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Gruppenaufnahme von der "Goldenen Hochzeit" von Julius und Emma Wacheinheimer im Lager Gurs. Lina Wachenheimer, untere Reihe, erste von rechts

Personendaten

Lina Wachenheimer

Nachname: Wachenheimer
geborene: Schwab
Vorname: Lina
Geburtsdatum: 6. Dezember 1860
Geburtsort: Fellheim/Bayern (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Eltern: Lippmann und Regina Schwab
Verwandtschaftsverhältnis: Witwe von Max Wachenheimer (27.9.1853-22.8.1889);

Ehefrau von Max W.;

Mutter von Hedwig (5.5.1883-?), Regina (10.6.1894-1942) und Manfred
Adresse: Lammstr. 3
Zirkel 23
ab 1890: Karl-Friedrich-Str. 4
bis 1940: Kaiserstr. 34a
Emigration:
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
Sterbedatum: 26. Oktober 1940
Sterbeort: Gurs (Frankreich)

Biographie

Max und Meta Strauß und ihre Familien

In Erinnerung an Max und Meta Strauß
Julius Wachenheimer
Max, Lina und Manfred Wachenheimer
Berta Rindsberg
und Regina Spanier

Im Jahre 1878 machten sich Moritz Wachenheimer und Daniel Cahnmann auf nach Karlsruhe. Moritz Wachenheimer, geboren als Moses Wachenheimer am 23. September 1853, der später seinen Namen in Moritz änderte, stammte aus Kippenheim, Daniel Cahnmann, als Mathania Kahnmann am 9. Januar 1848 , der später seinen Namen in Daniel Cahnmann änderte, aus Rheinbischofsheim. Beide wollten, unabhängig voneinander, vermutlich kannten sie sich auch gar nicht, in der aufstrebenden Landesmetropole Karlsruhe ihr Glück machen. Beide gründeten - jeder für sich - ein kleines Manufakturwarengeschäft, Moritz Wachenheimer am Zirkel 23, Daniel Cahnmann in der Kreuzstraße 3, also nur einige Minuten voneinander entfernt. Voller Tatendrang, zielstrebig und mit viel Fleiß und Findigkeit versuchten sie, sich eine solide Existenz zu schaffen, die auch eine Familie ernähren konnte.
1880 heiratete Moritz Wachenheimer Lina (Dorline) Schwab, geboren am 6. Dezember 1860 in Fellheim in Bayern. Aus der Ehe gingen die Kinder Hedwig (geboren 5. Mai 1883) und Manfred (4. Juli 1886) hervor, über die noch zu berichten sein wird.
Irgendwann werden Moritz Wachenheimer und Daniel Cahnmann zu dem Schluss gekommen sein, dass es für beide besser sein würde, sich zusammen zu schließen. Sie gründeten 1878 die gemeinsame Firma Cahnmann & Wachenheimer mit dem Geschäft in der Kreuzstraße 3.
Am 22. August 1889 verstarb Moritz Wachenheimer, erst 36-jährig. Die Witwe Lina Wachenheimer heiratete ein Jahr später, am 25. November 1890, in Karlsruhe den ebenfalls aus Kippenheim stammenden Cousin ihres verstorbenen Mannes, Max Wachenheimer, geboren am 21. April 1862, den seine Nichten und Neffen später Onkel „Mau“ nannten, der in die Fußstapfen seines Cousins schlüpfte. Er führte die Firma zusammen mit seinem Partner Cahnmann mehr als 35 Jahre erfolgreich weiter. Erst mit dem Tod von Daniel Cahnmann 1926 wurde die Firma liquidiert, Max Wachenheimer setzte sich zur Ruhe.
Max Wachenheimer wohnte mit seiner Frau bis 1940 in der Karl-Friedrich-Straße 4. Zu den Kindern aus der ersten Ehe von Lina Wachenheimer kam noch die Tochter Regina, geboren am 10. Juni 1894, über die ebenfalls noch zu berichten sein wird.
Kippenheim spielt für unseren Bericht eine wichtige Rolle, deshalb hier einige Angaben zu diesem Ort. Dieser, in der Nähe von Lahr gelegen, hatte z.Zt. der Geburt von Moritz und Max Wachenheimer ca. 1800 Einwohner und einen bedeutenden jüdischen Bevölkerungsanteil - nach Zahl und Wirtschaftskraft - von ca. 15 Prozent und war damit die drittgrößte jüdische Landgemeinde Badens und die größte des Landkreises Lahr. 1875 hatte Kippenheim sogar 323 jüdische Einwohner; noch im Jahr 1933 waren es 144, soviel wie 100 Jahre zuvor.

