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Ilse Jenny Walker, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Ilse Jenny Walker

Nachname: Walker
geborene: Ettlinger
Vorname: Ilse Jenny
Geburtsdatum: 14. Januar 1906
Geburtsort: Rastatt (Deutschland)
Familienstand: geschieden
Eltern: Löb Isack und Sophia, geb. Weinheimer, E.
Verwandtschaftsverhältnis: geschiedene Ehefrau von Alfred Julius Walker (1907-1943);

Mutter von Kurt und Heinz
Adresse: Adlerstr. 3
1917: Zähringerstr. 51
1930: Augartenstr. 85
1931: Waldhornstr. 73
1933-1940: Markgrafenstr. 1
Beruf: Haushaltsgehilfin
Näherin
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
12.8.1942 von Drancy nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Ilse Jenny Walker

Ilse Jenny Walker wurde am 14. Januar 1906 in Rastatt geboren. Sie hatte einen älteren Bruder, Julius Ettlinger, der am 6. Mai 1902 ebenfalls in Rastatt geboren wurde.
Beide waren die einzigen Kinder von Löb Isack Ettlinger und Sophia Ettlinger, geborene Weil. Ilse Jennys Vater war Kaufmann und stammte aus Eppingen, ihre Mutter kam aus Freiburg, wo am 26. September 1901 auch die Hochzeit der beiden stattfand. Nach der Heirat war das Ehepaar nach Rastatt gezogen und kurz nach Ilse Jennys Geburt zog die Familie nach Karlsruhe. Der Lebenshintergrund in Rastatt wie der Grund für den Umzug nach Karlsruhe bleiben unklar. Der Zuzug nach Karlsruhe 1907 ist durch ein amtliches Dokument bestätigt, in den Adressbüchern ist die Familie, oder korrekt: der Familienvorstand Isack Ettlinger, aber erst seit 1914 aufgeführt. In jenem Jahr in der Adlerstraße 3. Aus dem Adressbuch 1917 geht auch der Umzug in die Zähringerstraße 51 hervor.
Isack Löb wird als Kaufmann aufgeführt, jedoch nirgends mit einem eigenen Geschäft. Eine nicht nachprüfbare Angabe sagt aus, er wäre ein kaufmännischer Angestellter gewesen. Die Mutter Sofie Ettlinger war, wie damals üblich, nicht erwerbstätig und war als Hausfrau und Mutter ausgefüllt. Über das Leben der Familie gibt es keine Dokumente oder Unterlagen. Sicher ist, dass die Eltern als fromme Juden lebten und Mitglied in der orthodoxen jüdischen Gemeinde, der Israelitischen Religionsgesellschaft, waren. Sie besuchten demnach nicht die Synagoge der liberalen Gemeinde in der Kronenstraße, sondern die in der Karl-Friedrich-Straße gelegene orthodoxe Synagoge.

