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Porträt von Emilie Trautmann um 1920 (Foto: Yad Vashem)

Personendaten

Emilie Trautmann (Milly)

Nachname: Trautmann
geborene: Kahn
Vorname: Emilie
abweichender Vorname: Milly
Geburtsdatum: 11. Juni 1896
Geburtsort: Thaleischweiler/Pfalz (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Eltern: Moritz und Susanne, geb. Neumann, K.
Verwandtschaftsverhältnis: Ehefrau von Artur Simon T.;

Mutter von Hannelore und Oskar;

Schwester von Sara (5.10.1892-?) und Max (18.9.1893-?)
Adresse: Karlstr. 99
Kaiserstr. 162
Hebelstr. 3
Kaiserstr. 104
Schule/Ausbildung: Höhere Mädchenschule, 6 Jahre
Beruf: Hausfrau
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
11.3.1941 nach Rivesaltes (Frankreich)
26.8.1942 von Drancy nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Emilie Trautmann

Versuch einer Biografie

1. Kontext

Emilie Trautmanns Schicksal war das einer Frau, Tochter, Mutter, Ehefrau, Nachbarin, deutscher Bürgerin, ein Schicksal, dessen Verlauf sich über diese Rollen hinaus an der Tatsache gestaltete, dass sie Jüdin war. Jüdin in Europa in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Eine Zeit, deren Geschehnisse wir Nachgeborenen nicht fassen können, deren multiple und sich zusehends mit Eigendynamik aufladende Ursachen von Historikern aus wachsendem Abstand heraus immer verständnisvoller analysiert und interpretiert werden müssen, um darüber aufklären zu können.
Aufklären über die Bedingungen des „so genannten Bösen“, um in uns Nachkommen das Bewusstsein dafür zu schärfen, wie es diesem in jedem Verantwortungsraum-Familie- Beruf- Freizeit-etc.- den Boden entziehen kann.

Was im letzten Jahrhundert geschah, war motiviert von Kräften, die uns allen innewohnen. Kräften, wie sie nur starke Glaubensüberzeugungen wecken können, Kräften, die aber geeigneten Boden brauchen, um diesen Überzeugungen Wurzeln zur Verfügung stellen zu können.
Es war der Glaube an eine überlegene Rasse, die „Arier“, der das Feuer entfachte, unter dessen Banner mit dem Hakenkreuz, dem Symbol der immer siegreichen Sonne, der zu einer Begrifflichkeit wertvollen und wertlosen Lebens aufgrund einer „Rassenlehre“ führte. Ein Glaube, der die Mühsal der Konstituierung einer Nation, die sich noch kaum aus dem Dunkel der Geschichte erhoben hatte und schon wieder am Boden lag, durch lautes Kriegsgeschrei ersetzt hatte,
Eine Betrachtung der religiösen Dimensionen des Naziregimes zu vertiefen, ist hier nicht angebracht, nur insofern angerissen, als Emilie Trautmann Jüdin war, Angehörige des Volkes, das als „nicht arisch“ für lebensunwert, auf der Stufe von zu vernichtendem Ungeziefer angesiedelt wurde. Angehörige des Volkes, dessen Denken und Weltanschauungen die gesamte westliche und zum großen Teil auch östliche Zivilisation drei Jahrtausende lang bestimmt hatte.
Nicht nur deshalb kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, dass gerade die ethnisch religiöse Identität des Judentums in Hitler und seinen Gefolgsleuten die Sehnsucht nach einer ebensolchen Identität auf „germanischem Boden“ weckte.
Hitler fand, wie bekannt, viele Anhänger, frustrierte, irritierte, wütende, hungrige. Anhänger, die bereit waren, ihre Bedürfnisse mit Gewalt durchzusetzen, das Wort durch Barbarei. SA und SS, Hitlers besondere Truppen, sind zum Inbegriff dieser Kräfte geworden. Globaler Antisemitismus, Weltwirtschaftskrise, politische Interregnungssituation, das Trauma des I. Weltkrieges, technischer Fortschritt und weitere Faktoren haben in ihrer Summe den Boden dafür bereitet.

Emilie Trautmanns Ehemann Artur, der Auschwitz überlebte, verfasste noch 1945 einen Bericht, in dem er die Schergen der SS eindrücklich wie auch ironisch charakterisiert. Für ihn waren die meist jungen Männer „Banditen“. Zu feige, um an der Front zu kämpfen, schikanierten sie Wehrlose. Als seine Bewacher mit dem Nahen der Amerikaner flohen, hat er für sie noch einen Satz übrig:
„Meine brave und tapfere SS, die beste Truppe der Welt- war ausgerückt, weil ihnen die Amerikaner auf den Fersen waren, und sie hatten uns unserem Schicksal überlassen.“

Wo waren die Gegenkräfte? Z.B. die Kirchen? Hätten sie nicht aufgrund des theologischen Wissens, dass sich Antisemitismus biblisch nicht begründen lässt, Juden und Christen dieselben Psalmen rezitieren, oder einfach aufgrund dessen, dass Menschenwürde, da der Mensch nach Gottes Ebenbild geschaffen ist, keinem Trieb zum Opfer fallen darf, ihre Stimmen laut gegen das Abschlachten ihrer Brüder und Schwestern erheben müssen?
„Es gibt keinen Zweifel, die deutschen Eliten waren moralisch zusammen gebrochen.“(Schwanitz a.a.O)
„Der schauerliche Wahnsinn der deutschen politischen Pubertäts-Psychose“ (Dr. Mann a.a.O)
Nur einzelne, mehr und weniger bekannte, Menschen wie sich bildende Institutionen haben versucht, das Leid der Verfolgten zu lindern.

