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Adele Spitzer, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Adele Spitzer

Nachname: Spitzer
geborene: Altmann
Vorname: Adele
Geburtsdatum: 27. November 1876
Geburtsort: Budapest (Österreich-Ungarn, heute Ungarn)
Familienstand: verheiratet
Eltern: Moritz und Lina, geb. Fischl, A.
Verwandtschaftsverhältnis: Ehefrau von Emanuel S.;

Mutter von Else, Emmerich, Josephine und Margarete
Adresse: Adlerstr. 17
Kaiserstr. 69
Kronenstr. 12
Kronenstr. 62
Schule/Ausbildung: Volksschule in Heidelberg
Beruf: Hebamme
Sterbedatum: 1. Oktober 1940
Sterbeort: Karlsruhe (Deutschland)
Suizid

Biographie

Emanuel und Adele Spitzer

Familie Spitzer - eine jüdische Familie im 20. Jahrhundert

Emanuel Spitzer, der Familienvater, wurde am 18. April 1867 in Zombor, damals noch Österreich-Ungarn geboren. Er verweilte dort bis zum 16. Lebensjahr und ging im Jahr 1893 mit dem Vater nach Budapest. Er hatte eine kaufmännische Ausbildung absolviert und von 1888 an den dreijährigen Militärdienst geleistet.
Am 27. November 1894 ehelichte er die gebürtige Budapesterin Adele Altmann. Bereits knapp ein Jahr nach der Hochzeit, am 16. September 1986, wurde das erste Kind geboren, ein Sohn namens Emmerich, in der Familie immer Imre genannt. Die Familie war vermutlich in Budapest wohnhaft, die Tochter Josephine, auch Jòzsa genannt, wurde dort am 9. Januar 1897 geboren. Die Familie fühlte sich in dem österreichischen Vielvölkerstaat der deutschen Kultur verbunden, die Kinder wurden deutsch erzogen.
Die inzwischen vierköpfige Familie ging nach Deutschland, zunächst nach Heidelberg, wo die Familie von August bis Dezember 1899 wohnte. Dort kam auch die Tochter Elsa am 28. Oktober 1899 zur Welt.
Ab Mai 1900 war die Familie in Karlsruhe gemeldet. Sie bezogen eine Wohnung in der Adlerstraße 17. Am 27. August 1905 wurde hier als viertes Kind Margarete geboren, Grete genannt. Seit der Ankunft in Karlsruhe war Vater Emanuel bei der Firma Ittmann, einem Möbelhaus in der Herrenstraße, als Assistent beschäftigt. Er blieb dort auch, als 1914 der Kaufmann Friedrichs das Geschäft übernahm, mittlerweile als Expedient.
Von 1916 bis 1918 musste Emanuel Spitzer seinen Militärdienst für Österreich-Ungarn leisten. Er war jetzt schon 50 Jahre alt.
Seine Ehefrau, Adele Spitzer (geboren am 27. November 1876), war vorerst mit der Kinderversorgung beschäftigt. Ab 1904, ihr ältester Sohn war erst 9 Jahre alt, ließ sie sich in der Frauenklinik in Heidelberg zur Hebamme ausbilden. Mit dieser Ausbildung trug sie anschließend als Berufstätige zum Unterhalt der Familie bei. Sie war die einzige jüdische Hebamme in Karlsruhe und genoss hohes Ansehen. Wie es jüdischer Brauch ist, wurde sie jedes Jahr zu den Geburtstagsfesten der Kinder eingeladen, bei deren Geburt sie geholfen hatte.
Im Januar 1922 verlor Emanuel Spitzer offiziell die ungarische Staatsbürgerschaft, da sein Geburtsort Zombor in den Friedensverträgen von 1919 dem Königreich Jugoslawien zugeschlagen worden war.
Er stellte nun den Antrag auf die deutsche Staatsbürgerschaft für sich und die ganze Familie. In dem von den Behörden daraufhin eingeleiteten üblichen Verfahren äußerte Emanuel Spitzers Arbeitgeber: „Er will stets das Rechte und ist ein sparsamer Mensch“ Der Leumund der Familie wurde als tadellos anerkannt. Allgemein war die Zuerkennung der deutschen Staatsbürgerschaft keine leichte Angelegenheit für Juden osteuropäischer Herkunft. Doch am 2. Juni 1922 erhielt die Familie glücklich die deutsche Staatsbürgerschaftsurkunde. Gerade die nachgewiesene Verhaftung im deutschen Kulturkreis, die starke Assimilierung der Familie, aber auch der durch den Bericht des Arbeitgebers quittierte Fleiß Emanuels bei der Arbeit, waren wohl ausschlaggebend für den positiven Entscheid des Einbürgerungsverfahrens.

