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Albert Teutsch, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Albert Teutsch

Nachname: Teutsch
Vorname: Albert
Geburtsdatum: 12. Oktober 1883
Geburtsort: Venningen/Pfalz (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Eltern: Jakob (4.8.1847-4.7.1933) und Johanna (18.12.1851-7.2.1930) T.
Verwandtschaftsverhältnis: Ehemann von Jenny T.;

Vater von Hans Emanuel und Walter
Adresse: Körnerstr. 46
Schule/Ausbildung: Realschule in Landau 1894-1900
Evening High School For Men in New York, 1907-1910
Beruf: Prokurist (bei der Malzfabrik Wimpfheimer, 1922-1938)
Sekretär (Finanzsekretär der Israelitischen Religionsgemeinschaft)
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
16.9.1942 von Drancy nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Albert und Jenny Teutsch

Zum Andenken an meine lieben Eltern

Jenny Teutsch, geb. Arfeld
geboren 1895 in Bad Kreuznach
ermordet 1942 in Auschwitz

Albert Teutsch
geboren 1883 in Venningen
ermordet 1942 in Auschwitz

Meine Mutter Jenny, geborene Arfeld, wuchs in einer deutschen jüdisch-religiösen Familie auf. Ihre zwei Brüder dienten als Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg. Mein Onkel Dr. Georg Arfeld war Träger des Eisernen-Kreuzes 1. Klasse. Ein Bruder meiner Großmutter – sie starb 1933 - Lutz Reiling aus Mainz war der Vater von Netty Reiling, besser bekannt unter ihrem Schriftstellernamen Anna Seghers. Mutti war ausgebildete „Fröbelsche“ Kindergärtnerin, aber, soweit mir bekannt, war sie nie als Kindergärtnerin tätig. Mein Vater wuchs ebenfalls in einer deutschen jüdisch-religiösen Familie auf. Seine Vorfahren waren Landwirte und Viehhändler in der Pfalz, wo sie seit Jahrhunderten ansässig waren.
Vater trat in diese Fußstapfen, legte aber in der industriell-technischen Aufbruchstimung der Zeit Wert auf die Erlangung einer höheren Qualifikation. Nach dem Realschulbesuch in Landau begann er im Januar 1900 eine zweijährige gründliche Ausbildung bei der Getreideagentur Michael Borger in Mannheim, bei der er bis 1915 mit Unterbrechung eines dreieinhalbjährigen USA-Aufenthaltes blieb. In New York und Chicago verschaffte er sich Einblicke in die Bedingungen einer modernen Agrarindustrie, die ihm in Deutschland von Nutzen gewesen sein dürften. Seine militärische Laufbahn war von kurzer Dauer. Eingezogen 1915, wurde er 1916 krankheitsbedingt bereits wieder entlassen. In dieser Zeit war er in Serbien unmittelbar im Fronteinsatz gewesen. Da er in Begriffen wie Vaterland dachte, gehörte er nach dem Ersten Weltkrieg dem RJF - Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten - an, ich glaube er war auch einmal Präsident oder Vorstand der Karlsruher Ortsgruppe. Die Abkürzung RJF wurde nach 1933 schnell verboten, denn sie bedeutete bei den Nazis Reichsjugendführung, später wurde die Vereinigung aufgelöst. Deutsche jüdische Soldaten passten nicht zum nationalsozialistischen Weltbild.
Nach der Entlassung aus dem Heeresdienst war Vater berufsmäßig einige Jahre in Berlin tätig. Als er 1922 als Prokurist bei der Malzfabrik K.H. Wimpfheimer in Karlsruhe begann, war vielleicht auch die unmittelbare Nähe zu seiner Pfälzer Heimat ausschlaggebend.
Meine Eltern heirateten 1925. Ein Jahr später, am 2. Dezember 1926 kam ich als ältester Sohn auf die Welt. Mein Bruder Walter wurde am 23. September 1929 geboren.
Wir wohnten kurze Zeit in der Grenzstraße (Moningerstraße), bis wir eine Wohnung in der Körnerstasse 46 (das Haus steht noch heute) bezogen. Bis zu seiner Zwangsentlassung im November 1938 war Vater verantwortlich für die kaufmännische Leitung der Firma Wimpfheimer.
Nach der „Reichskristallnacht“ war mein Vater Finanzsekretär der Israelitischen Religionsgemeinschaft (das ist die liberale jüdische Gemeinde gewesen). Ich erinnere mich daran, dass mein Vater Mitglied der Carl-Friedrich-Loge gewesen ist, der Ableger der B’nai B’Brith Loge in Karlsruhe, in der die gebildeten und bürgerlichen Juden verkehrten. Meine Mutter war „nur „ Hausfrau, die liebend für unsere Familie sorgte. Ungefähr einmal monatlich fuhren
wir mit der Bahn nach Venningen, wo Geschwister meines Vaters und andere Verwandte lebten. Vater war Mitglied im „Pfälzerwaldverein“, mit dem wir oft Ausflüge in der Umgebung von Karlsruhe machten - bis Juden in ihm nicht mehr „erwünscht „ waren. Daraufhin unternahmen wir allein Ausflüge, zu Fuß natürlich, im Nordschwarzwald, auch noch nach Kriegsbeginn.