Hitlers „arische Phantasien“, zunächst kaum wahrgenommen, konkretisierten sich, dabei eine grauenhafte Eigendynamik entwickelnd. Sie entwickelten sich von einer Einschüchterungspolitik, die jüdische Menschen zur Auswanderung bewegen sollte, über den Madagaskarplan bis zur Endlösung in den Vernichtungslagern, auch in dem Maß, in dem der Krieg den Tod Alltag werden ließ.
6 Mio. Juden mussten sterben, Nachbarn, Professoren, Ärzte und Einzelhändler, eine von ihnen war Emilie Trautmann.

Die Antwort der jüdischen Bevölkerung auf die Drangsalierungen war ähnlich unstrukturiert wie die Politik ihrer Peiniger, von abwartenden Haltungen ebenso geprägt wie dem glühenden Wunsch, in Palästina das verheißene Land zu besiedeln, während wieder andere versuchten, im Ausland Aufnahme zu finden. Nur wenigen gelang, neues Leben auf neuem Boden zu beginnen. Die meisten der Zurückgebliebenen wurden Opfer der Massenvernichtung.
Besonderes verstörend an dieser Klimax ist die Tatsache, dass gegen Ende des Krieges auch in völliger Härte und Grausamkeit gegen jüdische Kinder, egal welchen Alters, vorgegangen wurde. Bilder von diesen blühenden Leben finden wir bei Klarsfeld: Endstation Auschwitz.

Mutter zweier Kinder war auch Emilie Trautmann. Ihre Kinder überlebten das Inferno mit der Hilfe couragierter Menschen, die, wie Ninon Hait, Abbé Glasberg und sein Bruder bei der Rettung von Menschenleben ihr eigenes Leben aufs Spiel setzten. Doch ohne das berühmte Quäntchen Glück hätten auch Emilie Trautmanns Kinder nicht überlebt, wie ihre Tochter Hannelore Hagenauer später erzählt.

Emilie Trautmann hatte dieses Glück nicht. Sie starb in Auschwitz, nach bundesdeutscher Logik zweimal: in der Nacht des 28. August 1942, oder, da es von ihr nach dem Besteigen des Viehwaggons kein Lebenszeichen, nicht einmal eine Lagernummer, mehr gab, am 18. Januar 1945. An diesem Tag wurde Auschwitz befreit und sie fand sich nicht unter den Lebenden.
Letzteres Todesdatum wurde aufgrund eines Beschlusses des BGH 1959, das als tatsächlich nachvollziehbare Todesdaten die Enddaten der KZs verfügte, und zwar als Grundlage für die Berechnung der den Angehörigen zustehenden Entschädigung für Lagerzeiten, festgesetzt.
In den Anfangsjahren der Bundesrepublik dagegen, kurz nachdem die von den Alliierten bereits zuvor festgelegte Gesetzgebung zur „Wiedergutmachung“ mit der Einrichtung von „Landesämtern institutionalisiert worden war , diente noch die Vermutung, dass alle Frauen, die mit Ankunft im KZ das 40. Lebensjahr überschritten hatten, sofort vergast worden waren.

Im Überlebensbericht ihres Mannes findet sich dennoch ein letzter Hoffnungsschimmer, sie könnte die Auslese überlebt haben: ein Mithäftling sprach davon, sie gesehen zu haben. Artur Trautmanns Bericht wurde von ihm direkt nach seiner Befreiung 1945 erstellt. Zu diesem Zeitpunkt konnte ihm keinerlei berechnende Absicht auf Erhöhung der Entschädigung für die Lagerzeiten seiner Frau vor Augen gestanden haben. Vielmehr spricht daraus eine Hoffnung, die sich wirklich erst nach Kriegsende zerschlagen hat.

Emilie Trautmanns Schicksal war das einer Ehefrau, einer Mutter, einer Tochter, einer Nachbarin, einer deutschen Bürgerin.
Innerhalb dieser Rollen lebte und starb sie.

Inwieweit trug auch ihr „Frausein“ zu ihrem Schicksal bei?

Andere Frauen überlebten, meist, indem sie rechtzeitig flohen, wobei weniger familiär Gebundenen dieser Schritt vielleicht leichter fiel.
Emilie Trautmanns Tochter wurde gemeinsam mit dem Sohn aus dem Lager Rivesaltes, in dem die Trautmanns vor ihrer Deportation nach Auschwitz interniert waren, befreit. Sie gehörte als Jugendliche zu dem Personenkreis, dem die jüdischen Hilfsorganisationen helfen konnten und durften.
Hannah Arendts Geschichte vermittelt uns, wie anderen Frauen die Flucht gelang.
Waren die Trautmanns vielleicht auch deswegen in Deutschland geblieben, weil sie Emilies Mutter nicht einem ungewissen Schicksal überlassen wollten? Susanne Kahn lebte zu Beginn des Krieges bereits in einem Altenheim in Mannheim. Auch im Lager Gurs schien sich die Familie nicht von der Großmutter trennen zu wollen. Sie beantragte eine Verlegung ins Lager Noé für die gesamte Familie. Wir wissen, dass auch Viktor Frankl seinerzeit nicht das Ausreisevisum nutzte, sondern sich mit seinen weniger privilegierten Eltern in die Deportation fügte.

Emilie Trautmann war, wie aus ihrer Kennkarte hervorgeht, Hausfrau. Wessen Arbeitsleistung in Auschwitz gebraucht werden konnte, hatte bessere Überlebenschancen. So war ihr Mann geistesgegenwärtig genug, um, nach seinem Beruf gefragt, „Schuster“ anzugeben. Damit entging er dem Tod.
Emilie Trautmann selbst hatte keine Sonderrechte zu erwarten, ihr Geburtsdatum sorgte sogar mit dafür, dass sie in Auschwitz sofort umkam. In einem Lager, in dem „Arbeit frei machte“, bekam sie keine Chance. Frauen über vierzig wurde nur noch unzureichende Arbeitskraft unterstellt.


