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Albert Vogel 1939. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte" (Foto: Universität Heidelberg- Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland)

Personendaten

Albert Vogel

Nachname: Vogel
Vorname: Albert
Geburtsdatum: 20. März 1883
Geburtsort: Mainz (Deutschland)
Familienstand: geschieden
Eltern: Emil Vogel und Dorthe, geb. Bachrach, V.
Verwandtschaftsverhältnis: geschiedener Ehemann von Berta V.;

Ehemann von Emilie V.;

Vater von Ingeborg und Ellen
Adresse: 1920: Belfortstr. 4
1924: Richard-Wagner-Str. 11
1926: Bismarckstr. 18
1931: Sophienstr. 161
1934: Amalienstr. 67
1937: Zähringerstr. 78, 1938 nach Walldorf gegangen
Beruf: Kaufmann
Handelsvertreter
Deportation: 10.11. - 5.12.1938 in Dachau (Deutschland)
22.10.1940 von Walldorf nach Gurs (Frankreich)
12.8.1942 von Drancy nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Albert Vogel

“I have very little information about my father….. he was sent to Camp Gurs in France (a hiding Camp) and then deported to Auschwitz in 1942. PS.: My father was born in Mainz and was 60 years old when he died.” Diese Mitteilung machte am 26. Oktober 2007 Ellen L., die zweitgeborene Tochter des Albert Vogel. Am 1. Dezember 2007 ergänzte sie: “He had 2 brothers - I knowabout.“ So wenig nur konnte die Tochter über ihren Vater, den sie kaum kannte, berichten.
Albert Vogel wurde am 20. März 1883 im Haus der Eltern in der Gaustraße 16 in Mainz geboren. Seinem Vater Emanuel Vogel, Bürger in Sprendlingen, wurde durch Entschluss des Großherzogs von Hessen-Darmstadt am 17. September 1861 gestattet, künftig den Vornamen Emil zu führen. Die Geburtsurkunde nennt die Namen der Eltern: Emil Vogel, geboren am 5. Mai 1839 in Sprendlingen, von Beruf Weinhändler und Berta Vogel, geborene Bachrach, geboren am 11. August 1851, beide israelitischer Religionszugehörigkeit. Emil Vogel verstarb am 21. September 1910, seine Frau Berta am 19. April 1927.
Über Albert Vogels Kindheit, Schulzeit und Jugend gibt es leider keine Informationen. Er wuchs mit seinen Brüdern in Mainz auf. Aus der Personenkarte des Stadtarchivs Mainz, einer Einwohnerdatei ist ersichtlich, dass er drei Brüder hatte. Der Älteste ist Simon Hugo, geboren am 24. Oktober 1876, am 27. August 1878 kommt Max zur Welt, darauf folgt Richard Jakob am 29. März 1881 und das vierte Kind ist Albert Vogel. Alle vier Brüder haben später Mainz verlassen. Von Albert Vogel ist durch die Mitteilung seines Schwagers Sigmund Baer im Wiedergutmachungsverfahren bekannt, dass er in jungen Jahren auch in Berlin lebte und arbeitete: „Vor dem 1. Weltkrieg war Albert Vogel angestellt bei der Metallgesellschaft in Berlin. Nach Kriegsausbruch war er 4 Jahre im Feld und wurde schwer verwundet. Nach dem 1. Weltkrieg trat er dann bei der Firma Rosenfeld & Co in Karlsruhe ein, bis zur Verheiratung mit meiner Schwester.“ Möglicherweise war er aber nur zwei lange Jahre im Ersten Weltkrieg im Feld. Dafür sprechen geleistete Versicherungsbeiträge für eine Angestelltenrente in den Jahren 1913, 1916 und 1917. Bei der erwähnten Firma handelte es sich vermutlich um die Firma Rosenfeld & Co, Eisen- und Metallgroßhandlung, in der Neureuter Straße 5, die in jüdischem Besitz war.