Die Eltern hatten sowohl jüdische als auch nichtjüdische Freunde, die auch uns Kindern bekannt waren. Mit einer rühmlichen Ausnahme nahmen die Kontakte mit den Nichtjuden allmählich ab.
Am Morgen nach der „Reichskristallnacht“ kam mein Vater, nichtsahnend, in sein Büro wo er von den nichtjüdischen Kollegen erfuhr, was in der Nacht geschehen war. Er befolgte ihren Rat, weder im Büro zu bleiben noch nach Hause zu fahren, sondern sich in der Stadt oder deren Umgebung „herumzutreiben“, um einer Verhaftung durch die Gestapo zu entgehen. Spät abends kam er wieder nachhause. Erstaunlicherweise wurde er von der Gestapo nicht gesucht.
Die oben erwähnte „rühmliche Ausnahme“ war Hermann Lautenbacher, technischer Leiter (er war gelernter Braumeister) der Malzfabrik Wimpfheimer, in der mein Vater als Prokurist kaufmännischer Leiter war. Trotz Altersunterschied waren er und seine Gattin gute Freunde meiner Eltern; für uns Kinder waren sie Onkel Hermann und Tante Hermine. Der Schwiegersohn war höherer Führer im Reichsarbeitsdienst, der Sohn war Mitglied der SS. Meine Eltern waren für ihn trotzdem Tante Jenny und Onkel Albert. Erst später, bereits in Gurs, berichtete mir meine Mutter, dass am Morgen nach der Kristallnacht Hermann Lautenbacher jr. in voller schwarzer Uniform in unsere Wohnung gekommen war und gesagt habe: „wenn se komme de Onkel Albert hole, schmeiß ich se de Trepp’ runder“. Es kostete meine Mutter viele Worte, ihn von seinem gut gemeinten aber für alle Beteiligten gefährlichen Vorhaben abzubringen.
Tags darauf waren Juden in Venningen und der gesamten Rheinpfalz ausgewiesen worden. Unsere Verwandten wurden in Maxau „abgesetzt“, von wo sie uns anriefen. Die engsten Verwandten blieben bei uns, für Andere fanden meine Eltern Unterkunft bei bekannten Familien oder halfen ihnen mit Geld zur Weiterfahrt zu Verwandten.
Im Sommer 1939 entschlossen sich meine Eltern, meinen drei Jahre jüngeren Bruder mit einem so genannten Kindertransport nach England auswandern zu lassen. Jetzt, im Alter von 75 Jahren, Vater dreier verheirateter Kinder, Großvater von sechs (bald sieben) Enkelkindern kann ich nachfühlen, was meine Eltern damals gefühlt haben mussten.
Bei Kriegsbeginn wurden Mütter mit Kindern evakuiert. Juden natürlich nicht, und wir hofften bald von den Franzosen „besetzt“ zu werden. Nach einigen Wochen erneuerte die jüdische Schule ihre Tätigkeit, mein Vater arbeitete weiterhin als Finanzsekretär der Gemeinde. Das Leben ging - wenigstens für mich - „normal“ weiter. Meine Eltern, und damit sogar ich -, waren damals sehr befreundet mit Jenny und Josef Hausmann [vergleiche ihre vorliegenden Biographien], Hugo Stein und Gattin, und Else Kotkowski.
Am 22. Oktober 1940 wurden wir nach Gurs deportiert, im März 1941 nach Rivesaltes, das von den Franzosen als „kinderfreundlich“ gepriesen wurde. Mein Kommentar: „Quatsch mit Soße“.
Im Sommer 1942 organisierte Eichmann die Deportationszüge nach Auschwitz via Paris-Drancy, und antisemitische Kollaborateure der Vichy-Regierung waren dabei behilflich.
Warum waren wir nicht ausgewandert? Mein Vater trieb Familienforschung und veröffentliche 1936 im Privatdruck „Geschichte der Juden der Gemeinde Venningen. Familie Teutsch 1590-1939“. Wie viele andere Juden fühlten sich meine Eltern auch als in Deutschland verwurzelt und konnten sich die Naziidee nur als kleine Episode vorstellen. Die Geschwister meiner Mutter wanderten nach Argentinien aus. Da mein Vater einige Jahre in den USA verbracht hatte, kam für ihn nur dieses Land in Frage. Und als sich meine Eltern schließlich doch zur Auswanderung entschlossen, erklärte man 1937 im US-Generalkonsulat in Stuttgart: „In fünf Jahren sind Sie an der Reihe“.

1942 kamen meine Eltern nach Auschwitz.

(Hans Teutsch, auch im Namen meines Bruders Walter Teutsch, Ramat – Gan, Israel, Februar 2002)

Das Gedenkbuch der Karlsruher Juden richtet sich an die heutigen Generationen, die sich als Nachfolger der „Tätergeneration „ aktiv dem Gedenken an die nationalsozialistischen Holocaustopfer widmen, indem sie sich auf Spurensuche der durch die Nationalsozialisten ausgelöschten jüdischen Leben machen und als Ergebnis einen Lebenslauf verfassen.
Insofern stellt dieser Beitrag eine Ausnahme dar.