Personendaten

Sofie Wolf

Nachname: Wolf
geborene: Fortlouis
Vorname: Sofie
Geburtsdatum: 27. März 1891
Geburtsort: Karlsruhe (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Eltern: Max und Julie, geb. Landauer, F.
Verwandtschaftsverhältnis: Ehefrau von Julius W.;

Mutter von Anne-Rose, Erich Karl und Ruth Senta
Adresse: 1919-1928: Stephanienstr. 7
1928-1938: Stephanienstr. 76
1938-1939: Douglasstr. 3
1939-1940: Schubertstr. 2
Beruf: Schneiderin (Inhaberin der Damenschneiderei S. Wolf-Fortlouis, Stephanienstr. 7)
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
9.9.1942 nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Sofie Wolf-Fortlouis

Sofie Wolf-Fortlouis wurde in Karlsruhe am 27. März 1891 als Tochter des Kaufmanns Max Fortlouis und seiner Frau Julie geboren. Sie heiratete am 21. Dezember 1914 mit 23 Jahren den kaufmännischen Angestellten einer Eisenwarenhandlung, Julius Wolf, Sohn des Küfermeisters Jakob Wolf und seiner Frau Rosa. Mit ihm hatte sie drei Kinder, Erich Karl (geboren am 20.04.1916), Ruth Senta (geboren am 19.05.1920) und Anne-Rose (geboren am 28.10.1925).

Sofie Wolf trat sehr aktiv und selbstbewusst auf. Zu jener Zeit war es für eine verheiratete Frau üblich, alle beruflichen Tätigkeiten niederzulegen und sich auf die Führung des Haushalts zu konzentrieren, auch wenn das Einkommen des Mannes dafür eigentlich keinen Spielraum ließ. Sofie dagegen hatte schon 1922 mit zwei kleinen Kindern neben der Hausarbeit mit ihrer Schwester Regina zusammen eine Damenschneiderei aufgebaut, die mit einer kleinen Finanzspritze von Reginas Mann Theodor und viel Arbeit der beiden Schwestern im Laufe der 20er Jahre zu einer der besten und größten Damenschneidereien in Karlsruhe herangewachsen war. Sofies Aufgaben in der Schneiderei lagen in der Ausführung der Anproben, im Zuschnitt und in der Anleitung der Näherinnen, während sich ihre Schwester Regina für den Einkauf und den Kundenempfang zuständig zeichnete. Bei den überwiegend weiblichen Mitarbeitern war Sofie als Chefin besser anerkannt als ihre Schwester, die sich bei ihrer Arbeit wohl eher selten in den Geschäftsräumen der Schneiderei aufhielt. Sofies Mann, Julius Wolf, stieg Mitte der 20er Jahre als Prokurist in die Firma ein, nachdem er seine Arbeit als Reisender bei der Eisenhandlung Berg & Straus in Karlsruhe aufgegeben hatte. Er ordnete die teilweise etwas chaotische Finanzlage des Unternehmens und verhalf sich und seiner Frau zu mehr Ansehen in der Firma, indem er die vorher oft verschleppten Gehaltszahlungen an die je nach Auftragslage bis zu 30 Angestellten nachholte und nun pünktlich ausbezahlte. Auch privat blieb so mehr für Sofie und ihn übrig, aber auch Sofies Schwester profitierte davon. So konnten Sofie und Julius all ihren Kindern eine gute Schulbildung zukommen lassen. Alle drei besuchten eine Realschule und Ruth Senta wurde im Betrieb ihrer Mutter zur Damenschneiderin ausgebildet.