Sohn Imre, besuchte in Karlsruhe die (Kant-)Realschule und später das (Humboldt-)Realgymnasium, das er 1910, mit 15 Jahren, nach der Untertertia (8. Klasse) verließ. Danach absolvierte er ab dem 1. August 1910 eine dreijährige kaufmännische Lehre, bei der Firma Ettlinger & Wormser. Wegen eines Beinleidens (er war als Kind an Kinderlähmung erkrankt) war er militäruntauglich und so konnte er auch während des Ersten Weltkriegs, anders als sein Vater, keinen Kriegsdienst für Österreich-Ungarn leisten. Nach der Ausbildung arbeitete Imre als Angestellter im Kaufhaus der Geschwister Knopf, ab 1. August 1917 dann beim Warenhaus Tietz. Imre wird im Nachhinein von seiner Nichte als ein sehr schöner Mann beschrieben. Er spielte Klavier und soll ein ausgezeichneter Gesellschafter, „ein Mann von Welt“, gewesen sein.
Er verließ Karlsruhe 1932 - ob aus Gründen der Karriere oder weil die Wirtschaftskrise seine Mobilität erzwang - ist nicht zu trennen, um ab Juli 1932 in Nürnberg im Kaufhaus zu arbeiten. Noch nach 1933 brachte er es dort zum Abteilungsleiter.
In den folgenden Jahren ging er nach Berlin, wo er seine spätere Frau Lina, ebenfalls Jüdin, kennen lernte.

Seine Schwester Jòzsa hatte indessen bereits mit 14 Jahren den gegenüber wohnenden Otto Tensi kennen gelernt. Da war dieser 17 und eine Freund von Imre. Schon früh verliebten sich Jòzsa und Otto ineinander. Otto war bei der Familie Spitzer herzlich willkommen.
Dass er kein Jude war, war für die Familie kein Problem, aber dass er nun ausgerechnet Katholik war, davon hielt Jòzsa nicht viel. Jòzsa zuliebe konvertierte Otto und wurde Protestant, die beiden heirateten am 30. August 1919 in der evangelischen Stadtkirche.
Durch die Hochzeit wurde Jòzsa automatisch deutsche Staatsbürgerin. Nun blieb sie Hausfrau und half Otto, der eine Weinstube in seinem Elternhaus in der Adlerstraße 16 führte.
Am 2. April 1922 wurde die Tochter Irene geboren, und Imre ging aus dem Krankenhaus zu Ottos Haus, klingelte und rief: „Otto, ich bin gerade Onkel geworden.“
Jetzt aber sollte Otto Tensi wieder in seinem eigentlichen Beruf als Buchbindermeister arbeiten, weil Jòzsa die Weinstube und das Kind für unvereinbar hielt. Deshalb richtete Otto eine Werkstatt ein und Jòzsa half fortan mit. Sie war sehr fromm und besuchte fleißig den Gottesdienst. Sie ging nicht nur am Sabbat in die Synagoge, sondern am Sonntag auch in die evangelische Kirche.
Die Tochter Elsa besuchte ab 1906 ein Jahr die gewöhnliche Volksschule, danach wechselte sie zur Töchterschule. Ab 1914 absolvierte sie eine Ausbildung im Geschäft der Geschwister Guttmann zur Modistin. Sie entwarf eigene Modestücke und stattete die Kunden vollständig, also auch mit Accessoires aus. Nachdem sie 1917 ihre Ausbildung beendet hatte, arbeitete sie ab 1. Oktober des Jahres in der Putz-Abteilung – der Modeabteilung für Damen - des Warenhauses Tietz. Sie selbst war eine sehr modebewusste Frau, später lief sie manchmal mit schwarzem Kostüm und roter Baskenmütze durch Karlsruhe, ein - für diese Zeit- sehr gewagtes „Outfit“.
1923 gab sie ihre Berufstätigkeit wegen ihrem späteren Ehemann auf. 1924 wurde noch in Karlsruhe das Aufgebot bestellt, sie heiratete einen französischen Juden namens Zenau Chaim Lewkowizc. Das junge Ehepaar lebte dann in Frankreich in Metz. Am 24. Januar 1926 wurde Anette geboren, am 21. Juli 1928 die zweite Tochter Ruth. Beide besuchten später das Gymnasium.

