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Johanna Borgenicht, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Johanna Borgenicht

Nachname: Borgenicht
geborene: Levy
Vorname: Johanna
Geburtsdatum: 18. Januar 1870
Geburtsort: Essingen/Landau (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Eltern: Joseph und Amalia, geb. Klein, L.
Verwandtschaftsverhältnis: Ehefrau von Mayer B.;

Mutter von Amalie Tint, geb. B. (1901-1945), Manfred (1902-1903) und Nathan Jacob (1904-1904);
Adresse: 1919-1938: Kaiserallee 75
1939: Gartenstr. 11
1940: Karl-Friedrich-Str. 16, (bei der Israelitischen Religionsgesellschaft)
Schule/Ausbildung: Volksschule
Beruf: Näherin
Kauffrau
Fabrikantin (Herstellung von Feuerwerkskörpern)
Handelsvertreterin
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
Sterbedatum: 11. Oktober 1941
Sterbeort: Gurs (Frankreich)

Biographie

Mayer Borgenicht und Johanna geborene Levy


Mayer Borgenicht
Mayer (Max) Borgenicht kam am 29. Dezember 1875 in Rajbrot, Kreis Bochnia in West-Galizien im damaligen Österreich-Ungarn zur Welt. Das Dorf liegt etwa 50 km südöstlich von Krakau. Mit dem traditionellen Vaternamen, mit dem ein männlicher Jude zur Torah aufgerufen wird, den Ehevertrag unterschreibt oder zu Grabe getragen wird, hieß er Me'ir ben Natan. „Majer“ oder „Mayer“ sind volkssprachliche Formen des hebräischen Namens. Den Namen Max scheint er selbst nicht verwendet zu haben, dieser findet sich in Akten und Gedenkblättern.

Da die Eltern offenbar rituell, aber nicht standesamtlich verheiratet waren, steht das Kind in seinem polnisch- und deutschsprachigen Geburtsschein aus Rajbrot etwas widersprüchlich als „Neumann Mayer, nieślubny” („unehelich”), darunter die Namen seiner Eltern: Natan Neumann und Rechel Borgenicht. Mayer selbst scheint immer den Familiennamen der Mutter geführt zu haben. Genauso ein jüngerer Bruder, Hermann Tsvi Borgenicht, geboren am 4. Januar 1882 ebenfalls in Rajbrot. Eventuelle weitere Geschwister ließen sich nicht feststellen.

Der Name Borgenicht ist einer der von K.u.K.-Beamten in Galizien Ende des 18. Jahrhunderts verordneten Familiennamen. Namen wie Diamant, Perlman, Reinherz oder Rosenzweig mussten bei korrupten Beamten bezahlt werden, Willkür- und Spottnamen gab es für die Armen, so schildert es z.B. der Schriftsteller K.E. Franzos in seinen „Namensstudien“ (1888). Auslöser war das von Kaiser Joseph II. erlassene Edikt betreffend verbindliche Annahme deutscher Vor- und Familiennamen durch Juden vom 23. Juli 1787. Juden sollten im Zuge der Emanzipation dem allgemeinen Namensrecht unterworfen sein; vorgeschrieben waren ursprünglich ausschließlich biblische Namen. Unverkennbarer Nebeneffekt war, dass die Juden gekennzeichnet – oder auch gebrandmarkt werden sollten. Auch wenn krasse Ekelnamen oft später wieder abgelegt werden konnten, finden sich in der Yadvashem-Datenbank der Shoah-Opfer noch Beispiele wie Nirensztein und Aftergut. Der Satzname Borgenicht ist gebildet wie Habenichts, Fürchtegott oder Bleibtreu. Das Wörterbuch von J. C. Adelung (1811) erläutert: „Ich borge nicht, ich gebe keine Waaren ohne bare Bezahlung weg“. Grimms Wörterbuch, Bd. 2 (1860) sagt: „ich borge nicht, gebe nicht auf credit.“ Der Feuilletonist des Mährischen Tagblatts vom 10. Mai 1916 schildert in einem „Galizischen Kulturbild“ die historische Situation. Unter den Namen, für die er Belege kennt, sind zahlreiche, die sich auf den Beruf des Trägers beziehen, z.B. „haben wir […] in Krakau […] einen Schnapsschänker 'Borgenicht'“. Der Name wird aber spätestens dann seltsam geklungen haben, wenn der Träger vom Handel auf Abzahlung lebte, einem bei den osteuropäischen Juden überaus wichtigen Erwerbszweig.

Über Mayers Schulbildung ist nichts bekannt. In der Krakauer Volkszählung 18901 findet sich der Fünfzehnjährige als „Praktykant w aptece“, Lehrling in einer Apotheke.

Bevor Mayer am 1. Oktober 1899 nach Mannheim, E 3, 6 zuzog, hatte er beim Militär der Donaumonarchie in Krakau gedient, so steht es im Familienbogen bei den Mannheimer Meldeunterlagen.2 Seine Einheit war das überwiegend aus der polnischsprachigen Bevölkerung rekrutierte K.u.K. Galizische Infanterie-Regiment Nr. 13. In dem selben Dokument ist Mayers ziviler Beruf als selbstständiger „Colporteur“ angegeben, d.h. Austräger von in einzelnen Lieferungen erscheinenden Büchern oder abonnierten Zeitschriften.

Um die Jahrhundertwende war seine Mutter Rechel in Frankfurt am Main zu Hause, so zeigt es der Mannheimer Heiratsregisterteintrag vom 22. November 1900. An diesem Tag heiratete Mayer nämlich in Mannheim:

Johanna Borgenicht, geborene Levy
Es schlossen die Ehe:
„Mayer Borgenicht, lediger Buchhändler, geboren 29. Dezember 1875 in Rajbrot, Bezirkshauptmannschaft Bochnia, Sohn der Rechel Borgenicht, jetzt verehelichte Neumann, und die ledige Johanna Levy, geboren am 18. Januar 1870 in Essingen, Bezirksamt Landau, bayerische Pfalz, wohnhaft in Neustadt an der Haardt. Tochter des Eisenhändlers Josef Levy wohnhaft in Neustadt und dessen verstorbener Ehefrau Amalia geborene Klein, zuletzt wohnhaft in Neustadt. Zu Zeugen wurden hinzugezogen: Rabbiner Josef Ziegler, 52 Jahre alt, wohnhaft in Mannheim, und der Hilfsdiener Carl Menke […]“3

Heute gehört das Dorf Essingen zu Offenbach an der Queich, Kreis Südliche Weinstraße. 1875 zählte die Essinger Israelitische Gemeinde immerhin 217 Familien. Der zugehörige Verbandsfriedhof am Ortsrand mit Grabsteinen bis zurück in das frühe 17. Jahrhundert ist der größte heute erhaltene jüdische Friedhof der südlichen Pfalz. Der Begräbnisplatz mit einem alten und einem neuen Gräberfeld wurde 1928 in großem Umfang geschändet. Die schäbige Tat ging durch die Presse und wird Johanna Borgenicht und ihre Geschwister schmerzlich berührt haben, denn dort sind zumindest mütterlicherseits auch ihre Vorfahren begraben4.