Am 17. Juni 1920 heiratete Albert Vogel vor dem Standesamt in Karlsruhe Berta Baer. Die Braut stammte aus Untergrombach bei Bruchsal und wurde dort am 1. Mai 1898 geboren. Ihre Eltern sind Berthold Baer, geboren am 28. September 1866 in Untergrombach, von Beruf Kaufmann, genauer gesagt Eisenwarenhändler, und Karoline (Karine) Baer, geborene Strauß, geboren am 18. Mai 1870 in Michelstadt, beide israelitischer Religion. Die Braut war bei der Hochzeit 22 Jahre, der Bräutigam 37 Jahre alt. Nach der Hochzeit 1920 wohnte das Ehepaar in der Belfortstraße 4.
„Nach der Heirat trat Albert Vogel als Teilhaber in die Firma ein.“ Gemeint hat der Schwager Sigmund Baer damit die Stab- und Kurzeisenwarenhandlung Gebrüder Baer. Gegründet wurde diese Firma bereits vom Vater des Schwiegervaters Berthold Baer, von Machul Baer in Untergrombach, der dort mit Badewannen handelte, so berichtete Madeline H., Sigmund Baers Tochter, 2001 dem Stadtarchiv Karlsruhe. Später zog die Firma nach Karlsruhe und erweiterte ihr Metallwarensortiment. Der Firmensitz war in der Amalienstraße 79 und im Adressbuch stehen die Namen Berthold Baer und Albert Vogel mit den jeweiligen Telefonnummern 968 und 615 unter der Firmenanschrift verzeichnet. Das Lager der Firma befand sich beim damaligen Westbahnhof an der Bannwaldallee. In der Amalienstraße wohnten wahrscheinlich auch die Familie Baer und der Schwager Sigmund, denn für sie findet sich kein weiterer Eintrag in dem Karlsruher Adressbuch.
Die erste Tochter von Berta und Albert Vogel kommt am 3. April 1921 in Karlsruhe zur Welt und erhält den Namen Ingeborg. Ganz offensichtlich hat die Firma die schweren Jahre der Inflationszeit gut überstanden, denn bereits 1924/1925 ist der Wohnsitz der Familie Vogel im Adressbuch „Albert Vogel, Eisengroßhandlung“ in der Richard-Wagner-Straße 11 zu finden, damals und heute noch eine gute und „feine“ Wohngegend in Karlsruhe. Hauseigentümer ist der Schwiegervater Berthold Baer. Fünf Jahre nach der ersten Tochter wurde am 5. Februar 1926 die Tochter Ellen geboren. Ab 1926 wohnte Albert Vogel mit seiner größer gewordenen Familie in der Bismarckstraße 81. Auch über diese ersten Ehejahre und das Familienleben mit den beiden kleinen Mädchen gibt es keine erhaltenen Erinnerungen, keine Fotos und keine Erzählungen.
Im Jahr 1927 erweiterte Albert Vogel seinen beruflichen Wirkungskreis. Er machte sich als Vertreter großer Metallhersteller aus Belgien und dem Saarland selbständig. Gleichzeitig schied Albert Vogel aus dem Familienbetrieb „Gebrüder Baer“ aus. Bei diesem Schritt in die Selbstständigkeit hatte ihn sein Schwager unterstützt. „Ich kann jederzeit bezeugen, dass Herr Vogel erfolgreich war, da ich ihm selbst die Vertretungen, die er hatte, beschaffte und er alles mit mir durchsprach“, schrieb Sigmund Baer später. Der Kontakt zum Schwager blieb vertrauensvoll erhalten und wurde von beiden Seiten weiter gepflegt, nichts deutet auf ein Zerwürfnis mit der Familie Baer hin. Albert Vogel vertrat erfolgreich die Firma „Travail Mécanique de la Tole in Brussel-Forest, die Firma Oscar Wobrock& Co. in Saarbrücken und die Firma Weiller& Co.in Saarbrücken. Für die ersten beiden Firmen verkaufte er verzinkte Bleche, für die Firma Weiller Drahtgeflechte. „Sein Verdienst bis zu Beginn der Verfolgung im Jahr 1933 lag bei 1000.- bis 2000.- Reichsmark monatlich,“ so Heinrich W. Weill, Wirtschaftsprüfer und Steuerberater in Karlsruhe, der die Familie in den 1960er Jahren im Wiedergutmachungsverfahren vertrat.