Emilie Trautmann war nicht nur Jüdin. Sie war eine deutsche Bürgerin. Die jüdische Bevölkerung hatte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch, wenn auch wirtschaftlich motivierte, liberale Gesetzgebung, befördert, zunehmend assimiliert. Die Groteske der Rassengesetze war demzufolge für viele weder nachvollziehbar noch ernst zu nehmen.
Das Dilemma der jüdischen Bevölkerung drückt der Karlsruher Politiker Ludwig Marum, der allerdings auch aufgrund seiner politischen Position verfolgt wurde, so aus: "Das ist aber die Tragik unseres Schicksals, dass die Deutschen uns nicht wollen, so dass wir heimatlos zwischen den Rassen stehen. Ich fühle mich als Deutscher, und ich will meine Heimat bewahren, solange es geht.“ Kurz danach wurde er in seiner Zelle erdrosselt.
Dass auch das Ausland für die deutschen Juden nicht allzu große Sympathien hegte, und zwar aufgrund beider Zugehörigkeiten, ist bekannt. Der daraus folgende Unwille, die Todgeweihten aufzunehmen auch.
Dieses Dilemma bezahlten die meisten Juden, wie bekannt, mit ihrem Leben.

Artur Trautmann, Teilnehmer am I. Weltkrieg findet dafür diese Worte:
„Den ersten Weltkrieg durfte ich als Frontkämpfer beim Bayerischen Alpenkorps mitmachen und als besondere Anerkennung meiner Verdienste für „Kaiser und Reich“ sperrten mich die Nazi- Banden, nur weil ich Jude bin, in ein Konzentrationslager.“

2. Emilie Trautmanns Leben, chronologisch

*11.06.1896 in Thaleischweiler, Kreis Pirmasens
5.10.1921 Heirat mit ArturTrautmann
1921-1940 wohnhaft in Karlsruhe
03.04.1923 Geburt von Tochter Hannelore
22.08.1926 Geburt von Sohn Oskar
20.10.1940 Deportation ins Lager Gurs
10.03.1941 Überführung ins Lager Rivesaltes
26.08.1942 Deportation nach Auschwitz

Emilie Trautmann wurde am 11. Juni 1896 in Thaleischweiler, einem Dorf im Kreis Pirmasens geboren. Die jüdische Gemeinde existierte dort bis 1910, verfügte über eine Synagoge, ein 1827 umgebautes Wohnhaus, eine Religionsschule, ein rituelles Bad und einen Friedhof. Gegenüber 1848, als noch 143 jüdische Bürger in Thaleischweiler lebten, sank deren Anzahl auf 12 im Jahr 1924.
Emilie Trautmann wuchs als Emilie, genannt Milly Kahn, Tochter von Susanne Kahn, geborene Neumann, und Kaufmann Moritz Kahn wohl gut behütet mit zwei Geschwistern auf, besuchte nach der Volksschule sechs Jahre lang die Höhere Mädchenschule.
1921 heiratete sie Artur Simon Trautmann, einen Einzelhändler im Bereich Schuhmacherei und lebte mit ihm in Karlsruhe.
Die wirtschaftliche Situation des Paares war nachweislich gut, Emilie Trautmann hatte nach Aussage ihres Mannes eine Hausangestellte, und das Paar überstand auch die wirtschaftlichen Krisen ohne allzu große Schäden. Emilie kümmerte sich wohl in erster Linie um Haushalt und Kinder, die 1923 geborene Hannelore, den 1926 geborenen Oskar. Ihr Mann war viel unterwegs, verhandelte mit seinen Kunden vor allem in deren Betrieben, bevor er sie belieferte. Ein eigener PKW erleichterte ihm seine Kundenbesuche. Die Familie bewohnte nach mehreren Umzügen eine komfortable und gut ausgestattete 4 Zimmer-Wohnung in der Kaiserstrasse 104. Ein Bild der Wohnverhältnisse zeichnet Artur Trautmann in seinem Entschädigungsantrag.

Mit den Nürnberger Gesetzen zum „Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ brach ab 1935 zunächst die finanzielle Situation der Familie ein, deren Gedeihen mit der Kristallnacht und Görings Bestimmung, Juden ab 1.1.1939 den Einzelhandel und selbständige Handwerksbetriebe zu verbieten, vollends erlosch. Von ihren Wertsachen, unabhängig von persönlicher Bindung hatte sich Emilie ebenso zu trennen: Emilie verkaufte Ringe, ihre goldene Armbanduhr, ein Goldarmband, einen Brillantring und eine Brillantbrosche deutlich unter Wert, denn die Pfandleihanstalten durften nur den reinen Rohstoffwert zuzüglich 20 % auszahlen, und zwar auf Sperrkonten. Damit wurde später die Kriegsmaschinerie finanziert.