Ab 1933 musste dann der Betrieb langsam verkleinert werden, obwohl die Auftragslage gut war. Zahlreiche Juden wanderten zu dieser Zeit wegen der Diskriminierung aus, die sie durch die Nationalsozialisten in Deutschland erfuhren. Unter anderem um einen besseren Start im Ausland zu haben, statteten sich viele von ihnen vor ihrer Abreise noch einmal komplett mit Wäsche und Kleidung aus. Ein weiterer Grund hierfür ist auch der Tatsache geschuldet, dass die Emigranten bei ihrer Ausreise viel Geld verloren, unter anderem durch die sogenannte Reichsfluchtsteuer, die ihnen zuletzt über 90% ihrer Barschaften entzog. Um diesen Einbußen zu entgehen, waren die ausreisenden Juden bestrebt, ihr Vermögen nach Möglichkeit in Güter umzuwandeln, die sie auf ihrer Reise mitnehmen konnten. Dies erklärt den Umsatzzuwachs, den Sofie und ihre Schwester ab Mitte der 1930er Jahre mit ihrer Schneiderei verzeichneten, denn gerade dort konnte man sich mit besserer und daher auch für den Wiederverkauf wertvollerer Kleidung gut ausstatten.
1935 schaffte es Erich Karl, als Arbeitskraft nach Palästina auszureisen. Im Mai 1938 musste die Familie mit der Schneiderei zusammen in die Douglasstraße 3 umziehen, denn der Bund Deutscher Mädel (BDM) zog in das Haus Nummer 76 ein, das sie vorher in der Stephanienstraße bewohnt hatten. Das Haus in der Douglasstraße wurde zwar kurz vor dem Umzug von einem emigrierten jüdischen Arzt an eine christliche Familie verkauft, aber diese hatte das Haus unter der Auflage übernommen, zwei Wohnungen an Juden zu vermieten und stand auch zu diesen. So kam es auch, dass die Einrichtung in fast allen Räumen der im Erdgeschoss eingerichteten Schneiderei am Tag nach der Reichspogromnacht, dem 10. November 1938, von den Nationalsozialisten zerstört wurde, der Familie und ihrer Wohnung aber nichts geschah, da sich die Vermieter, selbst Mitglieder in mehreren nationalsozialistischen Organisationen, sich den Randalierern entgegenstellten und den Rest des Hauses verteidigten.

Zu dieser Zeit waren Julius und Ruth Senta schon ausgewandert. Julius Wolf nutzte die Gelegenheit, im September 1938 zu seinem kranken Sohn nach Palästina zu reisen. Nachdem er zu diesem Zweck ein Attest seines Sohnes aus Tel Aviv vorgelegt hatte, wurde ihm ein dreimonatiger Aufenthalt genehmigt. Als seine Aufenthaltsgenehmigung dem Ende entgegenging, sandte er über das Konsulat eine Krankmeldung mit dem Gesuch einer Aufenthaltsverlängerung zur Polizei nach Karlsruhe. Es ist nicht auszuschließen, dass seine Krankheit nur vorgeschoben war, denn angesichts der während seines Auslandsaufenthalts verübten Reichspogromnacht schien es für ihn sicherlich keine gute Perspektive mehr, die Rückreise antreten zu müssen. Sicher ist nur, dass ihm diese Krankheit überaus gelegen kam, denn die Aufenthaltsgenehmigung wurde anstandslos von den NS-Behörden und der Gestapo genehmigt, die sich jenerzeit über jeden Juden freuten, der sie ihrem Ziel, „Deutschland judenrein zu machen“, näher brachte. Julius Wolf schaffte es, durch Aufenthaltsverlängerungen über den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs hinaus, im Ausland zu bleiben.
Ruth Senta konnte schon früher im gleichen Jahr über eine Ehe mit Ernesto Askenasy ausreisen. Ernesto Askenasy war einer der Juden, die ein Visum für Südamerika bewilligt bekommen hatten. Es ist gut möglich, dass er ebenfalls zu einem der vielen dieser Juden zählte, die mit ihrem Visum über arrangierte „Scheinehen“ anderen Juden zur Ausreise verhalfen.
Trotz größter Bemühungen gelang es der zweiten Tochter Anne-Rose weder alleine über Schweden nach Palästina, noch mit ihrer Mutter zusammen zu Ruth Senta nach Chile auszureisen. Alle diesbezüglichen Versuche schlugen fehl. Es ist zu vermuten, dass Chile keine weiteren Flüchtlinge mehr aufnehmen wollte und die Reise über Schweden wegen der sich verschlechternden Kriegslage genauso unmöglich wurde. Die beiden stellten auch einen Ausreiseantrag in die USA, dessen baldige Genehmigung aber sehr unwahrscheinlich war, da die USA eine Einreisekontrolle eingeführt hatten und Sofie und Anne-Rose sehr weit unten auf der Liste der Einreiseanwärter standen.