Im Rahmen der Ermittlungen zum Wiedergutmachungsverfahren wurden die Firmen, für die Albert Vogel gearbeitet hatte angeschrieben und so kam es zu folgenden Mitteilungen. Am 31. März 1959 antwortete die Firma Wobrock& Co. GmbH Eisen- und Metallgroßhandlung, Blei- und Zinnpresswerk: „Infolge teilweiser Vernichtung unserer Akten durch Kriegseinwirkung sind wir nicht in der Lage, Fragen mit Sicherheit beantworten zu können. Der Seniorchef Oskar Weiller verstarb plötzlich nach Kriegsende, vom alten Personal ist niemand mehr beschäftigt. Im Handelsregister ist eingetragen: die Gesellschafterversammlung vom 28. Dezember 1924 beschloss: Herr Albert Vogel ist als Geschäftsführer abberufen, an seiner Stelle ist der Kaufmann Rudolf Moos, Saarbrücken zum Geschäftsführer bestellt. Das Gehaltskonto von den Jahren 1930-1940, trotz der Kriegsereignisse noch erhalten, weist keinen Vertreter oder Angestellten namens Vogel aus.“ Einige Tage später kam jedoch ein zweiter Brief der Firma Wobrock, der die Geschäftsverbindung bestätigte: Man habe „…von einer früheren Angestellten erfahren, dass Herr Vogel ihres Wissens zu der damaligen Zeit als Vertreter in Karlsruhe“ tätig gewesen sei. Herr Rudolf Moos habe das Land 1934 aufgrund seines israelitischen Glaubens verlassen und sei nach Frankreich gezogen. Nach Aussagen der früheren Angestellten seien Herr Vogel und Herr Moos, auch auf Grund ihrer Religion eng befreundet gewesen. Auch von der Firma Weiller gibt es eine Bestätigung über eine Vertretertätigkeit des Albert Vogel. In einer eidesstattlichen Erklärung von Hermann Weiller vom 13. Februar 1959 steht: „Ich war Direktor der Firmen Hermann Weiller und Mechanische Drahtweberei Fabrikation für Drahtgeflechte in Saarbrücken. Wir beschäftigten Herrn Albert Vogel als Vertreter für Süddeutschland in den Jahren 1927-1935 für Verkauf von Drahtgeflechten und Rohren. Herr Vogel verdiente ein durchschnittliches monatliches Gehalt von RM 700.- bis 800.- während der Zeit seiner Beschäftigung. … Nach der nationalsozialistischen Machergreifung konnte Herr Vogel nicht mehr für uns verkaufen, da er als Jude keine Möglichkeit mehr hatte, die Kundschaft zu bedienen. Wir mussten ihn deshalb entlassen.“ Vermutlich konnte Albert Vogel nach 1933 als Jude in Deutschland immer weniger Aufträge für seine Firmen akquirieren, was dann 1935 zu seiner Entlassung führte. In den Wiedergutmachungsanträgen an das Landesamt für Wiedergutmachung gab die Tochter Ellen L., geb. Vogel an, dass „der Verfolgte keinem Erwerb mehr nachgehen konnte“ und von seinem Schwager Sigmund Baer bis Kriegsausbruch unterstützt wurde.
Auch Sigmund Baer gab im Rahmen des langwierigen und auch teilweise demütigenden „Wiedergutmachungsverfahrens“ folgende eidesstattliche Erklärung ab: „Herr Albert Vogel arbeitete von 1927-1935 selbstständig als Vertreter von ausländischen Firmen wie Hermann Weiller, Saarbrücken, Mechanische Drahtgeflechte, Saarbrücken, Oskar Wobrock Saarbrücken etc. für den Verkauf von Röhren, Drahtgeflechten, Zinkblechen und verzinkten Blechen.“ Er hätte ein „sehr gutes Auskommen, durchschnittlich 1000 bis 2000 RM gehabt. Die Verhältnisse des Albert Vogel waren mir bekannt, da er mich nach meiner Auswanderung (mit Ehefrau Bella, geborene Elkan) 1933 nach St. Louis, Haut-Rhin in Frankreich, fast jeden Monat dort besuchte.“ Sigmund Baer betrieb auch in Frankreich wieder einen Metallwarenhandel unter dem Firmennamen „Arsan“ und konnte so die Existenz seiner Familie sichern. Wie lange Albert Vogel seine Bewegungsmöglichkeit für den Grenzübertritt nach Frankreich, sprich einen Pass hatte, geht aus dieser Aussage allerdings nicht hervor.