Ilse Jenny hat die obligatorische achtjährige Volksschule besucht, ebenso wie ihr Bruder Julius. Die spätere Erinnerung von Ilse Jennys Sohn Kurt Rudolf über die Zeit der Mutter als junge Frau beruht nicht auf fundierten Unterlagen. Er wusste von der Heirat seiner Mutter etwa im Jahr 1929 und dass der Ehemann eine Bekanntschaft aus der Freizeit war, in der seine Mutter, Ilse Jenny leidenschaftlich gern tanzen ging und auch sonst anscheinend die zeitgemäßen Moden junger Menschen jener Zeit lebte, sie rauchte wohl auch zu dieser Zeit. Nach der sicheren Quelle des Heiratsregisters heiratete Ilse Jenny in Karlsruhe im März 1930 standesamtlich den Mann, den sie nach Kurts Mitteilung kennengelernt hatte, den Schlosser Alfred Julius Walker. Er war kein Jude, sondern protestantischer Konfession. Somit war die Ehe der beiden eine so genannte Mischehe. All die genannten Umstände müssen für den frommen Vater von Ilse Jenny Ettlinger und sicherlich auch für die Mutter eine schwere Belastung gewesen sein. Ilse Jennys Sohn Kurt Rudolf spricht später von einem Bruch mit dem Elternhaus zu jener Zeit. Die Ehe war auch sehr rasch aufgrund der Schwangerschaft von Ilse Jenny geschlossen worden. Mit der Aufgebotsbestellung schrieb Julius Walker am 28. Februar 1930 an das Standesamt folgendes: ,,(...) damit das Kind ehelich zum Geburtsregister eingetragen werden kann, bitte ich um Verkürzung der Aufgebotsfrist um 6 Tage.“ (Zitat aus den Beilagen zum Heiratsregister, Karlsruhe 1930). Diese Verkürzung wurde bewilligt und die beiden heirateten daraufhin am 11. März 1930. 17 Tage nach der Heirat kam das Kind, Heinz Christian Walker, in der Landesfrauenklinik auf die Welt. Zu der Zeit waren eher Hausgeburten üblich und es ist nirgends notiert, warum Heinz in der Landesfrauenklinik geboren wurde, eventuell waren Komplikationen befürchtet worden. Etwas später als ein Jahr nach der ersten Geburt bekamen Ilse und Julius Walker am 17. Mai 1931 ihren zweiten Sohn, Kurt Rudolf. Bei ihm war es eine gewöhnliche Hausgeburt. Die junge Familie wohnte bis zum Mai 1931 in der Augartenstraße 85 und zog dann in die Waldstraße 73. Julius Walker hatte eine Stelle als Schlosser bei der Reichsbahn, wo auch bereits sein Vater beschäftigt war. Gewiss war sein Verdienst nicht allzu hoch, dürfte aber vergleichsweise für die damalige Zeit einigermaßen zum Auskommen für die Familie gereicht haben und in der Zeit der Wirtschaftskrise mit steigender Erwerbslosigkeit insbesondere 1931/32 dürften diese Sorgen die Familie Walker weniger gedrückt haben. Aber Ilse und Julius entfremdeten sich voneinander, die Ehe scheiterte schließlich und wurde geschieden, rechtsgültig zum 2. Juni 1933 durch das Urteil vor dem Landgericht Karlsruhe: „Die am 11. März 1930 in Karlsruhe geschlossene Ehe der Streitteile wird aus beiderseitigem Verschulden geschieden. Die Kosten des Rechtsstreites werden gegeneinander aufgehoben“, hieß es da nüchtern, nachdem zuvor beide Seiten heftige und peinliche Vorwürfe des Ehebruches und mehr gegeneinander erhoben hatten. Während solche Vorwürfe durch das Schuldprinzip bei Scheidungsverfahren üblich war, scheinen aber die Angaben von Hausbewohnern, demnach Julius Walker durchaus gewalttätig gegen seine Ehefrau geworden war, eher zutreffend.

Die Scheidung war damit verbunden, dass der geschiedene Ehemann Julius den ältesten Sohn Heinz mit sich nahm und mit ihm in der Scheffelstraße 73 wohnte, aber schon um 1934 Karlsruhe verließ, da er anscheinend auf einen Arbeitsplatz der Reichsbahn in Stuttgart wechselte.
Ilse Walker behielt den jüngeren Sohn Kurt. Ohne Beruf und ohne soziale Sicherung konnte sie zu jener Zeit sich und den Sohn nicht alleinerziehend durchbringen. So musste sie zu den Eltern zurückziehen. Diese wohnten seit 1931/32 in der Markgrafenstraße 1. Es war das Viertel des so genannten Dörfle, wo vor allem die ärmere Stadtbevölkerung lebte und das Wohnhaus selbst war äußerst bescheiden. Sohn Kurt erinnerte sich an die „Zigeunerkinder“ in der Nachbarschaft. Ohne dass näherer Aufschluss darüber vorliegt, ist es offensichtlich, dass der Vater Isack Ettlinger beruflich keinen Erfolg hatte. Ilse Jenny Walker musste sich nicht nur wieder mit dem Vater aussöhnen, sondern war gezwungen, zum Lebensunterhalt beizutragen. Sie verdiente etwas Geld als Hausgehilfin und als Näherin. Ihre Mutter und ihr Vater kümmerten sich viel um den Sohn Kurt. Vor allem sorgte Isack Ettlinger dafür, Kurt in jüdischem Glauben zu erziehen und den Initial-Ritus dazu, die Beschneidung, nachträglich an dem kleinen Jungen vollziehen zu lassen. Kurt erinnerte sich später sehr an den Großvater und wie er ihn in religiösen und sittlichen Angelegenheiten ebenso unterwies, wie er sich überhaupt sehr viel und liebevoll um ihn kümmerte. Der Kontakt zum Bruder Heinz, dem Vater sowie zu dieser großelterlichen Seite blieb sehr begrenzt. Man hatte sich völlig auseinander gelebt, wie Kurt dazu als Erwachsener sagte.