Nach der Machtergreifung der Nazis wurden alle während der „Systemzeit“, so die abschätzige NS-Bezeichnung für die Weimarer Republik, erfolgten Einbürgerungen systematisch wieder aufgehoben. Wegen seiner Militärzeit im Ersten Weltkrieg wurde Emanuel Spitzer jedoch nicht ausgebürgert. Dies traf aber den 38-jährigen Emmerich, der im Ersten Weltkrieg keinen Kriegsdienst für Deutschland öder Österreich geleistet hatte.
Adele und Emanuel Spitzer sowie die mittlerweile erwachsenen Kinder Imre und Grete, die noch unverheiratet zuhause wohnten, mussten 1939 in ein Judenhaus ziehen, in das frühere jüdische Spital und Altenheim – Kronenstraße 62 (Das Haus stand bis zum Durchbruch der Fritz-Erler-Straße 1967). Seit 1933 war Emanuel Rentner.
Die Befürchtungen um die Sicherheit und Existenz, die ständige Verfemung und die daraus resultierende Perspektivlosigkeit drängten auf eine Lösung für die noch zuhause wohnende jüngste Tochter Margarete (immer Grete genannt). So machte Mutter Adele für Grete ein Arrangement mit ihrem Cousin Fischel, der sein Antiquitätengeschäft hatte aufgeben müssen und nach England emigriert war. Um emigrieren zu können, brauchte man Geld und jemanden, der im Ausland für einen bürgte. In Fischel fand Grete ihre Rettung. Er erklärte sich bereit, für sie zu bürgen. Jetzt galt es, Grete einen möglichst guten Start im fremden Land zu ermöglichen. Alle Familienangehörigen halfen zusammen, um das Umzugsgut in einen Container zu packen. Schwager Otto Tensi brachte sie zum Zug.
In Aachen, kurz vor der Grenze dann der Schock, wie sie später erzählte. Die Gestapo holte Grete aus dem Zug, und ließ ihre Habseligkeiten ohne sie über die Grenze fahren. Grete selber sollte am Bahnhof sitzen bleiben. Sie wusste nicht, was mit ihr geschehen sollte. Sie saß auf einer Bank im Aachener Bahnhof und weinte. Als ein Eisenbahner sie fragte, was mit ihr sei, erklärte ihm Grete die Situation und der Mann schlug Grete vor, sie in einem Waggon über die Grenze zu bringen. So hatte Grete Glück und schaffte es, rechtzeitig aus Deutschland zu fliehen.
Nach der Ankunft in England ging sie nach Leeds, wo Fischel ihr eine Stelle als Haushälterin besorgte.

Adele Spitzer befand sich in einem schlechten gesundheitlichen Zustand. Sie litt an Diabetes mellitus – der Zuckerkrankheit. Aufgrund des Krieges und der Tatsache, dass sie Jüdin war, wurde ihr die notwendige Menge Insulin, das damals noch nicht synthetisch hergestellt werden konnte, verwehrt. Angesichts dieser für sie aussichtslosen Situation vergiftete sie sich am 1. Oktober 1940 in ihrer Wohnung in der Kronenstraße mit Schlaftabletten. Sie wurde noch in das Städtische Krankenhaus gebracht. Ein der Familie nahe stehender Pfleger informierte ihren Schwiegersohn Otto Tensi, den Mann ihrer Tochter Jòzsa. Er eilte sofort in das Krankenhaus und blieb am Bett seiner Schwiegermutter. Adele Spitzer starb kurz vor 3 Uhr noch in der gleichen Nacht im Alter von 63 Jahren. Die Lebensumstände schienen für sie nicht mehr ertragbar gewesen zu sein.
Kurz darauf wurden alle badischen und saar-pfälzischen Juden am 22. Oktober 1940 nach Gurs/Südfrankreich deportiert. Darunter befand sich Emmanuel Spitzer. Die Deportation kam unerwartet für die betroffenen Menschen.. Die Juden wurden von der Gestapo in aller Frühe in ihren Wohnungen aufgefordert, innerhalb einer Stunde ihre Sachen zu packen( 50 kg Gepäck waren für Erwachsene erlaubt) und den Rest ihrer Essensmarken zur Verpflegung während der „Evakuierung“ – wie es im NS-Jargon beschönigend hieß - einzulösen. Lediglich 100 RM sollten sie bei sich führen. Dann mussten sie zum ehemaligen Fürstenbahnhofseingang, dem heutigen Ostausgang des Bahnhofs.
Auf dem Bahnhof gab es nach Augenzeugenberichten keine Tumulte. Emanuel Spitzer überlebte zunächst die katastrophalen Zustände, Schlafen auf dem Barackenfußboden in den ersten Tagen, fehlende Verpflegung, Hunger und Kälte. Am 8. Oktober 1942 wurde er in das Lager Nexon, einem der anderen Internierungslager in Südfrankreich verlegt. Dort starb er am 7. Februar 1943 im Alter von 76 Jahren, erschöpft und ausgezehrt nach einer langen Leidenszeit

