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Pinkas Teicher, Porträt in Aufenthaltsausweis 1924

Personendaten

Pinkas Teicher

Nachname: Teicher
Vorname: Pinkas
Geburtsdatum: 3. Juli 1889
Geburtsort: Kolomea/Galizien (Österreich-Ungarn, heute Ukraine)
Familienstand: verheiratet
Verwandtschaftsverhältnis: Ehemann von Karoline Wilhelmine;

Vater von Mathilde, Regina, Leo, Adolf, Sonja (14.10.1926-19.6.1928) und Erich (9.7.1929-19.4.1937)
Adresse: 1920: Gottesauer Str. 20, 1910 von Darmstadt zugezogen
1932: Waldstr. 49
1933: Sophienstr. 87
1935: Gottesauer Str. 15
1937: Hirschstr. 45
1938: Markgrafenstr. 34
Beruf: Kaufmann (Gummiwaren)
Kaufmann, Textilwarenhändler (Wäsche- und Weißwaren, Erbprinzenstr. 22)
Emigration: August 1939 nach Frankreich
Deportation: 4.3.1943 von Drancy nach Auschwitz (Polen)
Sterbedatum: 7. Mai 1943
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Pinkas Teicher und seine Familie

Anhand von Jahrgangslisten ehemaliger Schülerinnen stellten wir fest, dass es an unserer katholischen Erzieherinnenfachschule Agneshaus auch zwei Schülerinnen „israelitischen Glaubens“ gab. Mathilde Teicher war eine von ihnen.
Uns interessierte brennend, wie sie damals dazu kam, „unsere“ Einrichtung zu besuchen, was sie erlebte und vor allem, was aus ihr geworden ist. Dazu recherchierten wir alles, was zu ihrer Familie festzustellen war.

Familie Teicher in Karlsruhe waren Pinkas und seine Frau Karoline und die Kinder Mathilde, Michael Leo, Regine, Eduard Adolf, Erich und Sonja.
Pinkas Teicher wurde am 3. Juli 1889 in Kolomea im südöstlichen Galizien geboren. Der Ort gehörte damals zu Österreich-Ungarn, heute zur Ukraine. Laut „Meyers Konversationslexikon von 1885-1892“ hatte die Stadt 23.109 Einwohner, darunter 12.773 Juden, also etwas mehr als die Hälfte der Einwohner waren Juden. Viele Juden im Osten Österreich-Ungarns hatten damals den Wunsch, durch Auswanderung in den Westen ihre Lage zu verbessern, so auch einige in Pinkas Familie. Über seine Eltern ist kaum etwas bekannt, nur, dass der Vater wohl früh gestorben ist und Pinkas Mutter mit seiner fünf Jahre jüngeren Schwester Jeanette nach Leipzig ging, als die Schwester noch klein war. Später wird eine Einbürgerung eines Bruders Joachim in Bonn, ca.1920, erwähnt; Pinkas selbst kommt 1904 als Fünfzehnjähriger nach Kassel. 1910 geht er nach Darmstadt, und arbeitet dort einige Monate im Geschäft eines Verwandten. Seit dem 15. Oktober 1910 ist er in Karlsruhe, betreibt ein Textilgeschäft, ab 1914, heißt es, leitete er einen „größeren Betrieb“.

Es könnte sein, dass Pinkas seiner Schwester Jeanette in Leipzig mitteilte, dass er in Karlsruhe Fuß gefasst habe, sie kam 1914 nach Karlsruhe und heiratete Abraham Silberberg, geboren 1889, sie betreiben in der Herrenstraße 22 das Geschäft „Badischer Gummivertrieb“. Sohn Wilhelm wurde 1917 geboren. Als Jeanettes Ehemann 1921 an einer Hirnhautentzündung starb, führte sie den Betrieb zunächst alleine weiter, heiratete 1923 den Handlungsreisenden Edmund Ziegler (siehe die Biographie im Gedenkbuch zu Edmund und Jeanette Ziegler). 1924 wurde Sohn Paul Alexander geboren.

