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Adolf Wertheimer, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Adolf Wertheimer

Nachname: Wertheimer
Vorname: Adolf
Geburtsdatum: 24. August 1876
Geburtsort: München (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Eltern: Josef und Ida, geb. Dreyfus, W.
Verwandtschaftsverhältnis: Ehemann von Klara W.;

Vater von Edith Johanna und Margot;

Bruder von Josefine Liebmann, geb. W.
Adresse: 1895: Kriegsstr. 3a
1896: Zirkel 14
1911: Kreuzstr. 23
1920: Kriegsstr. 242
1931/32: Weltzienstr. 43
1932/33: Yorckstr. 30
1933/34: Waldstr. 56
1935/36: Ritterstr. 6
Schule/Ausbildung: Realschule bis Obertertia
Beruf: Kaufmann, Lebensmittelhändler (Inhaber von Josef W. & Sohn, Großhandel für Tee-, Kaffee- und Schokoladenwaren)
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
später nach Récébédou (Frankreich)
Sterbedatum: 13. Februar 1942
Sterbeort: Récébédou (Frankreich)

Biographie

Adolf und Klara Wertheimer

Adolf Wertheimer wurde am 24. August 1876 als Sohn des Kaufmanns Josef Wertheimer und dessen Ehefrau Ida, geborene Dreyfus in München, Maffeistraße 1, geboren. Er hatte eine ältere Schwester, Josefine Liebmann, geborene Wertheimer (geboren 29.9.1875), die ebenfalls Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung wurde, siehe ihre Biographie im Karlsruher Gedenkbuch. Ein jüngerer Bruder, Fritz, starb am 19. März 1878 nur wenige Tage nach seiner Geburt.

Die elterliche Familie kam 1895 nach Karlsruhe, wohnte zuerst in der Kriegsstraße 3a, zusammen mit einer Klara Wertheimer (Kleidermacherin) und zog 1896 in den Zirkel 14, ebenfalls mit Klara Wertheimer. Klara W. wird ab 1899 nicht mehr im Adressbuch genannt.
Adolf besuchte die Realschule bis zur Obertertia.
Von 1900 bis 1907 wohnte ein David Dreyfus bei den Wertheimers im Zirkel 14; wahrscheinlich der Großvater mütterlicherseits von Adolf.
Adolf Wertheimer trat 1900 als Mitglied in den Schwarzwaldverein, Sektion Karlsruhe, ein.
Am 8. März 1905 ist er laut Handelsregistereintragung in die Firma seines Vaters eingetreten. Seit diesem Jahr firmierte die Firma im Adressbuch der Stadt Karlsruhe unter
„Josef Wertheimer und Sohn“ ;
zuerst mit dem Zusatz „Agenturen“, seit 1916 unter
„Agenturen, Zuckerwaren und Tee Großhandel“.

Vermutlich im Jahr 1910 verheiratete sich Adolf mit Klara, geborene Bensinger aus Kehl.
1911 zog die junge Familie in die Kreuzstraße 23 in den 3. Stock (Frommelhaus), die Firma selbst wechselte 1913 vom Zirkel 14 in die Kreuzstraße 25.
Am 14. Juni 1911 wurde die Tochter Edith Johanna und am 14. Juni 1916 die Tochter Margot geboren. Edith besuchte die Fichteschule und Margot das Lessing-Mädchengymnasium. Edith finden wir ab 1931 als Mitglied im Karlsruher Turnverein unter der Mitgliedsnummer 2068. Als Jüdin musste sie den Verein 1933 verlassen.

Von 1915 bis 1918 war Adolf Weltkriegsteilnehmer, leistete freiwilligen Kriegsdienst in einer Eisenbahnereinheit als Gefreiter im Train Ersatz Abt. 14, stationiert in Durlach.
1916 erhielten Adolf Wertheimer und seine Frau Klara die Prokura für die Firma. Familie und Firma zogen 1920 in die Kriegsstraße 242 in den 3 Stock. In diesem Jahr, am 23. Oktober 1916, verstarb Adolfs Vater Josef Wertheimer. Nach Aussagen der Tochter Edith (im Entschädigungsverfahren nach dem Zweiten Weltkrieg) hatte die Firma Vertreter, Büroangestellte und Packer.
Die Firma finden wir 1922 in der Karl-Wilhelmstraße 40 im Hinterhaus 2. Stock. Von 1925 bis 1926 ist keine Adresse der Firma im Adressbuch zu finden. 1927 taucht die Firma im Adressbuch in der Stephanienstraße 32 auf; 1929 mit dem Zusatz „Kaffeegroßhandel“; dies aber nur 1929.

