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Porträt von Kaufman Wormser aus den 1930er Jahren

Personendaten

Kaufman Wormser (Karl)

Nachname: Wormser
Vorname: Kaufman
abweichender Vorname: Karl
Geburtsdatum: 28. November 1865
Geburtsort: Karlsruhe (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Eltern: Baruch (Jakob) und Rachel, geb. Mayer, W.
Verwandtschaftsverhältnis: Ehemann von Rosa W.;

Vater von Ida Mayer, geb. W.;

Bruder von Moritz (1867-1940) und Jakob Baruch (1874-1917)
Adresse: bis 1933: Leopoldstr. 2b
nach 1933: Renckstr. 1
Schule/Ausbildung: 1875-1882: Humboldt-Realgymnasium, bis Obertertia
Beruf: Fabrikant (Inhaber der Lackwerke Wormser & Cie, Zähringerstr. 71)
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
Sterbedatum: 26. Dezember 1940
Sterbeort: Gurs (Frankreich)

Biographie

Kaufman Wormser
Jonas Leopold Mayer und Ida Ilse Mayer, Jakob Alexander und Heinrich Peter Mayer

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts genoss die Familie Mayer in ganz Süddeutschland großes Ansehen. Die Familie der Mutter, Ida Ilse Mayer geborene Wormser, besaß schon seit Generationen einen großen Einfluss auf die jüdische Gemeinde in Karlsruhe. Sie kann ihre Wurzeln in Deutschland bis ins Jahr 1580 zurückführen. Als die jüdische Gemeinde in Karlsruhe 1865 beschloss, in ihrer Synagoge eine Orgel einzubauen und die Gottesdienste in Zukunft auf Deutsch zu halten, verließen die orthodoxen Familien Karlsruhes entrüstet die jüdische Gemeinde Karlsruhe und gründeten unter Führung ihres Bezirksältesten Baruch Wormser, dem Großvater von Kaufman Wormser, eine eigene, streng orthodoxe Gemeinde (die Israelitische Religionsgesellschaft). In den Folgejahren kämpfte Baruch Wormser mit aller Kraft weiter für eine orthodoxe Ausrichtung der Karlsruher Juden und verfügte auch über einen großen Einfluss auf sie.
Jonas Leopold Mayer, dessen Familie ursprünglich aus Straßburg stammte, hatte Kaufman Wormsers Tochter Ida Ilse geheiratet und mit ihr drei Kinder bekommen: Max Michael, Jakob Alexander Theodor und Peter Heinrich. Jonas und Ida waren allerdings nicht so orthodox eingestellt wie ihre Vorfahren, doch sie hielten den Kontakt zu den orthodoxen Juden in Karlsruhe aufrecht.
Von mütterlicher Seite her besaß die Familie Mayer in Karlsruhe eine Fabrik, die „Lackwerke Wormser & Cie.“, die allerdings nach der nationalsozialistischen Machtergreifung schwere Umsatzeinbußen zu verkraften hatte. Als die Familie schließlich beschloss, die Fabrik zu verkaufen, musste der Käufer ihren anfangs noch dem Fabrikwert entsprechenden Preis auf Druck der örtlichen NSDAP-Führung erheblich senken. Die Fabrik war von Kaufman Wormser gegründet worden. Sie stellte Wachs und Parkettpolitur her, deren Herstellung Kaufman Wormser selbst entwickelt hatte. Während sie in ihren Hochzeiten bis zu 40 Arbeiter beschäftigt hatte, bot sie kurz vor ihrem Verkauf auf Grund der Probleme, die seit 1933 auf sie zugekommen waren, nur noch Platz für drei Arbeiter. Jonas Leopold arbeitete in der Fabrikleitung mit und reiste in dieser Position oft nach Frankreich, so dass die Familie Kontakte und Beziehungen nach Frankreich hatte und sie alle französisch sprachen.
Max Mayer gehörte zu den Juden, die nach 1933 noch in eine höhere Schule, das Bismarck-Gymnasium Karlsruhe, aufgenommen wurden, da sein Vater Jonas Leopold im Ersten Weltkrieg ein „Frontkämpfer“ gewesen war und in der Schule eine entsprechende Bescheinigung vorgelegt hatte. Jonas litt auch zu dieser Zeit noch unter seinen Verwundungen, für die er, neben mehreren anderen Medaillen, das Eiserne Kreuz erhalten hatte. Auch seine Brüder Alexander und Peter besuchten das Bismarck-Gymnasium.
