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Thekla Weil 1939. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Thekla Weil

Nachname: Weil
geborene: Palm
Vorname: Thekla
Geburtsdatum: 6. September 1884
Geburtsort: Karlsruhe-Grötzingen (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Eltern: Raphael und Sara Palm
Verwandtschaftsverhältnis: Ehefrau von Emil W.;

Mutter von Alma
Adresse: Niddaplatz 3
1940: Vorholzstr. 4
Beruf: Hausfrau
Deportation: 22.10.1940-15.11.1941 in Gurs (Frankreich)
15.11.1942-13.8.1942 in Marseille (Frankreich) im Fraueninternierungslager Hôtel du Levant
19.8.1942 von Drancy nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Elias und Thekla Weil

Das Haus am Niddaplatz 3 in Grötzingen steht noch, in dem Thekla und Elias Weil ihren Eisenwarenhandel betrieben. Links waren die Wohnräume der Familie Weil, rechts ein einfacher Laden mit einem kleinen Fenster. Im Laden war damals ebenerdig gestampfter Lehmboden. Erst 1952 wurde von den neuen Besitzern ein Boden eingezogen und der Eingang um vier Stufen erhöht. Das Schaufenster wurde deutlich vergrößert.

Endgültig beendet wurde die in den Nazijahren bescheidene Grötzinger Existenz des Ehepaars Weil, als es zusammen mit den anderen Grötzinger Juden am 22. Oktober 1940 abgeholt und nach Gurs deportiert wurde. Ihre Tochter Alma Herbst, der rechtzeitig eine Auswanderung in die USA geglückt war, schreibt dazu, dass ihr Vater nach all der Aufregung und Entbehrung am 2. Dezember 1940 im Alter von 63 Jahren im Lager von Gurs gestorben ist. Wörtlich: „Meine Mutter und meine Schwägerin waren mit vielen anderen ihnen nahen Verwandten weiter in diesem Camp inhaftiert. Nachdem ich 1940 in Washington D.C. im State Department persönlich vorstellig wurde, um meine Mutter wenigstens noch schnell herauszubringen, wurde sie von dem Camp Gurs nach Marseille ins Hotel du Levant geschickt. Dort war sie voll Hoffnung, wie auch mein Mann und ich, dass wir uns bald wiedersehen würden.“

Nach Marseille als Ausschiffungshafen wurden diejenigen Juden verlegt, die mit einer Ausreise rechnen konnten, weil sie entsprechende Papiere hatten. Thekla Weil war seit dem 15. November 1941 dort. Ihre Hoffnung auf eine Ausreise nach den USA wurde jedoch grausam zerstört. Die Beschlüsse der Wannseekonferenz Anfang 1942 besiegelten auch das Schicksal dieser Juden. Im Juli 1942 begannen mit Unterstützung der Vichy-Regierung die Deportationen in großem Ausmaß.
Frau Weil wurde am 5. August 1942 kurzfristig ins Camp Les Milles bei Aix en Provence gebracht. Am 13. August 1942 ging ihre Fahrt dann über Châlon sur Saône nach Drancy, dem Sammellager bei Paris und Ausgangsort für die Deportationszüge nach Auschwitz. Auf eine Anfrage der Tochter Frau Herbst am 9. April 1945 erfährt diese im September von den französischen Behörden, dass ihre Mutter am 19. August 1942 in einem dieser Transporte nach Auschwitz war. Aus einem Schreiben des ITS Arolsen vom 29. September 1960 ergibt sich genauer, dass der Transport von Drancy nach Auschwitz vom 19. August 1942 bis 21. August 1942 aus 997 Juden, in der Mehrzahl aus Kindern, Müttern mit Kindern und Greisen bestand. Nach der Selektion wurden 138 Männer und 45 Frauen als arbeitsfähig ins Lager eingeliefert. Die restlichen 814 Personen wurden vergast. Da Frau Weil im 58. Lebensjahr stand, hatte sie keine Überlebenschance. Das Todesdatum von Thekla Weil wurde somit vom Entschädigungssenat des Oberlandesgerichts Karlsruhe auf spätestens den 23. August 1942 festgelegt.

