Aus dem Fotoalbum

Bild 1
Großansicht des Bildes
[Bild 1 von 2]
Netti Storch, Aussschnitt aus dem folgenden Gruppenfoto von 1929

Personendaten

Netti Storch

Nachname: Storch
geborene: Silber
Vorname: Netti
Geburtsdatum: 25. August 1875
Geburtsort: Holleschau (Holesov) (Österreich-Ungarn, heute Tschechien)
Familienstand: verheiratet
Eltern: Marcus und Hanni, geb. Steinhard, Silber
Verwandtschaftsverhältnis: Ehefrau von Jakob S.

Mutter von Hermine und Walter Samuel;

Schwester von Fanny Munk, geb. Silber
Adresse: Seboldstr. 7
Lamprechtstr. 8
Markgrafenstr. 34
Deportation: 1940 mit Ehemann nach München zum Zwangsarbeitseinsatz
22.8.1942 nach Theresienstadt (Protektorat Böhmen-Mähren, heute Tschechien)
18.5.1944 nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Jakob und Netti Storch

Jakob Storch wurde am 25. November 1875 in Neu-Sandez geboren. Diese, heute polnische Stadt Nowy Sacs, gehört zu Westgalizien und liegt etwa 75 km südlich von Krakau. Jakobs Vater war Samuel Storch, seine Mutter Helene, geborene Breitkopf.
Westgalizien gehörte nach der dritten Teilung Polens 1795 zur österreichischen Monarchie und entsprechend den Dekreten des Joseph II. wurden alle Juden zu einer festen Namensannahme gezwungen. Dabei sind ihnen bekanntlich von den unteren Beamten oft Ekelnamen oder lächerliche Namen verpasst worden, falls sie nicht mit etwas Bestechung nachhalfen. „Storch“ könnte zur zweiten Kategorie, der leicht lächerlichen Namen gehören.

Jakob Storch wurde in Krakau als Mechaniker ausgebildet. Am 8. Dezember 1902 heiratete er in Mährisch-Ostrau (damals Österreich, heute Ostrava, Tschechien) Netti Silber. Diese war am 25. August 1875 in Holleschau (damals Österreich, heute Holesov, Tschechien) geboren. Ihr Vater Markus Silber war Gemeindediener, ihre Mutter hieß Hanni und war eine geborene Steinhard.
In allen den genannten Städten gab es seit langer Zeit größere jüdische Gemeinden, die schon durch die Sprache mehr mit der deutschen Kultur verbunden waren als mit der polnischen oder tschechischen. Zusätzlich zu starken wirtschaftlichen Erwägungen und dem Wunsche oder der Hoffnung, dem dortigen, starken Antisemitismus zu entgehen, war deshalb der Drang „nach Westen“ bei den „Ostjuden“ besonders groß. Im Rahmen dieser Entwicklung begab sich das junge Ehepaar schon bald nach Deutschland, wo Jakob zunächst kurz in Magdeburg arbeitete. Schon 1903 zog die junge Familie nach Karlsruhe-Durlach und wohnte zunächst in der Schlossstraße 11, dann in der Seboldstraße 7, wohin kurze Zeit darauf auch die Schwester von Netti Fanny Munk zusammen mit deren Mann Moritz zog. 1903 wurde Tochter Hermine geboren und 1905 der Sohn Walter Samuel.

Wo Jakob zunächst arbeitete, ließ sich nicht feststellen. Wahrscheinlich bei einer der Maschinen-Fabriken in Durlach. Ab Juli 1909 bis zunächst August 1914 war er bei der Nähmaschinen-Fabrik Gritzner in Durlach tätig. Zu Beginn des 1.Weltkrieges wurde er dann zum österreichischen Heer eingezogen, was bezeugt, dass er zu diesem Zeitpunkt noch die österreicherische Staatsbürgerschaft hatte. Offensichtlich war er ein sehr tüchtiger und erfahrener Mechaniker, denn der Deutschen Waffen- und Munitionsfabrik in Karlsruhe gelang es, ihn zu kriegswichtigen Arbeiten aus dem Heer zurückzuholen. Im März 1919 nahm er wieder eine Arbeit bei Gritzner auf, die bis März 1929 dauerte. Vermutlich wegen der schlechten Auftragslage der Firma wurde er dann entlassen. Diese Daten stammen aus einer Bescheinigung der Firma, die späteren Angaben der Tochter Hermine unterscheiden sich davon. Nach diesen sei er schon 1926 arbeitslos geworden. Nach der Entlassung bezog er Arbeitslosenunterstützung und später lebte die Familie von der städtischen Sozialfürsorge. Im November 1938 wurde diese den Juden allgemein entzogen.
Schon 1916 war die Familie innerhalb Durlachs von der Seboldstraße 7 in eine Dreizimmer-Wohnung im Haus Lamprechtstraße 8 (früher Moltkestraße 8) umgezogen, während die Familie Munk sich in der Stadt Karlsruhe niederließ. Moritz Munk fiel ganz gegen Ende des 1. Weltkrieges an der italienischen Front.