Die Eheschließung der Eltern Levy ist im Standesregister von Essingen am 11. März 1862 verzeichnet. Beim Bürgermeister und Zivilstands-Beamten waren erschienen:
„Joseph Levy, Handelsmann, neun und zwanzig Jahre, vier Monate und fünfzehn Tage alt, ledig, großjährig, zu Reilingen, Bezirksamt Schwetzingen im Großherzogtum Baden wohnhaft, daselbst geboren, laut vorgelegter Geburts-Urkunde, Sohn der zu gedachtem Reilingen wohnenden Eheleute Jacob Levy, Handelsmann, drei und siebenzig Jahre alt und Sara Sinauer, zwei und sechzig Jahre alt, einerseits, und Amalia Klein, ohne Gewerbe, drei und zwanzig Jahre, sechs Monate und drei Tage alt, ledig, großjährig, zu Essingen wohnhaft und daselbst geboren, laut vorgelegter Geburts-Urkunde, Tochter der zu Essingen wohnenden Eheleute Lazarus Klein, Handelsmann, ein und fünfzig Jahre alt, und Esther Gall, sieben und vierzig Jahre alt, anderseits.
Die Eltern der Brautleute sind hier zugegen und geben zu dieser Verehelichung ihre Einwilligung. […]“.5

Am 31. März 1864 nachts um 1 Uhr wurde in Essingen das erste Kind von Ehepaar Levy geboren, Jakob. Johannas Geburt am 18. Januar 1870 war wiederum „um 1 Uhr des Nachts“6. Am 21. Dezember 1871 kam Ernestine zur Welt. Ob es noch weitere Geschwister gab, ist unklar.

Johanna Levy ging zur Volksschule und arbeitete vor der Ehe als Näherin.

Das erste Kind des jungvermählten Ehepaars Borgenicht-Levy war die am 20. Oktober 1901 in Mannheim geborene Tochter Amalie (Mally).

Anders als die bayerische Staatsangehörige Johanna war Mayer zunächst österreichischer Nationalität und trat auf eigenen Antrag am 21. August 1902 in den badischen Staatsverband ein. In Mannheim betrieb das Ehepaar Borgenicht eine Papierwarenproduktion samt -handel („Spezialität: Düten und Beutel, Ansichtskarten, Gratulationskarten, imitierte Pergament-, Pergamyn-, Druck- und Packpapiere, Briefumschläge etc.“). Daneben bestand eine Agentur für den Alleinvertrieb bestimmter Haushalts- und Modeartikel.

Zwei weitere Kinder des Ehepaars Mayer und Johanna Borgenicht kamen in kurzer Folge in Mannheim zur Welt: Manfred (Moshe Jehuda) wurde am 11. Oktober 1902 geboren und starb am 31. August 1903.7 Nathan Jacob wurde am 25. Januar 1904 geboren und starb am 4. August des selben Jahres.8 Nathan trug den Namen des Großvaters väterlicherseits; daran wird deutlich, dass Mayers Vater Natan Neumann damals bereits verstorben war. Die Grabsteine der beiden Kleinkinder stehen auf dem Jüdischen Friedhof am Hauptfriedhof in Mannheim. Die Kindersterblichkeit war damals – besonders bei ärmeren Familien – viel höher als heute.

Wenige Tage nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs besagt der im „Karlsruher Tagblatt“ vom 24. August 1914 mitgeteilte Eintrag im Handelsregister Mannheim für das „Mannheimer Luxuspapier-Versandhaus Joseph Borgenicht“: „Die Prokura des Mayer Borgenicht ist erloschen, Die Firma ist erloschen.“9 Ob Joseph ein weiterer Bruder von Mayer war oder um wen es sich hier handelt, war nicht herauszufinden. Dass Mayer mit seinen noch nicht ganz 39 Jahren nun zum Kriegsdienst eingezogen wurde, ist denkbar, aber nicht belegt.


Familie Borgenicht in Karlsruhe
Um 1918/19 meldete sich die dreiköpfige Familie aus Mannheim nach Karlsruhe ab. Der Name Mayer Borgenicht taucht das erste Mal im Herbst 1919 im Karlsruher Adressbuch auf, und zwar mit Wohnung in der Kaiserallee 75, und so fortlaufend bis Herbst 1938.10 Im selben Haus, ein Stockwerk höher war anfangs auch Johannas Bruder, der Kaufmann Jakob Levy mit Familie zu Hause. Während viele zugewanderte Juden mit ihren Familien sich in wechselnden Unterkünften im Dörfle oder der Südstadt einrichten mussten, ist der Umstand bemerkenswert, dass die Borgenichts die gesamte Zwischenkriegszeit in der gediegen-bürgerlichen Weststadt leben konnten – das dreistöckige Haus nahe der Ecke Yorckstraße steht noch heute.

Im Handelsregister wurde bereits am 28. Januar 1919 die Firma „Pakuv, Papier- und Kurzwaren-Vertriebsgesellschaft mbH“ mit Sitz in Karlsruhe eingetragen, so im „Karlsruher Tagblatt“ vom 2. Februar 1919 veröffentlicht. Die zwei Geschäftsführer waren Mayer Borgenicht und ein Gustav Dörseln aus Rastatt.11

Das wirtschaftliche Auskommen der Familie war offenbar nur durch hohe Flexibilität und Diversifizierung – immer neue Produkte und Geschäftsfelder – zu sichern. Firma Pakuv wirbt in der Badischen Presse vom 4. Februar 1919 unter der Überschrift „Sehr wichtig“:

„Wenn Sie am Platze billig und gut kaufen können, sparen Sie Zeit, Geld und Unannehmlichkeiten, darum empfehlen wir Ihnen, kaufen Sie bei Pakuv, da werden Sie gut und billig bedient. Bei Gross-Einkauf zu Fabrikpreisen. Da wir Generalvertrieb für Süddeutschland in verschiedenen Markenartikeln, eigene sowie fremde patentierte und ges. gesch. Neuheiten wie untenstehend grosses Lager haben und auch lizenzweise Vertretungen vergeben. Einrichtungen von Papier-, Kurz-, Galanteriewarengeschäften, Bureau-Einrichtung u.s.w.
Abt. 1: Briefmappen, Briefumschläge, Durchschlag-, Kohle-, Schreib-, Pack-, Einwickel-, Pergament-, Pergamyn-Papiere, Karten-, Blumen- und Seidenpapiere, Papierservietten, Tischtücher, Läufer und Papiergewebe. Wellpappe und Lieferung von Kartons nach Bestellung. Zigarrenbeutel und Düten. Ansichts-, Blumen- und Serien-Postkarten, auch Ansichten mit eigenen Aufnahmen.
Abt. 2: Kurz- und Galanteriewaren. Gute Einkaufsquelle für Händler und Hausierer. Holz- und Hornkämme. Taschen- und Wandspiegel. Rasierapparate und -klingen. Solinger Stahlwaren wie Taschenmesser und Bestecke. Taschenfeuerzeuge. Hosenträger. Taschenlampenhülsen. Glühbirnen. Stets großes Lager in frischen Taschenlampen-Batterien. Bart-, Haar-, Zahn-, Auftrag-, Schmutz- und Wichsbürsten. Haarwasser, Zahnpasta, Zahn- und Rasierpulver. Brieftaschen, Portemonnaies u.s.w.
Abt. 3: Schuhkreme und Klebstoff. Bekannte und beliebte Marken. Hermanda „Novum“ Edelglanz in schwarz, gelb und weiss. Heinzelmännchen-Lederfett in Dosen und Eimern. Henkels Klebstoff, Kaltleim, Leder- und Porzellankitt. Schnürsenkel in Leder, Baumwolle und Papier. Waschpulver.
Abt. 4: Neuheiten wie Alarm-Apparate zum Schutze gegen Einbruch und Diebstahl. Verkaufspreis a 1.-, 2.- und 3,- Mk. Per Stück. Neueste, praktische und billige Dauerlichter.
Deutsche Kriegsanleihen werden zum Tageskurs in Zahlung genommen.
Pakuv Papier- und Kurzwaren-Vertriebs G.m.b.H. Karlsruhe, Kaiserstr. 14a, Fernsprecher 3955, Telegrammadresse: Pakuv.“12

Im Adressbuch 1920 (Stand Herbst 1919) ist Pakuv das erste Mal an der Adresse Kaiserstraße 14a parterre erwähnt. Das heute verschwundene Mietshaus stand zwischen dem Eckgebäude zur Waldhornstraße (Nr. 16) und dem an die Englerstraße grenzenden Alten Brauhaus Hoepfner (Nr. 14). Die 14a war die Osthälfte eines vierstöckigen Wohn- und Geschäftshauses, einschließlich Rückgebäude. Nr. 12 ist das von Heinrich Hübsch entworfene Hauptgebäude der Technischen Hochschule, heute K.I.T., Campus Süd. Eigentümer des Hauses 14a war seinerzeit Heinrich Rosenberg, Privatier. In den Räumen parterre arbeitete vor „Pakuv“ eine Zigarettenfabrik Gebrüder Birnbaum.13

In der „Wiener Zeitung“ vom 28. März 1897 und noch im Krakauer Geschäfts-Adressbuch von 1925 findet sich in einem Vorort von Krakau das Dampfsägewerk von Kiwa Izaak Borgenicht und Wolf Apte, das auch Holzwolle und Cellulose erzeugte – vielleicht ein Verwandter und Lieferant für „Pakuv“.

Neben den Papier- und Kurzwaren wurden etliche andere Geschäftszweige aufgegriffen und wieder verworfen. Die „Badische Presse“ bringt am 12. April 1919 dieses Inserat: „Wir suchen einen Elektrotechniker, der nach Geschäftsschluß die Anfertigung eines gesetzlich geschützten Artikels übernimmt. Pakuv […]“14 und am 12. Mai 1919: „Einen tüchtigen Stadtreisenden sucht „Pakuv“ […]“15 Am 17. Mai 1919 lesen wir: „Gelegenheits-Kauf! Eine größere Partie bestbewährter Kochkisten und Essentragkocher von 10-17,50 Mk. Anstatt wie früher 30-45 Mk. Ist wegen Aufgabe der Fabrikation zu verkaufen. Pakuv […]“16 Am 24. Mai 1919 wird inseriert: „Hausierer decken ihren Bedarf in Schnürsenkel und Schuhriemen, darunter eigene Fabrikation, ebenso sonstige gewinnbringende, geschützte Neuheiten wie auch sämtliche Kurz- und Papierwaren, Schuhcreme, bekannte Marken bei „Pakuv“ […]17 “ Am 30. Oktober 1919 erscheint: „Schreibmaschine mit Sichtschrift, neueres System, zu kaufen gesucht. Pakuv […]“18. Bei älteren Schreibmaschinen zeigte das Geschriebene nach unten (Unteraufschlag), erst ab etwa 1880 kamen Maschinen auf, bei denen das Getippte direkt sichtbar war.

Am 16. Dezember 1919 heißt es wiederum in der „Badischen Presse“: „Wer liefert ca. 10000 Brettchen 10x15 cm und 12 mm stark. Angebote an Pakuv […]“19. Die Firma inseriert am 25. Februar 1920: „Jüngere Arbeiterinnen für leichte Arbeit sofort gesucht. Pakuv […]“20 und am 6. Mai 1920: „Für Wahlzwecke! Einige Millionen Briefumschläge billig abzugeben. Pakuv […].“21 Am 8. Mai 1920 ist zu lesen: „Magazin suchen in allernächster Nähe unserer Geschäftsräume, evtl. auch in der Waldhornstraße, per sofort zu mieten. Pakuv […]“22 Schließlich am 7. Juni 1920: „Zum sofortigen Eintritt perfekter Stenotypist(in) gesucht. Pakuv“23. Für einen so breit aufgestellten Handel wie bei Pakuv bedurfte es einer ausgedehnten Korrespondenz.

Am 8. Januar 1921 erscheint: „Wegen Aufgabe nachstehender Artikel verkaufen wir billigst: Schuh-Creme in Partie und Ausschuß zu M 3,- bis 4,- per Dutzend Schachteln; Blech-Esslöffel zu M 3,- und 4,- per Dutzend; Rasiermesser a M 10,- per Stück; Holz- und Hornkämme in Partie und Ausschuß. Pakuv […]“24 und am 20. Januar 1921: „Wegen Raummangel offerieren wir große Quantitäten Einwickel-, Abzug-, Durchschlag-, Kohle- und Packpapiere, sowie Briefumschläge. Pakuv […].“25