Am 22. Oktober 1940 wurden nahezu alle Juden aus Südwestdeutschland, Baden, Pfalz und von der Saar, in das besiegte Frankreich deportiert und im Lager Gurs interniert. Ilse und Kurt, sowie ihre Eltern und der Bruder Julius waren darunter. In Gurs trafen sie noch auf Flüchtlinge aus dem Spanischen Bürgerkrieg, da jenes Lager 1939 eigens für diese Flüchtlinge erbaut worden war. Die Lebensumstände im Lager waren katastrophal und lebensbedrohlich, insbesondere für die Alten und Jungen unter den deutschen Juden. Hunderte von ihnen starben bereits innerhalb des ersten Vierteljahres an Unterernährung oder Krankheiten, letztlich fast 1.100 der am 22. Oktober 1940 dorthin verbrachten deutschen Juden. Männer und Frauen wurden im Lager getrennt, minderjährige Kinder beziehungsweise unter 14-jährige Jungen blieben bei den Frauen. So waren Ilse Jenny und ihre Mutter mit Kurt zusammen im Ilôt K, Baracke 3. Kurt erinnerte sich, dass seine Mutter in der Krankenbaracke des Lagers aushalf. Da die Internierten nicht zur Arbeit gezwungen wurden, hieße das, dass sie versuchte aktiv und sozialverantwortlich zu handeln.
Für das Lager war die französische Kollaborationsregierung, das Vichy-Regime, zuständig. Aufgrund der furchtbaren Umstände mit vielen Toten, fand ab dem Frühjahr 1941 eine Veränderung des französischen Lagersystems statt. So kamen ältere Menschen in andere Lager wie beispielsweise Noé, wo es angeblich bessere Umstände geben sollte (was tatsächlich aber nicht so war). Isack und Sofie Ettlinger jedoch mussten in Gurs bleiben. Familien sollten bei dieser Veränderung in das Lager Récébédou verlegt werden. Das wäre für Ilse Jenny und Kurt Walker in Frage gekommen, doch auch dazu kam es nicht. Um die Kinder und Jugendlichen bis 16 Jahren kümmerten sich französische und internationale Hilfsorganisationen, boten medizinische Hilfe, etwas Schulunterricht, Betreuung. Vor allem aber war es darüber möglich, dass diese Kinder seit dem Frühjahr 1941aus dem Lager gebracht werden konnten, wenn die Hilfsorganisationen die Unterbringung und Kosten dafür aufbrachten. Das Vichy-Regime war für diese Internierungslager zuständig und ein Hauptmotiv bei der Lagerbetreibung war, so wenig Kosten wie möglich zu haben, den Plan der so genannten Endlösung gab es zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht.
So stimmte Ilse Jenny Walker im Frühjahr 1941 zu, als die Hilfsorganisation OSE (Oeuvre de secours aux enfants) anbot, Kurt mit anderen Kindern aus Gurs heraus zu holen und für seine Versorgung aufzukommen. So kam Kurt im Februar 1941 in das Waisenhaus in Aspet bei St. Gaudens. Dort war auch Hanna Moses aus Karlsruhe, ein dreieinhalb Jahre älteres Mädchen als der inzwischen 10-jährige Kurt. Sie hat sowohl über Gurs wie zum Heim in Aspet Erinnerungen niedergeschrieben (Hanna Meyer-Moses: Reise in die Vergangenheit. Eine Überlebende des Lagers Gurs erinnert sich an die Verfolgung während der NS-Diktatur. Ubstadt-Weiher 2009.) Briefkontakt von Eltern oder Müttern aus den Lagern zu ihren Kindern war möglich. Auch Kurt erhielt einige wenige Briefe von seiner Mutter.

Für die in den Lagern zurückgebliebenen Angehörigen wurde die Situation noch schlimmer. Unter diesen Bedingungen starb Sofie Ettlinger, Ilse Jenny Walkers Mutter, am 9. Januar 1942 im Lager Gurs.

Im Juni, Juli 1942 kamen NS-Deutschland und Vichy-Frankreich überein, die Juden, insbesondere alle ausländischen Juden, abzutransportieren. Dies war der Anfang der Umsetzung der „Endlösung“ in Frankreich, der massenhaften Deportation in die Vernichtungslager. Ab Juli 1942 rollten diese Züge mehrmals wöchentlich dorthin.