Vom Februar 1924 bis September 1924 war Pinkas Teicher als Reisender in der Firma seiner Schwester angestellt. Ab September 1924 betreibt er in der Erbprinzenstraße 22 ein eigenes „Wäsche- und Weißwarengeschäft“.

In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg muss Pinkas seine spätere Frau kennen gelernt haben, Karoline Wilhelmine Clorer. Sie war am 20. Juni 1890 in Mannheim geboren. Die Familie Clorer war katholisch, ging dann von Mannheim nach Karlsruhe, der Bruder betrieb eine Lampenschirm- und Posamentierfabrikation in der Kaiserstraße 136.
Karoline hat als Verkäuferin wie als Näherin gearbeitet.

Am 20. Dezember 1914 bringt Karoline ihre erste Tochter Mathilde zur Welt. Wie stark Karoline und Pinkas wegen der Geburt einer „unehelichen“ Tochter unter Druck standen, bleibt offen. Vermutlich lebte Karoline bei ihren Eltern. Damals hatte der Erste Weltkrieg gerade begonnen. Jedenfalls erkannte Pinkas am 11. März 1915 die Vaterschaft vor dem Standesamt an.

Als österreichischer Staatsbürger wird Pinkas 1916 bis 1918 zum österreichischen Heer eingezogen, nimmt am Weltkrieg teil, ist vom März 1917 bis 8. November 1918 an der russischen Front und wird mit dem Dienstgrad eines „Sergeant“ / Zugführer entlassen.
Wohl während eines Fronturlaubs heiraten Karoline und Pinkas am 23. November 1917 in Emmendingen.
In diesem Zusammenhang tritt Karoline mit Tochter Mathilde zum jüdischen Glauben über.

Vom November 1918, also nach dem Kriegseinsatz von Pinkas, bis Dezember 1920 lebt die Familie in Stuttgart (Gutenbergstraße 94). In einem Anwaltsschreiben wird der Umzug damit begründet, dass durch den Krieg das Geschäft in Karlsruhe, in dem er Geschäftsführer war, aufgehört habe zu bestehen. In Stuttgart stellt er einen Antrag auf Erlangung der deutschen Staatsbürgerschaft. Dieser wird am 20.10.1920 abgelehnt.
Am 21. April 1919 wird in Stuttgart Tochter Regina geboren, kurz vor der Rückkehr nach Karlsruhe, Sohn Michael Leo am 19. September 1920.
Im Dezember 1920 zieht die Familie nach Karlsruhe zurück, Pinkas betreibt einen Gummiabsatzversand.