1929 wurde ein Vergleichsverfahren eröffnet, es scheint, dass die Firma mit ihrem eher auf gehobene Lebensgüter ausgerichteten Handelszweck der beginnenden großen Wirtschaftskrise zum Opfer fiel. Adolf Wertheimer blieb in der Branche, in der er sich bestens auskannte und statt einem stationären Geschäft, ging er derselben Arbeit nun als Handelsvertreter nach. Er besuchte die Kunden, wie z.B. Delikatessen Kissel in der Kaiserstraße 150, selbst, denn er arbeitete zwar selbstständig, aber ohne Mitarbeiter. Vermutlich bediente er den gleichen Kundenstamm wie zuvor.

1931 fand für die Tochter Margot die Bat-Mizwa, die Bekenntnisfeier, statt. Während für die Jungen, die Bar-Mizwa, die religiöse Mündigkeit bedeutete und obligatorisch für traditionelle wie moderne Juden war, meldeten nur fortschrittliche Eltern ihre Töchter dazu an. Die Familie gehörte der liberalen jüdischen Gemeinde in Karlsruhe an, die ihre Synagoge in der Kronenstraße hatte.

Die genannten Vereinsmitgliedschaften lassen darauf schließen, dass die Familie sowohl in der jüdischen Gemeinde verankert war als auch ein gewöhnliches Leben wie andere Karlsruherinnen und Karlsruher führte. Einzelheiten bleiben unbekannt. Klara Wertheimer hatte in der Firma des Mannes verantwortlich mitgearbeitet und womöglich hat nichts darauf hingedeutet, dass sie und ihre Familie ein schweres Schicksal ereilte.

Am 8. April 1931 musste Klara Wertheimer mit einer akuten Psychose in die Heilanstalt Illenau aufgenommen werden, schließlich wurde Schizophrenie diagnostiziert. In dieser Zeit muss es Adolf wirtschaftlich schlecht gegangen sein; er schreibt am 6. Mai 1931 wegen der Kosten an die Verwaltung der Illenau:“ ich bitte…mir die Kosten des Aufenthaltes zu ermäßigen. …. ich habe in der Inflation mein Vermögen verloren, arbeite heute unter Opfern ums tägliche Brot.“ Klara Wertheimer blieb, unterbrochen von vergeblichen Versuchen, sich nachhause entlassen wieder in der Familie zu integrieren, bis Juli 1938 in der Illenau und wurde dann mit einem schweren Krankheitsbild in die Heil- und Pflegeanstalt Reichenau bei Konstanz verlegt.

An Klara Wertheimer wurde in der Nachkriegszeit lange nicht als Todesopfer des Nationalsozialismus gedacht. Dass sie schließlich zum Opfer der „Euthanasie“ geworden war, wurde erst durch die intensive Forschung der Gedenkstätte Grafeneck seit den 1990er Jahren aufgedeckt. Als psychisch kranker Mensch und Heilanstaltinsassin galt sie als „lebensunwert“ und geriet in die so genannte T4-Aktion, in der seit 1939 über 70.000 körperlich und geistig behinderte Menschen getötet wurden. Am 27. Juni 1940 wurde Klara Wertheimer in einem der „grauen Busse“ zusammen mit 74 anderen Frauen von der Anstalt in Reichenau in die zur Tötung bestimmten Anstalt Grafeneck gebracht und am gleichen Tag dort ermordet.
Von der Reichenauer Anstalt wurde Adolf Wertheimer am 27. Juni 1940 eine Mitteilung geschickt, dass Klara Wertheimer „“heute auf höhere Weisung in eine andere Anstalt verlegt“ worden sei und von der „aufnehmenden Anstalt“ Nachricht gegeben werde, wohin künftig die Verpflegungskosten zu bezahlen seien. Auf Adolf Wertheimers Nachfrage am 28. Juni 1940 schrieb die Anstalt zurück, dass er sich „wegen weiterer Nachfragen zweckmäßigerweise an das Ministerium des Innern in Karlsruhe“ wenden solle. Er dürfte von dort wohl nie etwas gehört haben. Sogar dem Städtischen Sozialamt Karlsruhe, das fast ein Jahr später am 27. Mai 1941 bei der Reichenau sich nach dem neuen Anstaltsort erkundigte, wurde drei Tage später dieselbe Antwort erteilt.