Am 17. März 1921 wird geworben: „Vorteilhaftes Angebot. Decken Sie Ihren Bedarf, bevor die neuen Frachtgebühren in Kraft treten. Wir verkaufen außerordentlich billig: Packpapier in Bogen u. Rollen, Einwickel- und Seidenpapier, Druckpapier und weiße Cellulose, Briefumschläge, Briefpapier in Mappen, Billetpapier, Kassetten, leere Briefmappen, Papierservietten, Tischtuchläufer, Kohlepapier, Durchschlag, Krepprollen. Papierbeutel, Papierkordel, Adressenblocks, Anhängeetiketts, Siegellack, Packlack, Schrankspitzen, Radiergummi, Federhalter u.s.w. Pakuv […]“26 und am 8. November 1921: „Achtung Marktreisende!!! Wegen Aufgabe der Kurzwaren verkaufen wir billigst: ca. 2000 Dtzd. Blechlöffel, v. Dtzd. Mk 2,50; 10 Dtzd. Zigaretten-Etuis; 100 Dtzd. Horn- und Holzstaubkämme, Partie; 20 Dtzd. Kinderhauben; 50000 Briefmappen 5/5 usw. Pakuv […]“27

Eine neue Sparte zeigt das Inserat in der „Badischen Presse“ am 7. Dezember 1921: „Feuerwerkskörper, Silvester-Scherzartikel und Christbaum-Dauerkerzen offeriert Pakuv G.m.b.H. Neuheitenfabrik, […] Preisliste zu Diensten.“28

Am 25. März 1922 erscheint folgendes Angebot: „Wir offerieren so lange Vorrat reicht![…] 100000 Geschäftsbrief-Umschläge, Ausschuss […] 10000 Druckpapier-Rollen, 24[m]x100cm breit […] 900 kg Papierkordel 3mm auf 450g Knäuel […] 40000 Blechdosen, dreieckig, 20 hoch, 75 Durchmesser, 125 lang […] ca. 1 1/2 Millionen Blatt Durchschlagpapier, weiß Seide (Folio, Quart) […] „Pakuv“ […]“29

Laut Adressbüchern 1921 und 1922 gehörte das Gebäude Kaiserstraße 14a für kurze Zeit der Gesellschaft „Pakuv“. Offenbar hatte das Geschäft in den ersten Jahren der Weimarer Republik – vor Inflation und Weltwirtschaftskrise – eine gewisse Liquidität erreicht. Ein solcher Zustand konnte damals aber selten von Dauer sein.

Es gab gravierende Rückschläge. Das „Karlsruher Tagblatt“ meldet am Sonntag, dem 21. Januar 1923:
„In den Magazin- und Büroräumen der Firma 'Pakuv', Kaiserstr. 14a, ist am Freitag abend 10:30 Uhr Feuer ausgebrochen, das bereits den Dachstuhl erfasst hatte, als die herbeigerufene Feuerwache sowie die sofort alarmierte erste Kompagnie der Freiwilligen Feuerwehr gleichzeitig das Feuer von der Kaiser- und der Englerstraße mit drei Schlauchleitungen angriffen. Nur der angestrengten Tätigkeit ist es zu verdanken, daß das Feuer bald auf seinen Herd beschränkt wurde. […] Um halb 1 Uhr konnte die Feuerwehr wieder abrücken.30

Ob es sich um Brandstiftung während der Geschäftsruhe handelte – es war ja Schabbat – ist nicht belegt. Eigentümer des Hauses Kaiserstraße 14a war mittlerweile der Kaufmann Josef Rupp. Die Firma Pakuv war jetzt im Hintergebäude und teilte sich dort das Erdgeschoss mit einer Nachbarwohnung.

Zwischen 1920 und 1924 taucht auch mehrfach im Adressbuch Johanna Borgenicht an der Adresse Kaiserstraße 79 mit einem Schreibwarengeschäft – offenbar in Untermiete – auf. Das Haus gehörte „Julius Weinheimer Wwe“, d.h. Fanny Weinheimer, geborene Homburger (1853-1933).

Die Zeit vor und nach der Hyperinflation (Herbst 1923) war besonders schwierig. Im Januar/Februar 1924 ist die „Pakuv Papierwaren- und Neuheiten-Fabrik m.b.H.“ laut Adressbuch in der Moltkestraße 8 (korrekt vermutlich aber Nr. 81),31 Geschäftsführer war nach wie vor Mayer Borgenicht, „Prokurist: Frau Mayer (Joh.) Borgenicht“. Im Haus gab es auch eine Dampfobstbrennerei Theodor Billigheimer. Ende 1924 gibt das Adressbuch32 den Sitz der Firma Pakuv mit Moltkestraße 81 an, parterre neben Strickwarenfabrik Köhler, in einem Haus nahe der Kreuzung Blücherstraße.

Die „Badische Presse“ vom 14. Juni 1925, Abendausgabe, berichtet in einer Beilage zur „Internationalen Polizeitechnischen Ausstellung“: „Erwähnt seien […] von weiteren Karlsruher Firmen M. Borgenicht mit Büromaschinen […] sowie Ferdinand Marum mit Sicherheitsschlössern“.33 Im Adressbuch 1926 heißt es nur noch unter der Wohnadresse Kaiserallee 75: „Schreibmaschinen, Papierwaren, Feuerwerk“; der Firmenname Pakuv taucht nicht mehr auf. In der Kaiserstraße 14a sind inzwischen andere Mieter.

Am 14. September 1926 erscheint diese Anzeige in der „Badischen Presse“: „Selbstständige gute Existenz! Für gewinnbringende und zugkräftige Neuheiten allerorts Generalvertreter und Vertreter gesucht. Als Generalvertreter kommen nur Reflektanten mit etwas Barkapital für Auslieferungslager in Frage. Persönliche Vorstellung Mittwoch, den 15. […] bei M. Borgenicht, Kaiserallee 75“34 und am 14. März 1926: „Vertreter gesucht! Für einen in jedem Haushalt unentbehrlichen Massenartikel suche ich Vertreter und Vertreterinnen gegen hohe Provision evtl. auch Garantiegehalt. Meldungen bei Borgenicht, Lessingstr. 3, Montag […]“35 Das Haus an der Geschäftsadresse Lessingstraße 3 gehörte der Frau des Kaufmanns Adolf Kotljar. Mit im Haus war der Kaufmann Max Malachowski gemeldet.