Am 12. August wurde Ilse Jeny Walker in einem dieser ersten Deportationszüge aus dem Durchgangslager Drancy nach Auschwitz deportiert. Unter den 1.007 jüdischen Frauen und Männern dieses Transportes waren auch ihr Vater und ihr Bruder Julius. Der Zug traf bereits am nächsten Tag in Auschwitz ein. Dort wurden 705 Männer und Frauen sofort in das Gas geschickt und ermordet. Von Ilse Jenny Walker, ebenso wie von Isack und Julius Ettlinger, gibt es seit der Abfahrt nach Auschwitz mit ihren Namen auf der Transportliste kein Lebenszeichen mehr.
Alle drei sind mit hoher Wahrscheinlichkeit unmittelbar nach Ankunft in Auschwitz oder kurz danach im Gas ermordet worden. Nur 10 Menschen dieses Transportes überlebten bis 1945, Ilse Jenny Walker, Isack und Julius Ettlinger waren nicht darunter.

Kurt Walker
Mit den Transporten in die Vernichtungslager wurde für die zuvor geretteten jüdischen Kinder aus den Lagern in Frankreich die Situation schwieriger. Die Hilfsorganisationen taten alles für ihre weitere Rettung, durch Verstecken in anderen Heimen oder durch illegale Schleusung in die Schweiz. Einige Kinder konnten sogar noch in die USA gebracht werden. Obwohl Deutschland seit Dezember 1941 mit den USA im Kriegszustand war, galten für das bis November 1942 noch unbesetzte „Freie Frankreich“ der Vichy-Regierung etwas andere Bedingungen. Die US-amerikanischen Quäker, die als Hilfsorganisation für Flüchtlinge und Internierte in Frankreich stark engagiert waren, erreichten über Eleanor Roosevelt, der Gattin des US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt, dass im Frühsommer 1942 über 200 deutsche jüdische Kinder aus Frankreich in zwei Passagen mit Schiffen in die Vereinigten Staaten gebracht werden konnten, wo sie zu Verwandten, meistenteils aber zu Pflegefamilien oder in Kinderheime kamen. Im September 1942 ging ein drittes und letztes Schiff über Marseille ab. Auf dieses Schiff kam Kurt Walker.
Seit dem letzten Brief seiner Mutter vom Frühsommer hatte er keine Nachricht mehr von ihr. Dass sie zum Zeitpunkt, als er sich auf dem Schiff in die USA befand, bereits tot war, wusste er nicht.

Am 30. Juli 1942 kam Kurt in Baltimore an. Er kam zu Pflegeeltern namens Wagner in Wisconsin, deutsche Wurzeln können vermutet werden. Diese hatten keine eigenen Kinder und nahmen ihn wie ihr eigenes Kind auf. Er empfing sehr viel Liebe, wie er sagte, die Pflegeeltern wollten ihn adoptieren. Dies war zunächst unmöglich, da dafür die elterliche oder gesetzmäßige Zustimmung notwendig war. Diese war rechtlich erst zu erlangen, als nach 1945 die amtliche Todesbestätigung für seine Mutter und ebenso für den leiblichen Vater, der selbst 1943 eines natürlichen Todes verstorben war, offiziell erlangt werden konnte. Die beiden Wagners adoptierten ihn dann im Jahre 1947, da war Kurt, der von nun an Kurt Wagner hieß, 16 Jahre alt. Seine neuen Eltern waren jüdisch und sie erzogen ihn in dieser Tradition.
Seine Adoptivfamilie ermöglichte ihm ein normales und sorgenfreies Leben in den USA. Er besuchte wie andere amerikanische Jungen die Highschool und danach eine Accounting School, also eine Wirtschaftsfachschule. Währenddessen ging er für zwei Jahre zur Army und setzte danach seine Ausbildung an der Accounting School fort.
Im Alter von 24 Jahren heiratete er und bekam mit seiner Frau zwei Söhne. Im Verlauf seines weiteren Lebens arbeitete er 25 Jahre lang in der Kosmetik- und Modebranche.