Doch die Brüder waren in der Schule immer mehr Anfeindungen und Diskriminierungen sowohl von Schüler- als auch von Lehrerseite ausgesetzt. Das traf die Familie, deren Vorfahren nun schon seit 500 Jahren in Deutschland lebten und die in die deutsche Gesellschaft integriert war, hart. Max, der diese Situation nicht mehr ertragen wollte und einen Krieg nahen sah, beschloss, auf eine Landwirtschaftsschule in Frankreich zu gehen, weil die Familie ja gute Kontakte nach Frankreich hatte. Da er, in dem festen Glauben, dass ein neuer Krieg ausbrechen werde, gehört hatte, dass die Menschen im Ersten Weltkrieg oft hungern mussten, glaubte er, dass es deshalb während eines Krieges immer Bedarf an Landwirtschaftsexperten gebe. Zu diesem Zeitpunkt war Max gerade einmal fünfzehn Jahre alt. Zwar akzeptierte die Familie seine Entscheidung, aber Max’ Eltern und Geschwister blieben zunächst in Karlsruhe, während er nach Beaune in Burgund aufbrach. Sein Bruder Alexander besuchte das Bismarck-Gymnasium noch bis zum ersten November 1938, während der kleinste der drei, Peter, das Bismarck-Gymnasium schon 1937 verlassen hatte, um stattdessen die Jüdische Schule zu besuchen.
Bald darauf folgte die Familie Max jedoch nach Frankreich. Jonas, Ida und der kleinste der drei Brüder, Peter, zogen nach Paris, Alexander besuchte die landwirtschaftliche Schule in Aurillac in Südfrankreich. Während der Reichspogromnacht waren nur noch Ida und Peter in Karlsruhe, während Jonas schon die Auswanderung in Paris vorbereitete. Der Versuch, ihre alte Fabrik in Frankreich neu zu gründen, schlug fehl. Kaufman und Rosa Wormser waren in Karlsruhe geblieben.
Als der Krieg 1939 begann, internierte die französische Regierung alle deutschen Staatsangehörigen auf französischem Boden, darunter auch die Familie Mayer, obwohl die deutsche Regierung ihnen zu dieser Zeit die deutsche Staatsangehörigkeit schon abgesprochen hatte. Max kam in ein Lager in der Nähe des kleinen Dorfes Marmagne bei Dijon, während Jonas in die Bretagne gebracht wurde. Dank der Fürsprache einiger Freunde der Familie durfte Max später das Lager verlassen und zu seiner Mutter und seinem Bruder nach Paris gehen, doch nur, bis die Franzosen 1940 wieder alle Deutschen internieren ließen und er in ein Lager bei Bordeaux kam. Während die deutsche Armee den Küstenabschnitt Frankreichs gemäß den Waffenstillstandsbedingungen besetzte, floh Max aus dem Lager und arbeitete auf einem Bauernhof im unbesetzten Südfrankreich in der Nähe von Aurillac in der Auvergne, wo sein Bruder Alexander zur Schule ging. Jonas lebte zunächst weiter in einem Lager in der Bretagne, während Ida und Peter mit Hilfe der amerikanischen Hilfsorganisation Joint in Paris bleiben konnten. Ihre finanzielle Situation war sehr angespannt, da Jonas, wenn er nicht in einem Lager war, keine Arbeitserlaubnis bekam und deshalb als einfacher Arbeiter illegal arbeiten musste.
Im selben Jahr, 1940, wurde Max infolge der Judengesetzgebung der französischen Kollaborationsregierung als Jude deutscher Abstammung verhaftet und in das Internierungslager Gurs am Fuß der Pyrenäen gebracht.
Dort traf er seine Großeltern Kaufman und Rosa Wormser wieder, die aus Karlsruhe dorthin deportiert worden waren. Doch sein Großvater lag schon im Sterben und konnte Max nur mit Mühe wieder erkennen. Wenige Wochen nach seiner Ankunft in Gurs starb Kaufman Wormser am 26. Dezember 1940 an der Ruhr. Dort traf Max auch seine Tante Melanie, die dann im Sommer 1942 nach Auschwitz deportiert wurde.