Am 29. Juni 1926 wird ein weiteres Geschäftsfeld vorgestellt: „Zu kaufen gesucht: 2 Villen, 2 sofort beziehbare Häuser mit Magazinen, 2 Zigarren-Geschäfte, 1 Kolonialwarengeschäft. Gesucht: Hypothekengelder auf erste Hypotheken und sonstige Sicherheiten. Zu vermieten: 3 Magazine und Büros, 2 Auto-Garagen, 2 Lagerräume. Immobilien-Finanzierung M. Borgenicht, Kaiserallee 75“36 und am 27. September 1926: „Zu verkaufen: 1 Pferd, 2 Landauer nebst Futtervorräte. Zu erfragen M. Borgenicht, Kaiserallee 75“.37

Am Neujahrstag 1927 inseriert Mayer Borgenicht in der „Badischen Presse“: „Kranke + Leidende: Keine verblendete Reklame, sondern vollendete Tatsachen stehen den Patienten nachweislich gegenüber, welche auf dem Weg des Naturheilverfahrens geheilt wurden. Die Behandlung geschieht nach Art der Homöopathie, Biochemie, Biologie, Magnetopathie, Augendiagnose. Ohne operativen Eingriff.
Ich behandle alle Krankheiten, wie Herz, Lunge, Leber, Magen, Darm, Nieren, Nerven, Ischias, Gicht, Rheumatismus, Gallenstein, Krebs, Hals-, Nasen-, Augen-, Ohrenleiden, Hautausschläge, Frauen- und Kinderkrankheiten usw. usw., das Abgewöhnen von Bettnässen, Schielen, Stottern, Trunk-, Spiel-, Rauchsucht, sowieso sonstige üble Gewohnheiten. Die Natur heilt Natur. Naturheilpraxis Dir. [sic] M. Borgenicht, Karlsruhe i.B., Kaiserallee 75, Haltestelle Yorckstraße. Telephon 5755. Sprechstunden täglich 8-12 und 2-6, Samstags 11-5, Sonntags 9-1. Auf Wunsch und Bestellung wird auch auswärts konsultiert.“38 Ab dem Adressbuch 1928 ist M. Borgenicht als „Naturheilkundiger“ verzeichnet, einige Male zusätzlich in der Rubrik „Magnetopathen“. Ab dem Adressbuch 1930 ist seine Frau Johanna als „Vertreterin“ aufgeführt. Alleinige Adresse ist die Kaiserallee 75. Am 18. Januar 1928 wird die heilkundliche Dienstbereitschaft sogar noch erweitert: „Stotterer: Sprechstunde für Stotterer jeden Montag und Donnerstag abend von 7-9 Uhr. Naturheilpraxis M. Borgenicht, Karlsruhe, Kaiserallee 75“.39

Am 20. Februar 1929 inseriert Johanna Borgenicht in der „Badischen Presse“: „Vertreter gesucht. Für verschiedene, leicht verkäufliche Haushalts-Gebrauchsartikel suche ich Vertreter und Vertreterinnen gegen hohe Provision evtl. Reisezuschuss nach Leistung. Joh. Borgenicht, Kaiserallee 75. Vorzustellen […] Freitags von 8-5 Uhr oder Sonntag bis 3 Uhr.“40

Am 25. Mai 1930 steht in der Badischen Presse: „Existenz ohne Kapital: Ich suche allerwärts Bezirksgeneralvertreter und Vertreter für eine Krankenunterstützungskasse, welche besondere Vorzüge hat: 1. Jedes Mitglied kann im Krankheitsfalle jeden Arzt oder Heilkundigen aufsuchen; 2. werden Personen bis um 65. Lebensjahre aufgenommen; 3. billige Beiträge und hohe Leistungen; 4. hohe Provision, die sofort ausbezahlt wird. Offerten an Subdirektion M. Borgenicht […] Kaiserallee 75“.41

Am 5. Juni 1930 werden in der „Badischen Presse“ sogar noch erweiterte Sprechzeiten bekanntgegeben: „Trunksucht, Rauch- und Spielsucht, wie Schielen und Stottern und sonstige üble Gewohnheiten. Behandlung Naturheilpraxis M. Borgenicht, Karlsruhe, Kaiserallee 75. Sprechstunden täglich von 8-6, Sonntags 9-3.“42 Am 20. November 1930 heißt es dann aber: „Sprechstunden-Änderung: Ich habe meine Sprechstunden auf Donnerstags und Freitags von 8-6 und Sonn- und Feiertags von 9-5 verlegt, an anderen Tagen nur in dringlichen Fällen. Auswärtige Konsultationen auf Wunsch. Ich behandle alle Krankheiten mit kleinen Ausnahmen durch Homöopathie. Biochemie, Kräuter. Magnetopathie. Psyche. Bestrahlung wie auch das Abgewöhnen von Trunksucht, Spiel- und Rauchsucht, Schielen, Stottern, Bettnässen, sonstige üble Gewohnheiten, seelische Depressionen, Geistesschwäche, Epilepsie usw.
Bin zugelassen zu einigen Privat-Krankenkassen. Mitglied des Reichsbundes deutscher Heilkundiger e.V. sowie des Zentralverbandes für Parität und Heilmethode e.V. Essen und Naturheilverein e.V. Karlsruhe. Honorar nach den Verbandssätzen. Naturheilpraxis M. Borgenicht, […] Kaiserallee 75 […]“43

Am 28. Dezember 1931 erscheint folgende Anzeige: „Scherzartikel und Feuerwerkskörper für Wiederverkäufer billigst. Joh. Borgenicht, Karlsruhe, Kaiserallee 75.III, Tel. 5755, Straßenbahnhaltestelle Yorckstraße.“44

Am 3. Juli 1932 lautet ein Inserat: „Naturheil-Praxis. Meine Sprechstunden sind geändert: Werktags 8-18 Uhr, Sonntags 9-15 Uhr, Samstags nur in dringenden Fällen. Behandle alle Krankheiten, auch chronische (Ausnahme lt. Gesetz 1, X, 27). Homöopathie, Biochemie, Kräuter, Erde, Bestrahlung, Magnetopathie und Abgewöhnen von Trunk, Rauchsucht, Bettnässen, Schielen, Stottern. Geringes Honorar von 2 Mk. Aufwärts. Arbeitslose und Unbemittelte in der Sprechstunde bis Widerruf frei. Auswärtige Konsultation auf Wunsch. M. Borgenicht Kaiserallee 75, […]. Zugelassen zu einigen Privat-Krankenkassen.“45

Für heutige Heilpraktiker mögen einige dieser Aussagen abstrus klingen – viele der genannten Behandlungsmethoden haben aber auch heute ihre Anhänger.