Vertreten durch die jüdischen Karlsruher Anwälte Dr. Richard Haas und Dr. Julius Gutmann, wird am 16. November 1921 beim Polizeipräsidium des Bezirksamts Karlsruhe ein „Gesuch des Kaufmanns Pinkas Teicher in Karlsruhe, Gottesauerstr. 20 für sich und seine Familie um Aufnahme in den Badischen Staatsverband“ (Einbürgerung) gestellt. Die Anwälte zielen darauf ab, dass der Antragsteller einen untadeligen Lebenslauf führe und sich und seine Familie gut ernähren könne.
Laut handschriftlicher „Meldung“ eines Oberkommissar Müller eine Woche später, werden diese Angaben als gegeben bestätigt und zwei von Pinkas benannte Bürger aufgeführt, die aussagen, „dass er ein tüchtiger Geschäftsmann ist. Ferner müssen wir bestätigen, dass er für Deutschland sehr eingenommen ist und sich unserer Sitte voll und ganz angeschlossen hat.“ Dem Kommissar Müller teilt Pinkas auch mit, sein Bruder Joachim sei „Ende letzten Jahres oder Anfang dieses Jahres in Bonn eingebürgert“ worden.
Am 16. Februar 1922 wird dem Bezirksamt mitgeteilt, dass der Stadtrat gegen das Einbürgerungsgesuch keine Einwände habe. Dennoch wird das Gesuch abgelehnt, am 15. April 1922 erheben die Anwälte Beschwerde, am 6. Mai 1922 begründet das Bezirksamt-Polizei-Direktion ausführlich, der Antragsteller habe sich in den 16 Jahren in Deutschland häufig an verschiedenen Orten aufgehalten, es sei nicht der sichere Beweis erbracht worden, dass er „sich in jeder Beziehung mit deutschem Wesen und deutscher Sitte vertraut gemacht hat.“ Und da er sich erst 1½ Jahre wieder in Karlsruhe aufhält, sei ein sicheres Urteil nicht möglich, „dass seine Einbürgerung in staatsbürgerlicher, kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht wertvollen Bevölkerungszuwachs darstellt...Es bedarf wohl keinen besonderen Ausführungen darüber, dass jede weitere Zuwanderung ostjüdischer Elemente in völkischer und politischer Hinsicht höchst unerwünscht ist.“
Nach etlichen wiederholten Anträgen, zuletzt eine handschriftliche Bitte von Teicher selbst an den Oberbürgermeister im Oktober 1931, zieht er sein Gesuch am 11. November 1931 endgültig zurück. Waren früher die sicheren wirtschaftlichen Verhältnisse zu belegen, so wurde später als Ablehnungsgrund der fehlende österreichische Pass hervorgehoben. Da half auch die Bestätigung des Standesamtes Emmendingen nichts, dass er bei der Heirat österreichischer Staatsangehöriger war.

Am 5. Juni 1923 wird Sohn Adolf Eduard, am 14. Oktober 1926 Tochter Sonja geboren. Sie stirbt am 19.6.1928.
Als letztes Kind wird am 9. Juli 1929 Sohn Erich geboren, er wird knapp acht Jahre alt, und stirbt am 19. April 1937 in Karlsruhe in der evangelischen Diakonissenanstalt. Die Familie wohnt zu diesem Zeitpunkt in der Hirschstr. 45, geradezu in unmittelbarer Nachbarschaft zum Agneshaus - natürlich ein Zufall.

Vom 11. April bis 12. November 1932 besucht Leo Teicher die 6. Klasse des Humboldt-Realgymnasiums. Verlässt er die Schule, weil die Noten in Französisch und Mathematik schlecht waren? Die Probezeit hatte er bestanden. Zu dieser Zeit wohnte die Familie in der Waldstraße 49. Im September 1933 feiert er seine Barmizwah. Festgestellt werden kann noch, dass er vom 25. Februar 1938 bis 8. Juni 1939 amtlich in München gemeldet war. Er wohnte im dortigen Lehrlingsheim der Jüdischen Gemeinde in der Hohenzollernstraße 4. Er galt als „Umschichter“, das heißt, er absolvierte ein Praktikum, um sich auf eine Auswanderung nach Palästina vorzubereiten. Dazu kam es aber nicht mehr. Nach der Reichspogromnacht wird am 10. November 1938 der inzwischen 18-jährige Leo in München verhaftet und mit hunderten anderen jüdischen Männern aus Karlsruhe für 9 Wochen ins KZ Dachau gebracht.