Über die Familie Weil waren bisher nur wenige Einzelheiten bekannt. Die Recherchen in den Archiven und die Befragung noch lebender Grötzinger Bürger haben es möglich gemacht, ein vollständigeres Bild zu zeichnen.

Thekla Weil ist Tochter von Raphael Palm. Dieser gehörte einer großen weitverzweigten Grötzinger jüdischen Familie an: Raphael Palms Urgroßeltern Raphael und Mindel Palm wohnten bereits 1770 in Grötzingen. Seine Großeltern Joseph (1770-1851) und Daniela Palm hatten 8 Kinder, von denen vier bei der Geburt oder im ersten Lebensjahr starben. Die drei Söhne, Hirsch, Liebmann und Wolf, heirateten in Grötzingen, die Tochter Magdalena wahrscheinlich nach ausserhalb. Hirsch Palm heiratete 1841 Hannchen Holz aus Weingarten, nach deren Tod 1842 im folgenden Jahr seine Schwägerin Esther Holz. Am 18. Februar 1844 wurde Raphael Palm als Ältester von sechs Geschwistern geboren. Nach dem Tode seines einjährigen jüngsten Bruders verlor er seinen Vater schon mit elf Jahren. Er heiratete Sara Hanauer, geboren am 26. März 1850. Raphael und Sara Palm bekommen vier Kinder: Heinrich (29. April 1882), Thekla (6. September 1884), Alexander (7. September 1887) und Emilie (5. November 1889). Von den Geschwistern ihrer Mutter berichtet Alma Herbst nie etwas.

Alma Herbst schreibt 1961 im Rahmen einer eidesstattlichen Erklärung über ihre Mutter: „Thekla Weil wurde gut bürgerlich erzogen und besuchte bis zum 16. Lebensjahr die Höhere Töchterschule in Durlach / Baden. Dann begann sie eine 3-jährige kaufmännische Lehre bei der Eisenwarengroßhandlung L.J. Ettlinger in Karlsruhe, Kronenstraße 24. Nach Beendigung dieser Lehrzeit arbeitete sie in dem elterlichen Ladengeschäft in Grötzingen Niddaplatz 3 (Fa. R. Palm). Ihr Vater Raphael führte immer das Reisegeschäft in Eisenwaren, Herden, Öfen und landwirtschaftlichen Geräten. Sie betreute das Ladengeschäft, was besonders wichtig war nach dem Tod ihrer Mutter am 30. Dezember 1905. Deren Grab liegt auf dem Grötzinger jüdischen Friedhof Am Liepoldsacker (Foto). Am 25. August 1908 starb auch ihr Vater Raphael und wurde ebenfalls dort beerdigt. Thekla Palm heiratete am 19. November 1908 Emil Elias Weil. In der vorliegenden Heiratsurkunde wird sein zweiter Vorname Emil genannt, sein Rufname war vermutlich Elias. Sein gelernter Beruf war Schneider. In den Grötzinger Akten wird er auch als Kaufmann geführt. Er wurde am 3. Februar 1877 in Emmendingen geboren. Dort gab es eine große jüdische Gemeinde, in welcher der Name Weil häufig vertreten war. Sein Vater, der Kaufmann David Jakob Weil, geboren am 29. September 1842 in Emmendingen, heiratete am 19. August 1868 Helene Maier, geboren am 12. Mai 1843, aus Ihringen am Kaiserstuhl. Sein Bruder Isaak wurde am 20. September 1869 geboren, sein Bruder Moritz am 1. Januar 1873. Nach seiner Heirat mit Thekla Palm trat Elias Weil in die Fußstapfen seines Schwiegervaters. Er belieferte die Kunden mit dem Handwagen. Thekla führte in Nachfolge ihrer Mutter vollkommen selbstständig den Laden, der nach Aussage vieler Grötzinger sehr einfach war. Der Verkaufsraum soll recht dunkel gewesen sein. Das Geschäft wurde aber weiterhin vorläufig unter dem Namen R.Palm geführt, allerdings mit dem Zusatz Inh. E.Weil, wie die Eintragungen im Adressbuch von 1914 und im Pfinztäler Bote von 1919 und 1924 zeigen. 1926 steht im Grötzinger Adressbuch Haus- und Küchengeräte E.Weil, Niddaplatz 3.

