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Rathausplatz in Wertheim mit Vater Simon Thalmann vor dessen Geschäft "M. Thalmann" [!]

Personendaten

Max Louis Thalmann

Nachname: Thalmann
Vorname: Max Louis
Geburtsdatum: 30. September 1894
Geburtsort: Neubrunn (Deutschland)
Familienstand: ledig
Eltern: Simon und Amalie, geb. Frankenberger, T.
Verwandtschaftsverhältnis: Bruder von Nathan, Frieda und Meta
Adresse: 1940: Bismarckstr. 77, 1939 von Wertheim zugezogen
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
10.8.1942 von Drancy nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Max Thalmann und Frieda Goldschmidt, geb. Thalmann

Zur Erinnerung an die Geschwister Nathan, Frieda, Meta und Max Thalmann

„Ein Todesnachweis liegt nicht vor“. So endet die Nachricht des Internationalen Roten Kreuzes über eine Nachfrage nach dem Verbleib von Max Louis Thalmann, der am 10. August 1942 vom Sammellager Drancy zum Konzentrationslager Auschwitz überstellt worden war. Eine handschriftliche Anmerkung auf der Rückseite gibt in seiner statistischen Nüchternheit Auskunft über das schreckliche Ende: „... am 12.8.42 in Auschwitz angek[ommen]. Transport Nr. XVII von 1.006 Juden wurden 140 Männer u. 100 Frauen in das Lager Auschwitz als Häftlinge eingewiesen“. Max Thalmann gehörte wohl nicht zu den 240 Häftlingen und wurde vermutlich wie die anderen direkt nach der Selektion in die Gaskammern geschickt. Da der Todesnachweis jedoch nicht vorliegt, hat das Amtsgericht Karlsruhe am 4. Januar 1952 als sein Todesdatum den 31. Dezember 1945 festgelegt.

Max „Louis“ Thalmann wurde am 29. September 1894 im bayerischen Neubrunn, Kreis Marktheidenfeld, wenige Kilometer südöstlich von Wertheim geboren. Er war das jüngste von vier Kindern des Kaufmanns Simon Thalmann und seiner Frau Amalie, geborene Frankenberger, beide Eltern waren israelitischer Religion.
Der Vater Simon Thalmann hatte den Beruf des Kaufmanns gelernt. Über die Zeit in Neubrunn liegen keine Angaben vor. Simon selbst berichtet, dass er seit 1. September 1909 in Nordbaden wohnhaft gewesen war; vermutlich hatte er sich durch den Umzug von Neubrunn nach Wertheim ein besseres Geschäft versprochen, und dort nach eigenen Worten in der Rathausgasse 4 „ein Manufactur- und Confectionsgeschäft“ eingerichtet und betrieben. In einer Dezemberausgabe der Wertheimer Zeitung der Vorweihnachtszeit des Jahres 1909 findet sich eine Anzeige, die für das neue Geschäft wirbt. Erstaunlich ist, dass das Geschäft den Namen "M. Thalmann" trägt, denn Max Thalmann war zu diesem Zeitpunkt gerade 15 Jahre alt. Er hatte noch drei Geschwister, die älter waren:
Der große Bruder und Erstgeborene war Nathan. Er wurde am 16. Februar 1888 in Neubrunn geboren und lernte wie der Vater den Beruf des Kaufmanns. Ob er den Umzug nach Wertheim mitgemacht hat oder damals schon Helene Hausmann, seine zukünftige Ehefrau kennen gelernt hatte und deshalb nicht mit nach Wertheim ging, ist nicht belegt. Vermutlich hatte er zu diesem Zeitpunkt schon das Elternhaus verlassen. Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte er in Dijon gelebt und wurde wohl im Zuge der deutschen Besetzung in das Camp Montfleury (Isere ) deportiert; am 28. Oktober 1943 wurde er ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert und dort am 2. November 1943 vergast.