So wenig wir über das Privatleben Albert Vogels wissen, so wenig wissen wir über sein Engagement in der jüdischen Gemeinde. Beim orthodoxen Wohltätigkeitsverein Dower Tow, dessen Mitglieder die Aufgabe hatten, Kranke zu besuchen, Beerdigungen vorzubereiten, auszuführen und auch danach Hinterbliebene zu besuchen, war er Mitglied. Vielleicht kann dies ein Hinweis sein, ihn eher dem orthodoxen Teil der jüdischen Gemeinde zuzuordnen. Bekannt ist auch, dass er der internationalen B’naiB’Brith-Loge (Carl-Friedrich Loge in der Kriegsstraße 154) angehörte. Hier traf sich das gehobene jüdische Bürgertum, meist Kaufleute oder Akademiker. Diese Loge nahm sowohl orthodoxe als auch liberale Juden als Mitglieder auf und überbrückte so die innerjüdischen Gegensätze.
Beruflich forderte das Jahr 1930 mit den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise von dem Handelsvertreter für Metallwaren sicher ganz besonderen Einsatz. Dass sich in dieser Situation seine Frau zur Trennung entschloss, traf ihn möglicherweise hart. Im Herbst 1930 zog Berta Vogel mit den beiden kleinen Töchtern Ingeborg und Ellen zu ihren Eltern, in die Bismarckstraße 18 in Karlsruhe. 1933 wanderte sie mit den Kindern und den Eltern nach Basel, in die Schweiz aus, womit dem Vater der Zugang zu seinen Kindern außerordentlich erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht wurde. Von Basel aus betrieben die Großeltern mit Tochter und Enkelinnen die Auswanderung nach Pittsburgh, Pennsylvania in Amerika zu Bertold Baers Bruder Julius. Eine lange Krankheit der Mutter und der Tod des Vaters am 15. März 1937 verhinderten vorerst diese Pläne. Allerdings wanderte Albert Vogels ältere Tochter Ingeborg 1937 über Frankreich und Spanien nach New York und von dort nach Pittsburgh aus. 1941 entschloss sich Berta Vogel, mit ihrer Mutter und Tochter Ellen ebenfalls die Schweiz zu verlassen. Sie hatte vorher ihren Bruder Sigmund Baer um Rat gefragt, weil sie besorgt war wegen Zeitungsveröffentlichungen, denen zu Folge die Schweizer Armee wegen des drohenden Einmarsches der Deutschen nun mobil machte. „Ich empfahl, sich zu retten“, so Sigmund Baer. Die vom Bruder ausgelegten Kosten für die Ausreise waren so hoch, dass sie ihm diese nur teilweise im Laufe ihres Lebens zurückzahlen konnte.
Nach der Trennung von seiner Familie wohnte Albert Vogel ab 1930 laut Adressbüchern der Stadt Karlsruhe in der Sophienstraße 161, er war unter der Telefonnummer 4533 erreichbar und hatte das Postfach 18847 gemietet. In den Adressbüchern der Jahre 1933-1935 ist seine Wohnung in der Amalienstraße 67 verzeichnet. In diesen Jahren betrieb er als Kläger seine Ehescheidung. Im Rahmen des Ehescheidungsverfahrens wurde der Termin zur mündlichen Anhörung auf den 30. April 1935 angesetzt. Dabei ließ die beklagte Ehefrau durch ihren Anwalt klarstellen, dass sie auf keinen Fall bereit sei, die Ehe fortzuführen. Als Trennungsgrund gab sie eine zerrüttete Ehe und unüberwindliche Abneigung an. Ob das wirklich so empfunden oder nur eine zeitgemäße Formulierung war, kann nicht gewertet werden. Danach wurde die Ehe vor der 4. Zivilkammer aus Verschulden der Beklagten geschieden. Die Scheidung wurde am 31. Mai 1935 rechtskräftig. Vielleicht hatte Berta Vogel schon früh in Vorahnung kommenden Unheils die Absicht, dieses Deutschland mit ihren beiden Kindern zu verlassen, bevor ihr Mann Albert Vogel eine Gefahr für sich, seine Existenz, sein Leben und das seiner Familie für möglich hielt. Vielleicht lebte sich das Ehepaar auch wirklich auseinander und es gab kein Auskommen mehr miteinander.