Die „Badische Presse“ berichtet am 4. Dezember 1934 von einem neuerlichen Unglück: „(Karlsruhe, 1. Dez.) Am Dienstagvormittag 11 Uhr 30 ereignete sich in einer Karlsruher Feuerwerkskörperfabrik in der Blücherstraße ein Explosionsunfall, der leicht hätte schlimmere Folgen haben können. Beim Füllen der Feuerwerkskörper kam aus bisher noch nicht aufgeklärten Ursachen die Pulverladung zur Entzündung und die dabei entstehende Stichflamme brachte dem Inhaber der Firma Borgenicht schwere Brandwunden im Gesicht und an den Händen bei. Auch die im Raum befindliche Angestellte trug Brand-Verletzungen an der Hand davon. Durch die Stichflamme wurden sofort weitere Feuerwerkskörper in Flammen gesetzt, sodaß die kurz darauf eintreffende Feuerwache zunächst die Fenster zertrümmern mußte, um dem dichten Rauchqualm, der den Raum füllte Abzug zu schaffen. Die Feuerwehr konnte nach kurzer Tätigkeit das Feuer eindämmen. Die beiden Verletzten begaben sich selbst nach dem städtischen Krankenhaus, wo ihnen erste Hilfe zuteil wurde.“46

Unter dem Namen von Johanna Borgenicht werden bis 1935 Feuerwerk und Scherzartikel annonciert.47 Ab Adressbuch 1937 findet sich im Adressbuch bei Mayer Borgenicht noch die Berufsbezeichnung „Heilgewerbetreibender“, 1938 nochmal der Zusatz „Naturheilpraxis“. Johanna Borgenicht steht in diesem Adressbuch ein letztes Mal mit dem Zusatz „Neuheitenfabrikation“, In den Adressbüchern 1939 und 1940 sind nur noch die Personennamen geblieben.

Mayer Borgenicht war Mitglied im orthodoxen Wohltätigkeitsverein „Dower Tow“, der Bedürftige unterstützte.48 Vielleicht war Ehepaar Borgenicht in den frühen 1930er Jahren der Israelitischen Religionsgesellschaft (Austrittsgemeinde) beigetreten. Vorher hatte Mayer laut seinen Zeitungsanzeigen regelmäßig am Schabbat gearbeitet – für die Neuorthodoxen vollkommen undenkbar. Möglich ist, dass sich Mitglieder der Religionsgesellschaft für das zunächst nicht in der Gemeinde verwurzelte, ältere Ehepaar eingesetzt hatten – es ist eine „Mitzwe“, eine gute Tat gemäß der Torah, einem Mitjuden Anschluss und Zugang zu jüdischer Bildung zu verschaffen.

Mayer und Johanna Borgenicht sind bei der Volkszählung im Mai 1939 in der Gartenstraße 11 wohnhaft – vermutlich hatten sie nach dem Novemberpogrom in eine kleinere, billigere Wohnung umziehen müssen. Dort im Haus lebten auch Chaja Greismann, der Kriegsinvalide Dr. Max Gumprich mit seiner Frau Else sowie Sigmund und Nanny Schönwalter.

Im Juli 1939 reichte Mayer Borgenicht ein „Gesuch um Erteilung der Erlaubnis zur Errichtung einer Auswandererberatungsstelle für jüdische Auswanderer“ beim Polizeipräsidium ein. Seine Absicht war, als Berater für Emigranten die notwendigen Formalitäten bei Polizeistellen und Landratsamt zu erledigen. Obwohl er dort nicht aktenkundig war, äußerte sich das Sozialamt der Stadt Karlsruhe auf Anfrage des Polizeipräsidiums negativ: Er gelte als „wenig zuverlässig“.49 Der Antrag überrascht, da es bereits seit 1937 eine gleich geartete „Amtlich anerkannte öffentliche gemeinnützige Auswanderer-Beratungsstelle“ in der Karlstraße 38 gab.

Am 26. März 1940 zogen Mayer Borgenicht und seine Frau aufgrund des „Gesetzes über die Mietverhältnisse der Juden“ aus ihrer Wohnung Gartenstraße 11 in das der Israelitischen Religionsgesellschaft gehörende Vorderhaus der Karl-Friedrich-Straße 16 um. Dort erhielten sie eine „1-Zi-Whg mit Küche, Kammer und Mansarde“ im Dachgeschoss, für 30 RM Miete, von Amts wegen „vorbehaltlich jederzeitigen Widerrufs“.50 Das Haus hatte jahrzehntelang Religionsschule und Kindergarten der orthodoxen Austrittsgemeinde beherbergt. Es gab dort nach wie vor einen Minjan, also ein regelmäßiges Gebetsquorum von mindestens 10 Männern. Rabbiner Dr. Michalski und Kantor Isaak Rabinowitz hatten ihre Wohnungen im Haus kurz zuvor verlassen und waren bereits im Ausland, auf der Flucht aus Nazideutschland. Die Brandruine der Synagoge im Hof hatte die Gemeinde selbst nach dem Pogrom vom 9./10. November 1938 zwangsweise abbrechen lassen müssen. Auf den freigewordenen Flächen breitete sich die eifrig für das braune Regime arbeitende Druckerei G. Braun aus.51 Mit im Vorderhaus Nr. 16 wohnten seit 1. März 1940 der verwitwete Berthold Diefenbronner (1877-1953) und seine Schwägerin Regina Ullmann (siehe Beitrag zu Regina Ullmann im Gedenkbuch).52 Zusammen mit Ehepaar Borgenicht wurden die beiden am 22. Oktober 1940 morgens in der Frühe abgeholt, zum Bahnhof befördert und in tagelanger Bahnfahrt nach dem südfranzösischen Gurs deportiert, wie über 900 Menschen aus Karlsruhe, etwa 6.500 aus ganz Baden und dem Saargebiet.

In Gurs angelangt, wurden Männer und Frauen getrennt. Das von französischem Militär, später der Gendarmerie bewachte Lager war in einzelne, durch Stacheldraht abgegrenzte Ilôts („Inselchen“) eingeteilt. Den Baracken ohne Fenster, nur mit Lüftungsklappen, fehlte jede vernünftige Einrichtung. Die mitgebrachten Sachen waren zum Teil vom Regen verdorben. Zu Essen gab es in den ersten Monaten nur dünne Suppen, es fehlte zunächst sogar an Ess- und Trinkgefäßen. Ebenso herrschte verheerender Mangel an Medikamenten und sauberer Wäsche. Schlammige Wege, Kälte und die völlig ungewisse Zukunft erschwerten das Leben zusätzlich. Zwischen November 1940 und Januar 1941 starben dort über 600 Menschen, viele davon an einer ruhrartigen Darmerkrankung.53

Mayer Borgenicht ist im früh einsetzenden, ersten Winter in Gurs am 13. Dezember gestorben. Seine Frau überstand zunächst die Strapazen, starb dann aber am 11. Oktober 1941 ebenfalls in Gurs. Beide sind auf dem dortigen Deportiertenfriedhof begraben.


Amalie und Wolf Tint
Amalie (Mally) war das erste – und letzlich auch einzige - Kind ihrer Eltern, am 20. Oktober 1901 in Mannheim geboren, benannt nach ihrer verstorbenen Großmutter mütterlicherseits.

Der Mannheimer Meldebogen vermerkt bei dem Kleinkind Amalie bald nach dem Tod ihrer Brüder Manfred und Nathan Jacob: „geimpft“. Vielleicht handelte es sich um den Dipththerie-Impfstoff, der damals verfügbar wurde. Das lässt auf die mögliche Ursache für den frühen Tod ihrer Brüder schließen.