Im Jahre 1913, 35 Jahre nachdem es Moritz Wachenheimer nach Karlsruhe gezogen hatte, kam Julius Wachenheimer mit seiner Familie von Kippenheim nach Karlsruhe, um sich hier zur Ruhe zu setzen. Der Cousin Max hatte ihm viel davon berichtet, wie gut es sich in Karlsruhe leben ließ und welche Möglichkeiten die Großstadt für die Kinder bot. Und sicherlich war Julius Wachenheimer mit seiner Frau mehrfach nach Karlsruhe gereist, um sich vor Ort ein eigenes Bild zu machen.
Julius Wachenheimer hatte Emma Cahnmann, geboren am 4. Juni 1869 in Rheinbischofsheim, eine entfernte Verwandte von Daniel Cahnmann, am 9. Dezember 1890 in Kippenheim geheiratet. Das erste Kind, Manfred, starb schon drei Tage nach der Geburt 1896. Es folgten der Sohn Robert, geboren am 24. Februar 1900 und am 11. Oktober 1901 die Tochter Meta.
Julius Wachenheimer war 1913 erst 48 Jahre alt, aber ein gravierend sich verschlechterndes Augenleiden zwang ihn, sein gut gehendes Manufakturwarengeschäft in Kippenheim aufzugeben. Er verkaufte es günstig, auch sein Haus, und zog nach Karlsruhe. Hier nahm er in der damaligen Westendstraße 14 (heute Reinhold-Frank-Straße) sein erstes Domizil.
Robert, der bisher in Ettenheim das Gymnasium besucht hatte, setzte den Schulbesuch in Karlsruhe am Goethe-Realgymnasium fort, wo er am 31. Juli 1919 sein Abitur ablegte. Meta war ebenfalls auf dem Gymnasium in Ettenheim und besuchte nun in Karlsruhe - mutmaßlich das Lessing-Gymnasium.
Die Inflation in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg, insbesondere aber in den Jahren 1922/1923, führte dazu, dass das Vermögen von Julius Wachenheimer dahin schmolz und seine finanzielle Lebensplanung nicht annähernd mehr gesichert war. Vielleicht hatte er sein Geld auch falsch angelegt. Kurzum: das Geld wurde knapp, der Sohn Robert war noch in der Ausbildung (er studierte Medizin in Heidelberg) und die Tochter Meta war noch nicht ‚unter der Haube’. So entschloss er sich, obwohl fast blind, den Manufakturwarenhandel wieder zu beginnen, ganz von vorn, am neuen Standort, mit neuen Kunden. Es wird schwer für ihn gewesen sein.
Die Tochter Meta wird ihm mit der Erledigung der Büroarbeiten geholfen haben, mit Schriftverkehr und Buchhaltung (diese Kenntnisse hatte sie 1938 angegeben; man lernte diese Kenntnisse nicht ‚einfach so’ auf Vorrat, sondern nur, wenn sie benötigt wurden).
Im Jahre 1926 kam Max Strauß aus Michelstadt im Odenwald auf die Bildfläche in Karlsruhe.
Was hatte ihn nach Karlsruhe gebracht? Die Odenwälder Juden versuchten ihr berufliches Glück meist in Frankfurt oder anderen großen Städten der Region, wie z.B. sein Bruder Wilhelm. Irgendjemand wird hier die Rolle des „Schadchen“ (traditioneller jüdischer Heiratsvermittler) gespielt haben. Jedenfalls kam Max Strauß, der am 2. September 1896 als Marx Strauß in Michelstadt als ältester Sohn des Metzgers Moritz Strauß und seiner Frau Johanna, geborene Mayer geboren worden war (er änderte später seinen Vornamen in Max) 1926 nach Karlsruhe, um Meta Wachenheimer am 1. Juni 1926 in Karlsruhe zu heiraten.
Vor der Eheschließung wohnte er kurzzeitig in Untermiete bei der Lehrerin Wilhelmine Jenny in der Westendstraße (Reinhold-Frank-Straße) 53, nach der Hochzeit mit seiner Frau in der schwiegerelterlichen Wohnung in der Westendstraße 14, danach in der Putlitzstraße 7, bevor er wieder - inzwischen mit Familie - in die Wohnung der Schwiegereltern zurück kam.