1935 konnte Albert Vogel seine Berufstätigkeit durch den Judenboykott und die dadurch bedingten Schwierigkeiten nicht mehr fortsetzen, wie es auch der Brief von Sigmund Baer und des Hermann Weiller belegen, finanziell wurde er noch von seinem Schwager Sigmund Baer unterstützt, wobei über die Form des Geldtransfers nichts bekannt ist. Offensichtlich versuchte er noch eine Weile, das bisherige Leben aufrecht zu erhalten. Am 11. März 1936 gab er ein Inserat im lokalen Israelitischen Gemeindeblatt auf: „Suche Bürogemeinschaft, da Bürokraft nicht voll beschäftigt, Büro und Telefon vorhanden.“ Was daraus wurde, ist nicht festgehalten. Die nun eingetretenen Lebensumstände bedeuteten mit Sicherheit eine deutliche Beschränkung der finanziellen Möglichkeiten und der Lebensqualität für Albert Vogel, das drückte sich auch in Karlsruher Adressen ab 1936 aus. In den Adressbüchern 1934-1936 ist kein Eintrag im Straßenverzeichnis für Albert Vogel zu finden, nur im Personenverzeichnis ist er in der Amalienstraße 67 namentlich aufgeführt, jetzt ohne Berufsbezeichnung. 1937 ist Albert Vogel dann wieder als Mieter in der Zähringerstraße 78 im Adressbuch der Stadt Karlsruhe eingetragen. Die beiden anderen Mitparteien des Hauses sind ebenfalls Juden. Es sind Nathan Löb und die Witwe des Moses Barth. Der Handelsvertreter Albert Vogel wohnt in der obersten Etage, in einer Dachwohnung.
In dieser von sozialem Abstieg, Ehescheidung und beruflicher Perspektivlosigkeit geprägten Phase seines Lebens, erregte Albert Vogel öffentliches Aufsehen. Am 18. Juli 1935 meldete das NSDAP-Parteiorgan „Der Führer“ unter der reißerischen Überschrift „Karlsruher Juden provozieren“, dass Karlsruher Juden „systematisch“ deutsche Geschäfte aufgesucht hätten, die die Inhaber aufforderten das Schild „deutsches Geschäft“ zu entfernen, wenn sie auf jüdische Kundschaft Wert legen würden. „Es ist ein Zeichen der all über all zu beobachtenden, täglich zunehmenden jüdischen Frechheit, dass diese Gesellschaft jetzt dazu übergeht, Inhaber solcher Geschäfte systematisch in der unverfrorensten Weise zu provozieren und ihnen in allerhand Redensarten offenen Boykott anzudrohen.“ Unter der Überschrift „In Schutzhaft genommen! Sühne für die jüdische Frechheit“ meldet die Zeitung am folgenden Tag: „Die Juden Dr. Norbert Bernheimer, Fabrikant wohnhaft in Karlsruhe, Bachstraße 11 und Albert Vogel, Handelsvertreter, wohnhaft Karlsruhe, Amalienstraße 67 wurden durch die Geheime Staatspolizei auf Grund ihres provokatorischen Verhaltens und die Ehre des deutschen Kaufmannes gröblichst verletzenden Äußerungen in Schutzhaft genommen.“
Albert Vogel hatte es also gemeinsam mit anderen Karlsruher Juden gewagt, den Nazis die Stirn zu bieten. Ob er sich von diesem Akt des Widerstandes wirklich eine Änderung der Lage erhoffte, oder ob dies lediglich eine Verzweiflungstat war, geboren aus der Aussichtslosigkeit seiner Lage und der seiner jüdischen Leidensgenossen, werden wir nie erfahren. Verluste und Demütigungen hatte Albert Vogel auf allen Gebieten bereits erlebt, warum wehrte er sich noch gegen diese Diskriminierung? Warum blieb er in diesem Deutschen Reich? Hatte er weder Geld noch Bürgen um auszuwandern, keine andere Möglichkeit als zu bleiben? Oder wollte er Deutschland nicht verlassen und hoffte, dieser Spuk würde enden, das Blatt möge sich wenden? Auf jeden Fall aber hatte Albert Vogel großen Mut bewiesen.
