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Familie Stiebel. Vater Samuel mit Hilde, Simon, Recha, Nathan, Erna, Paula, Ida Judith und Mutter Regina (von links nach rechts)

Personendaten

Hilde Stiebel

Nachname: Stiebel
Vorname: Hilde
Geburtsdatum: 31. Januar 1928
Geburtsort: Karlsruhe (Deutschland)
Eltern: Samuel und Regina S.
Verwandtschaftsverhältnis: Schwester von Erna, Ida Judith, Nathan, Paula, Recha und Simon
Adresse: Wielandtstr. 30
1928: Rappenstr. 2
Deportation: Mai 1939 Abschiebung nach Polen (Polen)
später in das Ghetto in Warschau (Polen)
Sterbeort: Treblinka (Polen)
vermutlich

Biographie

Samuel und Regina Stiebel, mit Nathan, Simon, Erna, Hilde, Recha und Paula

Auch in Erinnerung an die einzige überlebende Tochter der Familie: Ida Judith

Samuel Stiebel wurde am 19. Januar 1891 in Konsk, damals russicher Teil von Polen, als Sohn des Jakob Stiebel und der Lea Ziporah, geborene Zaris, geboren. Samuel Stiebel erlernte den Juwelierberuf, musste diesen jedoch wegen Kurzsichtigkeit aufgeben und wandte sich bereits vor dem Ersten Weltkrieg dem Handel zu. Viele Juden verließen vor und nach dem Ersten Weltkrieg ihre Heimat Osteuropa nach den USA, Deutschland und Österreich, weil sie kein wirtschaftliches Auskommen mehr fanden und unter zunehmenden antijüdischen Anfeindungen litten. Ob dies auch für Samuel Stieber zutraf, lässt sich nicht nachweisen. Wir wissen auch nicht, wann genau er nach Deutschland kam. 1919 meldete er sich von Karlsruhe, wo er jedoch nicht lange gewohnt haben konnte, da über ihn kein Adressbucheintrag vorliegt, nach Durlach ab. Für die Behörden galt er als polnischer Staatsbürger, auch wenn Samuel Stiebel den 1918 neu entstandenen polnischen Staat vermutlich nicht als Heimat betrachtet hat.

Am 4. Januar 1919 heiratete er Regina, geborene Alpern, die am 15. März 1893 im österreichisch-ungarischen Sniatyn (Wischnitz) in Galizien geboren wurde. In diesem Städtchen mit über 6.000 Einwohnern waren über 90 Prozent der Einwohner Juden. Nach dem Besuch der Schule in Sniatyn erlernte Regina Alpern in Berlin die Schneiderei. Viele junge Frauen, jüdische Mädchen, kamen vom Land in die Großstadt als Dienstmädchen, insofern war Regina Alpern keine Ausnahme. Doch der weite Weg nach Berlin fällt als durchaus ungewöhnlich auf. Im Ersten Weltkrieg nähte sie als Schneiderin insbesondere für das Rote Kreuz.
Am 4. Januar 1919 heirateten Samuel Stiebel und Regina Alpern. Wo sich beide kennengelernt haben, ist nicht bekannt. Samuel Stiebel hatte mit einem Schuhmacherbedarfsgeschäft begonnen, wechselte dann aber zusammen mit seiner Frau zum Wäscheversand-Geschäft. Regina Stiebel besaß auch eine auf ihren Namen lautende Legitimationskarte, die ihr das Reisen, das heißt den Wäscheverkauf von Tür zu Tür erlaubte, damals ein gewöhnlicher Zweig in der Textilbranche.

Samuel und Regina Stiebel wohnten von 1919 bis Mai 1923 in Durlach in der Hauptstraße 8 (jetzt Pfinztalstraße). Ihr ältestes Kind Ida Judith kam am 24. November 1919 in Karlsruhe in der Ludwig-Wilhelm-Klinik (heute Städt. Klinikum, Kaiserallee) zur Welt. Die anderen waren wie damals üblich Hausgeburten. Am 7. Juli 1921 wurde in Durlach Nathan geboren.
Daraufhin zog die kleine Familie im Mai 1923 innerhalb Durlachs in die Rappenstraße 2 um.
Am 23. Februar 1924 kam dann in Durlach Simon zur Welt und ebenfalls in Durlach am 24. Juni 1925 Erna und am 31. Januar 1927 Hilde.
Vermutlich wurde die Wohnung in der Rappenstraße zu klein und die nun siebenköpfige Familie zog im August 1928 in Karlsruhe in die Wielandtstraße 30 um. Die Verhältnisse waren jedoch sehr einfach. Dort kamen am 15. Juli 1930 Recha Stiebel und am 24. November 1932 Paula Stiebel zur Welt.
Das Wäscheversand-Geschäft, das Samuel und Regina zeitweise zusammen mit einer Angestellten betrieben, sicherte die Existenz für die nun neunköpfige Familie.

Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten wurde das Leben der Familie schwer. Das Geschäft ging zurück, der Tüverkauf muss spürbar nachgelassen haben. Die Umstände trugen zum Entschluss bei, dass die älteste Tochter Judith 1935 im Alter von 16 Jahren nach Palästina auswanderte, sie berichtete dazu später: “Nach dem Boykottag am 1.4.1933 wandten sich einige christliche Nachbarn an meine Eltern um ihnen zu helfen, was sie auch taten.
Ich selber war in der Uhlandschule. In den letzten Volksschulklassen hatte ich bereits unter Diskriminierungen als Jüdin zu leiden. Meine Eltern waren beide Juden und ich somit Volljüdin. Mein Glaubensbekenntnis ist israelitisch.
So wurde ein Aufsatz von mir, der vom Lehrerkollegium als Preisarbeit vorgeschlagen war, vom Schulrat lediglich deshalb zurückgewiesen, weil einer Jüdin der Preis nicht zuerteilt werden könne.
Nach Beendigung der Volksschule besuchte ich die Frauenarbeitsschule (Sophienschule), in der ich insbesondere Buchhaltung lernte. Meine Absicht war, Korrespondentin und Buchhalterin zu werden. Die Kurse auf der Schule waren auf 2-3 Jahre vorgesehen. Ich mußte sie jedoch bereits nach 1 1/2 Jahren unterbrechen. Die allgemeine Lage für die Juden hatte sich derart verschlechtert, daß mit Sicherheit vorauszusehen war, daß ich meine Ausbildung nicht würde beenden können. Hinzu kam, dass mein Vater seine Existenz als Reisender in der Wäschebranche verlor und ich als Älteste von 7 Geschwistern meinen Eltern nicht länger zur Last fallen wollte. Deshalb sah ich mich genötigt, auszuwandern. Ich wurde einige Jahre zuvor Mitglied in einer religiösen zionistischen Organisation. Mit Hilfe der ‘Jewish Agency’, die in Berlin tätig war, war es mir möglich, im Juli 1935 nach Palästina auszuwandern. Da war ich knapp 16 Jahre alt.”

Um die Jahreswende 1934/35 wurde Samuel Stiebel die Legitimationskarte zum Handel entzogen, in kleinem Umfang versuchte er den Handel noch weiter zu betreiben, aber das Geschäft ging immer schlechter und 1935 kam für Juden das Verbot des Reisens mit Wanderschein. Die Familie hatte damit keine Existenz mehr.
Am 28. Oktober 1938 wurden die über 18-jährigen männlichen Juden polnischer Staatsangehörigkeit in Baden sowie überhaupt aus dem gesamten Reichsgebiet in Sonderzügen nach Zbaszyn an die polnische Grenze abgeschoben. Das NS-Regime verschärfte gegenüber diesen als polnische Staatsbürger bezeichneten Juden seine Unterdrückungspolitik. Obwohl dieser Personenkreis oft schon jahrzehntelang in Deutschland gelebt hatte, waren dies die ersten Juden, die nach der Annektion Österreichs und dem Beginn der systematischen Vertreibung aus Deutschland vertrieben wurden.
Unter den 42 aus Karlsruhe ausgewiesenen Juden war auch Samuel Stiebel dabei.
Da sich die polnische Regierung weigerte, die Abgeschobenen aufzunehmen und Deutschland sie nicht wieder hereinließ, mussten diese wochenlang unter katastrophalen Bedingungen im Niemandsland teilweise auf den Feldern kampieren, später wurden Baracken aufgestellt.
Samuel Stiebel wurde unter diesen Umständen neun Monate lang festgehalten.

