Personendaten

Siegfried Steinbock

Nachname: Steinbock
Vorname: Siegfried
Geburtsdatum: 20. März 1927
Geburtsort: Karlsruhe (Deutschland)
Familienstand: ledig
Eltern: Moritz und Cyrel S.
Verwandtschaftsverhältnis: Bruder von Karl, Leo, Manfred, Philipp und Salomon
Adresse: 1927: Daxlander Str. 127
1929: Dreisamstr. 20
1931/32: Adlerstr. 44
unbekannt
Deportation: 1939 Abschiebung nach Polen (Polen)
mindestens bis Juni 1941 im Ghetto Lemberg (Lvov) (Polen, heute Ukraine)

Biographie

Familie Steinbock
In Erinnerung an Cyrel und Moritz Steinbock mit ihren Kindern Leo, Manfred, Philipp, Siegfried und den einzigen Überlebenden Salomon


Moritz (eigentlich: Moses) Steinbock wurde am 25. September 1896 im galizischen Teil Österreich-Ungarns in Delatyn, in der heutigen westlichen Ukraine, geboren. Durch die Auflösung des Habsburger Reiches in der Folge des Ersten Weltkrieges fiel sein Geburtsort Polen zu, so dass er als polnischer Staatsbürger galt.
1919 lebte Moritz noch in seiner Heimat im wieder entstandenen Polen. Seine Lebensverhältnisse waren ärmlich, so dass er von Unterstützungsleistungen abhängig war. Dies dürfte zu seinem Entschluss geführt haben, das Land zu verlassen, wie schon viele andere Juden seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. Er ging nach Deutschland und ist in Karlsruhe erstmals 1922 nachweisbar mit Wohnung in der Durlacher Allee 42, ein Jahr später in der Kriegsstraße 77. Seinen Lebensunterhalt verdiente er, indem er eine Damenschneiderei betrieb.

Am 31. März 1923 heiratete er in Karlsruhe die am 12. Juni 1897 geborene Cyrel Baumöl. Sie stammte aus dem kaum 20 Kilometer von Delatyn entfernten Kolomea und auch für sie galt, dass sie den schlechten Lebensumständen in ihrer Heimat den Rücken kehren wollte. Sie ist in Karlsruhe erstmals 1920 nachweisbar, verdiente sich in Karlsruhe den Lebensunterhalt als Schneidereiarbeiterin – im Betrieb von Moritz Steinbock.
Ein Monat nach der Heirat wurde ihr Sohn Salomon am 20. April 1923 geboren. Mit der Eheschließung gab sie ihre Berufstätigkeit auf, so wie es damals für Frauen üblich war.
Am 6. August 1924 kam der zweite Sohn Karl zur Welt, am 12. September 1925 der dritte Sohn Leo Fritz. Er starb mit nur 6 Monaten am 22. Mai 1926.

1927 zog die Familie Steinbock in die Daxlander Straße 27. Von nun an führte der Familienvater allgemeine Schneideraufträge aus, nicht nur für Damen. In diesem Jahr wurde auch am 20. März sein vierter Sohn Siegfried geboren. Ab 1929 erscheint Moritz Steinbock in den Adressbüchern als selbstständiger Kaufmann, wohnhaft in der Dreisamstraße im Weiherfeld. Den fünften Sohn, Philipp, brachte seine Frau Cyrel am 14. Februar 1932 zur Welt. Im Jahr darauf zog die Familie in eine 5-Zimmer-Wohnung in der Adlerstraße 43. Diese Wohnung wurde von der damaligen Hausverwalterin als sehr gut eingerichtet beschrieben. Außerdem sagte sie aus, dass die Familie freundlich und stets zuverlässig gewesen sei. Des Weiteren sei ein Dienstmädchen bei ihnen angestellt gewesen, was ebenfalls auf wohlhabende, bürgerliche Verhältnisse schließen lässt. Die Familie versuchte sich offensichtlich möglichst rasch in die deutsche Kultur zu integrieren, wofür die deutschen Vornamen ihrer Söhne ein Beleg sind.