Zwei Monate später, kurz vor der NS-Machtübernahme, am 8. Januar 1933, wird Mathilde Teicher, damals 18 Jahre alt, im „Agneshaus“, dem damaligen „Kindergärtnerinnenseminar“ angemeldet. Ein Jahr später, am 31. Januar 1934 scheidet sie wieder aus. Es liegen keine Noten vor, aus denen man auf das Verlassen schließen könnte; lag es an der sich ändernden politischen Situation? Zur Zeit ihres Schulbesuchs wohnt die Familie in der Sophienstraße 87.
Die sich stetig verschlechternde Situation für die Juden führte dazu, dass die beiden Töchter Mathilde (22 Jahre) und Regine (17 Jahre) 1936 nach Palästina auswanderten. Ob die Schwestern gemeinsam reisten ist nicht sicher, für Regine gilt der 27. Juli 1936 als Tag der Ausreise.
Männliche Juden über 16 Jahre mit polnischer Staatsangehörigkeit, bzw. solche, die von den Nationalsozialisten staatenlos gemacht wurden, waren bereits am 28. Oktober 1938 in einer großen Aktion nach Polen abgeschoben worden. Eigentlich hätten auch Pinkas und Leo Teicher dabei sein müssen. Vermutlich wurde Pinkas aber an jenem Tag nicht angetroffen und Leo entging durch seinen Aufenthalt in München zu diesem Zeitpunkt. In der Folgezeit standen aber alle Ehepartner und Kinder der am 28. Oktober Abgeschobenen sowie diejenigen, denen man nicht „habhaft“ geworden war, unter besonderer Überwachung und dem fortwährenden Druck, Deutschland zu verlassen. Leo wendet sich nach Frankreich. Er findet eine Möglichkeit, als Gärtner in einem Kloster in Frankreich zu leben.
In Karlsruhe sind jetzt nur noch die Eltern mit Sohn Adolf, zwischenzeitlich Gottesauerstraße 15. Hier müssen sie aber ausziehen, weil sie Juden sind und sie kommen in die Markgrafenstraße 34. Dieses Haus ist ein so genanntes Judenhaus. In diesem Haus wohnte damals auch Pinkas Schwester Jeanette Ziegler mit ihrer Familie.
Zwei Wochen vor Ausbruch des Krieges, am 15. August 1939, verlassen auch Pinkas und Karoline mit dem 16-jährigen Adolf Deutschland nach Frankreich.

Die Schwester von Pinkas Teicher, Jeanette Ziegler, bleibt mit Ehemann. Ihren zwei Söhnen gelingt noch im August die Flucht nach England. Jeanette und ihr Mann Edmund Ziegler werden im Oktober 1942 nach Gurs deportiert, Jeanette von dort ins Lager Récébédou, wo sie am 8. April 1941 47-jährig stirbt. Ihr Mann kam von Gurs aus am 2. März 1943 zum Sammellager Drancy, von wo am 6. März 1943 der Deportationszug zum KZ Lublin-Majdanek fuhr.

Aus Unterlagen der Geheimen Staatspolizei geht hervor, dass im September 1939 bei einer Überprüfung zwar Pinkas Schwager Edmund Ziegler, aber nicht Pinkas selbst angetroffen wurde. Es wird vermerkt, er wie auch andere seien nach Frankfurt abgereist. Zu dieser Zeit hält sich Pinkas mit Frau und Sohn Adolf schon in Frankreich auf. Kurz nach Beginn des Krieges im September 1939 wird Karoline, weil sie Deutsche ist, als „feindliche Ausländerin“ verhaftet und im Lager Gurs interniert (15. Mai 1940 bis 23. Juli 1940). D.h. sie ist eine der ersten badischen Juden dort inmitten einer großen Zahl Bürgerkriegsflüchtlinge aus Spanien, denn planmäßig werden die badischen und saar-pfälzischen Juden insgesamt erst am 22. Oktober 1940 dorthin verbracht. Nach ihrer Entlassung lebt die Familie in Aubin und Juracon, beide im Département Pyrénées-Atlantiques, im nicht von den Deutschen besetzten Teil Frankreichs, Karoline verdient mit Schneiderarbeit den Unterhalt der Familie. Die Lebensumstände sind sehr karg.
Unterlagen des späteren Wiedergutmachungsverfahrens lassen für die weitere Entwicklung verschiedene Sichtweisen zu. Es könnte sein, dass die schweren Lebensverhältnisse zur Zerrüttung der Ehe führten. Karoline sagt nach dem Krieg aus, dass die Gestapo, die auch im unbesetzten Teil Frankreichs agierte, sie mehrmals gedrängt habe, sich von ihrem jüdischen Mann scheiden zu lassen. Sie habe das zunächst zurück gewiesen, aber Pinkas habe ihr dazu im Interesse der Kinder geraten, es sei ja nur Formsache, und so habe sie eingewilligt.
Fünf Wochen vor ihrer Rückreise nach Deutschland wird Pinkas 1942 von den Franzosen nach Morlaàs gebracht.
Karoline kehrt mit Sohn Adolf am 28. Juli 1942 nach Karlsruhe zurück. Meldet sich am 18. August 1942 in Ettlingen, Buhlstraße 3 an, am 28. August 1942 tritt sie wieder in die katholische Kirche ein und reicht am 3. September 1942 die Scheidung ein. Das Scheidungsurteil ergeht mehr als ein Jahr später, am 14. Dezember 1943. Zu dieser Zeit ist Karoline in Karlsruhe, Hirschstraße 45 gemeldet.