Max Strauß war in Michelstadt aufgewachsen, zur Schule gegangen, hatte dort die mittlere Reife erworben und - mutmaßlich - hier auch seine kaufmännische Ausbildung im Textilhandel absolviert und sich so das Rüstzeug für seine spätere Tätigkeit in Karlsruhe erworben. Es gab zu jener Zeit eine Reihe erfolgreicher Textilhändler in Michelstadt. Vom 1. Oktober 1915 bis 4. Februar 1916 absolvierte er seine Militärausbildung und vom 1. Februar 1918 bis 27. November 1918 war er im Militäreinsatz. Was in der Zeit zwischen 1916 und 1918 war, konnte nicht aufgeklärt werden. Offenbar blieb er ohne Verwundung.
In Michelstadt lebten um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert gut 3000 Einwohner, davon knapp 200 Juden, die vollständig in das Leben der Gemeinde integriert waren.
Die Informationen über die Familie Strauß in Michelstadt sind äußerst spärlich. Gesichert ist, dass die Eltern drei Kinder hatten - außer Max noch eine ältere Tochter, Jenny, geboren 1894, und einen jüngeren Sohn Wilhelm (Willi), geboren 1902. Der Vater Moritz Strauß war gelernter Metzger, kam aus Trebur (nahe Darmstadt) nach Michelstadt und betrieb hier ein kleines, kümmerlich zu bezeichnendes Lebensmittelgeschäft in der Schulstraße 7, wie ein altes, undatiertes Foto mit ihm vor seinem Laden zeigt. Der Laden wird die Familie nur mühsam ernährt haben, Schmalhans wird Küchenmeister gewesen sein. Vielleicht hat er seinen Metzgerberuf auch noch nebenberuflich ausgeübt, wie es damals vielfach üblich war. Eines Tages verließ der Vater seine Familie, ohne Vorankündigung, ohne Gepäck, ‚einfach so’.
Niemand kann mehr sagen, wann das war. Es hieß, er sei nach Amerika gegangen. Aber gesichert ist das nicht. Vielleicht hatte die Mutter das nur für die Kinder ‚erfunden’. In der Familie war das ein, ‚Tabu-Thema’. Die Mutter saß allein mit ihren drei Kindern. Wie sie diese durchgebracht hat? Niemand weiß das mehr genau zu sagen. Nun, der Laden wurde an einen Hugo Katz, der aus Laubach nach Michelstadt kam, verpachtet, dieser mietete auch im gleichen, im Strauß’schen Eigentum befindlichen Hause eine Wohnung. Die Pacht-/Mieteinnahmen werden zumindest eine Grundlage für den Lebensunterhalt der Familie gewesen sein. Vielleicht hat aber auch die Familie des Mannes oder ihre eigene Familie Unterstützung geleistet. Jedenfalls wird Max Strauß keine einfach Kindheit und Jugend gehabt haben.
Mit der Heirat trat Max Strauß in die Firma seines Schwiegervaters ein. Die Enkeltochter Helen (Helga), Tochter des Sohnes Robert, sagte: „Julius Wachenheimer war der Kopf der Firma, Max Strauß waren die Augen“. Und offensichtlich war dieses ‚Duo’ erfolgreich, es ging aufwärts, für alle Beteiligten ein Glücksfall.
1929 ging Julius Wachenheimer, er war jetzt 64 Jahre, in den Ruhestand und überließ seinem Schwiegersohn Max Strauß die Firma, formell ab 11. Juni 1930 laut Handelsregistereintrag, die Firma hieß nunmehr Julius Wachenheimer, Inhaber Max Strauß.
1932 zog die ganze Familie - Wachenheimer und Strauß - in die Erbprinzenstraße 4, wo sie im Hause des Pianohändlers Schweisgut eine große 7-Zimmer-Wohnung gemietet hatten. Hier wurde auch das Manufakturwarengeschäft - weiter - betrieben.
Inzwischen waren Max und Meta Strauß zwei Töchter geboren: Margot am 8. April 1929 und Edith am 5. Januar 1932.