Jakob Storch wurde SPD Mitglied und erlebte die schwierigen Zeiten der Weimarer Republik aus nächster Nähe im „roten Durlach“, einer Stadt mit einer großen, armen Arbeiterschaft und sehr hoher Arbeitslosigkeit. Am 1. Januar 1933 gab es in Durlach z.B. bei rund 18.600 Einwohnern über 2.700 Arbeitslose. Die vielen inner- und zwischenparteilichen Zwiste in der ganzen, breiten politischen Spanne zwischen KPD und NSDAP trugen zur allgemeinen Unruhe bei. Die Durlacher SPD war innerhalb ihrer Gesamtpartei eher links orientiert, auf der anderen Seite wohl auch wieder sehr kooperativ, wenn es bei kommunalen Problemen um Zusammenarbeit mit anderen Parteien ging.

Jakob Storch wurde 1919 gewählter Vertreter des Durlacher Arbeiterrats, der im Jahre 1918 neben dem Soldatenrat entstand.
Beide Räte waren überwiegend mit SPD- und Gewerkschaftsmitgliedern besetzt. Sie kümmerten sich um administrative und soziale Probleme und sollten daneben die, nach der Revolution unverändert bestehende Verwaltung überwachen. Nach den Gemeindevorsteher-Wahlen im Mai 1919, bei denen er nicht kandidierte, löste sich der Arbeiterrat auf.

Netti Storch trat ebenfalls der SPD bei. Unter den etwa 300 Durlacher SPD-Mitgliedern gab es 1910 nur drei weibliche. Auf dem Foto oben aus dem Jahre 1929 sieht man Netti (fünfte von links) selbstbewusst in der Mitte zwischen Jubilaren des SPD-Ortsvereins Durlach sitzen. Der Mann hinter ihr ist Jakob Storch.
Daneben betätigte sie sich wie ihr Ehemann aktiv bei Arbeiterwohlfahrt, die seit 1920 einen Durlacher Ortsverein hatte. Die AWO kümmerte sich u.a. um die Versorgung der Ärmsten, um Kinderfreizeiten auf dem Turmberg, um Abendnähkurse für Frauen und Mädchen und um den Betrieb einer Armenküche. Die SPD-Frauenfraktion innerhalb der AWO widmete sich neben der reinen Wohltätigkeitsarbeit aber auch der politische Schulungsarbeit. Jakob Storch war ehrenamtlicher Kassierer der AWO. Am 1. Mai 1933 wurde die AWO verboten. Die Durlacher Vorstandsmitglieder verbrannten in der folgenden Nacht die Mitgliederlisten!
Als Juden und politisch und sozial aktive SPD-Mitglieder waren die Eheleute Storch in der Nazi-Zeit mit einem doppelten Makel behaftet. Vermutlich wurden sie deshalb von der Gestapo besonders gut überwacht.
Jakob Storch war auch Gründungsmitglied des Durlacher Konsumvereins. Aus diesem wurde er nach 1933 ausgestoßen. In seiner Freizeit arbeitete Jakob Storch viel in seinem geliebten Schrebergarten. Es muss für ihn neben den vielen anderen Kränkungen und Einschränkungen in der Nazi-Zeit eine herbe Sache gewesen sein, als er diesen Garten entsprechend den neuen Bestimmungen abgeben musste. Auch den Kleingärtnerverein musste er verlassen.
Die Reichskristallnacht ging an der Familie Storch nicht spurlos vorbei. Am 10. November 1938 wurde Jakob in seiner Wohnung abgeholt, doch schon am nächsten Tag wieder entlassen. Die Familie wurde Zeuge und Opfer der heftigen antisemitischen Willkür jener Tage, und erlebte z.B. die Demolierung des jüdischen Eisenwarengeschäfts Kuttner, dass in der Blumentorstraße ganz in ihrer Nähe lag. Eine Nachbarin, die auf der gleichen Etage in der Lamprechtstraße 8 wohnte, berichtete nach dem Kriege über sehr gute Kontakte zur Familie Storch. Die Kinder hätten in jungen Jahren viel miteinander gespielt, doch auch, dass sich die Familie mit fortschreitender Nazi-Drangsal immer mehr zurückgezogen hätte und sehr scheu geworden wäre. Das Haus in der Lamprechtstraße 8 gehörte der Badischen Versicherungsanstalt für Gemeinde- und Körperschaftsbeamte. Am 12. Mai 1939 schrieb diese Anstalt an die Stadtverwaltung, dass sie schon einen Antrag auf Aufhebung des Mietverhältnisses mit der Familie Storch gestellt hätte mit dem Hinweis:“...daß den arischen Mietern nicht ein Zusammenwohnen mit einer jüdischen Familie zugemutet werden kann.“