Im Gegensatz zu Kurt hatte sein Bruder Heinz in Deutschland nicht um sein Leben zu fürchten, da er nach der Scheidung ihrer Eltern bei seinem Vater lebte, protestantisch getauft war und demnach allenfalls als so genannter Mischling II. Grades galt.
Nach 1945 sorgten die neue Familie von Kurt und die Großeltern von Heinz für die Kontaktaufnahme. Die Brüder Kurt und Heinz schrieben sich Briefe. So erfuhr Heinz, dass seinem Bruder die Flucht in die USA gelungen war, Kurt schickte Care-Pakete nach Deutschland.

Im Jahre 1978 fand ein lange vorbereitetes Familientreffen statt. Heinz lud seinen Bruder samt seiner Familie zu sich nach Deutschland ein, wo die beiden sich nach der langen Zeit zum ersten Mal wiedersahen.
Kurt selbst behauptete, dass diese Deutschlanderfahrung sein Leben beeinflusst hat. Für sich zog er aus dem Leben seiner früheren Eltern wie seiner neuen in den USA das Resümee, dass ausschließlich die Liebe zähle und nicht die Religion.
1996 berichtete Kurt Wagner für die Shoah Visual History Foundation in einem fast eineinviertelstündigen Interview über sich und sein Leben.
Seine mündlichen Schilderungen waren die Grundlage für das im Jahr 2014 in den USA erschienene Buch von Steven L. Richards, welches das Leben von Kurt Rudolf Wagner, geborener Walker, aufgreift: Sitting on Top oft he World.

(Laurita Kindlieb, Lessing-Gymnasium Sekundarstufe II, Oktober 2016)


Das aufgeführte Buch „Sitting on top of the world „ bietet über die Erinnerungen von Kurt Rudolf Wagner über die im Interview der Shoah Visual History Foundation 1996 gemachten Angaben hinaus kaum weitere Informationen. Kurt Wagners Erinnerungen an seine Mutter und insbesondere ihr Leben, bevor er bewusste eigene Erinnerung haben konnte, sind nachvollziehbar sehr begrenzt. Exakte Beschreibungen kann er erst etwa seit der Ankunft in den USA 1942 machen.
Der Buchautor nennt seine Schreibweise „narrative nonfictional“, demnach also als erzählerisch gestaltete Literatur, die dennoch auf Tatsachen basiert. Diese Publikation enthält jedoch mit Ausnahmen der letzten Passagen, in denen der Werdegang Kurt Wagners in den USA bis Anfang der 1950er Jahre beschrieben wird sowie der wichtigen Wiedergabe von Auszügen aus den Briefen der Mutter 1941/42 aus den Lagern nur wenige quellengestützte Fakten. Obwohl der Autor eine Reise nach Deutschland und nach Karlsruhe unternahm, hat er es unterlassen, beispielsweise vorhandene Quellen im Stadtarchiv Karlsruhe oder im Generallandesarchiv zu berücksichtigen. So führt er die Aussagen Kurts zur Scheidung auch mit einem falschen Jahr an, dichtet eine nationalsozialistische Hinwendung des leiblichen Vaters an. Ebensowenig wie in der hier vorgelegten Biographie kann das Buch die Lebensumstände oder die berufliche Entwicklung der elterlichen Familie von Ilse Jenny Walker aufzeigen. Alle Leerstellen werden von Richards jedoch mit langen, wenig inhaltsreichen Passagen überdeckt. Das Buch enthält sehr viele allgemeine historische Informationen über das Deutschland jener Zeit. Insbesondere aber machen weite Passagen komplett fiktionale Dialoge der Familie Ettlinger beziehungsweise Walker aus. Sie sind auf emotionale Wirkung angelegt. Leserinnen und Leser des Buches können kaum unterscheiden, was der Autor in dichterischer Freiheit verfasst hat und was den Tatsachen entspricht.




Quellen und Literatur:
Adressbücher Karlsruhe 1907-1940.
Heiratsregister Karlsruhe 1930.
Heiratsregisterbeilagen Karlsruhe 1930.
Heiratsregisterbeilagen Karlsruhe 1933.
Stadtarchiv Karlsruhe: 1/AEST/1237 und 1239.
Generallandesarchiv Karlsruhe: 480/29973.
Interview Shoah Visual History Foundation Nr. 14611 am 28.4.1996 mit Kurt Rudolf Wagner (geborener Walker).
Hanna Meyer-Moses: Reise in die Vergangenheit. Eine Überlebende des Lagers Gurs erinnert sich an die Verfolgung während der NS-Diktatur, Ubstadt-Weiher 2009.
Steven L. Richards: Sitting on Top of the World, North Charleston 2014.