Die Familie Weil war religiös, der regelmäßige Besuch der Synagoge war selbstverständlich, zum Schabbat wurden Matzen gebacken. Die im Haushalt der Familie befindlichen Kultgegenstände wurden nach der Deportation vom Rathaus Grötzingen an den Polizeipräsidenten übergeben .

Am 30. September 1909 wurde ihre Tochter Alma geboren. Sie ging in die Mädchen-Bürger-Schule nach Durlach. Auf dem Schulweg war sie oft zusammen mit Reinhilde Kunzmann und Ella Wagner, die sich heute noch an Alma erinnern. Die Familie lebte bescheiden, Haus und Geschäft waren schuldenfrei.

Nach 1933 litten die jüdischen Geschäftsleute unter den Repressalien der Nazis, weshalb die Familie Weil früh Ausreiseanträge stellte. Alma Weil heiratete Richard Herbst, Jöhlingen, Hauptstraße 132. Als Beruf wird bei ihr Stenotypistin angegeben. Am 1. Mai 1938 gelang ihr mit ihrem Ehemann die Ausreise in die USA nach Chicago, wo sie bis zu ihrem Tode wohnte. Nach Auskunft von Alma Herbst sollen auch ihre Eltern schon im August 1938 Zertifikate für die Einreise in die USA gehabt haben.

Am 22. Juni 1938 erfolgte die Verordnung über die Anmeldung jüdischen Vermögens. Schon am 4. Juli 1938 wird in der Grötzinger „Judenkartei“ vermerkt, dass die ausgefüllten Fragebögen zurückgekommen seien, u.a. auch der Fragebogen von Elias Weil.

In der Reichspogromnacht wurde auch ihr Laden beschädigt. Nach Aussage einer Nachbarin soll im Geschäft viel Geschirr zerbrochen worden sein. Wegen des Boykotts der jüdischen Geschäfte hat Thekla Weil abends im Dunkeln Privathaushalte ihres Vertrauens aufgesucht, um Teile ihres Sortiments aus dem Haushaltswarengeschäft zu verkaufen.

Am 22. März 1939 musste das Ehepaar Weil seinen Schmuck abliefern. Dies wird der Tochter Alma Herbst 1960 von der Sparkasse bestätigt. Ebenfalls im Jahr 1939 stellte ein Schneider, Vater einer kinderreichen Familie, den Antrag beim Bürgermeisteramt Grötzingen, das Haus der Eheleute Weil kaufen zu dürfen. Da diese jedoch noch auf die Ausreisegenehmigung in die USA warteten, war der Käufer bereit, sie bis zur Ausreise im oberen Stock wohnen zu lassen. Am 4. Juli 1939 wurde der Kaufvertrag im Notariat Durlach abgeschlossen. Die Verkäuferin Thekla Weil vermietete zunächst die Räume im Erdgeschoss an den Käufer, durfte aber selbst im oberen Dachgeschoss wohnen bleiben und den Laden im Erdgeschoss hälftig mitbenutzen. Die Auflassung des Grundstücks sollte erst erfolgen, wenn die Verkäuferin und ihr Ehemann im Besitz sämtlicher Auswanderungspapiere wären. Auch der Kaufpreis (120% vom Einheitswert) wäre erst dann fällig. Den Mietzins zahlte der neue Eigentümer auf ein Bankkonto ein. Mit diesem Geld wollte das Ehepaar Weil die Fahrkarten für die Schiffspassage bezahlen.

Die Familie Weil lebte mit weiteren Einschränkungen und auch unter persönlichen Schikanen. Da Herr Weil eine ausgeprägte Nase hatte, riefen Kinder auf der Straße hinter ihm her: „Mit dem Pfeil dem Bogen durch die Bahnhofstraß’ kommt der Weil gezogen mit der Hakennas“. Durch den Kriegsbeginn war die Auswanderung nicht mehr möglich. Dem Ehepaar Weil ging es schlechter. Frau Weil kam häufiger zu ihrer Nachbarin Frau Ruf, der Mutter von Juliane Rothweiler, da sie nichts mehr zu essen hatten. Herr Weil durfte dann abends in der Dunkelheit ein Säckchen Kartoffeln aus deren Landwirtschaft holen – aber auf der Schulter, nicht mit dem Handwagen. Der neue Eigentümer gab Herrn Weil heimlich gegen Lohn Arbeit aus seiner Schneiderwerkstatt, dieser war ja gelernter Schneider. Auch mit Lebensmitteln half seine Familie den Weils aus.