Auch Robert Wachenheimer, der Sohn von Julius und Emma Wachenheimer, der inzwischen seine medizinische Ausbildung in Heidelberg erfolgreich beendet hatte, am 12. Juni 1927 in Karlsruhe Rut Rindsberg aus Bruchsal heiratete, im gleichen Jahr seine eigene Praxis in der Ritterstraße 40 in Karlsruhe im Hause des Blechnermeisters Ludwig Körner eröffnete, hatte zwei Kinder: Horst, geboren am 25. Februar 1930 und Helga, geboren am 22. Januar 1932.
Der Zeitpunkt der Übernahme des schwiegerväterlichen Geschäftes 1930 fiel zwar in die äußerst schwierige wirtschaftliche Situation der Weltwirtschaftskrise, aber Max Strauß war hoffnungsvoll, dass er es schaffen würde. Dies dokumentierte sich auch in den neuen Geschäftsräumen. Die positive Stimmung bekam aber schon bald nach der ‚Machtübernahme’ Hitlers 1933 einen starken Dämpfer, als am 1. April 1933 die jüdischen Geschäfte reichsweit von der SA zerstört und z. T. geplündert, mindestens aber durch „SA-Wachen“ boykottiert wurden. Die Naziparole „Kauft nicht beim Juden“ leitete ein wirtschaftliches Siechtum ein, das auch am Geschäft von Max Strauß nicht vorüberging. Die Kunden blieben aus, nach und nach kam das Geschäft ganz zum Erliegen. Anfangs lebte die Familie noch von den Ersparnissen. 1938 schließlich musste eine 1928 auf 25 Jahre abgeschlossene Lebensversicherung zum Rückkaufswert zurück geholt werden, die Existenz der Familie war bedroht.
Die Kinder Margot und Edith waren eng befreundet mit Horst und Helga, sie spielten miteinander, ihre Wohnungen waren ja auch nahe beieinander.
Ostern 1935 kam Margot zur Schule, und zwar in die Gartenschule in der Gartenstraße, die einen guten Ruf genoss, Horst kam 1936 in die gleiche Schule. Die Möglichkeit, eine ‚normale“ Schule zu besuchen, war jedoch nur von kurzer Dauer. Ab September 1936 kamen Margot und Horst, ab 1938 auch Edith und Helga, wie alle jüdischen Schüler und Schülerinnen in Karlsruhe, in die Lidellschule in der Markgrafenstraße, wo für den Schulbetrieb für die jüdischen Kinder vier Schulräume von 13 vorhandenen zur Verfügung standen, zwei weitere Räume waren im Gemeindezentrum in der Herrenstraße 14. Dies ging bis zu den November-Pogromen 1938. „Da ein Unterricht an deutsche und jüdische Schüler im gleichen Gebäude nicht mehr in Betracht kommen kann“ - so ein Erlass des Reichsministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung vom Dezember 1938 - konnte der Unterricht in diesem Gebäude nicht mehr fortgesetzt werden. Die Jüdische Gemeinde richtete daraufhin im gemeindeeigenen Gebäude Kronenstraße 15 einen Notbetrieb für den Schulunterricht ein. Das war mit vielerlei Erschwernissen verbunden, so dass der Unterricht trotz bester Absichten und großer Anstrengungen der Verantwortlichen eher mühselig war. Und so schleppte sich dieser Behelf bis zum 22. Oktober 1940 hin, als die Massendeportationen der badischen Juden dem Schulbetrieb ein abruptes Ende setzte.
Die Tochter Margot berichtet - nach mehr als 60 Jahren aus ihrer Erinnerung - über ihr Elternhaus und ihre und ihrer Schwester Kindheit: „Der Vater sang im Synagogen-Chor. Er spielte gern Karten mit Freunden. Die Mutter spielte Klavier und las sehr viel. Die Eltern hatten viele Freunde, die oft auch zu Besuch kamen. Die Mutter war eine gute Hausfrau und Mutter, eine liebenswerte, allzeit freundliche Person, zu den Kindern mehr ein Kamerad, denn eine strenge Erzieherin. Der Vater war zwar strenger als die Mutter, aber immer freundlich, immer ein Lächeln im Gesicht. Sie und ihre Schwester hatten eine wundervolle Kindheit.“ Von den wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die die Eltern Ende der 30er Jahre hatten, bekamen die Kinder nichts mit, sie hätten es auch nicht verstanden.
Am 10. November 1938, dem Tag der Pogrome gegen die Juden in Deutschland, der so genannten „Reichskristallnacht“, wurde Dr. Robert Wachenheimer verhaftet und nach Dachau deportiert.
Er erhielt dort die Häftlingsnummer 20850. Die Verhaftung erfolgte in der Klinik des befreundeten Arztes Dr. Karl Mayer, Stephanienstraße 66, wo die Familie inzwischen lebte, nachdem sie freiwillig-unfreiwillig ihre bisherige Wohnung und Praxis, die ohnehin nicht mehr ausgeübt werden durfte, in der Ritterstraße 40 aufgeben mussten. Wie fast alle Dachau-Häftlinge erlebte er dort die endlose Kette von Demütigungen und auch Misshandlungen. Kurz vor Weihnachten 1938 konnte er zu seiner Familie zurückkehren, musste jedoch eine Verpflichtungserklärung unterschreiben, Deutschland innerhalb von vier Monaten zu verlassen.