Frieda Thalmann war die ältere Schwester, sie wurde am 7. Februar 1891 in Neubrunn geboren. Die Informationen zu ihr sind spärlich. Gesichert ist, dass die bisherige Annahme, sie sei die Witwe des Karlsruher Rechtsanwaltes Dr. Felix Goldschmidt falsch ist. Jener war 1916 gefallen, dessen Witwe Frieda war nicht jüdischer Konfession und lebte noch nach 1945 in Karlsruhe. Nachforschungen von Michael Meyer ergaben, dass Frieda Thalmann am 5. September 1914 in Wertheim den am 19. Mai 1884 in Bischhausen - zwischen Kassel und Eisenach gelegen - geborenen David Goldschmidt heiratete. Er wohnte zu diesem Zeitpunkt bereits einige Jahre in Eschwege, wo das kinderlos bleibende Ehepaar schließlich auch lebte. Der Ehemann wurde während des Weltkriegs als Soldat eingezogen, im Dezember 1918 wieder entlassen. David Goldschmidt starb am 17. Mai 1926 in Göttingen, vermutlich im Krankenhaus.
Für Frieda Thalmann war es als Witwe nicht einfach, sie war gezwungen, selbst für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Offensichtlich ging sie „in Stellung“, anscheinend aber waren es immer nur kurze Anstellungen in verschiedenen Haushalten. Im Winter 1929 zog sie für ein halbes Jahr nach Bernburg a.d.Saale, im Sommer 1931 für zwei Monate nach Schlettstadt im Elsass ebenso für zwei Monate 1934 nach Bielefeld. Für den gesamten anderen wesentlichen längeren Zeitraum aber ist sie in Wertheim gemeldet. Belegt ist, dass sie im väterlichen Geschäft mitgeholfen hat. Im Januar 1936 verlässt sie Wertheim und begibt sich nach Karlsruhe, wo sie als Hauswirtschafterin beim ehemaligen Lackfabrikanten Ferdinand Odenwald (1865-1941) tätig ist. Sie wohnt in dessen Haus, Händelstraße 19.

Das dritte Kind war die jüngere der beiden Schwestern, Meta Thalmann. Sie wurde am 9. April 1893 in Neubrunn geboren. Sie ist mit ihrem Vater Simon die Hauptzeugin für die Familiengeschichte und hat fast alle Stationen begleitet. Mit ihrem Vater hat sie als einzige den Holocaust überlebt.

Der zweite Sohn von Simon Thalmann war Max Louis. Er war der jüngste der vier Geschwister und wurde am 29. September 1894 in Neubrunn geboren. Vermutlich hat er auch im Geschäft des Vaters in Wertheim seine Lehre zum Kaufmann gemacht. Seit dem 2. Dezember 1918 war er dort als Geschäftsinhaber eingetragen.

Die jüdische Gemeinde Wertheim bestand nach dem Ersten Weltkrieg aus etwa hundert Mitgliedern, es existierten mehrere jüdische Geschäfte; vor dem 30. Januar gab es kaum einen tieferen Antisemitismus, die Juden waren stark assimiliert. Mit der Machtübernahme Hitlers änderten sich für die jüdische Bevölkerung Wertheims die bisherigen Lebensumstände völlig. Wenige Wochen nach Hitlers Regierungsantritt wurde die veränderte Situation deutlich spürbar, als am 13. März 1933 die SA erstmals die Schließung sämtlicher jüdischer Geschäfte Wertheims für die Dauer von zwei Stunden erzwang.
Die Boykottmaßnahmen hatten starke Auswirkungen auf das Textilgeschäft Thalmann. So gingen die Umsätze zwischen 1932 und 1935 auf ein Drittel zurück. Spätestens mit dem 9.
November 1938 kam das Ende der Firma. Das Geschäft wurde von der SA ausgeräumt, der Geschäftsinhaber Max Thalmann wurde festgenommen und am 11. November in das Konzentrationslager Dachau eingeliefert, wo er in der Kategorie „Jude“ unter Häftlingsnummer 20897 geführt wurde; am 5. Dezember 1938 wurde er entlassen. Die Schließung des Geschäftsbetriebs wurde erzwungen, Ende 1938 musste das Haus verkauft werden, am 3. Februar 1939 war das Geschäft Thalmann in Wertheim erloschen.