Tochter Hermine war von 1920 bis 1933 beim Deutschen Metallarbeiter Verband (Vorläufer der Industriegewerkschaft Metall – IGM) als Stenotypistin. Sie verlor ihre Stellung nach der Zerschlagung der Gewerkschaften durch die Nazis am 2. Mai 1933, war dann als Buchhalterin tätig, entschloss sich jedoch nach den Ereignissen des 9. November 1938 ihre Auswanderung nach England vorzubereiten, die ihr im Mai 1939 auch gelang. Sohn Walter studierte an der Technischen Hochschule Karlsruhe und war dann bei verschiedenen Firmen in Durlach als Techniker oder Konstrukteur tätig. 1936 emigrierte er nach Palästina und versuchte später seinen Eltern zu überzeugen und zu helfen, ihm nachzukommen.

1938 wurde Jakob wie viele andere, arbeitsfähige Juden vom Tiefbauamt der Stadt für verschiedene landwirtschaftliche oder ähnliche Arbeiten herangezogen. So war er im Juli 1939 bei Meliorationsarbeiten an der Frischlach eingesetzt. Der Stundenlohn betrug 60 Pfennige, die Wochenarbeitszeit war 48 Stunden, Urlaub gab es nicht. Für Wochenfeiertage erhielt er keinen Lohn, da, wie ein Beamter der Stadt Karlsruhe zur Begründung feststellte, „...daß das eine Belohnung für die Mitarbeit am Werke des Führers sei. Ein Jude kann niemals Mitarbeiter am Werke des Führers sein, da das Judentum diesem mit unversöhnlicher Feindschaft gegenübersteht!“

Erst Anfang 1939, leider zu spät, versuchte das Ehepaar, dem Rat seiner Kinder zu folgen und bemühte sich um die Auswanderung. Als sie infolge der Zwangsmaßnahmen Ende Juli 1939 ihre Wohnung in der Lamprechtstraße räumen und in die Markgrafenstraße 34, in ein so genanntes „Judenhaus“ ziehen mussten, fingen sie mit den Vorbereitungen für eine Auswanderung an, verkleinerten den Haushalt erheblich und füllten einen Transport-Großbehälter mit Möbeln, Kleidern, Haushaltsgeräten, usw., zusammen 1.900 kg. Auch eine ganz neue Süßmost-Herstellungsanlage war dabei, mit der Jakob hoffte, in Palästina eine neue Existenz aufbauen zu können. Der Behälter wurde von der Firma Steffelin für 800 RM zum Weitertransport nach Bremen geschafft, 1941 dort beschlagnahmt und der Inhalt versteigert.

Das Ehepaar war damals staatenlos, und so musste die Polizei Karlsruhe am 21. Juni 1939 die Verlängerung der„Aufhebung des Aufenthaltsverbots“ bis zum 31. Juli 1939 genehmigen. Für deutsche Juden gab es damals diese Art Aufenthaltsverbot nicht. Die Mitglieder der Familie waren ursprünglich Österreicher, wurden jedoch 1919 nach erfolgreich abgeschlossener Einbürgerungsprozedur badische bzw. deutsche Staatsbürger. Die Staatsbürgerschaft wurde ihnen allerdings schon kurz nach der Machtübernahme Hitlers durch ein Gesetz vom 14. Juli 1933 bzw. durch die anschließende Verfügung des Ministerium des Innern vom 2.3.1934 wie allen, in der Weimarer Republik eingebürgerten Juden, wieder entzogen. Sie galten dann als „staatenlos“.