Es ist anzunehmen, dass Pinkas, nachdem er nach Morlaàs (ebenfalls heutiges Département Pyrénées-Atlantiques) verbracht worden war, nicht mehr frei kam. Am 4. März 1943 wird er über das Durchgangslager Drancy in der Nähe von Paris nach Auschwitz deportiert. Offenbar wurde er bei der Selektion nicht sofort in die Gaskammer geschickt, sondern zur KZ-Zwangsarbeit selektiert. Und vermutlich muss es eine der berüchtigt harten Arbeiten gewesen sein, denn unter den herrschenden Bedingungen überlebte er gerade zwei Monate. Dies wurde später als eine „durchschnittliche Überlebenszeit“ für die Arbeitskommandos in Auschwitz-Birkenau und –Monowitz festgestellt. Sein Todestag wurde sogar festgehalten: der 7. Mai 1943.
Perfiderweise wurde also über ein halbes Jahr nach seinem Tod die Scheidung ausgesprochen.

Was geschah mit den Kindern?
Nach einer nicht mehr bestimmbaren Zeit in Palästina, wanderte Mathilde nach Australien aus und heiratete dort einen ebenfalls aus Karlsruhe stammenden Mann. Verbindungen nach Deutschland und Karlsruhe suchte sie nicht mehr. Mehr noch, auch ihre Verbindung zur eigenen Familie scheint sie gelöst zu haben. Mehrmalige Versuche, sie von Amts wegen in den 1950er und 1960er Jahren zur Kontaktaufnahme mit dem Landesamt für Wiedergutmachung in Karlsruhe zu bewegen, blieben erfolglos. Ihr weiterer Lebensweg liegt im Verborgenen.

Regine arbeitete in Israel in einem Kibbuz und auch als Haushaltsgehilfin. 1940 gebar sie eine Tochter, 1945 heiratete sie einen britischen Soldaten und bald nachdem die Kriegshandlungen zwischen den in Palästina lebenden Juden und der britischen Mandatsmacht zunahmen, emigrierte sie am 30. Oktober 1945 in die Heimat ihres Mannes nahe Manchester, England. Dort brachte sie noch ein weiteres Kind zur Welt. Die wirtschaftliche Situation der jungen Familie war sehr schlecht, und sie stellte als Erste der Familie Teicher einen Antrag auf Wiedergutmachung an die Bundesrepublik Deutschland. Später schlossen sich Mathilde, Leo, Adolf und die Mutter dem Antrag an.