Zum Ende des Jahres 1938 mussten dann alle jüdischen Geschäfte in Deutschland geschlossen werden. Sofie Wolf-Fortlouis durfte in ihrer ebenfalls betroffenen Schneiderei aufgrund einer vom Badischen Finanz- und Wirtschaftsministerium erteilten Sondergenehmigung die Geschäfte bis zum 31.01.1939 weiterführen und in dieser Zeit die zu Beginn des Jahres 1939 noch offenen Aufträge beenden. Zu dieser Zeit war sie zudem wieder gezwungen, in ein anderes Haus umzuziehen, denn eine weitere Verordnung zu den „Nürnberger Rassegesetzen“ sah vor, Juden aus „arischen“ Mietshäusern zu entfernen. Sie lebte nun in einem „Judenhaus“, der Schubertstraße 2, zusammen mit ihrer Tochter Anne-Rose und ihrer Schwester Regina Schröder, mit der sie auch schon in der Douglasstraße zusammengewohnt hatte.

Danach wurde die Lage immer aussichtsloser, bis sie schließlich, zusammen mit vielen anderen Juden aus Baden, am 22.10.1940 ins Lager Gurs verschleppt wurde. Die Ankunft wurde dort drei Tage später verzeichnet, denn der Zug hatte einen längeren Aufenthalt an der deutsch-französischen Demarkationslinie, ehe die französischen Behörden entschieden, die deportierten deutschen Juden in ein einst für republikanische Spanienflüchtlinge errichtetes Internierungslager zu sperren. In Gurs übernahm Sofie die Oberaufsicht über die Kinder, leitete eine Gruppe Frauen, die sich mit Nähen die Zeit vertrieb, damit ein wenig Geld bei den Wärtern verdiente und die Kleidung der anderen Insassen in Stand hielt. Sofie war im Lager durchaus beliebt und geachtet. Verschiedene Mitinsassen beschrieben sie in Briefen an ihre Familien mit Zusätzen vor ihrem Namen, wie „unsere 'gute', 'brave', 'liebe' oder 'nette' Frau Wolf-Fortlouis“. Im Lager hatte sie immer noch Hoffnung auf eine Ausreise, wartete aber ein volles Jahr lang vergeblich auf Briefe des US-Konsulats in Marseille, bis sie, begleitet von drei Frauen aus dem Lager, am 25.11.1941 in den Zug nach Marseille stieg. Dies bedeutete wieder ein wenig Hoffnung für Sofie und ihre Tochter Anne-Rose, da Insassen französischer Lager mit Aussicht auf eine baldige Ausreise in besondere Transitlager verlegt wurden. Im Fall von Sofie Wolf war dies das Lager Hôtel de Levant, ein ausschließlich für Frauen eingerichtetes Lager für die Dauer des Erhalts aller nötigen Papiere bis zur Ausreise. Von dort an ist ihr Weg nur noch schlecht dokumentiert. Nach ihrer Ankunft im Hôtel de Levant am Tag darauf blieb sie wahrscheinlich noch ein Dreivierteljahr dort, während dem sie, wie viele andere, vergebens auf das Zustandekommen einer Ausreise wartete. Vielleicht kamen die nötigen Papiere nicht zusammen, vielleicht waren einige Papiere durch die lange Wartezeit schon verfallen oder vielleicht hatte Sofie sogar schon alle Papiere zusammen, aber die Schiffspassage kam wegen des U-Bootkriegs der deutschen Marine nicht zustande. Schiffspassagen über den Atlantik wurden zu dieser Zeit ohnehin nur noch von Schiffen einiger weniger neutraler Staaten, wie z.B. Portugal, unternommen.