Das Schicksal der übrig gebliebenen Familienmitglieder
Tochter Elsa und ihre Familie in Frankreich wurden ebenfalls Opfer der Verfolgung. Im August 1942 wurden sie aus ihrer Wohnung zum Sammellager nach Drancy gebracht. Am 18. September werden die 43-jährige Elsa, ihr Mann Chaim, die 16-jährige Anette und die 14-jährige Ruth nach Auschwitz gebracht. Seitdem fehlt jede Spur von ihnen. Sie sind vermutlich alle vier in Auschwitz vergast worden.

Als 1939 Juden nahezu keine Emigrations- und Fluchtmöglichkeiten hatten, entschied sich Imre Spitzer die letzte Fluchttür, nach China, wahrzunehmen. Wahrscheinlich noch unmittelbar vor Kriegsbeginn kam er in Schanghai an. Er war schon 43 Jahre alt und trotzdem gelang es ihm, chinesisch zu lernen, sodass er als Buchhalter Arbeit bei einem Chinesen erhielt. Unter der japanischen Besatzung wurde in Schanghai ein Ghetto für Juden eingerichtet, zur systematischen Ermordung wie in Deutschland kam es aber nicht. Zahlreiche Juden gingen dann 1945 von da aus in die USA. Dies gelang Imre bereits 1944, was an ein Wunder grenzt. Er lebte in Long Beach/Los Angeles.
Nach dem Krieg kam Imre oft nach Deutschland, um seine Schwester Jòzsa und deren Mann Otto, mit dem er schon seit Jugendtagen befreundet war, und seine Nichte Irene zu besuchen. Immer wenn er in Karlsruhe verweilte, wohnte er im „Hotel am Markt“, das seinerseits eine zeitlang von Siegfried Lehrer geführt wurde, der selbst als Karlsruher Jude verfolgt, nach dem Krieg in seine Geburtsstadt zurückgekehrt war. Bei einem seiner Besuche starb Imre Spitzer am 24. August 1962 in diesem Hotel. Er ist in Karlsruhe auf dem jüdischen Friedhof begraben.

In England lebte Grete mit einem Mann zusammen, wurde aber nicht glücklich. Deshalb ging sie nach London, wo sie den ehemaligen Luftwaffenoffizier und gebürtigen Mannheimer Frank Collins kennenlernte, ebenfalls ein Jude. Er war Geschäftsführer in einem Feinkostgeschäft. Zwar heirateten die beiden nie und hatten auch keine Kinder, jedoch wurde es für Grete eine glückliche Phase in ihrem Leben. Bis zu ihrem Tod blieben sie in England, hielten aber zu den Verwandten in Deutschland engen Kontakt.