Max Strauß wurde von irgendjemandem in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 über die kommenden Verhaftungen gewarnt. Es gelang ihm ‚irgendwie’ unterzutauchen, sich zu verstecken, bis der grausame Spuk vorbei war; jedenfalls blieb ihm Dachau glücklicherweise erspart.
1938 bekam die Wohnung Erbprinzenstraße 4 noch ein weiteres ‚Mitglied’: Berta Rindsberg, die Mutter von Rut und Schwiegermutter von Robert Wachenheimer. Sie war die Ehefrau von David Rindsberg, Inhaber der Firma Dreifus, Schmitt Nachf., Schneiderartikel en gros, in Bruchsal, wo die Familie seit Anfang des 20. Jahrhunderts gelebt hatte. David Rindsberg starb im Juli 1936, Berta Rindsberg zog noch im gleichen Jahr zu ihrer Tochter nach Karlsruhe. Als deren Familie ihre Wohnung aufgeben musste, zog sie zu den Wachenheimers.
Robert und Rut Wachenheimer hatten längst erkannt, dass sie und ihre Kinder nicht in Deutschland bleiben konnten, hier hatten sie keine Zukunft, und die Erlebnisse vom 10. November 1938 und die Haft in Dachau machten ihnen vollends klar, dass ihr Leben als Juden unmittelbar bedroht war. So hatten sie die Ausreise in die USA beim Konsulat in Stuttgart beantragt und dort sogar eine niedrige Quoten-Nummer (7081) erhalten und hofften so auf eine baldige Vorladung nach Stuttgart zur Beantragung des Visums. Aus irgendwelchen nicht bekannten Gründen kam es dazu jedoch nicht, sodass die Familie beschloss zu versuchen, nach England als ‚Warteland’ und dann von da aus so schnell wie möglich in die USA zu kommen. Am 20. April 1939 gelang es Robert Wachenheimer, bei ‚Nacht und Nebel’ über die Grenze nach Holland zu gelangen und von dort alsbald nach England. Dort fand er ein Interimsdomizil in London.
Glücklicherweise gab es seit Dezember 1938 die so genannten „Kindertransporte“, die vom „Refugee Childrens Movement“ (RCM) in England initiierte Rettungsaktion für 10.000 jüdische Kinder aus Deutschland und Österreich. Rut Wachenheimer gelang es, ihre Kinder in diesen Transport zu bringen. Ende Juli 1939 konnten die Kinder endlich die Reise antreten. Sie wurden von der Mutter zum Bahnhof in Karlsruhe gebracht und in den Zug gesetzt, Helga als jüngere - sie war zu dieser Zeit sieben Jahre alt - immer an der Hand ihres zwei Jahre älteren Bruders, dem eine Art ‚Beschützerrolle’ für seine kleinere Schwester zukam. Und natürlich gab es Tränen. Was wird wohl werden?
Die Zugfahrt ging zunächst nach Hoek van Holland. Hugo Stein, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Karlsruhe, war der Begleiter dieses Transportes für einen Teil der Strecke. Von Holland ging es mit dem Fährschiff nach Harwich im Südosten Englands. Die Kinder kamen - zusammen mit vielen anderen Kindern - zunächst in ein Waisenhaus in London, später nach Richmond bei London. Der Mutter gelang es, im August 1939, kurz vor Kriegsbeginn, ebenfalls nach England zu ihrem Mann zu kommen. Im Dezember 1939 konnte die Familie endlich in Southampton ein Militärtransportschiff besteigen, das sie nach New York brachte. Am 24. Dezember 1939 gingen sie dort an Land.
Im Spätjahr 1938 verloren die Familien Julius und Emma Wachenheimer und Max und Meta Strauß, auch Berta Rindsberg, ihre Wohnung in der Erbprinzenstraße 4, sie fanden Unterkunft in dem der Jüdischen Gemeinde gehörenden Haus Kaiserstraße 34a. Zahlreiche andere Juden aus Karlsruhe, die das gleiche Schicksal hatten, lebten dort mit ihnen unter dem gleichen Dach. Es muss eine fast qualvoll zu nennende Enge dort geherrscht haben.