Amalie ging in Mannheim zur Schule, machte eine Ausbildung zur Krankenschwester und kam um 1918/19 mit den Eltern nach Karlsruhe.

Im Adressbuch 1923/2454 findet sich Adolf Tint, Kaufmann, im Haus Kaiserallee 75, im 3. Stock bei Ehepaar Borgenicht. Wolf, wie er sich selbst schrieb,55 hatte sich am 22. März 1923 in Karlsruhe angemeldet. Amalie und der am 18. Februar 1899 in Czempin, Bezirk Posen geborene, zuvor im westfälischen Beckum tätige Religionslehrer haben am 19. Juni 1923 in Karlsruhe geheiratet. Der Bräutigam war ein Sohn von Isaac Tint und Sara, geborene Brummer. Entsprechend seinem Vornamen Wolf dürfte sein ritueller Name Se'ev gewesen sein. Trauzeugen waren Amalies Onkel Jakob Levy und der 31-jährige Josef Brummer aus Hockenheim, ebenfalls ein naher Verwandter. Wolf Tint half – offenbar mangels Stellenangeboten in seinem erlernten Beruf – im Handelsgeschäft des Schwiegervaters mit.

Am 2. April 1924 kam Wolfs und Amalies Sohn Herbert in Karlsruhe zur Welt.56
Etwa 1925 verließ Familie Tint Karlsruhe, da der Vater eine befristete Stelle in Kassel gefunden hatte, um bald darauf sein Amt als Lehrer und Kantor – also Vorbeter – an der Synagogengemeinde und Jüdischen Schule in Ahlen in Westfalen anzutreten (dazu Hans Gummersbach: Der Weg nach Auschwitz begann auch in Ahlen. Vergessene Spuren der Jüdischen Gemeinde einer Stadt in Westfalen. Essen 2013).

Familie Tint lebte ab 1926 in Ahlen. Ab Oktober 1939 war Wolf, nach kurzer Zwischenstation in Hamm, schließlich in Dortmund als Lehrer angestellt. Die Zahl seiner Schüler/-innen ging durch die Auswanderung immer weiter zurück. Lehrer Tint unterrichtete unter anderem Englisch und stand der liberal-zionistischen Richtung nahe. Der spätere Schauspieler und Regisseur Imo Moszkowicz (1925-2011) war einer seiner Schüler.

In Dortmund wohnte auch Amalies Onkel, Mayers Bruder Hermann Borgenicht, „Juwelier und Goldschmied“.57 Seine Frau Johanna, geborene Eis, war geboren am 3. Juli 1882 in Bingen am Rhein. Auch bei der Volkszählung im Mai 1939 wohnten die beiden in Dortmund. Ob sie mit der Karlsruher Familie Eis, der Sängerin Elsa und ihrem 1870 in Bingen geborenen Vater Josef zusammenhängt, war nicht eindeutig zu klären. Möglicherweise war Johanna Josefs Schwester. Es dürfte auch kein Zufall sein, dass die Karlsruher Familie Eis nur einige Hausnummern von Ehepaar Henrich und Jakob Levy entfernt ebenfalls in der Akademiestraße wohnte.

Spätestens 1941 war an Auswanderung kaum noch zu denken; Juden ab dem Alter von 6 Jahren mussten den gelben Fleck sichtbar an der Kleidung tragen und zumeist Zwangsarbeit leisten. Amalie und Wolf Tint wurden am 27. Januar 1942 – ebenso wie Hermann und Johanna Borgenicht – in klirrender Kälte in etwa viertägiger Fahrt von Dortmund nach Riga in Lettland deportiert. Amalie und Wolf sind im KZ Stutthof bei Danzig/Gdansk umgekommen; ihr Mann am 1. Oktober 1944, Amalie am 14. Januar 1945. (In Ahlen/Westf. Liegen Stolpersteine für die beiden).

Herbert Tint, Sohn von Wolf und Amalie, konnte im Frühjahr 1939 in einer Schülergruppe aus einem Jüdischen Heim in Frankfurt per Kindertransport nach England emigrieren, wo die etwa 21 Jungen durch das Engagement von James und Dorothy de Rothschild ein neues Zuhause auf Waddesdon Manor in Buckinghamshire fanden. Herbert wurde 1940 als Deutscher interniert, trat aber bald darauf in die Royal Navy ein. Herbert Tint Ph.D. war Senior Lecturer an der London School of Economics und starb 2005. Seine Nachkommen, Ur- und Ururenkel des Karlsruher Ehepaars Borgenicht-Levy, leben heute in England.

(Christoph Kalisch, Juli 2016)