Bei Kriegsbeginn verschlechterte sich die allgemeine Lage in Karlsruhe, denn die Stadt lag im Bereich der französischen Fernartillerie. Alle Kinder unter 12 Jahren, Kranke und Alte wurden evakuiert. Andere Personen konnten sich anschließen. Den Juden war es ebenfalls freigestellt, sich in Sicherheit zu bringen. Von dieser Möglichkeit machten eine größere Anzahl Gebrauch. Viele gingen in Städte, in denen es größere jüdische Gemeinden gab. So trafen am 8. September 1939 etwa 60 und am 9, September etwa 70 Juden aus in München ein, die dann meist in Häusern dortiger Juden untergebracht wurden. Das Ehepaar Storch meldete sich am 10. September polizeilich in München in der Tengstraße 27, bei einem Dr. Mai an. Sie bewohnten ein sehr kleines, armseliges Zimmer mit einem Bett, Stuhl, Tisch und Schrank, wie ein Besucher später berichtete.
Die Versorgungslage war sehr schlecht. In diesem Zusammenhang ist eine Aktion seiner früheren Arbeitskollegen der Firma Gritzner besonders hervorzuheben. Sie sammelten in Durlach für einen Geschenkkorb, den Frau Julie Glockner, von 1920-1930 Vorsitzende der AWO Durlach, persönlich beim Ehepaar Storch in München abgab. Die Sammlung war auf Veranlassung des früheren SPD Kollegen und Stadtverordneten Christian Pfalzgraf veranlasst worden, obwohl dieser sich mit Jakob Storch innerhalb der Partei oft heftig auseinander gesetzt hatte. Frau Glockner brachte ihnen auch Schuhe, die sie dringend brauchten.

Wie die anderen jüdischen Männer wurde auch Jakob Storch zu verschiedenen Arbeiten herangezogen und hatte dabei oft weite Wege zu Fuß zurückzulegen. Ab März 1941 mussten die Männer im Münchener Stadtteil Milbertshofen in der Knorrstraße ein Baracken-Sammellager errichten in dem dann die jüdischen Familien konzentriert untergebracht wurden. Ob auch das Ehepaar Storch dorthin ziehen musste, ist unklar, denn offiziell blieben sie in der, nicht all zu weit entfernten Tengstraße 27 polizeilich gemeldet. Es gibt auch Hinweise, dass Jakob Storch noch in einem Außenlager des KZ Dachau, d.h. in Schleißheim arbeiten musste. Auf einem letzten Brief wird jedoch die Tengstraße 27 als Absenderadresse angegeben.

Im Frühjahr 1942 begannen die Transporte vom Sammellager nach Majdanek und Theresienstadt Auf der polizeilichen Meldekarte ist im August lapidar vermerkt: „Am 12. 8. 42 nach Osten abtransportiert“. Jakob und Netti waren die Nummern 1188 und 1189 des Transports E-24 nach Theresienstadt. Ende August wurde das ganze „Judenlager Milbertshofen“ aufgelöst, „weil fast keine Juden mehr darin waren.“

Die Zustände in Theresienstadt waren katastrophal. Viele Häftlinge starben an Krankheit oder Unterernährung oder kamen gleich oder später in endgültige Todeslager. Am 18. Mai 1944 wurde das Ehepaar mit Transport „Eb“ und unter den Listen-Nummern 1702 und 1703 von Theresienstadt nach Auschwitz deportiert. Dort, auf der berüchtigten Rampe, erfolgte die Selektion durch Dr. Mengele oder seine „Kollegen“. Bei ihrem Alter von 68 Jahren hatten Netti und Jakob Storch nicht die geringste Überlebens-Chance. Für sie gab es nur einen Weg, den in die Gaskammer!

Jakobs Brüder Moshe Storch, geb. 1874, und Salomon Storch, geb. 1876, wurden schon 1942 Holocaust-Opfer, genau so wie Fanny Munk, geb. 1877, die Schwester von Netti.

Tochter Hermine, die im Mai 1939 gerade noch nach England emigrieren konnte, blieb unverheiratet. Sie arbeitete zuerst als Putzfrau (Bedingung für die Einreise), dann als Sekretärin. Sohn Walter, der schon 1936 nach Palästina auswanderte, arbeitete als Ingenieur, heiratete, blieb aber kinderlos und starb 1979 in Israel.

Zum Ausklang sei aus einem Antwortbrief von Sohn Walter Storch an das statistische Amt der Stadt Karlsruhe aus dem Jahre 1964 zitiert: „Doch wie viel physische und psychische Not und Pein steckt hinter diesen kalten Angaben? Letztere können Sie nie statistisch verwerten! So betrachte ich mich heute, fern dem deutschen Kulturleben und der geliebten Heimat immer noch als Ausgestoßener, Vertriebener und Heimatloser. Ich könnte Ihnen so manches über Niedertracht und Demütigungen seitens einzelner, aber auch über schöne, heroische und edle Taten anderer Mitbürger berichten.“

(Richard Lesser, Mai 2006)