Die Ereignisse vom 9./10. November 1938 und die Verhaftung des Schwagers/Bruders Robert löste auch bei Max und Meta Strauß die Entscheidung aus, das Land zu verlassen und in die USA auszureisen, so schnell wie möglich. Ihre Pässe wurden zu diesem Zweck mehrfach verlängert, zuletzt bis 1. April 1941. Die Quoten-Nummer beim US-Konsulat in Stuttgart ist zwar nicht bekannt, jedoch existiert ein Schreiben von Max Strauß an das Passamt vom 30. März 1940, aus dem hervorgeht, dass er für den 9. April 1940 zum Konsulat nach Stuttgart vorgeladen war. Das war ein gutes Zeichen für die Familie. Aber zu einer Realisierung der Ausreisebemühungen kam es nicht, obwohl das gesamte Einrichtungs-Hab-und-Gut aus der Wohnung - wie übrigens schon im Jahr zu vor bei der Familie Robert Wachenheimer - bereits vollständig in Transport-Containern, so genannten Lifts, verpackt und bei der Spedition Internationales Transportkontor gelagert wurde.

Die Ereignisse nahmen ihren bekannten Verlauf: am 22. Oktober 1940 wurden die badischen und saarpfälzischen Juden in einer ‚Blitzaktion’ nach Gurs in Südfrankreich deportiert, auch Max und Meta Strauß mit den Kindern Margot und Edith; Julius und Emma Wachenheimer; Max und Lina Wachenheimer mit Tochter Hedwig Engelmann; Berta Rindsberg.

Lina Wachenheimer, Max Wachenheimers Ehefrau, war das erste Gurs-Opfer, sie starb bereits auf dem Transport nach Gurs an Herzversagen. Ihr Todestag wurde auf den Tag nach der Ankunft, also auf den 26. Oktober 1940, festgestellt.
Julius und Emma Wachenheimer ‚begingen’ am 17. Dezember 1940 in Gurs ihre Goldene Hochzeit. Man kann sich kaum einen makabereren Ort als ein Konzentrationslager für ein solch einmaliges Ereignis im Leben eines Ehepaares vorstellen! Natürlich wurde nicht gefeiert, es gab nichts zum Feiern, es gab nur erbärmlichen Hunger, Kälte, Nässe und Schlamm.
Am 28. Februar 1941 kamen sie von Gurs in das „Alten-Lager“ nach Noé (bei Toulouse ).

Max und Meta Strauß kamen mit den Kindern am 10. März 1941 von Gurs nach Rivesaltes. Sie hofften, das Ärgste überstanden zu haben, der Winter in Gurs war schlimm.
Max Strauß kam am 18.6.1941 nach les Milles (bei Marseille ). Dieses Lager war die ‚Wartehalle’ für die so sehnlich erwartete Ausreise in die USA. Die Familie war wieder voller Hoffnung. Aber die Hoffnung wurde getrogen. War es der Pass? Das Visum? Das Affidavit? Irgendetwas hat gefehlt. Es kam zu keiner Ausreise. Der 18. Juni 1941 war der Tag, an dem die Kinder ihren Vater und die Frau ihren Mann das letzte Mal sahen.
Die Lebensverhältnisse in Rivesaltes waren weiterhin so schwierig, dass die Mutter beschloss, ihre Kinder in ein Kinderheim zu geben. Sie meldete deshalb die Kinder für eine Unterbringung in einem OSE-Heim (Oeuvre pour le Secours des Enfantes – eine jüdische Kinderhilfsorganisation) an. Im Dezember 1941 kamen die Kinder Margot und Edith in das Kinderheim Le Couret (bei Anbazac, nahe Limoges, Departement. Haute-Vienne ).
Am 16. Januar 1942 kam Meta Strauß zu ihren Eltern nach Noé. Am 29. Januar 1942 starb ihr Vater, Julius Wachenheimer, dort an Ruhr. Ob Meta Strauß danach wieder nach Rivesaltes zurückkam oder in Noé bis zu ihrer Deportation blieb, ist nicht bekannt.