Anmerkungen:
[1] http://mbc.malopolska.pl/dlibra/docmetadata?id=66915&from=publication
[2] Stadtarchiv Mannheim, Melderegister, Familienbogen Borgenicht.
[3] Stadtarchiv Mannheim, Heiratsregister 1390/1900, Beilagennummer 1511.
[4] Ermittelt aus Friedhofsdokumentation G. Hüttenmeister mit Unterstützung von Herrn Wilfried Schweikart, Essingen.
[5] Heiratsregister in der Altregistratur der Verbandsgemeinde Offenbach an der Queich.
[6[Der zweite Vorname „Hermine“, den Herbert Tint im Gedenkblatt nennt, ist im Standesregister nicht genannt.
[7] https://www2.landesarchiv-bw.de/ofs21/olf/druckansicht.php?id_titlaufn=3768518&bestand=&syssuche=borgenicht&logik=or
[8] https://www2.landesarchiv-bw.de/ofs21/olf/druckansicht.php?id_titlaufn=3768526&bestand=&syssuche=borgenicht&logik=or
[9] „Karlsruher Tagblatt“ vom 24. August 1914, vgl. http://digital.blb-karlsruhe.de/blbz/periodical/zoom/1820943?query=borgenicht&zoom=5&lat=2949.21473&lon=2316.20467&layers=BT
[10] Das heißt wegen des jeweiligen Redaktionsschlusses in den Adressbuchausgaben 1920 bis 1939.
[11] Handelsregistereintrag in „Karlsruher Tagblatt“ 2.2.1919: http://digital.blb-karlsruhe.de/blbz/periodical/zoom/2520445?query=borgenicht&zoom=5&lat=3142.81178&lon=2456.70518&layers=BT
[12] http://digital.blb-karlsruhe.de/blbz/periodical/zoom/2024196?query=Pakuv&zoom=4&lat=4831.37759&lon=2842.0647&layers=BT
[13] Im Adressbuch 1920 (Stand Herbst 1919) ist Pakuv das erste Mal in Kaiserstr. 14a parterre erwähnt.
[14] http://digital.blb-karlsruhe.de/blbz/periodical/zoom/2024922?query=Pakuv&zoom=4&lat=209.35284&lon=1949.60401&layers=BT
[15] http://digital.blb-karlsruhe.de/blbz/periodical/zoom/2025215?query=Pakuv&zoom=4&lat=598.54353&lon=3324.19485&layers=B
[16] http://digital.blb-karlsruhe.de/blbz/periodical/zoom/2025279?query=Pakuv&zoom=4&lat=264.9745&lon=3324&layers=BT
[17] http://digital.blb-karlsruhe.de/blbz/periodical/zoom/2025345?query=Pakuv&zoom=4&lat=2321.965&lon=2750.73504&layers=BT
[18] http://digital.blb-karlsruhe.de/blbz/periodical/zoom/2027058?query=Pakuv&zoom=5&lat=1412.58657&lon=2364.765&layers=BT
[19] http://digital.blb-karlsruhe.de/blbz/periodical/zoom/2027594?query=Pakuv&zoom=4&lat=5642.85024&lon=4084.58524&layers=BT
[20] http://digital.blb-karlsruhe.de/blbz/periodical/zoom/2028460?query=Pakuv&zoom=4&lat=2437.45501&lon=2715.70935&layers=BT
[21] http://digital.blb-karlsruhe.de/blbz/periodical/zoom/2029207?query=Pakuv&zoom=1&lat=262.31188&lon=1034.77528&layers=BT
[22] http://digital.blb-karlsruhe.de/blbz/periodical/zoom/2029224?query=Pakuv&zoom=4&lat=1227.46397&lon=2788.13021&layers=BT
[23] http://digital.blb-karlsruhe.de/blbz/periodical/zoom/2029511?query=Pakuv&zoom=3&lat=786.11502&lon=2563.87675&layers=BT
[24] http://digital.blb-karlsruhe.de/blbz/periodical/zoom/2031744?query=Pakuv&zoom=4&lat=1010.6972&lon=1470.57806&layers=BT
[25] http://digital.blb-karlsruhe.de/blbz/periodical/zoom/2031878?query=Pakuv&zoom=4&lat=407.23849&lon=2112.97997&layers=BT
[26] http://digital.blb-karlsruhe.de/blbz/periodical/zoom/2032525?query=Pakuv&zoom=3&lat=1366.90432&lon=1583.33945&layers=BT
[27] http://digital.blb-karlsruhe.de/blbz/periodical/zoom/2035761?query=Pakuv&zoom=4&lat=3802.67648&lon=1684.48762&layers=BT
[28] http://digital.blb-karlsruhe.de/blbz/periodical/zoom/2036097?query=Pakuv&zoom=3&lat=1958&lon=2715&layers=BT
[29] http://digital.blb-karlsruhe.de/blbz/periodical/zoom/2037297?query=Pakuv&zoom=3&lat=2738.72763&lon=1270.51174&layers=BT
[30] http://digital.blb-karlsruhe.de/blbz/periodical/zoom/2532792?query=Pakuv&zoom=3&lat=3864.48388&lon=1534.64359&layers=BT
[31] Adressbuch Karlsruhe Nachtrag 1923/24.
[32] Adressbuch Karlsruhe 1925.
[33] http://digital.blb-karlsruhe.de/blbz/periodical/zoom/2050415?query=borgenicht%201925&zoom=4&lat=4652.27283&lon=1562.29775&layers=BT
[34] http://digital.blb-karlsruhe .de/blbz/periodical/zoom/2060147?query=borgenicht&zoom=5&lat=4590.06235&lon=1130.01621&layers=BT
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[37] http://digital.blb-karlsruhe.de/blbz/periodical/zoom/2060403?query=borgenicht&zoom=5&lat=2166.55116&lon=3547.96277&layers=BT
[38] http://digital.blb-karlsruhe.de/blbz/periodical/zoom/2062430?query=borgenicht&zoom=5&lat=2166&lon=3547&layers=BT
[39] http://digital.blb-karlsruhe.de/blbz/periodical/zoom/2070486?query=borgenicht&zoom=5&lat=3490.09615&lon=1917.11147&layers=BT
[40] http://digital.blb-karlsruhe.de/blbz/periodical/zoom/2080632?query=borgenicht&zoom=5&lat=4633&lon=2390&layers=BT
[41] http://digital.blb-karlsruhe.de/blbz/periodical/zoom/2087988?query=borgenicht&zoom=5&lat=2275.68083&lon=2913.29514&layers=BT
[42] http://digital.blb-karlsruhe.de/blbz/periodical/zoom/2088194?query=borgenicht&zoom=5&lat=963.91244&lon=1738.6396&layers=BT
[43] http://digital.enicht&zoom=5&lat=1155.894&lon=2320.7655&layers=BT
[44] http://digital.blb-karlsruhe.de/blbz/periodical/zoom/2099123?query=borgenicht&zoom=3&lat=4524.42066&lon=2988.91188&layers=BT
[45] http://digital.blb karlsruhe.de/blbz/periodical/zoom/2102253?query=borgenicht&zoom=5&lat=2767.07089&lon=1972.46427&layers=BT
[46] http://digital.blb-karlsruhe.de/blbz/periodical/zoom/2122515?query=borgenicht&zoom=2&lat=750.42698&lon=1445.1853&layers=BT
[47] http://digital.blb-karlsruhe.de/blbz/periodical/zoom/2620776?query=borgenicht&zoom=4&lat=2547.64983&lon=903.14656&layers=BT
[48] Vereinsmitgliedschaft: StadtAK 1/AEST/36.
[49] StadtAK 1/H-Reg. 7685.
[50] StadtAK 1/H-Reg. 1489.
[51] Vgl. StadtAK Bauakte zu Karl-Friedrich-Straße 14: 1/BOA
[52] http://www.stolpersteine-wuerzburg.de/wer_opfer_lang.php?quelle=wer_opfer.php&opferid=629&filter=U
[53] Bericht von Dr. Eugen Neter (Mannheim), in Paul Sauer: Die Schicksale der jüdischen Bürger Baden-Württembergs während der nationalsozialistischen Verfolgungszeit 1933 - 1945, Stuttgart 1969, S. 275.
[54] Adressbuch Karlsruhe, Nachtragsband 1923/24 (Stand Januar/Februar 1924).
[55] Der Bräutigam unterschreibt die Beilage zur Heiratsurkunde mit „Wolf Tint“.
[56] Hans Gummersbach: Der Weg nach Auschwitz begann auch in Ahlen. Vergessene Spuren der Jüdischen Gemeinde einer Stadt in Westfalen, Essen 2013, S. 77f.
[57] Adressbuch Dortmund 1938.