Währenddessen lebte Regina Stiebel mit den sechs Kindern Nathan, Simon, Erna, Hilde, Recha und Paula noch in der Wielandtstraße. Im Mai 1939 wurde die Familie wie die anderen gleichfalls nach Polen ausgewiesen. Die Familie war wieder beisammen, bis auf die in Palästina lebende Judith, doch das Ende der Verzweiflung war noch nicht erreicht. Nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht lebten alle in Warschau. So fanden sie sich im Ghetto wieder, das im darauf folgenden Jahr errichtet wurde und im November 1940 von einer hohen Mauer endgültig von der Umgebung abgeschnitten wurde. Auf knappem Raum, wo vorher nur wenige zehntausend Menschen lebten, wurden nun bis zu 500.000 Menschen zusammengepfercht. Hunger, Seuchen und Tod waren der ständige Begleiter, Gewaltakte der deutschen Besatzer an der Tagesordnung. Ab 1942 begannen die Deportationen in die Todeslager.

Der einzige Lichtblick und das Tor zum Leben für die Familie müssen die hin und wieder eintreffenden Briefe Judiths aus Palästina gewesen sein. Zu Kriegsbeginn 1939 war die Verbindung mit der inzwischen verheirateten Tochter, die sich in Israel Jehudith nannte, zunächst abgerissen. Doch gelang es ihr, über das Internationale Rote Kreuz den Aufenthaltsort der Eltern im Warschauer Ghetto zu ermitteln. Offensichtlich hielten sich die Eltern noch an dem Funken Hoffnung fest, das Ghetto verlassen zu können und auszuwandern. Am 15. Dezember 1940 schrieb sie an die Eltern nach Warschau (der Brief kam dort am 22. Januar 1941 an): “Meine Liebsten, lange nichts von Euch gehört, will alles wissen. Bin gesund, habe mich verheiratet mit Freund von früher. Leben sehr gut. Schreibt sofort. Ida.”
Gleich am 27. Januar 1941 schrieb die Mutter an Judith: “Liebste Kinder! Waren sehr überrascht. Wir senden Euch die besten Glückwünsche. Wir sind alle gesund. Die ganze Familie ist beisammen [Unterstreichung im Original]. Vielleicht kannst Du uns helfen. Bemühe dich für uns wegen Auswanderung. Eure lieben Eltern und Geschwister. Mutter.”

Am 17. Oktober 1941 schrieb Judith: “Liebe Eltern, lange nichts von Euch gehört, warum schreibt Ihr nicht? Leben sehr glücklich zusammen. Ida!” Und ihr Ehemann fügte bei: “Liebe Schwiegereltern, wünschen alles Gute zum [jüdischen] neuen Jahr. Nathan!”
Dieser Brief wurde von der Mutter am 12. März 1942 (Eingang am 10. April 1942) beantwortet: “Liebe Kinder wir freuen uns mit Euren Zeilen, daß Ihr glücklich seid, wir alle auch. Wir sind alle gesund. Eure lieben Eltern und Geschwister. Mutter.”

Diese Zeilen, erkennbar darauf ausgerichtet, keine Beunruhigung auszulösen und unter der Zensur geschrieben, waren die letzte Nachricht, die Judith von Ihren Eltern und den sechs Geschwistern erhielt. Bald darauf, im Juli 1942, begannen die Todestransporte aus dem Warschauer Ghetto vor allem in das Vernichtungslager Treblinka. Im April 1943 sollte dass Ghetto endgültig aufgelöst werden und alle noch verbliebenen Einwohner in die Todeslager verbracht werden . Dies führte zum Warschauer Ghettoaufstand, der von besonders Mutigen und Untergrundkämpfern organisiert wurde. Der Aufstand, der erst nach der vollständigen Zerstörung des Ghettos durch SS-Einheiten beendet werden konnte, ging in die Geschichte ein. Die letzten Überlebenden wurden im Mai 1943 in die Vernichtungslager deportiert.
Vermutlich waren Samuel und Regina Stiebel, 1942 - damals 51 und 49 Jahre alt und die Geswchwister Nathan, damals 21 Jahre, Simon 18 Jahre, Erna 17 Jahre, Hilde 15 Jahre, Recha 12 Jahre und Paula 10 Jahre alt - bereits nicht mehr am Leben. Vielleicht waren auch sie in das KZ Treblinka gebracht und ermordert worden. Oder in ein anderes Konzentrationslager? Gewissheit darüber wird nicht mehr zu erlangen sein.