Im August 1942 erhielten die Kinder Margot und Edith von der Heimleitung die Genehmigung für einen zweiwöchigen Urlaub bei der in Annecy (Departement Haute Savoie - nahe Genf) lebenden befreundeten Familie Moos. Die Mädchen wurden mit einem Schild um den Hals, auf dem stand: „nach Annecy“, in den Zug gesetzt und am Zielort von der Familie Moos in Empfang genommen. In Annecy ging das Gerücht um, alle Kinder aus dem Heim seien mit unbekanntem Ziel in den Osten deportiert worden. So beschloss die Familie Moos, die Kinder nicht zurück zu schicken, sondern sie gleich dazubehalten. Das rettete ihnen das Leben. Sie blieben bei Familie Moos, wurden dort auch zeitweilig versteckt, wenn Gefahr drohte.
Am 10. August 1942 schrieb Max Strauß seinen letzten, erhalten gebliebenen, Brief von Les Milles an Familie Moos. Aus diesem Brief geht hervor, dass er über seine unmittelbar bevorstehende Deportation informiert war. Tiefe Niedergeschlagenheit spricht aus dem Brief: „Alles ging so schnell und niemand kann helfen.“ Die Liebe zu seinen Kindern bringt er mehrfach zum Ausdruck. „Ob ich sie je wieder sehen werde?“, schreibt er in Verzweiflung. Von seiner Frau habe er keinerlei Nachricht, er hoffe sie ‚unterwegs’ zu treffen – ihm war also klar, dass auch sie deportiert werden würde. Und weiter mit verzweifeltem Selbstbehauptungswillen und Todesahnung zugleich: „Und bitte schreiben Sie meiner lieben Oma in Noé, dass ich alles tun werde, mich zu erhalten.“ Aber man werde sie alle umbringen. Und er schließt mit den Worten „leben Sie wohl und sind Sie alle unter vielen Tränen herzlich gegrüßt.“ Und in einem P.S.: „Grüßen Sie auch nochmals meine lb. Kinder. Ob sie wohl bei Ihnen sind?“
Am 19. August 1942 wurde Max Strauß mit Transport Nr. 21 von Drancy nach Auschwitz deportiert. Der Transport umfasste 1000 Personen; 817 davon wurden bei Ankunft sofort getötet. Neun Tage später, am 28. August 1942, wurde auch Meta Strauß von Drancy mit dem Transport Nr. 25 nach Auschwitz deportiert. Der Transport hatte 1000 Personen, darunter 288 Kinder; bei Ankunft wurden 929 sofort vergast.

Am 14. August 1942 wurde Berta Rindsberg, die auch im März 1941 von Gurs nach Rivesaltes kam, von Drancy nach Auschwitz mit dem Transport Nr. 19 deportiert. Der Transport umfasste 991 Personen, 875 wurden bei Ankunft sofort vergast, auch sämtliche Frauen.

Emma Wachenheimer übernahm nach dem Todes ihres Mannes die Rolle des Lagerältesten in Noé. Mit der Auflösung dieses Lagers wurde sie per Verfügung des Präfekten des Departements Haute Garonne am 2. August 1943 auf freien Fuß gesetzt („liberiert“). Sie ging sofort zur Familie Moos nach Annecy, bei der sie zusammen mit ihren Enkelkindern bis Dezember 1946 lebte. Dann kamen alle drei endlich mit dem Schiff über Marseille in die USA, Emma Wachenheimer zu ihrem Sohn und seiner Familie, Margot und Edith zur Familie ihres Onkels.
Margot und Edith Strauß blieben bei ihrem Onkel Robert Wachen (Name geändert von Wachenheimer auf Wachen) bis zu ihrer Verheiratung 1953 (Margot) bzw. 1956 (Edith).

Max Wachenheimer, inzwischen, wie wir wissen, Witwer, kam am 21. März 1941 zusammen mit seiner Stieftochter Hedwig von Gurs nach Recebedou. Er starb hier am 11. Februar 1942.