Eine weitere Steigerung der Demütigungen und des Schreckens durch die Nazis erlebte Albert Vogel mit allen Karlsruher Juden im November 1938. Wie sein Leben zwischen der Protestaktion 1935 und der Reichspogromnacht 1938 verlief, lässt sich nicht nachvollziehen. Im Heiratsregister des Jahres 1935 der Stadt Karlsruhe findet sich unter Albert Vogel ein Verweis auf „Beilagennummer 1050“. Im Stadtarchiv Karlsruhe liegen Beilagen nur bis 1930 vor. Die Nummer 1050 als solche steht für eine Aufgebotsbestellung am Ort, der Nummer nach etwa im September, also etwa vier Monate nach der Scheidung seiner Ehe mit Berta Vogel. Eine Heirat in Karlsruhe lässt sich jedoch nicht nachweisen, nach den Adressbücher 1937/1938 aber sein Wohnsitz in der Zähringerstraße 78. Erneut geheiratet hat Albert Vogel nachweislich allerdings erst drei Jahre später im Alter von 55 Jahren – nicht in Karlsruhe sondern in Walldorf/Baden. Weil Zuzug und Erwerb von Liegenschaften von Juden nach Walldorf nach einem Beschluss des Gemeinderates, auf Antrag der Ortsgruppe der NSDAP im September 1935 verboten worden war, musste Albert Vogel in Walldorf eine Aufenthaltserlaubnis beantragen. Im dortigen Stadtarchiv findet sich folgendes Schreiben des damaligen Bürgermeisters an das Bezirksamt, geschrieben am 19.Oktober 1938:
„Gesuch des Juden Albert Vogel, z.Zt. in Walldorf um Zuzugsgenehmigung:
Der Jude Albert Vogel aus Karlsruhe hat am 15. August 1938 mit der hier ansässigen Emilie Baer die Ehe geschlossen und am 23. August die Aufenthaltserlaubnis für 10 Wochen erhalten. Vogel bittet nun um Verlängerung der Aufenthaltsfrist, da er ein Auswanderungsvisum noch nicht erhalten hat. Ich lege zwei Gesuche des Vogel zur Einsicht vor und bitte um Nachricht, ob dem Juden Vogel der Aufenthalt bis zur Auswanderung genehmigt werden soll.