Mit dem Gesetz zur „Arisierung“ von Wohneigentum musste sich die Familie nun auch räumlich stark einschränken. Einem Schreiben der Bezirksstelle Baden der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland vom 20.2.1940, ist zu entnehmen, dass Familie Trautmann, was ihre Wohnsituation betraf, unter starkem Druck stand.
Die noch über 1.000 Juden innerhalb von Karlsruhe in Wohnungen und Häusern eines jüdischen Besitzers unterzubringen, wie es das neue Gesetz verlangte, war fast nicht möglich, ohne die Unterstützung jüdischer Organisationen gar nicht. Einen Aufenthalt der Familie im Nassauer Hof, in dem etliche andere Familien Unterkunft gefunden hatten, zu finanzieren, sprengte die Kapazität der jüdischen Vereinigung. Karl Eisemann, einst Untermieter bei Trautmanns, führte die Korrespondenz mit der Stadt Karlsruhe und bat um Genehmigung, dass Trautmanns bei der Familie Dreyfuss in der Kaiserstrasse 162 einziehen durften. In diesem Schreiben findet sich ein Hinweis darauf, dass Familie Trautmann sich bereits bemühte, in die USA auszuwandern. Es ist daher gut möglich, dass zu der Zeit auch bei Emilie Trautmann noch die Hoffnung auf Auswanderung die Furcht vor einer ungewissen Zukunft in Deutschland überwog. So lebten Trautmanns nun vom 28. Februar 1940 bis zu ihrer Deportation im Oktober desselben Jahres nach Gurs in der Kaiserstrasse 162. Dieses Gebäude war ehemals im Besitz der jüdischen Ellern-Bank gewesen, mit Görings „Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben“ in arische Verwaltung übergegangen. Ironie des Schicksals mag es ein, dass das Bankhaus Feuchter, wie es jetzt hieß, später Insolvenz anmelden musste.
Doch nicht nur Banken wurden arisiert, von der Not der jüdischen Bevölkerung, die gezwungenermaßen ihr Hab und Gut veräußern musste, profitierten auch Privatleute: 460 RM erhielten die Trautmanns für ihre guten Möbel, die sie zurück lassen mussten, Möbel, die einst 2.500 RM gekostet hatten. Dass die Angehörigen von Gestapo und SS und „die Volksgenossen“ sich bei den sich vielfältig bietenden Gelegenheiten aufs beste ausstatteten, ist bekannt.

Die Situation von Emilie Trautmann eskalierte. Sie musste sukzessive nicht nur den Verlust ihres Hab und Guts, gesellschaftlichen und sozialen Abstieg hinnehmen, die Angst um Leib und Leben wuchs. 1938 war ihr Mann für zwei Monate nach Dachau in „Schutzhaft“ gekommen. Als er zurückkehrte, kahl geschoren und von den Gräueln während der Haft erzählte, während sie in dieser Zeit sogar das Auto verkaufen musste, muss Emilie spätestens klar gewesen sein, dass sie und ihre Familie in Deutschland keine Zukunft hatten. Die relativ kurze Haft in Dachau könnte ein weiterer Hinweis darauf sein, dass die Familie Trautmann bereits ihre Auswanderung betrieb.

Am Morgen des 20. Oktober 1940 ging Emilies Mann wie gewohnt zur Arbeit, der Schuh-Instandsetzungs-Werkstätte der jüdischen Gemeinde Karlsruhe, wo er, nachdem er seine eigene Firma liquidieren musste, Beschäftigung gefunden hatte, kam jedoch bald wieder nach Hause, und kurz darauf erschienen zwei Gestapo-Beamte, die die Familie zur sofortigen Räumung der Wohnung aufforderten. Pro Person sei ein Koffer mit 20 kg Gepäck gestattet, berichtet Artur Trautmann, darüber hinaus 100 RM. Um ihre Angelegenheit zu ordnen, ließ man der Familie 20 Minuten. Sohn Oskar holte Artur Trautmanns Werkzeug aus der Werkstatt, einige Einrichtungsgegenstände sowie seine Gebetbücher übergab Artur Trautmann einem befreundeten „Arier“, wie er sich in seinem Bericht ausdrückt.
Angeordnet war diese „Evakuierung“ Karlsruher Juden - wie die Deportation offiziell genannt wurde - weitestgehend eigenmächtig von Gauleiter Wagner, wenn sein Husarenstück auch später durch die Berliner Regierung abgesegnet wurde.

An diesem kalten Oktobertag wurde die Familie mit anderen jüdischen Einwohnern auf einem Lastwagen zum Bahnhof gebracht und bestieg dort im Bereich des „Fürstenbahnhofs“ unter dem Beifall der „Arier“, wie sich Artur Trautmann erinnert, gegen 19.00 Uhr einen Sonderzug, dessen Ziel niemand kannte. Erst, als er bei Mühlhausen den Rhein überquerte, wurde klar, dass es zumindest nicht, wie befürchtet, in den Osten ging.
Grotesk mutet die Situation an, wie der Zug im Niemandsland stehen bleibt, an der Demarkationslinie zwischen besetztem und unbesetztem Frankreich. Der Grund dafür war, dass die französischen Behörden von dieser Abschiebeaktion nichts wussten. Sie waren ohne jede Vorinformation vor vollendete Tatsachen gestellt worden.
Als der Zug sich also endlich wieder in Bewegung setzte - Frankreich hatte beschlossen, die unerwünschten „Einwanderer“ ins Lager Gurs zu bringen - dauerte es noch, bis er schließlich in Oloron-Ste. Marie ankam, und von dort wurde Emilie mit ihrer Familie auf Lastwagen verladen.
„Der Regen“, das war die tiefgreifendste Erinnerung, die Tochter Hannelore an diesen Tag hat. Der Regen, der den Boden im Lager an diesem wie auch den anderen Tagen in einen morastigen Sumpf verwandelte. Der Regen und der beschwerliche Abstieg von den „camions“. Wir mussten runterspringen“, erzählt Hannelore in einem Interview Gabriele Mittag, „für die alten Menschen fast unmöglich“.
Die Familie wurde, wie im Lager üblich, getrennt. Die Menschen litten sehr darunter und wurden in der Folgezeit erfindungsreich, um sich treffen zu können. Emilie war nun mit ihrer Mutter und ihrer Tochter in einer Baracke untergebracht, deren Komfort in einem Dach und Wänden bestand. Schlafen mussten die Ankömmlinge auf dem nackten Boden.
Eindeutig war das Lager, das ursprünglich jungen spanischen Kämpfern gegen das Franco-Regime als Notunterkunft diente, nicht auf die alters- und gesundheitsmäßig gänzlich anders zusammengesetzte Gruppe deutscher Juden vorbereitet.
Das riesige Barackenlager durchzog eine 1.800 m lange Lagerstraße, an deren südlichem Ende sich die Baracken der Verwaltung befanden. Jeweils 25 Baracken waren zu einem Block, einem Ilot, zusammengefasst. Das Lager bestand aus 13 Ilots. Vier von ihnen beherbergten Frauen und neun Männer. Die Wohnbaracken besaßen statt Fenstern Luken zum Öffnen. Erst später gelang es den Bewohnern, eine Art Fenster einzubauen: bis dahin saßen sie im Dunkeln oder der Kälte. Die Leitung und Bewahrung des Lagers oblag zunächst dem französischen Militär, später Polizei und Miliz. Den Internierten war innerhalb des Illots eine weitgehende Selbstverwaltung eingeräumt. Chefin von Ilot K, in dem Emilie Trautmann mit Mutter und Tochter die Baracke 17 bewohnte, war Frau Kaufmann aus Pforzheim, eine auch des Spanischen mächtigen Sekretärin, was im Umgang mit den internierten Spaniern ein großer Vorteil war.