Der älteste Sohn Salomon Steinbock besuchte ab seinem sechsten Lebensjahr die Volksschule in Beiertheim. Mit dem Umzug in die Adlerstraße wechselte er auf die Uhlandschule in der Schützenstraße in der Südstadt. Von dort hatte er in seinem letzten Schuljahr 1936/37 noch in die zwangsweise eingerichtete Jüdische Schule in der Lidellstraße gehen müssen. Danach besuchte er vom 30. April 1937 bis zum 7. November 1938 die Pflichthandelsschule im Rahmen seiner Ausbildung bei Leopold Simon, einer Firma für „Eisen und Metalle“ in der Daxlander Straße 10. Diese Ausbildung musste Salomon abbrechen, da die Firma Leopold Simon als jüdische Firma aufgelöst wurde.
Von den anderen schulpflichtigen Kindern liegen keine Nachweise vor, vermutlich besuchten aber auch Karl und Siegfried die Uhlandschule und sicherlich ab 1936 die Jüdische Schule.

1935 wurde Moritz Steinbock wie vielen anderen jüdischen Handelsvertretern bzw. Handelsreisenden die Wander-Legitimationskarte entzogen und somit die Erlaubnis, dieser Erwerbstätigkeit nachzugehen. Im Adressbuch dagegen ist er noch bis 1937 als Kaufmann und 1938 als Handlungsreisender aufgeführt. Im selben Jahr kam auch der sechste und letzte Sohn Meier am 16. Februar zur Welt. Anders als die anderen fünf Kinder wurde Meier nicht in der elterlichen Wohnung, sondern in der Landesfrauenklinik geboren. Moritz Steinbock hatte jahrelang mit Weißwaren wie Bettwäsche, Unterwäsche und Handtüchern gehandelt. Da die Familie nun kein Einkommen mehr hatte, war die Familie gezwungen, um Teilnahme am Sozialprogramm der Jüdischen Schule – die die jüdische Kinder der Volksschulen seit 1936 zwangsweise besuchen mussten – um das so genannte Milchfrühstück für Karl, Siegfried und Philipp zu bitten.

1939 erscheinen die Steinbocks unter dem Namen des Familienoberhaupts Moritz das letzte Mal im Karlsruher Adressbuch. Jedoch war Moritz Steinbock da bereits „im Zuge der „Polenaktion“ am 28. Oktober 1938 bloß mit einem „Handkoffer mit dem Nötigsten“ abgeschoben worden. Diese war der „Reichskristallnacht“ vom 9./10. November vorausgegangen. Die „Polenaktion“ stand im Zusammenhang eines polnischen Gesetzes, das in Polen am 13. März 1938 verabschiedet worden war, welches es dem Land ermöglichte, allen polnischen Staatsbürgern, die länger als fünf Jahre ununterbrochen im Ausland gelebt hatten, die polnische Staatsbürgerschaft zu entziehen. Diese Maßnahme wurde Anfang Oktober 1938 das erste Mal umgesetzt, woraufhin der Chef der deutschen Sicherheitspolizei, Reinhard Heydrich, etwa 17.000 Juden „polnischer Herkunft“ verhaften und an die deutsch-polnische Grenze abschieben ließ.
Die meisten der nach Polen Abgeschobenen, aus Baden Männer zwischen 16 und 60 Jahren, wurden nicht nach Polen hineingelassen und nicht nach Deutschland zurückgelassen, so lebten sie sozusagen im Niemandsland an der Grenze. Sie kamen schließlich fast alle in das provisorisch errichtete Lager im Grenzstädtchen Zbąszyń (deutsch: Bentschen), so nachweislich auch Moritz Steinbock. Hier mussten die Männer abwarten, wie über ihr Schicksal bestimmt wurde. Einerseits in diplomatischen Verhandlungen, andererseits im Abwarten, ob sie zu irgendwelchen Familienangehörigen in Polen gehen dürften, wozu sie die Erlaubnis einholen mussten.