Seit dem August 1942 wurden Züge aus Gurs und anderen französischen Lagern zusammengestellt, um die Juden über das Sammellager Drancy bei Paris auf die Vernichtungslager zu verteilen. Sofie wurde von ihrer Tochter getrennt und über das Lager Les Milles nach Drancy gebracht, dem Durchgangslager für die Transporte in die Vernichtung. Der Zug nach Auschwitz, in dem Sofie Wolf zusammen mit 1.000 anderen Juden nach Auschwitz verbracht wurde, verließ Drancy am 9. September 1942. Er kam dort am 11. September an. Insgesamt 81 Juden, 23 Männer und 58 Frauen, wurden bei Ankunft zur Zwangsarbeit selektiert. Sofie Wolf dürfte nicht darunter gewesen sein. Keine der 58 Frauen überlebte bis 1945. Es ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit so, dass Sofie Wolf als ältere Frau gleich von der Rampe weg in die Gaskammer kam.

Die Wege der anderen Familienmitglieder

Sofies Tochter Anne-Rose ging noch mit ihr nach Marseille ins Hôtel de Levant, aber auch bei ihr sind der genaue Weg und die genaue Zeit der weiteren Aufenthalte nicht weiter dokumentiert. Sicher ist nur, dass sie über Lyon und einen kurzen Aufenthalt in Drancy zum 03.02.1944 nach Auschwitz kam. Offiziell wurde sie zum Ende des Jahres 1945 für tot erklärt, eine rein formaljuristische Datierung. Aber auch hier lässt sich eine baldige Vergasung vermuten.

Sofies Mann Julius ging in den 1950er Jahren in die USA, wo er wieder Arbeit in seinem Beruf fand. Allerdings war die Bezahlung anscheinend nicht ganz ausreichend, denn er kehrte zusammen mit seinem Sohn Karl Erich Ende der 1950er nach Deutschland zurück. Beide erhielten im Rahmen des Bundesentschädigungsgesetzes der Bundesrepublik Soforthilfe für Rückkehrer und Julius begleitete mit der Hilfe eines Verwandten in Frankfurt die Wiedergutmachung für die Verbrechen an seiner Frau Sofie und seiner Tochter Anne-Rose und auch für seine eigenen Einbußen und die seines Sohnes während des Dritten Reiches.
Da beide jedoch wirtschaftlich in Deutschland nicht Fuß fassen konnten und sich unter Umständen nicht heimisch fühlen konnten, kehrten Julius und Erich Karl Wolf bald darauf in die USA zurück. Dies bedeutete Rückzahlungspflicht der erhaltenen 6.0000 DM Soforthilfe und eine Anklage wegen „Wiedergutmachungsbetrugs“. Dies wiederum bedeutete, dass die für die Verfolgung durch die Nationalsozialisten erhaltenen berechtigten Ansprüche aus dem Bundesentschädigungsgesetz davon abgezogen wurden, so dass Julius lediglich eine mickrige Rente ausbezahlt wurde.
Nach 1964 lebte Julius in Boston/Massachusetts in den USA, ebenso wie sein Sohn Karl Erich.
Sofies ältere Tochter Ruth Senta lebte nach dem Zweiten Weltkrieg noch für ein paar Jahre in Chile, bis sie James Robert Morse heiratete und schließlich auch in die USA zog, nach New York.

(Sigmar Walter, 11. Klasse Lessing-Gymnasium Karlsruhe, Juni 2011)