Die neuen „Bewohner“ organisierten sich selbst, stellten Geschirr aus alten Konservenbüchsen her, verlegten Wege, insbesondere zu den Latrinen, da der Morast davor den Älteren das Erreichen unmöglich machte. Dass sogar Menschen im Morast stecken blieben und starben, erzählt Hannelore. Emilies 70-jährige Mutter litt darunter, sich nicht waschen zu können. Aus dieser Bemerkung spricht das Bemühen und die Verzweiflung der im Lager internierten Frauen darum, ihre Würde und Individualität zu behalten. Diesem Bemühen ist auch die vielfältige Beschäftigung der Frauen mit Handarbeiten und künstlerischer Betätigung zu schulden. Emilie fertigte Taschen an. Eine davon erhielten ihre Verwandten in der Schweiz. War dies ein Geschenk im Zusammenhang mit Bemühungen, Visa für die USA zu erhalten? In diesem Zusammenhang ist öfters die Rede von den Schweizer Verwandten, der Familie Wieler aus Kreuzlingen.

In den Internierten- Lagern menschelte es wie überall, und vielfältige Berichte geben uns entsprechende Einblicke: Trauer und Freude, Verzweiflung und Glück, Prostitution und Orthodoxie, nur ein paar Begriffe, die wir dort lesen. Aber neben Gefühlen und Umständen, die einfach menschlich sind, muss für die Betrachtung des Selbstausdrucks die Extremsituation des Lagers in Kriegszeiten berücksichtigt werden.
Körperliche und seelische Verletzlichkeit forderten in Gurs, wie bekannt ist, viele Opfer.

Auch, wenn man heute Berichte der Überlebenden liest, kann man sich den Hunger, diese ständige Erinnerung des Körpers an verwirkte menschliche Existenz, diesen nicht abzuschüttelnden Begleiter unaussprechlicher Not, nicht vorstellen.
Das Essen in Gurs bestand aus Kichererbsen, Topinambur, Brot, kaum Fleisch und portugiesischen Ölsardinen, das meiste davon in Form dünner Suppen.
Infektionskrankheiten aufgrund mangelnder Hygiene, Hunger und sicher auch seelische Unsicherheit bis zur Resignation forderten viele Todesopfer.
Niemand wusste zu Beginn des Lagerlebens, wie lange die Internierung währen sollte. Die wenigsten rechneten aber mit einer Beendigung durch Ermordung.