Nach der Abschiebung ihres Mannes 1938 wurden die in Karlsruhe zurückgebliebene Cyrel Steinbock und ihre Kinder von der Gestapo überwacht, um Druck auf diese Zurückgebliebenen auszuüben, ebenso wie ihre Ehemänner bzw. Väter Deutschland zwangsweise zu verlassen.
Das britische Parlament hatte nach den Berichten über den während der Reichspogromnacht stattgefundenen Terror beschlossen, jüdische Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre aus Deutschland aufzunehmen, um sie entweder bei Verwandten, bei Pflegefamilien oder in Kinderheimen vor weiteren Ausschreitungen zu schützen. Bis zum Kriegsbeginn 1939 gelangten so etwa 10.000 Kinder mit dem sogenannten Kindertransport auf die Insel in Sicherheit. Cyrel Steinbock konnte so noch bevor sie selbst Deutschland verlassen musste, ihren ältesten Sohn Salomon einem solchen „Kindertransport“ anschließen. Warum nicht auch die 12 und 15 Jahre alten Kinder Siegfried und Karl wie Salomon mit einem Kindertransport in Sicherheit gebracht werden konnten, ist unklar. Cyrel hingegen verließ im Frühjahr 1939 das Land, in dem sie fast 30 Jahre gelebt hatte unter dem stetigen Druck des Regimes und ging mit ihren ein bis 14 Jahre alten Kindern Karl, Siegfried, Philipp und Meier nach Polen.

In Polen war die Familie bis auf den nun in England lebenden Salomon „wiedervereinigt“, denn Moritz Steinbock war nach der Zeit in Bentschen in die Großstadt Lemberg (Lwow) ganz im Osten von Polen, unweit der Herkunftsorte der beiden Eheleute gegangen. In dieser Großstadt war fast ein Drittel der Einwohnerschaft jüdisch.

Ihre Situation war schlecht. Sie lebten zunächst in ärmlichen Verhältnissen zu sechst in einer 2-Zimmer-Wohnung. Wie schlecht, das zeigen Briefe aus einer inzwischen völlig veränderten Situation. Am 1. September 1939 hatte das Deutsche Reich Polen den Krieg erklärt und binnen weniger Wochen erobert. Nach Lemberg allerdings kam die deutsche Wehrmacht nicht. Diesen Teil Polens hatte der Deutsch-Sowjetische Nichtangriffspakt („Hitler-Stalin-Pakt“) vom 23. August 1939 mit seinem Zusatzprotokoll als sowjetisch zu annektierendes Gebiet vorgesehen. So rückte die Rote Armee am 22. September 1939 in die Stadt ein und verleibte sie in die Ukrainische Sowjetrepublik ein. Von den daraufhin einsetzenden politischen Säuberungen gegen staatstragende polnische Personen sowie gegen polnische und ukrainische Nationalisten war die Familie Steinbock nicht betroffen. Ihre schlechten persönlichen Lebensumstände gehen aber aus Briefen an den in England lebenden Sohn Salomon hervor. Der Briefverkehr zwischen der Sowjetunion und England war möglich, jedoch mit langen Verzögerungen verbunden. Zwischen 1940 bis Anfang 1941 gingen acht Briefe an Salomon in England. Der lebte in einem Heim, wo er zur Landarbeit herangezogen wurde. Am 2. Februar 1940 schrieb Cyrel Steinbock, dass sie lange nach einer Bleibe hatten suchen müssen und dass sie zusammen mit den vier Kindern in einer Zweizimmerwohnung hausten. Im Brief vom 5. April 1940 schrieb die Mutter, es ginge ihnen gut, aber sie hätten „kein Geschäft und Einkommen“. Immer wieder bat sie ihren Sohn, Kleider zu schicken. Wie der noch nicht einmal 18-Jährige darauf reagierte ist aus den von ihm später gemachten Angaben nicht zu entnehmen. Er muss wohl überfordert gewesen sein. Im letzten Brief vom 23. Januar 1941 schreibt die Mutter ihm, dass sein Bruder Karl in einer Konditorei eine Lehre mache, dass ihm jedoch Anziehsachen fehlten, verbunden mit der Bitte, er möge etwas aus England schicken
„Es ist schön, wenn es Dir möglich ist,
wenn Du eine Knickebocker entbehren kannst und
noch ein paar Sachen von Dir.“