Nachtrag
Judith, geborene Stiebler, ist die einzige Überlebende der Familie. Sie erinnert sich immer wieder an ihren nachgeborenen Bruder Nathan, “er hatte immer einen Kamm bei sich. Er war so eitel, dass er sich ständig gekämmt hat...”
Im Oktober 1988 lud die Stadt Karlsruhe die Überlebenden und die einst Vertriebenen, ein, und erinnerte in einer Ausstellung an die Geschichte der Karlsruhe Juden und Jüdinnen.
Bei dieser Gelegenheit kam auch Judith Friedler wieder für einen Besuch in die Stadt, aus der sie vertrieben worden war.
In einem Brief im Juli 1987 berichtet sie über ihre Zeit nach der Vertreibung aus Deutschland:
“Als ich 1935 nach Palästina kam, war ich zwei Jahre in der ‘Jugend-Alijah’ und danach im Kibbuz. ‘Jugend-Alijah’ nannte sich das Projekt, jüdische Jugendliche, die in Deutschland ihre Schulausbildung nach 1933 unterbrechen mußten, nach Palästina zu schicken. Die Jugendlichen kamen gruppenweise im Kibbuzim unter, wo sie hauptsächlich für die Landwirtschaft ausgebildet wurden. Der Plan war 4 Stunden Arbeit und nachmittags einige Stunden Unterricht, vor allem, um die hebräische Sprache zu erlernen und nach Möglichkeit die allgemeine Ausbildung zu ergänzen. Das Projekt galt für zwei Jahre. Nach dieser Zeit konnte jeder beschließen, wie seine Zukunft zu gestalten sei. Ich selber kam in eine Gruppe von 25 Jungen und 4 Mädels. Die Jungen erlernten einen Beruf in einer Fachschule in Haifa und wir Mädchen lernten kochen und alles, was für einen Haushalt zu erlernen ist.
Wir wohnten in Haifa in einem gemieteten Haus in der Deutschen Kolonie.
Nach 2 Jahren gründeten drei ‘Jugend-Alijah-Gruppen’ zusammen einen neuen Kibbuz. Dort heiratete ich 1940 einen Jungen aus meiner Gruppe, der aus Essen nach Palästina flüchten konnte.
Nach drei Jahren verließen wir den Kibbuz mit einem 2 Jahre alten Mädelchen. Es war eine sehr schwere Zeit.
Wir wohnten in einem Dorf in der Nähe von Haifa. Mein Mann arbeitete hauptsächlich in der Landwirtschaft als Taglöhner. Es war ein schwerer Winter und die Felder standen unter Wasser und oft hatte er tagelang keine Arbeit.
Von unseren Eltern hörten wir beide nichts mehr. Später erlernte mein Mann den Bauberuf. Bis zu seiner Pensionierung arbeitete er bei einer großen Baufirma als technischer Bauleiter. Wir haben 3 verheiratete Kinder 14 Enkel und 22 Urenkel.
Oft sage ich meinem Mann, daß es mir vorkommt, als ob wir beide Adam und Eva seien. Die ersten Menschen, die ein neues Geschlecht wieder gründen, nachdem sowohl meine Familie als auch die meines Mannes bei Hitler umkamen.”

(Erika Horn, Oktober 2006)


Nachtrag, Dezember 2010:
Ich durfte Frau Judith Friedler, geb. Stiebel und ihre Familie kennenlernen. Frau Friedler lebte zuletzt in einem orthodoxen Seniorenstift in Jerusalem. Wir telefonierten oft miteinander und sie freute sich jedes mal, wieder deutsch sprechen zu können. Sie sprach ein klares deutsch, las auch deutsche Bücher und kannte noch viele Gedichte und Balladen, die sie in der Uhlandschule in Karlsruhe gelernt hatte. Zweimal habe ich sie in ihrem Heim in Jerusalem besucht.
Nun teilte mir ihr Schwiegersohn telefonisch mit, dass Frau Friedler am 5. Dezember 2010 kurz nach ihrem 91. Geburtstag gestorben ist. Ich bin darüber sehr traurig.