Jòzsa Tensi war 1940 zunächst von der Deportation verschont worden, weil sie in „privilegierter Mischehe“ lebte. Aber die Verfolgungen und Diskriminierungen erlebte sie täglich: Sie durfte weder in den Stadtgarten, noch das Grab ihrer Mutter besuchen, noch eine Haushälterin beschäftigen. Haustiere waren ihr verboten. Vom kulturellen Leben war sie insofern ausgeschlossen, als sie noch nicht einmal das Kino oder das Theater besuchen durfte.
Was die Familie außerdem sehr mitnahm, war die Ausgangssperre.
Jòzsa muss abends um 20 Uhr im Haus sein. Und seit dem 1. September 1941 war sie gezwungen, den Judenstern zu tragen.
Der Familie Tensi wohnte in der Adlerstraße auch noch ein SA-Mann gegenüber. Als die Familie an einem Wochenende etwas zu spät vom Wandern im Albtal heimkehrte, stand er am Fenster und drohte mit dem Finger. Es war wohl auch vorgekommen, dass Nachbarn, mit denen die Familie zuvor unauffällig lebte, verächtlich vor Jòzsa ausspuckten.
Da Buchbindermeister Tensi auch Akten von Behörden band, wurde er dazu aufgefordert, seine Frau nicht mehr weiter zu beschäftigen. Manch ein Auftrag war ihm entzogen worden.
Er beschaffte schließlich ein neues Arbeitspult für Jòzsa, damit diese heimlich zu Hause in der Wohnung weiterarbeiten konnte. Später bekam Otto allerdings gar keine Aufträge mehr, so dass die Familie bald Probleme hatte, den nötigen Unterhalt aufzubringen.
1944 war die silberne Hochzeit von Jòzsa und Otto. Die Tochter Irene S. erzählte, dass die Familie vor dem Fest ihre Sachen gepackt hatte, weil sie eine Deportation fürchtete. So war die Angst vor der Macht der Nazis allgegenwärtig, bei jedem Familienfest immer im Hintergrund mit dabei. Wenn plötzlich das Telefon klingelte, erschraken sie alle, und dann waren es doch Verwandte. Alle waren erleichtert. Noch im selben Jahr musste Irene zum Fabrikeinsatz für den Krieg nach Möckmühl.
Anfang Februar 1945 als die Kriegsniederlage für Deutschland längst absehbar war, kam die Anordnung, die letzten verbliebenen Juden, also auch die in „Mischehe“ lebenden, nach Theresienstadt zu deportieren. So erhielt Jòzsa am 6. Februar eine Ladung der Gestapo, sie solle am 9. Februar in der Staatspolizeileitstelle in der Ritterstraße erscheinen. Dort wurde ihr mitgeteilt, dass sie am 14. Februar zum Hauptbahnhof kommen solle, um zum Arbeitseinsatz gebracht zu werden, wie es hieß. Otto Tensi, der seine Frau begleitete, erhielt auf die Fragen nach dem Ziel der Deportation keine Angaben, sondern wurde des Raumes verwiesen. Der Abtransport erfolgt am 14. Februar um 21 Uhr, am 16. Februar kam der Zug mit insgesamt 30 badischen Juden in Theresienstadt an. Jòzsa führte im KZ Theresienstadt ab April Tagebuch. Sie beschrieb, dass sie nach der Ankunft, als sich die Tore hinter ihr schlossen, nicht mehr glaubte, dort jemals lebend wieder herauszukommen.
Am 5. Mai 1945 wurde Theresienstadt befreit. Doch weil es keine Mittel für den Abtransport gab, dauerte es noch einen Monat, bis die Karlsruher Juden die Heimreise antreten konnten. Eine beschwerliche Reise stand ihnen bevor. Sie fuhren im Güterzug und mit dem Omnibus, den letzten Teil der Strecke schließlich mit einem Lkw mit Holzvergaser über die Autobahn. Am 16. Juni 1945 kam Jòzsa nach Karlsruhe zurück. Als der Lastwagen mit Jòzsa in der Adlerstraße vorfuhr, konnten Otto und Irene Tensi den Wohnungsschlüssel vor lauter Aufregung nicht finden. Es dauerte eine Weile, bis sie endlich wieder ihre Ehefrau und Mutter in die Arme schließen konnten. Beide hatten kaum noch glauben können, dass Jòzsa zurückkehren würde. Die Mutter und Ehefrau wurde nach der Ankunft in die Wohnung geleitet, legte sich auf ihr eigenes Bett und fing zu erzählen an. Sie erzählte die ganze Nacht lang.
Doch später redete Jòzsa kaum noch über ihre Erlebnisse im KZ. Mit dem Ende des Nationalsozialismus nahm sie ihre neu gewonnenen Freiheiten bewusst wahr. Ihr Leben änderte sich sehr. Sie musste sich nicht mehr für ihre Herkunft schämen und wurde nicht mehr verachtet. Endlich konnte sie in Frieden leben, auch wenn die Ereignisse der vergangenen Jahre schwer zu verkraften blieben. Der Tod der Eltern und der Familie ihrer Schwester blieb eine offene Wunde.
Die Tochter Irene heiratete und bekam selbst zwei Kinder. Die Familie blieb immer sehr eng miteinander verbunden. Jòzsa bleibt als „feine, liebe Frau“ in Erinnerung. So soll sie jedes Mal, wenn die Tochter, die Enkelinnen oder der Schwiegersohn kamen, gefragt haben, noch während sie einen zur Begrüßung umarmte: „Was kann ich für dich tun?“ Und Jòzsa hielt Irene dazu an, jeden Tag eine gute Tat zu vollbringen. Jòzsa Tensi starb am 24. Dezember 1974 in Karlsruhe.

Die Tochter von Jòzsa, Irene S., nahm sich die Zeit, um ausführlich über die Familie und ihr Schicksal zu erzählen. Ohne sie hätte aus den von einem Menschenleben in bürokratischen Akten festgehaltenen Überbleibseln nicht so ausführlich das Leben von Emanuel und Adele Spitzer, mit ihren Kindern Imre, Jòzsa, Elsa und Grete beschrieben werden können. Dafür danke ich ihr.

(Sophie Frenzel, Bismarck-Gymnasium 13. Klasse, Mai 2006)