Emilie Trautmann litt unter diesen Umständen wie auch die Tochter unter Gelbsucht, (die in der Krankenbaracke mit Null-Diät behandelt wurde), während die Männer im Lager noch mit den Tücken des „Haushalts“ kämpften. „Sie waren nicht gewohnt, für sich selbst zu sorgen“, meint Hannelore mitleidig, die Trennung von den Frauen hatte sie in dieser Hinsicht hart getroffen. Doch auch sie organisierten sich wie alle Lagerinsassen mit der Hilfe jüdischer Organisationen und einer Riesenportion Eigeninitiative. Besonders eindrücklich war Hannelore Hagenauer die Rattenplage. So erlebte sie die bizarre Situation, dass eine Ratte sich an einen Karton einer Mitbewohnerin ranmachte, ihn öffnete, und das Ei daraus fortrollte, ein Ei, das für die Frau kostbar gewesen sein muss.
Aber auch immer wieder lesen wir von Helden, deren Opfer kaum ermessbar sind. Eine von ihnen war Pauline Maier, die in Mannheim das jüdische Krankenhaus wie auch das dortige Altenheim geleitet hatte. Sie begleitete, trotz gegenteiliger Weisung der Gestapo die alten Menschen nach Gurs, unter ihnen Susanne Kahn, Emilie Trautmanns Mutter. Pauline Maier schloss sich freiwillig dem Deportationszug nach Auschwitz an. Seitdem ist sie verschollen.
Emilie Trautmann und ihre Familie hätten vielleicht auf ungewöhnliche Weise die Möglichkeit gehabt, das Lager zu verlassen. Ein junger Österreicher hatte sich in Tochter Hannelore verguckt, und erbot sich, über eine Heirat die Familie heraus zu bringen. Hannelore war im Dilemma: einen Fremden heiraten und diese Entscheidung als 17-jährige fällen oder die Familie einer ungewissen, sogar düsteren Zukunft überlassen. Sie wandte sich an ihren Vater und übertrug ihm die Entscheidung: Dieser meinte nur: „Wenn du mit der Heirat einverstanden bist?!“ und da Hannelore das nicht war, ging diese Chance vorüber. Viel später erst erfuhr sie, dass auch der junge Österreicher umgekommen war.
Die OSE, ein jüdisches Kinderhilfswerk, bemühte sich, die Situation der Familien mit Kindern zu verbessern, und daher wurden die Trautmanns neben vielen anderen 1941 nach Rivesaltes verlegt, wo Steinhäuser die Holzbaracken von Gurs ersetzten. Die Bedingungen in Rivesaltes werden sehr unterschiedlich beschrieben, doch in einem sind sie sich einig: „Der Wind zerrte hier, in der Nähe des Mittelmeeres, unweit von Perpignan, an den Nerven!“
Ein Zufall machte Tochter Hannelore zur „chef de baraque“. Bei der Aufnahme ins Lager fragte ein genervter und ungeduldiger Franzose nach den Namen der Eingelieferten. „Votre nom!“ herrschte er die vor Hannelore Stehende an. Da diese auch nach mehrmaliger Aufforderung hilflos blieb, intervenierte Hannelore, und wurde zur Barackenchefin ernannt, da sie offensichtlich des Französischen mächtig war. Das brachte sie in den Genuss eines Einzelzimmers, das sie mit ihrer Mutter und Großmutter teilte. Ihre Aufgabe bestand darin, die Barackeninsassen zu zählen, Verluste zu melden und die Post zu verteilen.
Emilies Kinder konnten Rivesaltes im Juni 1942 auf Betreiben der OSE hin verlassen, sie lebten dann nach der deutschen Besetzung auch Südfrankreichs im November 1942 in verschiedenen Verstecken und überlebten.

Im Lager überschlugen sich ab dem Frühjahr die Gerüchte, was das Schicksal der Verbliebenen betraf. Lagerverlegung, Abtransport und anderes machte die Runde. Die Aufforderung, sich in Listen einzutragen, steigerte die Besorgnis, bis schließlich die ersten Abtransporte in den Osten begannen. Dies waren die unmittelbaren Auswirkungen der „Wannsee-Konferenz“ vom 20. Januar 1942 sowie der im Frühsommer 1942 stattgefunden deutsch-französischen Verhandlungen.
Emilie Trautmann und ihrem Mann gelang es, dem ersten Transport zu entkommen, da Artur Trautmann Schuster und in der Kommandatur tätig war. Einem zweiten Transport entgingen sie nicht, trotz Verweis darauf, dass sie eine Aufforderung hätten, sich beim amerikanischen Konsul in Marseille zu melden. Ein Kontoblatt der Schweizer Verwandtschaft belegt, dass entsprechende Gelder überwiesen worden waren.
Meldungen, sie würden in ein besseres Lager verlegt, glaubte zu dem Zeitpunkt niemand mehr. Emilie Trautmanns Mutter blieb im Lager, starb später, am 28. Dezember 1942 im Lager Nexon.

Am 24. August bestieg Emilie Trautmann einen Viehwaggon, der Transport Nr. 2 ging nach Drancy, wo er am 26. August 1942 ankam.

Nach Auschwitz ging am 26. August 1942 der Transport Nr. 24: Dieser Transport bestand aus 998 Personen, 885 von ihnen wurden sofort vergast, 27 Männer und 36 Frauen wurden zum Arbeitsdienst eingeteilt.

Was die Nachricht vom Abtransport nach Auschwitz für die Kinder von Emilie Trautmann bedeutet, können wir aufgrund des Interviews mit G. Mittag nur erahnen, ein wenig erfühlen.
Mit diesem Abtransport der Eltern entschied sich das Schicksal der Familie Trautmann endgültig: Für sie war ihre deutsche Existenz beendet.
Artur Trautmann emigrierte nach seiner Befreiung in die Vereinigten Staaten, sobald ihm das möglich war (Anfang 1946), gemeinsam mit Sohn Oskar, baute eine kleine Firma auf, von deren Erlösen er jedoch, vielfältig geschwächt, kaum leben konnte. Davor hatte er noch dafür gesorgt, dass der Vorplatz der Konstanzer Synagoge instand gesetzt wurde. Tochter Hannelore blieb in Lyon, und ihre Stimme verrät, dass sie heute Französin ist - ihr Mann, auch er ein ehemaliger Karlsruher, benannte sich sogar um, um seine deutsche Wurzel auszutilgen.
Auch die Schweizer Verwandtschaft, ehemalige Konstanzer, litt noch lange unter den Opfern, die in der ganzen Familie für Generationen Löcher hinterlassen hatten.

Wie verliefen Emilie Trautmanns letzte Stunden?