Der Bürgermeister“
Wie und wo Albert Vogel seine zweite Ehefrau kennen gelernt hatte, ist nicht bekannt, doch einiges über sie und ihre Familie. Emilie Baer kam als zweite von insgesamt sechs Töchtern des israelitischen Handelsmannes Eduard Baer (Bär/Bähr) und seiner Ehefrau Regina, geborene Weil am 23. März 1892 in Walldorf/Baden zur Welt. Sie war 19 Jahre alt, als ihr Vater, knapp 49-jährig im Sommer 1911 verstarb. Nach den Wiedergutmachungsakten führte die Mutter Regine von 1924 bis 1938 in der Heidelbergerstrasse 11 in Walldorf ein Obst- und Kolonialwarengeschäft unter der Bezeichnung „Eduard Bär Witwe, Kolonialwaren“, vielleicht gab es einen ähnlichen Handelsbetrieb schon zu Lebzeiten des Vaters. Am 7. April 1917 brachte das Amtliche Verkündungsblatt für den Großherzoglich Badischen Amtsbezirk Wiesloch seinen Lesern die für seinen Bereich „aufgestellten Obstankäufer zur allgemeinen Kenntnis“. Die Firma Ed. Baer Ww. wurde darin als Oberaufkäufer für die Orte Walldorf, Raueneberg, Wiesloch, Altwiesloch und Rotenberg aufgeführt, und im Walldorfer Tagblatt erschien am 26. Juli 1917 die Annonce:
„Als Beauftragter der Badischen Gemüse-Versorgung Mannheim kaufen wir für dieselbe von heute ab
Alle Arten von Gemüse
Zum jeweiligen gesetzlichen Höchstpreise
Frau Ed.Baer Ww. Walldorf “
Emilie Bär arbeitete im Geschäft der Mutter. In den Saisonmonaten kaufte sie bei den Bauern Obst und Gemüse in größeren Mengen auf, nicht nur für das eigene Geschäft sondern auch zum Wiederverkauf an andere Händler. Im eigenen Kolonialwarengeschäft übernahm sie nach und nach die kaufmännische Arbeit. Bis zum Ende der Weimarer Republik gab es in Walldorf neben dem Kolonialwarenladen der Witwe Eduard Bär viele jüdische Unternehmen. Sie bestritten den gesamten Handel für Futtermittel, Tabak, Hopfen, Wein, Lebensmittel, Därme und Gewürze. Dieter Hermannschrieb in seiner Publikation „Geschichte und Schicksal der Walldorfer Juden“ :„… bis um Anfang des 20. Jahrhunderts spielten Juden eine bedeutende Rolle im Wirtschaftsleben von Walldorf… in wirtschaftlicher Hinsicht war die weitaus größere Zahl der Juden viel eher arm als wohlhabend zu nennen.“ Ob Albert Vogel seine spätere Ehefrau als Handlungsreisender im Kolonialwarengeschäft von Regina Bär kennen gelernt hat bleibt jedoch Spekulation. Als Albert Vogel Emilie Baer heiratete und um Zuzugs- /Aufenthaltserlaubnis beim Bürgermeisteramt vorstellig wurde, waren alle Juden arm geworden, viele schon ausgewandert. Das Kolonialwarengeschäft seiner Schwiegermutter Regina Baer existiertenoch, bestimmt in kleinem Rahmen. Die in Walldorf verbliebenen Juden wurden in wenigen Häusern zusammengepfercht und von der übrigen Bevölkerung getrennt.

In der Nacht des 9. auf 10. November 1938 brannte auch die Synagoge in Walldorf. Im Buch „Die jüdischen Gemeinden in Baden“ von Hundsnurscher und Taddey ist zu lesen: „An den Ausschreitungen der Kristallnacht … waren in Walldorf ungefähr 30 Personen beteiligt.“ Sie demolierten nicht nur die Inneneinrichtung der Synagoge, sondern zerstörten auch die Fenster und Fassaden der Läden, die in jüdischem Besitz waren. Dieter Hermann schrieb: „Am folgenden Tag wurden fünf Judenhäuser zur Kennzeichnung mit Kalkbrühe bespritzt. Die Männer wurden verhaftet und in das KZ Dachau eingeliefert.“ Für Albert Vogel dauerte diese Haft vom 11. November bis zum 5. Dezember 1938, danach kehrte er zurück nach Walldorf. Mit Sicherheit war er nicht mehr der gleiche Mensch. Die rückkehrenden Männer waren kahlrasiert, hohlwangig, abgemagert und traumatisiert.

Der Bürgermeister der Stadt Walldorf meldete am 6. Dezember 1938 an die GeStaPo Karlsruhe:
„Der sich seit 10. November in Schutzhaft befindliche Jude Albert Vogel ist von Dachau kommend wieder nach Walldorf zurückgekehrt.“ Wollte Albert Vogel nun dieses Deutschland verlassen?