An den 22. Oktober 1940 erinnert sich auch die Tochter der neuen Eigentümer des ehemaligen Weil’schen Hauses, nämlich wie das Ehepaar Weil mit einer Tasche langsam die Treppe heruntergekommen sei. Ihr Bruder kann sich erinnern, dass das Ehepaar Weil von zwei Polizisten abgeholt wurde und zu Fuß bis zum Sammelplatz auf der Schwanenwiese in der Nähe des Bahnhofs gebracht wurde. Ob der Hausrat versteigert wurde, wurde in den Akten nicht vermerkt und konnte auch bei einer Zeugenbefragung 1960 nicht geklärt werden. Die Auflassung des Hausgrundstücks erfolgte am 4. Oktober 1941 mit Bezahlung der Kaufsumme an das Polizeipräsidium Karlsruhe.

Frau Rothweiler berichtet 2006, dass sie in den 1960er Jahren Frau Alma Herbst und deren Freundin Elsa Moser in Grötzingen gesehen und in ihre Wohnung eingeladen habe. Dort habe Alma geweint über den Verlust ihrer Eltern und ihres Elternhauses. Nach dem Tode ihres Mannes 1999 wohnte Frau Herbst in einem „SELFHELP HOME“ der jüdischen Gemeinde in Chicago. Sie ist dort im Jahr 2004 im Alter von 95 Jahren gestorben. Sie galt als geschätztes und geehrtes Mitglied dieses Heimes. Sie hat keine Nachkommen.

Ergänzungen über die drei Geschwister von Thekla Palm in Stichworten:

(1) Heinrich Palm, geboren 29. April 1882. Ehefrau Lina, geboren Bamberger, gemeldet 1908 in Grötzingen, 1938 in Karlsruhe, Ettlinger Straße 27, dann Durlacher Allee 21, dann Nowackanlage 13, 1939 in die USA ausgewandert. Heinrich ist 1954 in Louisville gestorben.
Kinder:
Richard Raphael, geboren 3. November 1910 in Grötzingen, gestorben 1944 in USA.
Ernst Leopold, geboren 23. Januar 1914 in Karlsruhe, Schicksal unbekannt.
Grete, geboren 3. Dezember 1916 in Karlsruhe, verheiratete Michel.
Lieselotte, geboren 2. August 1923 in Karlsruhe, auch verheiratete Michel
Grete und Lieselotte wohnten 1963 in Louisville.

(2) Alexander Palm, geboren 7. September 1887 in Grötzingen. Schüler des Pro- und Realgymnasiums in Durlach (heute Markgrafen-Gymnasium). Gemeldet 1938 in Karlsruhe Boeckhstraße 27. Im KZ Dachau vom 12. November bis 8. Dezember 1938. Verheiratet mit Jenny, geborene Ortlieb aus Wangen. 1939 in die Schweiz, 1941 in die USA. Jenny Palm war 1960 Mitglied im Israelitischen Frauenwohltätigkeitsverein in New York. Über Kinder ist nichts bekannt.

(3) Emilie, geboren 5. November 1889 in Grötzingen, verheiratet mit Arnold Plonski, geboren 20. Mai 1885. Das Paar wohnte seit 1920 in Karlsruhe, Marienstraße 60.
Tochter: Trude, geboren 3. November 1921.
Die gesamte Familie wurde am 22. Oktober 1940 nach Gurs und am 10. August 1942 über Drancy nach Auschwitz deportiert. Dort gelten sie als verschollen.


Obwohl ich schon viele Bücher und Berichte über das Schicksal verfolgter Juden gelesen habe, hat mich das Studium von Wiedergutmachungsakten sowie der „Judenkartei“ des Gemeindearchivs stärker gefesselt als alles, was ich zuvor darüber kennen gelernt habe. Wie viel Leid verbirgt sich hinter diesen akribisch genau aufgeschriebenen Akten.

(Regina Toussaint, Juni 2007)