Ihr Ehemann gibt uns einen Eindruck:
"Als es schon dunkel war, trafen wir an einem Freitagabend in einem Ort ein, dessen Namen ich infolge der nebligen Nacht nicht lesen konnte. Wohl haben Lichter gebrannt und man sah auch wieder SS- Leute mit Knüppeln in der Hand umher spazieren. Diesmal wurde befohlen: "Alles aussteigen, Bagage mitnehmen, Schnell, schnell, schnell!" So schrien die Lumpen und schon sausten die ersten Hiebe auf die Menschen. Männer rechts, Frauen links! Kinder wurden sogleich auf Lastwagen verladen und weg geschleppt. "Das Gepäck bleibt liegen, wird morgen geholt!" schrie ein Spezial Ordner.
Diese Aufregung! Die Trennung von unseren Angehörigen ging so schnell, dass man sich nicht mehr sehen, noch verabschieden konnte. Meine Frau habe ich leider auch nie mehr gesehen.“
"Hätten wir 27 Geretteten eine leise Ahnung davon gehabt, was mit unseren Lieben, Frauen, Männer und Kindern in dieser traurigen Freitagnacht vom 27. auf den 28. August 1942 geschah, dann wäre aus innerlicher Wut und Erregung keiner zum Schlafen gekommen.“

Seinen Ehering hatte ihm auf dem Marsch von der Rampe ins Lager ein blutjunger SS-Posten geraubt: „Zeigen Sie mir mal ihre rechte Hand!- Und schon war mir mein goldener Ehering vom Finger gerissen!“


3. Emilie Trautmanns Leben aus Sicht der „Wiedergutmachung“

Den Antrag auf Wiedergutmachung stellte ihr Mann, Artur Trautmann, am 1. September 1956 von New York aus. Dorthin war er mit Hilfe seines Bruders Edgar, der Arzt war, 1946 ausgewandert. Auch Artur Trautmanns zweiter Bruder Richard, lebte bereits in den USA.

Um eine finanzielle Entschädigung nach dem Tod seiner Frau zu erhalten, musste A. Trautmann Meldebescheinigung, Heiratsurkunde, Daten aus Deportationslisten, Ergebnisse von Suchaufträgen, vom ITS in Arolsen, Auskünfte vom Roten Kreuz, Bestätigungen der jüdischen Gemeinde, einen Nachweis der Erbberechtigung beibringen. Mit Hilfe der Karlsruher jüdischen Gemeinde erbrachte Artur Trautmann die geforderten Unterlagen.
Am 31. März 1960 schließlich bekam der mittlerweile 68-jährige den Entschädigungsbescheid, in dem eine Haft seiner Frau für die Zeit vom 22.10.1940 – 31.8.1942 vorausgesetzt wird. Da kein offizielles Todesdatum für Emilie Trautmann vorlag, gingen die deutschen Behörden davon aus, dass sie, wie auch die anderen, die in Auschwitz nicht registriert wurden, sofort als über 40-jährige Frau ins Gas ging.
Für jeden Monat, den Emilie in Gurs und Rivesaltes gelitten hatte, erhielt er 150 DM, zusammen die Summe von 3.300DM.

Artur Trautmann gab nicht auf und stellte einen weiteren Antrag, da der BGH 1959 entschieden hatte, im KZ Auschwitz Vermisste seien bis zur Befreiung am 18.1.1945 für lebend anzusehen.
Um weitere Entschädigungen in Höhe von 4.350 DM zu erlangen, wurden Artur Trautmann zusätzlich Beweise für das Überleben seiner Frau über den 26.8.1942 hinaus abverlangt.„Hatte er in Auschwitz noch Kontakt zu seiner Frau?“ war die Frage. Artur Trautmann berichtete von einem Mithäftling, der seine Frau gesprochen haben wollte, und über den nun Wollsachen und Lebensmittel flossen. Er hat seine Frau dennoch nicht gesehen, wahrscheinlich nutzte der Mithäftling nur seine verzweifelte Lage aus, um an „Überlebensmaterial“ zu kommen.
Vor Gericht kommt es schließlich zum Vergleich: Artur Trautmann werden weitere 3.350 DM zugesprochen, was das Amt für Wiedergutmachung jedoch anfocht. In einem endgültigen Vergleich erhielt Artur Trautmann 2.500 DM.

Am 22. März 1963, 21 Jahre nach Emilie Trautmanns wahrscheinlichem Tod, ist die finanzielle Entschädigung abgeschlossen.
Für die Schuld an Folter, Vergasung und Verbrennung einer deutschen Bürgerin hatte die Erbin der Täter, die BRD, mit 5.850 DM gesühnt, dazu veranlasst durch die Siegermächte, die 1948 das Amt für Wiedergutmachung einrichteten und den unermüdlichen Einsatzes ihres Mannes.

4. Nachwort:

Ich bin dankbar dafür, dass ich diese Biografie mit Hilfe des Stadtarchivs Karlsruhe schreiben durfte.

Vor einem Jahr begann ich, über kleine Messingplatten auf den Gehwegen zu „stolpern“. Die Beschäftigung mit Emilie Trautmanns Leben führte mir die vielfältigen Verbindungen, die wir Menschen untereinander haben, vor Augen. Auch ich bin Mutter, Hausfrau, Deutsche, habe mit dieser Biografie auch meine eigene Geschichte in einen horizontalen wie vertikalen Kontext, zumindest andeutungsweise, stellen können und bin dabei auf einen Roman von Patrick Modiano, Dora Bruder, gestoßen, der eindrücklich seelische Verbundenheit über die sichtbaren Grenzen hinaus skizziert.
So geriet mein Wunsch, Emilie Trautmanns Leben, und sei es nur skizzenhaft, der Erinnerung zu erhalten, zu einem emotionalen Unterfangen, an dessen Ende ich weniger weiß, weniger urteile, mehr frage.

Ich bin auch dankbar dafür, dass ich darauf aufmerksam wurde, welche Macht Sprache hat: Mit Euphemismen, Umdeutungen, Neuschöpfungen, Ironie oder Schweigen. Und wie wichtig es daher ist, hinter die Worte zu hören.

