro Person durften mitgenommen werden. Dass die Wolfs so viel hatten, ist zweifelhaft, denn die Fotos der so genannten Judenkartei 1938 zeigen sie ärmlich gekleidet, sie wirken fast unterernährt. Die Jahre nach 1933 waren ja durchzogen von Auflagen, Schikanen, Sondersteuern u.ä., die die wirtschaftliche Lage aller jüdischen Menschen verschlechtert hatten.

Nach langen Verzögerungen trafen sie am 25. Oktober im Lager Gurs ein. Die Deportierten waren sich hier selbst überlassen, wobei es besonders in den Frauenbaracken eine gut organisierte Selbsthilfe gab, wie ZeitzeugInnen berichten. Daneben kam sporadische Unterstützung aus der französischen Bevölkerung und von nicht-deutschen Hilfsorganisationen. Es bestand auch gelegentlich noch die Möglichkeit zu emigrieren. Dem standen aber meist fehlende Visa, rigide Einwanderungsquoten und hohe Kosten für die Überfahrt im Wege. Palästina etwa wurde erst 1945 für Flüchtlinge geöffnet; die USA wies z.B. 1939 das Schiff "St. Louis" mit 900 deutschen Flüchtlingen ab, es musste nach Europa umkehren.

Am 8. August 1942 wurden Auguste, Henriette und Recha mit dem zweiten derartigen Zug nach dem Sammellager Drancy gebracht, wo sie am Folgetag eintrafen. Das Lager bei Paris im deutsch besetzten Gebiet war Durchgangsstation „nach dem Osten“ für abertausende Menschen.
Am 12. August 1942 traten sie von dort gemeinsam, zusammen mit weiteren 72 KarlsruherInnen, im 18. RSHA-Transport (das Reichssicherheitshauptamt war die Fusion von SS und gesamter Polizei unter Heinrich Himmler) den Weg nach Auschwitz-Birkenau an. Wie üblich bestand dieser aus 20 Viehwaggons mit jeweils etwa 50 Personen, zumeist älteren Menschen, zur Hälfte Frauen, keine Kinder. In den Waggons gab es üblicherweise Latrineneimer und Chlorkalk, vergitterte Luftklappen und wenig Tageslicht; die Leute hatten wohl ein persönliches Bündel, etwas Proviant, aber es gab kaum Wasser.
Am 14. August, nach mehr als 48 Stunden, kam der Zug an. An der so genannten Rampe wurde allen Gepäck und eventuelle Wertsachen weggenommen. Von den Frauen dieses Transports wurden nur 62 in das KZ zur Arbeit „selektiert“, d.h. geschoren, desinfiziert, mit Nummer am Unterarm tätowiert und mit Lagerkluft versehen, das ganze unter Schlägen und Schmähungen, vielleicht noch mit stundenlangem Appell-Stehen. Recha und Henny, im „arbeitsfähigen“ Alter nach den Kriterien der Selektierer, können vielleicht darunter gewesen sein, die 65-jährige Auguste aller Wahrscheinlichkeit nach nicht. Noch im selben Jahr wütete im Lager auch das Fleckfieber. Aus diesem Transport waren 1945 nur 11 Überlebende beiderlei Geschlechts feststellbar - von ursprünglich 1.007 Menschen.

Da keine Todesbescheinigungen vorliegen, gelten Auguste, Henriette und Recha Wolf von Amts wegen als „verschollen“.

(Christoph Kalisch, Januar 2006)