Seiner Schwiegermutter Regina Baer war am 15. November, wie allen jüdischen Händler der Stadt die Anordnung zugestellt worden, aufgrund des §1 der Verordnung zur Durchführung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben vom 23.11.1938 ihr Geschäft abzuwickeln und auf den 31. Dezember 1938 zu schließen. Das noch vorhandene Warenlager habe sie innerhalb einer Woche der Bezirksfachgruppe des Einzelhandels in Heidelberg zum Kauf anzubieten. Sie dürfe ihre Ware nur dann anderweitig veräußern, wenn dort eine Unterbringung der Ware nicht möglich sei. Mehrfach wurde sie aufgefordert, die in der Reichspogromnacht beschädigte Hausfassade instand zu setzen. Im Januar 1939 wurde ihr eine Frist von wenigen Tagen eingeräumt, das „Versäumnis“ nachzuholen. Gleichzeitig wurde sie daran erinnert, eine Schuldenlast von 427,14 RM bei der Stadtkasse zu haben. Wegen dieser ausstehenden Zahlungen wurde die steuerliche Unbedenklichkeitsbescheinigung versagt, die zur Ausstellung eines Reisepasses als vorbereitende Maßnahme zur Verlegung des Wohnsitzes ins Ausland benötigt wurde.
Im Stadtarchiv Walldorf lagert auch ein Brief den Emilie Vogel, geborene Baer, am 12. Juli 1939 geschrieben hat:
„Betr.: Zahlungsaufforderung für Bürgersteuer 1938
Ich bitte um Erlassung der Bürgersteuer 1938, da ich kein Einkommen oder Vermögen besitze. Die Bürgersteuer für die Jahre 1935, 1936,1937 wurden mir ebenfalls erlassen
Emilie Sara Vogel, geb. Baer
Kennkarte Heidelberg A 00162.“
Von Albert Vogel selbst sind keine Spuren mehr zu finden.
Am 22. Oktober 1940 holten Gestapo und Polizei die verbliebenen 19 Juden aus Walldorf aus ihren Unterkünften heraus, Häuser oder Wohnungen hatten sie längst verloren. Sie wurden mit 50 kg Gepäck und 100 Reichsmark auf Lastwagen abtransportiert und in die bereitstehenden Züge „verfrachtet“.
In „Geschichte und Schicksal der Walldorfer Juden“ ist zu lesen. :
„Der Gendarmerie-Posten Walldorf meldete am 23. Oktober 1940: ‚Bei der Sonderaktion am 22. Oktober 1940 wurden in Walldorf insgesamt 19 Juden unter Mitwirkung der Gemeindeschutzpolizei Walldorf, Rot, St. Leon und Leimen und mit vier Mann der Polizeireserve II festgenommen:
In der Hauptstrasse 26
Vogel, Albert Israel
Vogel, geb. Baer Emilie Sara
Weil, Wilhelm Israel.
Bei Albert Vogel in der Hauptstrasse 26 hielt sich auch, der 1882 in Oberlustadt geborene Wilhelm Weil auf, der ebenfalls festgenommen wurde.‘“
Albert Vogel, seine Ehefrau Emilie und Wilhelm Weil wurden mit dem Transport der badischen Juden nach Gurs deportiert. Fast zwei Jahre ertrugen, erlitten sie die Brutalität des Lagerlebens und überlebten. Mit 59 bzw. 50 Jahren wurden Albert und Emilie Vogel am 8. August 1942 in das Sammellager Drancy bei Paris und von dort aus am 12. August nach Auschwitz deportiert, wo sie ermordet wurden. Die Auskunft des Niederländischen Roten Kreuzes vom 16. August 1955, nachzulesen in der Wiedergutmachungsakte im Generallandesarchiv Karlsruhe, war knapp: „... bei den Judentransporten 1942/1943 aus den Niederlanden, Belgien und Frankreich… sind Männer ab 50 Jahren alsbald nach ihrer Ankunft in den Gaskammern dieses berüchtigten Vernichtungslager umgekommen.“
In Walldorf, vor dem Haus in der Hauptstraße 26 wurden am 2. Mai 2010 vier Stolpersteine verlegt,
zum Gedenken an:
Wilhelm Weil
Nanny Weil
Emilie Vogel
Albert Vogel

Albert Vogels jüngere Tochter Ellen L. schrieb am 1. Dezember2007: „I am sorry, that I can`t give you any information about my father… He had 2 brothers that’s I know about.” Sie hatte nie die Gelegenheit, ihren Vater näher kennen oder gar lieben zu können.

(Christa Koch, Mai 2008 / August 2011)