Und weiter schreibt sie, sein anderer Bruder Manfred sei krank gewesen, und dass er deswegen vier Wochen im Krankenhaus gelegen habe. Diesen letzten Brief erhält Salomon nach sieben Monaten, nämlich Mitte August 1941.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Situation katastrophal verändert. Am 22. Juni 1941 hatte Deutschland Sowjetrussland überfallen und war rasch militärisch vorgedrungen. Bereits am 30. Juni 1941 hatten deutsche Truppen Lemberg eingenommen. Daraufhin folgte unmittelbar der Terror gegen Juden durch die in der Stadt stationierte Einsatzgruppe zur besonderen Verwendung unter SS-Oberführer Karl Eberhard Schöngarth in Verbindung mit ukrainischen Nationalisten. In den ersten drei Tagen der deutschen Besatzung wurden so bereits 3.000 Juden erschossen.
Über den Verbleib von Moritz und Cyrel Steinbock mit dem 14-jährigen Siegfried, dem 13-jährigen Karl, dem 9-jährigen Philipp und dem 3-jährigen Meier ist ab dem letzten erwähnten Brief nichts mehr gesichert. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion erhielt Salomon nie wieder ein Lebenszeichen seiner Familie. Von ihr fehlt seitdem jede Spur.

Möglich ist, dass sie unter den Ermordeten der ersten Tage und Wochen gewesen sind. Sehr unwahrscheinlich hingegen ist, dass ihnen die Flucht vor den deutschen Truppen gelungen sein könnte, denn diese waren zu rasch vorgedrungen und zu größeren zivilen Fluchtbewegungen war es erst gar nicht gekommen. Im November 1941 wurde das Juden-Ghetto in Lemberg mit ca. 150.000 Bewohnern eingerichtet, bei dem während des „Umzuges“ dorthin schon tausende Juden erschossen wurden und aus dem seit Frühjahr 1942 die Todestransporte vor allem nach dem Vernichtungslager Belzec gingen. Bevor 1943 die Auflösung erfolgte, hatte es immer wieder im Ghetto selbst Massentötungen gegeben.

Da der Todeszeitpunkt aller Familienmitglieder nicht festzustellen war, wurde er formal für die so genannte Wiedergutmachung nach 1945 amtsgerichtlich auf den 8. Mai 1945 festgelegt.

Nachtrag zu Salomon Steinbock
Ein großer Teil von Salomons Leben ging aus den genannten Wiedergutmachungsakten hervor. Nach der Besatzung konnten Verfolgte des NS-Regimes seit 1947 einen Wiedergutmachungsantrag stellen.
Daraus erfahren wir, dass Salomon im Anschluss an das Heim mit Landarbeit eine Förderschule absolvierte, anschließend als Versicherungsangestellter einer Londoner Firma arbeitete. 1958 war Salomon dann als Radioingenieur tätig, gibt allerdings später an, Kaufmann zu sein. Welche Arbeit er letztendlich ausgeübt hat, bleibt ungewiss. Weiterhin gibt er zum Zeitpunkt der Antragstellung an, staatenlos zu sein und zu diesem Zeitpunkt verheiratet zu sein und drei Kinder im Alter von zehn, sieben und drei Jahren zu haben.
Salomon füllte schließlich zwei getrennte Anträge auf Wiedergutmachung für seine beiden Eltern aus. Für seine Mutter Cyrel stellte er einen Wiedergutmachungsantrag auf Schaden an Leben, Schaden an Körper und Eigentum und Vermögen.
Ab hier enden die Spuren der Familie Steinbock in den deutschen Archiven, über Salomon Steinbocks weiteres Leben ist nichts bekannt.

(Noemi Szalavetz und Nathalie Müller, Sekundarstufe II Goethe-Gymnasium, November 2016)



Quellen und Literatur:
ITS Arolsen, Gestapo Ordner 26, V.C.C. 155/XIII (in STAK 8/StS 34/136).
Josef Werner S. 489;
Generallandesarchiv Karlsruhe 480/23082, 24861, 29891.
Jüdische Schule Stadtarchiv Karlsruhe 8/StS 34/145, Blatt 73, 125, 171.
Israelitisches Gemeindeblatt Ausgabe B, 8.12.1937 (StadtAK 8/StS 34/179).
Polenabschiebung: ITS Arolsen VCC 155/XII Ordner 26 (in StadtAK 8/StS 34/136).
Zbaszyn-Registrierung: ITS Arolsen Gruppe PP Ordner 702, S. 333 (in StadtAK 8/StS 34/138).
Louis Maier: Schweigen hat seine Zeit, Ubstadt-Weiher 2000, S. 86 und 90 (Klassenfoto).
https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/zwangsausweisung.html.
http://judentum.net/kultur/kindertransporte.htm.
https://www.thegazette.co.uk/London/issue/41227/page/6631/data.pdf).