Leo, der ja nach KZ Dachau und Ausweisung für eine gewisse Zeit als Gärtner in einem französischen Kloster untergekommen war, meldete sich nach Kriegsausbruch als Freiwilliger bei der französischen Armee. Die „Stationen“ seines Schicksalsweges sind lückenlos dokumentiert, sogar in Auschwitz sind Unterlagen zu ihm erhalten geblieben. Die nüchterne Aufzählung lässt sicherlich nur ansatzweise erahnen, was er, gewiss mehrmals dem Tode nahe, erlitten und durchgemacht haben muss: Nach der Niederlage werden die französischen Einheiten demobilisiert, er ging nach Marseille, wo er 1942 verhaftet und im Lager Gurs interniert wurde. Aus dem Lager Gurs wird er am 2. März 1943 zum Sammellager Drancy, und von dort am 6. März ins KZ Lublin-Majdanek (März bis Juli 1943) gebracht (- es dürfte der gleiche Transport gewesen sein, in dem auch sein Onkel Edmund Ziegler war -), vom Juli 1943 bis Dezember 1944 ist er im KZ Auschwitz, wo sein Vater zwei Monate vorher umgebracht worden war. Leo wird dort am 14. November 1944 in der Krankenbaracke Körperschwäche attestiert. Bei der Räumung des KZ Auschwitz vor der nahenden Roten Armee wird er weggebracht. Musste er einen der berüchtigten Todesmärsche miterleben? Er kommt in das KZ Mauthausen in Oberösterreich, vom 25.1.1945 bis Februar 1945, wie dort in der Lagerkartei festgehalten ist. Vom Februar bis Mai 1945 wird er dem Außenlager KZ Ebensee zugestellt. Weil andere Produktionsstätten bombardiert waren, sollte dort noch 1945 mit der Produktion von Flugzeugmotoren in unterirdischen Stollen begonnen werden. „Einen Tag vor der Befreiung des Lagers, am 5. Mai 1945, versuchte der Lagerkommandant noch, die Häftlinge in die Stollen zu treiben. Sie leisteten allerdings so stark Widerstand, dass der Lagerkommandant das Vorhaben fallen ließ.“ (aus wikipedia: KZ Ebensee)
Nach der Befreiung durch US-amerikanische Soldaten am 6.Mai 1945 blieb Leo als so genannter „DP“ (Displaced Person, amtliche Bezeichnung der Alliierten für alle Personen, die aufgrund des Krieges nicht in ihrer Heimat lebten und umfasste neben ehemaligen Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen auch überlebende deportierte Juden und andere mehr) in Lagern, die von den Amerikanern eingerichtet wurden, so ist er am 1. Januar 1947 im „Camp Schweinfurt“. Erst am 22. März 1950 emigriert er vom „Camp Stuttgart“ nach Israel.
In Israel lebt er in einem Kibbuz; er kommt nur schwer zurecht, möchte nach Deutschland zurück. Am 13. Oktober 1954 erklärt er eidesstattlich, dass er mittellos aus Israel gekommen, nach einer Kopfoperation in Israel nicht mehr arbeitsfähig sei, und bei der Mutter im Schwarzwald wohne.

Leos Mutter Karoline heiratet 1949 ein zweites Mal. Ihr Wiedergutmachungsantrag wird trotz Einspruch abgelehnt. Sie habe durch ihre Aussagen zur Scheidung das „Schicksal ihres Mannes mitverschuldet“ und dem NS-System „leichtfertig Vorschub geleistet.“

Aus dem Dargestellten ist ersichtlich, dass es nach dem Kriege einen Bezug der beiden Brüder und ihrer Mutter Karoline gegeben hat. Zumindest gab es im Zusammenhang des Wiedergutmachungsantrages auch ein Treffen mit Regine. Ob aber die ehemalige Schülerin des Agneshauses, Mathilde, Karlsruhe oder ihre Familie jemals wieder gesehen hat, bleibt offen.

Während der intensiven Suche, haben wir Einiges über Familie Teicher zutage fördern können. Am wenigsten aber eigentlich zu Mathilde Teicher. Viele unserer brennenden Fragen zu ihr bleiben unbeantwortet.
Wenn uns die Dokumente in Stadtarchiv und Generallandesarchiv Karlsruhe eher nur dürftige äußere Fakten liefern, - es fehlt uns an Aussagen darüber, was die Menschen dachten, empfanden, was sie bewegte -, so haben uns die äußeren Fakten dennoch geholfen, Bilder über das Leben einer Karlsruher jüdischen Familie in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts entstehen zu lassen.

(Nina Bogesch, Andrea Golabek, Carolin Mees, Elisa Petrovic und Saskia Stösser mit ihren Lehrern Burkhard Gauly und Robert Mindermann, Katholische Fachschule für Sozialpädagogik Agneshaus, November 2009)