Der Sohn aus der ersten Ehe von Lina Wachenheimer, Manfred, Stiefsohn zu Max Wachenheimer, hatte sich 1934 nach Leipzig verheiratet und wurde im Mai 1942 in das Konzentrationslager Buchenwald verbracht und starb dort am 4. Juli 1942 an einer Gelbkreuzgiftgas-Spritze. Der Totenschein der KZ-Kommandantur sagte als Todesursache: „Zellgewebseiterung am rechten Oberarm“ - eine gefälschte Diagnose wie in tausenden anderer Fälle, wenn die Häftlinge totgeschlagen, erschossen oder bei medizinischen Experimenten getötet wurden.

Hedwig Wachenheimer, die Tochter von Lina Wachenheimer und Stieftochter von Max Wachenheimer, heiratete am 9. Mai 1905 in Karlsruhe den Ingenieur Rudolf Engelmann. Die Ehe blieb kinderlos, sie wurde 1920 geschieden. Sie pflegte ihre Mutter die letzten Jahre vor der Deportation und lebte auch in der elterlichen Wohnung. Sie wurde von Recebedou, wohin sie mit ihrem Stiefvater von Gurs kam, im August 1943 nach Noé verlegt und dort im Januar 1944 entlassen. Bis 1946 lebte sie in verschiedenen Heimen in Frankreich und kehrte dann nach Karlsruhe zurück. Hier starb sie am 21. März 1968.

Max Wachenheimer hatte mit seiner Frau Lina eine Tochter, Regina. Diese heiratete am 24. Dezember 1917 in Karlsruhe den Kieferchirurgen Dr. Fritz Spanier. Die Ehe blieb kinderlos, sie wurde 1937 geschieden. Aus nicht bekannten Gründen wurde sie im Oktober 1940, als nahezu alle Juden aus Baden und der Saarpfalz nach Gurs deportiert wurden, nicht mit deportiert. Am 29. September 1942 sollte sie nach Auschwitz deportiert werden. Es gelang ihr, sich 10 Tage zu verstecken, dann beging sie am 9. Oktober 1942 in Karlsruhe Selbstmord.

Nachzutragen sind die Schicksale der Strauß-Familienmitglieder, die nicht in Karlsruhe gelebt haben.

Der Bruder von Max Strauß, Wilhelm (Willi), geboren am 15. Mai 1902 in Michelstadt, wurde mit seiner Frau Amanda geboren Weil, geboren am 19. Dezember 1902 in Frankenthal/Pfalz, von Mannheim aus, wohin das Ehepaar 1937 von Frankenthal zuzog, um in der Anonymität der Großstadt vermeintlich besser leben zu können, am 22. Oktober 1940 mit seinem Schwiegervater Markus Weil, der bei ihm wohnte, nach Gurs deportiert. Wilhelm Strauß starb am 4. Oktober 1941 in Rivesaltes, Markus Weil am 30. Januar 1943 in Nexon. Amanda Strauß wurde mit Transport Nr. 63 am 17. Dezember 1943 nach Auschwitz deportiert und dort sofort nach Ankunft umgebracht.

Die Schwester von Max Strauß, Jenny, geboren 23. März 1894 in Trebur (nahe Darmstadt), die unverheiratet bei ihrer Mutter in Michelstadt lebte, zog im Juni 1938 zu ihrem Bruder nach Mannheim, wurde nicht nach Gurs deportiert, ging im Dezember 1940 wieder nach Michelstadt zurück und zog im April 1941 nach Mainz und lebte hier in einem so genannten „Judenhaus“. Am 20. März 1942 wurde sie nach Piaski bei Lublin in Polen in das dortige Ghetto deportiert. Dieses Ghetto war der ‚Umschlagplatz’ für den Weitertransport in eines der Vernichtungslager. Vermutlich wurde sie in Sobibor umgebracht. Sie gilt als verschollen.

Die Mutter von Max Strauß, Johanna Strauß geboren Mayer, verzog im März 1941 von Michelstadt nach Bad Nauheim und lebte dort im Israelitischen Frauen(Pflege)heim. Am 16. August 1942 wurde sie nach Theresienstadt deportiert. Dort starb sie am 28. Januar 1943.

(Wolfgang Strauß, März 2004)