So gab es im Sprachjargon des III. Reiches „Auswanderung“ (Bezeichnung für Flucht), „Landesverrat“ (für Deportation) „Krematorien“ (Hochleistungsmenschenverbrennungsöfen, energiesparend), „Endlösung“, „Ungeziefer“, „Schutzhaft“ (Dachau) „Entartete Kunst“ (Expressionisten), „Arier“, um nur ein paar zu nennen. Begriffe, die im Dienst einer Tyrannei willkürliche Urteile bis hin zu Todesurteilen begründeten, Begriffe, die den teuflischen Charakter ihrer Inhalte verschleierten wie Nazi-Uniformen ihre Träger.

In der Sprache der Verfolgten finden sich vielfältige Zeugnisse, Würde zu wahren, Distanz aufzubauen, sich selbst treu zu bleiben.
Artur Trautmann, dessen Bericht ich auch als Würdigung des Sterbens seiner Frau interpretiere, stellt z.B. mit sprachlicher Ironie Distanz zu seinen Peinigern her:
„Nach der Sprechstunde kam der SS-Arzt zu einem im Baderaum eingesperrten Patienten, befahl, die Kleider auszuziehen, gab jedem eine Spritze ins Herz und nach drei Minuten war keiner mehr krank“ (Visite in Auschwitz)
„Am 15. Januar war es aus mit dem Sanatoriumsleben in Auschwitz!“ (Als die russische Armee vorrückte und das Lager geräumt wurde)

Den Jargon des III. Reiches persifliert er, indem er die „Rassenschande“ nicht auf seiner Seite sieht, den Begriff „Arier“ gebraucht er abgrenzend.

Dem Zwang zur Selbstdemütigung, mit dem die Zwangsarbeiter ihre Fron begleiten mussten:

„Die Juden ziehen dahin, die Juden ziehen daher,
sie ziehen übers rote Meer,
die Wellen schlagen zu
und die Welt hat Ruh!“
setzt er einen eigenen Vers am Ende seines Berichtes entgegen.

„alles war vorüber
alles war vorbei,
zuerst Adolf Hitler
und nach ihm seine Partei.“

Wenn in seinem Bericht jedoch die sachlich- ironische Form bricht, dann mag man kaum ermessen, welches Leid, welcher Zorn und letztlich welcher Triumph des Überlebenden sich dahinter verbirgt:

„Hitler hatte den Krieg gegen die kleinen Kinder, unschuldigen Frauen und wehrlosen, jüdischen Männer gewonnen. Das Judentum als solches aber, hatte er nicht besiegt. Noch wird der „Lecha dodi“ gesungen und noch werden die Juden in aller Welt über die von den deutschen Massenmördern vollbrachten Untaten sprechen und dies auch noch nach Tausenden von Jahren.“

Doch besonders eindrücklich blieben mir in Artur Trautmanns Bericht die Passagen, in denen eindeutig Sprache zur Beschreibung des Unsäglichen ver“sagte“.

Fast übermenschlich muten im Kontext der erlittenen Grausamkeiten sprachliche Zeugnisse an, die Hoffnung auf Leben herauf beschworen, wie die ganz im Sinn jüdischer Tradition gehaltene Predigt des Rabbiners Leo Ansbacher an Jom Kippur 1940, ein sprachlich-menschliches Kleinod, gewachsen im Schlamm von Gurs:

Neilah-Schlussgebet am Jom Kippur:
„Und kommt der Augenblick, da ein Kamerad sich vergisst - ein hartes Wort, eine Geste, die Dir wehe tut – dann mag das Gedenken, mag die Erinnerung an diese abendliche Stunde, da wir still zusammenstanden, eine große Gemeinde – da e i n Herzschlag ging durch uns alle – dann mag dieses Gedenken Einhalt tun dem Wort harter Erwiderung oder der Geste, die wieder verletzt. Auch er ein Mensch wie du - und wer weiß, ob nicht ein Übermaß des gleichen Leides, an dem auch du dein Teil trägst wie alle, es war, das ihn zur Verzweiflung trieb, in der er sich vergaß…

Neilah ist gekommen, die Stunde höherer Sehnsucht, stärkerer Erfüllung – die Stunde, da das Unausgesprochene Wort findet und Wort wird -
... Unsere Stunde – da wird die Geschichte der Menschen nicht mehr geschrieben und gelehrt nach dem Dschungelmaß des Erfolges, da wird nicht mehr achtlos zerstampft das Glück von Millionen und ihr Leben mit ihm– einmal, nach 1000 Wegen der Irre findet die Menschheit endlich den einen, rechten – ein Tag, so hat es das Prophetenwort verkündet, dass er nicht Tag allein sei oder Nacht – nicht der Vergangenheit nur ist er abschließend geweiht und nicht der morgendlichen Zukunft allein – vergangenes und zukünftiges schmelzen zusammen in seinem seligen Vollklang – an diesem Tage wird eine Stimme gehört auf Erden, ein Ton so eigen – alles übertönen seine seltsam- wehen Weisen – dann ist der Augenblick gekommen, da singt Israel sich endlich von der Seele, was es erlitten – einbrechen in diese wehe Melodie alle Schreie, die es nicht getan, nicht tun durfte, einschmelzen alle Seufzer, alles Stöhnen – dann gibt die jüdische Brust alles Weh, dass sie ihn sich begraben und erstickt, Tag um Tag, durch endlos lange Jahrhunderte.
Und dann – aus Millionen Seelen, aus Millionen Kehlen braust himmelwärts der Menschheits-Choral des Neilah: "öffne uns wieder – oh, öffne uns weit Edens himmlisch- irdische Pforten, dass wir den Weg hin durchschreiten, den Weg zum Glück!"

(Yasmin Rosengarten, August 2012)