Der Druck auf die jüdischen Familien wurde stärker, und so zog die Familie nach Karlsruhe in die Bismarckstraße 77, vermutlich mit unterstützender Hilfe der Schwester bzw. Tochter Frieda Goldschmidt, die in der Händelstraße 19 wohnte. „Meta Sara Thalmann“ wurde angeklagt wegen Beihilfe zu Devisenvergehen und saß vom 7. Februar 1940 bis 12. März 1940 in Untersuchungshaft, sie wurde schließlich zu einer Gefängnisstrafe von vier Monaten und einer Geldstrafe von 1.000 RM verurteilt. Sie trat dann am 18. Juni 1940 ihre Strafe an und wurde am 18. September 1940 wieder entlassen. Ihre Rückkehr zur Familie nach Karlsruhe sollte jedoch nur von kurzer Dauer sein.

Am 22. Oktober 1940 gehörten zum Abtransport der 905 Karlsruher Juden zum Lager Camp de Gurs auch die Angehörigen der Familie Thalmann: der mittlerweile 80-jährige Simon Thalmann sowie seine Kinder Meta, zu diesem Zeitpunkt 47 Jahre, der 46- jährige Max sowie Frieda, verwitwete Goldschmidt, 49 Jahre.
Simon Thalmann überstand die erste Zeit im Camp de Gurs, der „Vorhölle von Auschwitz“, und wurde am 17. März 1941 entlassen, ging in die französische Emigration und lebte, später unter Begleitung seiner Tochter, an verschiedenen Orten in Frankreich. Simon starb am 6. November 1951 in Frankreich.
Meta war vom 25. Oktober 1940 bis zum 2. August 1943 in Gurs interniert, danach zog sie zu ihrem Vater. Seit 1948 ersuchte sie um eine Einreisegenehmigung nach Deutschland, um die Rechte und Ansprüche der Familie geltend zu machen. Sie ließ sich in Karlsruhe nieder, galt ab 12. Mai 1952 als repatriiert. Meta Thalmann starb am 9. September 1962.

Für Frieda hatte sich im Juni 1941 die Basler Vertretung der Norddeutschen Lloyd beim Passamt Karlsruhe verwandt für einen Reisepass zur Visumerteilung in die USA. Die höhnische Empfehlung aus der Karlsruher Verwaltung dazu über die in Camp de Gurs lebende Frieda lautete, sich dort an die zuständige deutsche Vertretung zu wenden.
Max und Frieda traf schließlich das gleiche Schicksal: mit dem ersten Transport der badischen und Saarpfälzer Juden wurden beide am 10. August 1942 vom Sammellager Drancy zum Konzentrationslager Auschwitz überstellt, wobei die Lagerleitung angewiesen wurde, der Transport habe den bestehenden Anordnungen zu entsprechen und sie der „Sonderbehand-
lung“ zuzuführen. Das ist geschehen. Wie bei ihrem Bruder Max heißt es auch bei Frieda unter „Bemerkungen“ der Inhaftierungsbescheinigung des Internationalen Roten Kreuzes: „Ein Todesnachweis liegt nicht vor“, und auch bei ihr findet sich der „Vermerk: Von diesem Transport sind nach der Selektion 100 Frauen u.140 Männer in das KZ Auschwitz eingeliefert worden“. Auch von Frieda findet sich seitdem kein Lebenszeichen mehr. Wie schon bei Max erklärte das Amtsgericht Karlsruhe bei Frieda Goldschmidt, geborene Thalmann, als Zeitpunkt des Todes den 31. Dezember 1945. Hinweise auf ein Überleben gab es weder von Max noch von Frieda noch von Nathan.

(Heinrich Thalmann, März 2006; ergänzt und korrigiert durch Angaben von Michael Meyer, Dierdorf, Juni 2013)