1932 war die Familie und Adolf Wertheimers Handelsvertretungsbüro in die Weltzienstraße 43, 1933 in die Yorckstraße 30 verzogen. Seit 1934 ist die Firma „Wertheimer und Sohn“ nicht mehr im Adressbuch verzeichnet, Adolf Wertheimer allgemein als Kaufmann bezeichnet, die Familie zog in die Waldstraße 56.
Tochter Margot ging nach Berlin als Lehrschwester im Jüdischen Krankenhaus 2 mit dem Ziel, nach Palästina auszuwandern. Sie infizierte sich bei der Arbeit mit Masern und starb daran am 8. Januar 1935 und wurde auf dem Friedhof Berlin-Weißensee bestattet.
Tochter Edith arbeitete vom 1. August 1931 bis 16. August 1933 als Apothekenpraktikantin in der Kronenapotheke in der Zähringerstraße 43. 1933 zog sie nach Magdeburg, wo sie eine Ausbildungsstelle zur Apothekenhelferin fand. 1936 wurde sie von der Ausbildung aus rassistischen Gründen ausgeschlossen. Ihr gelang es 25-jährig aber nach England auswandern.

Adolf Wertheimer lebte inzwischen allein in Karlsruhe. 1936 verzeichnet ihn das Adressbuch in der Ritterstraße 6, im 4. Stock. Er hatte keinen eigenen Hausstand mehr, war Untermieter bei Dr. Moritz Mansbach.

1938 stellte Adolf Wertheimer einen Passantrag; er wollte in Strasbourg seine Tochter Edith, die aus England dort bei ihrer Tante zu Besuch war und nicht mehr nach Deutschland einreisen durfte, besuchen. Ein ärztliches Zeugnis von Dr. Leopold Liebman, Ritterstraße 8, seinem Schwager (siehe auch Biographie im Gedenkbuch) zeigt uns, wie krank Adolf damals war. Der Arzt schrieb: „Herr Adolf Wertheimer ist wegen Myokarditis und Thrombose des Gehirns mit ihren Folgeerscheinungen (Lähmung/Doppelsehen) seit April 1937 in Behandlung“. Im Passbild sehen wir, dass das linke Augenglas getönt ist.

Am 22. Oktober 1940 wurde Adolf Wertheimer mit über 900 anderen Juden aus Karlsruhe im Sonderzug nach Gurs (Frankreich) deportiert und kam am 25. Oktober 1940 dort an. Im Januar 1941 richtete er ein Schreiben aus dem Lager Gurs an das Polizeipräsidium Karlsruhe: „Aufgrund Krankheit mit kleiner Ausstattung an Wäsche weg[gegangen]. 64 J.[ahre], kann nichts kaufen. Nichts anzuziehen, bitte um Überlassung aus Eigentum in W[o]h[nun]g.“ Die Polizeibehörde hatte die Wohnungen der deportierten Juden versiegelt. Aber sie kümmerte sich selbstverständlich nicht um einen solchen verzweifelten Brief, sondern leitete ihn einfach nur dem Karlsruher Leiter der „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“, Karl Eisemann, weiter.

Adolf Wertheimer wurde im Frühjahr 1941 wie andere alte und kranke Juden aus Gurs nach dem Lager Récébédou verlegt. Dort starb er ein Jahr später am 13. Februar 1942 in der Krankenbaracke und wurde auf dem christlichen Friedhof von Portet bei Toulouse beerdigt (Sterbeurkunde des Departments Haute-Garonne).

Adolf Wertheimer, der bis zur Weltwirtschaftskrise in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts anscheinend in Karlsruhe im Wohlstand lebte (er wohnte in der Kriegsstraße 242 in einer 6-Zimmerwohnung), litt sicher sehr an dem wirtschaftlichen Niedergang, an der schweren Krankheit seiner Frau, dem frühen Tod seiner jüngsten Tochter Margot, dem Fortgang seiner Tochter Edith nach Magdeburg und dann nach England und schlussendlich unter der jüdischen Verfolgung seit 1933. Vom gewaltsamen Tod seiner Frau in Grafeneck hat er vermutlich im Lager Gurs nichts mehr mit bekommen.

Am 16. April 2013 wurde vor dem Haus Ritterstraße 6 ein Stolperstein im Andenken an Adolf Wertheimer verlegt.

(Jürgen Müller, Februar 2015)