Max’ Großmutter Rosa allerdings überlebte auf wunderbare Weise den Krieg. Sie wurde, wenige Monate bevor alle Lagerinsassen in Gurs nach Auschwitz gebracht wurden, wegen ihres hohen Alters in ein anderes Lager verlegt. Dem späteren Abtransport nach Auschwitz entging sie, indem sie von Nonnen in einem Kloster versteckt wurde. Die Joint-Organisation, die schon Ida und Peter den Aufenthalt in Paris ermöglicht hatte, verschaffte ihr einen Platz in einem Altenheim in Blois im Loire-Tal und, nach dem Ende des Krieges, in Straßburg. Sie starb dort 1960.
Auch Max gelang es, sich zu retten. Nach einem zweijährigen Aufenthalt, den er durch die Mitarbeit in der Lagerverwaltung, was durch seine guten Französischkenntnisse ermöglicht wurde, angenehmer gestalten konnte, gelang ihm, als er eine dreimonatige Arbeitserlaubnis als Landarbeiter erhielt, die Flucht. Eine jüdische Widerstandsorganisation, die später in der Résistance aufging, half ihm dabei, indem sie ihm falsche Papiere verschaffte. Er gelangte über Umwege nach Spanien und von dort aus in die Sicherheit, nach Palästina. Dort wurde er in einem Kibbuz Weinbauer, beschäftigte sich in seiner Freizeit mit Archäologie und baute ein örtliches Museum auf. Er starb dort 1999.
Inzwischen waren Ida und Peter in Paris verhaftet worden. Als Jonas, der zur Zeit der Verhaftung nicht zu Hause war, davon hörte, beschloss er, sich den Deutschen freiwillig zu stellen, um mit seiner Frau und seinem Sohn zusammen zu sein. Sie kamen alle nach Drancy.
Jakob Alexander erging es nicht anders. Obwohl sein Bruder Max ihn noch gewarnt hatte, wurde er in seiner Schule in Aurillac verhaftet und im September 1942 nach Drancy gebracht.
Drancy war ein Sammellager, von wo aus die französischen Juden in die Vernichtungslager im Osten deportiert werden sollten. So geschah es auch mit Jonas Leopold, Ida Ilse und Heinrich Peter, die alle in Auschwitz umkamen. Die Eheleute Jonas und Ida Mayer wurden mit dem Transport am 27. Juli 1942 nach Auschwitz deportiert und dort mutmaßlich als „nicht arbeitsfähig“ sofort in die Gaskammer verbracht; im selben Transport befand sich auch der Sohn Heinrich Peter. Aus ungeklärten Gründen wurde lange Zeit überliefert, dass Jakob Alexander schon in Drancy vor der Abfahrt nach Auschwitz ums Leben gekommen sei. Das war nicht der Fall. Tatsächlich findet er sich auf der Deportationsliste nach Auschwitz vom 14. September 1942. Dort angekommen, muss er als arbeitsfähig selektiert worden sein. Er erhielt nämlich die Auschwitz-Häftlingsnummer 178109. Vom KZ Auschwitz kam er später in das unweit gelegene KZ Groß-Rosen, vermutlich infolge der Häftlingsverlegungen mit den so genannten Todesmärschen im Zuge der erfolgreichen Offensive der Roten Armee im Winter 1944/45. Von Groß-Rosen aus erfolgte die Überstellung in das KZ Buchenwald. Dort kam er am 11. Februar 1945 an und musste die Häftlingsnummer 126857 tragen. Vermutlich war er durch die erlittenen Strapazen bereits völlig entkräftet. Im KZ Buchenwald kam er schließlich zu Tode, am 25. Februar 1945.
Später wird eine Bekannte der Familie im Rahmen der Wiedergutmachungsprozesse aussagen: „(…) die Familie hätte sich retten können, wenn sie den Mut gehabt hätte, den Judenstern abzulegen und ohne denselben in die unbesetzte Zone zu reisen, wozu sie eine sichere Gelegenheit hatten.“

Nur zwei Mitglieder der Familie Mayer bzw. Wormser überlebten den Holocaust, die Großmutter Rosa Wormser und Max Mayer, der sich in Israel eine neue Familie aufbauen und der noch Jahre nach Kriegsende verzweifelt nach weiteren überlebenden Familienangehörigen suchen wird.

Ich bedanke mich für die freundliche Mithilfe von Revital Elisha, der Tochter von Max Mayer, und Diane Afoumado vom Centre de Documentation Juive contemporaine in Paris, ohne die ich diesen Artikel nicht hätte schreiben können.

(Hannes Grimm-Strele, 13. Klasse am Bismarck-Gymnasium, Juli 2004)